Part 23
Bevor das alles auch nur halbwegs ins Gleis kam, waren viele Monate vergangen. Welche Unsumme von Plage und Mühsal und Sorge für Hellwig damit verknüpft gewesen, wußte außer Eva vielleicht niemand so recht. Anfangs kannte er freilich weder Müdigkeit noch Abspannung, war ihm die Arbeit nur wie ein Fest. Aber Monat um Monat verrann, und die Schwierigkeiten wollten nicht aufhören. Immer wieder fand sich etwas, das geordnet, unschädlich gemacht, ausgetilgt werden mußte. Bald waren es geheime Machenschaften, bald offene Widersetzlichkeit, Zwist und Streit. Kaum ein Tag verging, an dem Hellwig nicht einen Schiedsspruch zu fällen, als Friedensstifter zu walten hatte. Sooft er dachte, jetzt und jetzt werde er Eva holen können, immer kam etwas verquer. Anfangs waren es die Zustände im jungen Unternehmen selbst, die seine Wachsamkeit forderten. Dann aber setzten die Feindseligkeiten der Gegner ein. Der Verlust von nahezu tausend Genossen traf die Partei hart. Und daß es gerade Fritz Hellwig war, der ihnen diesen Verlust zugefügt, war nur ein Grund mehr zur erbittertsten Fehde. Da wurde geschürt, gehetzt, auf jede Weise versucht, die Leute unzufrieden zu machen und aufzureizen. Ohne Erfolg. Wer sich nicht fügen wollte, konnte anderswo sein Brot suchen. Eisern hielt Fritz die Ordnung aufrecht. So gütig und umgänglich er sonst war: wenn eine Satzung übertreten wurde, kannte er keine Nachsicht. Das hatten sie bald heraus und liebten auch diese Strenge. Er gab ihnen viel und hätte auch viel fordern können. Um so begreiflicher fanden sie es, daß er das wenige, das er wirklich forderte, auch durchsetzte.
Da traten die Gegner aus ihrer Zurückhaltung, riefen offen zum Kampf gegen den Augenauswischer, den Volksbetrüger, Verräter und Zwietrachtsäer, der sich in Menschlichkeit wie ein Frosch blähe und lediglich den eigenen Bauch mit dem blutigen Schweiß der Armen fülle. So stand es in ihren Zeitungen, und das waren noch die besten Vergleiche. Ein besonders Eifriger aber behauptete, daß Hellwig wie eine Trichine im gesunden Fleisch der Partei sitze und es infiziere, während er sich fett mäste. Leibinger leitete den Feldzug. In ihm war die erlittene Kränkung noch lebendig und heiß wie am ersten Tag, und sein Ehrgeiz knüpfte an einen Sieg über den mächtigen Feind die schönsten Erwartungen. Unter Hochdruck arbeitete er. In allen Zeitungen, in ungezählten Versammlungen predigte er den Kampf gegen den einstigen Genossen und seinen Anhang. Renegaten und Schufte ohne jeden Gemeinsinn wurden sie genannt, niedrige Bedientenseelen, die vor dem Geldsack auf dem Bauch lägen und sich an Bettelsuppen gütlich täten, armselige Heloten, die jedes Gefühl für Freiheit und Manneswürde verloren hätten.
Und die Arbeiter der benachbarten Betriebe, scheelsüchtig gemacht, neideten Reinholts Leuten das bessere Los. Sie spuckten aus, wenn sie einen trafen und riefen ihm wohl auch „Kommuner Hellwigianer!“ zu, was ein Witz sein sollte und eine verächtliche Anspielung auf die kommunistischen Einrichtungen.
Die kommunen Hellwigianer aber ließen sich darob die Haare nicht grau werden. Mancher Heißsporn verbat sich vielleicht die Beleidigungen und kam mit blutigem Schädel heim, die meisten aber lachten oder zuckten die Achseln, wenn sie beschimpft wurden, und das trieb die Gegner in eine immer heftigere Erbitterung. Aber auch die Fabriksbesitzer nahmen mit der Zeit gegen das aufblühende neuartige Unternehmen Stellung, weil sie sich dem scharfen Wettbewerb nicht gewachsen fühlten. Denn da alle Arbeiter am Gewinn beteiligt waren, bemühten sie sich zu eigenem Vorteil, nur gute Ware herzustellen, so daß die Reinholtsche Marke bald gesucht war und die Nachfrage stärker als das Angebot. Und da auch das Bauernvolk in seiner alten Abneigung verharrte, stand Hellwig mit den Seinen ganz vereinsamt und auf sich selbst angewiesen mitten unter Widersachern, Neidern und Feinden. Da setzte er erst recht seinen Neuberger Schädel auf: Durch müssen wir! Und wenn sich alle auf den Kopf stellen!
Der Glaube an sein Werk verzehnfachte seine Kräfte. Und seine warme Begeisterung griff auf alle über. Gemeinsame Not schweißte sie ganz fest zusammen. Die Zwistigkeiten im eigenen Lager hörten auf, immer seltener wurde er als Schiedsrichter angerufen. Der Trotz und das Gefühl, daß ihnen unrecht getan werde, spornte alle zu erhöhter Leistung. Draußen schrien sie, hetzten und wühlten. Reinholts Fabrik aber stand da, geschäftigen Lebens voll, die Räder surrten, die Webstühle klapperten, die Schiffchen flogen fröhlich. Zu einträchtigem Tun regten sich die emsigen Hände, und auf allen Gesichtern sonnte sich das Behagen am Gedeihen des Unternehmens, das allen ans Herz wuchs, weil es allen gehörte.
2.
Und im Fabrikspark, auf den Spielplätzen, unter der Hut der alten Bäume, drängte sich tagsüber das junge Volk der Kinder, saßen nach getaner Arbeit zufriedene Menschen, schwatzten, sangen oder hörten dem Meister Hellwig zu, der an schönen Abenden im Garten von einem Podium herab über alle möglichen interessanten und wissenswerten Dinge zu sprechen oder aus guten Büchern vorzulesen pflegte. Ganz zwanglos, wie eine gelegentliche Zusammenkunft gleichgesinnter Freunde war das, und viel guten Samen streute er in empfängliche Seelen.
Anfänglich war die Zahl der Teilnehmer nur gering, weil viele, an das neue Leben noch nicht gewöhnt, lieber in den Billardsälen oder beim Kartenspiel ihre Erholung suchten. Mit der Zeit aber stellten sich immer mehr ein, hörten zu und beteiligten sich mit Fragen und Einwänden an den Debatten, fanden Gefallen daran und zogen dieses Turnier bald jeder andern Unterhaltung vor.
Einer, der niemals fehlte, war der alte Kesselwärter Bogner, der seinem Meister Hellwig treu ergeben war und immer wieder versicherte, daß er ein so schönes Leben auf seine alten Tage nicht einmal im Traum erhofft hätte. Er überwachte seine Kessel und formte feine Blütenzweige, die er schön bemalt in seiner Stube aufstapelte oder Personen, denen er wohlwollte, als Angebinde verehrte. Für Hellwig aber tat er etwas ganz Besonderes: Er modellierte und goß aus Bronze die Büste des Meisters. Zwar geriet die Nase ein bißchen schief, und die Wangen hatten Blatternarben, aber am Sockel stand in großen Buchstaben ‚Friedrich Hellwig‘, und so wußte jeder, wen das Werk darstellte. Und die Mängel, die waren nach den Versicherungen des Schöpfers nur durch den elenden Gips und durch das schlechte Gußmetall verschuldet. Jetzt stand das Bildwerk im Lesesaal, und bei der Aufstellung hatte es einen grünen Reisigkranz getragen, mit einer roten Schleife, und Reinholt hatte eine Rede gehalten, die war sehr erbaulich und dem Kesselwärter wurde ganz rührselig. Aber er lachte doch und strahlte im faltigen Gesicht, denn Adam Pichler, ein jüngerer Bruder Ottos, stand neben ihm und sagte ihm ins Ohr, daß so eine Büste eigentlich in eine Ausstellung gehörte und sicher einen Preis bekommen würde.
Adam verkehrte überhaupt viel mit dem alten Bogner und ging auch regelmäßig zu den Abendvorlesungen. Er tat das aus Neigung. Aber es war nicht so sehr die Neigung zur Wissenschaft, als vielmehr die Neigung zur Anna Bogner. Die Anna war ernster geworden, der Frohsinn, das Lachen und aller Übermut ihrer Jugend klang in der Erinnerung an die erste Enttäuschung nur mehr wie auf einer abgedämpften Geigenseite.
Adam aber begehrte sie zum Weib. Da hatte sie ihm ganz aufrichtig gesagt, wie es um sie stand und daß sie einst mit seinem Bruder Otto ein Verhältnis gehabt. Der blonde Mensch mit den stillen Augen und den groben Händen hatte schweigend zugehört und darnach ein paar Tage nicht mit ihr geredet, bis er alles in sich verarbeitet hatte. Dann aber war er zu ihr gegangen, die in heimlicher Pein verstohlen aus der Ferne nach ihm sah. Denn sie hatte ihn lieb gewonnen.
„Anna,“ hatte er gesagt, „es ist schon in Ordnung mit uns.“
Da war sie zusammengefahren, hatte ihm ungläubig ins Gesicht gestarrt und nur gefragt: „Trotzdem?“
„Trotzdem, Anna, weil -- es muß doch ausgeglichen werden ...“
Er hatte den Arm um sie legen wollen. Doch sie war hastig einen Schritt zurückgetreten.
„Wenn’s nur deswegen sein soll ... bleibt’s schon besser so, wie’s ist, Adam. Ich müßt’ mich ja schämen.“
„Nein, Anna, das mußt du schon nicht. Tät ich’s denn, wenn ich dich -- nicht auch gern hätt’, Anna?“
Er war wieder ganz nahe bei ihr und streichelte mit den harten Fingern unbeholfen ihren Ärmel. Und dann hatte er sie im Arm. Und sie sträubte sich nicht mehr.
Und seither sah man sie fast immer miteinander gehen, den alten Kesselwärter, dem die paar Haare nur noch wie ein silbriges Schimmerchen auf dem kahlen Schädel glänzten, ein wenig gebeugt und ein wenig zittrig, zwischen den beiden jungen aufrechten Menschen, die fest und ruhig einherschritten mit der stillen Zuversicht, die ein sicheres Glück verleiht.
Oft auch gesellte sich Pfannschmidt zu ihnen, der in dem neuen Gemeinwesen eine Art Hausverwalter war und außerdem die Bücherei betreute. Keine Spur von Gedrücktheit oder Trauer war mehr in ihm, wohl sprach er wenig und lachte nicht oft, aber seine ernsten Augen schauten warm und froh, und der Widerstreit zwischen Neigung und Beruf war nicht mehr in ihrem Blick. Die Bücherei war seine Welt, dort war er am sichersten anzutreffen. Entweder las er oder ordnete er die Bücher, versah sie mit Schildern und Nummern, verteilte sie übersichtlich und legte mehrere Verzeichnisse an. Abends aber kämmte er mit Salböl den spröden Scheitel noch einmal glatt und ging, dem Meister zuzuhören. Er war einer der aufmerksamsten Zuhörer, aber auch der eifrigste Frager, und wenn er sich einmal in etwas hineinverbissen hatte, ließ er sich nicht so leicht davon abbringen. Jedes Für und Wider erwog er, Beweise und Gegenbeweise ließ er bedächtig aufmarschieren, und Fritz hatte mit diesem zähen Gegner oft seine liebe Not. Regelrechte Debatten und Diskussionen hatten sie miteinander und das war für sie wie ein Bad im kühlen Fluß.
So schien sich mit der Zeit eine gedeihliche Ordnung einstellen zu wollen und Hellwig dachte abermals daran, Weib und Kind zu sich zu holen. Aber als er an einem schönen stillen Sommerabend wieder einmal auf dem Podium saß und gerade über Oliver Cromwell sprach, da wurden von dem Fahrweg, der außerhalb des Parks den Zaun entlang führte, ein paar Steine unter die Versammelten geworfen. Der eine streifte Hellwigs Kopf, der zweite traf ihn an der Schulter, die übrigen verfehlten ihr Ziel. Schnell war Pfannschmidt beim Gittertor, riß es auf, stürmte hinaus. Andere folgten. Aber draußen war niemand zu sehen. Still lagen die Wiesen und Felder da, die Ähren nickten und rauschten leis auf schwanken Halmen, die Blätter der Büsche regten sich sacht im Abendwind, und sacht breitete die Dämmerung ihre seidenfeinen Flöre darüber aus. Mannshoch standen die Feldfrüchte, dicht belaubt wucherte überall in den Wiesen das Staudenzeug, und was sich dort irgendwo versteckt hielt, war gut geborgen und in der Dämmerung nicht leicht aufzuspüren.
Hellwig hatte eine Beule am Schläfenbein und eine Prellwunde am Oberarm, leichte Verletzungen, die nichts zu bedeuten hatten. Aber eine Warnung waren sie und ein Zeichen, wie tief die Hetzereien Wurzeln gefaßt.
Und wenn es hiefür noch eines Beweises bedurfte, so brachte ihn die folgende Nacht. Da brannte ein Magazin nieder, und die Fabriksfeuerwehr mußte harte Arbeit tun, um den Brand einzudämmen. Er war gelegt worden, von wem, war offenes Geheimnis, aber Beweise fehlten. Die Folge war, daß Reinholt die Nachtwache verschärfte und zwei Dampfspritzen anschaffte. Und Fritz sah seine Vereinigung mit Eva abermals um Monate hinausgerückt.
3.
Danach aber hatte sich ganz plötzlich der Sturm gelegt. Die Unbesonnenheit der Steinwerfer und Brandstifter hatte die Gegner zur Vorsicht gemahnt. Was nützte es auch, die Außenstehenden aufzuwiegeln, wenn die Hellwigianer geschlossen gingen und der Aufschwung der Fabrik alle Hetzer Lügen strafte.
Wochen vergingen, alles blieb ruhig.
„Wir sind durch!“ sagte Fritz, der vertrauensselige, arglose Mensch, und glaubte felsenfest daran, weil er an sein Werk glaubte und an die Lauterkeit der Menschen. Und er freute sich des Erfolges und freute sich auf die Seinen. Jetzt wollte er sie wirklich holen. Mehr denn zwei Jahre -- waren es denn wirklich schon zwei Jahre? -- hatte er sie nicht gesehen. Da war ihm die Zeit fortgeronnen, wie Sand zwischen den Fingern durchgeglitten, Tag um Tag; Monat um Monat. Er hatte nicht darauf geachtet und sie nicht gezählt. In all dem rastlosen Bemühen, dem Tumult von Sorgen und Anstrengungen, dem raschen Wechsel zwischen Erfolg und Mißlingen, zwischen heller Zuversicht und herber Enttäuschung.
Waren es denn wirklich schon zwei Jahre? Aber da lagen die Briefe Evas vor ihm, alle, wie er sie erhalten, gelesen, beantwortet und dann in das Schubfach getan hatte, wo sie, nicht mehr beachtet, verstaubten. Regelmäßig alle vierzehn Tage schrieb sie ihm. Und jetzt lagen sie da, kunterbunt durcheinander, gut fünfzig Briefe. Und in jedem erzählte sie von dem Buben, alle Einzelheiten und Kleinigkeiten berichtete sie. Im Drang und Schwall der Arbeit hatte er ihren Mitteilungen nicht weiter nachgesonnen. Und sie machten doch die ganze Entwicklung des jungen Menschleins aus, das dort fern von ihm und vaterlos heranwuchs. ‚Hansl lacht mich schon an -- Hansl sitzt schon -- Hansl bekommt Zähne -- Hansl hat sich ganz allein am Tischbein aufgemannelt -- Hansl hat das erste Wort gesprochen -- Hansl läuft, Hansl redet schon. Er ist blond wie du -- er hat deine Augen -- aber das Kinn hat er von mir.‘
Er erschrak fast und entsetzte sich, daß er so achtlos darüber zur Tagesordnung hatte übergehen können. Fünfzig Briefe. Und in allen war zwischen den eng geschriebenen Zeilen die unausgesprochene Bitte: ‚Komm bald und bleib bei uns!‘ Und in keinem stand: ‚Hol’ uns zu dir!‘ Denn die Mutter bangte um ihr Kind, und Fritz hatte ihr die Lage immer eher in düsteren Farben geschildert, alle Ereignisse trocken verzeichnet und nichts beschönigt. Und nur einmal schrieb sie: ‚Wenn ich doch bei dir sein könnte!‘ Das war damals, als ihm die Steine den Leib verwundet hatten.
Einen Brief nach dem andern las er nun wieder durch. Um ihn war die Ruhe der Nacht, einer warmen, glanzhellen Nacht. Das Fenster stand offen, die hereinflutende Luft war gesättigt vom schweren Duft der Erde, und unten im Fabrikshof machte der Wächter die Runde. Klingend schlug die Eisenspitze seines Stocks auf die Steine, und wenn die zwei starken Doggen, die ihn begleiteten, sich schüttelten, klirrten die Glieder ihrer Kettenhalsbänder leise aneinander, Eisen gegen Eisen und Stahl gegen Stein, und nichts anderes war zu hören als dieser kriegerische Klang. Und es war wie der Pulsschlag des harten, streitbaren Lebens, das da draußen in der weichen, weißen Glanznacht tief aufatmend, doch nicht schlafend ruhte, Gewehr im Arm und immer kampfbereit gleich einem einsamen Vorposten in Feindesland.
Stunde um Stunde flutete vorüber. Und Fritz saß und las die Briefe. Mit gesammelten Sinnen las er sie jetzt alle wieder, sah seinen Buben heranwachsen und begleitete Schrittlein nach Schrittlein seine Entwicklung. Und er fühlte eine tiefe Trauer, daß er sich so gar nicht vorstellen konnte, wie der Junge jetzt aussah, lachte und sprach, und der Wunsch, ihn und die Mutter bei sich zu haben, schwoll ihm übermächtig empor.
Aber es blieb auch diesmal nur beim Wunsch.
Die Ruhe, die so unvermittelt eingefallen, war nicht die Ruhe des Friedens oder der Erschöpfung. Leibinger hatte die Nutzlosigkeit der bisherigen Kampfesart erkannt. Und da kam es ihm gerade recht, daß Robert Karus, aus Rußland zurückgekehrt, wieder in der Hauptstadt aufgetaucht war. An ihn wandte er sich um Rat und Hilfe und der sagte zu, unter der Bedingung, daß ihm vollständig freie Hand gelassen werde. Ungern fügte sich Leibinger, aber er fügte sich doch.
Und Karus ging an die Arbeit. Ein paar erprobte Leute wählte er sich und schickte sie zu Reinholt auf Arbeitssuche. Sie erhielten strengen Befehl, als unbedingte Anhänger Hellwigs aufzutreten und vorsichtig die Unzufriedenheit der Zufriedenen zu wecken. Das Wie blieb ihnen überlassen. Und sie waren ihrer Aufgabe gewachsen. Rasch hatten sie jene aufgespürt, die schwankten oder sich zurückgesetzt fühlten, machten sich an sie heran und bearbeiteten sie.
Aber auch Karus blieb nicht müßig, und Mark und Leibinger waren seine Werkzeuge. Ein paar Schlagworte warf er den Arbeitern der benachbarten Unternehmungen hin und wiegelte sie auf. Und geschulte Agitatoren waren mitten unter ihnen und schürten und schürten ohne Unterlaß. Immer lauter, immer ungestümer erhoben sie die Forderung nach höherem Lohn, nach kürzerer Arbeitszeit, nach Gleichstellung mit den Hellwigianern. Die Fabrikanten aber, selbst in ihrer Existenz bedroht, konnten und wollten keine Zugeständnisse machen. Da begann der Streik.
Unfriede im eigenen Haus, heller Aufstand ringsum: so war jetzt die Lage und so war sie Karus recht. Hellwig aber, der Vertrauensselige, der kindlich Arglose, wußte nicht, daß viele gegen ihn murrten. Und als der Streik jetzt so unvermittelt losbrach und als alle Betriebe feierten und nur die von ihm geleitete, nach seinen Ideen eingerichtete Fabrik rüstig weiter ging, -- und seine Leute verrichteten gelassen ihr Tagwerk und schienen sich um das Branden außerhalb ihrer Herdfeuer gar nicht zu kümmern, -- da frohlockte er und abermals sagte er siegessicher zu Reinholt: „Leo, wir sind durch!“ Und nur das eine trübte ihm die Freude: daß er wieder Geduld haben und erst das Ende des Ausstands abwarten sollte, ehe er die Seinen zu sich kommen ließ. Dann aber wollte er es ganz bestimmt tun und freute sich darauf und glaubte, daß ein Ausgleich bald erzielt und die Lohnbewegung bald zu Ende sein werde. Er tat sogar ein übriges, er ging zu den einzelnen Fabriksherren und setzte sich für jene ein, die seine erbittertsten Feinde waren. Und er tat es nicht nur um ihretwillen, auch seinetwegen tat er es, er wollte vielleicht doch einen oder den anderen für seine Ansichten gewinnen. Aber überall begegnete er mit seinen Vermittlungsversuchen einem starren „Nein!“ oder einem geschmeidigeren „Leider nicht möglich!“ und einer gab geradezu ihm die Schuld an dem Streik und an dem Niedergang der kleineren Betriebe. Doch auch die Arbeiter, als sie es erfuhren, verbaten sich seine Einmischung. Da ließ er es bleiben. Aber nicht eine Sekunde wankte ihm der Glaube an seine Schöpfung und die Zuversicht, daß sein Weg der richtige wäre.
Reinholt war nicht so vertrauensselig. Manches an den Leuten wollte ihm nicht mehr gefallen. Daß sie häufig mitsammen flüsterten, im Bibliothekssaal heftige Debatten führten, die sofort abgebrochen wurden, wenn er oder Hellwig oder Pfannschmidt oder sonst ein Treuer dazu kam. Und namentlich der Sanders, ein dunkelhaariger Gesell mit Blatternarben im eischmalen Gesicht, gefiel ihm gar nicht. Er war erst seit kurzer Zeit in der Fabrik und doch spielte er, vornehmlich unter den jüngeren, eine große Rolle. Sie hörten auf ihn, suchten und riefen ihn, und wenn er zu ihnen trat, wurden ihre Worte leiser, steckten sie die Köpfe zusammen und bekamen aufgeregte Gesichter. Auch dem Pfannschmidt war das bereits aufgefallen, und nur Hellwig wollte es nicht gelten lassen. Wenn ihn Reinholt aufmerksam machte oder warnte, schüttelte er mit ungläubigem Lächeln den Kopf, suchte und fand Entschuldigungen.
„Das Kameradschaftsgefühl ist in ihnen noch nicht erloschen, soll es auch nicht sein! Und da wurmt sie’s eben, daß sie Streikbrecher geschimpft werden. Aber das geht vorüber. Als der Streik angefangen hat, was hat man da nicht alles befürchtet. Sogar Militär hat hermüssen, weil unsere Nachbarn um ihre Maschinen Angst gekriegt haben. Und schau’ her, jetzt dauert die Geschichte schon fast zwei Wochen -- und alles bleibt ruhig. Glaub’ mir nur, Leo, jetzt sind wir schon überm Berg. Die Arbeitsfreude bei uns, während ringsherum alles gärt und tobt und siedet, beweist mir am schlagendsten die Ohnmacht der Gegner. Wir haben unsere Leute zufrieden gemacht, _den_ Erfolg jagt uns keiner mehr ab!“
„Nicht alle sind zufrieden, Fritz!“ beharrte Reinholt bei seinem Bedenken. „Sie planen was gegen uns! So mach’ doch die Augen auf, Fritz, ich werd’ ja ganz irr an dir! Du hast Mitleid mit denen da draußen, vielleicht trübt dir das den Blick -- aber ich denke, sie haben uns wahrhaftig genug Prügel unter die Beine geschmissen und verdienen keine Rücksicht!“
„Nein, nein, Leo, sprich nur nicht anders als du denkst!“ entgegnete Fritz traurig. „Die Leute sind nicht besser und nicht schlechter als wir alle. Sie wollen auch nur -- wieder Menschen werden. Teilhaben an den reizvollen Nebensachen und bunten Nichtigkeiten, die zwischen Arbeit und Schlaf, zwischen Hunger und Liebe liegen und uns erst vom Vieh unterscheiden. Und sind wir nicht mit schuld, daß sie es so heftig heischen? Die unseren _haben_ das alles, es ist kein Wunder, wenn die anderen gegen uns toben. Leo, es ist Zeit, höchste Zeit, daß wir hier mit dem Aufbau fertig, daß uns die Kräfte frei werden, einen oder den anderen Reichen noch für unsere Ansichten zu werben, zu gewinnen. Vielleicht -- gehen wir doch den rechten Weg, können wir dem kommenden Gründer der neuen Gesellschaft -- Vorläufer sein ...“
4.
Einer hatte diesem Gespräch zugehört. Robert Karus, der schon seit Tagen in der Gegend weilte. In ihm war der Haß des Zerstörers gegen den Bauenden. Und auch er wollte seinem Freunde Heinz Wart ein Totenmal errichten. Sorgsam bereitete er den Grund, und seine Saat schoß schwer und wuchernd in die Halme.
Aber weder die Freunde Hellwigs noch dieser selbst wußten von seiner Anwesenheit. Und niemand hatte ihnen noch verraten, daß Karus bereits einige Male, das Gitter überkletternd, in den Fabrikpark eingedrungen war, um hinter Buschwerk versteckt zu lauschen. Und seine Flugblättchen gingen unter den Eingeweihten von Hand zu Hand, ängstlich behütet vor den Augen Unberufener, und in geheimen Versammlungen wurden sie besprochen und schürten die Erregung und peitschten die Lust zur Empörung immer höher auf. Mehr als hundert hatten sich schon unbedingt an Karus angeschlossen, viele gab es, die durch die abfälligen Kritiken und klug berechneten Reden der gemieteten Hetzer aufgestachelt, schon unentschieden schwankten und jeden Tag zu Überläufern werden konnten. Und die Streikenden, durch die Unnachgiebigkeit ihrer Brotherren zum äußersten bereit, standen wie _ein_ Mann gegen Hellwig und was Karus und Mark und Leibinger ihnen vorsagten, das sprachen sie nach und glaubten, daß einzig Hellwig an ihrer Lage schuld wäre.
So war eine gewaltige Menge Zündstoff aufgehäuft. Der geringfügigste Anstoß mußte die Explosion herbeiführen. Und Karus sorgte dafür, daß dies bald geschah.
Nun, da der Boden gehörig unterminiert, ein verläßlicher Kern von Anhängern gebildet, die Erbitterung der Leute bedrohlich angewachsen war, nun mußte Sanders, der gedungene Proselytenmacher, aus seiner Reserve heraus. Bei jeder Gelegenheit redete er jetzt ganz offen vor allen Leuten über die mangelhaften Einrichtungen des Unternehmens, schimpfte darüber, mäkelte und nörgelte, und nichts fand mehr Gnade vor seinen Augen. Zu wenig Abwechslung im Essen, zu kleine Portionen, zu wenig Geld, aber viel zu viel Bevormundung, Kasernenzwang und Drill: das war so der eiserne Bestand seiner Argumente. Dieses Tadeln und Mäkeln führte bald zu Zank und Streitereien. Die treu zu Hellwig hielten, wollten es nicht dulden, die andern gaben dem Nörgler recht, Unfriede entstand, Zwist und Spaltung.
Am heftigsten erboste sich über die Reden Sanders’ der alte Bogner. Jedes gehässige Wort gegen den Meister brachte ihn in Harnisch, er schalt und wetterte über die Anmaßung der jungen Leute und wäre am liebsten mit den Fäusten dreingefahren. Aber er erntete mit seinem ehrlichen Grimm nur Gelächter und Spott.