Der Volksbeglücker

Part 22

Chapter 223,572 wordsPublic domain

So wurde geredet, und die bewegliche Menge, seinem persönlichen Einfluß entrückt, schenkte diesen Reden gern und willig Gehör. Und da Leibinger vorderhand doch nicht gut selbst als Wahlwerber auftreten konnte, war das Schlußergebnis, daß Pfannschmidt wieder als Bergmann arbeitete, August Mark zum Abgeordneten gewählt wurde und der Streik, der förmlich Hellwig zum Trotz doch noch versucht worden war, mit einem Mißerfolg endete.

Der Bruch mit der Parteileitung war Hellwig nicht so nah gegangen als die Haltung der Bergarbeiter, kurz nachdem sie ihm zugejubelt und ihn wie einen Halbgott gefeiert hatten. Doch fand er auch hier Entschuldigungsgründe für ihren Wankelmut. Er war auf halbem Wege stehn geblieben, hatte den begonnenen Kampf nicht bis zu Ende geführt. Eine Hanswurstiade war das gewesen, die Leute hatte er verwirrt, ohne ihnen einen Weg aus dem Irrsal zu zeigen, und es war kein Wunder, wenn sie, von ihm im Stich gelassen, wieder jenen folgten, an deren Führerschaft sie nun einmal schon gewöhnt waren. Nachträglich hatte sein Ausscheiden aus der Partei zwar noch einigen Staub aufgewirbelt, wäre es fast zu einer Spaltung im geeinigten Lager gekommen. Da er aber nichts von sich hören ließ, sich ganz vergrub und verschollen blieb, legte sich die Aufregung, es wurde stiller, und man vergaß ihn allmählich.

Und er wühlte sich immer tiefer in seine Arbeiten hinein, studierte, las und schrieb die Tage und die halben Nächte durch. Denn er war jetzt ausschließlich auf die unsicheren Einkünfte angewiesen, die er von den Zeitschriften für Beiträge gezahlt erhielt. Und da sparte er und knauserte und versagte sich sogar die gewohnten Zigarren, immer in Sorge, daß er einmal nicht genug verdienen und gezwungen sein könnte, die Mitgift seiner Frau anzugreifen.

Und Eva sollte Mutter werden.

11.

Da ließ sich eines Tages Leo Reinholt bei ihm anmelden. Der besaß außer einem großen Vermögen im Ostwinkel des Reiches eine Tuchfabrik mit Spinnereien, Webereien, Färbereien und allem, was dazu gehörte. Die Wohnungen, die er dort seinen Bediensteten aufgebaut, waren musterhaft, und die Wohlfahrtseinrichtungen, die er sonst noch geschaffen, hatten seinerzeit viel von sich reden gemacht. Der also ließ sich eines Tages bei Hellwig anmelden.

Fritz empfing ihn sehr zurückhaltend. „Was verschafft mir die Ehre?“ fragte er steif und wies auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch. „Wollen Sie Platz nehmen?“

Ungezwungen kam der Fabrikant der Einladung nach. Er war beinahe ebenso groß, aber schmächtiger als Hellwig, hatte auffallend kleine Hände und blickte aus hellen braunen Augen treuherzig in die Welt. Im dunklen Haarschopf leuchtete das Weiß einer werdenden Glatze.

„Haben Sie eine Viertelstunde Zeit für mich?“ fragte er, indem er sich setzte.

„Da müßte ich wohl zuvor wissen, um was es sich handelt.“

„Das läßt sich nicht so einfach sagen ... Sie sind gegenwärtig ohne feste Stellung?“

„Über meine Privatverhältnisse glaube ich Ihnen keine Rechenschaft schuldig zu sein.“

Der andere lächelte leicht: „Gewiß nicht!“ Und immer nur wie ganz beiläufig und nebenbei fuhr er fort: „Ja, also, wie soll ich Ihnen das auseinandersetzen? -- Ich habe mich eingehend mit Ihrem Buch befaßt, sehr eingehend, ja. Und, also, die Vorschläge, die Sie machen, die scheinen mir durchführbar und, was die Hauptsache ist, rentabel. Ja, also -- kurz und gut, ich beabsichtige meine Fabrik danach einzurichten und, ja -- wenn Sie wollen -- Sie könnten mir dabei helfen.“

Fritz sprang auf. Mit einem jähen, ungestümen Satz.

„Ist das Ihr Ernst?“

„Wäre ich sonst hier?“ Der Fabrikant zündete sich eine Zigarre an. „Sie erlauben doch? -- Darf ich vielleicht aufwarten?“ Er hielt Hellwig die Ledertasche hin. Der beachtete es gar nicht. Mit langen Schritten lief er durchs Zimmer. Dann machte er wieder vor dem Besucher halt, schaute ihn zweifelnd an: „Ja -- aber -- wieso ...? Ich weiß nicht, was Sie veranlassen könnte ... Scherzen Sie denn wirklich nicht?“

Reinholt blies den grauen Rauch in die Luft. „Warum wundert Sie das eigentlich? Ich sage ja, ich halte die Geschichte für rentabel. Für mich ist das ein Geschäft wie jedes andere, eine Spekulation meinetwegen, die glücken oder fehlschlagen kann. Das weiß ich vorläufig noch nicht. Glückt sie, ist’s gut. Wenn nicht, hab’ ich mich eben verrechnet und muß die Folgen tragen.“

Er sagte das alles im trockensten Geschäftston. Und doch war im Grunde seiner braven Augen etwas, das zu dieser kaufmännischen Sachlichkeit nicht stimmte. Etwas Warmes, nur gedämpft wie hinter Schleiern Leuchtendes, -- Güte, die nicht erkannt sein wollte.

Fritz hatte seine Wanderung durch das Zimmer wieder aufgenommen. Die Arme auf dem Rücken verschränkt, schritt er ruhlos auf und ab und schaute zur Decke, als ob er von dort etwas herablesen wollte. Dann wieder blieb er stehen, schüttelte den Kopf und bewegte die Lippen wie im Selbstgespräch. Reinholt beobachtete ihn eine gute Weile. Endlich rief er ihn an: „Herr Hellwig ...“

Da schrak er aus seiner Versunkenheit auf: „Ja?“ und schaute den Fabrikanten fremd an.

„Wir wollen die Sache nicht überstürzen, Herr Hellwig. Es hat ja Zeit. Ich mute Ihnen keine sofortige Entscheidung zu. Nur einige Aufklärungen möchte ich Ihnen noch geben, dann überlegen Sie sich’s und lassen mich, sagen wir in vier Wochen, Ihren Entschluß wissen. So lang bleibe ich Ihnen im Wort.“

Das klang wieder sehr nüchtern und vernünftig. Und diese kühle Art ließ auch Fritz ruhiger werden; aufmerksam hörte er zu, wie jetzt der Fabrikant in großen Umrissen seinen Plan entwickelte.

Als er gegangen war, blieb Hellwig noch lang unbeweglich vor dem Schreibtisch sitzen. Da hatte ihm einer die Möglichkeit gezeigt, wie er sein Lebenswerk erfüllen konnte. Und es war ihm, als ob er in eine ungeheure Helligkeit schaute, die ihn blendete und alle Gegenstände überstrahlte, so daß nichts anderes zu sehen war als Licht und Licht. So -- wie man die Möven nicht sieht, die Barken nicht und nicht die Schiffe, wenn die Sonne auf den See scheint und seine Fläche zum Spiegel macht. Und man weiß doch ganz sicher, daß dort klares Wasser ist und freut sich und kann es nicht erwarten, bis man die Kleider vom Leib ziehen und in dem kühlen Silber untertauchen kann.

Da tat sich die Tür auf und Eva kam herein, sacht, schüchtern, mit dem aufrechten Königinnengang des tragenden Weibes. Nun sprang er empor, hob die Arme seitwärts und aufwärts, mit einer so ungestümen, frohen und leidenschaftlichen Bewegung, als wollte er eine Welt umspannen.

„Eva ...“ stammelte er. „Eva ...“

Eine Sekunde nur schaute sie ihn befremdet an und wunderte sich über den Glanz in seinen Augen. Dann wußte sie, daß eine Wendung eingetreten, daß ein großes Glück für ihn im Anzug sei. Mit ausgestreckten Händen trat sie auf ihn zu: „Fritz ... Ist’s jetzt wieder gut, Fritz?“

„Ja!“

Und nun erzählte er es ihr. Aber während er redete, verlor sich mehr und mehr die beschwingte Zuversicht der ersten Freude. Er begann von den Hindernissen zu sprechen, die zu beseitigen, von den Schwierigkeiten, die zu überwinden waren. Die Skrupel kamen, aus Licht wurde Schatten und keins der Bedenken, die ihm aufstiegen, verhehlte er ihr. Nach Reinholts Schilderung lag die Industrie in jenem Lande zwar sehr im argen, aber gerade in der Gegend, wo auch sein Unternehmen stand, waren noch einige kleinere Spinnereien und Webfabriken, die insgesamt kaum zweitausend Leute beschäftigten. Doch diese gehörten fast ausnahmslos zu jener Partei, die gegen Hellwig als Abtrünnigen den Bannfluch geschleudert hatte.

Für den Anfang, zu diesem Schluß kam er endlich, für den Anfang werde sich wohl eine Trennung nicht vermeiden lassen. Erst wenn der ärgste Wirrwarr vorüber, die neue Ordnung einigermaßen befestigt sei und sich eingelebt habe, werde ihm Eva folgen können.

Sie hörte es und wurde blaß. „Und das Kind?“ fragte sie tonlos.

Einen Augenblick zögerte er mit der Antwort. Er fühlte ein Würgen in der Kehle. Aber sie sollte, sie durfte nicht merken, wie nah es ihm ging. „Ich werde euch unterdessen nach Neuberg bringen,“ sagte er. Da ließ sie traurig den Kopf sinken und sprach kein Wort mehr.

12.

Hellwig nahm das Anerbieten Reinholts an. Der Entschluß war ihm nicht leicht geworden. Erst als er ganz mit sich im reinen war, sagte er ja. Aber nun er sich einmal entschieden hatte, glaubte er um so sicherer an den Erfolg. Verläßliche Leute wurden angeworben, die eine Art Kerntruppe für das neue Unternehmen abgeben sollten. Pfannschmidt war darunter, der alte Kesselwärter Bogner, auch einer von den Brüdern Otto Pichlers. Die reisten mit Reinholt gleich ab. Hellwig wollte noch die Entbindung Evas abwarten.

Und Evas schwere Stunde kam. Die Geburt währte lang, ein Arzt mußte gerufen werden. Fritz war im Zimmer daneben. Die Tür war angelehnt, aber hinein ging er nicht. Auf daß sie später einmal sich nicht doch vielleicht irgendwie vor ihm schäme, weil seine Augen ihre allerhilfloseste Menschlichkeit gesehen. Er hörte das kalte Klirren der Instrumente, die gedämpften Anordnungen des Arztes, das leise Stöhnen seines Weibes. Und er wußte nicht, wie es stand. Die Ungewißheit marterte ihn, die Angst und das Bewußtsein seiner Ohnmacht. Daß er so dastehen mußte und ein Liebes leiden lassen mußte und nicht helfen konnte. Und mit einemmal überkam es ihn und zwang ihn, in seinem Herzen zu wühlen, die verborgensten Falten zu durchwühlen, ob nicht doch vielleicht irgendwo ein Fetzen vom verlorenen Gottglauben zurückgeblieben, an den er sich klammern, den er umkrallen könnte wie der jämmerlichste Betbruder den Rosenkranz. Aber er fand nichts. Wie ein gefangenes Tier im Käfig rannte er ohne Pausen um den Tisch, den Kopf nach vorn geduckt, die Augen starr, mit steif gestrafften Armen und geballten Fäusten. Und empfand seine Ohnmacht und spürte den Widersinn, daß Leben unter entsetzlichen Qualen vom Leben sich losreißen muß, und hörte die Ketten klirren und die Peitsche sausen.

Und dann war drinnen ein weherer Ton. Und dann -- der erste Schrei seines Kindes. Da wurde er totenblaß -- und seine Arme hoben sich langsam und breiteten sich aus und ein zitterndes Schluchzen kam ganz von tief aus seiner Brust. Und er ging in die Küche, wo weinend die Magd saß. „Marie ... es ... es schreit schon,“ sagte er fremd, mit weicher, bebender Stimme -- und schritt wieder wie im Traum in das Zimmer zurück und stand und horchte.

Mittag war nahe. Um die halbentlaubten Bäume im herbstlichen Garten floß der Sonnenschein, blau funkelte der Himmel durch die offenen Fenster, und warme weiche Luft drang herein. Und im nahen Kirchturm begannen alle Glocken auf einmal zu läuten. Und die Glocken läuteten und läuteten, und das Kind schrie und schrie und überschrie das Geläute, heller, freudiger, lebenswilliger -- er war noch nie vorher so fromm gewesen wie in dieser Stunde. --

Noch ein anderer hatte mit Fritz gebangt und gelitten. Doktor Kolben, der jetzt den Arzt hatte weggehen sehen und heraufkam, nur bis in das Vorzimmer, und sich erkundigte. Und als er hörte, daß ein Junge angekommen sei, da lachte er über das ganze Gesicht und lief wieder fort. Und schon nach einer kleinen Weile kam er noch einmal und brachte einen großen Strauß blühender Rosen für die junge Mutter. So viele ihrer der Gärtner gehabt hatte, so viele hatte er hergeben müssen.

Den nächsten Tag kam Frau Wart von Neuberg hergereist und im geruhigen Lauf der Stunden fügte sich mählich alles in die neue, von dem jungen Menschlein beherrschte Ordnung. Aber Fritz schwankte wieder und zauderte und verschob seine Abreise Woche um Woche. Es war ihm, als hätte er Eva zum andernmal gewonnen. Und während sie sich langsam wieder aufrichtete, entfaltete sich neben ihr noch ein zweites, ein neues Menschenleben, das ihr und ihm gehörte und doch wieder nicht gehörte, das hilflos in ihre reifen Hände gegeben war, daß sie es formten und sicher einfügten in das rollende Räderwerk der Gegenwart. Und es würde forttreiben und ein Teilchen ihres Wesens mit hinüber tragen in eine Zukunft, die nicht mehr die ihre war. Er konnte lang und immer wieder vor dem weißen Schlafkörbchen seines Buben stehen und den Rätseln des Lebens nachsinnen, indes der Säugling ruhig atmend schlief, mit kaum beflaumtem Kopf und einem blassen Gesicht, das ohne Bewegung war, leidenschaftslos und ohne Arg wie die glatte Meeresfläche -- und doch birgt sie ungezählte wunderbare Möglichkeiten, schöne und wilde, furchtbare und sanfte, unter ihrem harmlosen Frieden.

Und die Trennung wurde ihm schwer. Schon erwog er den Gedanken, Weib und Kind gleich mit sich zu nehmen. Er schrieb auch an Reinholt deswegen. Doch der riet ihm ab. Die Lage sei so einfach nicht, die Gegend außerdem öd, die Lebensmittel, und namentlich eine keimfreie Milch, nur sehr schwierig zu beschaffen. Denn die nächste größere Stadt sei viele Meilen weit entfernt und eine sanitätspolizeiliche Überwachung gebe es so gut wie gar nicht. Es sei schon besser, wenn sich Fritz die Sache vorerst ansehe und sich einlebe.

Er las das Schreiben und spürte heraus, daß ihm nicht alles gesagt wurde. Und der Zwiespalt in ihm wurde immer größer. Es drängte und zog und trieb ihn nach dem Ort, wo seine Gedanken Tat werden sollten -- und hielt ihn doch mit tausend Fäden fest in seinem Heim. Kolben merkte gut, wie es um ihn stand. Doch er redete da nichts hinein, riet nicht ab und stimmte nicht zu. In Eva aber war die Mutterzärtlichkeit aufgeweckt und die Liebe zum Kinde ließ sie alles andere als unwichtig hintansetzen. Und wenn sie ihn vordem eher aufgemuntert und sich gefreut hatte, weil sie ihn fröhlich sah, so bat sie ihn jetzt, daß er bei ihr bleibe oder sich gedulde, wenigstens ein Jahr noch, bis das Kleine stärker und widerstandsfähiger geworden und eine Übersiedelung leichter zu bewerkstelligen wäre. Und fast hätte sie ihn umgestimmt, und schon wollte er Reinholt bitten, ihn seines Versprechens zu entbinden, obwohl der Fabrikant bereits alle Vorbereitungen traf, Zubauten aufführte, Leute aufnahm, Ungeeignete fortschickte und nur die Ankunft Hellwigs abwartete, um mit der Einrichtung des neuartigen Betriebes ungesäumt zu beginnen. Eine Absage im letzten Augenblick mußte ihm einen empfindlichen Schaden bringen, das wußte Fritz. Und seine Nächte wurden schlaflos und unstet wieder seine Tage, er kämpfte schwer und konnte und konnte sich nicht entscheiden.

Und da war es wieder jene Frau, der er schon so vieles zu danken hatte, die ihm mit behutsamen Händen die Hindernisse wegräumte und das sichere Vertrauen wiedergab, Frau Hedwig, seine zweite Mutter, wie er sie einst genannt hatte. Sie wollte verhüten, daß er sich gegen Reinholt entscheide. Denn das hätte niemandem gefrommt. Ihm nicht, weil ihn später ganz gewiß der Gedanke gepackt und gequält und nicht mehr losgelassen hätte, daß er die Gelegenheit, sein vermeintliches Lebenswerk zu vollenden, nutzlos habe vorübergehen lassen. Und den Seinen nicht, weil sie sich später selbst den Vorwurf nicht erspart hätten, daß sie ihn elend gemacht und schuld an seinem Leiden hätten. Deswegen suchte sie mit behutsamem Takt, ohne daß er es merkte, seinen Entschluß zugunsten Reinholts zu beeinflussen. Und sie tat es um so beruhigter, da für Eva mit ihrem Buben bei den Großeltern in Neuberg eine sonnige Zuflucht bereit stand.

„Wann wirst du denn abreisen?“ fragte sie ihn einmal und sie fragte, als ob alles glatt und seine Abreise eine selbstverständliche und von allen erwartete Sache sei.

„Das hat noch gute Wege!“ erwiderte er unwirsch.

Sie tat erstaunt: „Gute Wege? Ich hab’ gedacht, sie brauchen dich schon sehr notwendig.“ Er trommelte mit den Fingern auf der Tischplatte und gab keine Antwort. Da trat sie ganz nah zu ihm und sagte ganz leise, mit großer Überwindung: „Fritz -- es ist vielleicht doch besser, weißt du ... damit ... unser Heinz -- er hat Ähnliches gewollt, Fritz ...“

Mit einem Satz stand er auf den Füßen, hatte die Hand im Ausschnitt der Weste verkrampft und atmete heftig. Aber kein Wort kam über seine Lippen. Ihre Bewegung niederkämpfend, fuhr sie tapfer fort: „Du hast ihm ja auch dein Buch zugeeignet -- und was da jetzt ins Leben treten soll -- es wäre die Vollendung dazu ...“

Noch immer gab er keine Antwort. Und noch, als sie sich langsam wandte und aus dem Zimmer ging, stand er wie ein steinernes Bild und hielt sie nicht zurück. Aber ihre Worte wirkten nach. Ein ehrendes Totenmal hatte er dem Freund errichten wollen, dem flammend in den Tod gegangenen Freund ... Und da, nach Tagen und Nächten schweren Ringens fiel es mit einemmal auf ihn: Wenn -- alles so bleibt und das Suchen nicht aufhört -- und dein Junge später einmal -- er ist ja eines Blutes mit dem Toten und mit dir -- es könnte mit ihm gerade so werden später einmal. Darum -- tu’s! pack’ zu! versuch’, ob du’s zwingen kannst! -- Wirb um die heutigen Herren und erobere sie durch eine unwiderlegliche große Tat! -- Damit dein Bub nachher ruhig weiter bauen kann -- und vorwärts kommen kann zu den Quellen des Menschentums, ohne im vorgelagerten Sumpf stecken zu bleiben -- und darin zu ersticken, wie Heinz -- und beinahe du selbst ...

Und er entschied sich für Reinholt. Und je länger er bisher gezaudert hatte, je hastiger betrieb er jetzt die Reise. Eva sollte unterdessen nach Neuberg, bis er sie in einiger Zeit werde zu sich holen können. Aber sie wollte nicht nach Neuberg. Sie fürchtete sich vor den Leuten. „Er hat sie sitzen lassen, na ja, das hat ein Blinder voraussehen können!“ So würden sie reden und sich anstoßen und ihr nachschauen und sich teilnehmend und mitleidig und hämisch nach dem Vater des Kindes erkundigen. Und auch ihr Vater würde nicht anders denken. „Es hat so kommen müssen, Mutter. Er und Heinz, die zwei haben ja nie ein Herz für ihre Familie gehabt!“ Deutlich glaubte sie zu hören, wie er das sagte. Und ganz im letzten Winkel ihres Herzens regte sich etwas wie eine vage, dumpfe Ahnung, daß Fritz einst wiederkehren würde -- und nicht als Sieger. Und daß er dann sein Heim so wieder finden müßte, wie er es verlassen. Weit schob sie den Gedanken von sich, aber er ließ sich nicht bannen und so sehr sie sich mühte, an Hellwigs Erfolg zu glauben, ganz leise und ganz heimlich zweifelte sie doch daran. Deswegen war sie taub für das Zureden der Mutter und hörte nicht auf Fritz. Sie wolle vorläufig alles unverändert beim alten lassen, bis er einen Überblick haben und ihr wenigstens annähernd werde sagen können, wie lang die Trennung notwendig sei. Dann wolle sie sich’s erst zurechtlegen. Dabei blieb es. Und als Fritz abgereist war und bald darauf auch Frau Hedwig nach Neuberg zurück mußte, da hatte Eva in der großen Stadt keinen Einzigen, an den sie sich wenden konnte, als den Doktor Albert Kolben.

Fünftes Buch

1.

In einer weiten Ebene, zwischen Buchenbeständen und buschigem Wiesenland, lag das große Unternehmen Leo Reinholts. Die Eisenbahn führte vorüber, ein paar Dörfer waren in der Nähe, die sich mit verstreut in großen Zwischenräumen stehenden Häusern stundenweit hinzogen. Und dazwischen waren längs der Bahn noch ein paar kleinere Fabriken, Gründungen findiger Konkurrenten, die aber nicht recht emporkommen wollten und zum Gedeihen zu schwach, zum Eingehen zu jung, in kümmerlicher Unzulänglichkeit sich fortfretteten. Die Einheimischen aber, zumeist Ruthenen und schlaue Polen, haßten die Schornsteine und die roten Ziegeldächer der Fabriken. Denn die hatten ihnen die beschauliche Ruhe gestört, die mit schlechtestem Branntwein zufriedene Bedürfnislosigkeit abgewöhnt und die Löhne verteuert durch einen Schwarm fremdsprachiger Arbeiter, die noch obendrein wegen ihrer Wissenschaft des Lesens und Schreibens und wegen ihrer größeren Weltkenntnis auf das Bauernvolk herabschauten, sich besser dünkten und die Herren spielen wollten. So waren die Klassenunterschiede schärfer als sonstwo ausgeprägt und drängten die Arbeiter der einzelnen Betriebe stärker als sonstwo zum Zusammenschluß. Ein ganz leidliches Einvernehmen hatte bisher unter ihnen geherrscht, und fast ohne Ausnahme waren sie Sozialdemokraten. Da kam nun plötzlich Reinholt und forderte von seinen Leuten, daß sie es nicht mehr seien. Und wer sich nicht darein schicken wollte, bekam seinen Abschied. Er hielt strenge Musterung, mußte sie auch halten, denn für sein Experiment -- nichts anderes war es -- brauchte er ganz zuverlässige Leute.

So entstand eine Spaltung. Da kam Hellwig und richtete das neue Unternehmen ein. Wie der Haushalt einer einzigen Familie wurde das. Eine große Küche war da, mit Dampfheizung und papinischen Kesseln, dort wurde für alle auf einmal gekocht. Reine und luftige Speisehallen gab es, eine Bücherei mit weiten Leseräumen, einige Spielzimmer, auch ein Theater und einen Tanzsaal. Ein Krankenhaus, eine Schule und ein Altersheim wurden gebaut, im Park waren Tummelplätze für die Kinder und Erholungsstätten für die Erwachsenen, Bäder und Turnsäle fehlten nicht. Die Frauen sollten beim Kochen helfen, die Wäsche besorgen, im Gemüse- und Obstgarten arbeiten oder die Kinder beaufsichtigen, wie sie es lieber wollten, und wenn es ihnen gefiel, konnten sie jede Woche in diesen Beschäftigungen wechseln. Die Lohnzahlung wurde abgeschafft. Jeder war am Gewinn beteiligt. Nach einem einfachen Schlüssel unter Berücksichtigung der Arbeitsleistung und der Kopfzahl einer Familie wurden die Anteile ermittelt, die jeder zu dem gemeinschaftlichen Haushalt beizutragen hatte. Der Überschuß wurde bar herausbezahlt oder gutgeschrieben, wie es jeder lieber mochte. Für alle Bedürfnisse war gesorgt. In der Schneiderei konnten sich alle die Kleider anfertigen und flicken lassen, eine Schusterwerkstatt war da und ein gemeinsames Bestellbureau für alle Dinge des täglichen Bedarfs. So waren sie ganz unabhängig, waren ein Gemeinwesen für sich und brauchten keine fremde Vermittlung.

Fritz aber war für sie bald das treibende Rad des Ganzen. Zu ihm kamen sie mit ihren Anliegen und Wünschen, und wenn sie untereinander Streit hatten, fügten sie sich seinem Schiedsspruch. Und da er mit ganzem Herzen bei der Sache war, gewann er auch ihre Herzen. Das wußte er nicht, aber es war so. Manche bewunderten, die meisten liebten und nur ganz wenige fürchteten ihn. Alle aber standen unter dem zwingenden Bann seiner prachtvollen Aufrichtigkeit, fühlten heraus, daß er bedingungslos auf ihrer Seite stand. Niemanden ließ er gleichgültig. Zu seiner vollwertigen Persönlichkeit mußte jeder Stellung nehmen, und die Mehrzahl gab sich vollständig in seine Leitung. Ihn nannten sie ‚Meister‘, wie er selbst es ihnen vorgeschlagen hatte, während Reinholt nach wie vor der ‚Herr‘ blieb. Doch waren sie auch ihm zugetan und rühmten ihm strenge, aber unparteiische Gerechtigkeit nach.