Der Todesprediger

Part 9

Chapter 93,951 wordsPublic domain

»Ich glaube, ich verstehe Sie, und darum komme ich. Wollen Sie mich anhören? Ich habe Ihre beiden Schriften gelesen, beide; ich habe tief hineingeblickt in den Abgrund Ihrer Gedanken und Ihrer Verdüsterung, Sie suchen einen Menschen, und ich kam zu Ihnen. Sie suchen einen Menschen, der mit Ihnen --«

Starkblom hörte schon lange nicht zu. Er war mit kleinen Schritten ungeduldig hin und her gegangen, hatte dann auch einmal die Thüre geöffnet und hinausgehorcht und trat nun vor Marguérite hin.

»Wollen Sie vielleicht mit mir frühstücken? Ich habe Hunger.«

»Ich glaube, jetzt verhöhnen Sie mich,« erwiderte Marguérite errötend.

»Was? Fehlt Ihnen etwas? Meinen Sie denn, ich könne von der Luft leben? -- Oder -- ach so -- ja wissen Sie, zugehört habe ich Ihnen nicht. Sie können ja dann Ihre schöne Rede hernach wiederholen. -- Na endlich, wo stecken Sie denn so lange?«

Das Letzte sagte er zu der Haushälterin, die mit Thee, kaltem Braten und Wein hereinkam und die Augen weit aufriß, als sie so ungewohnten Besuch sah.

»Wundern Sie sich später und bringen Sie noch eine Tasse und einen Teller und was weiß ich! Aber rasch!«

Dann wandte er sich wieder zu der fremden Dame.

»Sie werden auch Appetit haben. Greifen Sie nur ungeniert zu.« Dabei schob er seinen Teller und seine Tasse zu Marguérite hinüber. »Ich kann warten.«

»Sie sind sehr liebenswürdig, Herr Starkblom. Frühstücken wir also zusammen. Trinken Sie so früh schon Wein?«

»Ja, ich habe mir’s in letzter Zeit angewöhnt So, jetzt kann’s ja losgehn.«

Die Haushälterin hatte das Nötige gebracht, und Marguérite schenkte erst Thee ein, dann auch Wein für sich und ihn.

Während des Essens blickte Starkblom ein paar Mal zu ihr hinüber. Schließlich sagte er kauend:

»Was Sie für ein gesundes Gebiß haben. Und dieser Hunger! Und überhaupt die ganze Gestalt -- wo wächst denn diese Rasse? Sie scheinen mir überhaupt keine Deutsche, ihrem Accent nach?«

Marguérite lachte.

»Nun, wie man’s nimmt. Geboren bin ich im Elsaß, kam aber ziemlich früh nach Frankreich.«

Starkblom schaute sie immer noch an.

»Prachtvoll, prachtvoll«, brummte er dann, und Marguérite ward rot.

Er erhob sein Glas.

»Na, prost, Frau -- und Ihr Name? Darf ich den wissen?«

»Ich heiße Marguérite. Das andere ist nebensächlich, nicht?«

Sie stieß mit ihm an.

»Und was lassen wir leben?« fragte sie mit anspielendem Lächeln.

»Leben ... leben? Ach so, denken Sie daran? Und -- Sie wollten?«

Er blickte ihr tief ins Auge. »Tod --? mit --?«

Sie schlug die Augen nieder und kratzte mit dem Messer auf dem Teller herum.

»Vielleicht«, sagte sie leise.

»Na, prost«, brach er kurz ab und trank sein Glas mit einem Zuge aus.

Kurz nachher stand er auf und trat ans Fenster.

»Haben Sie schon genug?«

»Ja. Ich fühle mich nicht ganz wohl.«

Marguérite legte leise Messer und Gabel weg. Sie starrte vor sich hin. Auf einmal überwältigte sie das Bewußtsein dessen, was sie gethan hatte und was noch bevorstand und der ganzen Situation, und sie schlug die Hände vors Gesicht. So verblieb sie lange. Plötzlich sagte Starkblom vom Fenster aus, ohne sich umzusehen, in sehr traurigem Tone:

»Nun, Frau Marguérite, wollen Sie jetzt Ihre Rede halten? Wozu sind Sie bereit? Was halten Sie von mir?«

Marguérite ließ die Hände sinken; sie war glühend rot geworden. Dann erhob sie sich, blieb aber am Tische stehen und sagte zaghaft:

»Lassen Sie mich wieder gehen. Ich weiß nicht -- es ist falsch -- es geht nicht --.«

Starkblom drehte sich um und sah sie erstaunt an. Dann ahnte er, vielleicht zu begreifen, was in ihr vorgehe. Er schwieg lange und blickte sie an. Dann fing er an:

»Vielleicht war Ihr Gefühl das richtige, als Sie kamen. Schrecken Sie nicht zurück. Ich bitte Sie zu bleiben.«

Und er ergriff ihre Hand.

»Wenn Sie auch jetzt nicht reden können. Bleiben Sie nur. Wir haben Zeit. Oder haben Sie einen speziellen Grund, irgend einen Vorgang in der letzten Zeit Ihres Lebens, mich aufzusuchen?«

»Nein, das nicht. Aber Sie verkennen mich nicht? Sie mißachten mich nicht?«

Starkblom wurde sehr verlegen. Er wußte nicht, was sagen. Endlich stotterte er:

»Aber ich bitte Sie ... aber Frau Marguérite ... aber mißachten ... was fällt Ihnen ein? Sie scheinen ja eine ... vorzügliche Frau. Ich begreife Sie, wenn ich auch nicht weiß, wie Sie dazu kommen. Wollen Sie mir nicht etwas erzählen -- von Ihrem Leben?«

Marguérite setzte sich wieder aufs Sopha und strich langsam mit beiden Händen über ihr dunkles Kleid. Er blieb vor ihr stehen, indem er sich mit gekreuzten Beinen an den Tisch lehnte und sie anschaute.

»Ach, da ist nicht viel zu erzählen. Ich bin das Kind reicher Bauern. Dann kam ich früh zur Erziehung in ein Kloster nach Frankreich. Dort riß ich aus -- mit -- nun, es ist gleichgiltig. Die Sache ist längst vorbei. Aber ich kam durch ihn damals schon in eine Gesellschaft freier Menschen, Männer und Frauen, hauptsächlich Russen und Polen. Seitdem habe ich sehr viel gelesen, auch einiges mitgemacht. Ich -- nun ich bin eben frei geworden durch all’ das.«

»Soso. Schön, sehr schön. Was verstehen Sie denn darunter: frei geworden?«

»Nun, ich meine, Sie müßten das doch auch kennen. Ich habe wenig Vorurteile, verstehe viele, auch verschieden geartete Menschen, kann mich in vieles hineinfinden und folge im übrigen meiner Natur, wie sie nun einmal ist, geworden ist durch diese und jene Umstände der Vergangenheit und Umgebung. Das nenne ich vor allem frei, daß man sich nicht schämt, täglich tausend Dinge zu thun, die der Verstand nicht erklären noch billigen kann. Zum Beispiel auch, zu leben und glücklich zu sein. Ohne einen Vernunftgrund dafür angeben zu können.«

In Kürze etwa: »Sie sind ein Philister ohne Vorurteile?«

»Jawohl, jawohl,« antwortete sie lebhaft. »Das acceptire ich. Man muß ein Philister sein, aber ein idealer. Man kann nicht leben ohne das. -- Und man _will_ leben«, fügte sie noch mit Bestimmtheit hinzu.

»Und ich sage: man will nicht«, rief Starkblom mit Entschiedenheit und schlug auf den Tisch.

»Nun gut: sterben Sie.«

»Ich meine; man sollte nicht wollen.«

»Nun ja, das ist es ja eben. Das ist eine Theorie. Das kann ich fassen; ich verstehe es vollkommen. Nach dem heutigen Stand unseres Geistes können wir nicht begreifen, wozu wir leben. Ganz recht, ganz gut. Das gebe ich zu. Wir haben nichts Positives, das wir anerkennen, vollständig nichts. Und wir werden auch nie zu den alten Positionen zurückkehren. Wir würden uns schämen. Wir sind keine Romantiker, keine Philister im alten Sinn. Aber wir warten ab, und das ist Grund genug für uns, zu leben. Wir sind neugierig.«

»Wir warten ab? Was denn?«

»Nun, das weiß ich nicht. Irgend ein Falsches vielleicht, wahrscheinlich sogar. Aber das ist nötig. Irgend ein Neues, das überwältigt, ein neuer, dauerhafter Aberglaube, eine neue Religion, wenn es sich auch nicht mehr in diese Worte kleidet. Einfach etwas _Positives_, das allen einleuchtet, das für alle einen Sinn hat. Das alle überwältigt. Wir haben doch alle eine Ahnung, daß etwas in der Luft liegt. Etwas Großes, Nieerhörtes. Sie wollten es ja auch schaffen. Aber Sie konnten nur töten. Nicht zeugen. Also warten wir und leben wir indessen, leben wir freudig. Genießen wir, auch unsern Schmerz. Der gehört dazu, für uns sicher. Das ist Ihnen aber doch alles nicht neu. Sie wollten es nur nicht Wort haben. Vielleicht schämten sie sich. Aber dessen brauchen wir uns wahrhaftig nicht schämen. Wir sind Übergangsmenschen, jawohl, und wir fühlen uns als solche. Und wer so viel durchgemacht hat wie Sie, für den ist das keine Phrase. Nie war eine solche Zeit da wie die unsere. Und die kommende -- die muß ja noch viel unerhörter, gewaltiger werden. Ist es vielleicht so -- ist es nicht so -- habe ich Recht?«

Starkblom hatte ihr voll Bewunderung zugehört. Er hätte nicht gedacht, daß ein solches Weib lebte. Und nun saß sie hier auf dem Sopha und blickte ihn freundlich mit schimmernden Augen an. Es schien ihm ein Märchen. Was er antwortete, war drum auch nur ein mechanisches Vorsuchen eines altgewohnten Gedankens.

»Ich weiß nicht, ich glaube nicht, daß Sie Recht haben. Ich fände das doch ekelhaft, zu ekelhaft, ein solches Leben. Und die kommende Zeit -- was liegt an ihr? Es handelt sich um uns, um mich.«

»Jawohl, natürlich, nur darum. Aber unsere Gedanken und Träume von der Zukunft, und vor allem unsre Neugier, wieviel wir davon noch selbst erleben, und wie oft sich die Perspektive verändert, das ist ja nur ein Teil von uns. Sie sagen: wir haben an nichts mehr Interesse. Und ich sage: o doch, wir interessieren uns noch für sehr vieles. Aber nein: Sie sagen, wir sollten uns für nichts interessieren. Das ist das Falsche. Sie tyrannisieren sich durch Ihr ewiges Grübeln. Der Mensch ist nicht blos Verstand. Wenn Sie sagen: ich will nicht leben, dann spricht blos ein Teil von Ihnen, der andre aber will leben, o ja, o ja, er _will_ leben, und er sollte es sich nicht gefallen lassen, unterjocht zu werden. Er ist mächtiger als alles andre. Er _sollte_ mächtiger sein. Ihr Verstand zehrt an Ihnen. Aber das andere lebt noch in Ihnen, das spüre ich, das fühlt man aus Ihren Schriften. Und das ist gut; sonst stünde die Sache verzweifelt. Sie können sich retten, aber nur Sie selbst sich selbst. Dazu bin ich gekommen, um Ihnen das zu sagen. Kehren Sie zurück zum Leben! -- Das Leben ist schön!«

Lange blickte Starkblom vor sich nieder. Dann sagte er leise:

»Das alles kenne ich, was Sie da sagen. Sie vermuten recht, das ist mir nicht neu. Es hat oft in mir empor wollen, und in letzter Zeit mehr wie je, aber ich habe es bekämpft. Der Geist ist das höchste, was der Mensch hat. Es ist feige, feige, ihn zu unterdrücken. Wozu Sie raten, das ist die Herrschaft der andern Triebe über den geistigen. Das könnte ich nicht aushalten, jetzt nicht mehr; früher vielleicht. Das wäre mir jetzt zu gemein -- auf die Dauer.«

»O nein, das ist es gar nicht. Ich rate zum Genuß, jawohl, aber auch zum geistigen Genuß, zu dem erst recht. Aber geistiger Genuß ist nur möglich in Verbindung mit den andern -- nun sagen wir: Trieben; sonst artet er aus und treibt zur Vernichtung. Sie wollen das leugnen, aber Sie können es nicht. Empfinden Sie nicht Genuß bei solchem Gespräch? Und müßten Sie sich nicht zwingen, aus Gewohnheit und Konsequenzduselei, auch jetzt etwa zu fragen: was hat das für einen Zweck? was steckt dahinter?«

Starkblom wurde unruhig; er konnte ihr Auge, das sie voll und ruhig auf ihn richtete, nicht ertragen. Er kehrte sich ab und sah zum Fenster hinaus. Sie aber wollte nicht nachlassen. Sie fühlte, sie hatte Einfluß auf ihn, und sie freute sich, daß ihr Geist sich im Gespräch mit dem seinen messen konnte.

»Sagen Sie einmal, Starkblom,« fing sie also nochmals an, »was ist das mit dem Weib in Ihrer letzten Brochüre? An zwei Stellen? Das kommt so plötzlich und unvermittelt hinein. Was wollten Sie damit? Wenn es symbolisch sein sollte, gestehe ich, ich habe es nicht verstehen können.«

Starkblom drehte sich rasch um.

»Es sollte nicht symbolisch sein.«

Dann fügte er zögernd hinzu:

»Es war wohl ein Trieb. Halb Sehnsucht, halb Ahnung. -- Unsinn war es, Unsinn.«

»Jetzt verstehe ich vielleicht,« sagte sie leise. »Auch das gehört dazu. Sie sind zu retten, dann erst recht.«

Jetzt sah er ihr fest in die Augen.

»Marguérite, Marguérite,« rief er dann. »Sie treiben ein gefährliches Spiel. Noch lebe ich, verstehen Sie, noch bin ich Mensch! Hüten Sie sich!«

Und er streckte die Hand wie suchend nach ihr aus.

»Ich freue mich, daß Sie leben,« sagte sie ängstlich lächelnd und sich etwas zurückbiegend, »aber Sie sind ein Kind!«

Er fuhr sich verwirrt mit der Hand über die Stirn.

»Wie ... was? Sie meinen ... aber nein, das nicht, das nicht. Nein, nein. Ich will nicht. Sterben Sie mit mir, Marguérite, ich bitte Sie, sterben Sie mit mir. Ich will nicht mehr leben, ich kann nicht.«

Marguérite stand auf, heftig atmend und sehr blaß.

»Starkblom,« sagte sie, »Sie sollten nicht eigensinnig sein. Sie thun sich Gewalt an. Ich würde es vielleicht thun, wenn --«

Sie hielt inne. Starkblom ergriff sie bei der Hand und sah sie mit fieberndem Blicke an.

»Was würden Sie thun? Was? Marguérite?!«

Marguérite konnte nur noch flüstern.

»Sterben, natürlich sterben. Was sonst?«

Starkblom ergriff auch noch ihre andere Hand.

»Du würdest es thun, Marguérite? Du willst? Ja?«

Marguérite konnte nicht mehr. Sie sank in den Sessel, lehnte sich zurück und ließ den Kopf zur Seite hängen.

»Ja, ja, ja. Wenn du willst, ja. Aber nicht jetzt, nicht jetzt. Wir wollen warten. Bedenken. O es _kann_ ja nicht sein.«

Starkblom trat zurück, wie plötzlich ernüchtert.

»Ja, wir wollen warten. Vielleicht -- ach Unsinn.«

Dann griff er sich an den Kopf, wie müde vor Erregung.

»Ach, was ist das heute für ein Tag! Wer hätte das gedacht? Wer hätte das gedacht?«

Auf einmal zuckte es ihm um die Mundwinkel und in seinem Auge leuchtete es irr auf. Dann lächelte er fein, fast boshaft.

»Ich glaube, wir belügen uns, Marguérite. Nicht?«

Und flüsternd, aufgeregt stieß er heraus:

»Wir meinen -- es -- anders -- nicht --?«

Marguérite winkte matt mit beiden Händen, er möge aufhören.

»Laß -- -- laß, Starkblom. Ich will mit dir sterben -- oder leben, wie du willst. Aber schweig jetzt, ich bitte dich. Ich kann -- nicht mehr.«

Und sie lehnte sich müde zurück und schloß die Augen. Starkblom trat ans Fenster und sah starr hinaus. Dann drehte er sich um und schaute sie lange an. Ein Zittern überkam ihn. Er wandte sich wieder ab und zwang sich, auf die Bäume gegenüber zu blicken und hinauf zu den Wolken. So verblieb er lange.

Endlich fuhr sich Marguérite leicht mit der Hand über die Stirn, als wolle sie einen Traum verscheuchen. Dann ballte sie eine Faust und fuhr energisch mit dem Arm auf und ab. Sie konnte sich wieder beherrschen. Sie ließ ihre Blicke im Zimmer schweifen. Auf einem kleinen Tischchen lagen Bücher und Zeitschriften ungeordnet durcheinander. Dicker Staub lag darauf. Sie trat näher und malte gedankenlos Zeichen und Buchstaben auf die Bände. Dann nahm sie eines der Bücher in die Hand und schaute nach dem Titel.

»Ah!« sagte sie freudig.

»Was haben Sie Schönes?«

»›Also sprach Zarathustra‹ von Friedrich Nietzsche. Ich habe es nie in die Hand bekommen, aber viel davon gehört. Ich möchte es kennen lernen.«

»Sie kennen es nicht? Alle Achtung vor Ihnen. Lernen werden Sie nicht mehr viel von ihm können. Aber die Sprache! die Sprache. Es ist ein wundersames Buch. Geben Sie her. Ich will Ihnen einiges davon zeigen.«

Er nahm ihr das Buch aus der Hand, setzte sich, schlug aufs Gerathewohl auf und fing an vorzulesen. Nun las er einen Abschnitt nach dem andern, immer noch einen. So beruhigten sich ihre aufgeregten Sinne allmählich. Sie sprachen dann noch lange, Tiefes, auch Gleichgiltiges. Später gingen sie spazieren und setzten sich ins Grüne. Marguérite erzählte viel von ihrer Jugend, von den mancherlei Menschen, mit denen sie zusammengetroffen. Sie hatte viel zu erzählen und berichtete ohne Scheu. Von ihren letzten Lebensjahren schwieg sie indessen.

Abends sagten sie sich ziemlich früh und ziemlich zurückhaltend, fast ceremoniell Gute Nacht, und Marguérite begab sich in das Fremdenzimmer, das seit Starkblom da wohnte, noch nie benutzt worden war. Sie schaute noch ein wenig zum Fenster hinaus und ließ sich von der Nachtluft abkühlen, dann legte sie sich ins Bett und kreuzte die Hände unter dem Kopf, wie sie zu thun pflegte, wenn sie noch nachdenken wollte. Den ganzen Tag über war es ihr immer von Zeit zu Zeit so gewesen, sie müsse an etwas denken, sie dürfe es nicht vergessen, und jetzt wollte sie sich besinnen. Aber ehe sie noch so weit war, zerflatterten ihre Gedanken in wirres Träumen, und sie schlief ein.

Starkblom aber saß lange noch auf seinem Bett und brütete vor sich hin. Sollte er vergnügt sein und ausgelassen wie ein tolles Kind oder sollten sich ihm die Gedärme vor Ekel über sich selber im Leibe herumdrehen? Er wußte es wahrhaftig nicht. Er hatte die Kniee in die Höhe gezogen und stützte seinen Ellbogen darauf und hielt seinen Kopf. Er blickte starr, mit zusammengekniffenen Augen und gepreßten Lippen. Es fiel ihm nicht ein, sich zu wundern, sein Schicksal erfüllte sich, das war die natürlichste Geschichte von der Welt. Und dann auf einmal hielt es ihn nicht mehr, es drückte etwas von innen gegen die starre Wand seines Mundes und er platzte laut heraus und lachte hell auf und schlug mit der flachen Hand klatschend auf seinen Schenkel. Freilich lachte er sich aus, aber eine jugendliche Freude war auch dabei, und weil er das herausfühlte, mußte er nur immer mehr und immer wieder lachen und losplatzen. So ein Narr! So ein Narr!

Und dann kleidete er sich rasch aus und legte sich ins Bett und löschte das Licht. Er warf sich ein paar Mal hin und her, dann schloß er die Augen fest und blieb ruhig liegen. So, jetzt wird geschlafen, verstanden? Aber Starkblom wollte nicht verstehen. Er kicherte wieder ein wenig. Dann öffnete er die Augen weit und sah lange zur Decke empor. Und als ziehe ihn etwas in die Höhe, richtete er den Oberkörper auf, winkte mit der Hand in die Luft, und sagte mit vernehmlicher Stimme: »Gute Nacht, Marguérite! -- Gute Nacht, liebe Marguérite!« Dann legte er sich wieder ruhig hin und lächelte müde. Und nun kamen ungeordnet aufgeregte Träume und lösten sich in wirrer Reihenfolge ab, bald mit offenen, bald mit geschlossenen Augen. So verbrachte er den größten Teil der Nacht, hin- und hergeworfen von der Unruhe und ohne Müdigkeit. Es war, als habe er die dunstige Nebelhülle, in der er sonst sich so wohlig geborgen und so gut und tief geschlafen hatte, mit eins verloren. Es war so unheimlich klar in seinem Kopfe bei allen fürchterlichen und thörichten Träumen, die rastlos hin- und hergingen, und die Augen waren so kühl und wollten nicht geschlossen bleiben, es war ganz selbstverständlich, daß er nicht schlafen konnte, er hatte gar keinen Grund zum schlafen. Erst spät am Morgen duselte er ein wenig ein.

Auch die nächsten paar Tage lebten sie ruhig und idyllisch neben einander hin. Sie lasen, plauderten, gingen spazieren und lagen im Grünen. Im übrigen hielten sie sich scheu zurück und wollten an das andre nicht mehr denken. Marguérite war es eingefallen, was sie nicht vergessen dürfe, aber sie wollte nicht daran denken. Es wird sich schon finden, es wird sich schon finden. Sie wollte sich gehen lassen.

Starkblom aber ließ sich treiben, wie vom Sturmesbrausen. Er konnte nicht mehr zurück. Er konnte sich nicht mehr halten. Es war über ihn gekommen. Er mußte es vollenden. Hinein in die Flut, nur hinein -- Wer weiß? -- Ja, wer weiß!

Eines Abends, als sie auseinandergehen wollten, um zu schlafen, legte Starkblom seine zitternde Hand auf ihre Schulter. Seine Kniee bebten. Und mit verzerrtem blutleerem Gesicht und brennenden Augen bemühte er sich in ruhigem Ton zu sagen:

»Marguérite, wir müssen die Konsequenz ziehen: warum nicht?«

Sie sah ihn mit entsetzten Augen an: »Du willst sterben? Jetzt?«

Da schrie er laut auf und brüllte:

»Lüge nicht, Marguérite, lüge nicht! Sterben?! Wer denkt ans Sterben? Leben will ich! Dich! Dich!«

Seine Stimme hatte sich überschlagen und knickte ab. Dann fügte er ruhiger, fast feierlich hinzu:

»Marguérite, ich bin der Mann!«

Da kreuzte sie die Arme über die Brust, sah ihn ernst und schmerzlich an und sprach:

»Ich bin das Weib -- ja!«

Und bei dem letzten Wort nickte sie bekräftigend und dann senkte sie den Kopf und blickte nicht mehr auf.

Er biß die Zähne fest in die Unterlippe, atmete schwer und blickte bohrend in die Luft. Er trat zurück und blickte an ihr hinauf. Dann packte er sie plötzlich an beiden Schultern und riß sie an sich. Sie ließ es willenlos geschehen. Dann flüsterte er zitternd:

»Ich danke dir. Komm!«

Als Starkblom besänftigt und wohlig neben Marguérite lag und ihren wundervollen Leib umfangen hielt, da schwand rasch die Scham und der Ekel, die ihn erst hatten überwältigen wollen, und wenn auch sein Körper matt und unbewegt dalag, die bleierne Mattigkeit seiner Seele wollte sich von ihm lösen, und Kraft und Freude und selige Unbewußtheit hielten ihren sieghaften Einzug. Er wurde nicht müde in das ruhige süßes Behagen ausströmende Auge Marguérites zu blicken und ruhig und ohne Aufregung lange Küsse auf ihren Mund und ihre Lider zu heften. Und immer wieder hob sich seine Seele und sein Leib zu der wundervollen stillen Frau, die ihm manchmal sanft über das Haar strich und ihm den Schweiß von der Stirne wischte. Sie sprachen auch manchmal zusammen während der langen schönen Nacht, aber nur kurze hingeworfene Laute, die im Dunkel verwehten, wie wenn den Vögeln nachts ein goldener Traum lind über das Gefieder streichelt und sie befangen weiche Töne den surrenden Lüften vermählen und dann wieder verstummen.

Als das Morgengrauen anfing mit seinen Nebelfingern das Dunkel von den Scheiben zu wischen, senkte sich die Müdigkeit trennend zwischen die beiden und sie verfielen in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

Spät am Morgen schreckte Starkblom plötzlich empor und blickte verwirrt umher. Dann fiel ihm alles ein, er fühlte und sah seine schlafende Gefährtin neben sich und er legte sich lächelnd und behaglich wieder auf die Kissen zurück. Aber er konnte nicht mehr schlafen, er war vollständig frisch und munter. Er betrachtete Marguérite, deren breite, volle Brust sich gleichmäßig hob und senkte, ihre Wangen waren rosig überhaucht wie nie zuvor. So verblieb er lange, er konnte sich nicht satt sehen. Dann wäre er gerne wieder müde gewesen, er legte seinen Kopf, so leicht es ihm möglich war, auf ihre Brust, drehte aber dabei seinen Körper so, daß er ihr ins Gesicht sehen konnte. Bald zuckte es um Marguérites Mund, drückende Träume mochten sie ängstigen, sie stöhnte leise, dann wachte sie auf und sah in Starkbloms Augen. Eine unsagbare Heiterkeit verklärte da ihre Züge, beide sprachen kein Wort; sie blickten sich nur immer an. Auf einmal aber beugte sich Marguérite herunter, legte ihre Arme um seinen Hals und küßte ihn auf den Mund.

»Guten Morgen, mein Lieber«, sagte sie dann frei und heiter.

»Guten Morgen, Marguérite«, antwortete Starkblom fröhlich und dankbar. Dann, während sie sich beide still neben einander legten, fing er an:

»Das kommt mir jetzt erst. Daran hab’ ich noch gar nicht gedacht.«

»Was denn?«

»Das war der erste Kuß, den du mir gegeben hast.«

»So?« meinte sie errötend. »Ja und?«

»Weißt du, ich gebrauche die alten Wörter nicht gern, sie sind so abgescheuert und gemein geworden und waren von Anfang an nicht tief und innig genug. Aber -- du verstehst mich ja, wie ich es meine ... also ... nun eben --.«

»Ist es denn so schrecklich, Karl? Was meinst du?«

»Ich meine, jetzt hast du mich geküßt, und vorher -- ich meine, liebst du mich denn, Marguérite?«

Da drückte Marguérite die Hände fest auf die Augen, runzelte ihre Stirn und nickte langsam und feierlich mehrmals mit dem Kopfe, wie kleine Kinder thun, wenn sie etwas besonders ernsthaft bestätigen wollen. Dann lachte sie kurz in sich hinein und flüsterte ihm ins Ohr: »Ja.«

Starkblom suchte ihre Hand und drückte sie fest und ließ sie nicht mehr los. Dabei legte er sich auf den Rücken und träumte in die Höhe. Dann lächelte er und lächelte immerfort, bis ihm das Wasser in die Augen trat.

»Was hast du denn?« fragte Marguérite, die ihn beobachtete.

»Ach, es ist mir nur eben etwas eingefallen«, meinte er, immerzu lächelnd.

»Was denn, sag’ mir’s doch.«

Er schwieg ein bischen, dann sagte er:

»Mein armes, kleines Lorchen.«

»Deine Frau?« fragte sie leise, und er nickte.

Da schämte sie sich und sie wußte doch nicht warum. Es mußte wohl etwas Großes sein und ein freier Ernst, der jetzt durchs Zimmer schwebte. Und voll von dem dunklen Gefühl beugte sie sich zu ihm hinüber und küßte ihn auf die Stirn.

Nach einer Weile fragte er:

»Hattest du nie ein Kind, Marguérite?«

»Nein,« sagte sie leise errötend.

Da stand er auf, kniete vor ihr Bett und sagte, indem er die Hand auf ihren Kopf legte:

»Du wirst eins bekommen.«