Der Todesprediger

Part 8

Chapter 83,843 wordsPublic domain

Was ist ein Leben, wo die Ueberraschung fehlt und der Zufall und das Plötzliche und die Blindheit? Wo es eine Ueberlieferung giebt und eine Vermittlung und ein Rechnen? Ein Rechnen mit Gewesenem, ein Berechnen des Kommenden? O Natur, wie neide ich dir dein Glück! Seht diesen Wassersturz hoch vom Berge hinab in die Tiefe! Wie wandelt die Welle hier noch so friedlich, wie freut sie sich ihrer grünen Ufer und ihrer Blumen und Steine und plötzlich da -- das Ereignis, das sie niemals geahnt! Sie stürzt hinab, tief, tief! O dieses Brausen und Schäumen, dieser Jubel des Nieerhörten und Niewiederkehrenden! Diese Seligkeit des Vergessens und des Entdeckens und des wieder Vergessens. Wie viele Wasser sind schon da hinabgestürzt und keine Woge hat es der andern gesagt, kein Papier verbindet die einzelnen Tropfen und trennt sie von ihrer eigenen Herrlichkeit. Aber bei uns -- ewig Gewesenes! Wollen wir denn nicht endlich und endlich das Alte töten? Sind wir noch nicht altersschwach? Ich bin es, ich bin es -- ich breche zusammen unter der Last des Vergangenen. O könnte ich alle Ueberlieferung töten, dann, ja dann wollte ich leben. Ich kann sie töten, wenn ich mich töte. Dann bin ich ein Teil der Natur -- nein, nein, dann ist ich nicht mehr, dann ist sie, sie, die Natur! Ich hasse euch, weil ihr noch leben wollt, ihr Narren! Ich _will_ noch nicht sterben, ich muß warten, ob ihr euch nicht doch noch entschließet, mit mir zu gehen, damit Mensch aufhöre zu sein. O ich würde nicht zu euch reden, wenn ich wüßte, wie ich euch morden kann! Euch alle zusammen! Ich will nicht, daß noch einer kommen muß nach meinem Tode, der dasselbe erleben muß. Ich will nicht. Ich will, daß mein Tod einen Sinn hat. Mir ekelt vor meinem letzten Gedanken. Mir ekelt vor dem Alleinsein.

* * * * *

Das große Ereignis, das Starkblom immer verkündet hat, ist eingetreten. Die »Secte von Altersschwachen und übergeschnappten Lebemänner«, wie sich noch ganz kurz vorher radikale Parteiführer ausgedrückt hatten, hat die ganze civilisierte Welt erobert. Ein religiöser Taumel riß alle hin, die mit der Bewegung in Berührung kamen. Die große Arbeitermasse, die bisher dem Sozialismus gefolgt war, ist mit eins müde geworden der Hoffnung auf das Leben und hat eingesehen, daß ihre revolutionäre alles verneinende und umstürzende Leidenschaft wohl einen Grund hat und darum ihre Berechtigung, aber keinen Zweck. Sie haben eingesehen, daß nicht der Zweck d. h. der Wahn, das Recht schafft, sondern der Grund, und das ist in diesem Fall die Unterdrückung und die Hoffnungslosigkeit. Sie wollen sterben, warum nicht, sie wären ja doch gestorben, aber vorher wollen sie noch einreißen! Ist es Rachsucht, was sie treibt, ist es Wahnsinn, ist es Verführung? Wer weiß es und was liegt daran. Man denkt nicht mehr in dieser Zeit der taumelnden Auflösung, man genießt seine Leidenschaft und man handelt. Sie hören auf zu arbeiten, sie zertrümmern die Maschinen, die Armeen werden angesteckt und laufen auseinander, Männer und Frauen hören auf sich zu bekleiden und gehen nackt durch die Straßen, denn sie haben keinen Schnupfen mehr zu fürchten, es wäre doch ihr letzter. Die Staatsgewalt ist ohnmächtig und hört auf zu sein. Man raubt seine Bedürfnisse, der Vorrat ist groß genug für die kurze Zeit; fürchterliche Wildheit fletscht ihre Zähne und bricht überall aus und doch durchflutet die meisten eine Ahnung von der seligen Schönheit ihres bewußtlosen Thuns; Männer und Frauen umarmen sich auf öffentlichen Plätzen; wer dem andern ins Gehege kommt, wird ermordet, zahllose Einzelne und Paare sterben schon jetzt, die neugeborenen Kinder werden fast alle getötet.

* * * * *

Als die Dinge soweit waren, bekam Starkblom eines Tages einen heftigen Weinkrampf und am Tage darauf einen furchtbaren epileptischen Anfall, aus dem er kaum mehr erwachen wollte. Als er aber nach ein paar Tagen sich wieder erholt hatte, stellte er sich von neuem an die Spitze der Bewegung, soweit sie sich noch beherrschen ließ. Er wollte sich nicht täuschen lassen durch den anscheinend vollständigen Sieg seiner Sache; es war noch vieles zu thun. Er saß jetzt meist einsam oder umgeben von seinen Vertrautesten im stillen Zimmer und schmiedete Pläne oder hielt Kriegsrat. Es konnten sich in später Zukunft aus den wilden Völkerschaften, die noch nicht ergriffen waren, auch wieder civilisierte Menschen entwickeln. Das durfte nicht sein. Er schlug vor, einen gewaltigen Kriegszug auszurüsten, zunächst ins Innere Afrikas. Einer seiner Jünger aber meinte, das halte zu lange auf. Man solle Prediger hinschicken. Die Idee des Todes sei so einfach und überzeugend, daß auch diese rohen Menschen sie verstehen müßten. Einstweilen müsse man in Europa mit dem großen Tode beginnen. Sonst verflache die Bewegung wieder. Es müsse jetzt gehandelt werden.

Aber wie es mit den hochentwickelten Tieren sei, wandte ein anderer ein. Sie haben das Selbstbewußtsein, täuscht euch darüber nicht. Wäre es nicht ekelhaft, wenn wir sterben würden und müßten diese am Leben lassen. Hunde, Pferde, Ameisen, Bienen, diese vor allem müßten mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden.

O all unser Thun ist nur Stückwerk, seufzte da ein ganz junger Mann, der bisher fast am leidenschaftlichsten in der Bewegung gewirkt hatte. Ich fürchte, auf dem Mars leben auch denkende Wesen. Die können wir auch nicht erreichen. Wir wollen jetzt sterben, aber alles was wir möchten, können wir doch nicht ausführen. Nicht bloß die Menschen, nicht nur die Tiere, nicht nur diese Erde, nein, die ganze Natur, die Welt müßten wir zerstören können. Und können wir das?

Verfluchter Verräter! Treuloser! schrieen die andern. Du beschimpfst unsre gute Sache. Und sie drangen mit erhobenen Fäusten und blanken Schwertern auf ihn ein.

Da lachte der Jüngling wild auf. Haha, haha! Ihr wollt mich töten, ihr Todesfrohen? Laßt mich doch leben, das wäre die rechte Strafe! Aber ihr mahnt mich recht, ihr Narren. Wenn ich tot bin, dann ist auch die Welt tot -- für mich. Was liegt mir an euch?

Und er ging ins Nebenzimmer, wo ein wunderschönes fünfzehnjähriges Mädchen schlief, totmüde von dem wilden Toben dieser Tage. Er weckte sie rasch, riß die Schlaftrunkene an sich und umarmte sie stürmisch. Dann riß er das Fenster auf, umschloß sie eisern mit seinen Armen und beugte sich weit vor. Ein heftiger Schlag, und die Leute unten fanden zwei unförmliche Leichen.

Starkblom schwamm es vor den Augen. Das war das bekannte Zeichen. Der Anfall drohte wieder. Doch ging es diesmal wieder vorbei: Kurz lachte er auf. Der Mann hat recht. Es ist bald Zeit für uns. Die andern mögen für sich selbst sorgen.

* * * * *

Graut euch vor mir und meinem Doppelgänger? Ihr wendet euch mit Entsetzen ab vor den Ergüssen meines verrückten Hirns? Ich aber sage euch: ich preise diesen Starkblom, er hat das wahre Glück, er hat es schon vor dem Tode. Er glaubt an sich, wie der Kirschbaum an sich und seinen Blütenschnee glaubt, bevor der Frost kommt und seine Blüte verdirbt, wie die Lawine an sich glaubt, die krachend ins Thal hinabschmettert. Wußtet ihr nicht, daß die Natur grausam ist für schwächliche Zuschauer? Warum seid ihr auch Draußenbleiber, ihr winzigen Narren, mit eurem Denken und eurem Jämmerlein und eurer Moral und euren Hosen? -- Starkblom der Erste ist heute wieder einmal fröhlich und guter Dinge, er ahnt den Zweiten in sich und ahnt den Tod und die Unbesonnenheit und Selbstverständlichkeit und den freien Wurf und die Kälte -- die ihr Narren Unverfrorenheit zu nennen beliebt. Ich pfeife auf euch, meinetwegen könnt ihr immerhin leben, ihr belustigt mich! Laßt euch nicht einfallen zu verzweifeln und zu winseln und den Tod zu begehren und zu wähnen, ihr wäret mir gleich! Wer weiß -- ob ich dann nicht leben will -- um mein Gelächter noch eine Weile zu genießen?

* * * * *

Und immer mächtiger und mächtiger schwollen die Heere der Sterbenden an. Und auf einmal war das Vorpostengefecht aus, es knatterten nicht mehr an allen Ecken Europas vereinzelte Schüsse, ganze Städte sprengten sich in die Luft, und von allen Seiten wie auf ein Commando strömten die Landbewohner herbei und stürzten sich in die Flammen der brennenden Straßen und Wälder. Eisenbahnzüge über Eisenbahnzüge fuhren nach allen Richtungen hinaus -- den Meeren entgegen, und bald waren nicht nur Tausende und Hunderttausende, nein Millionen und Abermillionen von Menschen versenkt in den Tiefen der Oceane. Die Haustiere wurden vielfach mitgenommen, sonst kümmerte man sich um nichts mehr. Starkblom blieb mit einem getreuen Stab von einigen Tausenden zurück in der Mitte Deutschlands und lenkte und berechnete die Bewegung. Er sandte seine Leute aus nach allen Seiten und bald konnten sie zurückkehren wie die Taube mit dem Ölzweig: nirgends mehr ein Mensch zu sehen. Da verließ er seine Umgebung mit einem Mal und reiste weg. Er war verschollen. Fieberhafte Aufregung befiel seine Getreuen. Schon murmelte man hie und da vom Verräter. Er wolle sie alle noch in den Tod treiben und dann am Leben bleiben ganz allein. Sie hatten unrecht -- zunächst. Er wollte sich nur noch einmal satt sehen an der Erde. Und er sah sich satt. -- Niemals in seinem ganzen Leben hatte er sich so selig, so erhoben gefühlt wie jetzt, da er ganz allein durch Thäler und Gebirge schweifte, die Ruinen der Städte und Dörfer sah und in die Lüfte emporjauchzte: Allein! allein mit der Natur! Dann aber schien ihn der wahnsinnige Gedanke wirklich anzufallen. Er näherte sich wieder dem Platze, wo er seine Gefolgschaft vermutete und eines Nachts schlich er sich in ihr Lager. Es schien ihm zu glücken was er wollte. Niemand sah ihn. Und er trat in das Zelt zu dem Weibe, das er suchte, und weckte sie. Dann flüsterte er erregt auf sie ein und hielt sie umfangen, an allen Gliedern zitternd. Und er schien zu siegen. -- Sie folgte ihm. Sie flüchteten hinaus in die Einsamkeit, in ein wundersames Thal. Niemand hatte ihre Spur gefunden. Adam und Eva! jauchzte er, als sie allein waren und gerettet, wie es schien. Wir beide allein im Paradies -- Sie mögen sterben, sie sollen sterben! Wir bleiben zurück und gründen ein neues Geschlecht. Wir wollen leben, wir schaffen ein neues, herrliches Leben, eins mit Natur und Vernunft. -- Indessen wurden er und sie -- denn man hatte ihre Flucht entdeckt und ahnte schlimmes -- eifrig gesucht. Nach einigen Wochen aber stellte er sich freiwillig ein bei der Schaar seiner Freunde und zwar -- allein. »Verzeiht mir, meine Freunde,« sagte er kurz und freundlich, »ich habe einen letzten Versuch gemacht. Doch auch der ist unmöglich. Das noch am wenigsten. Ich habe das Weib mit diesen meinen Händen erdrosselt. Nun wohlan, wir wollen sterben, ich bin bereit. Jetzt bin ich reif.«

* * * * *

Und sie zogen an die sonnigen Ufer des Rheins. Es war zur Zeit der Rebenblüte. Dort führten sie noch mancherlei wundersame Comödie auf, als trennten sie sich nur ungern von dem Gedanken an den Tod. Denn sie ahnten, wenn sie erst tot waren, hatten sie nur wenig Vergnügen davon. Starkblom war wieder aufgethaut und äußerst gesprächig geworden. »Was die Erde wohl ohne uns anfangen mag?« sagte er einmal. »Wir waren doch sicher ihre größte Unterhaltung. Ich hoffe, sie langweilt sich ohne uns zu Tode und stürzt in die Sonne. Vielleicht bringt das dann so große Unordnung in die Welt, daß alles durcheinander kommt und alles wieder zu eins wird und nichts mehr gesondert ist. Denn wisset, das will ich euch noch sagen: eins und nichts -- das ist dasselbe. Die Besonderung und die Verschiedenheit erst hat Welt und Leben und Bewußtsein erzeugt. Ist die Welt erst eins, dann ist nichts mehr, dann ist das Nichts da, das absolute Nichts.«

Und dann stürzten sie sich hinein in die Fluten -- allesamt. Und nach kurzer Frist war das Gelächter und der Gesang und das Angstgeschrei verstummt -- denn einige schrieen auch -- und menschlos war die Erde weit und breit. Der Rhein aber floß ruhig weiter, und bald kamen die Tiere des Waldes und spitzten die Ohren und tranken aus kühlen Gewässern, und grün umwucherte die Pflanzenwelt die ganze Erde und umspann die Trümmer der Menschenbehausungen, und ein Singen und Jubilieren der Vögel erhob sich wie nie zuvor, und die Blumen leuchteten und dufteten in süßer, nieerhörter Pracht, und die Bäume rauschten und erzählten es den Winden, und die Stürme heulten es weiter, und die Erde brauste klingend ihre Bahn dahin: er war tot, er war tot! der große Peiniger!

* * * * *

Und jetzt greife ich mir an den Kopf und der geneigte Leser thue desgleichen. Beruhige er sich, er lebt noch, und ich werde ihn auch nicht ermorden. Ich aber bin Starkblom, nicht Starkblom der Todesprediger und nicht Starkblom der Epileptische -- bloß Starkblom der Erste, Starkblom der Leidende und Starkblom der Sterbende. Ja, ich werde sterben, ihr werdet nichts mehr von mir hören. Und so wünsche ich euch denn zum letzten Male ein herzliches Sterbewohl.

=Karl Starkblom.=

❦

Fünfter Abschnitt.

Ein paar Wochen, nachdem diese Schrift Starkbloms erschienen war, stand in einer hellen Mansardenwohnung in Paris ein junges Weib von schier übermenschlicher Größe über einen Tisch gebeugt, damit beschäftigt, das Notwendigste in eine kleine Reisetasche zu packen. Ein Mann mit kurzgeschorenem, meliertem Vollbart, der aber noch viel jünger zu sein schien, als seine grauen Haare und sein gefurchtes Gesicht hätten vermuten lassen, lag, eine Cigarette rauchend, auf dem Sopha und schaute lächelnd wie ein Spitzbube, dem ein feiner Plan gelingen will, zu, wohl auch voll Vergnügen über die wundervolle Gestalt des Weibes. Sie hatte sehr ebenmäßige Formen, sie war nichts weniger als schlank, was sich auch zu ihrer Größe nicht hätte schicken wollen, ihr Gesicht war breit und zeigte ein ungemeines Wohlwollen, auch ihre Augen blickten groß und gütig und verständnisvoll in die Welt; ihre Stirne war frei, aber weder hoch noch gewölbt, die Haare trug sie kurz geschnitten und glatt gescheitelt.

Sie war jetzt fertig und schloß die Tasche.

»Sag’ einmal, Hänschen«, damit nahm sie das Gespräch wieder auf, »willst du wirklich nicht gleich mitkommen? Ich gehe natürlich auch so, sehr gern sogar, aber es ist doch die eigentümlichste Situation meines ganzen Lebens.«

»Das doch schon seltsame genug aufzuweisen hat«, fiel er lachend ein. »Nein, meine liebe Marguérite, ich komme nicht mit. Das würde gar nicht in meinen Plan passen. Du hast doch alles verstanden, wie ich es meine? Nicht wahr? Mich erwähnst du natürlich gar nicht. Du mußt ganz thun, als ob ich nicht existierte. Und dann, wenn du meinst, es sei an der Zeit, dann telegraphierst du. Ich komme dann sofort. Ich freue mich heidenmäßig und ich glaube, die Sache gelingt.«

»Das weiß ich noch lange nicht. Mir ist gar nicht so wohl dabei. Wenn er mir zum Beispiel, kaum daß ich sein Zimmer betreten habe, die Thüre weist?«

»Das thut er ganz sicher nicht. Der Mann fühlt sich ja kläglich vereinsamt, das spricht ja aus jeder Zeile. Ich vermute ganz etwas anderes.«

Dabei lächelte er und pfiff vor sich hin.

»Nun?«

»Hm, hm.«

»Ich weiß nicht, ich halte es für sehr leicht möglich, daß er sich schon getötet hat, ehe ich ankomme.«

»Hm, freilich, das ist nicht ausgeschlossen. So etwas ist nie ausgeschlossen. Das Sterben ist meist eine Sache des Augenblicks. Aber bei ihm glaube ich’s doch nicht. Weißt du, darin fühle ich mich ihm doch verwandt. Wir sind Männer des Abwartens. Der überlegt sich’s hundertmal, aber auf einen Impuls hin, plötzlich, thut er’s kaum. Aber weißt du, was ich meine?«

»Ja?«

Er schaute ihr voll in’s Gesicht.

»Er wird sich in dich verlieben, Marguérite, toll, leidenschaftlich verlieben.«

Sie errötete langsam, doch schlug sie die Augen nicht nieder.

»Und ich?«

»Das kann ich dir wirklich nicht sagen. Ihn kenne ich ja nicht. Für ausgeschlossen halte ich’s aber gar nicht, daß auch du -- Nun, das wird sich finden. Daß du in solchem Falle keine Rücksicht auf mich zu nehmen brauchst, weißt du.«

»Gewiß, das weiß ich. Ich könnte auch keine nehmen, mein liebes Hänschen.«

»Nun, wir blieben darum doch die Alten«, sagte er mit leuchtenden Augen, ergriff ihre herabhängende Hand und drückte sie an die Lippen.

Dann sprang er auf und ging im Zimmer auf und ab. Endlich blieb er wieder vor Marguérite stehen.

»Die Sache freut mich, weißt du, die Sache freut mich königlich. Immer, wenn ich anfange mich zu langweilen, sendet mir doch ein gütiges Geschick etwas neues, noch größeres. Weißt du, diese Bombengeschichte wird nun schon recht, recht langweilig.«

»Aber es sind doch tüchtige, ungewöhnliche Menschen.«

»Gewiß sind sie das, gewiß. Aber weißt du, in der Vorbereitungszeit, anfangs, da gefielen sie mir doch besser. Jetzt, wo sich die Folgen einstellen, wo ein paar verhaftet sind und andere vor der Ausweisung stehen, jetzt legen sie sich ein bischen Pathos an und einige deklamieren schon märtyrermäßig. Und weißt du, _das_, nein, das steht ihnen nicht gut.«

»Aber Jean, du übertreibst ja. Was du Pathos nennst, ist doch auch meist nur Hohn. Ich glaube, sie sind freie Menschen geblieben, die sich für nichts besondres halten, aber die Welt für noch viel weniger.«

»Nun, ich lasse ihnen ihr Vergnügen gern. Aber auf die Dauer ist’s doch nichts für mich. Ein Sporn zur Ernsthaftigkeit liegt doch auch noch darin, und du weißt, das mag ich nicht. Drum ist’s gut, daß mir die Geschichte dazwischen kam.«

»Ein klein wenig ernst ist’s dir damit aber erst recht. Ich meine sogar, sehr viel Ernst.«

»Meinst du? Das leugne ich gar nicht. Aber doch nur, weil mir’s Spaß macht.«

»Nun, das ist eine Erklärungsart, wie andere auch.«

»Meine weise Pythia, ich weiß schon, du bist anders als ich, ein wenig, nicht so gar. Drum schicke ich dich jetzt auch zu einem fürchterlich ernsthaften Kerl.«

»Ich fürchte ihn nicht. Auch glaube ich, ist er unserm Standpunkt schon sehr nahe gekommen. Es braucht nur noch einen Ruck, dann haben wir ihn. Weißt du, was ihm hauptsächlich fehlt?«

»Nun? Übrigens ist es bald Zeit für dich.«

»Natur fehlt ihm. Verstand hat er genug.«

»Natur ... Natur? Ja die fehlt mir auch. Die hast nur du, meine Marguérite. Aber weißt du, ich habe mir einen Ersatz zurecht gemacht im Lauf des Lebens. Es ist doch etwas großes, daß der Mensch jetzt auch seine behagliche Existenz sich schaffen kann, weit weg, weit von der Natur. Im Gegensatz zu ihr.«

»Nun, schiffbrüchig seid ihr doch alle. Ihr denkt nur nicht mehr daran. Jetzt will ich aber gehn.«

Sie setzte den Hut auf.

»Also, mein großes Kleinod, leb’ recht -- Das heißt, ich werde dich zur Bahn begleiten. Also du begreifst alles? Du wirst’s gut machen?«

»Verstanden hab’ ich alles, auch thu’ ich’s nicht dir zu Liebe, sondern weil’s mir selbst Bedürfnis ist, den Mann zu sehen und ihm zu helfen. Ich thue, was ich kann.«

»Dann ist’s gut, sehr gut. Komm, ich will dich noch küssen, bevor wir gehen.«

Marguérite beugte sich tief zu ihrem Hänschen herunter und küßte ihn auf den Mund. Dann ging das ungleiche Paar die Treppe hinab.

* * * * *

Zwei Tage später, morgens gegen 3 Uhr, stand Marguérite vor dem Weißen Hause. Sie betrachtete die freundliche Villa ein Weilchen und holte Athem, dann öffnete sie die Hausthür und stieg die Treppe hinauf. Im Flur sah sie niemanden. Sie klopfte an eine Thüre, keine Antwort. Nun öffnete sie. Es war ein Schlafzimmer, das wohl erst vor kurzem verlassen worden. Das Bett war noch nicht in Ordnung, die Luft nicht die beste. Sie blieb eine kurze Zeit zwischen Thür und Angel stehen, dann trat sie rasch entschlossen ein. Eine Thüre, die geschlossen war, führte wohl in die andern Zimmer. Sie hörte auf- und abgehende Schritte und verworrenes Brummen. Das mußte er sein. Sie stellte die Reisetasche auf den Tisch und legte den Hut ab. Dann goß sie aus dem Kruge etwas Wasser über ihre Hände und benetzte ihre Augen und ihr Haar. Nachdem sie sich abgetrocknet hatte, blieb sie noch eine Zeitlang stehen, die Hände auf die Brust gelegt und schwer atmend. Dann ging sie leise zur Verbindungsthür und krümmte den Zeigefinger um anzuklopfen. Rechtzeitig aber noch ließ sie die Hand sinken und schüttelte den Kopf. »Das wäre nichts,« flüsterte sie leise. Dann öffnete sie beherzt die Thüre. Sie blieb stehen und hielt den Athem an. Am Fenster gegenüber, das geöffnet war, stand ein Mann, ihr den Rücken zukehrend, in Hemdärmeln. Seine Augen blickten wohl ins Thal hinunter, währenddem aber waren seine Hände angestrengt bemüht, einen Kragen, der ihm vermutlich viel zu eng war, anzulegen. Sie hörte wieder das brummende Ächzen. Um ihre Mundwinkel zuckte es leicht. Auf einmal aber ließ seine Hand den Kragen los, er stampfte heftig mit dem Fuß auf und schlug sich mit der Faust an die Stirn. Dabei rief er laut:

»Herrgott Donnerwetter, der Kerl macht mich noch verrückt!«

Da konnte Marguérite nicht mehr. Sie lachte laut auf.

Starkblom zuckte heftig zusammen und drehte sich rasch um.

»Wie -- was -- wer sind Sie denn? was wollen Sie? wie kommen Sie denn hierher?«

»Davon nachher. Vielleicht erlauben Sie, daß ich Ihnen zuerst helfe den Kragen schließen?«

Starkblom blickte sie mißtrauisch an.

»Aber entschuldigen Sie, wie kommen Sie denn hierher? Wo haben Sie denn Ihren Hut?«

»Den habe ich im Nebenzimmer abgelegt. Ich sah niemanden und trat deswegen gerade herein. Ich komme von weit her, um mit Ihnen ein vernünftiges Wort zu sprechen. Erlauben Sie jetzt --?«

Starkbloms Miene heiterte sich auf. Er lächelte.

»Ach so, Sie haben gelesen --? Die Brochüre? Nicht wahr? Und kommen zu mir? Sehr schön. Und da wollen Sie mir -- den Kragen zumachen? Nun -- immerhin, meinetwegen.«

Sie trat näher und machte sich ans Werk.

»Sind Sie aber groß!«

»Bitte stillhalten, ~Monsieur~, sonst geht’s nicht.«

»Aber Vorsicht, bitte, Sie erwürgen mich ja!«

Sie ließ die Hände wieder sinken und schaute ihm lachend ins Gesicht.

»Wäre das denn so schrecklich?«

»Jaja, jaja, lachen Sie mich nur aus. Sind Sie deswegen gekommen?«

»Ein wenig, ja.«

»Soso. Nun, dann möchte ich Sie bitten, mir den Kragen vollends in Ordnung zu bringen, und dann -- ja dann werden Sie wohl wieder gehen können. Oder wollten Sie noch etwas anderes als Ihr Amusement?«

»Gewiß, gewiß, auch noch etwas anderes. Aber jetzt Ruhe. So, jetzt wären wir fertig. Drückt er Sie nicht?«

Starkblom warf ihr einen grimmigen Blick zu. »Nein,« sagte er dann kurz. Er ging noch etwas im Zimmer hin und her, dann nahm er seinen Rock von dem Haken an der Wand und zog ihn an.

»So. Wollen Sie vielleicht Platz nehmen, mein -- Fräulein? Oder --?«

»Das ist gleichgiltig. Aber nennen Sie mich lieber Frau.«

Sie setzte sich an den Tisch. Starkblom blieb vor ihr stehen und betrachtete sie. Dann kratzte er sich an der Stirn. Er fand die Situation recht unbehaglich.

»Woher kommen Sie denn?«

»Von Paris.«

»So? Schöne Stadt?«

»O ja.«

»War nie da. -- Soso. Merkwürdig.«

Es trat eine Pause ein. Dann fing Starkblom wieder an:

»Nun also -- wenn Sie das Ding gelesen haben und verstanden, dann kennen Sie mich ja ein wenig. Ich habe keine Lust, mich zu unterhalten. Ich kann’s auch nicht. Mir preßt’s die Kehle zusammen --«

Marguérite lächelte gutmütig.

»Zum Teufel noch einmal, kommt Ihnen schon wieder der verfluchte Kragen in den Sinn? Weiber, Weiber!«

»Kennen Sie denn die Weiber?«

Starkblom schaute sie groß an.

»Wirklich, nicht sonderlich. Ich hab’ zwar früher einmal eine Frau gehabt, wissen Sie, damals, als ich noch -- aber was, das interessiert Sie ja doch nicht. Was wollen Sie denn?«

»Es interessiert mich, Starkblom. Damals als Sie noch -- glücklich waren?«

»Ach was, glücklich! Ein Philister war ich! Sie war ein Weib wie andere mehr. Ein Glück für sie, daß sie tot ist. Sie würde mich nicht verstehen, wie ich heute bin. Versteht mich überhaupt niemand. Verfluchte Welt.«