Part 7
Und wollt ihr immer noch behaupten, der Kapitalismus sei es, der das bewirke, dieses Entsetzen vor dem Leben und diese Sehnsucht nach todesähnlichen Zuständen? O nein, geht mir weg mit eurer Lüge vom bösen Gewissen oder was ihr ersinnen wollt. Wir haben ein recht gutes Gewissen und die Ausbeutung stört uns wenig. Hunderte und Tausende giebt es und hat es schon immer gegeben, und es sind, ihr könnt sagen was ihr wollt, die edelsten und höchsten unter den Menschen, die dahin leben, als wäre die Menschheit schon viel weiter als euer Sozialismus sie bringen will, die sich nichts, aber auch gar nichts um die Produktion bekümmern, und in deren Familie ist es schon so seit Generationen, als ob eine unsichtbare und auch ganz gleichgiltige großartigste Maschinerie ihnen alle Bedürfnisse und allen Luxus des Lebens lieferte, sie haben ein gutes Gewissen, denn sie wissen gar nichts und wollen nichts wissen von eurer Entdeckung, daß die Maschinerie, die sie bedient, aus Menschen besteht, aus armen, schwitzenden geknechteten Menschenkindern; folglich kann diese kapitalistische Einrichtung sie gar nicht berühren und berührt sie auch nicht. Zu diesen Menschen, die wie Götter schreiten auf der Höhe hinweg über die Rücken arbeitender Lohnsklaven, gehören unsere erlesensten Denker und Dichter -- und doch, was halten diese schließlich vom Leben? Meinte nicht Goethe am Ende seines Lebens, wenn er alles zusammennehme, wahrhaft glücklich sei er nur ein paar Stunden gewesen in seinem ganzen langen Leben? Wer wollte diesem erschütternden Bekenntnis nicht glauben? Ein paar wenige Stunden! Und dieser Mann gehörte zu den glücklichsten Menschen, die je gelebt haben! Und wessen Fanatismus der Dummheit ist so grenzenlos, daß er behaupten will, daran seien die ökonomischen Verhältnisse schuld? Nein, nein und abermals nein! Der Grund liegt tiefer, liegt in der ganzen unseligen Natur des Menschen und des Lebens! Der Grund ist, daß der Mensch ein denkendes Tier ist, daß er den Begriff des Zweckes kennt, und doch niemals, nie und in Ewigkeit nie einen Zweck seines Daseins, an den er glauben kann, finden wird. Und wenn einer geglaubt wird, immer wieder hat der Mensch dann gefunden, das sei kein Zweck, dahinter stecke kein Sinn, dafür zu leben verlohne sich nicht. Und das wird so bleiben, ihr mögt an den ökonomischen Grundlagen ändern, soviel ihr wollt. Und wenn gar keine Arbeit mehr notwendig sein wird, wenn der Mensch in freier Willkür thun kann, was seinem Körper und seinem Geist frommt, und wenn er so bis auf einen einzigen Punkt ein Gott genannt werden dürfte, der Teil wird immer in ihm sein, der fragt: wozu das ganze und nochmals wozu? und der keine Antwort mehr findet, keine, ewig keine.
Bis auf eines, habe ich gesagt. Wenn das eine nicht wäre, dann wäre er ein Gott, ein vollkommener Gott, nämlich ein Wesen, dessen entsetzliches Elend vollkommen wäre. Müßte der Mensch _ewig_ leben und _ewig_ fragen, wozu -- o der Gedanke ist nicht auszudenken, laßt mich schweigen und mich freuen, daß es nicht so ist. Ja, eines giebt es, dessen freue sich der Mensch und dem jauchze er zu, dem singe und juble und tanze er entgegen, in diese lachende Höhe werfe er sich tief, tief hinein, und er wage es jetzt gleich sich zu stürzen in diesen herrlichen, strahlenden Abgrund des Glückes: _das ist der Tod_, jauchzet und empfangt ihn mit offenen Armen, meine seligen Freunde, _das ist der Tod_!
Ihr steht verblüfft, meine Freunde? Ihr habt alle schon ähnliches erwogen, aber nun ich es ausspreche ohne jeden Umschweif, nun sucht ihr Ausflüchte, nun wollt ihr auf einmal noch etwas finden, das das Leben lebenswert machen könnte? Suchet nur, ich sage euch, ihr werdet nichts finden.
Die Sozialisten sind Thoren. Sie leben ganz im Kampf für ihr Ziel und bedenken nicht, daß eine Zeit kommen könnte, wo ihr Ziel ganz und gar erreicht ist. Was dann? Nun, dann ist alles herrlich und in Freuden. Dann haben sie den Himmel auf Erden, wie sie uns oftmals versichert haben. Mir aber sagt das Wort Himmel sehr wenig, ich will euch eine andere Schilderung geben.
Denkt euch also, die sozialistische Gesellschaft ist da. Denkt euch, sie ist schon sehr lange Zeit da und schon gänzlich konsolidirt. Die Technik hat noch riesenhafte Fortschritte gemacht. Unangenehme Beschäftigungen giebt es ganz und gar nicht mehr. Die Kinder werden körperlich und geistig aufs höchste ausgebildet, gegen einen fünfzehnjährigen Knaben aus jener Zeit, ist unser größtes Genie ein armes Waisenkind. 1½ Stunden täglich etwa geht jeder Erwachsene zur Arbeit, das ist für den Einzelnen eine Erholung und für die Gesamtheit genügt diese Zeit doch zur Produktion und Distribution aller Bedürfnisse, so hoch diese sich auch gesteigert haben. Die Technik hat sich eben in noch viel großartigerem Maße gesteigert. Die übrige Zeit vertreibt jeder mit dem, wozu er Neigung hat. Nun, meine Freunde, glaubt ihr nicht mit mir, daß wenn dieser anscheinend so herrliche Zustand sich immer mehr vervollkommnet und immer mehr zur Gewohnheit wird, daß dann die ganze Nation, was sage ich, die ganze Menschheit mehr und mehr in ihrer Masse sich _einem_ hingeben wird, nämlich der _Philosophie_, daß sie, nun sie keine Nöte mehr zu bestehen hat und der Kampf mit dem Materiellen zum Spiel geworden ist, Zeit hat, den ganzen Tag zu denken, an sich zu denken, und zu fragen: wozu sind wir denn eigentlich da? Wozu dieser ganze ungeheure, wundervolle, komplizierte Apparat? Sind wir Selbstwerk? Nein, unmöglich, sonst würden wir nicht danach fragen. Sind wir ein Glied im großen Ganzen der Welt? Ja, was geht uns denn die Welt an? Wir wissen ja gar nichts von der Freude, die sie an unserem Dasein hat, wir nehmen ja keinen Teil daran, wir sind ja ausgeschlossen. Und dann, das würden diese göttlichen Menschen immer und immer wieder fragen müssen: besteht denn eine Einheit und ein Zusammenhang der Menschheit? Giebt es denn in der wirklichen Erscheinungswelt eine Gesammtheit? O nein, würden sie antworten müssen, über solche zusammenfassende Abstraktionen sind wir ja längst hinaus, der einzelne Mensch ist freilich kein Konglomerat blos von einzelnen Zellen, _er_ ist eine Einheit, _er_ hat ein Bewußtsein, aber was ginge den einzelnen Menschen der andere im geringsten an, wenn er nicht auf ihn angewiesen wäre? Und vor allem, was gehen uns die an, die nach uns kommen? Und wenn also der ganze Witz aus ist mit meinem Tod, was war denn dann dran? War das denn alles? Und darum, darum die unendliche Mühe unserer Altvordern, der Sozialdemokraten von anno dazumal? Wegen der paar Jahre Leben? Die Mühe hätten sie sich sparen können! Der ganze Spaß, das ganze Spiel, alle diese Spaziergänge, dieses Musikhören, Dichten, Instheatergehen, Reiten, Fahren, Schwimmen, dieses Träumen und Emporsehnen, dieses Kindermachen, Güterspiel (so etwa werden sie das Arbeiten nennen), dieses Erfinden und diese Reisen, das Fliegen nicht zu vergessen -- das hat doch alles keinen Sinn? Es ist ja doch kein Bewußtsein da und keine Freude, die bleibt. Es schwindet ja doch alles. Wir sind ja ganz einfach Tiere, die aus der Art geschlagen sind, weil wir nicht blos leben, sondern auch das Leben beobachten und etwas vom Leben wissen, weil wir nicht blos sterben, sondern den Tod im voraus kennen und sterben können, wann wir wollen. Der Selbsttod (denn das Wort Mord würde längst vergessen worden sein), der freie Tod, der ist eigentlich, was uns wesentlich trennt von allen andern Tieren. Beendigen wir doch also so rasch als möglich diese lächerliche Komödie, die zu gar nichts führt, aber auch zu gar nichts. Töten wir uns doch; töten wir uns, aber rasch, so bald als möglich, gleich jetzt; der ewig wiederholte Unsinn ist ja so fürchterlich langweilig! Was sagt ihr dazu, meine Freunde? Müßte es nicht so kommen? -- Was? Was höre ich? Dieser Einwand von euch? Ihr sagt mir, so könnte es nie kommen, ihr verleugnet den Sozialismus, ihr glaubt, es ginge anders, ihr wähnt, es gäbe irgend etwas anderes? O, das ist feige, sehr feige. Ich aber sage euch: der Sozialismus ist möglich, ohne Frage, und weiter sage ich euch: das ist eine hohe, sehr hohe Stufe des Menschen. Oder wollt ihr sagen, so wie der Mensch heute ist, sei er weniger veranlaßt, an den Tod zu denken, an den freiwilligen Tod? Ja, das ist möglich, das ist wahr. Aber ist dieser Zustand nicht noch viel ekelhafter? Und wenn er sich einmal tötet, nicht aus Philosophie oder Langeweile, was dasselbe besagt, sondern aus Notdurft, aus gemeiner Verzweiflung, ist das nicht ein niederträchtiger, unwürdiger Tod? Wenn aber der Sozialismus zu nichts führen kann, und wahrlich so ist es, als zum philosophischen Massentod der Menschheit, was haben wir anderes, größeres zu thun, als diesen Tod schon jetzt zu predigen mit tausend flammenden Zungen? --
Halt, meine Freunde, wohin? Und so wolltet ihr denn, wie ihr da seid, in die Welt stürzen, um den Tod zu predigen, als meine Jünger? Und ihr merkt ihn nicht, den Widerspruch, der mich kitzelt, so daß ich fast lachen müßte? Ihr seid mir noch viel zu flink, meine jungen und alten Gefährten. Aber ihr seid nicht die ersten, die sich von der Logik verführen lassen zu allerhand ernsthaftem Unsinn. Wahrlich, ich bedaure, daß ich euch mit der Logik in den Schlingen meiner Inkonsequenz gefangen habe. Aber ich will euch jetzt verraten, was mich lachen macht. Wie kann man denn den Tod -- predigen? Ist es nicht dasselbe, als wollte ich den Tod -- leben? Ist es nicht wahr, daß man den Tod nur sterben kann, wortlos, mit geschlossenen Augen, ohne Rücktritt? Gehn euch doch andre Menschen nichts an, warum wollt ihr sie verführen, statt sie in Ruhe zu lassen? Sterbet doch, meine Freunde, aber sterbe jeder für sich. Seid doch stille und macht mir keinen Lärm! Habe ich nicht recht?
Seht, was ihr doch für alberne Kopfnicker seid! Ihr gebt mir schon wieder Recht. Fast sollte ich jetzt über euch weinen. Warum bleibt ihr denn neben mir stehen, wenn ihr das nicht erlebt habt, was ich? Wenn euer Wahnsinn ein ganz anderer, einfacherer ist als der meine? Sehet doch, ich bin zum Tod noch gar nicht bereit, noch lange nicht. Ich habe noch meine Freude, nämlich eben meine Freude am Tod. Und darum rede ich meine Rede zum ganzen Menschengeschlecht, wer immer mich hören will oder mich zufällig hört, und zu spät sich anschickt, seine Ohren sich zuzuhalten. Ich habe meinen Spaß an den Menschen, die den Tod und die Todessehnsucht noch nicht kennen, es macht mir Freude, übermenschliche Freude, die Menschenmasse auszulachen und zu verhöhnen und dennoch zu ködern. Ich lebe noch, weil es mir Genuß bereitet, mit meinem Schmerze zu spielen und meinen Ekel in die Länge zu ziehen gleich einem zähen Teige. Ich liebe den Tod und darum lebe ich. Und außerdem bin ich ein abergläubischer Mensch, warum nicht? Es fröstelt mich, wenn ich daran denke, allein zu sterben. Es ekelt mir vor dem Gedanken, was die Menschen für dummes Zeug vermuten könnten, wenn ich einmal allein sterbe, wenn sie mich einen Selbstmörder nennten, die Unsinnigen. Ich liebe den großen Tod, ich will Gefährten und darum predige ich den Tod, weil das meinem Leben noch Reiz verleiht bis zum Ende. Aber ich werde sterben, meine Freunde, verlaßt euch darauf, ich werde sterben. Und das ist die einzige Zukunft, die ich noch anerkenne, und diese Zukunft, ja die soll zusammenfallen mit meinem Willen. Ich werde sterben, das heißt, ich will sterben, und nicht mehr: ich soll sterben. Verhaßt und gemein ist mir der Tod auf dem Strohsack, der schleichende Tod wider Willen. Diesem Tod habe ich abgesagt, ihn lache ich aus mit all meinem Gelächter, niemals werde ich diesen Tod des Ungeziefers sterben. Stimmet ein mit mir, stimmet hell ein, meine Freunde, in den Ruf: Es lebe der Tod!
Erschreckt nicht über meine entsetzliche Ehrlichkeit. Oder erschrecket ja. Denn ich bin nicht ehrlich um der Ehrlichkeit willen, und Wahrheit ist mir lange nicht mehr ein großes führendes Wort; ich bin es nur, weil es mir Vergnügen macht, in tausend Farben zu spielen und mich euch von allen meinen Seiten zu zeigen. Ich durchschaue mich selber und lache mich aus, wenn ich meine hintere Seite sehe und ich freue mich, daß ihr mein Vorderteil ernsthaft nehmt, obwohl ihr die Kehrseite meines Herzens geschaut habt.
Und überdies: ich kann Bocksprünge machen, so viel ich nur mag, wer mich versteht, der weiß, was ich meine mit dieser Schrift. Ich sage mich los vom Sozialismus, weil ich schwere vierschrötige Menschen nicht mag und weil ich das Leben nicht mehr ernsthaft nehmen kann. Und diejenigen, die mich fassen und mich gern haben, denen predige ich den Tod, und ich bitte sie bei all ihrer Liebe, mit mir zu sterben und also noch ein wenig zu warten, bis wir alle beisammen sind.
Die aber noch ächzen unter den Nöten des Lebens, den Sklaven der Arbeit, denen rate ich, sofern sie mich hören wollen: Verzaget nicht, aber hoffet auch nicht, sondern machet euch frei! Schmeißt den Bettel weg, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Einsicht, daß das Leben ein sinnloses Ding ist. Und dann schließet euch mir an und meiner Schar des Todes.
Wer aber ungeduldig ist und nicht mehr warten will, der stirbt zwar nicht den schönen Tod, wie ich Narr ihn vorbereite, aber ich wünsche ihm doch: Gute Reise -- und unbewußte Verwesung!
Euch andern aber sage ich: Auf Wiedersehen -- beim großen Sterben. Ich harre nun eures Echos und dann will ich wieder reden.
Dem Sozialismus aber wünsche ich -- ein langes Leben, ein schönes Greisenalter und den Tod auf der Matratze.
=Karl Starkblom.=
❦
Vierter Abschnitt.
Die Vision des Todespredigers.
=Zweites Sendschreiben an das Menschengeschlecht=
von
=Karl Starkblom=.
Einleitung.
Ich habe versprochen, nach einiger Zeit wieder von mir hören zu lassen und zu erwidern auf die Antworten, die mein erstes Schreiben hervorgerufen. Freilich hatte ich es mir anders gedacht und wenn ich könnte, müßte ich jetzt bitter werden. Eine Antwort, nämlich einen starken Widerhall, haben meine Worte überhaupt nicht gefunden. Ich dachte, es gebe Leute genug, die mir laut zujubeln müßten, daß ich das erlösende Wort gesprochen, aber nichts von alledem. Ich meinte, meine Wohnung müsse täglich voll sein von Menschen, die sich zu mir drängten, um mit mir zu reden und sich bereit zu erklären. Aber Niemand kam, außer einem einzigen Menschen. Der drückte mir die Hand und dann ging er wieder. Es war ein Arbeiter. Und ja doch -- ein paar Briefe erhielt ich, abgesehen von denen, in denen ich zum besten gehalten und angeulkt wurde. Ein paar Weiber und ein paar Jünglinge und ein einziger Mann, die erklärten sich bereit zum Sterben, »wenn es mir wirklich ernst sei«. Etwas der Art fügten sie alle hinzu.
Meine Freunde, die ihr nicht da seid, meine Einleitung kann also kurz sein. Ich lebe nicht zu meiner Zeit. Ich habe geglaubt, ich könne verstanden werden, und man hat meine Schrift als ein litterarisches Ereignis aufgefaßt. Lächerlichkeit über Lächerlichkeit! Seid ihr so wenig an die Druckerschwärze gewöhnt? Meint ihr, wenn ein neuer Heiland käme, er würde sich heute wieder auf einen Berg stellen und eine Predigt halten? Nicht wahr, damit unten an der Böschung die Eisenbahn vorbeidröhnte und ihn auspfiffe? O ihr Nachahmer von allem, was früher gewesen, ihr freilich konntet meine Stimme nicht verstehen! Mir fehlte die Würde und die Borniertheit des Bußpredigers. Einen lachenden Künder neuer Worte, den könnt ihr noch nicht ertragen. Ich bin traurig, sehr traurig, daß ich einsam bin, im Tode wie immer im Leben.
Erwartet nicht, daß ich auf die sogenannte Kritik eingehe. Einige wenige freilich -- nein, ich will nicht von ihnen reden. Sie stehen mir nahe, sie verstehen den Athem meiner Rede -- und doch, doch! Sie haben mich gelobt, als ob ich ein Chamäleon wäre, oder ein Schriftsteller, der alles kann. Hätten sie geschwiegen und wären sie zu mir getreten um mir die Hand zu drücken, wie jener Arbeiter, dann -- ja dann! Die Ehrfurcht fehlt ihnen, vor mir und vor sich selber.
Meine Freunde, die ihr nicht da seid! Setzet euch im Kreise und höret mir zu! Wenn ich ruhte im Walde, wenn ich über nasse Wiesen ritt, des Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte und auch nicht wollte -- da habe ich das geträumt und immer fort geträumt, was im folgenden erzählt ist. Dann habe ich es niedergeschrieben und nun lasse ich es auch noch drucken. Warum das? Woher diese Thorheit?
O merkt ihr es denn nicht, seht ihr das Leid denn nicht, das an mir zehrt? _Ich suche Menschen!_ Menschen suchte ich immer und immer, erst blickte ich um nach Tausenden und wiederum Tausenden, um zu ihnen zu sprechen und sie zu erkennen als Meinesgleichen und sie zu verführen zu meinem Tode. Und jetzt suche ich einen einzigen Menschen, _einen_ Menschen nur, der mich liebt und mit mir sterben will. Und darum trete ich nun zum zweiten Mal hin auf den Markt und prostituiere mich vor allem Volk und zeige mich bald nackt, bald angethan mit all meinem Putze.
Und nun vernehmet _die Vision des Todespredigers_.
* * * * *
Ich will euch von einem Manne erzählen, der keinen Grund hatte, sich selber auszulachen, der konsequent sein konnte und geradeaus gehen durfte, der an sich glaubte und Gläubige fand. Wer ist der Glückliche? Und wie ist es ihm möglich? Wie ahmen wir ihm nach? Ganz einfach ist es ihm möglich, aber wir andern können’s nicht, auch wenn wir wollen.
Der Mann, von dem ich erzählen will, war epileptisch. Was, ruft ihr voll Entsetzen, und du nennst ihn glücklich? Jawohl, selig nenne ich diesen Mann, daß die Krankheit seines Geistes in solcher Weise ausbrechen konnte. Wir alle sind ja epileptisch, in uns allen lebt etwas, das sich sträubt gegen das Leben, aber wehe über uns, deren Krankheit Geist heißt und deren Arznei wiederum Geist! Weit besser haben es die, deren Körper den Geist heilt und in die Bahnen der Ruhe lenkt. Sie haben nur die eine Hälfte ihres Hirns, denn die zuckende und krampfende Hälfte, die wie ein Gelächter schneidet in den Ernst und wie Wehschrei in die Freude ächzt -- die ist nur Körper bei ihnen -- und wenn ihr Körper sich windet und dreht, dann weiß die Seele nichts von den Zuckungen des Menschen und bleibt ganz und heil.
Wohl denen, die das Bewußtsein verlieren dann, wenn sie irre würden an sich! Heil den Epileptischen! Sie sind Propheten und Heilige und Heilande.
* * * * *
Da, da, seht hin, da ist er, da kommt er! Schreitet er nicht wie ein Gott? Da ist er, da steht er in Mitten der tausendköpfigen Versammlung, hoch ragt er empor über alles Volk, Starkblom der Todesprediger! Seht ihr ihn, seht ihr? O jetzt schweiget. Es bedarf ja nicht der Ermahnung; alles lauscht atemlos, alles wird süß bestrickt vom Zauber seiner Rede. O wie er Macht hat über die Herzen der Menschen! Wie er sie bezwinget und in den Staub, auf die Kniee schmettert. Ehret den Tod! Seid in Treue gewärtig des Todes! Harret aus! Bald sollt ihr mit mir sterben den holden Tod in Größe und Freiheit. Dann hört ihr auf zu sein und das Häßliche, was Mensch hieß bisher, ist geschwunden aus dem schönen Bezirk der Göttin Natur. Ihr werdet heimkehren zur Unbewußtheit. Ihr werdet nicht mehr fragen, wozu. Die Thorheit des Zweckwahns ist gestorben mit euch. Eins ist wieder die Natur, alles ist schön, und nichts wird empfunden als eigene, _eine_ Schönheit. Die Zeit ist gestorben mit euch, und Ursache und Wirkung lebt dann nicht mehr. Und auferstehen wird jubelnde Veränderung und zweckloser, sinnloser, farbenfroher, tönender Zufall! Sterbet, ihr Einzelnen, sterbet, damit der Wahn der Gesamtheit tot sei. Stirb, mein Bruder, damit alles aus ist, und lache im Tode derer, die an die unbedingte Entwicklung glauben und an den Fortschritt und wie die heiligen Wörter alle heißen. Sterbet, sterbet, werbet zum Sterben! Und weiter wälzt sich der Menschenstrom, und größer und größer wird die Masse der Todesfrohen. -- Ha, wo ist er? Alles schwand meinen Augen? Ich erblicke nichts mehr. Ich höre nichts mehr. Ich liege auf dem Boden und stöhne und betaste meinen Leib. Wo ist dieser Starkblom? Starkblom, wo bist du?
* * * * *
Sie haben überall, in allen Städten, die Statuen ihrer Fürsten und Heerführer auf den Marktplätzen von den Sockeln geworfen und mit den Stein- und Erztrümmern die Fenster der Schlösser und Paläste der Lebenden eingeschlagen. Und auf die Sockel haben sie kolossale Gerippe gestellt, vergötterte Todesgestalten, und sie haben ihre Kleider von sich geworfen und tanzen um das Bildnis des Todes, und jubeln und lachen und singen, und schmetternde Musik spielt rauschende Marschweisen. ~Allons enfants, allons nous-en!~ Und die Sonne scheint so golden herab wie noch nie, als wolle sie den Menschen die Lebenslust warm in alle Poren träufeln und ihnen zeigen, man könne auch nackt leben. Sie aber wollen sterben, und Starkblom, der fürchterlich-herrliche, tanzt den Todesreigen vor. Und abends, wenn es kühler und dunkler wird, da erwachen die Farben in feuriger Glut. Grün und rot und gelbe Tücher schlagen sie um sich in phantastischem Wurf, und unsagbar wonnig und feierlich flüstert und kost Musik von den Thürmen, und Kinder kommen aus allen Gäßchen und Winkeln gesprungen und schlagen Purzelbäume und springen über die Alten. Die aber setzen sich im Kreise und hören zu Märchen erzählen, Märchen vom Leben. Und leise schwirren die Winde fernher durch die Straßen und tragen süße Düfte mit sich aus weiten Gärten und Haiden draußen vor der Stadt. Und nun steht Starkblom in der Mitte des Kreises und erhebt seinen Gesang von der Wunderherrlichkeit der Zukunft dieser Menschenwelt, wie alles kommen könnte und kommen müßte, wenn sie nur wollten. Und am Schlusse kehren dann immer wieder die Worte voll brausenden Glückes: »Welch’ Herrlichkeit erdichten wir -- welch’ schöne Welt vernichten wir -- wir könnten sie erwerben -- haha, haha, haha -- wir aber sterben, sterben! Juh!« Und jubelnd fällt die Masse ein, und der Wind klappert im Gebein des Todenmannes, und die Posaunen gellen hoch oben aus den Lüften und das Gelächter der Menschenmenge schwillt empor wie ein bäumendes Meer und will nicht enden. Und ein stolzes hohes Weib tritt zu Starkblom in die Mitte und -- oh, oh! Die elektrischen Lampen erlöschen, die Fanfaren brechen schrill ab mitten im Tone, ein schwarzes unendliches Tuch breitet sich über alles -- Nacht, Nacht -- nichts, nichts -- wo ist das Weib? Wo sind die Menschen? Wo bleibt der Tod? Starkblom sitzt auf dem Sopha und stützt den Kopf in die Hände -- es ist alles anders, alles so anders, o pfui, pfui, alles matt und gewöhnlich und niedrig und mittelmäßig. Wo bist du Größe, Größe der Gedanken, Größe der Erscheinung? Ich will schlafen, ich will nicht mehr träumen -- o wenn ich weinen könnte, oder lachen, lachen -- Aber nur nicht mehr dieses trockene Schluchzen, dieses Mittelding zwischen Weinen und Lachen. Alles zuckt an mir, doch ich kann nicht tanzen; ich ächze, o könnte ich singen! O ich kann’s ja nicht mehr aushalten -- ich werde sterben, bald sterben. O pfui, pfui!
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