Part 6
Im Saal war eine fürchterliche Hitze und eine entsetzlich schlechte Luft; draußen tobte und brüllte der Sturm. Er hatte im ersten Teil seiner Rede den gegenwärtigen Zustand der menschlichen Gesellschaft in scharfen Zügen vorgeführt. Seit kurzer Zeit unterließ er es, sich genau auf seine Reden vorzubereiten; er wollte sich tragen lassen vom Strom der Gedanken und auch der Worte. So kam es, daß er diesmal in einen Gedankengang hineinkam, der ihm selbst neu war. Das störte ihn nicht, er redete geläufig weiter, aber er paßte selbst auf und mußte allerlei Nebengedanken unterdrücken. Er sprach davon, daß ein großer Unterschied sei, zwischen dem Kampf für die sozialistische Gesellschaft als Ideal und diesem Gesellschaftszustand, wenn er erst einmal erreicht und zur Gewohnheit geworden sei. Das sollte den Uebergang bilden zum zweiten Teil, der Schilderung der sozialistischen Gesellschaft in großen Zügen. Aber er kam über den Gedanken nicht weg. Von früherer Gelegenheit her wußte er, was da am besten zu thun sei. Er sprach den Satz, an dem er gerade hielt, zu Ende und dann machte er eine Pause. Dann mußte ihm der neue Gedankengang von selbst kommen. Aber diesmal geschah es anders. Sowie er ein paar Sekunden gewartet hatte, kam ihm ein innerliches Lachen und Aufbäumen und ein fürchterlicher Nebengedanke, den er nicht abschütteln konnte. »Mann gieb’s auf! Es ist alles falsch! Hat alles keinen Sinn!« Das drehte sich ihm immer wirbelnd im Kopfe. »Hat alles keinen Sinn! Ist ja ganz falsch! Gieb’s auf, Mann gieb’s auf!« Er stemmte sich gegen den Tisch. Es mußte ihm gelingen. »Meine Herren«, fing er gewaltsam an. »Indem ich zum zweiten Teil meiner Auseinandersetzung schreite.« -- Er verstummte. »Hör’ doch auf -- du lügst ja -- denke doch erst über das andre nach -- es hat ja keinen Sinn -- die ganze Geschichte -- was gehen dich denn andre Menschen an?« Er fuhr mit der Hand durch die Luft. Dann that er einen unterdrückten Schrei, fuhr mit der Hand nach dem Kopf und sank um. Die Versammlung ging in großer Aufregung auseinander. Starkblom aber erwachte bald wieder aus seiner Ohnmacht, fühlte sich zum Verzweifeln elend und fuhr am nächsten Morgen nach seinem Weißen Hause zurück. Dort blieb er ganz einsam und ließ lange Zeit nichts mehr von sich hören. Ein paar Monate darauf aber erschien eine kleine Flugschrift, die in litterarischen und politischen Kreisen ziemliches Aufsehen machte. Sie hieß: »Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus.«
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Dritter Abschnitt.
Sendschreiben Karl Starkbloms an das Menschengeschlecht. Zugleich ein Absagebrief an den Sozialismus.
Jüngst las ich zufällig in einem sozialdemokratischen Provinzblatt die Notiz, »der bekannte Agitator ~Dr.~ Starkblom scheine von seiner bedauerlichen Krankheit immer noch nicht hergestellt und könne seine Thätigkeit vorderhand noch nicht aufnehmen«.
Es ist wahr, die Krankheit, die mich urplötzlich überfallen hat, ich sollte sagen, _wieder_ überfallen hat, will nicht von mir weichen. Diese Krankheit hat jetzt sogar epidemischen Charakter angenommen, d. h. ich fühle die rasende Begier, meine friedlichen Mitmenschen, soweit sie mir Zutritt zu ihren Gedanken schenken, anzustecken, nur um frei zu werden von dem quälenden Bewußtsein, andere Leute seien kerngesund und nur ich sei ausgestoßen aus der schönen Gemeinschaft.
Aber ist es nicht vielleicht gerade umgekehrt? Doch, ich weiß es mit Bestimmtheit, das Gegenteil ist der Fall. Ihr seid wahnwitzig und ich -- nun, ich bin vielleicht wahnsinniger als ihr, das ist möglich, aber ich will euch verführen zu meinem Wahnsinn, damit ich gesund scheine. Denn Krankheit ist nur ein Gegensatz und ein Ausgestoßensein des Einzelnen aus der Gemeinschaft.
Und nun zu dem, wovon ich reden will. Ich will sagen, daß der Sozialismus eine Sache mittelmäßiger und gewöhnlicher Naturen ist, und ich will solche, die mich verstehen können, von der Genossenschaft der Genossen abziehen und mir und meiner Lehre verschwistern.
Ich nenne den Sozialismus um deswillen gemein, weil er Voraussetzungen macht, ohne es sich und andern einzugestehen, obwohl er zur Einsicht klug und alt genug wäre, und weil er im Banne alter Worte steht und weil er nicht ein einziges neues Wort gesprochen hat noch je zu sprechen im Stande ist. Der Sozialismus, gleichwohl er sich eine neue Weltanschauung zu nennen für gut findet, setzt voraus, es gebe eine Pflicht des Menschen sich um seinen Nachbarn zu kümmern, es gebe eine Gemeinschaft der Menschen und der Einzelne habe ein Interesse an der Zukunft der Menschheit und der Welt. Er begründet diese wichtigste aller Voraussetzungen niemals mit einem Worte, weil er gänzlich unter dem Banne einer alten Moral, des jüdisch-christlichen Sittengesetzes und seiner Variationen, steht und weil er unfähig ist, die Möglichkeit einer neuen Welt- und Seelenanschauung auch nur zu ahnen. Der Sozialismus ist nicht Original, sondern er ist nur eine Folge historischer Reminiscenzen. Wenn er Revolution sagt, meint er eben das, was man bislang unter Revolution verstanden hat, und er kennt keine andern Mittel und Wege, als die bisher scheinbar wirksam gewesen sind. Der Sozialismus ist schamlos, denn er glaubt an sich. Der Sozialismus ist kindisch, denn er denkt nicht an den Tod. Der Sozialismus ist erbärmlich, denn er läßt sich von einer abstrakten Idee beherrschen. Der Sozialismus ist ein armseliges Wesen, denn er kennt kein reiches Leben. Der Sozialismus ist ein eingebildeter Kranker, der fortwährend sein Testament macht, anstatt zu tanzen und Lieder zu singen oder sich tot zu schießen. Und der Sozialismus ist eine Lüge, denn er redet von der Zukunft, und er ist Aberglaube, denn er nennt sich eine Wissenschaft.
Man verlangt Beweise von mir. Man verlange sie nicht. Ich will nicht beweisen. Ich bin keine Anklagebehörde und kein Untersuchungsrichter. Ich gebe nur meine Eindrücke und mein Erleben wieder. Ich hasse den schreienden Ton der Unbedingtheit. Aber die Selbstverständlichkeit liebe ich. Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Wer sich die Aufregung und das Für oder Wider mich noch nicht abgewöhnt hat, der bleibe dahinten. Leute wie mich, sucht man am besten, indem man sie meidet und seinen Gang weiter geht. Man wird so reif. Und nur zu Reifen will ich sprechen. Ob auch zu Müden? Die Worte sind mir gleichgiltig geworden. Auch die Welt? Auch die Welt. Nur eines ist mir noch wichtig und des Denkens wert und gewärtig und ich freue mich wie ein Dieb dieser Inkonsequenz. Dies eine aber ist -- lachet, meine Freunde, ich lache mit -- dies eine ist der Tod. Er liegt mir am Herzen und von ihm muß ich noch viel erzählen. Seid ihr bereit? Ich will euch etwas erzählen -- vom Leben.
Halt -- sollte ich nicht, bevor ich auf das Leben zu sprechen komme und auf meine Gedanken und die Vergangenheit und Geschichte meiner innersten Vorgänge und Stimmungen -- sollte ich nicht vorher von den ökonomischen Verhältnissen reden, und sollte ich nicht die unumstößliche Wahrheit von vorneherein annageln, daß die materiellen Erscheinungen die Ideen hervorbringen, und daß alle meine Gedanken und Willensmeinungen die Früchte unseres Zeitalters des Kapitalismus sind? Sollte ich nicht von Gottes und Rechts wegen anders organisirt sein als ich es bin, sollte ich nicht, bevor ich von mir rede und sage was ich will, beobachten und feststellen, welchen Gang die Ereignisse nehmen müssen, wohinaus die Geschichte nach den immanenten ökonomischen Gesetzen des Karl Marx gelangen muß? Kurz -- sollte ich nicht ein Thor sein? Ein Narr, dem seine besonnenen Beobachtungen mehr wert sind, als seine gehäuften unbewußten zufälligen tausendfachen Erfahrungen? Sollte ich mich nicht fortwährend als Ring in der Kette einer festgelegten Entwicklung fühlen? Sollte ich mich nicht in zwei Teile teilen und den einen vom andern beherrschen lassen? Sollte ich mich nicht den Wissenden anschließen, anstatt wie jetzt einer zu sein, der nichts wissen will?
Ja, das ist es, warum ich mir selber merkwürdig und absonderlich und vielleicht auch wichtig vorkomme: ich gehöre zu denen -- denn ich bin doch nicht der Einzige? -- die vergessen wollen, vergessen alles, was dagewesen sein soll, die einen Grund und eine Abstammung haben, aber nichts davon wissen wollen, die zu keusch sind, um ihr Leben zu leben nach Kenntnissen und Mitteilungen und Beobachtungen, anstatt wie ein göttliches Tier auf einen ungekannten Grund hin, einem unbekannten Ziele zu. O ihr Klaren und Unabänderlichen, ihr historisch Begründeten und Zielbewußten, ihr Einsichtsreichen und Vollundganzen, ihr Vergangenheitsleber und Zukunftsleber und Gegenwartsnichtse, ihr Aufderhöhederzeitseienden und Bewußtheitsaffen, ihr Vielseitigen und Vielzeitigen, ihr Tiertöter und Gottschänder und Menschenverstümmler, ihr Papiermenschen und Drahtpuppen, ihr seid mir widerlich, höchst widerlich! Jener Sokrates, der zugab, es wisse nichts, war wenigstens nicht so gar übelriechend; aber wo findet man einen, der nichts wissen _will_? Der nur leben will, nur leben -- oder sterben?
Vom Leben also will ich meine Rede beginnen, vom Leben des Menschen, des höchsten Menschen. Aber nicht will ich sprechen von den Nöten des Lebens, von den niedrigsten Menschen, den Ärmsten der Armen. Und nun sollte ich, so gehörte es sich, affectieren, ich sei ein harter Mensch, ein Fürst der Erde, hocherhoben über alles, was unter ihm steht, weit entrückt vor allem der schwächlichen Regung des _Mitleids_. Ich liebe es aber nicht, mich zu verstellen, und ich mag nicht die erzwungene Konsequenz. O ja, ich fühle Mitleid mit euch, ihr Proletarier, heißes Mitleid, so gut wie einer, aber das ist mir ein unangenehmes Gefühl. Es ist ein Gefühl, das da ist, aber es ist nur trotz alledem da und ich verbitte mir, daß es sich zum Zentralpunkt machen will, von dem alle meine Wünsche und Ansichten und Absichten ausgehen müssen. Ihr lieben Kinder, die ihr das Leben nur von weitem in strahlendem Glanze erblickt, die ihr die Not kennet und den Schein des Lebens, das Leben aber, nein, das Leben kennt ihr nicht. Drum habt ihr auch das gute Recht, alle eure Kraft einzusetzen, um das Leben und was ihr den Genuß des Lebens nennt, zu erkämpfen. Euch verstehe ich, ihr jagt einem schönen Bilde nach, jaget weiter, bis ihr bitter enttäuscht werdet. Früher kann ich nicht zu euch sprechen. Suchet das Leben, damit ihr es fliehen lernt.
Aber jene andern, jene sozialdemokratischen Lehrer und Führer, unter denen, meine ich, sollten welche sein, die etwas vom Leben wissen könnten. Und wenn sie dennoch jenem weichen Wachse die Sehnsucht nach dem Leben eindrücken, dann thun sie es teils aus Dummheit, indem sie sich einreden, das Elend einer lebenden Seele beruhe auf demselben Grunde wie die Nöte der arbeitenden Kinder -- nämlich auf den Wirtschaftsverhältnissen des Zeitalters; oder sie sind gewöhnliche Menschen, die ihr Leben nur dadurch ertragen, daß sie andere beherrschen, die aber keinen Zustand ihres eigenen Menschen zu begreifen und auszudenken verstehen, die die äußere Welt mit scharfer Brille betrachten und wissenschaftlich fassen, die aber nie ein Gelüste verspürt haben, die Gründe ihres eigenen Handelns, ihres eigenen Lebens zu prüfen -- und zu verachten. Also kleinliche mittelmäßige Seelchen, die sich selber das Leben erträglich machen durch ihr Gerede -- und das nennen sie neue Weltanschauung! -- und die nichts weniger als großartig sind in ihrer Herrschsucht und Verführungskunst. Sie wissen nicht einmal, warum sie die Zukunft predigen, sie sind Thoren genug, zu glauben, es sei wirklich um der Zukunft willen, sie sind Egoisten und wissen es nicht -- o über diese Kindsköpfe! Man erstrebt etwas, weil man das Streben liebt, das ein Teil der eigenen Seele ist, sie aber reden sich ein, ihre ganze Seele werde angezogen von dem etwas außerhalb. Sie wissen nicht, daß das etwas nur ein gleichgiltiges und zufälliges Symbol ihres innern Menschen ist. Daß es in die Zukunft projektiert ist, um glanzvoller zu wirken und zu beherrschen! Daß man es zu andern Zeiten in den Himmel projektiert hätte. Und zu andern auf die Insel Utopia. Und ein drittes Mal auf den Olymp. Oder auch in das goldene Zeitalter oder in den Garten des Paradieses. Sie glauben, Zukunft, das sei etwas in der Wirklichkeit, das sei etwas, was den Menschen mehr angehe, als Himmel und Hölle. O über diese Kindsköpfe!
Nochmals -- diese Führer muß ich ganz und gar in meiner Betrachtung trennen von den Geführten und Verführten. Mit diesen habe ich zwar Mitleid, ich gestehe es zu, aber ferne ist von dieser Art Mitleid jegliche Verachtung. Im Gegenteil, ich sehe mit großem Schmerz, wie lang und umständlich der Weg ist, den diese vielfach trefflichen Menschen noch gehen müssen, bis sie da sind, wo ich stehe, bis sie sehen, daß ihre Nöte, die sie vom Leben trennen, daß diese zu überwinden sind, daß aber im innersten Kern des Lebens, des menschlichen Lebens ein unüberwindlicher und viel tieferer Jammer steckt als in jener häßlichen Beschalung. Freilich, es will mir so scheinen, als ob auf eine sonderbare Art der Sozialismus geeignet sei, diesen Weg in seltenen Fällen zu verkürzen, während er ihn bei der großen Masse gänzlich verschüttet und unbetretbar und ungesehen macht. Ich kenne einige ganz wenige Menschen, ganz einfache Arbeiter, die ich, wie wenige in mein Herz geschlossen habe. Lange Jahre waren sie glühende Sozialdemokraten, Nichtsalssozialdemokraten, dann aber durchschauten sie schaudernd die Motive einiger Führer, sie sahen Dinge an diesen Leuten, die diesen selber in ihres Herzens allzu großer Einfalt gar nicht bekannt waren. Es ist nicht zu glauben, mit welcher unheimlichen entsetzlichen Geschwindigkeit sie -- aber nur ganz wenige sind das -- nunmehr ihren Weg gingen oder flogen oder gerissen, geschmettert wurden. Sie nannten sich noch Sozialisten, wo sie es schon nicht mehr waren, sie suchten immer neue, immer weniger betretene Pfade, um ihr »großes Ziel«, das sie immer noch einzig suchten, zu erreichen; sie streiften die Lehre von der ökonomischen Grundlage von sich ab und nannten sich wieder Idealisten und Anarchisten. Dann wurden sie Individualisten, aber Individualisten ganz eigener, nie erhörter Art, denn sie suchten den Individualismus immer noch in der Zukunft als Ideal, sie wollten einen Individualismus schaffen durch gemeinsame Arbeit, durch Kommunismus. Aber daneben verlangten sie schon, auch die Mittel und Wege müßten individualistisch sein. Und nun streiften sie das Istentum ab, sie wollten nichts mehr, sie waren etwas, nicht mehr Individualisten, sondern Individuen. Und damit waren sie auch schon gänzlich auf sich gestellt und dem Pessimismus verfallen, und ihren Glauben hatten sie völlig verloren und ihre Sehnsucht nach dem Leben dazu. Merkwürdig, ihnen, diesen auserwählten Menschen, ihnen ekelt vor dem Leben, obwohl sie es doch kaum gelebt, kaum gesehen, nur eine ganz dünne Ahnung vom Leben ist über ihre Seele gehuscht, und schon wenden sie sich scheu von ihm ab. Und ich glaube, während ich von ihnen erzähle, stehen sie traurig lächelnd daneben. Ja, diese Menschen gehören zu meinen Zuhörern, und sie stehen in der vordersten Reihe, und ihre Herzen liegen mir offen da, und sie harren des Wortes, das ich sprechen soll. Und wenn ich das Wort ausspreche, das Wort »Tod«, dann klingt ihnen das schon reif und vertraut, sie sind mürbe geworden und verstehen mich und folgen mir nach. Ich segne euch, meine Brüder, unsere Wege kommen aus verschiedenen Geburten, aber nun haben sie sich gefunden und bleiben beisammen.
O über diese Sozialdemokraten, die so vieles beobachtet und vor allem so vieles behalten haben, die alles wissen, nur nichts von den unbewußten Regungen ihres Willens und nichts vom wahren Wesen ihrer Persönchen! O über diese gelehrten Menschlein, die von Wörtern leben, die glauben, ein Wort sei ein Wort und ein Ding sei ein Ding, die alles Zusammengesetzte sehen, als ob es einfach wäre, die Gegensätze für Einheiten halten. Weil sie beglückt sind in ihrem Streben nach der Zukunft, wähnen sie, das Glück zukünftiger Menschen sei gesichert, wenn der Wille der Gegenwart erfüllt werde. Sie ahnen nicht, daß Absicht und Zweck zwei Dinge sind, die nie zusammen kommen, sie glauben, es sei dasselbe. Wie ungeheuer werden sie beschämt von einem andern einfachen Arbeiter, der mir allerdings auch noch ferne steht, von einem Manne, bei dem alles unbewußt ist, der so gut wie gar keine gewollte und kontrolierte Erkenntnis hat, und der doch diese Grundwahrheit klar erkannt hat und der mit einer unerhört schönen Gewalt in die Worte ausbricht:
»Freiheit du wunderbares Wort, du Signal des Lebens, du Ruf aus einer andern Welt, wie durchdringst du sogleich meinen ganzen Körper; wie einen Adler läßt du mich hinaufschwingen, hinauf in das strahlende Licht, in die reinen Lüfte, allen Staub und alles Menschenelend zurücklassend, aber ach, wie der Adler wieder zurückkehren muß zu seinem Horst, so muß auch ich wieder zurückkehren zur Menschenheimat und muß es bei deinem Klang mitfühlen mit den Tausenden, die ihr Leben in ungerechten Fesseln des Körpers dahinbringen müssen, muß bei deinem Klang so oft Empörung in mir wahrnehmen, als ich Luft und Licht in Fesseln geschlagen sehe.
Ȇberall, wo ungerechten Fesseln halber der Ruf Freiheit erschallt, ist das der Ruf des Guten, ist es der Ruf der Vernunft, hier bedeutet Freiheit das Gute; die Freiheit als Kraft ist aber nicht das Gute, vielmehr bei denen, welche ungerechte Fesseln anlegen, herrscht die Freiheit, das ist das Schlechte und fehlt das Gute, das ist die Vernunft.
»Freiheit und Vernunft sind die beiden sich bethätigenden und bekämpfenden Kräfte im einzelnen Menschen wie im ganzen Geschlecht, und je mehr die Vernunft als wirklich solche bei Rufern wie Hörern zur Herrschaft gelangt, um so mehr wird der Ruf Freiheit und mit ihm der Ruf Gleichheit verschwinden.«
Ein Arbeiter schreibt das, meine Herren, und einer, der vom Sozialismus weniger berührt wurde als andere. Schämt ihr euch nicht? Ahnt ihr nicht, was ihr vernichtet und verwässert habt, welche Tiefe euch abgeht und welche ihr ewig zerstört habt? Seht ihr nicht, daß dieser stammelnde und ahnende Arbeiter beinahe schon jetzt über euch lacht? Was hättet ihr erreichen können, wenn ihr nicht hättet so ernsthaft sein wollen! Welche Bewegung wollte entstehen, wenn ihr große frivole Kerle gewesen wäret! Wenn ihr zum Einzelnen gesprochen hättet und ihm das Lachen und Sterben gelehrt hättet! Aber was wißt ihr vom Lachen und Sterben? O ihr ernsthaften langweiligen lebenslänglichen Hanswurste und Kindsköpfe! O ihr Sittlichen und Guten, ihr Naturgesetzlichen und Ökonomischen! O wie ist euer Sozialismus so verkehrt, weil er geradeaus gehen wollte, immer geradeaus in Marschkolonne! Weil ihr nur eines vor euch seht, ihr Geblendeten! Ihr Hypnotisierten, ihr Medien, ihr Mittelmäßigen!
Und wie lange glaubt ihr denn eigentlich, daß ihr noch warten könnt? Ist denn solch eine rasende Verblendung schon einmal dagewesen? Ihr habt vor dreißig und noch mehr Jahren ein paar armselige Schlüsse gezogen aus ein paar winzigen Beobachtungen und nun habt ihr einen Glauben darauf gepfropft -- o nein, entschuldigt, eine ewige Wissenschaft, nicht wahr, eine ewige? und eine Partei habt ihr gebildet und da die Dinge sich ganz langsam so gestalten wie ihr es prophezeiht habt, und da die bürgerliche Welt ganz langsam zerbröckeln will, und da eure Partei allmählich zunimmt, predigt ihr immer dasselbe und predigt es unermüdlich und predigt und predigt, damit wenn die Zeit da sein könnte, ihr auch noch da seid, im Gedächtnis der Mitwelt. Glaubt ihr denn wirklich ganz an eure Unfehlbarkeit, daß ihr so fürchterlich langsam seid? Glaubt ihr denn, nichts, aber auch gar nichts könne euch über den Kopf wachsen? Hattet ihr denn eine Ahnung, vor 30, 40 Jahren, daß auch einmal Stimmen klingen könnten, aus der bürgerlichen Gesellschaft heraus, die nichts mit Ausbeutung zu thun haben? Stimmen wie die meine, wenn sie Gehör finden und Echo, gehn sie euch denn gar nichts an? Ist denn die Welt nicht eine ganz andere, als ihr träumt, wenn ein Teil der bürgerlichen Gesellschaft lachend über seinen eigenen Schatten springt und über seine eigene Klinge? Wenn wir uns selbst aufheben, könnt ihr uns dann noch expropriieren?
Und ich höre mir eine Stimme antworten, gesättigt von Marxismus und hungrig nach Kapital:
»Du und deinesgleichen, ihr seid nur eine Erscheinung des Verfalls und der Korruption. Ihr seid vereinzelte Bourgeois, die übersättigt sind und blasirt und keinen Genuß mehr finden. Ihr spielt keine Rolle, im übrigen bleibt alles wie es war. Der Kapitalismus beutet aus, das Proletariat hungert oder lebt mindestens in menschenunwürdigen Zuständen -- bis die Stunde der Befreiung schlägt. So ist es, so wird es sein!«
Das ist die Sprache des Sozialismus, und mancher wird vielleicht finden, der Mann habe recht.
Der Mann hat aber nicht recht, weil er den wahren Schmerz nicht kennt und nicht den Ekel, und in einem zu sagen, weil er das Leben nicht kennt. Um euch nun aber endlich meine Meinung vom Leben zu sagen, will ich in einem Gleichnis zu euch sprechen:
Meine Freunde, kennt ihr die Geschichte des Kindes? Aber eben fällt mir ein, daß ihr Geschichte überhaupt nicht kennt; ihr kennt nur Weltgeschichte und Kulturgeschichte und dergleichen unnütze Erlogenheiten aber Geschichten von einzelnen Dingen und ihren Veränderungen und Betrachtungsweisen gehen euch ab. Nun also -- richtet eure Gedanken auf das Kind, das kleine Kind. Wißt ihr, mit welchem Gefühle frühere Menschen solch ein kleines Wesen betrachtet haben? Mit innigem Mitleid ob seiner Hilflosigkeit, man bedauerte das Menschlein, daß es das Leben noch nicht kannte und den Lebensgenuß noch nicht verstand; man sprach immer nur von dem »armen Kinde«. Wie aber ist es heute? Nennt man nicht heute das Kind glücklich und überglücklich, weil es noch nichts weiß vom Leben, beneidet man das Kind nicht, und denkt nicht jeder an seine Kindheit zurück als die Zeit, wo er ganz und gar glücklich gewesen sei? Und wie ist es mit dem Schlafe? Ihr kennt auch die Geschichte des Schlafes nicht. Erschrak man nicht früher vor dem Einschlafen? War es nicht ein Entsetzliches, das Bewußtsein zu verlieren und die Freude am Dasein? Fürchtete man sich nicht vor der kindischen Hilflosigkeit des Schlafes? Aber jetzt? Man freut sich auf’s Schlafen, man lächelt dem Einschlummern entgegen, das Bewußtsein zu verlieren ist eine Wonne, man will nicht aufwachen und zwingt sich des Morgens zu einem zweiten Schläflein, in dem man mit voller Absicht seine Träume weiterspinnt, und wacht dann auf, verstört und voll Entsetzen über das Licht des Tages und die Sonne des Lebens. Und was giebt es für die Jetztlebenden Entsetzlicheres als eine schlaflose Nacht? Alle Mittel werden angewandt, nur um zu schlafen, zu schlafen.