Der Todesprediger

Part 5

Chapter 53,750 wordsPublic domain

Wieder ertönten starkes Händeklatschen und lebhafte Rufe der Zustimmung, durch die nur ein ganz vereinzeltes: »ganz unrichtig«; kaum dringen konnte. Die Diskussion wurde nun eröffnet und ein Arbeiter nach dem andern trat vor, um mehr oder weniger geläufig seine Zustimmung zu dem Gehörten auszusprechen und nunmehr Ergänzendes beizubringen, indem hauptsächlich gegen die einzelnen Volksvertreter schwere Vorwürfe erhoben wurden. Nachdem nun noch der Gegner, der sich vorhin bemerkbar gemacht, zu Wort gekommen war, um außerordentlich fließend in ununterbrochener Rede zu sagen, wie ungerecht die Vorwürfe seien, wie großes Verdienst sich die Führer um die Sache erworben, wie vortrefflich die Parlamentswahlen und das Parlament selbst sich zur Agitation eigneten, wie auch manches auf diesem Wege für die Arbeiter herauszuschlagen sei, -- erhielt der Referent noch einmal das Wort, um das Ergebnis der Diskussion zusammenzufassen.

Gesinnungsgenossen, so begann der Redner, für ganz unrichtig muß ich es halten, wenn der Herr Vorredner gemeint hat, die Bourgeoisie, d. h. ihre Vertretung, das Parlament, habe uns Konzessionen gemacht, weil wir eine in Betracht kommende Anzahl Abgeordnete ins Parlament gesandt hätten. Keineswegs, sage ich. Diese Konzessionen sind gemacht worden (übrigens kann man ja bisher kaum schon von solchen reden, aber ich gebe zu, es werden noch solche gemacht werden) weil die Bewegung in den Massen zu groß geworden ist und zu gefährlich, weil etwas gethan werden mußte, um den Anschein zu erregen, die herrschende Klasse sei sich der Ungerechtigkeit unserer Zustände bewußt und wolle abhelfen. Wieviel stärker und energischer aber wäre heute schon die sozialistische Bewegung, wenn unsere Agitation nicht nur Wahlagitation gewesen wäre, wenn wir von vornherein uns im Gegensatz zum Parlament gestellt hätten. Ich behaupte, die Herren im Reichstag und am grünen Tisch hätten ein ganz anderes Gruseln verspürt und hätten viel entschiedenere Konzessionen gemacht, wenn niemals ein Sozialist ihren Sitzungssaal betreten hätte, wenn sie ganz allein unter sich geblieben wären und nur die drohenden Stimmen gehört hätten, die lauter und lauter von außen eingedrungen wären, von dem arbeitenden Volk, das nichts mit ihnen gemein haben will. Was aber kümmern sich die Herren jetzt darum, wenn ihnen ein glatter Redner zwei Stunden lang möglichst maßvoll dies oder jenes auseinandersetzt und immer Rücksicht darauf nimmt, daß er nicht zuviel von den Herren verlangt? Und wie ganz anders aufreizend hätten die Reichstagsverhandlungen gewirkt, wenn die Herren Bourgeois unter sich geblieben wären, wenn sie die Zeit vertrödelt hätten mit ihrem einsichtslosen und thörichten Geschwätz, mit ihrem unsinnigen tagelangen Streit über Formalien und Lappalien, während draußen die Arbeiter sich fester und fester zusammenschließen zum Kampf ums Brod (was etwas anderes heißt als die Bekämpfung des Kornzolls), aber auch um ein hohes Ideal, für die Neugestaltung der Menschheit! Und wenn dann einmal eine festgeschlossene Kolonne Arbeiter auf der Galerie erschienen wäre, um dem Geflunker zuzuhören, wenn die Aufregung dann bis zum Siedepunkt gestiegen wäre, und das Volk anfinge, mitzureden und den Herren zu sagen, was von ihnen zu halten ist, dann könnte man sehen, wie die Herren Bourgeois sich vor Angst in alle Winkel verkröchen. Hat man etwas dem Ähnliches schon einmal erlebt, wenn einer unserer Abgeordneten gesprochen hat? O nein, man hat ihn höchstens aufmerksam angehört und hat dann die oratorische Leistung bewundert. Das muß anders werden. Auf diesem Wege verflacht unsre große Bewegung mehr und mehr. Hüten wir uns, daß nicht abgespannt wird; hüten wir uns, daß die Massen nicht anfangen zu ermatten und an unsere Sache nicht mehr zu glauben. Die Unzufriedenheit, die leidenschaftliche Begier, unsere Lage zu bessern und von Grundaus zu ändern, darf nicht schwinden, muß gesteigert werden. Und Aufklärung und Belehrung muß sich damit fort und fort vereinen. Nehmen wir uns in Acht! Stehen wir zusammen Mann für Mann! Und vor allem: nicht wählen wollen wir, sondern protestieren gegen das Wählen!

Mitten unter dem Beifallssturm, der sich wieder erhob, während einige sich schon zum Weggehen _bereiteten_, indeß die große Masse ruhig sitzen blieb in der Erwartung, daß zum dritten Punkt der Tagesordnung »Verschiedenes« nach etwas von Interesse zur Sprache käme, stand Starkblom auf. Während der letzten halben Stunde hatte ihm der Gedanke: Du mußt reden, und immer wiederholt das eine Wort: reden, reden, reden keine Ruhe mehr gelassen. Es fröstelte ihn und dann stand ihm wieder der Schweiß auf der Stirn und es drückte ihn etwas ohne Unterlaß an der Kehle, und nun war er aufgestanden, er wußte selbst nicht, um das Fieber und die Beklemmung von sich zu schütteln oder zu reden.

Nun fragte der Vorsitzende seiner Gewohnheit nach: »Wünscht noch jemand das Wort? -- Es scheint, daß --« Da streckte Starkblom, wie er es vorher bei den andern, die sich gemeldet, gesehen hatte, gedankenlos den Arm in die Höhe und währenddem fuhr es ihm durch den Kopf: Nun mußt du reden, nun mußt du reden, was wirst du denn sagen, ich weiß ja gar nichts zu sagen, die Gedanken gehen mir ja aus, jetzt ist es Zeit, Zeit, Zeit, groß -- bedeutend -- mannhaft -- alles, alles.

»Sie haben das Wort. Bitte rasch; Namen und Wohnung, kommen Sie vor,« sagte der Vorsitzende sofort.

Starkblom ging vor; er hatte sich gefaßt, aber er konnte nicht überlegen; meine Herren, meine Herren, ich, meine Herren, ich will, meine Herren, so wiederholte er in seinem Denken immerfort und fast mit den Lippen. Aber als er vorn stand, sagte er ganz ruhig zum Polizeilieutenant, der die Versammlung überwachte, gewendet: Karl Starkblom, Villa Weißes Haus, Privatmann.

»Sie haben das Wort,« wiederholte der Vorsitzende, während man in der Versammlung teils aufmerkte, teils durcheinander sprach; man war begierig, was der feine Herr zu sagen wußte.

Und nun begann Starkblom, und gleich von Anfang an fließend und ruhig sprechend, nur zwischen den einzelnen Sätzen kurze Pausen machend, während deren er tief Athem holte, denn eine gewaltige Aufregung in ihm preßte sich gegen seine Brust.

Meine Herren, es ist richtig, was der erste Redner sagte. Damit sich einer aus den Reihen der Gebildeten erhebt über den Standpunkt seiner Umgebung, über das Denken und gewohnheitsmäßige Leben, das ihm von früh an eingelernt ist, dazu gehört ein freier und ungewöhnlicher Mensch. Und selbst dann, wenn einer frei ist und von bedeutender Geistesanlage, selbst dann wird sein Leben sich ganz anders gestalten, wird er zu ganz andern Resultaten kommen, als Sie wohl annehmen, wenn ihm irgend welche Zufälligkeiten den Streich spielen, ihn nie zusammenkommen zu lassen mit den Menschen, deren Denken von Anfang an eine ganz andere Richtung einschlagen muß als die seine. Ich bin nicht mehr jung, aber zum ersten Male in meinem Leben stehe ich heute unter Arbeitern. Ich bin kein Bourgeois in dem Sinne, wie Sie das Wort gebrauchen, wohl aber bin ich mir selbst nicht bewußt ausgegangen in all meinem Leben und in all meinem Denken und Empfinden von der heutigen Gesellschaftsordnung, von der heutigen Sitte und Moral. Über alles, was man mir je angelernt hat, habe ich mich in langem Ringen und schwerem Kämpfen vollständig erhoben, nur das eine habe ich bis zu dieser Stunde nie gewußt: daß es Menschen giebt, die ganz anders empfinden und denken, wie wir da oben, und daß die Zukunft in den Händen dieser Menschen liegen kann. Ich habe die ganze Bildung meiner Zeit bewältigt; ich habe all das Leben und Treiben dieser Erde beobachtet; ich habe geschaut, wie die Menschen dies und das treiben und sich doch stoßen lassen von jeglichem Zufall, daß sie kein Ziel haben und keine Reflexion, und ich habe mich mit Ekel abgewandt von dem Menschengeschlechte, das nicht weiß, wofür es lebt und -- noch schlimmer -- es gar nicht wissen will. Und ich war nahe daran, selbst wegzugehen vom Menschendasein, weil ich trotz allem Grübeln und verzweiflungsvollen Forschen nicht finden konnte, wofür ich lebe. Ich habe den Mut gehabt, in meinem Denken wenigstens die Konsequenz zu ziehen aus meinem Leben, und das ist die Konsequenz eines jeden aus meinem Gesellschaftskreise. Diese Konsequenz heißt: Selbstmord.

Heute aber kann ich sagen: ja, jawohl, die bürgerliche Welt ist dem Tode verfallen, aber aus ihren Trümmern, das hoffe ich mit Ihnen und daran will ich mich anklammern, wird auferstehen die sozialistische Gesellschaft, eine neue Welt.

Hier löste sich die Spannung, mit der die große Versammlung bisher in vollkommener Ruhe zugehört hatte, in ein vielstimmiges und gleichzeitiges Bravo auf. Starkblom fuhr sich leicht über die Stirn und holte tief Athem; dann sprach er weiter, nunmehr lebhafter und freudiger, wie getragen von der Sympathie der Versammlung.

Ja, meine Herren, heute ist es mir endgiltig klar geworden, und darauf baue ich: nicht der Mensch als solcher oder gar die Welt an sich ist es, vor der mir ekelt in tiefster Seele, es sind nur die Menschen, unter denen ich aufgewachsen bin, mit denen ich mein ganzes Leben verbracht habe; es sind nur die Zustände, die heute herrschen und die sich von Geschlecht zu Geschlecht überliefern, weil jedes Kind von neuem gedankenlos hereingezogen wird in den alten Kreis verrotteter Gewohnheit. Ein Kind aber kenne ich, das noch nicht zugrunde gerichtet worden ist von diesen Einrichtungen, ein Feld, das noch nicht gejätet worden ist mit dem Pfluge einer alten Moral und das bereit liegt zu neuem Samen; eine Wolke, die sich noch nicht ausgeschüttet hat, sondern voll ist von neuem fruchtbarem Regen; ein Rad, dessen Felgen noch nicht zerbrochen sind, sondern das erst beginnen will zu rollen, wer weiß wohin? ... Ich meine die Arbeiterklasse. Die Bildung, mit denen man unser Hirn vollgepfropft hat, haben Sie nicht genossen, und dadurch haben Sie Platz gehabt für eine neue Idee, dadurch sind Sie berufen, der alten morschen Gesellschaft den Todesstoß zu geben und sie abzulösen, und mit Vernunft da zu beginnen, wo die Unvernunft das Ende ihrer Entwickelung erreicht hat. Unsere thörichte bürgerliche Gesellschaft glaubte dem Volk einen gewissen Grad von Wissen und Aufklärung zukommen lassen zu dürfen, und die Geister, die sie so beschworen, die werden sie nicht mehr los. Die heutige Gesellschaft hätte aufrecht erhalten werden können, wenn die Arbeiter systematisch zu Haustieren, noch schlimmer, zu Fabriktieren gemacht worden wären; aber da man in sentimentaler Duselei mit einer Reminiszenz an die Menschenrechte der französischen Revolution davor zurückschreckte und ihnen mit Halbheiten den Geist stopfen wollte, siehe da wurde der Mensch in ihnen wach, und schneller, als jene es geahnt, erwächst die neue große Revolution, die viel, viel gewaltiger werden wird als die sogenannte große Revolution der Bourgeois. Einen neuen Glauben haben die Arbeiter, einen Glauben an sich und an die Zukunft der Menschheit. Die bürgerliche Gesellschaft aber hat keinen Glauben, keinen neuen und keinen alten; sie verzweifelt an sich selbst, wo sie nicht gedankenlos dahinvegetirt und selbst zum Tier geworden ist. Die soziale Revolution wird siegen!

Da brach gewaltiger Beifall los. Starkblom fühlte, dies sei für die Empfindung seiner Zuhörer das Ende seiner Rede, und obwohl er noch lange weiter hätte sprechen können, fügte er nur noch hinzu, laut durch das Getöse rufend:

Zu Ihnen flüchtet sich von den Gebildeten, wer an der Zukunft der bürgerlichen Gesellschaft verzweifelt und doch eine starke Ahnung hat, damit sei die Menschheit noch nicht an ihrem Ziele. Nehmen Sie mich auf in Ihren Reihen. Unser Wille ist derselbe: die vernünftige Gestaltung des menschlichen Lebens!

Starkblom wollte rasch von der Tribüne heruntergehen, um so schnell als möglich nach Hause zu kommen, fort aus diesem Saale in die freie Luft. Wie hätte er jetzt noch ein einziges Wort sprechen können. Aber der Vorsitzende, neben dem er stand, tippte ihn leicht auf die Schulter und sagte: »Herzlichen Dank, Herr Starkblom. Es würde mich sehr freuen, wenn Sie etwas warten wollten; die Versammlung ist ja jetzt doch wohl zu Ende. Hätten Sie die Güte?«

Starkblom drückte ihm die Hand. »Gewiß, sehr gern.«

Während dieses kurzen Gesprächs hatte sich unten im Saale schon alles erhoben und lief durcheinander dem Ausgang zu. Nur der Form zuliebe fragte der Vorsitzende: Wünscht noch jemand das Wort? und fügte dann gleich hinzu: Dann schließe ich die Versammlung. Sofort begannen einige Stimmen mit dem kräftigen Gesang der Arbeitermarseillaise: »Wohlauf, wer Recht und Wahrheit achtet,« und immer zahlreicher fielen die Anwesenden ein in den Chor, während alles langsam zum Ausgang drängte. Nur einige wenige strebten gegen die Masse nach vorn, und schließlich standen, während der Saal schon fast leer war, sieben Männer um Starkblom, ihm abwechselnd die Hand reichend und durcheinander auf ihn einredend. Er nickte nur nach allen Seiten und sagte: Jaja -- jawohl -- ganz richtig -- aber bitte sehr. -- Er hörte nicht, was die andern sagten und wußte nicht, was er selbst sprach. So hätte er wohl noch Stunden lang dastehen können und seine erregte Freude auf- und abwogen lassen. Aber der Mann, der den Vorsitz geführt hatte, rüttelte ihn auf, indem er den Vorschlag machte, sich an einen Tisch zu setzen und noch ein Glas Bier zu trinken. Es geschah so, und bald war Starkblom in ein Gespräch verwickelt mit seinen Nachbarn, erst über ziemlich gleichgiltige Gegenstände, über die Arbeitsverhältnisse hier am Ort und über das bisherige Leben Starkbloms nach außen. Bald aber wurden sie hereingezogen in das Gespräch, das indessen auf der andern Seite des Tisches geführt wurde. Man sprach über die Zustände und Spaltungen in der deutschen sozialdemokratischen Partei. Starkblom erfuhr da, daß durchaus nicht überall die prinzipienfeste, revolutionäre Richtung einen so großen Anhang habe wie hier; an andern Orten begnügten sich die Massen vielfach mit großen Schlagworten und überließen im übrigen alles ihren vergötterten Führern.

»Ja aber diese Führer«, fragte Starkblom erstaunt, »können denn diese wirklich glauben, es scheinen doch überaus vernünftige und begeisterte Leute zu sein, daß durch althergebrachtes Politisieren und Parlamentieren das große Ziel erreicht werden könne? Das ist doch ganz undenkbar.«

»Das will ich Ihnen erklären«, antwortete ihm Mathias Buvolski, der vorhin das Referat über die Wahlen gehalten hatte. »Die Herren sind überschlau, das ist ihr Verderben, hoffentlich nicht das unsere. Sie glauben gar nicht recht an die Kraft der Bewegung und vor allem nicht an die Macht der Aufklärung. Sie halten große Reden von der wirtschaftlichen Entwicklung, und daß die sozialistische Gesellschaft sich ganz von selber mache; man brauche gar nicht eingreifen und sich nicht in Gefahr bringen. Aber sie wollen die Macht nicht aus den Händen geben, sie erwarten irgend etwas ganz besonderes, irgend einen großen Zufall, am liebsten eine Revolution von oben, einen Verfassungsbruch der Regierung und da wollen sie zuwarten. Und damit die Bewegung inzwischen nicht stillsteht oder gar ins Nichts zerrinnt, wenden sie künstliche Mittel an, um das Interesse wach zu erhalten. Da wird also ein großer Entrüstungssturm in ganz Deutschland gegen die Kornzölle erregt, nur damit überall Massenversammlungen stattfinden. --«

»Was?« unterbrach ihn Starkblom. »Genau dasselbe hörte ich ja vor ein paar Tagen bei den Freisinnigen?«

»Allerdings, aber das thut nichts; bei uns zieht’s mehr. Und aus demselben Grunde muß gewählt werden und müssen die Abgeordneten Reden über Reden halten und Anträge über Anträge stellen. Alle paar Wochen taucht dann wieder ein neues Projekt auf, irgend ein Detailvorschlag, der der Masse imponiert, Verstaatlichung der Apotheken, der Ärzte, des Getreidehandels ... Die Bewegung darf nicht einschlafen, das ist alles. Aber gethan wird nichts, es giebt keine ernstliche Aufklärung, nicht im Wort und nicht in der Schrift, die Provinzzeitungen sind miserabel, die Brochüren zu teuer, die Führer sitzen im Reichstag und haben keine Zeit zur Belehrung des Volks ... Sie machen von sich reden und halten sich obenauf, um, wenn die rechte Zeit von ungefähr kommt, die Macht in der Hand zu haben. Drum sind sie auch keineswegs unter sich einig, immerfort Zänkereien und Eifersucht.«

»Was reden wir da?« sagte Starkblom. »Das sind ja ganz gewöhnliche Menschen, nicht unbegabt, aber gewöhnlich. Aber was gehn uns Personen an? Im Sozialismus steckt Tieferes, als seine heutigen Verkünder wohl ahnen. Was gehen uns diese Kleinlichkeiten an, wo es sich um die Zukunft der Menschheit handelt?«

Die andern hörten aufmerksam zu, Buvolski aber sagte: »Sie haben heute Abend schön und herzlich und feierlich gesprochen. Ich habe noch niemanden getroffen, glaube ich, der so sein Alles daran setzt, um das was er denkt, auch zur Wirklichkeit zu machen. Nicht wahr, Sie glauben felsenfest an die Macht der Vernunft?«

Starkblom fühlte wie er blaß wurde. Es lief ihm kalt über den Rücken. Wenn, wenn, wenn ... Nein. Er schüttelte sich. Nichts mehr von den alten Dingen. Er wollte nicht mehr. Es war entschieden. Ja, er glaubte.

Erst nach einer Pause, während der alle gespannt nach ihm blickten, antwortete er langsam:

»Viel gefragt. Ich glaube, daß ich nicht einzig bin.«

»Offen gestanden, ich verstehe nicht recht. Wie meinen Sie das?«

»Ich bin ein Teil der Welt, ein winziger Teil; ein einsamer, versprengter Teil, es ist wahr. Daß _ich_ vernünftig bin, das weiß ich sicher; und was ich glaube, das ist das, daß ich mich nicht soweit über die andere Welt erhoben habe, daß sie mir nicht mehr nachfolgen kann. Man kann viel, wenn man will; und der Wille kann erweckt werden. Der Geist des Menschen ist so eingerichtet, daß, wenn einer allen Schmerz und alle Verzweiflung eines ganzen Lebens dazu gebraucht hat, um _eines_ zu erreichen und daran festzuhalten, daß er allen anderen diese Not ersparen kann, indem er ihnen das fertige Ergebnis seines Lebens begreiflich macht. In diesem Sinne ist jeder bedeutende Mensch ein Heiland, der die Schmerzen der ganzen Welt auf sich nimmt und sich kreuzigen läßt, um die Welt zu erlösen. -- Wo wohnen Sie? Bitte wollen Sie mir Ihre Adresse angeben?«

Alle schauten ihn verwundert an. Er aber stand auf.

»Ich kann nicht länger bleiben. Aber wir sind nicht das letzte Mal zusammen.«

Buvolski sagte ihm, wo er wohne, Starkblom bat die Männer, ihn doch bald zu besuchen, wenn sie Zeit hätten, und nach herzlichem Abschied ging er.

Er eilte nach Hause. So lange er in den Straßen der Stadt war, ging er nur sehr rasch und blies die Luft von sich und lächelte vor sich hin und schwang seinen Stock und schlug ab und zu auf die Steinplatten, daß die Funken heraussprangen. Sowie er aber auf der Landstraße war, auf der fester, aber noch weißer Schnee lag, und seine Blicke über die Felder schweiften, deren unermeßliche Schneedecke im Mondschein strahlte und glitzerte, fing er an zu rennen, als wollte er mit seinem Schatten um die Wette laufen. Dabei schrie er laut: Juhu, juhu! Eine unbeschreibliche, freudige Aufregung hatte sich seiner bemächtigt. Jetzt dachte er nicht, jetzt grübelte er nicht der Zukunft entgegen, er hatte etwas in der Gegenwart, worüber er sich freuen konnte, und gedankenlos wie ein Kind überließ er sich dem Genusse.

Er war schon in der Nähe seiner Villa, als ihm ein hochgewachsenes Mädchen begegnete. Schon von weitem rief sie ihm zu:

»Na, Ihr seid wohl eben entsprungen?«

Starkblom, der sie sofort verstand, lachte und ging weiter, bis er vor ihr stand und hielt dann an. Sie dachte an das große Irrenhaus drinn in der Stadt, in dem Unheilbare aus dem ganzen Lande eingesperrt waren.

»Nun, das gerade nicht«, antwortete er lustig. »Vielleicht bringe ich’s aber noch so weit. War’s schön heute Abend?«

Er schaute vergnügt dem Mädchen, das sehr hübsch war, ins Gesicht.

»Wie meinen Sie das?« fragte sie etwas verlegen und rückte das Tuch, das sie auf dem Kopfe trug, zurecht.

»Na, ich denke, ein Mädel ist doch nur aus einem Grund so spät noch hier außen. Ist er lieb? Meint er’s ehrlich?«

»Ich weiß nicht«, sagte sie und errötete ein wenig. »Ich hab’ ihn eben gern.«

»Hast recht, Kind. Das ist genug und erklärt alles. Was ist er denn?«

»Fabrikarbeiter.«

»So? -- Ist er auch Sozialdemokrat?«

»Ich sag Ihnen doch, daß er Fabrikarbeiter ist.«

»Jaso, hast recht.«

»Seit wann sind wir denn per Du?«

»Seit heute, liebes Mädel und nur für heute. Nichts für ungut, aber ich bin so froh und erhoben, wie nie zuvor.«

»Ich merk’s und es freut mich. Ich hab die lustigen Leute gar gern.«

»Ich war’s schon lange nicht mehr.«

»So?«

»Jaja, schon lange nicht mehr.«

»Jaja, Sie sehen auch recht ernst und traurig aus. Bleibt nur lustig, ’s ist besser.«

»Ich will’s, wenn’s geht. Komm, gieb mir ’nen Kuß.«

»Nein. Oder -- ja, weil’s Sie sind.«

Sie legte die Hände auf seine Schultern und er küßte sie rasch. Dann gab sie ihm noch einige freiwillig drein, schüttelte seine Hand und wandte sich zum Gehen.

»Adieu, fröhlicher Herr. Denken Sie nichts schlimmes von mir.«

»Lebwohl, mein schönes Kind, und grüße mir deinen Schatz.«

Dann ging auch er und schnalzte noch ein paar Mal vor Vergnügen mit der Zunge. Dann schritt er den Berg hinauf, jetzt langsamer, er blieb ein paar Mal stehen und schaute sich um und ließ seinen Blick schweifen über Feld und Wald und Fluß, das alles weiß vor ihm lag, und über die Stadt hin. Er streckte den Arm aus und bewegte die Hand auf und ab, wie zum Segen oder zum Dank. Auch auf die Landstraße blickte er lächelnd und gewahrte schon ziemlich weit entfernt einen dunklen Punkt. Noch einmal brach die Spannung in seiner Brust durch und laut rief er wieder sein Juh! hinunter. Und leise vernahm er die Antwort des Mädchens: Hoijohehuhu! Er nickte und lächelte vor sich hin, dann schloß er die Thür auf und ging hinauf in sein Schlafzimmer und machte Licht. Da wurde er gleich ernster, er ging noch eine Zeit lang hin und her und brummte vor sich hin: Jaja, hm, hm, jaja. Dann kleidete er sich aus, löschte das Licht und legte sich ins Bett. Nach ein paar Minuten war er eingeschlafen.

* * * * *

Von diesem Tage an war Karl Starkblom ein leidenschaftlicher Anhänger und Verkünder des Sozialismus. Er gewann bald Einfluß auf die Massen, er schrieb zündende Brochüren, reiste im Lande herum und hielt überall, in großen öffentlichen Versammlungen, in kleinen Gesellschaften und in Fachvereinen Vorträge. Er gehörte zu den leidenschaftlichsten Kämpfern gegen die bürgerliche Gesellschaft -- wenn er auch nicht darauf verzichten wollte, die vorgeschrittensten Elemente derselben durch die Mittel vernünftiger Ueberzeugung für seine Sache zu gewinnen. So schien er ganz aufgegangen in dieser Thätigkeit; er schien zu wissen, wofür er lebte oder vielmehr gar keine Zeit mehr zum Grübeln zu haben.

Eines Abends aber -- er stand schon seit Monaten mitten in der Bewegung -- ereignete sich etwas sehr Merkwürdiges. Freilich, wenn er später daran dachte, mußte er sich sagen, es kam nicht so ganz plötzlich, es hatte sich zu verschiedenen Malen angezeigt, immer war es ein jäher Einfall, der plötzliche Dolchstich eines Zweifels gewann, aber es war stets sofort wieder gegangen, und er hatte weiter keine Acht darauf. Schon am ersten Abend, in jener Versammlung war eine Bangigkeit an ihm heruntergelaufen gleich einem körperlichen Übelsein, und dann Abends vor dem Einschlafen, und dann später wieder und nochmals und ein anderes Mal ... aber ohne Zusammenhang ... ein plötzliches Zurückschaudern ... ein dummer Gedanke, der sich wieder vergaß ...

Diesmal aber überwältigte er ihn. Er hielt vor einer außerordentlich stark besuchten Versammlung in einer großen Stadt des westlichen Deutschland einen Vortrag über das Thema: Warum muß der Sozialismus siegen?