Part 4
Ein anderer Redner, eine hagere, knochige Gestalt, lüftete die Maske noch mehr. Oder hatte er eine neue aufgesetzt? Der Freisinn war wieder fromm geworden. Erst redete er nur von der Natur und vom Kampf Aller gegen Alle und von Darwin. Auf einmal fiel auch das Wort Gott. Starkblom lauschte erstaunt und ekelahnend. Gott habe die Welt so geschaffen, daß alle gleiche Rechte haben, aber nicht gleiche Gaben und gleichen Charakter und gleiches Glück. Reiche und Arme, Fleißige und Faule, Kluge und Dumme, das sei ein Gegensatz, der nicht auszurotten. Und wieder hörte er erbittertes Lachen. Und das Erben? fragte eine schreiende Stimme. Erben nur Kluge? Ja, das sei gut und nötig für das Wohl des Staates, daß die Kinder von des Vaters Gaben zehrten. Die Familie sei die Grundlage des Staates und aller Gesittung.
Während dieser Rede hatte sich ein Arbeiter aus jener Ecke langsam einen Weg durch die Reihen gebahnt und war auf die Tribüne gegangen und hatte dem Vorsitzenden etwas zugeflüstert. Der sah ihn zweifelhaft an und zuckte mit den Achseln. Der andere machte eine leichte selbstverständliche Handbewegung. Der Vorsitzende breitete fragend die Arme aus. Da schlug der Arbeiter ärgerlich leicht mit der Faust auf den Tisch, daß die Glocke, die darauf stand, leise zitternden Ton gab, und der Vorsitzende ergab sich zögernd darein. Nachdem nun der laute Beifall verklungen war, verkündete er, daß sich ein Gegner zum Worte gemeldet habe, und da freie Diskussion ihr Prinzip sei, müsse der das Wort erhalten. Er werde die Geduld der Versammlung hoffentlich nicht lange in Anspruch nehmen.
Nun trat der Arbeiter, ein Mann in den mittleren Jahren mit ernstem wenig sagendem Gesichtsausdruck vor. In der linken Hand hielt er seinen breiten Filzhut zusammengedrückt und mit dieser machte er während er sprach seine lebhaften aber gleichmäßigen Bewegungen. Er will scheint’s Holz hauen, flüsterte jemand in Starkbloms Nähe und lachte unbändig über seinen Witz. Der Mann sprach nicht gut und nicht schlecht und wunderlich mischte sich in seinen Worten nüchterne Trockenheit mit trivialen aufgefangenen Redeblumen. Er hoffe nicht, so begann er, die Herren zu überzeugen, das sei nicht möglich, aber er wolle ihnen seine Meinung sagen, damit sie sähen, wie der Arbeiter denke.
Das Licht der Vernunft sei aufgegangen im Proletarierhirn und das sei das Verdienst der Sozialdemokratie. Diese allein habe ein Herz fürs Volk, sie allein habe ein festes Ziel und suche die ganze Menschheit zu beglücken. Was nützt uns Ihr Gott, wenn er uns in unserem Elend läßt? Wir haben uns abgewandt von ihm; behalten Sie ihn allein für sich. Solange der Kapitalismus dauert, hört die Lohnsklaverei nicht auf; darum muß die kapitalistische Gesellschaft mit Stumpf und Stil vernichtet werden. Die Menschen haben im wesentlichen gleiche materielle Bedürfnisse; oder können Sie mehr als einmal zu Mittag essen? Nein? Dann ist es auch lächerlich, daß einer gegen den andern streitet, wer das meiste Geld verwischt, dann muß die Produktion der Lebensmittel gemeinsam werden und das ist möglich. Der Kampf Aller gegen Alle muß aufhören, und das ist Ihre vielgerühmte Freiheit. Der Satte kann Freiheit brauchen, aber für die Freiheit zu hungern und geknechtet zu werden, danken wir. Erst wollen wir satt werden und das Paradies der Menschheit erobern für alle, meine Herren, für alle und jeden; dann wird die schöne Freiheit von selber da sein. Sie haben einmal gekämpft für die Sache des Volkes, als Sie selbst unterdrückt waren, aber jetzt, wo Sie selber wohlgenährt sind und obenauf, jetzt haben Sie die Sache des Volkes verraten! Wir brauchen Sie aber auch gar nicht mehr. Wir sind zielbewußte Proletarier, wir stehen auf dem Boden des Klassenkampfes und den werden wir nicht verlassen, bis die Sonne des Ostens emporsteigt und die Klassengegensätze aus den Angeln hebt. Und wie zum Hohn rief er zum Schluß, indem er fest auf die Versammlung blickte und auf seine paar Kameraden im Winkel: Es lebe die internationale revolutionäre Sozialdemokratie, und jubelnd stimmten seine Genossen ein: hoch, hoch, hoch! und der Einklang schwebte über dem gemischten Toben der Versammlung.
Starkblom fühlte sich wie erhoben von etwas Nieerhörtem. Er stand auf und sah den Arbeitern nach, die den Hut auf dem Kopf, fest auftretend, wie zum Protest den Saal verließen. Er hörte wieder die Stimme des Vorsitzenden, der von unerhörtem provocierendem Benehmen sprach, aber er hatte genug und wollte nicht länger bleiben. Er ging zu einer Seitenthüre hinaus. Herr Fabrikant Wangaus hat das Wort, hörte er gerade noch beim Schließen der Thüre. Also der wollte den Mann widerlegen. Er lächelte. Dessen Rede kannte er schon, der Hagere und der Fette, die beiden sprachen in gleicher Weise. Gott stellt jeden auf seinen Platz! Seid doch zufrieden und rüttelt nicht an der überlieferten Ordnung der Gesellschaft. Unsere ganze große Cultur ruht ja nur auf ihr. Er wollte doch rütteln, und die Arbeiter rüttelten auch. Freilich, diese Arbeiter, die standen nicht zusammen mit ihm. Die wollten noch leben, die wollten erst beginnen und das rechte freudige Leben schaffen. Das freudige Leben? Sie täuschten sich wohl. Das Leben war keine Freude. Diese Naiven, wenn sie alles das hätten, was er sich errungen und was ihm vom Glücke zugefallen, Reichtum, Unabhängigkeit, Bildung, Wissen -- sie wären elender als jetzt. Oder sie wären stumpfsinnige Tiere wie diese Bürgersleute da drinnen. Oder gab es ein drittes? Gab es ein drittes? Gab es ein ...? Er konnte es nicht glauben. Ja wenn er glauben könnte! An die Zukunft glauben. An eine Bestimmung des Menschen, an einen Zweck, an einen Sinn ... aber so, alles dumm und zwecklos und so, freudlos und lächerlich. Werdet wie die Kinder. Dann werdet ihr glauben und das Leben genießen, solange ihr lebt, und das Paradies der Menschheit erobern. Hatte er nicht so gesagt? Und _warum_ genießen, nochmals und immer wieder? Ich kann nicht genießen, denn ich frage; und wenn ich nicht mehr frage und mich aufbäume und forsche und grüble und schließlich verzweifle: bin ich dann nicht ein Tier? -- Und warum willst du kein Tier sein? Ein heiteres, herrliches Wesen, strotzend von Fülle und Kraft und Übermut und Verwegenheit, immer in neue Tiefen sich hinabstürzend und sich wieder emporschwingend zu himmlisch-reinen Ätherfernen und Glockentönen? Fragend genießen, genießend fragen; in der Erde wurzeln und hinaufragen mit dem Götterleib zur reinen Höhe, das wäre doch schön, schön? Ja das wäre schön! Also doch -- arbeiten? Arbeiten für ein Ziel, hinaufstreben, aufklären, predigen, veredeln? Kämpfen? Mitstreiter suchen? Und finden? Genossen? Wo? Sozial ... demokraten? Ja? Ob das nicht am Ende die rechten Menschen für ihn waren? Sie schienen ein Ziel zu haben, ein festes, unverrückbares, sie wollten etwas; und war es nicht schön und groß, was sie wollten? Und war es nicht möglich? O, aber es mußte ja möglich sein, wenn das Leben einen Sinn haben sollte. Und es mußte doch einen Sinn haben, da er leben wollte und sich freuen wollte und hoffen wollte? Und wenn der Mensch etwas denken konnte und wollen konnte, dann war es doch auch erfüllbar? Freilich leugneten das die Philosophen; aber sollte es nicht eben darum --? Alles Vernünftige ist möglich; sonst ist das Vernünftige wahrhaftig sehr unvernünftig. Also -- versuchen wir es zum mindesten. Her mit dir, du meine Vernunft, und du, mein Leben! Wir wollen euch noch einmal erproben. Hierhin stell dich, Vernunft, und hier gegenüber, du Leben. Wenn ihr nicht zusammenkommt, solange ich euch beobachte, dann werf’ ich euch beide ins Wasser; da könnt ihr zusammen ersaufen und krepieren. Und das Beobachterlein geht dann schon von selber mit ein ins Reich des Todes. Also: ich beginne. Ich will versuchen. Die Sozialdemokraten, die muß ich kennen lernen. Am Ende werde ich selber einer. Sie werden mich brauchen können. So wäre dann der Kreis glücklich vollendet. Die Höhe hat die Tiefe wieder getroffen und verbindet sich mit ihr. Man wendet sich solange vom Leben ab, bis man ein neues beginnt. Vom Leben mit Ekel! War es denn nicht nur _dieses_ Leben, unter diesen Umständen, in diesen Verhältnissen? Und all mein Denken, und all mein Ekel und meine Verzweiflung -- nur eine Frucht meiner Umgebung und meiner Zeit? Neue Verhältnisse schaffen? Fort mit der allgemeinen, unklaren, dem Einzelnen feindlichen Philosophie? Lebe die Nationalökonomie und die Geschichte und die Naturwissenschaft? Sozialdemokrat werden? Einrichtungen bekämpfen und nicht mehr den Menschen an sich? Verhältnisse aufheben und nicht mehr sich selber? Wissen und nicht mehr ahnen? Glauben und nicht mehr verzweifeln? Freude und nicht mehr dumpfer Schmerz? Leben und nicht mehr Tod? Sozialdemokrat werden? Sozialdemokrat sein?
Hierher kehrte sein Denken immer wieder zurück und hier blieb sein Denken stehen. Damit legte er sich ins Bett, damit schlief er ein und damit wachte er wieder auf.
Als er ein paar Tage später sich aufmachte, um einer Versammlung beizuwohnen, die der sozialdemokratische Leseklub »Menschheit« einberufen hatte, war sein ganzes Wesen nichts als Willfährigkeit und fruchtbarer Boden. Er hatte keinen neuen Entschluß gefaßt, er hatte über die Sache noch nicht tiefer nachgedacht, er hatte nichts studiert über soziale Zustände und materialistische Geschichtsauffassung, aber er war in ahnungsvoller Bereitschaft, sich in etwas Neues hineinzustürzen mit dem ganzen leidenschaftlichen Feuer, das sich in ihm die Zeit über angesammelt. Menschen zu finden, denen er sich anschließen, die er leiten konnte, Genossen haben im Streit und im Ziel!
Als er kurz nach 8 Uhr in das Lokal trat, war der große Saal noch ziemlich leer. Erst nach einer halben Stunde etwa kamen Gruppen von Arbeitern und setzten sich an die Tische. Als kurz nach 9 Uhr die Versammlung eröffnet wurde, war der Saal überfüllt, überall an den Wänden und zwischen den Tischen standen noch Menschen. Frauen waren ganz vereinzelt zu sehen. Starkblom saß an einem Tisch etwa in der Mitte des Saales, wohl der einzige Fremde unter mehr als tausend Arbeitern. Nur kurz vor Eröffnung der Versammlung waren zwei feingekleidete junge Herren gekommen, offenbar Kaufleute mit ausgeprägt jüdischem Typus und waren prüfend und unsicher im Saale hin und her gegangen. Dann sagte der eine zum andern: Komm, Nathan, wir wollen gehen, es ist ja kein rechter Mensch da. Ein Arbeiter, der in der Nähe stand, drehte sich ruhig um, packte den einen links und den andern rechts hinten am Kragen, schob sie zur Thüre und warf sie mit einem tüchtigen Stoß hinaus. Starkblom, der die Szene beobachtet hatte, lachte herzlich und nickte dem jungen Mann, als er wieder vorbeikam, freundlich zu. Der setzte sich zu ihm an den Tisch, und unterhielt sich mit ihm über politische und naturwissenschaftliche Dinge. Es war seit langer, langer Zeit das erste Gespräch, das Starkblom mit innerem Anteil und mit Genuß führte.
Nun erhielt der Referent das Wort; er sollte über das Thema: »Wie stellen wir uns zu den Wahlen?« sprechen. Er war noch ein junger Mensch, wohl höchstens 26 Jahre alt, der vor Kurzem in Berlin zuerst in der Öffentlichkeit aufgetreten war und von Stadt zu Stadt zog, um für seine Ansichten zu agitieren und die Arbeitermassen zu neuer Begeisterung, neuem Zielbewußtsein und neuer Energie aufzurütteln.
Genossen, die Reichstagswahlen stehen vor der Thür, so begann auch er gleich den unzähligen Aufrufen und Reden, die in diesen Tagen überall in Deutschland in die Massen geworfen wurden. Aber nur zum Spotte. Denn er fuhr gleich fort: Was gehen uns diese Wahlen an? Sollen wir den Volksverführern, die auf unsere Dummheit und auf die Aufregung dieser Zeit spekulieren, glauben, daß von dem Stimmzettel, den wir in die Urne werfen, von dem Abgeordneten, den wir nach Berlin schicken, unser Wohl und Wehe abhängt? Sollen wir glauben, daß wir Arbeiter einen Vertreter brauchen, um zu erreichen, was wir wollen? Nein, sage ich, falsch ist diese Ansicht, wir wollen uns selber helfen.
Falsch ist die Meinung, das allgemeine gleiche direkte Wahlrecht, das man uns vor einigen Jahrzehnten gegeben hat, sei ein Zugeständnis der Regierung an die sogenannte Souveränität des Volkes. Im Gegenteil, es war ein überaus schlaues Mittel, um durch alle Künste der Lüge und der Verführung, mit Hilfe der unverständigen Masse, die revolutionäre Bewegung der freien Geister zu lähmen und durch scheinbare Beteiligung an der politischen Macht ehrgeizige Demagogen, die sich als Vertreter des Volkes aufspielen, zu ködern und zu glatten parlamentarischen Regierungsspießgesellen zu machen.
Ist es nicht überaus bezeichnend, daß es üblich geworden ist, unter parlamentarischem Ton eine gewisse aalglatte, höfliche, heuchlerische, durch und durch verlogene Manier zu reden und aufzutreten zu verstehen? Ist es nicht bedenklich, daß in allen Parlamenten die feinen, schwächlichen, sogenannt aristokratischen Leute, die nichts ihr eigen nennen als ihre geläufige alle Unebenheiten und Derbheiten vermeidende Zunge, daß diese überall die Hauptrolle spielen? Ja, _wenn_ es so wäre, wie man uns vorzuspiegeln sucht auch von Seiten solcher, die es ehrlich mit uns meinen, wenn das Parlament die Heimstätte des freien Wortes wäre, wenn hier, wo man ungestraft sagen darf, was man für gut hält, in allen Fragen, in denen der Religion, der Nationalität, der Rasse, des sozialen Lebens, der Moral, in allen Fragen wie gesagt, wenn da Männer aufträten mit dem Mute ihrer Überzeugung, und das mit ihrer feurigen Beredsamkeit verträten, was wir denken oder wenigstens unklar fühlen, was wir aber nicht sagen dürfen, weil das sogenannte »Gesetz« es verbietet -- dann hätten wir nichts gegen das Parlament, obwohl es auch dann noch lange nicht _die_ Bedeutung hätte, die viele ihm jetzt schon zuschreiben. Aber wo in aller Welt ist es denn so? Fürchten sich denn nicht im Gegenteil unsere Vertreter vor dem Ordnungsruf des Präsidenten oder vor dem Spotte der andern Abgeordneten, ihrer geschätzten Kollegen, mehr als vor dem Strafrichter? Sprechen nicht auch diese Herren, wenn sie mitten unter uns stehen, wenn sie das Echo vernehmen, das aus unserer Masse zu ihnen emporschwillt, freier, mutiger, wahrhafter als dort? Oder -- lügen sie da mit ihrem freien Ton ebenso sehr wie dort mit ihrem feinen? Dann wehe diesen Vertretern und Führern! Dann sind wir verraten und verkauft!
Der sogenannte konstitutionelle Staat bedeutet eine Einigung, ein Kompromiß der feudalen, mittelalterlichen Regierung, des Junkertums, des Königtums von Gottes Gnaden auf der einen Seite mit der bürgerlichen Gesellschaft auf der andern. Wohl ist es wahr, solange dieser Kampf zwischen der bürgerlichen und der feudalen Welt ausgefochten wurde, war unser Platz auf der Seite der Bourgeoisie; damals waren wir noch zu schwach, um gegen beide zugleich anzukämpfen oder als lachende Dritte zuzusehen, wie sie mit einander stritten. Heute aber ist dieser Kampf überhaupt nur noch ein Scheinkampf, heute kämpft nicht mehr eine Lebensauffassung gegen eine andere, sondern nur ein Interesse gegen ein anderes. Nur wir, die wir stark sind in unserer Gemeinschaft, wir haben eine neue Lebensauffassung, wir müssen mehr und mehr unsere Gegner gegen uns vereinen, indem wir sie beide bekämpfen. Wir lassen ihnen ihren Staat und ihre kapitalistischen Einrichtungen und ihre Kirche und ihr Parlament -- wir stehen außen, und wo wir noch nicht außen stehen, wo uns die Not zwingt, ihnen Frondienst zu leisten, bei der Arbeit um des Lohnes willen, da werden wir auch einmal aufhören, aufhören mit einem Mal, dann, wann es uns beliebt, wann der rechte Zeitpunkt gekommen ist.
Hier wurde der Redner, der sich in ein lebhaftes Feuer hineingeredet hatte und seine Worte mit starken Bewegungen seiner Arme und seines Kopfes begleitete, durch lebhaften Beifall unterbrochen. Starkblom horchte hoch auf. Da war er am richtigen Fleck. Aufhören mit der Arbeit, wann es beliebt. Das war seine Sache. Freilich -- es war alles in anderm Zusammenhang. Nichts im Gegensatz zum Leben, alles vielmehr um des Lebens willen, für das vernünftige Leben. Das war es, was diesen Männern allen so felsenfest sicher stand: es gab eine Vernunft im Leben, es gab eine Zukunft, es gab Freude und Lebenszweck, man hatte ein Interesse an der Welt, auch an den Nachkommen, man handelte und brachte Opfer für eine Sache, an die man glaubte, für ein Ziel, auch wenn man es nicht erlebte. Das war es, das war es, wonach er sich gesehnt, so heiß gesehnt mit all seinem Sinnen -- diese Männer hatten es, sie wußten wofür sie lebten, ja wofür sie starben. Und Starkblom bemühte sich, die Zweifel, die sich ungeordnet von allen Seiten her in ihm aufbäumen wollten, zu vernichten. Er wollte nicht mehr unglücklich sein, er wollte mitmachen und er konnte es. Er ließ sich hinreißen -- gleichviel wohin.
Der Redner hatte indessen einen Schluck Bier getrunken und fing nun wieder an.
Die Frage, was uns die Wahlen angehen, erweitert sich zu der Frage: Was geht uns die Politik an? Sind wir, wie es vorgegeben wird, eine politische Partei oder sind wir etwas anderes, etwas größeres? Was ist denn Politik? Staatskunst nennt man sie zu deutsch, und das ist richtig. Ohne Staat giebt es keine Diplomatie und kein Parlament und keine Politik. Was aber in Dreiteufelsnamen geht uns der Staat an, der Gehilfe der heutigen Gesellschaftsordnung? Falsch ist die Meinung, wir könnten uns durch ein Hinterthürchen einschleichen in den heutigen Staat und könnten auf diese Weise unser Ziel erreichen. Falsch ist die Ansicht, dieses Hinterthürchen, der Parlamentarismus, sei aus Versehen offen geblieben, oder aus Not; im Gegenteil, sperrangelweit haben es die heutigen Machthaber geöffnet, um uns zu ködern und uns zu sanften Regierungsschafen und Staatseseln zu erziehen, und groß ist die Gefahr, sie könnten ihr Ziel erreichen.
Genossen, wir sind _keine_ politische Partei; wir wollen keine Gesetze machen, um die Ordnung herzustellen im Interessenkampf und um die Schwachen zu unterdrücken und die Reichen zu sichern; wir wollen _nicht_ flicken an der heutigen Welt, um sie erträglicher zu machen, nein, ich sage es offen, wir _wollen_ sie unerträglich machen, um sie rascher ihrem Tod entgegenzutreiben. Wir kennen keinen Gegensatz zwischen den einzelnen Nationen, wir sind heute alle eins als Proletarier im Kampf gegen das Kapital, und wollen, daß alle Menschen eins werden als Menschen, als Individuen im Kampf gegen feindliche Naturkräfte, im Streit für den Fortschritt und die Kultur! Nochmals und immer wieder: wir _wollen_ uns nicht beteiligen, wir _wollen_ abseits stehen, wir wollen die heutige Gesellschaft allein lassen, und wenn es an der Zeit ist, im Stiche lassen.
Um das zu erreichen, wenden wir uns vor allem aufklärend an den einzelnen Menschen. Wir sagen ihm: siehe, mein Bruder, es giebt für dich keine Pflicht gegen den Staat oder die sogenannte Gesamtheit, es giebt auch keine Pflicht gegen Gott, das alles hat man dir vorgelogen und anerzogen. Wie du zu handeln und was du zu glauben hast, darüber hast du dich einzig mit deiner Vernunft auseinanderzusetzen. Und dafür ist gesorgt durch die gemeinsame Abstammung aller Menschen, daß sie trotz aller Ungleichheiten und Differenzen nur _eine_ Vernunft haben, und daß ein normaler Geist das Größte zu _erfassen_ wenigstens im Stande ist, was der Fortgeschrittenste, der Höchststehende, der Genialste, gefunden und entdeckt hat. Freilich, einen Wust von Aberglauben und Unsinn und Lüge müssen wir vorher wegräumen, das kapitalistische Denken ist auch dem Arbeiter nur allzu sehr aufgepfropft worden, aber glücklicher Weise verträgt es sich auf die Dauer nicht mit seinen Interessen und daher kommt es, daß die Masse der Arbeiter sehr wohl Verständnis hat für jede neue große Idee. Das gilt nicht für den Bourgeois -- ihm kann man Vernunft predigen so lange man will, der Durchschnittsbourgeois _kann_ uns nicht recht geben, selbst wenn er ehrlich ist. Soll ein Bourgeois sich überzeugen lassen von einer Idee, die einer neuen Weltanschauung angehört, dann muß er ein freier Mensch sein, der sich zu erheben versteht über die Interessen seiner eigenen Klasse. Und derer sind wenige.
Wer aber unter uns Arbeitern versteht es nicht, wenn ich ihm sage: du zahlst Steuern, du bist Soldat, du arbeitest in der Fabrik, nicht weil es dein Wille ist, sondern weil du mußt, weil du geknechtet bist, weil vorerst die dich knechten, noch die Stärkeren sind. Du kannst, auch du Einzelner kannst es, du kannst aufhören zu arbeiten, wenn du nur willst, aber du wirst verhungern, du kannst dich aufbäumen gegen Staatsgesetze und Moralgesetze, die dich nichts angehen, aber du wirst dann deiner Freiheit beraubt, wenn nicht getötet, und das von Rechtswegen -- denn Recht ist Macht. Du kannst alles, was du thust, lassen, wenn es nicht dein Wille ist; aber unter der Knechtschaft, unter der du stehst, kannst du nicht thun, was du willst. Du kannst deinen heißen Bildungstrieb nicht befriedigen, du kannst dir kein menschenwürdiges Dasein schaffen, du kannst nicht aus der Welt schaffen, wovor dir ekelt, nicht die Schwindelgeschäfte, nicht die Börse, nicht die Prostitution, nicht lügnerisches Pfaffentum und Beamtentum, nicht verkehrte, geistverstümmelnde Jugenderziehung. Kurz, du kannst nicht leben wie du willst, du mußt leben, wie es die Verhältnisse wollen, die aufrecht erhalten und verteidigt und idealisiert werden von der heutigen bürgerlichen Gesellschaft.
Unter diesen Umständen giebt es nur _ein_ Mittel. Wir alle, die wir unter diesen Verhältnissen leiden, thun uns zusammen zu einer kämpfenden Gemeinschaft. Wir wollen nicht aufhören Vernunft zu lehren und die Massen aufzuklären, bis wir es erreicht haben, daß die Proletarier aller Länder sich vereinigt haben, um zu stürzen die kapitalistische Weltanschauung und einzurichten die sozialistische. Organisieren wir uns in den Gewerkschaften, werbet überall, in den Fabriksälen, auf den Straßen und öffentlichen Plätzen, in der Familie, in großen Versammlungen. Ist diese freie Organisation stark genug, dann kann jede einzelne Gruppe im Kampf um die vorläufige Besserung der Lebensbedingungen, um Verkürzung der Arbeitszeit, um Erhöhung des Lohns auf die Unterstützung aller andern rechnen und dem Kapital die Spitze bieten. Dann kann jede einzelne Gruppe schon vorläufig der bürgerlichen Gesellschaft kündigen, sei es auch nur um zu zeigen was kommen wird. Und diese unsre Kampforganisation muß schon ein Abbild sein der zukünftigen Gesellschaft. Da tritt jeder ein mit Gut und Blut für den andern, für die gemeinsame Sache; einer für alle; alle für einen.
Darum rufe ich euch zu: Genossen, wählt nicht zum Reichstag! Wählt keinen Vertreter, der für euch kämpfen soll durch Parlamentsreden. Das Wort ist nicht da zum Kampf, sondern zur Belehrung, und für den Kampf giebt es keine Vertretung. Kämpft selbst, Proletarier, nicht mit der Zunge, kämpft mit eurer ganzen Person, kämpft da, wo der Kampf ausgefochten werden muß, auf dem Boden der _Arbeit_, und da könnt ihr nicht _allein_ kämpfen, sondern nur alle zusammen festgeschlossen und einig. Vereinigt euch, Proletarier klärt auf, Genossen, werbet für unsere Idee, der Sieg wird unser sein!