Der Todesprediger

Part 3

Chapter 33,594 wordsPublic domain

»Ja allerdings. Du hast’s eben nicht mehr nötig. Glücklicher.«

»Du irrst. Das war nicht mein Grund. Mein _Grund_ nicht.«

Jetzt war das Lächeln an Wangaus.

»Na, na. Täusche dich nicht selbst. Hätte ich so eine Erbschaft gemacht -- überhaupt, wer hätte nicht so gehandelt an deiner Stelle?«

»Ja wo bleibt denn da der Beruf und die göttliche Bestimmung? So sagtest du doch?«

»Nun, nun -- das schließt nicht aus, daß man sich im Alter zur Ruhe setzt. Wenn man’s kann, natürlich.«

»So alt bin ich noch nicht. Im Gegenteil -- meine Arbeit fängt jetzt erst an.«

»So?«

»Ja allerdings. -- Das Philosophieren hast du also gänzlich aufgesteckt?«

»Das kannst du dir doch wohl denken. Wozu auch, selbst wenn ich Zeit hätte? Das führt ja doch zu nichts.«

»So? Na, ich weiß nicht. -- Ich will jedenfalls jetzt auch versuchen --«

Er hielt inne.

»Nun?«

»Ich meine, ich werde jetzt erst beginnen zu arbeiten, wie gesagt. Ich will auch Gold fabriciren.«

»Was? Das ist doch kaum dein Ernst. Die Branche liegt jetzt sehr darnieder. Leider.«

»Ich mein’s natürlich nur bildlich. Dir werde ich keine Concurrenz machen.«

»Nun, die Firma Wangaus u. Co. hätte das kaum zu fürchten. Bildlich? Das verstehe ich nicht.«

»Ja, anders kann ich’s kaum ausdrücken. Mein Beruf ist denken und aufklären.«

Wangaus schaute sich im Zimmer um und gewahrte die vielen zerstreut da liegenden Bücher.

»Ach so, du willst schriftstellern? Bücher besprechen, alte Meinungen umstoßen, neue aufstellen? Dazu wünsche ich dir von Herzen Glück. Dazu hast du jedenfalls Talent. Da kannst du dir bald einen Namen machen. Oder willst du pseudonym schreiben?«

»Nein. Das jedenfalls nicht. Überhaupt, ob’s auf’s Schriftstellern hinaus läuft, das weiß ich auch noch nicht. Ich bin kein sonderlicher Freund von Papier. Das ist alles noch ganz unbestimmt, übrigens auch ziemlich gleichgiltig. Auf’s Wirken kommt mir’s an, in welcher Weise, das wird sich schon finden.«

»Jawohl, freilich, es giebt ja auch noch andere Wege. Die kaufmännischen Vereine veranstalteten ja jetzt überall populäre Vorträge. Wenn du das willst, ich bin im Vorstand des hiesigen, da könnte ich dir behilflich sein im nächsten Winter.«

»Danke, danke, ich glaube kaum, daß mir das passen wird.«

»Oder bist du ein großer Politiker geworden? Willst dich um ein Reichstagsmandat bewerben? Dir stehen ja jetzt alle Wege offen.«

»Auch dazu werde ich wohl kaum je den Trieb in mir fühlen. Wie gesagt, das wird sich finden. Ich bin noch nicht so weit, das entscheiden zu können, aber bald, hoff’ ich.«

Wangaus stand auf.

»Soso. Na, jedenfalls freut’s mich, dich so wohl getroffen zu haben. Kann leider nicht länger bleiben. Das Geschäft ruft, das Geschäft. ’s ist verdammt weit zu dir heraus. Bitte, besuch mich bald. Du wirst ja wohl den Weg zu mir finden.«

Damit nahm er seine Handschuhe und den Cylinderhut und ging nach den üblichen Abschiedsredensarten. Als er die Treppe hinunterstieg, dachte er:

»Wahrhaftig, er ist noch der alte unklare Strudelkopf. Nicht im mindesten hat er sich verändert. Kaum glaublich, daß der’s zum Landgerichtsrat gebracht hat.«

Starkblom aber ließ zunächst alles persönliche beiseite, ihm war gegen Ende des Gesprächs eine psychologische Wahrnehmung aufgestoßen, die er schnell ein wenig weiter verfolgen mußte. Merkwürdig, ganz merkwürdig, wie zwei Menschen, die im Grunde gar nichts mehr mit einander zu thun haben, zusammen reden können, obwohl ihre Naturen so gänzlich verschieden sind, daß der eine immer den andern mißverstehen muß. Und das nennt man dann Unterhaltung! Er sprach von Aufklärung und Wirksamkeit, Wangaus antwortete mit einer Bemerkung über Schriftstellern und die kaufmännischen Vereine, er deutete seine Sehnsucht an, seine Natur auszuleben, Wangaus dachte an Ehrgeiz und Ruhmbegierde. Und schließlich ging dieser gute Philister noch weiter als er selbst, er fragte leidenschaftlich: wozu? und jener antwortete mit behäbiger Ruhe: wozu wozu? Und hatte er am Ende recht? Wozu sich quälen? Doch nicht nur, um sich eben zu quälen? Doch nicht blos, weil er nichts anderes zu thun hatte? Wangaus hielt seine Arbeit für ernsten Lebensberuf, die Grübelei verachtete er als unnützen werthlosen Luxus; er selbst aber verachtete die geistlose Arbeit, die aus bloßer Gewöhnung hervorging und keinem vernünftigen Zweck diente, keinem festgesteckten Ziele zustrebte, er hielt das Einbohren in das Denken für’s höchste. Wer war der Narr? Leicht beide?

Er hatte gute Lust, nach diesem seltsamen Zusammentreffen mit einem seiner liebsten Freunde aus der Knabenzeit sich noch mehr abzusondern von den Menschen und sich in seiner Einsamkeit zu begraben. Er wurde nicht begriffen von diesen Menschen und ihm fehlte auch das Verständnis für ein Leben, wie sie es führten. Hinaus aus dieser Erbärmlichkeit sehnte er sich, und weg wollte er auch, weit weg von seinem eigenen selbstmörderischen Grübeln. Er brauchte einen andern Umgang, ihn ekelten diese Menschen, und ihn ekelten seine eigenen Gedanken. -- Er dachte im Ernst daran, sich einen großen edeln verständigen Hund anzuschaffen. Dann aber versuchte er es doch noch einmal mit etwas menschlichem. Er flüchtete nach Arkadien, ins Reich der reinen Formen, ins Land der Kunst. Die nächsten Tage versenkte er sich in die edelsten Dichtungen, die in deutscher Sprache geschaffen sind: er las Goethes Iphigenie, Partien aus dem 2. Teil Faust, Pandora. Als er nach diesem erlesenen Genuß zu Schillers Braut von Messina kam, klappte er das Buch nach wenigen Minuten schon angewidert zu: selbst diese Kost war ihm zu grob geworden, zu menschlich ordinär. Auch Schopenhauer konnte er nicht mehr lesen, der war ihm jetzt wie ein wildes gieriges Tier in enger stinkender Menageriezelle, das nicht durfte, wie es wollte. Selbst Leopardi war ihm zu unfein.

So hütete er sich denn von da an, mit Menschen und Büchern und Einfällen zusammen zu stoßen, die ihn hätten aus seiner Gemütsruhe reißen können, in die er sich mit Gewalt hineinzwang. Nur nichts unangenehmes, nichts gewaltsames, nichts aufregendes. Vielleicht später ... später ... jetzt wollte er Ruhe. Er ging früh zu Bett und stand spät auf. Dann ein langsames Frühstück, während dem die Morgenträume sich weiterspannen und langsam verwehten. Darauf ein kleiner Spaziergang durch den Tannenwald, bei dem er nichts dachte. Dann las er: Goethe, Spinoza, Platon, Ranke. Altes, Weisheitsvolles, Greisenhaftes war ihm das liebste. Daneben auch mystische Romantik und Heiterkindliches: Brentano’s Rosenkranz, Arnim, Eichendorff, Jean Paul, Gottfried Keller. So trieb er es wochenlang, monatelang. Dieses oberflächliche Wohlleben mit der scheinbaren Vergnüglichkeit, während innen kaum bewußt etwas in ihm fraß und zur Oberfläche sich langsam empornagte, hatte etwas bänglich -- entsetzliches an sich. Und weiter ist demnach vorerst nichts über ihn zu vermelden.

❦

Zweiter Abschnitt.

Solche Menschen, die ähnlich Karl Starkblom, freilich selten so heftig von einem Trieb in den andern geschleudert, von einer Verzweiflung der andern geraubt, früher oder später mit unabwendbarer Bestimmtheit sich aus der menschlichen Gesellschaft in die Einsamkeit hineinstahlen, gab es damals in Europa eine kleine Schaar, die nichts von einander wußte und nichts von einander wollte, die keinen Verein bildete und keine Partei, deren Ekel zu groß und deren Glaube zu schwächlich war, um in der Gegenwart etwas zu lieben und von der Zukunft viel zu erhoffen. Ab und zu tötete sich einer von ihnen, und den andern fuhr es durch die Glieder und sie ehrten den unbekannten Toten, indem sie sich fragten, worauf sie selbst eigentlich warteten mit dem Sterben.

Doch das waren nur ganz vereinzelte Erscheinungen, halb oder ganz verrückte Sonderlinge ohne Gefahr, die die Welt nicht weiter beachtete; ihretwegen hätte sie ruhig und unbesorgt ihren mäßigen Pflichten und bescheidenen Genüssen nachkommen können. Aber von ganz entgegengesetzter Seite her war inzwischen eine neue Lehre so gewaltig in die Massen der Völker hineingedrungen oder aus ihnen heraus entsprungen, man wußte es nicht recht, daß vorschauende Politiker eine große Revolution ahnten, manche philosophische Historiker aber die Zeichen einer mächtigen religiösen Volksbewegung erblicken wollten. Die _internationale Socialdemokratie_ war eine Weltmacht geworden, mit der der größte Staatsmann und der kleinste Dorfpfarrer rechnen mußte.

Am mächtigsten gefördert worden war das riesenhafte Wachstum des Sozialismus durch die Kläglichkeit des europäischen Bürgertums, wie es sich nach der französischen Revolution entwickelt hatte. Das harte gute Gewissen des Mächtigen und Reichen war nunmehr für immer dahin, nunmehr wurden so viele Freiheiten und Rechte von der Gesammtheit als ewige unantastbare Menschenrechte anerkannt, daß jene erbärmliche Gesellschaft aus dem Widerstreit der überlieferten Verhältnisse, deren Früchte sie genoß, und der ihr vererbten Freiheits- und Gleichheitsideen nicht mehr herauskam. Fortwährend wurden sie gepeinigt von dem bösen Gewissen, sich mit dem Blut der Armen zu nähren und auf den Leibern des Proletariats Paläste zu bauen, mit zitternden Händen und schielenden Blicken scharrten sie Genüsse zusammen, sie steckten den Kopf in den Sand und warfen mit Phrasen um sich, zur Brutalität hatten sie keinen Mut und zur Entsagung keinen Gedanken.

Der Liberalismus war damals aufgekommen und die Verpönung aller Gewaltsamkeit, und eine dilettantische Moral machte sich breiter als je zuvor. In keiner Zeit war die Lehre und das Leben in einem so kläglichen Gegensatz gestanden, aber sie glaubten an ihre Lehre und an ihr Leben und ließen sich’s wohl sein, so gut es gehen wollte; denn niemals kam ihnen ein Zweifel an dem, was beides so merkwürdig verband, an ihrer Moral.

Diese chaotische anarchische Zeit war so recht das fruchtbare Mistbeet, dem wunderbare, unerhörte Erscheinungen entsprießen konnten. Das war die Zeit, wo alle Richtungen, die je nach langer, bedächtiger Vorbereitung auf Erden erwachsen waren, von frischem erstanden und angepriesen wurden als neue erlösende Wahrheiten, wo ein neuer Glaube schneller wieder weggelegt wurde als ein unmodernes Gewand, das war die späte Zeit, in der alles Frühe und Ungegorene gierig geschlürft wurde.

Damals berührten sich in der That die Extreme, und die Stärksten und die Schwächsten fanden sich zusammen im Ekel und in der Resignation. Damals pries in Rußland ein Graf und Philosoph die segnende Macht der körperlichen Arbeit und entsagte seiner gesellschaftlichen Stellung und ward Bauer und Schuhmacher; und zu gleicher Zeit war der deutsche Schuhmacherssohn, der Schloßherr vom weißen Hause, nahe daran, die Arbeit zu verhöhnen. Und doch gehörten diese beiden einsamen Prediger, denen der Ekel gemeinsam war, zusammen.

Diese Vereinzelten waren übersatt und schlichen sich weg vom Tische des Bürgertums; in der Socialdemokratie aber erstand eine organisierte Masse von Hungrigen. Stürmisch begehrten die Arbeiter Einlaß in die Paläste des Geistes. Diese Schaaren von zielbewußten Kämpfern boten ein Bild, wie es niemals dagewesen war. Es war in diesen Köpfen eine merkwürdige Mischung von Phantasie und Nüchternheit, von Leidenschaft und Zurückhaltung, von Glauben und Skepsis, von Aufschwung und Bedacht. Sie hatten die Gefahr der schönen Worte erkannt und hüteten sich meist ängstlich vor ihnen. Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit -- was war geworden aus diesem berauschenden Kampfruf der Revolution? Freiheit? Nie war ein schönes Wort schnöder mißbraucht worden. Ja freilich, die Wahl stand ihnen völlig frei, nach den Bedingungen des Kapitalismus zu arbeiten, oder zu verhungern und zu vertieren. Kein Zwang wurde ausgeübt, niemand beeinträchtigte ihre persönliche Freiheit. Und Gleichheit -- nun allerdings, sie waren eine im wesentlichen gleiche proletarische Masse geworden. Aber die Brüderlichkeit, die mußten sie selbst dazuthun, an die hatte man nicht mehr gedacht, und sie wollte nun empor in der Socialdemokratie. Arbeiter aller Länder vereinigt euch! Dieser Ruf zog durch die ganze Welt und rüttelte die Unterdrückten auf und verband sie zu gleichem Zwecke; zur Befreiung der Menschheit von der anarchischen Waarenproduction und Circulation, zur communistischen Herstellung und Distribution der Bedürfnisse, zur Vernichtung des blinden Egoismus; zur Zertrümmerung der nationalen Gegensätze; zur Herstellung einer wirklichen Menschheit und Menschlichkeit.

* * * * *

Karl Starkblom hatte, als er damals in neu aufflammender jugendlicher Begeisterung ein Ziel vor sich hatte erstehen sehen, als er sich dann vorbereitete zu seinem Wirken unter den Menschen, auch manche sozialistische Schriften, vor allem das Hauptwerk des Karl Marx, ziemlich gründlich studirt. Dann aber war der neue Mensch in ihm emporgekommen, der so lange geschlummert, der ungestüme Frager und Peiniger, der Befriedigung wollte für sich selbst und seine unbestimmte Sehnsucht, der an alles herantrat mit der Frage: wozu? warum so? warum nicht anders? was soll werden? So konnte ihm, der sich selber auszuleben gedachte, und doch sich selber nicht ergründen konnte, ihm, der nicht wußte, was der Mensch sei, der Sozialismus, der die armseligen Proletarier zu Menschen machen wollte, damals keine abschließende Weltanschauung bieten. So hatte er sich schließlich vor allem Grübeln und Verzweifeln, vor dem hastigen Suchen einer neuen Welt, in den Bereich einer alten fertigen toten Kunst und Weltanschauung zurückgezogen, um vorerst Ruhe zu haben, Ruhe um jeden Preis. Manch anderer wäre endlich nach so vielfacher innerer Gährung dabei geblieben, und wie der junge Schwärmer Karl sich in die Beamtenlaufbahn einfriedete, war der Mann nahe daran, sich unter der schützenden Decke einer vereinsamten und versteinerten Cultur zu begraben. Aber es lebte etwas Unsagbares in dem Manne, das immer wieder sich aufbäumte gegen den ruhsüchtigen Quietismus und die Selbstbetäubung des Schuhmacherssohnes; etwas robust in die Höhe Strebendes und Mitteilsames; dasselbe was den verstorbenen Adam nach Haïti, Johannes in die weite Welt gezogen hatte. Sein Geist arbeitete zu rasch, als daß sein Wille immer gleich mitkommen konnte; daher sein Abspannen und scheues Reifenlassen, sein willkürliches Abbrechen und Vereinsamen des Denkens. Er war ein sehniger Mann von langem Leben und hatte Zeit; das schlummerte unbewußt hinter all seinem Thun und Lassen.

So war es denn allmählich so weit gekommen, daß ihn diese beschauliche Ängstlichkeit seines Lebens, diese Zurückgezogenheit und dieses Traumgedämmer anfing zu langweilen. Seine Seele rankte sich langsam wieder ins Leben hinaus und horchte, was draußen vorging und tastete vorsichtig nach Stützpunkten, um in frischer Öffentlichkeit und mitten unter den Menschen sich festzulegen und doch ihre Ruhe zu bewahren. Er ahnte, es könne auch in ihm noch eine Heiterkeit leben und vielleicht auch ein Glaube. Er hatte die Gescheitheit und Gebundenheit seines Lebens satt und rüstete sich zu fröhlicher Dummheit und Hingerissenheit.

Es war an einem wunderschönen, durchsichtigen Wintertage, als sich mehr wie je wieder etwas wie Frische und Mut und zartkeimende Lebenslust bei ihm einstellte, und wer weiß, woher ihm der Gedanke angeflogen war, er suchte unter allerlei Gerümpel ein Paar altmodische Schlittschuhe vor, die er seit langen Jahren nicht mehr an den Füßen gehabt, und machte sich auf den Weg nach dem seit mehreren Wochen fest zugefrorenen Teich, auf dem sich die Einwohner des Städtchens zu tummeln pflegten. Es schien ihm selbst wunderbar, als er mit großen Schritten auf dem knisternden Schnee wandelte, daß er sich endlich wieder unter Menschen wagte, unter ganz gewöhnliche sinnfreudige Menschenkinder. Besonders wohl fühlte er sich anfangs nicht, er war den Lärm und das Schwätzen und vor allem das Lachen nicht mehr gewohnt, und er erinnerte sich, daß er sich früher schon manchmal staunend überlegt, bei welcher Gelegenheit wohl die Menschen zum ersten Male das Lachen gelernt. Es mußte wohl etwas gewaltig Verzerrtes, unbegreiflich Dämonisches urplötzlich auf sie heruntergefallen sein, denn dies kindliche, heitere Lachen der harmlosen Jetztlebenden war gewiß nur das armselige mißratene und umgedeutete Überbleibsel einer tiefgewaltigen Erschütterung von Urmenschen, bei der übergroßer Schmerz und Lust nicht zu trennen gewesen.

Bald aber kam doch ein ungewohnt Friedliches und Sanftes in ihn hinein, wobei indessen Wehmut und Ungewißheit nicht von ihm weichen wollten. Wie kam der Einsame jetzt mit eins in diese ausgelassene jugendliche Schaar? Er sah sich forschend um und fand, daß er wohl fast der Älteste auf dem Eise war. Vielleicht auch der Ungeschickteste; doch das störte ihn wenig. Als er einmal in einen Riß eingefahren und zu Boden gefallen war, kam ihm der bizarre Einfall, daß er sich einen Christus auf Schlittschuhen nicht gut vorstellen könne. Er lachte bitter vor sich hin und warf den Gedanken weg. Mußte man sich denn in eine Wüste zurückziehen, um den Menschen Großes zu holen? O man konnte auch einsam sein unter Menschen. In großen Bogen strich er über das klirrende Eis, bald an wenig befahrenen Orten, bald mitten durch die Menschenknäuel sich hindurchwerfend, und vertiefte sich in sein Grübeln. Wenn jetzt das Eis mit schrillem Krach bräche und die Menschen in sich hineinschlänge und sich dann wieder schlösse, was wäre viel dran? Und wenn die ganze Menschheit versänke und die Erde in die Sonne stürzte und die Sonne -- und die Welt -- und alles hin -- und nichts -- was wäre dran? was wäre hin? Was für ein unendlicher Zweck wäre für immer geschwunden? und wen betrübte es? Einen Zuschauer und erhabenen Betrachter des Ganzen? Oder das Ganze selbst? War Ursprung und Fortgang und Ende und Mittel und Zweck und Handeln und Genuß ein und dasselbe und eins mit dem Frager? Und wenn alles und alles --

Und wenn der Himmel einfällt, sind alle Spatzen tot! Damit unterbrach er schroff halb unmutig, halb doch belustigt sein Forschen. Es muß jetzt ein Ende werden mit dem Denken, ich muß handeln! Ich gehe nach Hause und überlege, aber praktisch, was zu thun, wie mich wenden an die Menschen, wie ihnen mitteilen, was ich gedacht und will -- ja was will ich denn, du Narr? Ach was, das Beste, was man hat, weiß man nicht mit klaren Worten. Das kommt schon. Oder vielmehr, es ist schon da. Es liegt schon in mir. Ich muß den Schatz nur heben. Ich muß anfangen zu reden. O mir ist auf einmal die Zunge gelöst. Ich habe lange genug geschwiegen. Ich muß nur anfangen mit dem Reden. Dann wird es mir wie ein Feuerstrom von den Lippen fließen. Anfangen, nur anfangen. Jetzt ist es Zeit.

Und als ob er es nicht abwarten könnte mit dem Beginnen, rannte er mit gewaltig großen ungeschickten Zügen zur Belustigung der hinter ihm dreinfahrenden Jugend nach einer Bank, schnallte rasch die Schlittschuhe ab und eilte nach Hause, diesmal den näheren Weg durch die Stadt wählend.

Unterwegs bemerkte er an verschiedenen Straßenecken große blaue, weiße und rote Plakate, vor denen sich Bürger und Schulkinder trotz der grimmigen Kälte eifrig lesend hinstellten. Gedankenlose Neugier, vielleicht auch etwas frischerwachtes Interesse an dem Treiben der Leute ließen Starkblom auch anhalten. Da las er auf dem großen hellblauen Plakat: Aufruf. Mitbürger! Die Reichstagswahlen stehen vor der Thür. Bei keiner der vergangenen Wahlen stand Größeres auf dem Spiel.

So ging es ziemlich lange weiter. Zum Schlusse ward aufgefordert, Mann für Mann einzutreten für den bewährten Kämpfer der freiheitlichen Sache, Herrn Commerzienrat ~N. N.~, und eine Versammlung für den folgenden Tag, Dienstag, den 23. Januar, einberufen. Starkblom nahm sich vor, einmal da hin zu gehen, um zu sehen, ob es denn einen Sinn habe, sich um diese Dinge anzunehmen, und die Art kennen zu lernen, wie die Leute die Sachen betrieben.

Starkblom war früher, als der Landgerichtsrat und seine Frau noch lebten, auf eine Zeitung abonnirt gewesen, und sein ordentliches Lorchen hatte die seltene Gewohnheit gehabt, die Nummern zu sammeln, vielleicht weil sie glaubte, diese Dinge könnten in späteren Jahren noch einmal interessant werden, vielleicht aber auch nur, um die Papierballen später im Großen als Maculatur zu verkaufen. Doch war sie vorher gestorben, und Starkblom hatte die große Kiste bewahrt und auch mit ins weiße Haus gebracht. Jetzt ließ er sich von der Haushälterin vom Speicher herunterholen, soviel sie unter beide Arme bekommen konnte, und las darin am Montag Abend und im Laufe des Dienstags. Er wollte sich etwas vorbereiten auf die Wählerversammlung und glaubte, Zeitungslesen sei dazu das beste. Und er wollte einmal sehen, ob die Politiker noch dasselbe redeten, wie sie vor einigen Jahren schrieben oder wie. Es war eine üble Arbeit, dieses Lesen in den morsch und gelb und stinkend gewordenen Neuigkeiten und Streitigkeiten von anno dazumal, aber er biß sich durch. Freilich hatte er schon lange nicht mehr so oft bedenklich den Kopf geschüttelt wie jetzt.

Die Versammlung schien sich anfangs ganz so anzulassen, als ob sich in der politischen Welt inzwischen nichts verändert hätte. Da saßen ungefähr 800 mehr oder minder wohlgenährte Bürger und hörten mit Bedacht und ohne sich irgendwie activ einzumischen, ihre Redner an, die von Kornzoll sprachen und der Brodverteuerung, von Freihandel und freier Concurrenz, vom Militarismus und allzugroßer Belastung der Volksschultern, von Zuckerexportprämien und unerhörter Begünstigung der Agrarier, und was des Erbaulichen mehr war. Den Leuten erschien Leben und Brodessen und einigermaßen gerechte Verteilung der Lasten und Politisieren und maßvolle Unzufriedenheit und bedächtiger Ehrgeiz als selbstverständliches Menschenrecht. Man müßte sie aufrütteln! dachte Starkblom. Man müßte ihnen mit Vernunft beizukommen suchen und mit tiefsinniger Betrachtung. Verzweiflung wäre ihnen einzuimpfen und Lust zum Tod. Aber warum? wandte er sich ein. Den Leuten ist ja so ganz außerordentlich wohl bei ihrem überlegungslosen Vegetieren. -- Warum? Und warum nicht? Und wenn es aus Bosheit geschähe, ich will es thun! Was brauchen sie dumpfe Tiere sein, wenn ich es nicht bin? Was muß ich ihnen ihr Glück gönnen, wenn mir davor ekelt? Warum sollte ich sie lassen, wie sie sind, wenn Menschenwort sie umgestalten kann und in Aufruhr bringen, wie mir es beliebt? Fürwahr, _wenn_ ich Macht über sie habe, will ich sie üben! Warum? wozu? Frage nicht länger. Weil ich will; zu meiner Freude!

Da wurde er in seiner Willenserwägung gestört durch eine knarrende Stimme, die von neuen Dingen sprach. Die Versammelten hörten aufmerksamer als bisher zu und beistimmend nickte ab und zu einer mit dem Kopfe. Auf einmal schien der Freisinn die Maske abzuwerfen, der Kampf gegen die Regierung schien nur ein vorläufiges Späßchen gewesen zu sein. Sie waren die Vertreter des zahlungsfähigen, aufblühenden, honnetten Bürgertums, sie hatten die Macht in den Händen und sie vor allem wollten sich wehren gegen begehrliche Arme, die von unten sich emporhoben und Unmögliches verlangten. Mit längst abgethanen Utopien köderten die Sozialdemokraten die ungebildete Masse der Arbeiter, die ihnen Glauben schenkte wie neuen Propheten. Diese Revolutionsprediger waren eine Gefahr geworden für das Vaterland und die Gebildeten aller Länder; sie vor allem waren zu bekämpfen. Der Freisinn allein bietet die wahre Freiheit und wirtschaftliche Unabhängigkeit des Einzelnen; in ihm einzig blüht auch das Heil der Zukunft. Sagt euch los, ihr irre geführten Arbeiter, von den Lügen der Sozialdemokratie. Stürmischer Beifall lohnte den Redner, aber das Händeklatschen wurde übertönt von höhnischem Gelächter, das von einer kleinen Gruppe ausging, die festgeschlossen in einer Ecke des Saals stand.