Der Todesprediger

Part 2

Chapter 23,752 wordsPublic domain

Er bestellte in der Hauptstadt eine große Zahl Bücher, in die er sich in den nächsten Wochen vertiefte. Er merkte bald, als er sich mit Liebe seinem Studium und seinem Sinnen hingab, daß es besser sei Bücher zu haben als eine Bibliothek und noch besser Gedanken als Bücher und noch besser Erleben als Denken. An Gedanken mangelte es ihm nicht, und was das Erleben anging, nun -- er hatte ein ganzes reiches Leben hinter sich und gern vertiefte er sich in seinen Erinnerungen darein als in etwas völlig abgeschlossenes.

Er gedachte seines Vaters, dessen Lebensende sich so jammervoll gestaltet hatte; gar wohl aber erinnerte er sich noch an seine frühere bessere Zeit, wie er als gedankenvoll auf seinem Schusterstühlchen saß und mit seinem beschränkten Geiste über tiefe Probleme seine Weisheit zum besten gab, eine mürrische, unzufriedene Weisheit, die die Farbe der grauschwarzen Wichse an sich hatte, mit der er seine Stiefel schmierte ... Dann die Mutter ... an die war nicht viel zu erinnern. Das war eine arbeitsame Frau, die ihr Bündel Not und Kummer mit Ergebung trug nachts und tags über mit Raunzen und Brummen und Schelten. Sie hatte nie viel Zeit für ihre Kinder übrig gehabt und für den früh einsamen Karl erst recht nicht. Die rechte Liebe zur Mutter hatte er nie kennen gelernt und bemühte sich auch jetzt nicht sie zu erwecken. Die große zärtliche Liebe zum Vater war ihm geblieben und seiner gedachte er stets mit Wehmut. Glaubte er doch jetzt, wo er über alles grübelte und sein eigenes Wesen nach allen Richtungen zu zerfasern und aufzudecken suchte, viel von seinem nachdenklichen Geiste und seinem ruhigen Äußern geerbt zu haben, abgesehen von den kleinen Zügen in Gang und Haltung.

Die Brüder, die noch in Deutschland wohnten, zum Teil ganz in der Nähe seines neuen Wohnortes, waren ihm aus dem Gesicht entschwunden und er nahm kein Interesse an ihrem Leben. Oft gedachte er mehr mit freudiger Dankbarkeit als mit Schmerz des verstorbenen Adam, dessen Testament der letzte Anstoß gewesen war zur neuen Blüte seines innern Menschen. Er war ein urtüchtiger Mensch gewesen von mächtigem Körper, umfassendem Blick für sein Geschäft und großer Energie; dabei soweit es anging voll Interesse für geistige Dinge. Aber eigentümlich -- so oft seine Gedanken sich Haïti zuwandten, immer war es der schwach umrissene Schatten eines Menschen, den er sich bemühte vor sich zu sehen und der ihm doch immer wieder nebelhaft zerrann. Sein jüngster Bruder, der verschollene Johannes wollte seine Wiedergeburt feiern in seiner Liebe. Ihre Wege in der Kindheit waren weit auseinandergegangen, der Sinn des Spätgeborenen war vielfach nur äußerlichen Dingen zugewandt gewesen; aber Starkblom ging es jetzt auf, was ihm die ganze lange Zeit nie eingefallen war: es war ein glänzender, strahlender Geist in diesem schmiegsamen Leibe, der da auf Irrwege geraten und vielleicht für immer für sich und die Menschen verloren war. Starkblom entsann sich jetzt der philosophischen Stunden der Primaner, wo der braunlockige Knabe manchmal ins Zimmer gehuscht war und mit mancherlei Ulk und kindischem Gethue die furchtbar ernsten Abgrundsgedanken der grübelnden und Pläne türmenden Jünglinge gestört hatte, bis er mit einem Mal eine Bemerkung dazwischen warf, von der man immer noch nicht recht wußte, war sie kindliche Einfalt oder geniale Improvisation. Der wilde Hans -- was mochte aus ihm geworden sein? Ob er wohl noch lebte? Starkblom schien es, er müsse ein kühner Mann und ein eisklarer Geist geworden sein, wenn er nicht gänzlich zu Grunde gegangen; ein Mensch, nach dem er sich sehnen konnte in düsteren einsamkeitsschweren Stunden, ob auch schon seine Gestalt nur unklar und verschwommen vor ihm schwebte.

Die Erinnerung an sein treues Lorchen rief er selten ins Bewußtsein herauf. Desto öfter gedachte er seiner drei Kinder, die so kurz gelebt hatten. Eigentliche Liebe für die seltsamen Wesen hatte er seiner Zeit kaum empfunden; ja des Knaben dachte er auch jetzt nur mit bitterer Empfindung. Aber doch war jetzt ein eigentümliches, der Liebe sehr nah verwandtes Gefühl in ihm: er hatte Kinder gehabt! Er könnte jetzt ein kluges fünfjähriges Töchterchen haben. Eine leise Sehnsucht nach Vaterfreude und Kinderspielen und Erziehungslust regte sich oft in ihm. Doch unterdrückte er das immer rasch. Er würde die Erde nie mehr bevölkern helfen, das wußte er; so mußte er denn der Menschheit in anderer Weise dienen. Er konnte sich Menschen denken, die von vorn herein auf Ehe und Kind verzichten und von Jugend auf ihren physischen Zeugungstrieb mit mächtiger Energie in einen rein geistigen verwandeln. Auch solche erfüllen ihre Pflicht gegen ihr Volk und die Menschheit, besser als die gewöhnlichen Väter. Und plötzlich überkam ihn auch da ein Grauen vor sich selber. Wie hatte er sich nur je wie ein ganz gewöhnlicher Mensch verlieben können und alle die Thorheiten mitmachen? Und heiraten? Und -- und? Zeugen? rohesten Sinnengenuß suchen? jahrelang? Hatte ich denn das nötig? Durfte ich das? Entsprach das meiner wahren Natur? Nein, nein.

O warum hatte er sich denn nur je dem Joch des Eigennutzes und des Herkommens gebeugt? Wäre er doch ruhig und ohne nach rechts und links zu sehen, seine Bahn vorwärts gegangen, gleichgiltig ob er sein Ziel erreichte oder scheiterte! Hätte er sich doch ausgelebt; wäre er doch jung geblieben! O diese häßliche gewöhnliche eingeengte niederdrückende Zwischenzeit. Konnte er denn noch einholen, was er versäumt? Er _mußte_ es einholen; er mußte denken, leben, wirken. Vorbild wollte er sein, Prophet ... Erlöser -- War er denn noch jung genug? Ja er glaubte an sich, er mußte ja an sich glauben; er wollte doch nicht verzweifeln? Er betrachtete sich im Spiegel und lächelte sich Mut zu; ja er war noch jung und frisch. Der Glanz seiner braunen Augen hatte noch nicht nachgelassen, noch hatte er den sprechenden, eindringlichen Zug um den Mund. Wohl waren die Haare an seiner hohen energisch vorspringenden etwas plebejischen Stirn ein wenig zurückgetreten; aber noch kein graues Haar war zu finden in seinem dichten, schwarzen Vollbarte.

Gewiß, gewiß, er war noch nicht zu alt; ihm war noch Frist genug übrig, um sein Werk zu vollenden. Und nun suchte er sich zu überzeugen, wie vorteilhaft im Grunde das lange Verstummen seiner Weisheit für ihn war, für ihn und die Welt, der er das Geschenk seiner Gedanken entgegentrug. Wäre damals, noch als er Schüler war, nicht die plötzliche Wendung gekommen, die ihn ins Philistertum getrieben hatte, was wäre vermutlich aus ihm geworden? Ein frühreifer, hitziger, unaufgeklärter Mensch, der seine jünglingshaften Ideen für unantastbare Wahrheit genommen hätte, ein intoleranter, fanatischer Sklave seiner Erstgeborenen, der seine eigene Zukunft noch vor dem Entstehen abgetrieben hätte aus feiger Rücksicht aufs Vergangene, aus erbärmlicher Liebe zu irgend einem gehätschelten Erfolg in der Gegenwart. Früh, vor der Zeit, hätte er sich verausgabt, und wäre dann wenn er sein erstes verheißungsvolles Wort gesprochen, mit leeren Händen und Taschen vor der erwartenden Welt dagestanden, die jetzt erst das beste hören wollte, was aber hätte er noch geben können? Ein besonderes, kaum denkbares Glück wäre es gewesen, wenn er nach langer Pause, die jetzt doch hätte kommen müssen, sich wieder gesammelt hätte zu neuer Weisheit; aber ob man ihn dann noch hören wollte -- wer hätte es wissen können? Nein, nein -- besser in der Jugend gelernt und geschwiegen, und geredet als Mann.

Ihn dünkte, er brauche sich jetzt nur sorgsam zu besinnen auf alles, was er ohne besonders aufzumerken in seinem Leben gesehen, er brauche nur in Zusammenhang zu bringen die Gedanken und Stimmungen, die ihm die Jahre her über die Seele gehuscht, und die Weltanschauung, die er in seinem Herzen ahnte, stände klar und abgerundet vor seinem Geiste, sein Wille sei entschieden und seine Rede für die Menschen dazu. Er meinte, dann habe er ausgelernt, es bleibe ihm nur noch übrig, die Konsequenzen aus seinem Leben zu ziehen. Erst leben, dann lehren, das schien ihm das Motto zu sein für seine Aufgabe, das war die Grabschrift, die er sich im voraus verfaßte, und der erste Teil schien ihm vollendet. War es die lange Beschäftigung mit der Jurisprudenz, die ihm damals noch alles Komplizierte einfach, alles Verwirrte schön gesondert, alles Verflochtene auseinandergesträhnt erscheinen ließ, die ihn verleitete, den gährenden Most des ungeschiedenen Lebensdranges auf die durchsichtigen Flaschen kahler Abstraktionen zu ziehen, vorzeitig einzupressen und zuzupfropfen, weil die wilde Lust überzuschäumen, sich für einen Augenblick im Verborgenen hielt? Täuschte ihm der äußere Anstrich der Geistesruhe einen Gemütsfrieden, eine Herzenskälte vor, die er am Ende doch nicht besaß? Wähnte er, sein Wille allein sei jung geblieben, sein Geist aber besitze nicht mehr die Triebkraft und Verwandlungsfähigkeit der Jugend? Sein Herz sei gefeit gegen neues unerhörtes Erleben?

Solche Erwägungen konnten ihm damals nicht ankommen. Kalt und energisch sammelte er seine zerstreuten Erfahrungen und Ideen, um dann unter die Menschen zu treten und zu zeigen, was er war und wußte und wollte. Vorderhand führte er wirklich nur ein reines Leben im Geiste, das ganz unabhängig war von seinem völlig gleichmäßig verlaufenden einsamen Leben nach außen.

Immer auf sein bisheriges Leben zurückschauend, ließ er seine Weltanschauung sich weiter entwickeln, und lebte nur, um eben nicht zu sterben.

Manchmal aber hatte er Augenblicke, und sie kamen häufiger von Woche zu Woche, wo es ihm ganz grotesk und ungeheuerlich vorkam, daß er etwas besonderes sein wolle, daß er jetzt, wo er sich dem Alter näherte, sich über seine bescheidene Stellung erheben wollte, erheben über alle die anderen Mitmenschen. War er denn wirklich mehr als andere? Und wenn auch -- wozu denn das alles? Was wollte er denn? Hatte er denn etwas zu sagen? Wäre es nicht besser, die Menschen zu lassen wie sie sind? Was ging ihn schließlich das alles an? In Ruhe und Zurückgezogenheit wollte er seinen Gedanken leben, und sich langsam dem Tode entgegengrübeln. Er war doch kein Weltverbesserer, war nicht geschaffen für das Auftreten in der Öffentlichkeit.

Denn schließlich -- was war denn diese Welt? War denn da noch etwas zu bessern, oder auch nur zu ändern? Er lebte sich tiefer und tiefer ein in das metaphysische Gespinnst, seine Gedanken schienen ihm bald das einzig Wahre, die Welt war das Produkt seiner Sinne und seines Bewußtseins überhaupt. Lohnte es sich denn, an solchem trügerischen Schein ändern zu wollen, in eiteln Traum Vernunft zu bringen, die Gestalt einer Seifenblase zu verbessern? Die Formen mochten wechseln, der innerste Kern der Welt blieb doch derselbe und war unabänderlich.

Dann aber kam wieder neuer Zweifel über ihn: war es denn nicht verwegenste Überhebung, alles für Trug erklären zu wollen, nur damit seine Gedankenwelt wahr bleibe? Wäre es nicht bescheidener, die Welt vorerst zu lassen wie sie ist und an der Richtigkeit seines eigenen Denkens zu zweifeln?

So bohrte er sich gewaltsam tiefer und tiefer in Unzufriedenheit hinein und raubte sich vollends den Rest von Naivität und unfragsamer Lebensfreude, den er noch bis dahin besessen hatte. Schließlich hatte er oft Momente, wo ihm diese ganze Grübelei als dilettantische oberflächliche unersprießliche Kindereien erschien, hauptsächlich dem Bedürfnis entsprungen, einen Vorwand für seine Weltfremdheit und Beobachtungsfaulheit zu haben.

Ja, was wollte er denn auch noch in der Welt? So fragte er bald entschlossen. Mochten die anderen dahinleben, ohne zu fragen, mochten sie die Arbeit für ihren vom Weltenschöpfer gesetzten Lebenszweck halten und handwerksmäßig in engem Stall dahinvegetieren, bis sie starben -- was lag ihm daran? Er empfand mehr und mehr einen tiefen Ekel vor bürgerlichem Beruf, vor unbewußtem dämmerhaftem Leben, vor Leuten, die nicht die Zeit hatten zu fragen, wozu?

Bald hatte er jetzt ganze Tage, an denen ihm alles lächerlich, fast verrückt vorkam. Wenn er gemächlich spazieren ging, halb nachdenkend, halb seine Sinne der Welt öffnend, mußte er sich immer wieder fragen: wozu denn aber in Drei-Teufels Namen das alles? Da rennen sie und hasten sie und alle arbeiten sie drauf los und einer verdrängt eifersüchtig den andern; zu welchem Zweck denn? was haben sie denn Großes vor Augen? haben sie sich denn überhaupt ein Ziel gesteckt? Hat auch nur jeder ein besonderes Ideal, das er heiß begehrt zu erreichen, oder arbeitet gar alles in schön verteilten Rollen auf einen Punkt hin? Von alledem schien ihm keine Rede zu sein. »Machen sie sich gar was vor?« murmelte er einmal vor sich hin, als er an einem Steinbruch vorbeikam, wo alles eifrig bei der Arbeit war. »Mir scheint wahrhaftig, das ist eine bunte Komödie, das alles! Wen wollen sie wohl täuschen?« Und so grübelte er weiter. Natürlich, jeder wollte dem andern vormachen, er habe ein Ziel, er wisse, wofür er arbeite, und jeder that, als glaube er dem andern. Dann kam er am Friedhof vorbei und da fiel ihm noch ein neues ein. Sich selber täuschten sie auch, und das war wohl die Hauptsache. Der Tod, der war es, der bestimmte ihr ganzes Leben, das was sie Leben nannten. Jeder machte möglichst viel Lärm, um sich nicht ans Sterben zu erinnern, und alle hegten wohl insgeheim die Hoffnung, an ihn komme die Reihe nicht, er brauche nicht ins Gras beißen. Und weil sie sich das doch nicht recht glaubten, betäubten sie sich durch lächerliche, ganz überflüssige Beschäftigung, und das nannten sie dann »leben«. War das nicht zum wahnsinnig werden? Wenn sie einsähen, daß alle ihre Arbeit ganz und gar überflüssig wäre, wenn sie sich zugeständen, es sei nicht der mindeste Zweifel erlaubt, daß sie alle mit einander, einer nach dem andern, sterben müßten, dann würden sie wohl ihr Maschinengerassel zur Ruhe bringen und ihr Handwerkszeug, die Requisiten der großartigen Komödie, unberührt an die Wand lehnen und -- ja, wie denn? War es denn nicht überhaupt ungeheuer gleichgiltig, ob man jetzt stirbt, oder in zehn, zwanzig, fünfzig, siebzig Jahren? War denn die Zeit überhaupt etwas, das ernstlich in Betracht kam? Nein, nein. Nicht im mindesten. So viel er sich auch den Kopf zerbrach, er fand keinen andern Lebenszweck, als den Tod; auf den lief alles hinaus. Eine lächerliche Einrichtung in dieser verrückten Welt allerdings, daß man geboren wurde, um zu sterben, nur um zu sterben. Aber es war nun doch einmal so, und das beste mußte wohl sein, sich damit abzufinden und diese Erkenntnis zu verbreiten, damit jeder, der das eingesehen, möglichst rasch sein Ziel erreiche und stürbe.

Oder war es doch nicht so? War es ein ungeheurer Irrtum, eine großartige Stumpfheit seines Geistes, daß er, so lange er auch sein Hirn zermarterte, keinen andern Lebenszweck ausfindig machen konnte? Darüber mußte er sich eigentlich vergewissern. Er war doch nicht der einzig Vernünftige unter den Lebenden, aber er hatte doch noch keinen gefunden, dem diese schauerliche Einsicht so klar, so selbstverständlich und unabänderlich gewesen wäre. Er mußte sich doch erkundigen, was die andern eigentlich vom Leben hielten. »Was dünket euch vom Leben?« Er meinte, mit dieser Frage jeden Menschen überfallen zu sollen, den er antraf. Er blickte, wenn er in der Stadt war, den Leuten, die ihm begegneten, prüfend ins Gesicht, ob da wohl ihre Gedanken über ihr eigenes Dasein zu lesen wären, aber er fand nichts dergleichen. Ihre Mienen deuteten immer nur auf lächerliche täuschende Kleinigkeiten, Essen, Schlafen, Trinken, Spazierenfahren, Kirchengehen, Theaterbesuchen, Holz hauen, Kohlen fahren, Kessel heizen, Schuhe flicken, Hemden nähen, Strümpfe stricken, Kinder unterrichten, Gemüse kaufen, Waaren verkaufen, Wechsel einlösen, Häuser bauen, Steuern einziehen, Soldaten drillen, Gesetze machen, Reden halten -- immer und immer nur die Maske, der Schein, die Comödie; nirgends, auf keinem Gesicht zu lesen das Ziel, die Sehnsucht nach dem Ziel, die Verzweiflung. Waren sie alle Narren und er der einzig Vernünftige; oder waren sie alle klug und er ein wahnsinniger Thor? Das hätte er gerne herausgebracht.

Diese Richtung hatten seine Gedanken genommen während der ersten Monate seines Aufenthaltes in dem weißen Hause. Die beschauliche Kälte seines Geistes war rasch von ihm gewichen, nachdem er sich erst wieder tiefer mit der Frau Welt und ihrer Weisheit eingelassen; eine unruhige, oft leidenschaftlicher Verzweiflung nahe Gemütsverfassung war Herr über ihn geworden. Das war besonders begünstigt worden durch seine gänzliche freiwillige Vereinsamung. Er hatte niemanden aufgesucht und Gelegenheiten vermieden, wo er hätte flüchtige Bekannte treffen oder neue Menschen finden können.

Jetzt, wo ihn eine Ahnung überkam, es könne ihm nicht schaden, wieder unter Menschen zu kommen, nun wo alles in ihm ins Wanken geraten war und er Genossen brauchte, die ihn stärkten und fortführten in anderes freundliches Gebiet des Denkens, brachte ihn der Zufall mit einem Freunde aus seinen ersten Jugendjahren zusammen, den er längst völlig aus den Augen verloren hatte.

Es war in den ersten Tagen des August, an einem schönen Nachmittag. Er hatte sich in die düstern Canzonen des Leopardi versenkt. Da brachte ihm die Haushälterin eine Visitenkarte. Der Herr warte außen, ob Herr Doctor zu sprechen sei. »Robert Wangaus, Fabrikant,« stand auf der Karte. Wangaus -- Robert Wangaus -- er mußte sich wirklich einen Augenblick besinnen. Dann schämte er sich, daß es ihm nicht gleich eingefallen war, wer den Namen trug, und daß er seit Jahrzehnten nicht mehr an ihn gedacht hatte. Ich lasse bitten, ich lasse bitten, antwortete er der Frau. Er war wirklich froh, einen Bekannten nach so langer Zeit wieder zu sehen, einen Freund aus seiner frühesten Jugend. So so, der war Fabrikant geworden. Also auch ein Berufsmensch, wie er selbst noch bis vor Kurzem. Ja ja, das war vorauszusehen. Er war begierig, wie er nun war. Es war einer von seinen intimen philosophischen Freunden gewesen, der Wangaus, ein kühner, phantasievoller Knabe.

Ein dicker Herr mit glatt rasirter Miene trat ins Zimmer, legte seinen Seidenhut auf einen Stuhl an der Thür und die rothbraunen Handschuhe darauf. Dann ging er auf Starkblom zu, der aufgestanden und ihm entgegengetreten war.

»Ich habe mich also nicht geirrt, Herr Landgerichtsrat, ich erkenne in Ihnen --«

»Aber Wangaus,« unterbrach ihn Starkblom, »natürlich bin ich der Karl Starkblom, wie Du der Robert Wangaus. Das freut mich recht. Bitte setz dich doch. Wir wollen doch das alte Du beibehalten, meinst du nicht? Wie ging dir’s denn immer? Du bist Fabrikant? Wohnst du hier? Bist du verheiratet? Bitte setz dich doch.«

In der nun folgenden Unterredung ergab sich, daß Wangaus Besitzer einer Goldwaarenfabrik am Orte war und mit seiner Familie -- er war seit Jahren verheiratet -- in der Stadt lebte. Er hatte schon vor mehreren Wochen von der Anwesenheit Starkbloms gehört, habe eigentlich gleich gewußt, daß er ein alter Bekannter vom Gymnasium her sei, habe auch schon früher kommen wollen, aber wie das nun so gehe, es habe sich eben verzögert, er komme zu nichts mehr, die Geschäfte, die Geschäfte, die Geschäfte --

»Ja ja, die Geschäfte,« wiederholte er noch einmal, indem er bedächtig ein paar Haare am Rande seiner Glatze zurecht legte. »Sie, Herr -- entschuldige, ich muß mich erst wieder daran gewöhnen -- du hast’s nun freilich gut. Das heißt, offen gesagt, ich wüßte nicht, was ich den ganzen lieben langen Tag treiben soll, wenn ich meine Arbeit nicht hätte.«

»Seit wann hast du denn das zu deinem Lebensberuf gemacht?«

»Wie?«

»Ich meine, seit wann du die Welt mit deinen Schmuckwaaren beglückst?«

»Erlaube, das ist nun eigentlich nicht ganz richtig ausgedrückt. Ich fabricire nicht eigentlich Schmuckgegenstände; -- ich weiß nicht, hast du eigentlich die Entwicklung unserer Industrie genauer verfolgt? Sie hat einen riesigen Aufschwung genommen. Wenn du die Sache nicht studirt hast, kann ich dir’s nicht in Kürze erklären. Die Sache ist die, daß wir nur eine bestimmte Art Gold herstellen, wie es die Schmuckfabriken zu weiterer Verarbeitung gebrauchen. Es ist da eine kolossale Arbeitsteilung eingetreten; der ganze Verarbeitungsproceß hat sich mechanisirt; überhaupt, wenn ich einmal Zeit finde, mich theoretischer Betrachtung hinzugeben, die Entwicklung der modernen Industrie zu betrachten, werde ich nicht müde. Das ist etwas herrliches; einfach großartig! Wie alles sich zum Ganzen webt, eins in dem andern --«

Starkblom unterbrach ihn durch ein feines, spöttisches Lächeln.

»O, du solltest nicht lächeln, daß ich Poesie citire. Ich bin freilich ein Geschäftsmann, habe wenig Zeit, aber man steht doch sozusagen immer noch unter dem Bann seiner Jugendduselei, und wenn ich Zeit hätte, ich würde wahrhaftig heute noch manchmal etwas von Goethe und Schiller lesen.«

»Ins Theater gehst du aber doch öfter?«

»Ins Theater? Ja freilich, ja freilich. Das heißt -- meine Frau ist abonnirt, und wenn sie gerade keine Zeit hat oder auch keine Lust -- du verstehst --«

»Jawohl, jawohl. Nun, da wird wohl Goethe und Schiller öfters an dich kommen?«

»Du meinst, meine Frau? -- Ja allerdings. Aber doch nicht. Da gehen die Kinder herein. Klassische Stücke sind für die Kinder. Meinst du nicht auch?«

»Hm, ja -- weißt du, wir wollen lieber erst gar nicht anfangen, darüber zu streiten. Ich fürchte, ich stehe da auf einem so ganz, ganz anderen Standpunkt, wie du.«

»So, wie du willst; das ist leicht möglich. Sag einmal, hast du eigentlich Kinder?«

»Nein.«

»Auch nie welche gehabt?«

»Gehabt? nein. Nur zu haben versucht. Drei. Das zweite überlegte sich’s drei Monate lang, ob es leben wollte, entschied sich dann aber auch für’s Gegenteil.«

»Das ist hart.«

»Nein. Es ist nicht hart. Oder meinst du wirklich? Wieso eigentlich hart?«

»Na, das ist aber doch nicht dein Ernst. Das ist doch selbstverständlich.«

»Daß der Mensch stirbt, früher oder später? Ja, _das_ ist allerdings selbstverständlich.«

»Ja, aber es ist doch wahrhaftig ein Unterschied, ob ein kleines Kind stirbt oder ein Mann, der seine Lebensarbeit hinter sich hat. Das ist doch klar.«

»Merkwürdig -- euch ist alles selbstverständlich und klar, was mir heute zweifelhafter als je ist. Lebensarbeit, Lebensarbeit. Was ist denn das? Ehrlich gesagt, was ist denn nun deine Lebensarbeit?«

»Gott stellt jeden auf den Platz, den er einnehmen muß. Es ist keine Arbeit vergebens. Wenn ich auch nur verschwindend wenig der Menschheit nütze, ein bischen ist’s immerhin und ich erhalte Weib und Kinder. Das ist _meine_ Philosophie.«

»Meine ist’s nicht,« sagte Starkblom sehr ernst, indem er aufstand und hin und herging. »Ganz abgesehen von Gott, der, scheint’s, heutzutage nur noch zwei Zwecken dient.«

»Und die wären?«

»Erstens zur Ausrede und zweitens, vernünftige Menschen nervös zu machen. Gott stellt jeden auf seine Stelle! Haha! -- Übrigens hast du in deiner Jugend auch anders gesprochen.«

»Nun, du hast doch diese Jugendtorheiten auch längst hinter dir. Man wird gesetzter. Übrigens ist’s dir wohl nicht ganz Ernst mit alledem. Ich erfülle als Fabrikant meine Pflicht so gut wie du als Richter -- und erfülle sie heute noch.«

»Pflicht, Pflicht. Gegen wen denn Pflicht?«

»Das weiß doch jeder. Wozu solche Dinge fragen?«

»Warum nicht fragen? Nochmals -- Pflicht gegen wen?«

»Nun, gegen die Mitmenschen.«

»Wirklich? Wann kam dir denn der Ruf?«

»Wie?«

»Wieso empfandest du denn das unwiderstehliche Bedürfnis, die Menschheit mit Schmuckwaaren, nicht doch, mit Gold einer bestimmten Art zu versorgen?«

»Ach, das läßt sich doch nicht so einfach sagen. Das sind sehr verwickelte Verhältnisse. Du als Jurist mußt das doch wissen, besser als ich. Nationalökonomie hast du ja doch jedenfalls studirt.«

»Ich studire sie sogar noch. Aber trotzdem --«

»Na, siehst du. Und übrigens -- in die Wiege gelegt wurde dir wohl auch kaum die Bestimmung, Richter zu werden.«

»Da hast du _sehr_ recht. Das darfst du mir vorwerfen. Du weißt aber auch, daß ich’s jetzt nicht mehr bin.«