Der Todesprediger

Part 1

Chapter 13,598 wordsPublic domain

Anmerkungen zur Transkription

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so markiert~. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.

Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.

Der Todesprediger

Roman

von

Gustav Landauer.

❦

=Dresden= und =Leipzig=.

Verlag von Heinrich Minden.

Alle Rechte vorbehalten. Unbefugter Nachdruck wird gerichtlich verfolgt.

Einleitung.

Die Geschichte, die ich erzählen will, ereignete sich in jener im Großen und Ganzen glücklichen Zeit, da sich die Planeten um die Sonne drehten ohne zu fragen warum, und die Sonne ganz gedankenlos, ohne sich nach einem Spiegel zu sehnen, ihre leuchtenden Strahlenbündel von sich schleuderte. Die Epoche, wo das Weltall begann, über sich selbst und seine Bestimmung zu philosophieren, war noch nicht angebrochen, der Weltschmerz in des Wortes eigentlicher Bedeutung, das wehvolle Stöhnen des großen Kosmos, das seiner Auflösung ins absolute Nichts vorherging, war noch nicht eingetreten. Jedoch war das Allgemeinbefinden der einzelnen Weltkörper schon wesentlich differenziert, und auf einem derselben, auf der Erde, zeigten sich für den feinen Beobachter bedrohliche Symptome. Das ganze Erdenrund war allmählich von einem grünlichen Schimmel überzogen worden, der sich bemühte, zugleich ein Spiegel und eine schlechte Kopie des Weltungeheuers zu sein. Jeder auch der kleinste Teil dieses gewaltigen Riesen ging gedankenlos seine eigenen Wege und kümmerte sich nicht im mindesten um andere. In dieser überlegungslosen Selbständigkeit bestand das Weltglück. Auf dieser schimmligen Erdrinde aber entstanden kümmerliche Wesen, die für sich nichts waren und sich darum an einander anlehnen und einander befehden mußten und es erwuchsen allmählich Arten statt Individuen, Gesellschaften statt Personen. Ein krankhafter Keim steckte in jedem kleinsten Teilchen dieser Erdoberfläche, es war das Bewußtsein oder doch die Anlage dazu. Welche Art am meisten von diesem Gift in sich trug, die errang die Herrschaft über die übrigen, die war aber auch zugleich am nächsten dem Zustand der Selbstvernichtung, der aus dem Selbstbewußtsein hervorging auf dem Wege über die Selbstverachtung und den Selbstschmerz. Diese Rolle war schon seit geraumer Zeit dem Geschlechte der Menschen zugefallen. Es ist die Aufgabe der Geschichte dieser merkwürdigen Tiergattung, zu zeigen, wie gerade sie besonders dazu befähigt war und auf welchem Wege sie sich dem angegebenen Ziele näherte. Ich darf das wohl als bekannt voraussehen und bitte sich rasch an diese ganze Entwickelungsgeschichte des Menschengeschlechtes rückzuerinnern bis zu dem Punkte, wo das Bewußtsein schon den Grad erreicht und überschritten hatte, wo der Selbstekel und der Selbstschmerz, den der Mensch in Überhebung vielleicht, vielleicht aber auch in zukunftsbanger Ahnung eine Zeit lang Weltschmerz nannte, begann. Die langsame Entwicklung und das stetig sich verändernde Fortschreiten und Umsichgreifen dieses Eigenwehs dauerte, oft unterbrochen und scheinbar verschwunden, schon mehrere Jahrhunderte an, das Christentum und dann die Reformation und dann der Rationalismus und die Revolution waren gewaltige Heilversuche, die aber notwendig fehlschlugen. Dann kam eine kurze Periode dumpfer Resignation und verzweiflungsvollen Schmerzes, die Zeit des Romantismus, ironische und zerrissene, aber durchweg halbe Männer waren die führenden Geister, und in zweiter und dritter Reihe tauchten auf die feinsinnigen, frauenhaften Gestalten, mit der melancholischen Ruhe und den zarten aristokratischen durchgeistigten Händen, schmiegsame Leute ohne Rückgrat, deren Wille gebrochen war.

Dann aber kam herauf der ewig denkwürdige Versuch der Vernunft, sich kalten Blutes auf sich selbst zu besinnen, die entsetzte Rückschau auf die Entwicklung der Vergangenheit und das gegenwärtige Treiben, die Auflösung und Abschüttelung alles überlieferten Herkommens, der Strich unter die ganze Rechnung der menschlichen Geschichte, und das Wagnis, nach all den Erfahrungen den Staub der Vorzeit von den Händen zu waschen und das Leben der Menschheit von vorn auf vorsichtig geprüftem Grund zu beginnen.

In diese Jahre, in denen Abgelebtes und Vorzeitiges, Unreifes und Faules, Abgespanntes und Vorwärtsstürmendes neben einander wohnte, fiel das Leben des Menschen, von dem ich im folgenden erzählen will.

❦

Erster Abschnitt.

Er war der zweite Sohn des Schuhmachers Adam Starkblom und dessen Ehefrau Elisabeth und hatte die Namen Max Emanuel Karl Wilhelm erhalten; man nannte ihn Karl. Geschwister hatte er sieben: zwei Schwestern, Elise und Kathrine, und fünf Brüder: Adam, Justus, Leberecht, Friedrich und Johannes. Sein Vater hatte anfangs viel zu thun gehabt und die Familie gut erhalten können, war aber später durch sein phlegmatisches und beschauliches Temperament allmählich heruntergekommen und hatte sich, obwohl er früher äußerst nüchtern und zurückhaltend gewesen, nachdem er schon die Grenze des Mannesalters überschritten, dem Trunke ergeben. Er starb am Herzschlag, 64 Jahre alt. Dieser Lebensführung des Vaters entsprechend war die Erziehung der Kinder ausgefallen: Adam hatte seiner Neigung gemäß in ein großes Handelshaus in Hamburg in die Lehre treten dürfen und brachte es dazu, ein vermögender Plantagenbesitzer in Haïti zu werden, Karl durfte studieren, Elise besuchte die höhere Mädchenschule und heiratete, neunzehn Jahre alt, einen vermögenden Schlossermeister, Justus war beim Vater in die Lehre gegangen und besaß nunmehr eine kleine Schuhfabrik in Pirmasens, Leberecht war Branntweinbrenner, Friedrich Unteroffizier, Johannes war gänzlich verbummelt und schließlich vom ältesten Bruder mit nach Haïti genommen worden, von wo er aber bald auf einem englischen Kauffahrteischiff durchbrannte, seine Spur war verschwunden und er blieb verschollen; Kathrine endlich, die jüngste, war auf ein Operettentheater gegangen, wurde dann die Geliebte eines reichen Offiziers und endlich Straßendirne. Die Mutter war diesem letzten Wochenbett erlegen; kein Wunder, daß das hinterlassene Kind im Hause des blöden, trunksüchtigen Vaters nicht die beste Erziehung erhielt.

Karl hatte schon im Elternhause eine besondere Stellung eingenommen; er beteiligte sich nur ungern an den lärmenden Spielen der Brüder und Kameraden und ging am liebsten allein seiner Wege. Er war ein verschlossenes, träumerisches Kind, das nicht verstand, aus sich herauszugehen. In seinem neunten Jahre etwa fing er an viel zu lesen, alles was er im Vaterhause fand, aber wenn ihm etwas gefiel, las er es immer und immer wieder, sodaß er große Stellen der Romane, die ihm in die Hände kamen, auswendig wußte. Von seinem fünfzehnten Jahre an hörte er mit einem Male fast gänzlich auf mit dieser Art Lektüre und las nur noch wenig und planmäßig: die Klassiker, Bücher litterarhistorischen, religiösen und philosophischen Inhalts. Was er nicht verstand, legte er ruhig beiseite, was ihn ergriff, lernte er durch häufiges Lesen auswendig. Er schloß sich gern an die Schwester Elise und deren Freundinnen an und war bald unter seinen Brüdern und Mitschülern, die den blassen Sonderling nicht leiden mochten, als »Mädlesschmecker« verspottet. Bei Tisch und wenn er sonst mit Eltern und Geschwistern zusammen war, war er still und in sich gekehrt, beteiligte sich aber gern, wenn ihn ein Thema interessierte, am Gespräch der Alten und konnte da schon früh hitzig und vorlaut werden; er war darum verschrieen als altkluges, frühreifes Kind. In der Schule war er immer unter den Ersten, da er sehr schnell auffaßte und ein gutes Gedächtnis hatte, doch arbeitete er wenig. Seine Lehrer konnten ihn nicht leiden, einigen war er verhaßt. Er meldete sich selten, wenn etwas gefragt wurde, wußte aber fast stets Bescheid und antwortete kurz und klar. Nur manchmal hatte er vor sich hingeträumt und stand dann ruhig und blaß da, ohne den Mund zu öffnen. In seltenen Fällen ward er lebhaft, meldete sich, trug warm, ja manchmal feurig vor, was er wußte, oder meinte; ja einige Male hatte er es gewagt, dem Lehrer zu widersprechen.

Noch bevor er sechzehn Jahre alt war, stand es ihm völlig fest, daß er Philosophie studieren und das Rätsel der Welt ergründen wolle. Am Ende des vorletzten Schuljahres jedoch schon kam er allmählich davon ab. Sein kluges Auge sah, wie rasch der Vater herunterkam, und es leuchtete ihm ein, daß er einen praktischen Beruf ergreifen müsse. So antwortete er von da ab ruhig auf alle Fragen, was er studieren wolle: Jurisprudenz, und dabei blieb er. Sowie er sich dazu entschlossen hatte, sah er kein philosophisches Buch mehr an, beschäftigte sich eifriger als früher mit den Schulaufgaben und suchte auch jetzt schon für Fragen des täglichen Lebens Verständnis und Interesse zu gewinnen. Er machte ein gutes Abgangsexamen und bezog, etwas über achtzehn Jahre alt, die Universität.

Freundschaft hatte er erst in seinen letzten Schuljahren, als seine Neigung zur Philosophie hervortrat, kennen gelernt. Vorher hatte er kein Bedürfnis nach Umgang gehabt. Jetzt drängte es ihn, Meinungen, die ihn originell und sogar tief dünkten, teilnehmenden Freunden vorzutragen und im Gespräch auszuspinnen. Es fand sich so eine Anzahl hochstrebender junger Menschen zusammen, von denen indeß, wie es häufig zu gehen pflegt, die meisten in der Schule nicht recht mitkamen. Anfangs bildete sich eine förmliche philosophische Gesellschaft, in der aber auch dem Bedürfnis der Jugend zu dichten und das Geschaffene mitzuteilen und loben zu lassen Genüge geschah; sie organisierten sich als Verein und gaben sich eigene Statuten. Später indessen zog sich Karl, der schon von früh an mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit eine alte Haut, die ihm nicht mehr anstand, abwarf, ganz davon zurück und verkehrte nur noch mit dreien der Genossen, intim nur mit einem, und selbst diesem vertraute er seine geheimsten und kühnsten Gedanken und Pläne nicht an. Anfangs schrieb er seine Ideen tagebuchartig nieder, einiges wenige arbeitete er in größerem Umfang aus; auch das gab er auf, sowie er einsah, daß seine Meinungen sich zu rasch änderten, daß er noch keinen festen Standpunkt gewinnen könne; von da an verfolgte er kaltblütig und mit einer gewissen eigenen Neugierde die Vorgänge in seinem Hirn und hielt meist auf seine neuen Gedanken nicht besonders viel, weil er wußte, wie schnell die alten sich bisher immer verflüchtigt hatten.

Nachdem er sich entschlossen hatte, Jurist zu werden, zog er sich von den wenigen Freunden, denen er geblieben war, mehr und mehr zurück; einmal wollte er nicht in Versuchung geraten, sich allzu tief mit der Weltweisheit einzulassen, dann auch wollte er es nicht mitansehen, wie sich auch in ihnen die Wendung zur praktischen Thätigkeit und zum bürgerlichen Beruf vollzog. Wenn zwei dasselbe thun, ist’s nicht dasselbe, dachte er; was er, soweit es ihn betraf, heroisch nannte, kam ihm bei allen andern verächtlich vor.

Er wurde ein fleißiger Student, der fast nur mit Fachgenossen, die er im Kolleg kennen gelernt, verkehrte und sich von den geselligen Vergnügungen geflissentlich zurückhielt. Erst hier, in den praktischen Übungen an der Universität und in den Gesprächen mit den Bekannten am Biertisch und auf der Bude, ward es ihm zur unumstößlichen Gewißheit, daß er mehr sei als der Durchschnitt seiner Umgebung. Er dachte klarer, beurteilte alles von höherer Warte, faßte Zusammengehöriges aus entfernten Gebieten zusammen und konnte seiner Ansicht geläufig und elegant Ausdruck geben. Jedoch beschäftigte er sich auch jetzt fast ausschließlich mit seinem Fach, besonders allerdings mit theoretischen Problemen, interessierte sich aber mehr als gewöhnlich üblich schon jetzt für Detailfragen. Bei dieser intensiven Bethätigung in der trockenen Wissenschaft aber fuhr es ihm mehr als einmal durch den Kopf: »Wartet nur! ich bin noch der Alte! Noch ist nicht aller Tage Abend! Wohl treibt mein Bewußtsein jetzt keine Weltweisheit und kümmert sich um nichts als Jurisprudenz; unter der Schwelle aber arbeitet es weiter, mir selber nicht bewußt; und finge ich jetzt an zu philosophieren, meine alten phantastischen Unerfahrenheiten wären verschwunden und neue Gedanken kämen mir angeschwommen, ohne daß ich wüßte, woher. Wartet nur! Er ist noch nicht tot, der Prediger in der Wüste! Und wenn er auch spät wieder erwacht, er kommt zu seiner Zeit!« Dann vertrieb er diese Ahnungen wieder, beugte sich über seine dicken Bücher und ochste bis tief in die Nacht.

Im letzten Jahre jedoch seiner Studienzeit, wo andere Studenten gerade anfingen, ernstlich zu arbeiten, klappte er seine Bücher zu und machte eine Pause. Er hatte das Gefühl, nun sei ein Abschnitt erreicht und für’s Examen wisse er jetzt schon völlig genug. Für kurze Zeit erwachte in ihm ein neuer Mensch: er ward gesellig, heiter, harmlos, lebensfroh und lernte auf einmal das Plaudern. Er nahm jetzt Tanzunterricht, verliebte sich dabei in ein hübsches Mädchen und verlobte sich heimlich mit ihr.

Indessen hörte diese Weltläufigkeit bald wieder auf; er wurde wieder der alte stille geruhsame Mensch, der sich in Gesellschaft nicht wohl fühlte, nur ernstes zu reden verstand, alles von seiner tiefen Seite nahm und den Plauderton wieder gänzlich verlernte. Dann kam das Examen, das er glänzend bestand.

Nunmehr diente er sein Jahr ab, beim Infanterieregiment seiner Vaterstadt. Jetzt untersagte er sich jede geistige Thätigkeit; er war nur Soldat; im Innern mürrisch und kalt, äußerlich streng diszipliniert.

Dann ward er wieder mit allen Kräften Jurist, es kam die Praktikantenzeit und dann das zweite Examen und das allmähliche Emporklimmen an der Leiter der Beförderungen. Schon als Student war er entschlossen gewesen im Staatsdienst zu bleiben und Richter zu werden.

Als er 36 Jahre alt war, konnte er es nach sechzehnjähriger treuer Brautschaft wagen, sein Lorchen zu heiraten und einen Hausstand zu gründen. Es ging immer noch knapp genug her beim Herrn Amtsrichter, und es hätte auch jetzt noch nicht reichen können, hätte er es nicht endlich über sich gebracht, eine nicht ganz unbedeutende Summe von dem Bruder Adam, dem es damals in Haïti schon recht gut ging, nach öfterem Anbieten von Seiten des treuen Menschen, leihweise anzunehmen.

Die Ehe schien eine äußerst glückliche werden zu sollen; war Karl ruhig und ernst, so war Lorchen ruhig und heiter; sie hatte einen ungemeinen Respekt vor dem Geiste ihres Mannes und war doch fähig und willig, ihn zu verstehen und mit ihm zu reden über das, womit er sich beschäftigte. Das war freilich auch jetzt fast nur die Rechtspflege, und nunmehr meist Fälle aus der Praxis, deren Konsequenzen er zu ziehen pflegte. Mit anderen Dingen gab er sich nicht viel ab; ein wenig interessierte er sich für Kunst und Theater, selbst mit Politik sich ernsthaft zu beschäftigen, hatte er noch nicht die Zeit gefunden. »Wartet nur! jetzt bin ich ein alter Mann! aber ich werde noch einmal jung!« So pflegte er auch jetzt wieder zu sagen.

Bald aber begann das Unglück und ließ mit zäher Beharrlichkeit nicht nach, bis es das Äußerste erreicht hatte: das erste Kind, ein Mädchen, starb, nachdem es zwei Tage kümmerlich gelebt hatte; das zweite, wieder ein Mädchen, starb nach drei Monaten an der Lungenentzündung; und das dritte Wochenbett bettete Mutter und Kind, diesmal wäre es ein Knabe gewesen, in den Tod.

Nach fünfjähriger Ehe stand Karl Starkblom wieder allein auf der Welt. Äußerlich blieb er ruhig wie er war. Aber bei Tag und Nacht ließ ihm die Frage keine Ruhe mehr: »wozu nun noch arbeiten? wofür jetzt noch leben? warum jetzt noch dein eigentliches wahres Geisterleben unterdrücken? jetzt wäre es Zeit, höchste Zeit!«

Als wollte das Geschick durchaus keinen Zweifel aufkommen lassen, wohinaus es wolle, fügte es nach Verlauf von dreiviertel Jahren einen weiteren Todesfall hinzu: der Bruder Adam in Haïti starb plötzlich am Fieber; sein gesamtes bedeutendes Vermögen hatte er dem geliebten Bruder Karl testamentarisch vermacht.

Als Starkblom in den Besitz dieses Vermögens kam, war er gerade zweiundvierzig Jahre alt. Seit knapp drei Jahren war er Landgerichtsrat. Nunmehr sagte ihm sein kleines Seelenteufelchen: »Halt Mann! Umspannen!« Er kam um Urlaub ein und zog sich in ein freundliches Städtchen am Fuße des Schwarzwalds zurück. Kurze Zeit darauf nahm er nach reiflichem Überlegen seinen Abschied.

Seine Kollegen machten hinter seinem Rücken bitter höhnische Bemerkungen über den unerhört frühen Rückzug Starkbloms; jetzt war er erkannt. Bisher freilich hatten ihn alle, die er überflügelt hatte oder zu überholen drohte, für einen ehrsüchtigen Streber erklärt; das hinderte aber durchaus nicht, nun zu behaupten, das sehe ihm völlig ähnlich, das sei von ihm zu vermuten gewesen: er sei eben ein ganz pflichtvergessener Mensch, dem es nur um möglichst schnellen Gelderwerb zu thun gewesen, und vermutlich sei er im geheimen ein roher Genußmensch; die große Erbschaft sei ihm recht zupaß gekommen. Jetzt konnte er seinen Vergnügungen nachgehen, ohne mehr arbeiten zu müssen. Nun zeigte der hochnäsige Herr seinen wahren Charakter; aristokratisch hatte er immer gethan, aber seine gemeine Herkunft konnte er nicht verleugnen.

Was hätten diese Herren für dumme Gesichter gemacht, wenn er ihnen seine wahren Gründe anvertraut hätte: daß er einen anderen Beruf in sich fühle, als zeitlebens Richter zu sein, daß er seinen Geist und die Bestrebungen seiner frühen Jugend jetzt voll und ganz auszuleben gedenke.

Sich selber ausleben -- das war sein Ehrgeiz, an seine Jugend wollte er wieder anknüpfen. Was aber war er denn selbst? was steckte eigentlich in ihm? was war noch übrig von den Idealen seiner Jugend? Was konnte er der Menschheit bringen?

Er schaute tief in seine eigene Seele und fand, daß trotz aller äußern Ruhe der Kern seines Wesens Trauer und Weh geworden war. Und er merkte mit einem Mal, daß Jammer und Schmerz die ganze Menschheit und die ganze Welt durchzog.

Als er aus der Unschuld des Kindes langsam zum Manne erwachte, war er rascher als wohl sonst die Regel, über die verzweiflungsvolle Zeit des Aufblühens der Sinnenwelt hinweggekommen; äußere Umstände waren schuld daran. Jetzt, da er ein reifer Mann war und alle Schmerzen und Wonnen, die der Mensch durchmachen kann, erprobt und gekostet hatte, stürmte eigenes Weh, philosophische Verzweiflung und soziales Elend mit voller Wucht und gleichzeitig auf ihn ein.

Es schien ihm, als habe er mehr als zwanzig Jahre geschlafen und dummes unverständiges Zeug geträumt, als er jetzt wieder ernstlich begann, über Menschengeist und Weltzweck nachzudenken und in der Welt umherzublicken.

Es fuhren ihm jetzt Gedanken durch den Kopf, er lebte jetzt in ganz eigentümlichen Stimmungen, wie er sie nie gehabt seit langer Zeit, und doch war es ihm, als habe er das alles genau so, selbst unter denselben kleinen äußerlichen Umständen, schon einmal gedacht und empfunden, vor langer, unendlicher Zeit, vor mehr als tausend Jahren wohl.

Dann kam es ihm, er solle wohl seine alten Tagebücher und Aufzeichnungen aus der Knabenzeit wieder vorsuchen, und er las eifrig darin. Gar manches verstand er nicht mehr, vieles mißverstand er und legte ihm einen ganz andern Sinn unter, als er damals gewollt; einiges aber fand er schon fast genau in derselben Art gedacht und ausgesprochen, wie es ihm jetzt als neue Wahrheit aufgegangen.

Ihm grauste vor sich selber; der Student und der Richter, wie hatte der denn nur je sein können? wie hatte er daran sein Genügen finden können? Und eine stille Freude überkam ihn, daß er wieder jung geworden war.

»Der Menschheit will ich meine Dienste weihen; ein neues Wort will ich sprechen, das noch keiner gesprochen hat.« So hatte er als Sechzehnjähriger geschrieben und so wollte er jetzt wieder. Die Kraft fühlte er in sich. Er war mehr als die andern, er wußte es sicher; noch keinen hatte er getroffen, der ihm gleichkam.

Er beabsichtigte, vorerst in dem kleinen sonnigen Städtchen, wo er gegenwärtig weilte, zu bleiben. Die Einsamkeit sollte ihm wohlthun. In sich selbst wollte er sich versenken, auf sich selbst sich besinnen. In die Natur wollte er sich wieder einleben und sich verjüngen im frischen Waldesgrün, seine poetische Phantasiethätigkeit, die er zu so langer Ruhe verurtheilt hatte, erwachte jetzt wieder aus ihrem dumpfen Schlafe. Dem Vogelsang wollte er lauschen und das Sonnenlicht einsaugen.

Eines Morgens ging er bei heiterkühlem Frühlingswetter den Fluß entlang zur Stadt hinaus, thalaufwärts. Er liebte diesen Weg besonders. Zur Seite hatte er Anhöhen und vor sich Berge von immer neuer Gestalt und Färbung, da die Straße in langsamer Krümmung das Gebirge vermied. Rechts war der Fluß, jenseits saftige Wiesen und weiter entfernt wieder Berge, die mit dunklen Tannenwaldungen bestanden waren. Blickte er sich um, so sah er die Stadt mit ihren hohen Schlöten hinter sich liegen; die abgebrochenen Schläge des Kupferhammers vor der Stadt, an dem er vorhin vorbeigegangen, drangen leiser und leiser zu ihm. Sein Sinn war fröhlich und unternehmend; seine Gedanken abgerissen und hüpfend, er träumte mehr als er dachte. Am frühen Morgen war ein starkes Gewitter niedergegangen, das erste des Sommers. Noch immer schoben die abziehenden Wolken an der Sonne vorbei und verdunkelten kurze Zeit das Thal. Doch bald wieder schwanden die Schatten und er schritt fröhlich vorwärts.

Nachdem er eine schwache Stunde gegangen war, sah er etwa in der Mitte des Berges, der hinter der Krümmung des Flusses gerade vor ihm emporstieg, auf einem Vorsprung ein weiß schimmerndes schloßartiges kleines Haus liegen. Es grüßte ihm freundlich entgegen mit seinem weißen Verputz, seinen hell blinkenden Fenstern, seinem roten Ziegeldach und dem kleinen mit Schiefer gedeckten Türmchen an der linken Seite.

»Da wäre gut wohnen,« dachte er.

Er ging noch etwa eine Stunde, dann kehrte er auf einem andern Wege, der über die Anhöhen führte, zurück.

Mittags beim Essen erzählte er seinem Nachbar, dem Stadtbaumeister, von seinem Ausflug und von dem Schlößchen, das ihm so sehr gefallen hatte. Der sagte ihm, das weiße Haus, so nannte man es, stünde schon seit einem halben Jahre leer, da der Besitzer nach Wien gezogen sei. Liebhaber sei keiner da, da es für die Fabrikanten der Stadt und die paar andern, die noch etwa in Betracht kommen könnten, zu entlegen war. Und Fremde besuchten ja bekanntlich trotz der reizenden Umgebung die Stadt kaum, die als Fabriknest verschrieen war.

Starkblom war rasch entschlossen. Noch am selben Mittag besuchte er den Rechtsanwalt, der die Angelegenheit für den Weggezogenen in Händen hatte und nach Verlauf von wenigen Tagen war das Geschäft abgeschlossen.

Starkblom war im Besitz des weißen Hauses und die nächsten Wochen schon verwandte er darauf, seine Möbel kommen zu lassen und einige neue zu kaufen. Einen Teil der Zimmer richtete er nicht ein, weil er Raum für eine Bibliothek lassen wollte. Eine Sammlung erlesener Bilder schwebte ihm für die spätere Zukunft vor.

Eine ältere Frau, die er gedungen, sollte ihm kochen und Wirtschaft führen.

Am 1. Juli bezog der neue Schloßherr das weiße Haus und er erschrak gleich nach den ersten Tagen, sowie er sich angewöhnt hatte, über die erbärmliche Beschäftigung mit nichtigem Tand, der er sich in den letzten Wochen hingegeben hatte. Das wurde von jetzt ab anders. Nur Großes und Tiefes sollte ihm zuschwimmen mit den klaren Wellen des Flusses, der am Fuße »seines Berges« langsam und ruhig dahinfloß.