Der Todesprediger

Part 10

Chapter 103,843 wordsPublic domain

Sie schlug die Hände vors Gesicht, dann lag sie ernsthaft da und nickte sinnend.

Nun erhob auch sie sich und beide fuhren rasch in die Kleider. Plötzlich lachte Starkblom laut auf.

»Weißt du, wie mir meine letzte Brochüre jetzt vorkommt?«

»Nein, wie?«

»Nun höre. Ein Mann in den Vierzigern, Wittwer, sucht auf diesem sehr ungewöhnlichen Wege eine Lebensgefährtin. Dieselbe muß groß und kräftig gebaut, sehr gebildet und vorurteilsfrei sein. Offerten bittet man einzusenden unter der Chiffre: Es lebe der Tod! Nicht? War es nicht so? Und daß ich sie gefunden habe, das ist das allerseltsamste und das allerschönste! Wie kamst du denn dazu, Marguérite? Wie bekamst du denn in Paris meine Brochüren?«

Marguérite hatte erst lachen müssen, aber jetzt wurde sie ernsthaft und sogar ein wenig blaß.

»Das war nicht so einfach, mein Lieber. Das hängt mit etwas zusammen, mit etwas -- anderm. Aber jetzt kann ich dir das unmöglich sagen. Du mußt warten. Bald -- nicht wahr?«

»Wie du willst, Marguérite. Ich habe dich, wir haben uns. Das ist eins und alles. Das andere ist gleichgiltig.«

In so seliger alles vergessender Stimmung verbrachten sie diesen Tag und auch die folgenden. Was hätte ihr Glück stören können? Manchmal freilich überlief es Starkblom, und die Vergangenheit wollte ihn wieder packen mit ihren mörderischen Tatzen, und dann sagte er wohl:

»Mein Glück ist zu groß. Ich werde bald sterben.«

Aber Marguérite und er selbst brauchten sich nicht allzusehr anzustrengen, um dies Gespenst wieder zu verscheuchen.

Eines Mittags saßen sie heiter auf dem Balkon und plauderten und sahen ins grüne Thal hinab. Da brachte die Haushälterin mit hochgezogenen Brauen und grenzenlos erstauntem Gesicht ein Telegramm und überreichte es zweifelnd Starkblom.

Der nahm es rasch und las die Adresse und auch er machte ein sehr verwundertes, fragendes Gesicht. Doch winkte er der Frau, sie solle gehn.

»Ist das für dich, Marguérite?« fragte er dann und reichte ihr die Depesche hinüber.

Sie las die Adresse und errötete über und über. Da stand: »Frau Marguérite Starkblom. Villa Weißes Haus.«

»Ja«, flüsterte sie dann und ließ das Papier unentschlossen in ihrem Schooß liegen.

»Das ist seltsam«, meinte Starkblom, sie starr ansehend. »Verstehst du es? Kannst du mich nicht aufklären? Wer weiß davon etwas? Und wer kann sich unterstehen --?«

»Es ist anders, lieber Karl. Hab nur Geduld. Laß mich erst lesen. Dann vielleicht --.«

Sie erbrach den Verschluß und las die wenigen Worte.

»Warum höre ich nichts von dir? Bin aus Frankreich ausgewiesen und schon auf der Reise zu Euch. Komme noch heute an. Hoffentlich steht alles gut. Jean.«

Sie reichte ihm mechanisch das Blatt hinüber, und er las und blickte sie dann fragend und traurig an.

»Marguérite, was heißt das? Wer ist der Mann? Woher weiß er --? Schriebst du ihm von hier aus?«

»Nein.«

»Aber woher weiß er denn dann? Was ist das? Marguérite!«

Und sie flüsterte:

»Ich lebte mit ihm zusammen. Es geschah mit seinem Einverständnis, daß ich hierher kam. Er ist --«

Sie verstummte.

»Mit seinem Willen? Das verstehe ich nicht. Marguérite! Was ist das? Wie kann er dich Starkblom nennen?«

»Er heißt selbst so, Karl, und ich nannte mich nach ihm. Ach, es ist ja so gleichgiltig.«

»Gleichgiltig? Und er heißt Starkblom? Und das wäre nur ein unerhörter Zufall? Ist das ein Traum?«

»Kein Zufall -- oder -- wie du’s nimmst. Er heißt Johannes Starkblom. Er hält sich für deinen Bruder.«

Starkblom durchfuhr es. Er stand rasch auf.

»Was? Johannes? Der lebt? Und, -- und -- du -- mit ihm ... ach Marguérite, was ist das für eine Geschichte!«

Er setzte sich müde und abgespannt wieder auf den Stuhl. Die Sache griff ihn an.

»Alle meine Geschwister sind mir sonst ganz gleichgiltig. Ich kümmere mich gar nicht um sie. Aber der -- das ist etwas andres. Und du --!«

Marguérite schmiegte sich eng an ihn und legte den Arm um seinen Hals.

»Geht es dir so nahe, mein liebster Schatz? Sieh, dafür kann ich ja nichts. Und er auch nicht. -- Er hat es aber vorausgesagt.«

»Was hat er gesagt?«

»Daß -- nun wie es gekommen ist. Daß wir nicht mehr von einander können. Zwar nein, so wird er es doch nicht gemeint haben. Er ist ein so guter Mensch. Ich habe ihn sehr gern.«

»So, Marguérite? Und ich?«

»Aber, mein lieber guter Karl, das ist ja ganz etwas -- aber das läßt sich ja gar nicht -- weißt du -- nein -- dich _liebe_ ich! Karl! Verstehst du?«

»Meine liebe Marguérite, ich glaube dir ja. Ich bin ja kein Philister! Nur daß es mein Bruder --!«

»Aber wenn es das nicht wäre, wäre ich ja nie zu dir gekommen. Nicht? Willst du nun hören?«

»Das ist auch wahr. Ja, erzähle, ich bin nun schon ruhiger. Das ist ein Mensch! Der Johannes! Lebt sich der Mensch noch!«

»Freilich lebt er! Er ist seit Jahren in Paris. Vor zwei Jahren lernte ich ihn kennen und seit einem ungefähr leben wir zusammen. Er hat fürchterlich viel mitgemacht im Leben. Weißt du, nicht innerlich wie du, das viel weniger. Aber er ist herumgekommen, überall. Und geschüttelt ist er worden. Nun, dadurch ist er eben ganz und gar frei geworden. Mehr als wir alle. Er ist es praktisch. Um die Theorie hat er sich nie viel gekümmert. Er macht alles mit, was die Nerven aufregt, was neu ist, was ihn amusiert. Und dabei ist er ein so herzensguter Mensch. Aber das darf man ihm nicht sagen. Er möchte es nicht sein.«

»Da steht er nun völlig vor mir. Der Taugenichts! Ich hätte nicht gedacht, daß das aus ihm wird. Er trieb immer das Gegenteil von dem, was ich; und jetzt stehn wir fast auf demselben Fleck. Ja, ja, die Welt ist rund! Und jetzt wird er ausgewiesen? Warum?«

»Ach, das ist wegen dieser anarchistischen Geschichten. Wir haben da ein wenig teilgenommen.«

Starkblom stand auf und ging erregt hin und her. Dann fing er an:

»O der Glückliche! Ihr Glücklichen! Was habe ich gebraucht, um dahin zu kommen, wo ich jetzt stehe! Alles im Denken, im Grübeln, es zerriß mich schier! Alles innen, es wollte heraus und drückte in mir zum wahnsinnig werden. Und ihr -- und er! Er handelt, er nimmt teil! Er ist unbekümmert!«

»Und doch nicht epileptisch«, sagte Marguérite lächelnd.

»Aber er hat etwas nicht, was ich habe. Ich bin so schwerfällig, ich habe so viel altes, ich brauche so unsägliche Mühe, um es los zu werden! Und jetzt, jetzt -- jetzt bin ich zu alt! Wenn ich dich nicht hätte, wozu wäre ich noch gut? Und jetzt, jetzt, wird er dich mir nicht entreißen? Marguérite! Verlaß mich nicht! Ich ... du ... ich brauche dich ... über alles ... mein Einziges!«

Marguérite drückte ihn fester an sich.

»Mein geliebter Karl, er kann uns nicht trennen. Er wird es auch nicht wollen. Wir bleiben immer beisammen, immer. Und schließlich --«

Sie stockte. Dann setzte sie hinzu:

»Nun, das wird sich finden. Wir wollen warten, bis er kommt. Freust du dich nicht ein wenig?«

»Ich weiß nicht. Vielleicht -- Mir ist bange. -- Wie kam er denn zu meinen Schriften?«

»O er liest viele deutsche Sachen, und neues Modernes aus aller Herren Länder verschafft er sich immer. Er hat da einen kleinen deutschen Buchhändler aufgetrieben in einem engen Gäßchen, der auf Kuriositäten aus ist und besonders die Brochürenlitteratur pflegt. Der sagte ihm nun einmal, als er bei ihm herumkramte: »Von Ihnen hab’ ich auch etwas bekommen, Herr Starkblom. Das kann nur von Ihnen sein. Es ist zu toll.« Nun, das war deine »Vision«. Nachdem ließen wir uns natürlich das erste Sendschreiben auch kommen und durch den Verleger erfuhren wir die Adresse und bekamen damit auch Sicherheit, daß du sein Bruder bist. Es ist eigentlich sehr einfach und doch ist’s wieder wunderbar.«

Die nächsten Stunden verbrachten sie unter unruhigem Hin und Her und gleichgiltigen Gesprächen. Starkblom war ziemlich aufgeregt.

Endlich gegen Abend klopfte es mit drei leicht hingeworfenen Schlägen an die Thür und Hans trat ein. Marguérite trat ihm rasch errötend entgegen und reichte ihm beide Hände. Der kleine Mann blinzelte ein wenig an ihr hinauf, dann aber begnügte er sich damit ihre Hände zu schütteln und dann an die Lippen zu ziehen. Er wollte sie im Flüsterton etwas fragen, aber sie trat zur Seite und winkte mit dem Kopf Starkblom zu.

Der trat nun näher.

»Sie sind Johannes Starkblom, der Sohn Adam Starkbloms, des Schuhmachers?«

»Ich kann’s nicht leugnen.«

»Dann sind wir Brüder.«

»Ja, das sind wir ganz sicher.«

Es trat eine Pause ein. Dann begann der Ältere:

»Wir haben uns sehr lange nicht gesehen. Wir kennen uns nicht mehr.«

»Ja nun also,« fiel Hans lebhaft ein, »lassen wir den ganzen lächerlichen Bruderschwindel zu Hause. Die Sache wird sonst furchtbar ungemütlich. Sie wissen -- Marguérite hat Ihnen jedenfalls gesagt, wie sehr Sie uns sympatisch sind -- und -- nun einfach -- wir machten das Experiment, Sie vom Tod zu retten, ich kam zuerst auf den Gedanken, weil ich das Leben nämlich so furchtbar, so ganz unsagbar liebe! Und nun -- wie steht die Sache? -- Ich setze mich.«

Als Starkblom schwieg, sagte Marguérite leise zu Hans:

»Du hattest Recht.«

Da rief er vergnügt:

»Nicht wahr? Bravo, bravissimo! Also gerettet! Lebensfreudig! Von unsrer Art? Nun dann -- Bruder, schlag ein! Nun sind wir Brüder!«

Karl legte seine Hand in die seine, sagte aber verlegen lächelnd:

»Ich glaube, Marguérite meinte es ein wenig anders mit dem Recht haben, und vielleicht hat dann auch die Brüderschaft noch einen andern Sinn. Sie -- du sollst in Paris etwas vorausgesagt haben -- nun, es traf ein, vollständig, nach jeder Richtung.« Er stand auf. »Und da ist nichts zu ändern. Nicht wahr, Marguérite? Wir zwei haben uns gefunden in freier Liebe, und nichts kann uns trennen -- nichts!«

Hans sah lange auf die beiden, dann antwortete er:

»Also doch! Nun -- darauf war ich gefaßt, und während der Reise ist mir’s schon zur Gewißheit geworden. -- Marguérite! es wäre mir sehr unbequem, ohne dich zu leben. Ich habe mich so an dich gewöhnt, kurz -- hol’s der Teufel, ich hab’ dich wahnsinnig lieb! Und du -- Marguérite? Alles aus? Weggeblasen? Na -- wenn schon -- denn schon!«

»Gar nicht, Hans, gar nicht: ich habe dich so lieb wie je, ganz und gar. Nur das -- diese Liebe, das ist neu. Karl und ich -- nun eben -- du hast es immer leugnen wollen, aber es giebt doch etwas wie eine Ehe.«

Karl war still zur Seite getreten und hörte ruhig zu. Er wußte, sein Glück war gesichert, und nun nahm er Interesse an dem Geschick des armen Hans -- so nannte er ihn in Gedanken.

»Eine Ehe soll’s geben?« erwiderte Hans in ruhigem Ton. »Ja, es kommt darauf an, wie du das meinst. Also das, wie wir lebten, das nennst du nicht Ehe?«

»Nun, es kommt ja auf’s Wort nicht an. Daß das viel besser und schöner war, als was man sonst gewöhnliche Ehe nennt, das ist natürlich ganz selbstverständlich. Aber, siehst du, es mag seltsam klingen, aber es ist so: wir hatten doch eigentlich nur geistige Gemeinschaft.«

»Na, na, das ist aber eine sehr kühne Behauptung, Marguérite. Das dürfen Sie beileibe nicht glauben, Herr Bruder im Geist, na, Sie wissen ja, was für ein Geist.«

»Jean, du wirst gereizt, ich hör’s am Ton, und das ist nichts für dich. Ich bleibe ganz und gar bei dem, was ich sagte. Es giebt Menschenpaare, die Erfahrung habe ich wenigstens gemacht, seit ich Karl kenne, bei denen geistige und körperliche Gemeinschaft, ich möchte sagen, organisch zusammenhängen. Gewöhnlich ist’s bloßes zufälliges Zusammentreffen. Angenommen, und so war’s bei dir und mir: Ihre Seelen stehen sich nahe und aus Bequemlichkeit machen die Körper die Sache so mit. Aber das ist nicht unbedingte Notwendigkeit. Daß wir, gerade wir beide, zusammen gehörten und zusammen taugten, ganz und gar, und uns gar nichts anderes denken konnten, so war es nicht, nein, so war es nie!«

»Jetzt ahne ich, was du meinst. Verzeih, aber das ist eine ganz überspannte Geschichte. So was giebt’s gar nicht. -- Der langen Rede kurzer Sinn aber ist wohl der: Für mich giebt’s keinen Platz! Da sind nur zwei Stühle und die sind besetzt. Nicht?«

Die beiden schwiegen.

»Ich muß jetzt doch wie ein Kapitalsesel vor euch stehen« fing Hans wieder an. »Der ganze Plan stammt ja von mir. Sowie ich die Brochüre gelesen hatte, noch ehe ich ganz sicher war, daß Sie mein Bruder sind, ich dachte es mir zwar gleich, da fuhr es mir durch den Kopf: Den rette ich durch Marguérite! Es giebt nur _eine_ Marguérite, dachte ich, die kann’s, nur die. Verteufeltes Vergnügen hat mir die Geschichte gemacht; und daß Sie sich in sie verlieben, habe ich sofort in die Berechnung gezogen, ich dachte schon, eine kleine Tragödie giebt’s, es wird ihm ein bischen zusetzen, aber am Leben bleibt er, dann erst recht. So ungefähr. Und nun? Herrgott, Marguérite, wie kann’s nur sein, daß du mich nicht mehr liebst, und ich hab’ dich lieber als je! Wie habe ich mich nach dir gesehnt die letzten Tage! Ist gar nichts zu machen? Entschließt du dich nicht anders, nun ich da bin?«

»Nein Hans,« sagte sie, »ich habe dich recht gern, ich denke gern an alles zurück, und ich verdanke dir ja so vieles --«

»Nichts verdankst du mir, nichts. O du! Du!«

»Aber jetzt ist es anders. Wir gehörten zusammen, Karl und ich, und mußten uns finden. Es ist schade, daß ich nicht an die Vorsehung glaube.«

»Hm,« machte er und lächelte trotz seiner Erregung. »Na, Herr Bruder, man ist natürlich der Dritte, der jubelt? Das Wort paßt nicht ganz, thut aber nichts. Na wie wär’s? Wollen wir jetzt mit einander ein wenig sterben spielen? Wenn Sie alle Künste Ihrer mächtigen Beredsamkeit anwenden, bringen Sie mich vielleicht so weit.«

»Nein, Hans,« erwiderte Karl Starkblom, »ich denke vorerst nicht mehr an den Tod. Und ich hoffe, Sie werden den Schmerz auch überwinden --«

»Ich bitte Sie, jetzt keine Phrasen. Schmerz ist anders. Schmerz -- Schmerz -- das wäre also Schmerz? Das Wort ist eigentlich gar nicht so übel -- Schmerz. Jedenfalls ein verfluchter Zustand. Furcht vor Langeweile hätte ich ihn genannt. Jetzt muß man wieder suchen; ich weiß nicht einmal, wo wohnen; ich hatte doch gehofft, wir könnten hier eine Zeitlang beisammen bleiben --?«

Er hielt inne und blinzelte die beiden an. Sie schwiegen.

»Also nicht? Egoisten!«

»Ach Marguérite!« schrie er plötzlich, und die Leidenschaft überwand seine künstliche Haltung. Das kleine Männchen zitterte am ganzen Leib. »Marguérite, du warst mir eine Gefährtin; du hast mit mir gelacht, wenn ich lachte, du hast meine Launen geduldig ertragen, und warst so sanftmütig und so innig und so verständnisvoll -- -- o pfui, wie ist mir’s jetzt so öde! Äh!«

Er setzte sich, stützte den Kopf auf und kratzte mit der andern Hand im Barte.

Da sah er plötzlich auf.

»Ich kenne eure deutschen Verhältnisse nicht mehr so recht,« hub er an. »Wer von euren Spießbürgern, ich meine die Professorenseelen und Staatsmänner und so weiter, wer ist denn da besonders populär wegen seines makellosen Rufes, humaner Gesinnung, kurz ein recht braver guter Ehrengreis?«

»Ich wüßte im Moment nicht -- warum fragst du?«

»Den müßte man umbringen,« sagte er lächelnd.

Sie sahen ihn erstaunt an.

»Nu ja -- das hätte doch einen ganz eigenen Reiz. Nicht? Die Welt denkt an dies und das, aber auf so was ist kein Mensch gefaßt. Das bringt Bewegung in den Ameisenhaufen, und wenn der Thäter ruhig zusehen könnte -- es müßte ein kurioses Vergnügen sein.«

»Weiteren Zweck würdest du keinen damit verfolgen?«

»Zweck? Mensch, wie weit sind Sie eigentlich in der Kultur zurückgeblieben? Hinter Ihren eigenen Brochüren sind Sie ja zurückgeblieben? Oder ich habe sie nicht recht verstanden. Ich meine, die Hauptsache ist, daß man gar nicht nach Zwecken fragt, sondern blos nach sich selber? Ich habe nun einmal so einen Geist, dem so was Vergnügen macht. Warum sollt’ ich’s nicht thun? Vielleicht thue ich’s auch nicht, vielleicht werde ich hundert Jahre alt und habe das nicht gethan, was mir am meisten entsprochen hätte, aber eine Schande wär’s dann. Jedenfalls!«

»Das alles liegt mir sehr nahe,« sagte Starkblom düster. »Einen Moment war ich vielleicht auch da, aber ich kann nicht, ich kann nicht. Und jetzt schon gar nicht mehr. Ich kann nicht mehr blos verneinen. Ich muß etwas haben, wofür ich mich erwärme. -- Ist das die Stimmung der Anarchisten? Denken Sie eben so?«

»O nein,« fiel Marguérite rasch ein. »Durchaus nicht. Sie wollen etwas. Ihr Treiben hat einen Sinn. Sie sind durchaus nicht ohne Wärme. Durchaus nicht ohne Natur.«

»Also immer noch?« fragte Hans bitter. »Deine alte Liebe? Nun, sie sind nicht ganz ohne, und so sind sie, wie du sie schilderst. Hitzige und unklare Menschen. Ich habe die Verteidigungsrede des einen bei mir, den sie jetzt »hingerichtet« haben. Ihr kennt sie jedenfalls noch nicht. Ich muß sagen -- nun eben, ein Fisch bin ich auch nicht, und die Worte des Mannes haben mich ins Mark hinein erschüttert. Soll ich sie euch vorlesen?«

»Ich bitte darum,« rief Karl lebhaft und gleichzeitig rief Marguérite: »Ja, ja! Ich kenne den Mann nur aus Schilderungen, aber er war ein Mensch!«

»Ja, das war er,« sprach Hans feierlicher, als er selbst es an sich gewohnt war. Dann suchte er in seiner Brusttasche unter allerlei Papieren, bis er ein halb zerfetztes, auf schlechtem Papier gedrucktes Zeitungsblatt hervorholte. Dann las er.

»Wenn ich das Wort ergreife, so geschieht dies nicht, um mich zu verteidigen gegen die Thaten, welcher man mich beschuldigt; denn nur die Gesellschaft allein, welche durch ihre fehlerhafte Organisation die Menschen zum fortwährenden Kampfe des Einen gegen den Anderen zwingt, ist verantwortlich dafür. Sieht man heute nicht in allen Klassen Menschen, welche ihren Mitmenschen, ich sage nicht den Tod, das klingt zu schlecht, aber ein Unglück wünschen, wenn solches ihnen einen persönlichen Vorteil bringen kann? Zum Beispiel: Hegt der Geschäftsmann nicht den Wunsch, sein Konkurrent möchte verschwinden?

Wünscht der Arbeitslose, um Arbeit zu erhalten, nicht, daß der beschäftigte Arbeiter aus irgend einem Grunde entlassen wird? Nun gut; in einer Gesellschaft, wo solche Dinge vorkommen, hat man sich nicht zu verwundern über Thaten wie die, deren man mich beschuldigt.

Da es nun so bestellt ist, so habe ich, wenn der Hunger an mich herantritt, nicht zu zögern, diejenigen Mittel anzuwenden, welche zu meiner Verfügung stehen, selbst auf die Gefahr hin, Opfer zu hinterlassen. Bekümmern sich etwa die Arbeitgeber darum, wenn sie Arbeiter entlassen, ob dieselben vor Hunger sterben? Alle Diejenigen, welche im Überfluß schwelgen, bekümmern sich diese um die Menschen, welchen die notwendigsten Nahrungsmittel fehlen?

Es giebt ja einige Leute, welche Unterstützungen verabfolgen, aber sie sind ohnmächtig, um den Millionen, die im bittersten Elend leben und nicht selten ihrem Leben freiwillig ein Ende machen, zu helfen.

Ja, die Opfer dieser Gesellschaft sind zahllos. So hat die Familie Hayem und die Frau Sonheim gehandelt, welche ihre Kinder ermordete, da sie es nicht länger mit ansehen konnte, wie sie vor Hunger litten und so handeln _alle_ Frauen, welche, in der Furcht, daß sie ihr Kind nicht ernähren könnten, lieber ihre Gesundheit und ihr Leben in Gefahr bringen, indem sie die Frucht der Liebe frühzeitig töten.

Und alles dieses passiert inmitten des Überflusses! In Frankreich, wo alles in Hülle und Fülle vorhanden ist, wo die Metzgerläden mit Fleisch, die Bäckerläden mit Brot überfüllt sind, wo die Kleidungsstücke, Schuhe u.s.w. in unendlichen Massen in den Magazinen aufgethürmt liegen!

Aber da kommen wieder Andere und sagen: »Das Alles ist wahr, aber unabänderlich. Sehe Jeder, wie er durchkomme.«

_Das habe ich gethan._ Ich wollte nicht Hungers sterben und wollte mich nicht mit dem Gedanken beruhigen, daß man mir nach meinem Tode ein paar mitleidsvolle Worte auf’s Grab wirft. Ich überließ das Anderen. Ich habe es vorgezogen, Schmuggler zu werden, dann Falschmünzer, Dieb, Mörder. Ich hätte betteln können; das ist herabwürdigend und feige, und das Betteln wird ja außerdem von Euren Gesetzen bestraft, welche aus dem Elend ein Verbrechen machen! Wenn alle Bedürftigen, anstatt abzuwarten, da nehmen würden, wo etwas ist, und zwar ganz gleich durch welches Mittel, dann würden die Gesättigten vielleicht viel schneller verstehen, daß es Gefahr in sich birgt, die heute bestehenden sozialen Verhältnisse zu verteidigen, in welchen die Ungewißheit permanent und das Leben jeden Moment bedroht ist.

Man würde wahrscheinlich viel eher einsehen, daß die Anarchisten Recht haben, wenn sie sagen, daß, um die moralische und physische Ruhe zu erhalten, es notwendig ist, die _Ursachen_ zu zerstören, welche die Verbrechen und die Verbrecher erziehen.

Deshalb habe ich die Thaten vollbracht, deren man mich beschuldigt, und die nur die logische Konsequenz des barbarischen Zustandes Eurer Gesellschaft sind. Man sagt, daß man grausam sein muß, um seinen Nebenmenschen zu töten; aber diejenigen, die so reden, sehen nicht, daß man sich nur dazu versteht, um nicht selbst den Tod zu erleiden.

Sie, meine Herren Geschworenen, welche aller Wahrscheinlichkeit nach mich zum Tode verurteilen werden, handeln gerade so wie ich; Sie verurteilen mich, weil Sie glauben, daß es eine Notwendigkeit ist. Sie schaudern, wenn Sie von einem Mord hören; aber Sie zögern keinen Augenblick, zu morden, wenn Sie bedenken, daß der Mord zu Ihrer Sicherheit erforderlich ist. Der einzige Unterschied, der zwischen uns besteht, ist der, daß Sie ohne persönliche Gefahr morden, während ich meine Freiheit und mein Leben dabei auf’s Spiel setzte.

Meine Herren! Sie sollten nicht sowohl die Verbrecher verurteilen, als die Ursachen der Verbrecher vertilgen.

Es wird immer Verbrecher geben; heute vertilgen Sie einen, morgen werden zehn neue geboren. Was ist da zu machen? Das Elend abzuschaffen, diesen Keim des Verbrechens. Und wie leicht ist das zu realisieren! Es genügt, die Gesellschaft auf einer neuen Basis aufzubauen, wo Alles Gemeingut ist, und worin Jeder, indem er nach seinen Anlagen und Kräften produziert, nach seinen Bedürfnissen konsumiert.

Dann würde man weder Leute antreffen, wie der Einsiedler von »Notre-Dame-de-Grace«, noch solche, welche betteln gehen um eine Münze, dessen Sklave und Opfer sie gleichzeitig werden! Man würde keine Frauen mehr finden, welche ihre Körper verkaufen und keine Männer mehr wie Pranzini, Prado, Berland, Anastay und Andere, welche um dieser Münze willen Mörder geworden sind! Das beweist sonnenklar, daß die Ursache aller Verbrechen immer die nämliche ist und daß man wirklich wahnsinnig sein muß, dieses nicht einzusehen.

Ich bin nur ein einfacher Arbeiter ohne Bildung; aber weil ich das Leben und die Existenz des Elends miterlebt, fühle ich die Ungerechtigkeit Eurer repressiven Gesetze weit besser, als ein reicher Bourgeois.

Woher nehmen Sie sich das Recht, einen Mann zu töten oder einzusperren, welcher, auf die Welt gesetzt mit dem Bedürfnis, zu leben, sich in die Notwendigkeit versetzt sah, zu nehmen, was ihm fehlte, um sich zu ernähren?

Ich habe gearbeitet, um zu leben und um den Meinigen zum Leben zu geben, und so lange, wie ich und die Meinigen nicht über das Maß gelitten haben, bin ich geblieben, was Sie »ehrlich« nennen. Dann ging die Arbeit aus und mit der Arbeitslosigkeit kam der Hunger. Da erst hat sich das Naturgesetz geltend gemacht, diese imperative Stimme, welche keine Replik duldet; der Instinkt der Selbsterhaltung trieb mich dazu, etliche von den Verbrechen zu begehen, deren Sie mich anklagen und deren ich mich schuldig bekenne.

Richten Sie mich, meine Herren Geschworenen; wenn Sie mich aber verstanden haben, indem Sie mich verurteilen, richten Sie alle Unglücklichen, welche das Elend, alliirt mit dem natürlichen Stolze, zu Verbrechern machte und welche mit einem glücklichen Auskommen ehrliche Leute geblieben wären! Ich wünsche, daß Sie, die Sie mich zum Tode verurteilen werden, daß Andenken an diesen Spruch so leicht tragen möchten, wie ich meinen Kopf unter das Messer der Guillotine legen werde!«