Part 11
Eine Weile waren alle drei stumm. Hans nagte an seiner Unterlippe, Karl blickte mit weiten Augen ins Leere. Marguérite weinte, und sie war die erste, die wieder sprach. Sie trat auf Hans zu und streckte ihm die Hand hin. Dazu sagte sie voll warmen Gefühls nur das eine Wort:
»Hans!«
Er berührte flüchtig ihre Hand und ließ sie gleich wieder los.
»Na ja. Was hilft mir das?« Er deutete auf Karl. »Da sieh deinen« --
»Hans!«
»Was denn? Jetzt wollte ich wahrhaftig ganz brav sein. Sieh nur deinen Mann! Wohin schaust du denn, Karl?«
»Ich kann nicht anders,« rief Karl Starkblom mit einem Mal laut. »Ich liebe diese Menschen. Ich komme nicht los davon.«
»Wovon denn?«
»Vom Sozialismus. Ich glaube daran.«
»Hm. Nicht übel. Ich vielleicht auch. Ich weiß es wirklich selbst nicht. Ist auch egal. Wir erleben’s nicht.«
Karl schaute wieder. Marguérite und Hans ließen ihn gewähren und schwiegen.
»Marguérite, rasch,« rief Karl plötzlich ängstlich. »Papier, Tinte! Rasch. Ich könnte es vergessen.«
Und er lief im Zimmer hin und her. Marguérite holte das Nötige und Karl schrieb stehend rasch ein paar Zeilen.
»Ich habe noch etwas zu sagen,« sprach er dann, »ich habe noch etwas auf dem Herzen. Ich will wieder reden zu den Menschen!«
»Was hast du vor?« fragte Marguérite. »Wieder ein Heft?«
»Ja. Lies den Zettel nur. Du ahnst vielleicht, was mir vorschwebt.«
»Bitte, Marguérite, lies vor. Ich darf doch?« fragte Hans.
»Gewiß, gewiß.«
Nun entzifferte Marguérite langsam das hastig Geschriebene.
»_Utopien_, das wäre vielleicht eine Aufgabe, der ich gewachsen wäre, Utopien zu schreiben. Ausbau von allem, wozu jetzt die Ansätze da sind. Psychologie, Technik, Kunst, Stadt und Land, Verkehr, Geselligkeit, Familie, Natur. Kurz: alles sagen.«
»Das gefällt mir,« meinte Marguérite. »Das kannst du.«
»Ihr seid glücklich, meine Herrschaften,« sagte Hans plötzlich aufstehend. »Und ich werde mich später vielleicht über euer Glück freuen, und wenn der Onkel Hans an eurem Feuer sitzt und euer Kind auf seinem Schenkel reiten läßt, dann sagt er wohl schmunzelnd: »Kinder, das verdankt ihr alles mir. Ich habe euch zusammengekuppelt.« Vorerst sind wir aber noch nicht so weit und ich gehe jetzt. Adieu, Bruder -- viel Glück -- nein, ich mein’s wirklich ernsthaft, ich kann mir nicht helfen. Aber gehen muß ich jetzt schleunigst. Wegen des Hotels, es wird sonst zu spät. Also --«
»Adieu, lieber Hans, ich hoffe bestimmt, wir sehen uns später wieder. Und wenn du einmal --«
»Ganz richtig, wenn ich Geld brauche, schreibe ich.«
»Hoffentlich. Ich bitte dich, aber auch ohne das zu schreiben.«
»Auch das halte ich für sehr wahrscheinlich. Manchmal eine Zeile, manchmal ein halbes Buch. Wie’s kommt. Nun denn --«
»Lieber Hans, leb wohl,« sagte Marguérite leise und schickte sich an sich zu ihm zu beugen. Hans aber trat einen Schritt zurück und blitzte sie mit seinen kleinen Äuglein scharf an. Dann sprach er mit leicht bebender Stimme:
»Nein, Marguérite, was du zum Empfang verfehlt, machst du zum Abschied nicht wieder gut. Jetzt will ich keinen. Mitleidsküsse schmecken nicht. Ich erinnere mich noch zu gut -- weißt du. Also, na denn, adieu!«
Er schüttelte ihr die Hand, nickte Karl nochmals leicht zu, dann nahm er seinen Hut und ging rasch zur Thüre hinaus. Man hörte noch, wie er im Gang und auf der Treppe die Marseillaise zu trällern anfing und plötzlich mit einem Fluch abbrach. Dann reichten sich Karl und Marguérite die Hände und schauten sich verlegen lächelnd an.
Endlich sagte Marguérite leise:
»Hätten wir nicht doch lieber -- Nein, es geht nicht. -- Liebst du die Einsamkeit?«
»Ob ich die Einsamkeit liebe?« brach Karl mit starker Stimme aus. »Ich _hasse_ sie. Aber ich brauche sie. Hier sitzen und Bücher lesen und schreiben und schreiben und schreiben und dann sich mit dem Drucker herumzanken, Korrekturen lesen -- glaubst du wirklich, das sei das Leben, das mir innen in meiner Seele vorschwebte, als ich wieder anfing ein Mensch zu sein und mir zu gehören? Nein, nein, das Bild werd’ ich nicht los, das ich als Knabe vor dem Einschlafen schon immer sah: Ein mächtig zusammengedrängter Volkskörper, der nach vorwärts schießt, und ich mitten drin und doch über ihm als Redner und Sänger und Prophet und Führer. Ach, was ist das für eine jämmerliche Krämerzeit, in die wir hineingefallen sind, wir wissen wahrhaftig nicht, warum. Auch jetzt, wenn ich schreibe, wo ich reden und singen und jubilieren möchte -- aber auch jetzt -- ich wende mich immer an Menschen, die ich nicht sehe, ich ahne, zerstreut in der Welt, hier und da, müßten sie sein, die mich hören -- aber ich kenne sie nicht, ich habe sie nie gesehen. Was ich sehe von den Menschen und ihren Einrichtungen und ihrem Gebahren -- das glaubt kein Mensch, wie mich das anekelt. Weißt du, ich habe oft das Gefühl, ich müsse mich krümmen und winden können vor Widerwillen, daß mir das Innerste nach außen gekehrt würde. Aber ich _will_ nur -- die Kraft habe ich nicht.«
Er schwieg ein wenig, dann fuhr er mit leiserer Stimme fort, indem er ihre Hand faßte.
»Jetzt ahnst du vielleicht, Marguérite, _was_ du mir bist. Seit ich lebe, der erste Mensch, vor dem mir nie geekelt hat; was du auch begannst und was wir auch zusammen thaten, es war mir immer natürlich und immer schön und ich glaube, so wird es bleiben. Aber weißt du, was das heißt und was du mir bist? Das einzige Wesen, mit dem ich leben kann, das ich mir gleich fühle. Ach, ich bin nicht mehr jung genug für die Einsamkeit. Ich möchte einen Kreis von Menschen um mich haben -- ach, ich bin ja so bescheiden geworden -- an Millionen und Abermillionen leuchtender Menschengesichter will ich ja nicht mehr denken, ich verzichte auf die Tausende, daß ich hundert finde, ich kann’s nicht glauben, aber zwanzig Menschen vielleicht, die mir anstehn, die möchte ich manchmal um mich haben, zwanzig Menschen, mit denen ich oft zusammen bin, die ich gern haben kann, die aus aller Herren Länder sich um mich finden zu persönlichem Verkehr -- zwanzig Menschen, in deren Umgebung sich meine Lippen nicht bös im Ekel verzerren müssen -- ist das zu viel verlangt, Marguérite?«
Sie drückte seine Hände stärker.
»Vielleicht finden wir sie, Karl. Einen so nach dem andern. Hans?«
»Du nimmst mir das Wort aus dem Munde. Ich dachte eben an ihn. Ich glaube, ich habe ihn recht verstanden, und ich meine, ihn müßte ich immer gern haben können. Vielleicht kommt er später wieder. Vielleicht. Daß er jetzt ging, ist doch gut. Nicht, Marguérite? Fürs erste brauchen wir ihn wirklich noch nicht.«
Dabei lächelte er.
»Es war ein langer Tag heute, Karl. Willst du noch nicht zur Ruhe gehen?«
»Geh nur voran einstweilen, Marguérite. Aber öffne vorher die Fenster, beide. Dann will ich noch ein wenig hier allein bleiben und vielleicht fange ich schon an mit der Arbeit. Und wenn der Fluß unten rauscht und die Nachtluft auf breiten Wogen hereinströmt und der Wald der tausend Bäume harmonisch ertönt, will ich davon träumen, ich spräche zu meinem Menschenvolk und es antworte mir feierlich in brausendem Zuruf, und die Natur habe ihre Sinne geöffnet und sei eins mit uns Menschen. Ich danke dir, Marguérite. Einstweilen gute Nacht.«
Marguérite ging leise aus dem Zimmer, und Karl Starkblom stellte sich ans offene Fenster und schaute lange ins Dunkle und auf die winzigen in der Ferne zuckenden Lichter und hielt in Träume verloren seine Hand hinaus ins Freie.
❦
Sechster Abschnitt.
=Utopien=
von
Karl Starkblom.
Meiner lieben Frau und dem kommenden Kinde gewidmet.
Ich erkläre es feierlich und wie ich hoffe vor Zeugen:
Ich habe mich nicht erschossen noch sonst irgendwie ums Leben gebracht. Und ich werde mich nicht erschießen oder sonst mir den Tod bereiten, solange ich noch Lebenskraft in mir fühle, Lust zu wirken und zu genießen.
Eine Frau ist zu mir getreten früh morgens im Sonnenschein. Sie hat im weiten Kreis den Arm bewegt und hat mir die tauglitzernde Welt erschlossen. Sie hat mir gesagt, es sei etwas herrlich schönes ums Leben und im Nu habe ich dasselbe empfunden. Ich liebe das Leben und ich liebe dich, Marguérite. Und sie wird mir ein Kind gebären und wir werden beisammen bleiben. Wir werden gewiß noch lange nicht sterben.
Meint ihr, ich sei auf eure Weide heimgekehrt, ihr grasenden Bürgerseelen? Frohlockt ihr über das verirrte Schaf, das spät in der Nacht doch noch den Weg zum Stalle gefunden und nun mit freudigem Meckern zu seiner Krippe springt?
Fürwahr, ich will eure Schafställe und Heuschober euch anzünden, daß die Funken sprühen und ein loderndes Feuerwerk gen Himmel prasselt. Ihr Erbärmlichen, was wagt ihr zu leben neben uns wenigen, die das Leben in Schmerzen begriffen haben? Euer Dahinkriechen, wäre das der vielberufene aufrechte Gang? Eure kleinen Freudlein, wäre das der Jubelbraus des Daseins? Glaubt ihr, eure Zahnschmerzen (denn das sind doch die heftigsten eurer Kümmernisse), die machten euch das Leben verständlich? Ihr saftlosen Lauwarmen, ihr wißt ja nichts von der Kälte der Todesnähe und von der siedenden Glut des neu schießenden Lebens. Geht mir weg! Geht weit weg. Bleibt hinten, denn ich will vorwärts blicken und heiter jauchzen und lachen.
Ich würde mich dennoch erschießen und qualvoll verzerrten Gesichtes dies schöne, ja dies schöne Leben lassen. Es würde mich nicht dulden auf Erden. Nicht eine Stunde mehr. Ja auch jetzt ersticke ich schier und werde zerrissen von dieser entsetzlichen Qual und Schmach. Ich würde mich töten, wenn ich meinen Glauben nicht hätte.
Euch also will ich fragen und mit meinen Blicken bohrend anstieren, ihr Skeptiker und ihr Unmoralischen, die ihr mit mir geht auf einsamer Höhe so manchen Weg und so manche Verneinung: Wie könnt ihr leben? Wie ertragt ihr es, trotz eurer Fähigkeit schön zu genießen, nicht längst von eigener Hand gestorben zu sein? Und ich frage euch, so ungern und zögernd ich euren Namen in den Mund nehme: ich frage euch, ihr _Christen_, wie ertragt ihr es, da zu sein in Freude und Wohlleben? Ihr einen habt gar keinen Glauben, und ihr andern habt keinen irdischen Glauben -- ich frage euch und ich beschwöre euch: antwortet mir und sei es nur stammelnd: ihr wißt, worauf euer Leben und eure Behaglichkeit ruht, euch ist bekannt, daß Millionen armselig vegetierender Sklaven für euch arbeiten und euch ermöglichen, so da zu sein wie ihr da seid -- wie könnt ihr das Leben ertragen? Ihr Skeptiker, ihr seid keine Löwen, lüget nicht, ihr seid nicht Unmensch noch Übermensch, ihr glaubt nicht, daß das zu ändern sei, ihr meint ehrlich zu wissen, daß das Elend und die Erbärmlichkeit unausrottbar ist und ihr schämt euch nicht, daß ihr lebt? Ihr schämt euch nicht eurer Freuden und des hohen Genusses eurer Geistesschmerzen? Ihr ertragt es zu leben? Das frage ich wieder und immer. Und ihr -- ihr -- nun, sei es denn nochmals gesagt, ihr _Christen_, ihr tragt blendend weiße glänzende Wäsche an eurem Leib, die ihr nicht verfertigt und ihr nicht gewaschen, ihr klimpert in der Tasche mit güldnen Dukaten, ich sage nicht, die ihr nicht verdient, ich sage nur, die andern mangeln, ihr seht Not und Elend in millionenfacher Masse aufgetürmt, ihr seht Schmutz und Unrat, durch den ihr nicht waten müßt, ihr seht Schweiß auf Stirnen, den ihr nicht schwitzet und ihr nicht einmal abwischen könnt, und euch duldet es so zu leben wie ihr lebet? Wahrlich wäre ich Christ und glaubte an das Himmelreich und glaubte, daß Not und Kummer unabwendbar von Gott gefügt sei in diesem Jammerthal -- ich wollte mein redlich gewogenes Teil Not und über und über gehäuften Kummer, ich wollte Sklave sein und mich abrackern und stöhnen und hungern und wäre ich unter den Ärmsten, so wollte ich immer noch tiefer, tiefer hinab zu den Elendesten und Jammervollsten. Ihr aber seid Herren und ihr könnt es? Ihr eßt Braten und Kuchen und ihr erstickt nicht? Ihr seid sauber und andrer Schmutz frißt sich nicht tief in euer Fleisch? Ihr habt einen Pfennig mehr als der letzte Knecht und er brennt euch die Seele nicht ab? Ihr lebt? ihr genießt? und andre sterben vor Not? Ihr atmet leicht und tief in eurer Sommerfrische und andre quält die lungenfressende Sucht in dumpfem Kellergelaß? Das vermögt ihr? Ihr ertragt es zu leben? Jetzt, Sprache, das Wort! Das rechte Wort. Ich finde es nicht. Ich ringe und suche -- o ihr Schufte! Ihr Jammerseelen! Ihr -- ihr, ihr Lumpe! Ihr -- ihr Gesindel!
Und damit speie ich euch weit von mir, ihr Namenlosen; seit urlanger Zeit zum ersten Mal habe ich nicht über euch weggesehen; jetzt aber seid ihr mir wieder tot. Tot? Nein. Ich atme das Wort schnell wieder in mich zurück. Der Tod ist zu gut, um euch verdauen zu können. Das Auge sieht euch nicht und kein Ohr vermag euch zu hören; Menschenzunge und Gaumen weigert sich euch zu schmecken. Unfaßbar seid ihr und nicht zu begreifen; aber ein Gestank herrscht überall; nicht auf der Erde, nicht im Wasser noch in der Luft; im Feuer lebt ihr so wenig wie Feuer in euch. Ein namenloser, wesenloser Gestank -- das seid ihr mir.
In recht schlechte Gesellschaft habe ich euch gebracht, meine geliebten Skeptiker und Unmoralischen. Aber solltet ihr es nicht etwas um sie verdienen? Gewiß, auch ihr seid mir ein wenig anrüchig. Denn ihr lebet und thätet besser zu sterben. Und das sage ich euch in Liebe und aus Erbarmen. Nervöse Schwächlinge seid ihr und wollt doch auf eure Schultern laden, was Tyrannen und Riesen aus eherner Vorzeit und wilder Renaissance nicht vermocht hätten. Ihr seid nicht blind, aber ihr könnt es nicht sehen. Ihr seid nicht taub, aber ihr könnt nicht davon hören. Von der unteren Schichte nämlich. Ihr glaubt sie ewig und unabweisbar -- aber man soll euch in Ruhe lassen. Wie reimt sich das? Sie pocht an eure Thore und läßt sich nicht abweisen. Und wenn die untere Welt, wie ihr sagt, nicht gehoben werden könnte, dann würde doch die obere zerstört werden müssen. Ihr würdet wahnsinnig werden, nicht Einzelne, nein, ihr Alle würdet dem Irrsinn verfallen, bis ihr doch endlich euch zum Sterben entschlösset, verrückt machen würde euch das ewige immer verstärkte Klopfen und Scharren und Schreien und Tosen. Meint ihr, das könnte je wieder enden? Der Glaube wäre kindisch. Wer nicht mehr an den Vater im Himmel und ans ewige Leben und die gerechte Vergeltung glaubt _und doch elend ist wie er nicht sein möchte_, der hört nicht auf mehr zu rebellieren und müßte die Erde darüber in Trümmer fahren. Wer nicht an das Jenseits glaubt und nicht im Fette sitzt -- und die werden bald alle nicht mehr daran glauben -- der glaubt an die Erde und an die lebendige Freude und an die werdende Schönheit. Das bleibt und kommt immer wieder und klopft und zertrümmert -- bis die Stätte zurecht gehauen ist, wo alle im Geiste zu leben vermögen -- weil nämlich der Körper und sein Leben und seine Pflege selbstverständlich geworden ist.
Und jetzt, meine skeptischen Freunde, jetzt habe ich euch, wo ich euch wollte. Schon lange sehe ich auf euren Lippen das sichere Lächeln eines trefflichen Einwandes. Erhebet eure Stimmen, nur zu! Was wollt ihr mir entgegenschleudern?
Aha -- allerdings, das, gerade das habe ich erwartet. Ihr sagt mir, ich sei wieder zurückgegangen, ein roter Krebs sei ich wieder geworden und die _Utopie_, die ich eben gezeichnet, die habe ich früher schon in prächtigen Farben gemalt und doch wieder weggewischt mit dem Schwamm des Todes. Dies Reich der Freiheit, der graziösen Leichtigkeit der Bewegung, dies Reich der Schönheit und des trunkenen Fluges -- das sei das Reich der Philosophie; in jener Welt, die freilich möglich sei, müsse die grinsende Frage herrschen: _wozu das Ganze und nochmals wozu?_ und keine Antwort gebe es, ewig keine. Und der Massentod der Menschheit sei es, der nun kommen müsse, kommen mit Naturnotwendigkeit.
Jawohl, das habe ich gekündet; ihr habt es gut behalten. Und nun, da ihr da seid, wo ich euch wollte, nochmals frage ich euch: warum lebet ihr? warum sterbt ihr nicht? Ihr glaubt nicht an das Reich der Schönheit und der Freiheit aller Geborenen, ihr fühlt euch nicht eins mit dem Streben der Knechte diesem Ziele entgegen, wie wagt ihr zu leben? Was? Ihr habt auch eure Marguérite und auch noch euren Genuß? Ihr Sklavenhalter, dann sollen sie euch auspeitschen, die auch genießen möchten und es nicht können. Oder glaubt ihr nicht, es sei dem Sklaven auch ein Genuß, seinen Herrn und Vorenthalter zu prügeln?
Ich will euch sagen, was mir das Recht giebt, so zu euch zu reden und so von der Höhe auf euch herabzusehen. Ich bin eine glitzernde Welle im Strom und tummle mich froh dem Meere entgegen; ihr aber seid nur ein unwillig mitgerissenes Stück faulenden Holzes, das sich nach dem sandigen Ufer sehnt, um da in der Sonne zu trocknen und zu verdorren. Ich liebe nicht nur mich selbst und mein Spielzeug -- »Weib« heißt die glänzendste eurer Vergnügungen -- ich rausche mit im grünenden Wald, und meine Genossin ist kein zart mich umrankender Epheu, der langsam aber sicher mit seiner Umkosung die stärkste Eiche ins Mark hinein verdirbt, ich und sie, Baum neben Baum, recken uns stolz in die Höhe und unsere Wipfel neigen sich bald zart, bald feierlich zu einander und flüstern und küssen und reden und träumen. Ich habe gelernt Mensch zu sein und die Menschheit wieder zu lieben; ich stehe mitten drin und mache mit -- vorwärts geht es und immer vorwärts. Ich glaube ans Ziel, ich glaube an den Ernst und an die Schönheit, ich fühle mich eins mit den Knechten und fühle mich eins mit dem All! Ich lebe! Ich habe das Recht zu leben.
Das könne jeder sagen, schmunzelt ihr mir zu mit widerlicher Vertraulichkeit. Das sei eine Ausrede. Mir gehe es wie jenen Namenlosen, die auch den Armen an Leib und Geist das Himmelreich versprächen und selber mit dem Diesseits und dem irdischen Genuß sich vergnügten. Himmelreich oder Zukunft, das sei ein und dasselbe. Auch das habe ein gewisser Starkblom früher mit allen Glocken verkündet. Dem Genuß und der Freude entsagen gleich dem Elendesten müsse ich, wenn ich ehrlich sei, alles der Gesamtheit zu opfern sei meine Pflicht. Alles oder nichts -- so heiße es hier.
Jawohl -- viel _Wahrheit_ steckt in eurem Hohne. Das ist es auch und das allein, was unser Lächeln verbittert und uns einhüllt in das graue beklemmende Gewand der Melancholie. Unser Leben _ist_ widerspruchsvoll, jawohl, ein untrennbares Gemisch aus Festklammern an süßer Gegenwart und Hinaussehnen nach herrlicher Zukunft. Seit das Leben nichts anderes mehr ist als Erdenwandel und Welt der Sinne, giebt es keine ruhige Konsequenz mehr in unserm Dasein. Das ist und bleibt das erste und das vorderste und das tiefste: ich bin ich und ich lebe und will mein Glück! Hineingeflochten in das wirre Gewebe und Gestrebe unruhiger, qualvoller, drängender, stoßender Zeit hauen wir um uns, um unsern Platz zu erringen, wir können nicht anders. Ich bin ich! Jetzt lebe ich und niemals in Ewigkeit wieder. Ich habe meine Stätte und ich will sie behalten.
Ich aber kann so nur leben, wenn ich mich leidenschaftlich schäme, daß ich so leben muß. Ich stehe nur auf diesem Boden, wenn ich gleichzeitig rastlos daran arbeite, ihn zu erschüttern und abzugraben. Ich kann nur genießen, indem ich glaube, daß die Traube bald allen winkt. Ich kann nur andre für mich arbeiten lassen, indem ich mitarbeite aus all meiner Kraft für die kommende Zeit, wo es keine Herren und Knechte mehr giebt.
O wenn ihr diese Widersprüche und ihre Notwendigkeit nicht versteht, dann gehet weg von mir und weg aus dieser Zeit und weg aus diesem Leben. Leicht ist es, die tausendfarbige, vieltönende Welt der Erscheinung mit flüchtigem rohem Drucke in eine Formel zu pressen. Leicht ist es, die Welt, wie sie heute ist, für ewig auszuschreien. Und leicht war es, ich gestehe es ein, diese Welt der Vernichtung preiszugeben und den Tod zu predigen allem was lebt. Jetzt aber predige ich Leben, Leben für heut und alle Ewigkeit. Solange ich lebe, fühle ich mich eins mit allem was lebt. Solange ich da bin, sehe und denke ich als Mensch für die Menschen.
Klar will ich nicht sein, meine Freunde. Aber ich ahne vieles und ich sehe Ahnende sich um mich versammeln und mit mir ziehen auf meinem Wege. Ich bin nicht zurückgewandelt zu den Moralischen und werde es nie. Vieles hasse ich und verneine ich mit euch wie früher und immer; eingeschworen bin ich auf keine Formel und keine Partei; aber Mensch bin ich unter Menschen, solange ich lebe; wirken will ich in Raum und Zeit für das Wachsen der Menschen und das Blühen der Erde; vieles verneine ich, aber ich bejahe mit frohem Jauchzen das Leben. Denn abgesagt habe ich dem ewigen Denken und damit dem Tod; ich träume und tummle mich, ich genieße meinen Leib und meine Seele, ich genieße meine Nächsten und genieße mein Ahnen des Entferntesten. Ich fühle meine Kraft und spüre das leidenschaftliche Hinausschleudern meiner Triebe und all meines Innern.
Alles Einzelne hat mir gedroht in grauer Nichtigkeit zu versinken: die Natur und das Treiben der Menschen, die Technik und die Produktion der Bedürfnisse, die Wissenschaft und die Kunst. Und jetzt ist mir alles wieder interessant. Meine Augen sind nicht mehr beschattet von dumpfer Betrübnis, ich öffne sie weit und beschaue mir ernsthaft die Welt. Mein Denken ergießt sich wieder über die Erde, ich träume hinein in unmeßbare und unaussprechliche Fernen, alles will ich wieder bewältigen und alles mit meiner Sprache beherrschen. Frei und unbekümmert nehme ich Stellung zu allem, was sich mir naht und ich lege mein Bekenntnis ab über alles, was mir bekannt wird.
Und das ist es, was ich von euch verlange, ihr Führer der Völker: _Ihr sollt bekennen!_
Und ein zweites ist es, was ich von euch verlange, und seltsam nimmt sie sich vielleicht aus in _meinem_ Munde, diese Forderung: _Ihr sollt nüchtern sein!_
Damit meine ich euch vor allem, ihr Träumer und Dichter und Künstler und ihr Männer der Wissenschaften.
Fasset in euer Auge mit einem weiten Blick das Panorama der Kultur, das sich eröffnet mit den Namen: Voltaire, Kant, Goethe, Byron, Schopenhauer.
Und dann blickt mir auf das zweite Bild: Dampfmaschinen, Dampfschiffe und Eisenbahnen, Elektrizität und rationelle Landwirtschaft.
Welcher Umschwung in der _geistigen Kultur_ entspricht dieser riesenhaften Veränderung im Verkehr und in der Herstellung der Bedürfnisse des Lebens und des Genusses? Und welcher sollte ihr entsprechen? Und welcher wird ihr entsprechen?
Sehet das zweite Bild, wie ich es euch male:
Geistesrohheit des emporgekommenen Philistertums, geistlose, ekelhafte Genußsucht, barbarische Kampfbereitschaft der Völker gegen einander, ungeheure neue Heere geistig und leiblich aufs entsetzlichste vernachlässigter moderner Sklaven, gewaltiger Aufschwung der Feigheit und Heuchelei und des Aberglaubens, dem Wahnsinn nahe Vereinsamung fortgeschrittener Künstler und Denker. Ächtung der freien Moral, des freien Gedankens, des freien Wortes -- des freien Lebens. Ekelhaftes, sinnezerstörendes Gesamtbild aus der Vogelperspektive!
Ihr sollt bekennen, ihr Dichter und Führenden, die Hand sollt ihr in die Lüfte recken zum Fluch über dies gemeine Geschlecht, die Geißel sollt ihr schwingen über die Rücken dieser Böotier!
Und nüchtern sollt ihr sein, ihr Träumer und Denker, nicht fürder auf romantischem Roß zu blauen Wolken emporsprengen, die Welt sollt ihr schauen so wie sie ist, gewahren sollt ihr die Wirklichkeit und in ihr erblicken, was möglich ist und was werden muß.
Und euren Willen sollt ihr mir wecken und satteln, anspornen sollt ihr ihn und kühn hineinreiten in das Land der Zukunft. Begraben sei immerhin der Pegasus mit seinen angeschnallten Gänseflügeln, wenn nur das Dampfroß für euch lebendig wird und der Dampfpflug Europas Boden schüttert für fruchtbaren Samen. Glück sollt ihr säen für kommende Menschen, und schaffende Hoffnung auf endlich und endlich reifende goldene Saat ist die Freude des Säemanns.