Part 12
Ich glaube nicht an ewige Wahrheiten und ich sehe vorerst noch nichts davon, daß die Menschenvernunft mächtiger ist als die im Zufall rollenden Welten. Sonne, Mond und Sterne gehn heute wie immer und morgen wie heute ihren lachenden Gang, ohne nach uns zu fragen, und winzige Tierchen und Pflänzchen bauen ihre Geschlechter auf unzählige Menschenleichen. Und stets noch beginnt die Welt mit jedem Kinde von neuem, und über dem Wechsel der Generationen wie dem Lauf der Gestirne waltet der Zufall. Noch lange wird alles Bedenken über den Haufen gerannt von ungezügelter treibender Leidenschaft, und die unsinnige Summe vieler kleiner Selbständigkeiten nennt sich Geschichte. Noch unendliche Zeit wird der schwerste Kampf aller Kämpfe währen: der Streit zwischen Geistesfreude und Geistesweh, und oft noch möchten wir vernünftig sein und können es nicht, möchten wir gedankenlos fließen und müssen bedächtig schreiten.
Aber wer will leugnen, daß sie noch nicht tot ist, die Göttin der Vernunft, sondern erst beginnt sich zu dehnen und auf sich selbst zu besinnen? Daß des achtzehnten Jahrhunderts Ausgang immer wieder erwacht und alle Jahrhunderte zwingt in seinen Bahnen zu wandeln? Daß der Zufall auf allen Gebieten, wo er sich nur betreten läßt, zäh bekämpft wird auf Schritt und Tritt? Daß vor allem die Organisation der Arbeit schon an der Schwelle der Erfüllung steht, die nur von freien Lebendigen überschritten werden kann? Daß eine Organisation der Geselligkeit auf eisernen Schienen uns näher und näher gleitet, die gewaltige Menschenkomplexe zu einer Familie macht? Daß Wissenschaft und Kunst mit einer Erziehung schwanger gehn, die Untergang schwemmt über jahrtausendalten Aberglauben? Es giebt Revolutionen, die man zu machen aus Versehen vergessen hat; wer glaubt nicht, daß die nahende Revolution eine gründliche sein kann, daß ihr Strom jahrtausendalten Unrat mit sich fortspült? O ihr, die ihr an die allmähliche Entwicklung glaubt, vieles und Gewaltiges hat sich schon lange langsam angebahnt, und die Stufen, die ihr wähnt, erst noch betreten zu müssen, sind längst schon hinter uns, ohne daß ihr es gemerkt. Was thut es, daß ihr dann auf einmal in der Versenkung verschwunden seid; wenn wir nur oben stehn!
Wem viele Dinge selbstverständlich sind, der folge mir nach. Das Wort, das ich einst gesprochen, ich wiederhole es heute. Den Sozialismus aber habe ich immer für möglich gehalten und seine Erfüllung für selbstverständlich. Aber ich habe ihn unsagbar gefürchtet, weil mir das Leben ein Greuel war und weil ich sah, daß mit seiner Ankunft das Innerste des Lebens nackt vor uns daliegen müsse. Und ich habe auch jetzt nichts gegen den Tod; auch jetzt noch zu Zeiten naht mir die Stimmung, wo meine Seele helle Lieder jauchzt ihm zum Lob und Preis. Tröstlich und ein erquickendes Labsal ist die Erinnerung, daß ich frei sterben kann, wann immer es mir so gefällt. Verdorren möge mir Hirn und Zunge, wenn den Tod ich jemals verläumde!
Aber verheimlichen wir es uns doch nicht länger; unsre lächelnden Augen verraten es ja doch: wir haben _alle_ das Leben unsagbar gern! Und wir machen uns _alle_ ein Bild von der Welt nach unserm Willen, und wir wollen alle wirken, um die Erde umzugestalten nach unserm Herzen. Wenn wir denn alle eine heimliche Geliebte haben, laßt uns doch kämpfen, um sie zu erringen! Wenn wir doch alle den Todesgedanken in all seiner Hoheit erfaßt haben, lassen wir sie doch fallen, die kleinliche faltenreiche Gewandung ewiger Rücksichten und unsterblichen Philistertums. Das Wort ist so alt und will doch immer wieder gesprochen sein: Da wir doch alle nur _einmal_ leben und nach unserm Tod für menschliche Welt und menschlichen Geist nicht mehr vorhanden sind, sei doch ein jeder unter uns so groß und so frei, so wohlgemut und so leichtsinnig, so ernst und so kühn, als ihm in seiner Seele zuinnerst beschieden ist!
Kennt ihr die Geschichte von der heimlichen Geliebten des Jünglings? Er war zaghaft und wagte nicht sich ihr zu nähern. Und er machte lange Jahre Reisen in fremden Ländern, um sie zu vergessen. Das aber war ihm nicht beschieden, und im stillen war seine Sehnsucht übermächtig gewachsen und mit eins erhob sich wieder in ihm ihr Bild und wich nicht mehr von ihm und drückte in seinem Herzen, daß es laut aufschrie. Da kehrte er zurück nach seiner Heimat. Wie er sie aber wieder vor sich sah in ihrer leuchtenden Schönheit, mit der hohen Anmut ihrer Gestalt und ihrer Bewegungen, die viel wunderbarer war in ihrer farbigen Wirklichkeit, als ihm die blasse Erinnerung gezeichnet hatte, da preßte er voll scheuer Angst vor der spröden Schönen seine Seele zusammen und machte sein Herz klein. Aber als die Sehnsucht seines Blutes nicht mehr zu bezwingen war, da schlich er sich in einer mondlosen dunkelblauen Nacht in ihr Schlafgemach. Lange betrachtete er da die feinen Züge der Schlafenden und blickte halb betäubt auf das wogende Schwellen der Brüste. Da konnte der keusche Jüngling sich nicht mehr bezwingen, und leise, leise, ganz langsam, daß das Betttuch nicht knisterte und sie nicht erwachte, legte er sich neben das schlafende Mädchen und er preßte die gekreuzten Hände wider seine Brust und das Blut schlug ihm donnernd an seine Pulse und Blitze sprühten vor seinen Augen. Und sein Atem ward immer kürzer und stoßender, und seine Haut brannte wie Feuer und wollte es nicht leiden, daß ein Raum war zwischen ihm und dem kühlen rosigen Leib des Mädchens. Da konnte er nicht mehr, er preßte seine Lippen fest zusammen und hielt seinen Atem an. Und nachdem er einige Zeit nicht mehr geatmet hatte, öffneten sich seine Lippen langsam und die Hände fielen ihm schlaff von der Brust und sein Blut hämmerte nicht mehr und sein Fleisch war nicht mehr heiß. Und als die heimliche Freiheit morgens erwachte, da lag der zage Jüngling, der sie hätte erringen können, tot und kalt neben ihr auf ihrem Lager.
Auf denn, meine Gefährten, es ist nicht wahr, was man euch in fremden Ländern versichert hat, die Freiheit sei tot und sei nur noch ein verblichenes Wort, es ist nicht wahr, sie lebt immer wieder und verkörpert sich jedem in einer besondern Schönheit. Laßt uns denn endlich heimkehren in ihre Lande und um sie werben und todesmutig, daß heißt lebensfreudig für sie kämpfen!
Seht nun das dritte Bild, daß ich euch male!
Ein Festtag. Verlassen steht heute die riesige Produktionscentrale mit ihren ungeheuren Anlagen, in der die Knaben und Mädchen, die Männer und Frauen der weiten Gegend sonst ihre Vormittage verbringen. Früh morgens schon verließen die Menschen heute ihre Villenkolonieen, um in kleinen Gruppen auf ihren Dampfwagen und elektrischen Kutschen unter Gesang und Musik nach den weiten Versammlungsstätten zu fahren. Dort zerstreuen sie sich in den Kunsthäusern und Wissenschaftshallen, den Spiel- und Tanzplätzen und wieder andere erquicken sich an Wein und Speisen. Später, gegen Mittag, füllt sich dann der große Versammlungsplatz, und hier werden öffentliche Dinge besprochen und erledigt, neue Erfindungen und wissenschaftliche Aufstellungen werden mitgeteilt und oft bekämpfen sich die Vertreter gegensätzlicher Meinungen scharf und entschieden. Inzwischen haben die Knaben und Mädchen sich bei den Spielen getummelt und herüber hinüber in keckem Rufen und Haschen neue Bekanntschaften geschlossen. Nachmittags mag man sich wohl wieder in kleinere Gruppen trennen, man fährt und geht und schaut spazieren, man rudert auf dem Flusse oder man fliegt im Ballon oder sonstwie in die blauen Lüfte hinauf. Wenn die Sonne sich zum Untergang neigt, haben sich neue und alte Liebespaare längst gefunden und hie und da in Korn und Hecken liegen sie wohl in traulichem Gespräch oder in heißer Umarmung. Abends wenn es kühl wird, bedecken die Menschen wohl ihre Nacktheit mit den Tüchern. Die Dunkelheit führt sie wieder enger zusammen auf dem breiten Rasen, dem hie und da manchmal Leuchtkugeln und Raketen entfliegen. Im übrigen denkt man heute und meistens nicht daran, den Tag künstlich zu verlängern, man ist froh, daß das Dunkel seine blauen Fittige um die Erde schwingt. Feierlicher und erhobener werden nun die Gespräche und die Gesänge, und nun erheben sich auch nicht mehr gesehen die Dichter in der Menge und tragen ihre neuen Werke, die ihnen in den Mußestunden gediehen, zum ersten Mal vor und alte vielbegehrte wiederholen sie manchmal mit neuen reizvollen Wendungen geziert. Tief in die Nacht hinein bleibt man so beieinander, bis man, wenn es warm genug ist, einschläft so wie man da ist, oder auch aufbricht, um die Behausungen zu erreichen.
So aber wird es ganz gewiß nicht kommen, sonst hätte es keinen Sinn danach zu streben!
Es kommt immer anders, und vielleicht sind auch die Gedanken, die mir innen in meinem Kopfe wohnen und wachsen, ganz andere als die sich mir hier im freien gestaltet haben. Ihr glaubt mir doch, daß ich noch die Kraft habe, manchmal unglücklich zu sein? Weh mir, wenn ich das nicht mehr könnte!
Ein sonderbarer Unheiliger hat mich jüngst besucht, meine Freunde, und als ich ihn deutlich besah, war es ein Teil meiner Selbst, das sich da vor mir aufgepflanzt hatte. Nur ein Stück eines Menschen war er und doch ein ganzer Kerl. Er sagte mir, der moralische Sinn in ihm sei längst und völlig erstorben, er habe nur noch ein Prinzip: wenn er von einer menschlichen Einrichtung nicht wisse, warum sie sei, bemühe er sich das Gegenteil zu thun, ganz zwecklos, nur aus Prinzip, zu seiner seltsamen Freude. Er wisse nicht, warum der Mensch nicht lügen und töten solle; Rücksicht auf Menschen kenne er nicht und Gott sei ihm nicht vorgestellt; also wolle er lügen und töten. Wenn man das Wort überhaupt anwenden wolle, das sei dann seine Moral: die äußerste Konsequenz seines Denkens zu ziehen. Es sei freilich schwer, vielleicht vollbringe er es auch nicht, aber dann wandelte ihn eine Art Scham an, obwohl auch das altmodisch sei.
Meine Freunde, ich habe euch in dieses harte Eisland geführt, um euch eine Grenze zu zeigen. Hier ist die Grenze des Begriffs und des Worts und der Logik. Wer bis dahin gekommen ist mit seinem Denken, der muß sich hier entscheiden: will er ein Kalter sein oder ein Warmer? Da ist das Land der eiskalten Sprache und Logik, und keine Widerlegung giebt es auf diesem Boden. Wer ihn betritt, der muß in den Spuren dieses Mannes wandeln, kein Ausweg zeigt sich ihm mehr. Wer aber nicht in diesen Wahnsinn frieren will, der kehre um und wende seinem Denken den Rücken, solange es Zeit ist.
Ich bin kein Moralischer, aber ich bitte euch doch: Seid nicht boshaft! Ihr seid auf einem falschen Wege zu weit vorgegangen; wollt ihr den rechten Punkt finden, so müßt ihr wieder ein wenig zurück. Ihr seid zu früh daran mit eurer nackten Vernunft. Es ist noch nicht Zeit, die Seele erfrieren zu lassen. Thut nichts, dessen Ende ihr nicht wenigstens ahnen könnt. Hütet euch vor der geistigen Bosheit! Seid lieber manchmal noch ein Tier!
Das ist es was ich von euch verlange, ihr Träumer und Denker: _ihr sollt warm sein_!
Und das heißt mir soviel als: Ihr sollt keine einzigen sein, ihr sollt euch gesellen, ihr sollt lebendig leben und den Tod dem Tod überlassen.
Ich will euch etwas sagen, meine Freunde, denn ich halte es nicht länger aus. Das Kichern und Lachen und Murren rauscht mir schon lange in den Ohren. Hinter meinem Rücken stehen zwei Arbeiter, und die lachen mich aus. Und eben sagte der eine zum andern:
»Der dumme Kerl! Was schwatzt er nur für verdrehtes Zeug? Das eine wissen wir längst, beinahe schon vor unserer Geburt, und das andere ist uns ganz und gar unverständlich, und wenn er es uns tausend Mal vorkaut. Wir haben keinen Magen für so gewürzte Speisen.«
Der Mann hat Recht, ganz und gar. Aber, ihr Arbeiter unter meinen Genossen, zu euch rede ich heute nicht. Freilich setze ich auf euch vor allen andern meine Hoffnung; wäret ihr nicht da, es wäre kein Übergang möglich zu dem was wir wollen. Aber davon spreche ich heute nicht, ich habe noch viel auf dem Herzen und hoffe es alles mit der Zeit sagen zu können. Und »Übergang«, so mag die nächste Schrift heißen, die ich euch sende, und darin rede ich dann von euch, vom Proletariat!
Heute aber wende ich mich an ganz andere Menschen; heute rede ich zu der zweifelhaftesten und bedenklichsten Menschensorte, zu den Träumern und Denkern aus der bürgerlichen Welt. Es ist nicht der Vortrab des Bürgertums, es sind nur Vereinzelte, die sich seitwärts schlugen, dahin und dorthin, und die alle Gemeinsames haben. Ich kenne sie gleich, wenn ich sie treffe, an dem bittern Zug um die Lippen und dem heimlichen Lächeln ganz hinten in ihren Augen. Diese Jugend also rufe ich auf; sie nennen sich Abfall und Jahrhunderts-Ende, ich aber sehe noch viel Rettenswertes an ihnen, ich möchte sie sammeln im Felde der Zukunft; im Lager des Proletariats; die höchste, fast schon überdrüssige Kultur möchte ich vermählen der jungen raschen Kraft des vorwärts stürmenden Aufschwungs.
Ich bin ein alter Mann, aber -- das sage ich heute mit frohem Stolz -- ich habe erreicht, wonach ich mich so heiß gesehnt, _ich bin wieder jung geworden_, und ich empfinde mit der Jugend, nein, ich bin sogar ihr Vorschmack und Vorempfinder. Zugleich bin ich bei den jungen Zigeunern des Bürgertums, die ich aufmuntere, meine Wege zu betreten, und zugleich bin ich beim jungen Proletariat, dem ich die Freiheit bringen will, jetzt nicht die ökonomische Freiheit, die es sich selbst erringen wird, nein, die Freiheit des Einzelnen, der kühn und unbesorgt allem entgegenblickt. Ich schwanke nicht von einem zum andern, in mir sind die Gegensätze vereint, und widerspruchsvoll ist nur das Wort, nicht das Leben. Mein Leben ist jung und reich, folge mir nach, wer kann!
Druck von Gebr. Adolph & Co., Dresden-Löbtau.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ansonsten wurde die teilweise inkonsistente Originalschreibweise beibehalten. Die Darstellung der Ellipsen wurde vereinheitlicht. Der Schmutztitel wurde entfernt.