Part 5
(Das Licht einer Laterne nähert sich.)
Was ist das dort? Wer mag so spät da noch des Weges kommen?
(Er verbirgt sich hinter einem Baume. Lisbeth, sehr dürftig gekleidet und krank aussehend, kommt mit ihrem ebenso dürftig gekleideten Knaben.)
4. Auftritt.
Mux. Lisbeth. Der Knabe.
Knabe (klagend): Ach, Mutter, ist’s noch weit? Ich bin so müde Und fürcht’ mich auch; schau, ein Gewitter kommt.
Lisbeth: Gar weit kann’s nimmer sein; wär’ es nur Tag, Dann fänd’ ich Mut und Kraft, mich fortzuschleppen, So kann ich nimmer weiter; komm’, mein Kind, Laß uns nun ruhen unter einem Baume, Mir fehlt der Atem und mir fehlt die Kraft, Vielleicht geht’s später noch ein Stückchen weiter. Komm, setz’ dich hier und lege deinen Kopf In meinen Schoß, da kann dir nichts geschehen.
Knabe (im Begriffe, sich niederzusetzen, hält sich an dem Baum): Greif’ her da, Mutter! Welch’ ein selt’ner Baum, Der hat ja eine Rinde gar von Eisen, Fühl’ nur, wie kalt!
Lisbeth (den Baum beleucht.): Wahrhaftig ja, er ist’s, Der Baum, der noch in fernen, fernen Zeiten Von meines Vaters Ruhme zeugen wird. Weißt du es noch, was ich davon erzählte?
Knabe: O freilich weiß ich’s. Laß das Schloß mich sehen!
(Sie hebt den Knaben hinauf.)
Und diese vielen Nägel in dem Baum, Hat sie Großvater alle eingeschlagen?
Lisbeth: Nicht alle, einen nur, sieh, dieser ist’s! Die Anfangslettern von Großvaters Namen Sind eingegraben in den Nagelkopf. Er schlug ihn jubelnd ein an jenem Tage, Da ihm das Meisterrecht verliehen ward, Seitdem ist’s Handwerksbrauch in dieser Stadt, Daß jeder, der sein Meisterstück gemacht, Und jeder, der von draußen eingewandert, Hier einen Nagel einschlägt zum Gedächtnis. Da, sieh’ nur selbst, wie viele es gewesen, Doch keiner hat Großvater je erreicht An Körperkraft und an Geschicklichkeit.
Knabe: Ist er so stark?
Lisbeth: O, laß dir nur erzählen. Ganz nahe hier steht ein gewalt’ger Dom, Der Stephansdom; sobald es hell geworden, Wirst du ihn sehn. Es schließt den Hauptaltar Ein Gitter ab, Großvater hat’s geschmiedet; Doch als er’s hinbracht’, war’s nicht lang genug. Er war um einen Ausweg nicht verlegen: Er faßt’ das Gitter auf der einen Seite, Dein Vater mußt’ es auf der andern halten, Mit seinen Händen zog er es zurecht, — Das hat bis jetzt ihm keiner nachgetan.
Knabe: Doch hätt’ der Vater nicht die Hand verloren, Er wär’ ihm gleich geworden, Mutter, gelt?
Lisbeth: Ei freilich wohl, doch auch nur er allein.
(Es blitzt so stark, daß die Gestalt Muxens, der horchend vorgetreten, beleuchtet wird.)
Knabe (aufschreiend): O Mutter, sieh! Dort steht ein schwarzer Mann!
Lisbeth: Ei, schäme dich, du kleiner Hasenfuß! Das bildest du dir ein.
Knabe: Nein, liebe Mutter, Ich sah ganz deutlich ihn, dort muß er stehn.
Lisbeth: Von deinem Irrtum dich zu überzeugen, Führ’ ich dich hin.
Knabe (sie festhaltend): Ach, bleibe lieber da!
Lisbeth: Du selber willst ein ruß’ger Schlosser werden Und fürchtest dich vor einem schwarzen Mann.
(Sie nähert sich Mux mit der Laterne, plötzlich stößt sie einen Schrei aus.)
Herrgott im Himmel!
Knabe (weinend): Mutter, laufe fort!
Lisbeth: Kann es denn möglich sein? Mein Vater, ihr? Was habt ihr hier zu tun zu solcher Stunde?
Mux: Die Reih’ zu fragen ist zuerst an mir. Ich frage dich: was hast du hier zu suchen?
Lisbeth: Hier nichts, mein Vater; ich war auf dem Wege, Euch aufzusuchen.
Mux: So? hast du vergessen, Was ich dir sagte, als du Abschied nahmst?
Lisbeth: Ich sollte euer Haus nie mehr betreten — Ich hätt’s auch nicht getan; den Knaben nur Hätt’ ich hineingeschickt; um euch zu rufen.
Mux: Was wolltest du von mir? Wo ist dein Mann?
Lisbeth: Mein Mann ist tot, schon länger als drei Jahre, Er hat sich überschafft; mit einer Hand Tat er viel mehr als andere mit beiden. Als eine Seuche ausbrach in dem Lande, Ergriff sie ihn und rafft’ auch ihn dahin. Zwei Jahre lebt’ ich nun mit meinem Kinde Von meiner Hände Arbeit; doch auch mich Warf Gram und Mangel auf das Krankenbett; Allein die Sorg’ um diesen armen Knaben Gab mir noch einmal meine Kraft zurück. Ich rafft’ mich auf, verkaufte meine Habe Und machte micht zu euch nun auf den Weg.
Mux: Weil du in Not warst, dachtest du des Vaters.
Lisbeth: Ich dachte eurer sonst auch; doch aus Furcht Vor eurem Zorne hab’ ich’s nie gewagt, Ein Lebenszeichen euch von mir zu geben. Ich bitte nicht für mich, nur für mein Kind — O, nehmt es auf, aus Mitleid nehmt es auf, Nehmt’s wie ein fremdes, nehmt’s wie seinen Vater In strenge Zucht, es wird ihm nützlich sein. Ich will euch meinen Anblick gern ersparen, Für immer Abschied nehmen von dem Kinde, Bin ich doch bald ja allem Leid entrückt, Ich wandle nimmer lang auf dieser Erde.
(Zum Knaben):
Komm’, Kind, und bitte doch! Sieh her, das ist Dein Großvater.
Knabe: O nein, das ist er nicht.
Mux: Ich bin es doch; warum willst du’s nicht glauben?
Knabe: Großväter müssen gut sein, du bist’s nicht.
Mux: Weißt du das so gewiß?
Knabe: Das will ich meinen. Ich hab’ schon einen Großvater gesehn, Des Nachbars kleiner Peter hatte einen; O, der war gut! Der nahm ihn auf den Schoß Und wiegt ihn ein, den schlimmen, kleinen Peter, Wenn er recht schrie und ungebärdig war; Und dann .....
Mux: Was noch?
Knabe: Der sah ganz anders aus — Großväter müssen weiße Haare haben.
Lisbeth: Allein der liebe Gott hat deinen lieb Und läßt ihm seine schwarz.
Knabe: Ich weiß warum, Weil jeden Abend ich für ihn gebetet.
Mux: Du hast für mich gebetet? Ist das wahr?
Knabe: Die Mutter sagte doch, ich sollt’ es tun.
Mux (mit bebender Stimme): Was hast du denn gebetet? Sag’ mir’s einmal!
Knabe (die Hände faltend, in dem halb leiernden, halb innigen Ton, in dem Kinder zu beten pflegen): Ich bitt’ dich, lieber Gott, laß meine Mutter Recht lange leben und gesund auch sein, O laß den Vater, der von uns gegangen, Im Himmel selig sein und steh’ uns bei; Schenk’ auch dem Großvater, der ferne weilt, Gesundheit, Kraft und ein zufried’nes Alter Und laß ihn eingehn einst ins Himmelreich!
Mux (wiederholt ergriffen): Und laß ihn eingehn einst ins Himmelreich! Das hast du wirklich jeden Tag gebetet?
Knabe: Wenn es die Mutter sagt, muß ich’s doch tun Und tat es auch; sie hat mir’s vorgebetet Solang ich klein war, jetzt kann ich’s allein.
Mux: Wie heißest du?
Knabe: Ich heiße Martin Joseph, Doch Martin ruft man mich.
Mux: So sage, Martin, Was solltest du beim Großvater denn tun?
Knabe: Ich sollt’ ihn bitten, daß er in sein Haus Mich nehme und was Tücht’ges lernen lasse.
Lisbeth: Das bitt’ ich euch, gewährt die Bitte mir! Welch eine Zukunft steht dem Kind bevor, Wenn ihr’s nicht schützt! Ich bin so sterbensmüde, Ich nahm die Reste meiner Lebenskraft Zusammen, euch zu suchen; euer Dach Soll meines Kindes junges Haupt beschützen.
Mux: Mein Haus ist nicht mehr mein, ich hab’s verkauft Und wand’re fort.
Lisbeth: Ihr wandert fort, mein Vater? Ihr gönnt in eurem Alter euch nicht Ruh? O, nehmt das Kind mit euch, es wird euch stützen, Ihr seid Beschützer und zugleich beschützt. O, kettet doch an euch ein menschlich Wesen, In einer Brust erwecket Lieb und Treu, Und laßt in eurer Lieb’ und Treu’ erwecken! Ich blieb euch fremd — vielleicht trug dran die Schuld, Daß ich ein Mädchen war — dies ist ein Knabe, Auf den ihr stolz sein dürft, denn eure Kraft Wohnt in den jungen, ungeübten Gliedern — So mögt als Kind ihr wohl gewesen sein.
Mux: Wär’ er ein Mann, ließ’ sich darüber reden, Der Knabe fällt zur Last.
Lisbeth (flehend): So sorgt für ihn! Ihr habt der Freunde viel und der Genossen, Empfehlet einem euer Enkelkind, Setzt eine kleine Summe für ihn aus — Ihr könnt die Weisung ja ergehen lassen, Daß ich von diesem Gelde nichts genieß’. Erhöret mich, nehmt euch des Kindes an!
(Mux zieht den Knaben an sich, da erscheint an der Stelle, wo er das Geld vergraben, eine gespenstige, blaue Flamme. Er erschrickt und stößt das Kind zurück.)
Mux: Und sähe ich euch beide Hungers sterben, Ich tue nichts für dich und deine Brut.
Lisbeth: Erbarmen, Vater! (Zum Kinde): Martin bitte du!
Knabe: Großvater, nimm’ mich! Ich will dir gehorchen Und nie dich ärgern! Bitte, sei doch gut!
Mux (nach langem Kampfe mühsam hervorstoßend): Nein, nein und nein!
(Ein greller Blitz, dem ein furchtbarer Donnerschlag folgt; alle drei sinken zu Boden, das Licht der Laterne erlischt. An der Stelle, wo Mux das Geld vergraben, steht glutumstrahlt der Rothmantel.)
5. Auftritt.
Mux. Rothmantel.
Rothmantel (höhnisch lachend): Haha! nun bist du mein!
Mux: Ich hoffte, Himmelsharmonien zu hören ...... Und nun schlägt deine Stimme mir ans Ohr — Und deine Schreckgestalt muß ich erblicken.
Rothmantel: Du wirst sie schaun in aller Ewigkeit.
Mux: Das ist Betrug! Ich hab’ mein Spiel gewonnen! Nenn’ mir ein Liebeswerk, das ich vollbracht!
Rothmantel (höhnisch): Ein einzig Liebeswerk hätt’ dich gerettet.
Mux: Du hast es zur Bedingung doch gemacht, Daß ich ein jedes Liebeswerk vermeide — Ich hab’s getan.
Rothmantel: Ja, du hast mir geglaubt, Dem Gott der Lüge und der Finsternis Und wandtest dich von ihm, dem Gott der Liebe, Der ew’gen Wahrheit und Barmherzigkeit. Du Tor vermaßest dich, mich zu besiegen! Mich zwingt nur Einer und das ist der Gott, Den du verleugnet hast, der Herr der Welt.
Mux (keuchend): Gegeb’nes Wort muß auch der Teufel halten, Mein Pakt besteht zu Recht.
Rothmantel (höhnisch): So sei es drum! Ich geb’ dich frei; nun suche deinen Platz In einem Himmel, den die Liebe schuf.
Mux: Versucher du, was hast du mir getan! Was ich geliebt, das hab’ ich dir geopfert, Um dich blieb einsam ich, blieb leer mein Herz, Um dich hab’ die Geliebte ich verstoßen, Mein Kind in Elend und in Not gejagt, Um deinetwillen raubt’ ich mir die Freude, Mein Enkelkind an meine Brust zu ziehn, Um dich hab’ ich gedarbt, indes die andern Am Born der Liebe unaufhörlich schöpften.
Rothmantel: Um mich hast du’s getan? Du tatst’s um das, Was in der Erde ruht an dieser Stelle, Worauf ich steh — du tatst’s um schnödes Gold. Gold war das Glück, das du von mir begehrtest, Ich gab dir Gold und nun beklagst du dich?
Mux: O schweige, du hast recht! Ich seh’ es klar, Nicht du hast mich getäuscht, ich selber tat’s, Ich hab’ mich selbst betrogen und enterbt. Sie alle, die den Dornenweg gegangen, Die ich verspottet, weil sie ihn gewählt, Sie alle, die um Liebe Leid getragen, Sie haben doch das echte Glück gekannt. Doch weil ich in unseliger Verblendung Dem Irrlicht folgte und den Stern verließ, Soll büßen ich in aller Ewigkeit? Gott ist barmherzig, er wird mir verzeih’n, Wenn etwas für mich spricht — hab’ ich denn nichts?
(Nachdenkend): Ich hab’ ja doch zuweilen auch gebetet.
Rothmantel (höhnend): Gebetet hast du auch? Ei sieh doch, sieh! Der Teufelsschlosser schmiedet einen Schlüssel Für alle Fälle sich zur Himmelstür! Doch hast du leider jenen Spruch vergessen, Der dich den Schlüssel richtig brauchen lehrt.
Mux: Wie? Zum Gebet noch einen Zauberspruch?
Rothmantel (mit dröhnender Stimme): Und wenn du auch mit Engelszungen redest, Und hast die Liebe nicht, so bist du bloß Ein tönend Erz, bist eine Schelle nur!
Mux (zusammenbrechend): Und hast die Liebe nicht! Gott ist die Liebe Und ich stieß sie von mir!
Rothmantel: Nun, siehst du’s ein, Daß du dein Spiel dem Geiste nach verloren, Mag’s auch dem Worte nach gewonnen sein?
Mux (sich aufraffend): Nein, Höllengeist, du zwingst mich dennoch nicht! Ich bin nicht dein, weil ich mein Spiel gewonnen, Des Himmels nicht, weil ich ihn nicht verdient, Allein der Erde will ich angehören, Solang noch Atem in mir wohnt und Kraft. Mein Leben ist von Gott — wenn er mir’s läßt, So will ich jeden Augenblick benützen, Zu sühnen, was mein blinder Wahn verbrach. Komm her und nimm, was du mir einst gegeben, Und laß mir nichts, als was mein eigen wär’, Wenn ich dich nie geseh’n!
Rothmantel: Wohlan, es sei! Sieh hin, dort brennt das Gold, das du erworben In all den Jahren! (Unter dem Baum brennt wieder die blaue Flamme.) Nun, beklagst du’s nicht?
Mux: Nur, daß ich es erwarb auf diese Weise.
Rothmantel (wirft seinen Mantel über ihn): Fühlst du die Kraft aus deinen Armen schwinden, Fühlst du dein Har ergrauen? (Er zieht den Mantel weg, Mux ist in einen alten Mann verwandelt.)
Mux: Ja, ich fühl’s, Doch fühl’ ich auch, wie mir das Herz sich weitet Und wie mir’s hell und froh im Busen wird; Die ganze schöne Welt möcht’ ich umfassen, An meine Brust zieh’n alles, was da lebt. Wie ich hier steh, ein Bettler und ein Greis, Trag’ ich mit Freude alle Erdenmüh’n, Erleid’ ich gerne tausendfachen Tod Für diesen Augenblick des höchsten Glückes!
Rothmantel (in wildem Grimme): Muß ich es jeden Tag auf’s neu erfahren, Daß in dem schlecht’sten Tropf ein Funken glüht Von jenem Himmelslicht, das ich so hasse! Fahr’ hin und lieb’ und leide, Erdenwurm!
6. Auftritt.
Vorige ohne Rothmantel.
Mux (auf die Knie sinkend): Du hast verzieh’n, o Herr, mir scheint die Sonne Aufs schuldbelad’ne Haupt, nun will ich sühnen, Ich will’s und kann’s. (Er erhebt sich.) Bin ich auch jetzt ein Greis, Ich habe meine Kunst, die ich erworben Durch eig’nen Fleiß; mein Handwerk hatt’ ich lieb, Ich hab’ mich nie auf Teufelstrug verlassen, Ich hab’s geübt und hab’s zur Kunst gemacht, Bei meiner Arbeit war kein Höllenspuk. Die alten Arme schaffen noch so viel, Als Kind und Enkelkind zum Leben brauchen, Nun an mein Herz, ihr Teuren, kommt zu mir!
(Er sieht sich nach Lisbeth und dem Knaben um, die immer noch betäubt am Boden liegen, und beugt sich zu ihnen herab.)
Lisbeth, mein Kind, wach auf, die Sonne scheint, Es kommt der Morgen eines neuen Lebens!
(Sie regt sich nicht.)
Erbarmen, Herr, o laß mich sühnen, sühnen! Lisbeth! Lisbeth, wach’ auf!
Lisbeth (sich aufrichtend): Wer ruft mich denn?
Mux: Dein Vater, Lisbeth; komm und weck dein Kind!
(Er beschäftigt sich mit dem Knaben.)
Lisbeth: Mein Vater ruft? Ich hab’ von ihm geträumt, Er war noch jung, so wie ich ihn verlassen, Doch wie — was war das alles? Träum’ ich noch? Mein Vater war doch hier — und dann — der Blitz.
(Plötzlich erschrocken): Martin! Wo ist er denn, wo ist mein Kind?
Mux (der den erwachenden Knaben aufgehoben hat und ihn auf dem Arme herbeiträgt): Hier ist es, Lisbeth, unser liebes Kind, Mein Enkelkind!
Lisbeth: Seid ihr’s denn wirklich, Vater?
Mux: Ich bin’s und bin es nicht; laß nun das Fragen! Verwandelt hat mich dieser Donnerschlag, Du aber sollst dich der Verwandlung freuen. Ich sorg’ für euch, soviel mein Arm vermag, Du und dein Kind jedoch, ihr sollt mich lieben Und mich die Liebe lehren. Wollt ihr das?
Lisbeth: Mein Vater!
Mux: Lisbeth, kannst du mir verzeih’n? Ich hab’ so viel entbehrt — ich fühl’s erst jetzt — Nun will ich lieben, lieben ohne Maß, Dem Kind hier will ich es als Erbe lassen, Was ich an Liebe nicht erschöpfen kann.
(Zum Knaben): Leg’ deine Händchen auf mein weißes Haupt, Zur Sonne schau empor und sag’ mir’s nach, Was ich dir sagen werde; ruf’ es laut, Daß es dir widerhallt im eig’nen Herzen, Zum Himmel ruf’ es auf, ruf’s in die Ferne: Die Liebe ist das Größte in der Welt!
Martin (ruft laut): Die Liebe ist das Größte in der Welt!
* Der Gänsedoktor. *
Humoristische Novelle
von
A. Gaus-Bachmann.
264 S. 8^o. gebd. in Leinen. Preis 1 Mk.
Urteile der Presse:
Der echte, gemütvolle Humor ist eine besondere Gabe. Aber gerade diejenigen Menschen besitzen sie oft am wenigsten, die sie zu besitzen glauben, und unter ihnen sind namentlich viele Leute von der Feder. Was für Vorstellungen von Humor man häufig in der schriftstellernden Welt hat, das geht schon ins Aschgraue; jedem gesuchten und lahmen Witz wird die Etikette: Humor aufgeklebt. Man wird es daher begreiflich finden, wenn der vorsichtige Kritiker nach jedem als »humoristisch« deklarierten Buche mit einem gewissen Zagen greift, denn in neun von zehn Fällen ist das Federprodukt gar nicht humoristisch, sondern erzfade und langweilig. Nach diesem Präambulum wird nun der Leser sicher eine Beurteilung des »Gänsedoktor« erwarten. Glücklicherweise irrt er sich aber, denn diese Novelle, die ja den Lesern des »D. H.« längst nicht mehr unbekannt ist, gehört wirklich und wahrhaftig zu jenen literarischen Gebilden, in denen man Goldkörner des Humors findet und zwar nicht sporadisch, sondern zahlreich und gediegen. Ja, man darf den »Gänsedoktor« kurzweg zu den vorzüglichsten humoristischen Novellen der Neuzeit rechnen. Da ist kein gemachter, kein gekünstelter Humor, sondern alles fließt so echt und lauter, wie ein heller Waldbach aus dem Gestein. Die Handlung geht rasch vorwärts und auf das Ziel zu, die Personen, die ihre Hand im Spiele haben, sind prächtig gezeichnet, vor allem ist der kleine Fritz, dieser allerliebste Unheilstifter, eine wahre Kabinettsfigur. Der »Gänsedoktor« selbst stellt das Muster eines gemütlichen Humoristen dar, und Tante Amalia, die überspannte Tragödin aus Amerika, wird auch den griesgrämigsten Hypochonder zum Lachen bringen. Kurz, »Der Gänsedoktor« ist, literarisch gemessen, eine sehr erfreuliche Erscheinung, die dem Talent der noch jungen Verfasserin ein glänzendes Zeugnis ausstellt. Wir hoffen ihr noch oft auf dem Gebiete zu begegnen, auf dem sie ihren ersten größeren Erfolg eingeheimst hat.
O. v. Sch. (Deutscher Hausschatz 1905, 16.)
Alle, welche mit Volksbibliotheken zu tun gehabt haben, wissen, daß die Nachfrage nach humoristischen Erzählungen immer viel größer ist, als das Anbot. Alle möchten so gerne ein wenig lachen, die modernen Humoristen aber kennen fast nur Ironie und beißende Satire, der Humor ist den meisten abhanden gekommen. Die vorliegende Erzählung, die auf Verwechslungen beruht, die zwar nicht hochgradig originell sind, aber doch recht unterhaltend und erheiternd wirken, entspricht dem vorhandenen Bedürfnisse nach harmlosen, humoristischen Erzählungen. Daß der Gänsedoktor ein allerliebstes Gänschen heiratet, ist die Lösung der Verwicklung, die dadurch entsteht, daß ein Tierarzt sich für einen Doktor der Medizin ausgibt. Wenn die Sammlung für Herz und Haus noch viele so gelungene Nummern bringt, ist ihr eine große Verbreitung zu wünschen. Je mehr derartige gesunde Pflanzen die Giftschwämme auf literarischem Gebiete verdrängen, umso besser.
(Vaterland, Wien 1905, 268.)
Im 18. Bande der Familienbibliothek »Für Herz und Haus«, Verlag von J. Habbel, Regensburg, bietet die Wiener Schriftstellerin A. Gaus-Bachmann eine allerliebste humoristische Novelle: Der Gänsedoktor. Keine großartigen, unwahrscheinlichen Abenteuer, kein hochdramatischer Aufbau wird geboten: es ist eine frische und erfrischende Erzählung schlichter Vorgänge in schlichtem Bürgerhause. Aber gerade mit einfachen Familienszenen versteht es die Verfasserin die heitersten Verwicklungen und die gelungensten Situationen zu erzielen, von denen die eine die andere Schlag auf Schlag, bisweilen mit frappierender Wirkung ablösen. Hauptmissetäter ist zumeist der köstlich gezeichnete Junge Fritz, ein wirkliches =enfant terrible=, das dem hoch hinaus wollenden Papa Kienholz die urkomischen Verlegenheiten, die dieser sich selber bereitet, noch reichlich vermehrt. Die Familienbibliothek »Für Herz und Haus« hat mit diesem Bändchen eine besonders glückliche Bereicherung erfahren. Die sehr empfehlenswerte und gut ausgestattete Sammlung findet damit sicher noch weitere zahlreiche Freunde.
(Sächs. Volkszeitung Dresden 1905, 186.)
Die junge Wiener Schriftstellerin schenkt uns hier eine vom köstlichsten Humor durchwehte Familiengeschichte eines Mannes, der hoch hinaus will und eben dadurch sich in allerlei Ungelegenheiten bringt. Sein Bube, das kleine Fritzchen, ist eine so ergötzliche Figur, daß man beim Lesen förmlich nach seinen Streichen und Worten hascht. Hoffentlich gibt uns die Verfasserin noch öfters einen so prächtigen Niederschlag ihres gesunden Humors.
(Literarischer Handweiser 1905, Nr. 21.)
... Ein feiner Humor, lieb wie Sonnengold, strahlt aus der humoristischen Novelle »Der Gänsedoktor« von A. Gaus-Bachmann. Die gelungenste Figur ist unstreitig das =enfant terrible= der Familie, der kleine Fritz.
(Schweiz. kath. Frauenztg. 1905, 45.)
Das dürftig beackerte Gebiet der humoristischen Novelle dürfte wenige Erscheinungen zeigen, die in der Erfindung so ungekünstelt, in der Darstellung so flott und unterhaltend, in der Zeichnung der Personen so zutreffend sind wie das vorliegende Werk. Hoffentlich wird uns die junge Verfasserin noch mit manchen ähnlichen Schöpfungen erfreuen.
(Büchermarkt 1905, 9.)
Echter Humor sprudelt in dem Büchlein. Es enthält keine Unwahrscheinlichkeiten und unmöglichen Situationen, es geht so natürlich darin zu, wie es eben nur in einer hausbackenen deutschen Bürgersfamilie, in einer solchen spielt sich die Handlung ab, zugehen kann. Trotzdem ist das Werkchen reich an ergötzlichen Szenen, die Handlung schreitet frisch vorwärts. Wer z. B. an dem Allerweltsfratzen Fritz, dem »dritten Bruder von Max und Moritz«, nicht seine helle Freude hat, der muß schon ein Griesgram erster Güte sein. Die Charaktere der handelnden Personen sind recht lebenswahr gezeichnet und die noch junge Verfasserin versteht es, für ihre Helden zu interessiern. Das Buch vermeidet fade Witzeleien und verbrauchte Spässe, aber wer Freund eines gesunden, fröhlichen Humors ist, wird es immer wieder mit Befriedigung zur Hand nehmen. Schade ist, daß der Schluß etwas abfällt und da die Wiener Gemütlichkeit auch der Wiener Süßlichkeit Konzessionen macht. Der Gesamteindruck wird allerdings dadurch in keiner Weise verwischt und es wird gewiß niemand reuen, das prächtig geschriebene Werkchen seiner Bibliothek einverleibt zu haben. Es wird bald recht abgegriffen aussehen!
(Amberger Volkszeitung 1905, 208.)