Part 4
Mux: Die hast du wohl am leichtesten entbehrt?
Lisbeth: Glaubt das nicht, Vater! Meint ihr, daß ein Kind Für Recht und Unrecht kein Empfinden hat, Daß es den Eltern zürnt, wenn sie es strafen? Zu Bäckers Grete kam ich einmal hin, Als sie ihr Vater schlug für eine Lüge, Und da durchzuckte mich ein heißer Schmerz. Durch meine Kinderseele zog ein Ahnen, Daß ich allein sei auf der weiten Welt; Mich strafte niemand, allen galt es gleich, Ob wild ich war, ob sanft, ob gut, ob böse. Ich eilte heim und weinte stundenlang.
Mux (sucht seine Bewegung hinter Spott zu verbergen): Du weintest also damals um die Schläge? Ein Zeichen, daß dir’s allzu gut erging.
Lisbeth: Nicht um die Schläge, um die Vaterliebe, Die mächtig selbst aus jenen Streichen sprach. Um jene Zeit kam Joseph in das Haus, Es zog mich hin zu dem verlass’nen Knaben, Den jeder nur umherstieß, jeder schalt; Und mag es noch so seltsam euch erscheinen, Mir war’s, als trügen wir das gleiche Leid. Ich wuchs heran und aus dem armen Knaben War nun ein Mann geworden, dem man gern Den Schimpf nachsah, der drückend auf ihm ruhte; Doch er vergaß ihn nicht. Ich weiß es wohl, Was ihn bewog, mir immer auszuweichen, Ich quälte nie mit bangen Zweifeln mich, Warum er sich allmählich mir entfremdet, Ich weiß, sein Herz schlägt immer treu für mich, Er wagt’s nur nicht, zu mir emporzublicken, Zu mir, die gern als Magd ihm dienen möchte. Mein Vater, höret mich! Auf meinen Knien Fleh’ ich euch an, vereinigt mich mit ihm! Gebt uns ein kleines Sümmchen, ihr sollt sehn, Wie man mit wenigem kann glücklich sein.
Mux (sanft): Zum Zeichen, daß ich für verrückt dich halte, Hört’ ich die Phantasien ruhig an.
Lisbeth: Ihr täuschet euch, es sind nicht Phantasien — Ist euch des Herzens Stimme gar so fremd, Habt ihr denn nie in eurem ganzen Leben Ein Wesen so geliebt, daß ihr bereit, Ihm alles aufzuopfern seid gewesen?
Mux (ärgerlich): Wenn du zu solchen Opfern bist bereit, So kannst du deine Selbstverleugnung üben Und magst nun wählen zwischen mir und ihm. Entweder du entsagst ihm und bleibst hier In Glanz und Reichtum und der sichern Hoffnung Auf einen angeseh’nen Bräutigam Oder du folgst ihm so wie du hier stehst Ohn’ einen Groschen nach in Not und Elend. Du stehst am Scheideweg, besinne dich!
Lisbeth: Besänn’ ich mich, so wär’ ich sein nicht wert, Und da ihr kurz vor diese Wahl mich stellet, So wähl’ ich ihn trotz Armut und trotz Not. Was mir versagt blieb unter euern Schätzen Gab der Verachtete, der Arme mir — Es glich der kalten Winternacht mein Leben, Und seine Liebe war der Sonnenstrahl, Der mich durchleuchtete, der mich erwärmte, Der alles in mir weckte, was da gut. Ich geh’ mit ihm und müßt’ ich mit ihm betteln Und müßt’ ich barfuß meines Weges ziehn Und wär’ zeitlebens über meinem Haupte Der Himmel nur allein gespannt als Dach. All’ seine Leiden will ich mit ihm teilen, Ich geh’ mit ihm und sei’s in Schmach und Tod.
Mux (zornig): So geh, doch tu’s sofort! Ich hab’ nicht länger Geduld, dein albernes Geschwätz zu hören. Doch sag’ ich dir das eine: hast du erst Die Schwelle meines Hauses überschritten, Dann kehre nimmermehr hieher zurück, Es ist dies Haus für immer dir verschlossen, Der fremd’ste Bettler ist nicht fremder hier.
Lisbeth: Ich kehre nicht zurück; und nun laßt mich Zum letzten Male eure Hand noch küssen. Für alles, was ich je von euch genoß, Ob ich’s auch nicht zu würdigen verstanden, Sag’ ich euch meinen Dank. Und denket nicht, Daß ich euch hasse, Vater; ich beklage, Daß euch der Schöpfer hat kein Herz verliehn, Das Liebe spendet, Liebe will empfangen. Lebt wohl, mein Vater! (Mux antwortet nicht.) Vater, lebet wohl! Wenn es euch ärgert, daß ich euch verlasse, Verzeiht es mir, allein ich kann nicht anders.
(Sie kniet vor ihm nieder.)
Mux: Was soll das Knien? Denkst du mich zu erweichen, Wenn du die Flennerei von vorn beginnst?
Lisbeth: Nein, Vater, ihr seid unbeugsam, ich weiß, Und nicht um Geld und Gut will ich euch bitten, Ich bitte nur um euern Segen euch.
Mux: Den Bund, den ich nicht will, soll ich noch segnen? Bist du verrückt?
Lisbeth: So segnet nicht den Bund, Wenn ihr nicht wollt; mich aber könnt ihr segnen, Mich, euer Kind, das Böses nie getan. Nie lag die Vaterhand auf meinem Scheitel, Laßt sie zum Abschied wenigstens d’rauf ruh’n Und sagt ein gutes Wort!
Mux: Aus meinen Augen! Man segnet undankbare Kinder nicht.
Lisbeth: Ich bitt’ euch, Vater!
Mux: Fort! hab’ ich gesagt.
Lisbeth: Laßt ihr mich wirklich so von dannen geh’n?
(Sie harrt einige Sekunden, er antwortet nicht.)
Mux: Du bist noch immer da?
Lisbeth (weinend): Lebt wohl, mein Vater!
(Sie geht auf ihn zu, legt die Hände auf sein Haupt.)
Gott schütze euch, geb’ euch ein frohes Alter ...
Mux (auffahrend): Mach’ dieser Narretei nun doch ein End’ Und geh’ ihm nach, dem König deines Herzens, Sonst läuft er dir am Ende gar davon.
Lisbeth: So habt zum Abschied ihr für eure Tochter Nur Hohn und Spott? O mög’s euch nie gereu’n! Lebt wohl! Ihr seht mich heut’ zum letzten Male, Lebt wohl! Ihr macht das Scheiden mir nicht schwer.
(Sie geht nach der Tür; wie sie dieselbe öffnen will, ruft Mux in zärtlichem, sehnsüchtigem Tone ihr nach.)
Mux: Lisbeth!
(Sie kehrt mit einem Jubelruf zurück und fällt ihm zu Füßen.)
Lisbeth: Mein Vater, o ich wußt’ es ja, Ihr könnt mich nicht so von euch gehen lassen.
(Er beugt sich zu ihr herab und will eben seine Hände auf ihr Haupt legen, da erscheint in der Mitteltür glutumstrahlt die Gestalt des Teufels und verschwindet gleich wieder. Mux erschrickt, läßt die Hände sinken und bleibt eine Weile regungslos; er faßt sich aber rasch und spricht kalt zu Lisbeth.)
Mux: Da nimm den Krug und füll’ ihn! Sag’ der Ursel, Von diesem Abend an sei’s ihr Geschäft.
Lisbeth: Deshalb, mein Vater, rieft ihr mich zurück, Deshalb allein?
Mux: Was dachtest du denn and’res?
Lisbeth (tonlos): Nichts, Vater, nichts. (Sie erhebt sich langsam, nimmt den Krug und geht hinaus.) Ich will es gleich besorgen.
22. Auftritt.
Mux (allein): Noch liegt der Schrecken mir in allen Gliedern, Doch ist’s ein Glück, daß er mir jetzt erschien, Der Höllengeist. Noch einen Augenblick Und zärtlich drückt’ mein Kind ich an die Brust, Gab ihm den Segen, den es heiß erflehte.
(Lisbeth tritt wieder ein.)
23. Auftritt.
Mux. Lisbeth.
Lisbeth (stellt den Krug auf den Tisch): Braucht ihr noch was?
Mux: Nein, du kannst gehn.
Lisbeth: Lebt wohl! (Sie geht weinend hinaus.)
24. Auftritt.
Mux (allein): Mein einzig Kind! Ich werd’ es wohl vermissen, Hätt’ nicht geglaubt, daß es so wert mir ist. Wie still’s im Zimmer ist! Sie lärmte nie, Und doch ist mir’s, als wär’ jemand gestorben, Weil ich nun weiß, daß sie für immer geht. Nach Liebe nur allein ging all’ ihr Sehnen, Von Liebe war ihr ganzes Herz erfüllt, Von Liebe selbst für mich, der’s nie verdiente — Ob sie mich jetzt wohl aus dem Herzen stieß, Ob sie mich bald und gerne wird vergessen? (schmerzlich) Lisbeth, vergiß mich nicht, behalt’ mich lieb, Und fluch’ dem Vater nicht, den sein Geschick Zur Härte und zur Grausamkeit verdammt!
(Es pocht; er faßt sich schnell und blickt finster drein.)
25. Auftritt.
Mux. Lene.
Mux: Herein! (Lene tritt ein.) Wie, ihr? Was wollt ihr denn schon wieder?
Lene (flehend): Verzeiht die Worte, die ich zu euch sprach, Gebt mir das Geld, das ich zurückgewiesen!
Mux: Nun, euer Stolz hat sich recht bald gebeugt.
Lene: Im Fieber liegt mein Kind, es ruft nach Dingen, Die nur das Geld verschafft — o gebt es mir! Vergeßt, was ich gesagt! Auf meinen Knien Bitt’ ich euch’s ab, wenn ihr’s so haben wollt, Nur helfet mir, o habt mit mir Erbarmen! In wenig Tagen steht vielleicht mein Kind Vor Gottes Richterstuhl und klagt mich an, Daß ich die Liebe meinem Stolz geopfert. Es stand in meiner Macht, die letzten Stunden Ihm zu verschönen und ich tat es nicht; Das soll nicht sein, das soll mein Kind nicht sagen Und müßt’ ich mich erniedrigen so tief, Daß mich von Stund’ an jeder Mensch verachtet, Gott sieht mein Herz und hebt mich zu sich auf. Ist doch nichts heiliger auf dieser Erde, Als einer Mutter Liebe für ihr Kind, Und was man tut in dieser Liebe Namen, Das ist geheiligt. O, wie arm und klein Dünkt mir der Stolz, der vorhin mich bewogen, Das Geld zurückzuweisen, das ihr gabt. Wie fühlt’ ich doch am Bette meines Kindes, Wie alles irdisch ist, wie nur die Liebe Vom Himmel kommt und wie in ihrem Feuer Doch alles schmilzt, was von der Erde ist. Da kehrt’ ich schnell zurück; zu euern Füßen Leg’ ich gebrochen meinen Stolz nun hin (sie kniet nieder) Und bitt’ euch recht, gebt jetzt mir jenes Geld.
Mux (hat ihr erregt zugehört und spricht mit erzwungener Rauheit): Ihr hättet’s früher überlegen sollen, Ich will nicht Spielball eurer Laune sein.
Lene: Ihr nennet’s Laune? Sehet ihr denn nicht, Daß ein gemartert Herz das letzte opfert, Was ihm geblieben ist: sein bißchen Stolz? Wißt ihr denn nicht, was Elternliebe heißt? Ihr habt ja selbst ein Kind, ein holdes Kind — Denkt euch, es läg’ auf seinem Sterbebette Und flehte euch um eine Labung an, Ließt ihr da nicht all’ euern Hochmut fahren, Gingt ihr zu euerm ärgsten Feinde nicht Und flehtet ihn um Hilfe, könnt’ er helfen?
(In diesem Augenblick geht Lisbeth am Fenster vorbei und winkt dem Vater weinend zu, er preßt ergriffen seine Hände an die Brust, da erscheint wieder für einen Augenblick die Gestalt des Rothmantels an der vorigen Stelle. Mux wendet sich zu Lene.)
Lisbeth (von draußen): Lebt wohl, mein Vater!
Mux (zu Lene): Seht, dort geht mein Kind, Es gibt euch selber Antwort auf die Frage. Ich schick’ als Bettlerin es in die Welt, Weil es der Stimme seines Herzens folgte.
Lene: Das tatet ihr? Dann fleh’ im wohl umsonst, Ich geb’ es auf, euch ferner noch zu bitten.
Mux: Gut, daß ihr’s einseht! Und nun schert euch heim Zu eurem Balg, sonst stirbt er unterdessen.
Lene: Martin, ich fluch’ dir nicht, ich tat es nie Und tu’ es heute weniger als je, Ich sehe wohl, daß ich’s nicht nötig habe. Du bist verflucht, du kennst die Liebe nicht, Aus deinem Herzen hat sich Gott gelöset, Gott ist die Liebe und du kennst sie nicht.
(Sie geht. Mux sinkt auf seinen Stuhl und vergräbt das Gesicht in die Hände. Nach einer Weile richtet er sich auf.)
26. Auftritt.
Mux (allein): Gott ist die Liebe und du kennst sie nicht! Wie sie es sagte! Wie ein Racheengel Erschien sie mir. Bis in das Mark durchbebt Ward ich von diesen Worten, nie im Leben Hat etwas mich so tief ins Herz getroffen. Und hielt’ ich es für Teufelsblendwerk nicht, Ich glaubte fast, es wäre Gottes Stimme. — Ich hab’ gelebt, wie ich es mir gewünscht, In Saus und Braus, im Taumel des Vergnügens — War es das rechte, was ich mir erwählt? Durch meine Seele geht ein leise Ahnen Von einem Glück, so heilig, hoch und hehr, Wie ich im Leben niemals es empfunden.
(Er schiebt den Stuhl zurück, steht auf und schüttelt unwillig den Kopf.)
Ob ich das Glück errang, ob ich’s verwarf, Ich hab’ gewählt; nun muß ich bis ans Ziel Den Weg verfolgen, den ich eingeschlagen; Ich will ihn gehn, was hält mich davon ab?
(Er greift nach dem Kruge und will ihn ansetzen.)
Da greif’ ich nun schon wieder nach dem Kruge, Und doch trägt nur der Wein die Schuld daran, Daß ich so weibermäßig weich geworden.
(Er schleudert den Krug zu Boden, daß der Wein ausfließt.)
Da fließe hin, du gift’ger Zaubertrank, Der den Verstand mir hat umnebeln wollen, Der Teufel selber hat mir dich gemischt, Damit ich seiner List um Opfer falle. Jetzt bin ich wieder ich, der Martin Mux, Der aller Bitten, aller Tränen spottet, Der kühn es aufnimmt mit der ganzen Welt. O, flucht mir nur, ihr Toren allesamt, Und keuchet weiter unter eurer Bürde, Die ihr euch selber aufgeladen habt, Schleppt sie nur fort, brecht unter ihr zusammen! Hohnlachend steh’ als Sieger ich vor euch, Ein freier Mann, der sich an nichts gebunden — Ich kenn’ die Liebe nicht, ich halt’ das Glück!
3. Aufzug.
(Dasselbe Zimmer wie im vorigen Aufzuge.)
1. Auftritt.
Mux. Gerl. Griesenpeck.
(Sie sitzen beisammen am Tische, auf dem Weinkrüge und eine Laterne stehen.)
Gerl: Seht, Meister Mux, ’s war doch ein dummer Streich, Daß ihr die Lisbeth damals ziehen ließet; Nun säß’ sie warm und weich im Elternhaus, Euch spielten Enkel fröhlich hier zu Füßen Und das Geschäft, das ihr so hoch gebracht, Das sähet weiter ihr gedeihn und blühen. Dann wär’ es sicher euch nicht eingefallen, Als alter Mann auf Wanderschaft zu gehn.
Mux: Warum denn nicht? Ich bin so rüstig noch Wie ich vor zwanzig, dreißig Jahren war.
Griesenpeck: ’s ist wunderbar, wie ihr euch jung erhaltet! Vielleicht ist’s doch, wie meine Alte sagt, Daß euch der Teufel hilft.
Mux: So, sagt sie das?
Griesenpeck: Im Scherz natürlich.
Mux: Ei, was ficht’s mich an. Wenn sie’s im Ernst auch sagt! Sei’s nun der Teufel, Sei es was and’res, was mich jung erhält, Ich habe Grund, darüber mich zu freuen.
Gerl: Das glaub’ ich wohl. Ich wollt’, mir ging’s wie euch! Ich bin so ziemlich ja in eurem Alter Und seht, mein Haar ist weiß, die leid’ge Gicht Zwickt mich an allen Gliedern, meine Beine Sind auch zu faul, mich alten Klotz zu tragen; Ich bin fürwahr ein kläglicher Gesell. Doch wißt ihr, Mux, das find’ ich doch nicht klug, Daß ihr Geschäft und Haus sogleich verkauftet; So jäh als euch der Wandertrieb erfaßte, So jäh wird er verschwinden und ihr sitzt Dann in der Fremde, einsam und verlassen.
Griesenpeck: Ach! Einsam und verlassen! Redet nicht! Was, Meister Mux, ich hab’ nicht fehlgeraten, Wenn ich vermut’, daß ihr zu Lisbeth geht.
Mux: Was euch nicht einfällt! Kennt ihr mich so wenig, Daß ihr vermeint, ich lauf’ der Dirne nach, Die mich so leichten Herzens einst verlassen?
Gerl: Mit leichtem Herzen tat sie’s wahrlich nicht. Bei meiner Grete war sie damals drüben Und sagt’ ihr Lebewohl; da schluchzte sie, Daß einen Stein es hätt’ erbarmen müssen.
Mux: Ihr tat der Abschied von der Freundin weh.
Gerl: Nein, das war’s nicht, sie klagte nur um euch, Und daß ihr sie ließt geh’n ohn’ euren Segen.
Mux: Nun, sei’s wie’s will, laßt die Geschichten ruhn.
Griesenpeck: Sagt’s ehrlich, Mux, es ist ja keine Schande — Ihr geht zu eurer Tochter?
Mux: Hört doch auf! Ich wüßt ja nicht einmal, wo ich sie finde.
Gerl: Drum geht ihr eben auf die Wanderschaft.
Mux: Meint ihr, daß ich die halbe Welt durchlaufe Und nach der ungerat’nen Tochter such’?
Griesenpeck: Die halbe Welt braucht ihr nicht zu durchlaufen, Mir dünkt, ich hätte einmal was gehört, Daß sie nach Nürnberg ist mit ihrem Joseph.
Mux: Dann wißt ihr mehr als ich. Mich kümmert’s nicht.
Griesenpeck: Verstellt euch nicht zu eurem eignen Schaden! Seht, damals hießen wenige es gut, Daß ihr sie ziehen ließt. Im ersten Zorne Tut man gar manches, was man dann bereut, Nur will man selber sich’s nicht eingestehen Und läßt die Jahre drüberhin vergehn, Man läßt die Kluft, die man mit einem Worte Im Anfang hätte überbrücken können, Stets weiter werden. Doch ein guter Mensch Besiegt zuletzt den Feind im eig’nen Herzen, Den finstern Trotz und gibt der Liebe Raum. Freund Mux, ich seh’s zu meiner großen Freude, Daß ihr so hart nicht seid, als es oft scheint, Ihr schämt euch nur für euere Gefühle, Das ist nicht klug, denn man verkennt euch oft.
Mux: Ihr gebt euch Müh’, mich innen zu vergolden, (Wehmütig) Wenn es euch Freude macht, so mag’s drum sein, Mir ist’s ja lieb, denkt jemand gut von mir, Ich wollte nur, daß ich es auch verdiente.
Griesenpeck: O, ihr verdient’s, es steckt ein guter Kern In eurer rauhen Schale, nur ist sie Oft allzu rauh, drum sucht niemand den Kern.
Gerl: Wann geht ihr fort?
Mux: In aller Morgenfrühe, Eh noch mein Nachfolger hier Einzug hält Und ehe die Gesellen noch erwachen; Mir ist nichts so zuwider auf der Welt Als das Begrüßen und das Abschiednehmen.
Gerl: Von uns müßt ihr euch’s doch gefallen lassen, Denn wir geleiten euch ein Stück des Wegs.
Mux: O, laßt das, Freunde! Freut’s mich auch von euch, So will ich doch das Opfer nicht verlangen, Daß ihr um vier Uhr aus den Federn kriecht Um meinetwillen, denn ich geh’ so früh’.
Griesenpeck: Dies einemal wird es uns doch nicht schaden, Wer weiß, ob wir uns jemals wiedersehn.
Gerl: Dann müssen wir uns heute früher trennen, Daß uns das Aufstehn nicht zu sauer fällt.
Griesenpeck: Der Mux bleibt gern ein Stündchen wohl allein, Nimmt Abschied von den alten Mauern da Und den Erinnerungen, die sie bergen.
Gerl: Doch wenn ihr morgen wollt in aller Stille Von Hause gehn, dann müssen wir euch heut’ Das Abschiedslied noch singen. Griesenpeck, Könnt’ ihr sie noch, die alte, schöne Weise, Die man zu uns’rer Zeit den Burschen sang, Wenn in die Welt auf Wanderschaft sie zogen.
Griesenpeck: Wer, der im Leben einmal sie gehört, Kann sie vergessen? Ruft sie doch zurück Der goldnen Jugend himmlisch schöne Tage.
Gerl: So stimmt ihn an, den ernsten, schönen Sang.
(Sie singen.)
O zieh’ nur froh und mutig fort Ins weite, weite Land, Dich hält doch an der Heimat fest Ein unsichtbares Band. Und ist die Fremde noch so schön, Die Heimat noch so arm, Du sehnst dich nach der Heimat doch Wie nach dem Mutterarm.
Ward dir auch in der Fremde Glück Und in der Heimat Schmerz, Ein unfaßbares Sehnen zieht Dich dennoch heimatwärts. Wo du den ersten Traum geträumt Und sprachst dein erst Gebet, Der Ort bleibt immer heilig dir, Sein Bild dir nie vergeht.
Hat jede Liebe dich getäuscht und warfst du alles fort, Das eine hältst du ewig fest, Die Lieb’ zum Heimatsort. O zieh’ nur froh und mutig fort, Ins weite, weite Land, Dich hält doch an der Heimat fest Ein unsichtbares Band.
(Dies Lied kann auch hinter der Szene als eine Art Ständchen gesungen werden. In diesem Falle bleiben die weiter oben in Klammer gesetzten Worte weg. Regiebemerkung.)
Mux (tief gerührt, ergreift über den Tisch die Hände der beiden Männer): Dank’ euch, ihr Freunde, für den schönen Sang — Ja, in die Heimat will ich wiederkehren, Aus der ich kam — wenn es mein Schicksal will. Und laßt euch danken nun für eure Freundschaft, Ihr standet treu zu mir in allen Tagen, Ward ihr auch immer meiner Meinung nicht Und hießt nicht alles gut, was ich begann.
Griesenpeck: Das ist der Männerfreundschaft Sinn und Zeichen, Daß sie nicht Sklavin jeder Laune ist Und von der Meinung weiß den Mann zu scheiden.
Mux: Denkt meiner auch, wenn ihr mich nimmer seht.
Gerl: Ach, spart die trüben Worte euch bis morgen, Um gutes Angedenken bittet man Erst in der allerletzten Scheidestunde.
Griesenpeck: Wir sehn uns morgen noch. Nun schlaft recht wohl Zum letzten Male unter diesem Dache, Das euch so viele Jahre treu geschirmt.
Gerl: Gut’ Nacht!
Griesenpeck: Auf Wiedersehen!
Mux: Lebet wohl!
(Er geleitet sie mit der Laterne hinaus, nach einer Weile kehrt er zurück.)
2. Auftritt.
Mux (allein).
Mux (wehmütig): Lebt wohl, ihr guten Alten! Euer Sang Ist ja das einz’ge, was von diesen Mauern Mir tröstlich widerklingt — sonst hab’ ich nichts. Allein — verlassen! Könnt’ ich, wie ihr glaubt, Die Tochter einmal in die Arme schließen, Mir wäre wohl. Doch still, ich werde weich — Der Mux, der lebenslange hart gewesen, Er bleib’ sich bis zur letzten Stunde gleich. Ihr seht mich nimmer, liebe, alte Freunde, Denn diesen Weg muß ich allein nun gehn.
(Er schließt einen Schrank auf, nimmt einen Sack Geld heraus, dann hängt er einen Mantel um, setzt die Mütze auf und nimmt die Laterne in die Hand. Er leuchtet damit an allen Wänden hinauf.)
So geh ich denn — leb’ wohl, du altes Haus! In deinen Mauern hab’ ich viel erlebt, Doch nichts, was mir dich eben teuer macht. Der Hütte mit dem vielgeflickten Dach, Wo ich als Kind gewohnt, gedenk’ ich gern, Trotzdem ich Not und Elend dort ertragen; Es ist ein seltsam, unbegreiflich Ding. Was schmückte mir die elterliche Hütte? War es der Kindheit Zauber, war’s die Liebe, Die damals mich umgab? — O, Dämon du, Ich zahlte reichlich, was du mir gegeben, Da von der Liebe ich mich losgesagt.
(Er seufzt tief auf.)
Die Zeit ist um, ich will nicht länger zögern, Sonst glaubt der Feind, ich fürchte mich vor ihm.
(Er nimmt den Sack an sich, hüllt sich fester in den Mantel und verläßt die Stube mit der Laterne.)
~Verwandlung.~
(Der Ausgang des Heidenhaines; es ist Nacht; Windstöße und Wetterleuchten. Vom nahen Stephansdom schlägt die Uhr zwölf. Mux schaufelt ein Loch zu, das er unter einem Baume gegraben; die Laterne steht neben ihm.)
3. Auftritt.
Mux (allein).
Mux (tiefaufatmend): Nun ist’s geschehn; all mein Vermögen ruht In dieser Grube, niemand kann es nützen; So schließe ich die Rechnung ruhig ab, Kein einzig Liebeswerk muß ich verzeichnen. Noch eine Stunde, dann hab’ ich vollendet — Wie das wohl sein mag, nimmermehr zu sein? Seit dreißig Jahren weiß ich nun den Tag, An dem ich sterben muß; nie fiel’s mir ein, Dem Worte nachzudenken — was ist Sterben? Was ist der Tod? Ein Ruh’n nach Erdenmüh? Ich bin nicht müde; wie vor dreißig Jahren. Kreist schnell mein Blut und ist mein Arm noch stark Und ich soll ruh’n? Ei nun, was will ich denn? Die andern, die in meinen Jahren stehen, Sie klagen bitter, daß der Herr der Welt Zu aller Mühsal, die das Leben bringt, Des Alters Schwäche hat hinzugefügt, Daß sie die Früchte ihres Jugendfleißes Nicht pflücken können aus Gebrechlichkeit. Ich soll von hinnen gehn mit allen Kräften Und will es nicht, weil ich zu wenig müd. Es ist doch schwer, es allen recht zu machen, Ein jeder wünscht sich and’res als er hat; Ich möchte nichts als nur das eine wissen: Was ist das Glück? Wer hat es recht erfaßt? Ich hab’ gelebt, hab’ vieles wohl genossen, Ich war an Gütern wie an Ehren reich, Doch war mir oft, als wär’s das rechte nicht. Was ich erwählt von dieses Lebens Gütern. Ob mir die Zukunft darauf Antwort gibt, Ob man im Jenseits drüben etwas weiß, Von jenem Leben, das man hier geführt? Was soll das Grübeln jetzt? In einer Stunde Bin ich vereint mit vielen Millionen, Die vor mir lebten, vor mir so gedacht, Wie ich nun denk’, und denen niemand auch Die Antwort gab, die sie ergrübeln wollten. Mein Licht lösch’ ich nun aus, es ist so irdisch — Zuckt doch am Himmel ein ganz andres Licht. (Nach einer Pause): Die Zeit verrinnt — warum er nur so zögert, Der Höllengeist? Ich freue mich auf ihn, Auf sein erbost Gesicht; wie wird’s ihn ärgern, Daß ich ihm doch entschlüpf’! ....