Der Teufelsschlosser

Part 3

Chapter 33,796 wordsPublic domain

Bettlerin: Habt ihr nur Spott für mich und harte Worte, So laß mich fort.

Mux: Ich halte dich nicht auf!

Bettlerin: Seht zu, daß euch der Himmel nicht bestrafe! (Ab.)

12. Auftritt.

Mux (für sich): Das bettelt, hungert und spricht von den Schätzen, Die es im Herzen trägt. Viel Glück dazu!

(Es pocht wieder.)

Soll ich mein Frühstück nicht in Ruh’ verzehren? Herein, wer’s immer sei! (Lene tritt ein; sie ist sehr ärmlich gekleidet, sehr gealtert und abgehärmt.)

13. Auftritt.

Mux. Lene.

Lene: Gott grüß euch, Meister!

Mux: Schön Dank! Was wollt ihr, Frau?

Lene: Kennt ihr mich nimmer?

Mux: Warhaftig, Lene! Was sucht ihr bei mir?

Lene: Ich hätt’ es nie im Leben mir gedacht, Daß ich zu euch noch einmal kommen würde, Doch treibt mich bitt’re Not zu diesem Schritt.

Mux: So geht’s euch schlecht? Ich hörte nichts von euch Seit vielen Jahren.

Lene: Ich will euch erzählen, Wie mir’s ergangen seit ... seit jenem Tag, Da ich zum letztenmal mit euch gesprochen. An eurem Hochzeitstage kam der Franz, Der eure Frau geliebt, zu mir hinaus; Er sagte mir, wir zwei Verlassenen Gehörten nun für alle Zeit zusammen, Ich möge Hochzeit machen nun mit ihm. Ich sagte nein, weil ich mir zugeschworen, Daß ich ... doch still davon ... ich sagte nein. Da ward die Mutter krank; mein bißchen Lohn Genügte nicht, die Mutter zu erhalten — Und wieder kam der Franz — da gab ich nach. Am selben Tag, da euch das Töchterchen Geboren ward, da standen Franz und ich Vorm Traualtar; damit begann ein Leben An Arbeit reich und an Entbehrungen, Doch waren wir trotz alledem zufrieden. Die Mutter starb, ich hab’ sie treu gepflegt Und ihr vergolten alle ihre Liebe; Vor einem Jahr verlor ich meinen Gatten, Ich hab’ an ihm auch meine Pflicht getan. Der Himmel hatte mir ein Kind geschenkt, Ein Töchterlein, den Sonnenschein des Hauses, Nun liegt es krank — es hat des Vaters Leiden Von ihm geerbt, es geht dem Vater nach; Ich weiß es wohl, daß keine Rettung ist, Doch seine letzten Tage zu verschönen, Ist all’ mein Streben, ist mein einz’ger Wunsch. Ich kenne niemand, der imstande wäre, Mir eine größ’re Summe Gelds zu borgen, Da dacht’ ist nun an euch; ihr seid so reich Und werdet sicher nicht zurück mich weisen. (Weinend.) Ist es dann tot, mein heißgeliebtes Kind, Dann will ich schaffen, daß die Hände bluten, Ich bring’ die Summe wohl euch bald zurück.

(Mux ist erregt auf- und niedergegangen und setzt nun ein paarmal zum Sprechen an, ehe er wirklich spricht.)

Mux: Wenn ihr sie braucht, dann sucht ihr eure Freunde — Wie, wenn ich euch das Geld nicht geben will?

Lene: O gebt es mir! Wär’ anders ich geartet, Ich mahnte euch an eine alte Schuld, Doch tu’ ich’s nicht, ich flehe um Erbarmen.

(Gerl tritt ein und begrüßt Mux lärmend.)

14. Auftritt.

Mux. Lene. Gerl.

Gerl: Schon wieder munter auch? Uns alten Zechern Tut solche Ladung Wein noch gar nichts an.

(Lene bemerkend.)

Ach so, ihr habt Besuch! Ei, seh’ ich recht? Das ist die Lene gar! Hat euch das Sehnen Nach eurem Jugendfreunde jäh gepackt?

Mux: Nicht nach dem Freunde, nur nach seinem Beutel.

(Sie weicht erschrocken über diese Worte einen Schritt zurück.)

Nun, ist’s nicht so? Tut etwa noch beleidigt!

Lene (zu Gerl gewendet, der sich ohne Umstände zu Muxens Frühstück gesetzt hat und gemächlich ißt und trinkt):

Mein Töchterlein ist krank, ich bin in Not Und kann der Kranken nicht die Nahrung bieten, Die sie wohl brauchte.

Gerl (behaglich schmausend): Ja, ein gutes Essen Ist allezeit die beste Medizin.

Lene: Auf hartem Lager ruh’n die zarten Glieder Und wenn des Fiebers eis’ge Hand sie packt, Dann hab’ ich nichts, sie wärmend einzuhüllen.

Gerl: Nun, liebe Frau, es war recht klug von euch, Den Meister Mux deswegen aufzusuchen, Das ist ein braver, ein barmherz’ger Mann. Wo man für gute Zwecke nur mag sammeln, Gibt er die größte Summe sicherlich.

(Mux hat indessen in einem Schranke umhergekramt und wendet sich nun zu Lene.)

Mux: Hört mir nun zu, ich will euch etwas sagen: Ihr seid gekommen, Geld von mir zu borgen; Ich schenk’ euch eine Summe, groß genug, Um eures Kindes Leben lang zu fristen, Doch tretet niemals wieder in mein Haus, Denn ich hab’ eure Absicht klar durchschaut. Der Tochter Krankheit, eure Bettelei War nur ein Vorwand, in dies Haus zu kommen. Da ihr nun endlich freigeworden seid Und da ihr wißt, daß ich verwitwet bin, So dachtet ihr, wir könnten uns vereinen — Die Rechnung habt ihr ohne mich gemacht, Ich geh’ als Gimpel nicht auf euern Leim.

Lene (empört): Martin, du Böser, dran erkenn’ ich dich! So schlecht von einem andern Menschen denken, Das kannst nur du, denn auch nur du allein Bist so berechnend, so erfüllt von Selbstsucht. Du kennst nur dich, wer außer dir noch lebt, Ist dir nur wert, soweit er dein Behagen, Soweit er deinen Ehrgeiz fördern kann. Behalt’ dein Geld, ich werde lieber betteln Als nehmen, was von deiner Hand mir kommt. (Ab.)

15. Auftritt.

Mux. Gerl.

Gerl: Dem Frauenzimmer geht es wirklich schlecht, Soviel mir scheint.

Mux: ’s ist alles nur Komödie, Ging es ihr schlecht, hätt’ sie das Geld genommen, Mich täuscht kein Weib, ich hab’ es schnell durchschaut.

Gerl: Wir alte Füchse lassen uns nicht fangen, Was, Meister Mux? Ja, Klugheit nur allein Kann in der Welt den Menschen vorwärts bringen. Nun hab’ ich euer Frühstück euch verzehrt, Doch wißt, mir wird es gleich so flau im Magen, Wenn man von Not und Elend mir erzählt, Ob’s auch erlogen ist.

Mux (hinausrufend): Lisbeth, bring’ Wein!

Gerl (Mux umschlingend, singt): Zu jubelnder Freude nur sind wir geboren, Wir lassen die Tränen den Armen und Toren, Es liegen ja offen die Schätze der Welt, So nehme sich jeder, was ihm nur gefällt.

(Lisbeth tritt ein, stellt schweigend zwei Kannen auf den Tisch und geht wieder hinaus.)

Gerl: Die Jungfer ist so still, die stört euch nicht, Ich wollt’, daß meine Alte auch so wäre. Allein die zankt und keift und keift und zankt Und will mir keinen Tropfen Wein vergönnen, Sie meint, das Wasser tät denselben Dienst; Was weiß ein Weib, wie’s einem Mann zumute — Ja, ich vergriff mich auch bei meiner Wahl. Die Schätze dieser Welt, sie liegen offen, Doch selten hat ein Mensch so viel Verstand, Das richtige fürs Leben sich zu wählen. Man greift hinein und meint, man macht es schlau, Wenn man ein wenig wählt und — greift daneben. An meiner Alten hab’ ich’s oft gerühmt, Als sie noch Mädchen war, daß sie so sparte; Ich führt’ sie heim, was hab’ ich nun davon? Das Geld mehrt sich im Schrank und ich verdurste. Nun muß ich aber wirklich schon hinüber, Sonst holt sie mich am Ende selber noch. Ja, daß ich nicht vergess’, warum ich kam: Wir kegeln heut’ im Regensburger Hof, Vergesset’s also nicht und kommt gewiß.

Mux: Ich komm’ gewiß, ihr könnt euch drauf verlassen. (Gerl ab.)

16. Auftritt.

Mux (allein, sieht eine Weile träumend vor sich hin): Die Lene! Meine Lene! Welche Fülle Von Bildern taucht bei diesem Namen auf! Der Abendsonne Glanz ruht auf den Feldern Und drüber zittert leiser Glockenklang, Und ich und sie allein — wie wunderschön, Wie weich und friedevoll ist das gewesen! Wo sind die Zeiten hin? Verrauscht — vergangen. O, käme eine Stunde mir zurück Aus jenen wonnevollen Jugendtagen, O, klängen mir die Glocken so wie einst! (Nach einer Pause): Und ihr nicht helfen können, es nicht dürfen! Wie froh war ich, als dieser Gerl kam — Denn das ist ja ausdrücklich mir gestattet, Daß ich vor Zeugen dürfe Gutes tun, Nur müss’ ich’s dann mit hartem Wort begleiten. Da packt das Weib nun der verdammte Stolz Und sie verzichtet auf die milde Gabe — Was will ich tun? ’s ist mein Verhängnis so.

(Er macht eine Bewegung, als ob er alle unangenehmen Gedanken abschütteln wollte und blickt finster auf, als es pocht und Joseph eintritt.)

17. Auftritt.

Mux. Joseph.

Joseph: Grüß Gott!

Mux: Ei, Joseph, bist du schon gesund?

Joseph: Wie man es nehmen will. Die Wunde zwar Ist ganz geheilt, doch kann ich meine Hand Zur Arbeit nie im Leben mehr gebrauchen; ’s ist zwar die linke nur, doch geht sie ab.

Mux: Das will ich meinen. Doch was willst du hier?

Joseph: Was ich hier will? Wie könnt ihr fragen, Meister? Um Arbeit euch zu bitten kam ich her.

Mux: Um Arbeit, Joseph? Sahst du je im Leben Schon einen Schlosser mit nur einer Hand?

Joseph: Das freilich nicht; auch nicht denselben Platz, Den ich in eurer Werkstatt eingenommen, Verlang’ ich jetzt; gebt einen andern mir! Es gibt so viel zu tun in eurem Hause, Was ich mit einer Hand noch leisten kann, Ich lern’ es bald, mit ihr mich zu behelfen.

Mux: In meinem Hause duld’ ich keinen Krüppel.

Joseph: Mein Gott, daß ich das Wort ertragen muß, Ich, der viel stärker noch als ihr gewesen.

Mux (höhnisch): Ja, ja, gewesen — eben nur gewesen.

Joseph: Könnt ihr in eurer Werkstatt mich nicht dulden, So gebt mir außerhalb Beschäftigung, Ich kann mich sicher vielfach nützlich machen.

Mux: Du warst ein Schlosser; kannst du’s weiter sein, So wie du’s warst, dann magst du wieder bleiben, Doch and’re Arbeit hab’ ich nicht für dich.

Joseph (sichtlich mit sich kämpfend): Hört, Meister, mich! Ich will es gerne glauben, Daß euch ein Arbeiter zuwider ist, Der nicht so schafft, wie er wohl schaffen sollte, Allein ......

Mux: Was zögerst du? So sprich doch weiter.

Joseph: Verzeiht, mir fällt das Sprechen gar so schwer, Soll eine Bitte von den Lippen gleiten, Und schwer zur Bitte kann die Hände falten, Wer je den Hammer schwang mit starker Hand, Wem hartes Eisen sich gefügig zeigte; Doch tu’ ich’s, Meister, jetzt und bitte euch, Laßt aus Erbarmen mich in eurem Hause.

Mux: So so, du bettelst? Hast du deinen Lohn Bis auf den letzten Groschen denn vergeudet? Du warst ja glänzend doch bei mir bezahlt.

Joseph: Ich bat euch nicht aus Not, ich hab’ genug, Mein Leben viele Monde noch zu fristen, Doch bin ich so an — euer Haus gewöhnt.

Mux: Du wirst auch an ein and’res dich gewöhnen.

Joseph: Ihr schlagt die Bitte ab? So lebet wohl!

(Er wendet sich zum Gehen, Mux ruft ihm nach.)

Mux: Halt! Steh, du feiger, heuchlerischer Bursche! Du rühmtest dich, daß du das Eisen zwangst, Und wagst es nicht, die Wahrheit zu gestehen Aus Furcht vor meiner Faust. Sprich nun, was ist’s, Das dich an dieses Haus so enge fesselt, Bin ich’s vielleicht, ist’s meines Namens Ruf?

Joseph: Ihr scheltet feige mich und heuchlerisch, Da kann ich denn nicht länger mehr nun schweigen; Um meinetwillen schwieg ich sicher nicht, Ich schwieg um jener willen, die ich liebe. Doch ist das Mädchen meiner Liebe wert, So mag es mutig auch die Unbill tragen, Die ihm erwachsen wird aus dieser Liebe. Ich liebe eure Tochter, wißt es nun! Um ihretwillen sprach ich jene Bitte, Um ihretwillen zwang ich meinen Mund Zu Worten, die ich niemals sonst gesprochen.

Mux: Du hast’s gewagt, dein Auge zu erheben Zu meiner Tochter? Du, des Henkers Sohn, Den ich aus Mitleid in mein Haus genommen, Weil niemand anderer ihn nehmen wollt’?

Joseph: Aus Mitleid? Ihr? Ich glaubt’ es einstens auch — Bald wußt’ ich’s besser — nur Berechnung war’s. Ihr wußtet nur zu gut, daß ich für euch Nicht nur ein Lehrling, nicht ein Diener nur, Daß ich ein Sklave würde sein aus Furcht, Von eurer Schwelle auch verjagt zu werden. So jung ich war, ich kannte wohl den Fluch, Mit dem des Vaters Handwerk mich belastet; Ihr hieltet schlechter mich als einen Hund — Wie gern hätt’ ich mit einem Hund getauscht! Ich knirschte mit den Zähnen, doch ich schwieg Und blieb bei euch; und eure harten Schläge Ich gab dem Amboß härter sie zurück, Das stärkte mich an Körper und Gemüt; Dann fühlt’ ich nimmer mich so arm und klein. Wenn ich den Hammer schwang, dann war ich Herrscher. Und still im Herzen hatt’ ich mir’s gelobt, Euch gleich zu werden an Geschicklichkeit. Was ich geworden, dank’ ich eurer Härte; Die mich verachtet, mußten bald mich rühmen, Und stieß den Knaben man von Haus zu Haus, Und wollte keiner ihn als Lehrling nehmen, Man hätte wohl ein Auge zugedrückt, Wenn als Geselle er dann eingetreten. Selbst ihr gewannt es endlich über euch, So schwer’s euch ward, das Zeugnis mir zu geben, Daß meine Arbeit ohne Tadel sei, Selbst ihr bezahltet endlich mir den Lohn, Den and’re für gering’res zwar empfingen, Doch war’s ein Lohn. Ich war nun endlich frei, Und was der Knabe glühend einst ersehnte — Fesseln abzustreifen — ich konnt’s tun; So meinte ich, doch längst mit andern Ketten War unbewußt ich an dies Haus gebunden, Ob sie aus Rosen auch geflochten waren, Sie hielten fester als das Eisen doch — Liebe war’s, die mich ergriffen hatte. Im Dunkel dieses düstern Hauses war Doch auch ein Stern, doch auch ein Sonnenstrahl, Der Hoffnung gab, erleuchtete, erwärmte — Und das war Lisbeth, euer holdes Kind.

Mux: Noch einmal wagst du es, von ihr zu sprechen? Geh, sage ich, wenn dir dein Leben lieb, Eh’ ich vergesse, daß ein Krüppel du, Eh’ ich vergesse, daß sich selbst beschimpft, Wer sich vergreift an dem Geächteten.

Joseph (wild): Schweigt, sag’ ich euch! Ich werd’ an euch zum Mörder! Wär’t ihr der Vater der Geliebten nicht, Ich würf’ mit einer Hand euch an die Mauer, Daß ihr dort klebtet bis zum jüngsten Tag.

Mux (höhnend): Wie ich dir dankbar bin für deine Schonung, Du armer Tropf!

(Er geht durch die Tür links hinaus.)

18. Auftritt.

Joseph (allein, sinkt erschöpft auf einen Sessel): Was hab’ ich ihm getan, Daß er mich so verhöhnt? Es war genug, Daß er mich nimmermehr in Arbeit nahm — Warum hat er so lange mich gereizt, Bis ich den Schleier riß vom Heiligtume, Das ich bisher verborgen in der Brust? Nur um mich zu verhöhnen, mir zu sagen, Daß ich geächtet und ein Krüppel bin?

(Verzweifelt an der kranken Hand rüttelnd.)

Ein Krüppel bin ich, bin ein Bettelmann, — O Lisbeth, nimmer darf ich an dich denken!

(Lisbeth kommt von rechts und eilt in freudiger Überraschung auf ihn zu; er erschrickt und sucht in Verlegenheit zur Tür zu gelangen.)

19. Auftritt.

Lisbeth. Joseph.

Lisbeth: Da seid ihr wieder, Joseph. Nun, wie geht’s?

Joseph (hastig): Da bin ich — ja — doch muß ich wieder geh’n — Ich bin — ich kann — die Hand nicht mehr gebrauchen — Und euer Vater, der — der schickt mich fort, Wie’s ja natürlich ist — so — geh’ ich denn.

Lisbeth (schmerzlich): Ihr geht von uns — schmerzt euch der Abschied nicht?

Joseph: Ob er mich schmerzt? Schaut meine Augen, Jungfer, Schaut meine Wangen, die von Tränen naß! Wenn Männer weinen, Männer meines Schlages, Könnt ihr’s ermessen, Lisbeth, was das heißt? Die Mannesträne, sie fließt aus dem Herzen, Nicht aus dem Auge nur — und der sie weint, Ist einer, der sein ganzes Glück verloren.

Lisbeth: Sein ganzes Glück! Und was ist Männerglück? Der Erste seines Standes sein, der Beste Und auch als Bester immer anerkannt. Ihr trauert nun, weil ihr dies Glück verloren?

Joseph: Ich traure wohl, doch nicht deshalb allein. Seht, Jungfer Lisbeth, meine Fertigkeit, Gewandtheit, Kraft, sie waren mir Gewähr, Daß ich’s dereinst zu etwas bringen werde. Und dann — ja, seht, wie man so manchmal träumt, Unsinnig, unerfüllbar hofft und träumt — Dann dacht’ ich hinzutreten vor die Eine, Die mir das Herz erfüllt, und ihr zu sagen: »Sieh, das ist dein, ich hab’ es mir erworben, Indem ich dein gedacht; dein liebes Bild Gab mir die Kraft, den Mut, das zu erringen, Und wenn du willst, so teil es du mit mir.« — Es war ein Traum, ein kühner Traum, allein An eine Hoffnung muß der Mensch sich klammern Und von der Zukunft etwas noch erwarten, Soll er zum Tier nicht werden, dem kein Hoffen Die Gegenwart verschönt. Lisbeth, ihr wißt, Wie ich in diesem Hause ward gehalten — Verzeiht, daß ich so sprech’, es ist das Haus, Das euch beherbergt, eures Vaters Haus — Doch ging es schlimmer mir als einem Hunde; Ein Wesen gab es, das nach mir nicht schlug, Mich nicht verhöhnte, und dies eine Wesen Ist schuld, daß ich ein Mensch geblieben bin; Als Engel zog’s durch meine Knabenträume, Mein Herz hat es erfüllt; seit ich ein Mann, Es zu erringen, war mein Lebensziel. Nun ist’s vorbei, die Hoffnung ist erloschen, Und ich hab’ aufgehört ein Mensch zu sein.

Lisbeth: Ich glaub’, ihr irrt euch, Joseph; nicht ein Mensch, Ihr habt bloß aufgehört, ein Mann zu sein. Wär’t ihr ein Mann, ein ganzer, mut’ger Mann, So trätet ihr vor die Geliebte hin Wie ihr jetzt seid, verkrüppelt, arm und hilflos, Und fragtet, ob sie euch gehören will.

Joseph: Das — nein — das geht nicht; sei sie noch so gut, Das darf man von der besten nicht verlangen.

Lisbeth: Der Männer Liebe ist wohl andrer Art, Sonst würden sie von Frauen nicht so denken. Ein echtes Weib, ein Weib, das lieben kann, Fragt sicher nicht: »Wer bist du und was hast du?« Es fragt den Mann: »Kann ich dir etwas sein?« Und wenn das Weib, das euch im Sinne liegt, Euch nicht so fragt, dann reißt es aus dem Herzen.

Joseph: So denkt ihr, Lisbeth, und sprecht so zu mir? Lisbeth! Darf ich es deuten? Darf ich’s denn?

(Sie nickt lächelnd.)

Mein Schutzgeist du, du hast mich wirklich lieb, So lieb, wie du’s gesagt?

Lisbeth (innig): So lieb, so lieb! Du Böser, mußt’ ich selber zu dir kommen, Mich ganz entfernen von der Mädchen Art? Was denkst du nun von mir?

Joseph (stürmisch): Daß du kein Mädchen, Daß du ein Engel bist. Mein holdes Lieb, Ist es denn möglich, daß ich dich errungen? Ich, der des Glückes Stiefkind mich genannt, Bin plötzlich unermeßlich reich geworden!

Lisbeth: Macht meine Liebe wirklich dich so reich?

Joseph: So reich, wie es dein Vater nie gewesen Und niemals sein wird. (Plötzlich innehaltend.) Doch dein Vater, Lisbeth, Hast du an ihn gedacht? Wenn er erfährt, Daß du mich liebst ... Hast du nicht Furcht vor ihm?

Lisbeth: Ich hab’ sie, doch ich will sie überwinden Und will ihn bitten, daß er uns vereint.

Joseph: Und wenn er’s nicht tut, Lisbeth? O, ich weiß, Daß er’s nicht tut.

Lisbeth: Dann, Joseph, folg’ ich dir Und teil’ mit dir, was uns das Leben bringt, Sei’s auch nur Not.

Joseph: Lisbeth, wird’s nie dich reu’n? Bedenk’, was du verlierst! Aus deiner Heimat Reiß ich dich fort.

Lisbeth: Dein Herz ist Heimat mir.

Joseph: Ich hab’ nur einen Arm, für dich zu schaffen — Wenn er nicht ausreicht?

Lisbeth: Ei, so hab’ ich zwei. Drei Arme schaffen viel, wenn sie nur wollen.

Joseph (jubelnd): Wagst du’s mit mir, mein Lieb, ich wag’ es gern! Fühlst du, wie’s zuckt in dem gesunden Arm? Er wächst und schwillt, er will sich nun verdoppeln, Mein Lieb, mein Lieb, wir werden glücklich sein! O Gott, was du mir gabst in dieser Stunde, Wird nicht bezahlt in einer Ewigkeit! Was ich gelitten, was noch meiner harrt, Und wär’ es ein Jahrhundert auch voll Leid, Ein Steuerpfennig nur ist’s meines Glückes. Lisbeth, Geliebte, was auch kommen mag, Wir sind vorausbeglückt für alle Zeiten.

Lisbeth (ihn umarmend): Nun geh’, mein Liebster!

Joseph (sehnend): Gingst du gleich mit mir!

Lisbeth: Die Bitte muß ich wenigstens versuchen Und ohne Abschied kann ich auch nicht geh’n. Kann ich auch sonst vom Vater nichts erreichen, So will ich doch um seinen Segen fleh’n.

Joseph: Um Segen ihn? Kann dieser Mann auch segnen?

Lisbeth (mit leisem Vorwurf): Er ist mein Vater, Joseph!

Joseph: Ja, verzeih, Ich hab’s vergessen einen Augenblick, Wenn man dich sieht, vergißt man es so leicht. Nun also, bitte ihn um seinen Segen — Und wenn er ihn nicht gibt?

Lisbeth: Dann habe ich Auf dieser Welt sonst niemand mehr als dich, Du mußt mich doppelt lieben.

Joseph: Tausendfach. Doch wann und wo, mein Lieb, werd’ ich dich treffen?

Lisbeth: Am Abend, etwa nach dem Aveläuten — Und wo? Beim letzten Baum im Heidenhain, Wo einst mein Vater ....

Joseph: Ja, beim Stock im Eisen.

Lisbeth: So geh mit Gott! Auf frohes Wiedersehen!

Joseph: Auf Wiederseh’n für immer, Herzensliebste!

(Ab nach rechts, sie geleitet ihn hinaus. Nach einer Weile kommt Mux von links.)

20. Auftritt.

Mux (allein): Mein finsterer Beschützer hielt doch Wort. Er sagte mir, daß mich kein Zeitgenosse Soll übertreffen; dieser Bursche da War nah daran, drum hab’ ich ihn gehaßt; Nun ist’s vorbei, er kann mir nicht mehr schaden.

(Lisbeth tritt wieder ein von rechts.)

21. Auftritt.

Lisbeth. Mux.

Lisbeth: Ich sah den Joseph aus dem Hause gehen — Wenn er gesund ist, warum ging er fort?

Mux: Er ist verkrüppelt, kann ich ihn da brauchen?

Lisbeth: Verkrüppelt ist er? O barmherz’ger Gott! Und was wird nun? Wohin ist er gegangen?

Mux: Das weiß ich nicht, mir gilt’s auch völlig gleich.

Lisbeth: Er war bei euch, um Arbeit euch zu bitten — Ist es nicht so?

Mux: Wohl ist es so.

Lisbeth: Mein Vater, Ihr nahmt ihn nicht, ihr stießet ihn hinaus, Den Mann, der eure beste Stütze war? O, Vater, habt ihr gar kein Herz im Leibe?

Mux: Was soll mein Herz in dieser Sache tun? Ich kann ihn doch für ewig nicht versorgen.

Lisbeth: Wer soll ihn nehmen, wenn es ihr nicht tut? Seid überzeugt, er hätte sich das Brot, Das ihr gegeben, hundertfach verdient, Er hätt’ mit einer Hand euch mehr geleistet, Als mancher, den ihr zahlt, mit seinen beiden.

Mux: Ich will es nicht, ich geb’ kein Bettelbrot.

Lisbeth: Ein Bettelbrot für ihn, den ihr geknechtet So lang es ging, der für euch ohne Lohn Weit mehr geleistet als die andern alle, Dem ihr erst dann, als alle Welt ihn rühmte, Den Lohn gegeben, den er längst verdient! Ihr gebt kein Bettelbrot, wenn ihr ihn nährt, Ihr zahlet nur zurück, was ihr ihm schuldet.

Mux: Du kecke Dirne, was gab dir den Mut, Mir so zu predigen wie du es tust?

Lisbeth: Die Liebe, Vater! Frei will ich’s gesteh’n, Was in der Brust bisher ich scheu verborgen: Ich lieb’ ihn.

Mux: Wen liebst du? des Henkers Sohn?

Lisbeth: Des Henkers Sohn. Und wär’ er wen’ger noch, Wär’ er der Sohn eines Gerichteten, Ich beugte mich vor ihm als meinem König.

Mux: Glück auf, Frau Königin!

Lisbeth: Verhöhnt mich nicht! Ihr selber tragt die Schuld, daß ich ihn liebe. Ich war verlassen grade so wie er, Ob ich die reiche Bürgerstochter war, An Liebe war ich arm wie der Verstoß’ne. Ihr hattet niemals einen Blick für mich, Der mich erwärmte, niemals sah ein Lächeln Auf euren Lippen ich, kam ich euch nah. Die alte Ursel, meine Pflegerin, Sie sorgte für mein körperliches Wohl, Doch Zärtlichkeiten hat sie nie verschwendet. Zuweilen schmiegt ich mich an eure Knie Und blickte scheu und bittend zu euch auf; Da schicktet ihr mich fort; aus eurem Auge Traf mich kein warmer Strahl und eure Hand Strich nie liebkosend über meine Wangen, Nicht einmal Strafe hattet ihr für mich.