Der Teufelsschlosser

Part 2

Chapter 23,732 wordsPublic domain

Das Weib (zum dritten Bürger): Der Teufel hol’ ihn gleich, den schlechten Kerl! Mir bricht das Herz, wenn ich an Lene denk’.

(Alle andern haben sich entfernt, nur die anfängliche Gruppe bleibt. Ganz im Hintergrund steht Franz und schaut noch immer den Davonziehenden nach.)

5. Auftritt.

Erster, zweiter, dritter Bürger. Das Weib. Wendel.

Dritter Bürger: Sagt Leute, ehrlich, wie gefiel es euch? Ging euch denn gar nichts ab bei der Geschichte?

Erster Bürger: Ein wenig kurz war’s.

Dritter Bürger: Sonst mißfiel euch nichts?

Zweiter Bürger: Wenn ich’s aufrichtig sagen soll: der Mux War gar zu wenig höflich und bescheiden, Nahm alles hin, als ob es so sein müßt; ’s ist alles recht, es ist ja sein Verdienst, Doch braucht er sich drum nicht so aufzublasen. Wenn einem Christenmenschen etwas glückt Und man ihn lobt, so schickt sich’s, daß er sage: Mit Gottes Hilfe habe ich’s vollbracht, Mit Gottes Hilfe werd’ ich’s weiterbringen.

Dritter Bürger: Aha! Das ist’s, was ich euch sagen wollt, Doch horcht, was ich euch weiter drüber sage. Nicht Hochmut war’s, daß Mux es unterließ, Den Namen Gottes heute auszusprechen, Er hat es nicht gewagt.

Zweiter Bürger: Warum denn nicht?

Dritter Bürger: Weil ihm der Teufel half bei seinem Werke, Das ging mit rechten Dingen nimmer zu.

Das Weib: Herrgott im Himmel, wenn das richtig wäre!

Zweiter Bürger: Dann möchte ich in Muxens Haut nicht stecken Und wär’ er noch so reich und angeseh’n.

Erster Bürger: Wenn er dem Teufel wirklich sich verschrieben, Dann hol’ ihn auch der Teufel! Wendel komm’!

Wendel: Hoch soll er leben!

Zweiter Bürger (lachend): Doch der Teufel nicht?

Wendel: Hoch soll er leben, dreimal, dreimal hoch!

Erster Bürger (gibt dem Knaben einen Klapps): Schweig, Esel du!

Wendel (heulend): Ihr habt es doch gesagt, Ich soll recht schrei’n.

Erster Bürger: Nun ist es schon genug; Wir gehen heim, die Lust hat nun ein Ende. (Alle ab, bis auf Franz, der im Hintergrunde bleibt.)

6. Auftritt.

(Lene kommt atemlos hergeeilt und überschaut den Festplatz. Sie ist in bescheidenem Sonntagsputz.)

Lene. Später Franz.

Lene: Da ist der Platz — doch ist schon alles leer, Hier hängt das Schloß, das Fest ist längst vorbei, Ich kam zu spät, zu spät trotz aller Eile. Wo er wohl ist? Ich sehn’ mich so nach ihm Und kann ihn nicht erreichen! (Franz tritt hervor.)

Franz: Sucht ihr Mux?

Lene (fährt zusammen): Um Gott, wie habt ihr mich erschreckt! Wer seid ihr?

Franz: Marbachers Altgesell, der Franz. Und ihr?

Lene: Ich bin die Lene, Martins Braut.

Franz (erfreut): Ei so? Da hol’ ich ihn, das wird ihn sicher freuen.

Lene: Ach, könnt ihr das? Dann tut’s, ich bitt euch drum!

(Franz läuft fort, Lene schmiegt sich an den Baum.)

7. Auftritt.

Lene (allein): Du lieber Baum, gesegnet sollst du sein, Du trägst nun unser Glück und Martins Ehre. Ach, bliebest du doch ewig, ewig stehn Und brächtest jedem Glück, der sich dir nahte! Zu denken, daß ein einz’ger, einz’ger Mann In dieser großen Stadt voll tücht’ger Leute Das Werk vollbringen konnte! Und der einz’ge Muß grad mein Liebster sein, kaum kann ich’s fassen, Ist’s nicht zu groß, zu groß für mich, das Glück?

(Mux kommt eilig und finster.)

8. Auftritt.

Lene. Mux.

Mux: Was willst du hier?

Lene: Ach, Martin, zürn’ mir nicht! Ich hielt’s nicht aus daheim.

Mux: So kommst du her, In diesen Kleidern? Wo sich alles schmückt Zu meinem Ehrentag, der Bürgermeister Die Kette umlegt, wo die ganze Zunft Sich einen Festtag macht?

Lene: Sieh mich doch an! Bist du vom Glanz des Festes so geblendet, Daß du’s nicht merkst, wie ich für diesen Tag Mein bestes aus der Truhe hab’ genommen? Sieh doch das Halstuch, das du mir geschenkt, Die Nadel auch von dir, und da die Schürze Aus meiner Mutter Brautkleid.

Mux: Ja doch, ja. Doch sag’ nun schnell, was willst du? Ich hab’ Eile, Es warten andre Leute heut auf mich.

Lene: Was ich hier will? O, Martin, wenn du wüßtest, Wie mir zumute war die ganze Zeit! Aus jedem Mund konnt’ ich dein Lob vernehmen, Von allen Seiten wurdest du gerühmt, Wie du geschickt seist, wie man dich beneidet Und wie der Bürgermeister dich belobt, Weil du den Ruhm der Wiener Schlosserkunst Aufs neu’ gehoben und gefestigt hast. Wie mir das Herz bei solchen Reden hüpfte — Und soll ich’s leugnen — bang zugleich auch schlug, Weil du so lange dich nicht sehen ließest. Ich konnte kaum vor Sehnsucht mich mehr fassen, Mir ward zum erstenmal, seitdem ich dien’, Mein Dienst zuwider; wär’ die Frau nicht krank Und hätt’ mir leid getan, ich wär’ wahrhaftig Spornstreichs davongerannt und hin zu dir.

Mux: Ich hätte schwerlich für dich Zeit gehabt.

Lene: Das glaub’ ich wohl; ich bin recht unbescheiden Und weil ich selber immer an dich denk’, Mein’ ich, du müßtest stets an mich auch denken. Wir Mädchen sind gar dumm, wir glauben stets, Ein Mann sei g’rade so wie wir geartet — Euch läuft das Herz nicht mit dem Kopf davon. Du lieber Gott, ich schwatze immerzu Und war doch so gespannt, von dir zu hören.

Mux: Du sagst ja selbst, daß du aus fremdem Mund Schon längst gehört, was mir zuteil geworden, Wozu soll ich es nochmals wiederholen?

Lene: Aus deinem Munde klingt es anders doch. Gelt, du bist Meister jetzt und wenn du willst, Kannst du sogleich auch ein Geschäft beginnen? Es war ja eine Summe ausgeschrieben, Die hast du doch bekommen?

Mux: Freilich wohl.

Lene: Die Summe ist nicht groß, doch groß genug, Ein Häuslein außerhalb der Stadt zu kaufen, Und wenn man wacker schafft und dabei spart, Kann man’s in kurzer Zeit zum Wohlstand bringen.

Mux: In kurzer Zeit! Das heißt in dreißig Jahren.

Lene: Und wenn nicht früher auch, was liegt daran! So lang man Kräfte hat, soll man sich mühen, Hat man ein ruhig Alter nur vor sich.

Mux: ’s ist gut für dich, wenn du zufrieden bist, Zufriedenheit ist eine schöne Sache.

Lene (sich innig an ihn schmiegend): Dann braucht der Meister eine Meisterin, Die schafft und sorgt und spart und die das Haus In Ordnung hält und es mit Lieb’ erfüllet, Die nimmermüd’ nach Tages Müh’ und Last Des Abends frohe heit’re Mienen zeigt Und ihres Mannes Sorgenfalten glättet. Mein Martin, gelt, wir werden glücklich sein Wie Vöglein, die in einem Busche nisten? Weißt du, was mich besonders noch erfreut? Daß ich mein armes altes Mütterlein Zu mir kann nehmen, kann es treulich pflegen Und ihm vergelten, was es mir getan. — Was hast du, Liebster, nur? Du schaust so finster Und sprichst kein Wort, indessen mir der Mund Nicht stille stehen will vor lauter Freude.

Mux: Ihr Weiber habt es leicht, ihr schwatzt so viel, Und springt ein herbes Wort euch von den Lippen, So schüttet ihr so viele milde nach, Daß man das herbe beinah’ kann vergessen. Bei uns ist jedes Wort ein Hammerschlag Und traf der Schlag, so lassen wir ihn sitzen Und halten nicht den Balsam gleich bereit.

Lene: Hab’ ich vielleicht ein hartes Wort gesagt? O, dann vergib, ich hab’ es nicht gemerkt, Und hab’ es sicherlich nicht so gemeint.

Mux (heftig): Du tatest’s nicht, ich aber will es tun. Daß du’s nur weißt, heut’ in vier Wochen will Ich Hochzeit machen mit des Meisters Tochter.

Lene (aufschreiend): Barmherz’ger Himmel! Nein, das kann nicht sein, Martin, das ist nicht wahr, laß diesen Scherz!

Mux: Es ist kein Scherz, es ist die reine Wahrheit, Ich hab’ des Vaters und der Tochter Wort.

Lene: Sie gab’s gezwungen dir, wenn sie es gab. O, du begehst da eine Doppelsünde, Das Mädchen liebt den Franz, es ist bekannt, Und du, du trägst ja mich in deinem Herzen.

Mux: Nicht gar so tief, als du wohl glauben magst.

Lene: Du willst die Liebe auch zu mir verleugnen? O Martin, das tu’ nicht! Ich will ja nie In deinen Weg mich drängen, will ganz still Die Hoffnung auf ein künft’ges Glück begraben, Nur raube mir nicht die Vergangenheit, Trüb’ der Erinn’rung mattes Glück mir nicht. Ich zürn’ dir nicht und wünsch’ dir alles Glück, Nur laß das eine mir, laß mir den Glauben, Daß ich dir teuer war und daß ich nur Der Reicheren und nicht der Lieb’ren weiche. Gib mir ein letztes, süßes Schmeichelwort, Sag’, daß du mich beklagst, daß du zuweilen An mich noch denken wirst und an die Stunden, Die wir im trauten Zwiegespräch verbracht. Du schweigst noch immer, Martin? Wärs denn möglich, Daß du sie lieber hast? Noch vor zwei Tagen Hast du mit Zärtlichkeit mich überhäuft, Es konnte sich so schnell dein Sinn nicht ändern. So spricht doch endlich! Aus Barmherzigkeit Sag’ mir ein Wort, das meinem Herzen schmeichelt, Das mich an deine Liebe glauben läßt, Das als Erinn’rung ich bewahren kann.

(Mux, der bei dem Wort »Barmherzigkeit« heftig zusammengezuckt ist, richtet sich jetzt straff auf und spricht hart und rauh.)

Mux: So soll ich lügen aus Barmherzigkeit? Das kann ich nicht, ich tu’ nichts aus Erbarmen. Ich hab’ gespielt mit dir und deiner Liebe, Und weil des Spiels ich überdrüssig bin, Werf’ ich das Spielzeug fort und werde ernst.

Lene: Martin, die Wahrheit mag dir Gott verzeihen, Denn sie ist größ’re Sünde sicherlich, Als eine Lüge jetzt gewesen wäre, Die du aus Mitleid hättest mir gesagt. Ich fluch’ dir nicht; in deinem eig’nen Herzen Lebt dir ein Feind, der mich noch rächen wird.

2. Aufzug.

(Zimmer im Hause des Mux. Zwei Türen, eine rechts, eine links. Ein Fenster rechts im Hintergrunde. Ein Tisch, auf dem Kannen und Teller stehen. Um den Tisch sitzen Griesenpeck, Thenk, Gerl, der Schuster, der Schneider. Mux liegt zurückgelehnt in seinem Armstuhl und schläft, der Schneider vornübergebeugt auf der Tischplatte.)

1. Auftritt.

Mux. Griesenpeck. Thenk. Gerl. Schuster. Schneider.

Thenk: Nun wär’s wohl Zeit zum Heimgehn.

Schuster: Bleibt noch da!

Griesenpeck: Der Thenk hat’s immer eilig mit dem Aufbruch! Sagt, ist denn eure Alte gar so scharf?

Thenk: Nicht schärfer als die eure, Griesenpeck, Und uns’re Predigt blieb’ uns nicht geschenkt, Wenn wir um ein paar Stunden früher kämen, Doch muß ein Ende sein.

Griesenpeck: Na, sei es denn! Fangt an euch langsam aufzukrabbeln, Gerl, Bei euch geht’s nicht so rasch!

Gerl: Ich hab’ noch Durst.

Thenk: Wir aber keine Kraft, euch heimzuschleppen.

Gerl: Ich komm’ alleine heim, schweigt ihr nur still! Der Gerl braucht ein bißchen Schwergewicht, Wenn er soll sicher stehn. Trink’ ich noch eins, Dann ist’s gerade recht. (Er leert den Krug.)

Schuster: Wir wollen bleiben. Ich roll’ euch nachher heim.

Gerl: Ihr rollt mich heim! Ihr tut, als wäre ich ein Trunkenbold, Der seiner Sinn’ und Glieder nicht mehr mächtig. Wenn ihr das euern Weibern so erzählt, Und die erzählen’s wieder andern weiter, So ist’s kein Wunder, daß dann meine Alte Die Hände überm Kopf zusammenschlägt, Wenn ich nach Hause komm’.

Griesenpeck: Ihr kommt nach Hause? Ihr werdet hingelegt vor eure Tür.

Gerl: Ah, das ist stark! Ihr wollt doch nicht behaupten, Daß ich wie einer, der zum erstenmal Am Wein gerochen, unterm Tisch gleich liege? Vertrag’ ich etwa nichts?

Thenk: Mehr als wir alle, Doch trinkt ihr stets noch mehr als ihr vertragt.

Griesenpeck: Der Mux schläft auch schon längst.

Gerl: Ich bin noch frisch. Seht her, ich tanz’ noch eins. (Er erhebt sich, taumelt und fällt auf seinen Sitz zurück.) Verdammte Beine!

Thenk: Da habt ihr’s nun!

Gerl: Drum soll ich sitzen bleiben Und gar nicht heimgehn.

Schuster (schaut in die Krüge und leert Muxens Krug): ’s ist kein Wein mehr da. Schafft Wein her, Mux, ihr seid ein netter Wirt!

Mux (im Schlafe stöhnend): O, Mutter, bleib, o gehe nicht von mir!

Thenk: Er träumt von seiner Mutter, laßt ihn geh’n!

Griesenpeck: Wir schleppen Gerl und ihr weckt den Schneider!

Mux (klagend): Tage der Jugend, o kehrt mir zurück!

Griesenpeck: Der Mux träumt schwer, dem liegt etwas im Magen.

Schuster (den Schneider weckend): Steht auf, wir gehen heim!

Schneider (erwachend): Was wollt ihr denn?

Schuster: Wir wollen heim.

Schneider: Ich will noch lustig sein.

Schuster: ’s gibt nichts zu saufen mehr.

Schneider: Dann will ich singen. (Lallend): Flöß’ in der Donau lauter Wein, Dann möcht’ ich wohl ein Karpfen sein. Dann möcht’ ich (schlucksend) möcht’ ich (steht auf, setzt sich aber sogleich auf den Boden) wohl ein Karpfen sein (auf der Erde sitzend, immer lallend.) Ich möcht’ ein Karpfen sein, ein Karpfen möcht’ ich (wieder einschlafend) Ein Karpfen (der Schuster rüttelt ihn), Ich möcht’ ein Karpfen sein.

Schuster: Ihr seid ja einer, schwimmt nur endlich fort!

(Er schleift ihn hinaus.)

Gerl: Der hat’s im Kopf, ich hab’s bloß in den Beinen, Ich bin ein ganzer Kerl! Haltet fest! Nur meine Beine .... haltet, haltet doch!

(Sie stolpern endlich rechts hinaus.)

(Leise Musik, im Wandgetäfel erscheint lichtumflossen eine weibliche, rosenumkränzte Gestalt, die Liebe.)

Die Liebe: Ich bin die Liebe! Still in deinem Herzen Halt’ ich den Schlaf, in den du mich gebannt, In deine Träume nur darf ich mich schleichen, O, wecke mich zu vollem Leben auf! In deiner Brust entspringt der goldne Born, Der unversiegbar immer sich ergießet, Der immer reicher quillt, je mehr du schöpfst. O schöpf aus diesem Quell, dem ewig reinen, Und liebe, wo du kannst. O, laß das Gold, Das ungemünzt in deinem Herzen ruht, Nicht länger ruhn. Uebst du Barmherzigkeit, Erwarte nicht des Nächsten Dank als Lohn, Die Liebe zahlt vorweg, sie lohnt sich selbst.

(Die Erscheinung verschwindet; von draußen ertönt ein kräftiger Schlag auf den Amboß, dann die Stimme des Lehrlings.)

Lehrling (von außen): Gesellen auf! Der erste Hammerschlag Weckt aus dem Traum, lockt aus den Federn euch; Zur Arbeit auf! Der Hammer rief die Stunde.

Mux (erwacht und reibt sich verwundert Augen und Stirne): Was war denn das: Welch wunderbarer Traum! In all den langen Jahren träumt ich nie Und heut’ auf einmal zog mein ganzes Leben An mir vorbei — woran soll das mich mahnen?

(Er richtet sich auf.)

Wie, ich sitz’ hier? So ruht’ ich heute nicht In meinem Bette, wie ich sonst es pflege? Nun ist es klar, woher der Traum mir kam! Ja, ja, wir hatten gestern schwer geladen, Die Politik macht einem gar so warm, Man fühlt mit Wein und glättet auch die Kehlen, Die rauhgeschrie’nen, immer nur mit Wein, Das tut nicht gut, des Weines Geister treiben Ihr tolles Spiel mit uns im Schlafe dann.

(Er reißt Fensterläden und Fenster auf, das helle Sonnenlicht fällt herein.)

Von Weindunst ist die ganze Stub’ erfüllt, Da kann kein nüchterner Gedanke kommen. Nun rasch den Kopf ins Wasser, dann entfliehn Die Geister ganz, die mich gefesselt hielten.

(Er verläßt die Stube durch die Tür links; durch die Tür rechts kommt der Lehrling; er lugt erst vorsichtig in die Stube; da er sie leer findet, tritt er zum Tisch und untersucht Teller und Krüge.)

2. Auftritt.

Lehrling (allein): Heut haben sie doch alles aufgefressen! Kein Bissen Fleisch und auch kein Tröpfchen Wein, Nichts, gar nichts da! Und auf die kargen Reste Freu ich mich doch den ganzen lieben Tag.

(Er spricht oder singt.)

Kurze Nacht und langer Tag, Wenig Essen, viele Plag’, Reichlich Schläge jederzeit, Dieses nennt man Lehrlingsfreud’. Wenn im Hause was passiert, Hat’s der Lehrling ausgeführt, Leugnet auch der arme Tropf, Nimmt man dennoch ihn beim Schopf. Aber bin ich erst Gesell, Hei, wie räch’ ich mich dann schnell, Und mein Lehrling mag sich freu’n, Den will ich mir tüchtig bläu’n. Er kriegt ehrlich jeden Schlag, Den ich heut noch selbst ertrag’, Er muß büßen all mein Leid, Das nennt man Gerechtigkeit.

(Ab nach rechts.)

(Gleich danach tritt Lisbeth ein, ebenfalls von rechts.)

3. Auftritt.

(Lisbeth allein. Sie macht etwas Ordnung im Zimmer.)

Lisbeth: War das ein wildes Lärmen diese Nacht! Ich konnte lange nicht zur Ruhe kommen Vor all’ dem Poltern und dem wüsten Schrei’n. Ob’s auch so wär’, wenn meine Mutter lebte? Ich hab’ es nie so schwer und tief gefühlt, Daß mir die Mutter fehlt, als eben jetzt, Da mir’s so enge wird im eig’nen Herzen, Da ich so gern an eine Brust mich schmiegte, Die gleiches Fühlen einstmals hat durchbebt. (Seufzend): Wie klingt der Name »Vaterhaus« so süß, Wie ist es and’rer Menschen Paradies, Das sie ersehnen, wenn sie ferne weilen, Von dem sie träumen noch mit grauem Haar — Ein Kerker ist es mir trotz seiner Schätze. Was ist der Vater andern Kindern doch! Der Herr des Hauses, doch ein milder Herr, Ein leuchtend Vorbild ist er seinen Söhnen, Und seinen Töchtern ist er Inbegriff Von allem, was erhaben, gut und edel; Nach seinem Bilde malt die Jungfrau sich Den Liebsten aus in ihren Zukunftsträumen, Mit seiner Güte, seinem milden Ernst Schmückt sie den Gatten aus, den sie ersehnt. Mein Vater ist so rauh, so hart und kalt, Ich könnte Schlimmeres mir nimmer denken Als einen Gatten, der dem Vater gleicht. Und ihm soll ich vertrauend mich erschließen Und ihm eröffnen, was mein Herz bewegt? Nein, nimmermehr, ich wollte lieber sterben.

(Sie tritt zum Fenster und blickt traurig hinaus.)

Tage der Jugend, Andern so licht, Mir seid ihr trübe, Mir glänzt ihr nicht. Frühling auf Erden, Andern zur Lust, Mir weckst du Trauer Nur in der Brust. Alles verkündet Froh deine Macht, Wem soll ich sagen: Mein Herz ist erwacht? Wonnig erbebend Alles sich regt, Ich muß verbergen, Was mich bewegt. Frühling, du holder, Der du den Bach Vom Eise befreiest, O, küsse mich wach! Mach’ meine Liebe, Die traumhaft und zart, Mach’ sie gewaltig, Von kühnerer Art. Daß sie die Schranken Gewaltsam durchbricht, Mächtig sich ringet Aus Dunkel zum Licht.

(Mux tritt ein, Lisbeth wendet sich erschrocken um.)

4. Auftritt.

Lisbeth. Mux.

Lisbeth: Gut’ Morgen, Vater! Habt ihr wohl geruht?

Mux: Wie immer, Lisbeth. Räum’ den Tisch da ab!

Lisbeth: Grad’ wollt’ ich’s tun. Soll ich das Frühstück bringen?

Mux: Natürlich, Mädchen! Warum fragst du noch?

(Sie räumt rasch den Tisch ab und eilt hinaus.)

5. Auftritt.

Mux (allein): So wunderseltsam ist es mir zumute! Ich dachte niemals der Vergangenheit, Nun steht lebendig wieder sie vor mir Mit ihrer Not und ihren kargen Freuden. Hab’ ich den Traum gelebt? Träumt’ ich das Leben? So rasch verfloß der eine wie das andre, Von beiden bleibet keine Spur zurück. Zehn Jahre noch und meine Frist ist um, Die Welt geht ihren Gang — ich — bin gewesen. Hab’ ich das Glück gefunden? Warf ich’s fort? Wer kann mir’s sagen? Ei, ich träume weiter!

(Er schüttelt unwillig den Kopf und streicht sich mit der Hand über die Stirn. Lisbeth tritt wieder ein mit dem Frühstück.)

6. Auftritt.

Lisbeth. Mux.

Lisbeth: Da ist das Frühstück, laßt es wohl euch schmecken!

Mux: Stell’ es nur her, dann kannst du wieder geh’n. Was stehst du noch? Ich brauch dich nimmermehr.

Lisbeth (zaghaft): Mein Vater!

Mux: Nun, was gibt’s?

Lisbeth: Wißt ihr es auch, Daß es nun Frühling ist?

Mux: Sollt’ ich’s nicht wissen? Man kann vor Schmutz und Nässe nicht vor’s Haus, Was soll man tun, das Uebel kommt alljährlich.

Lisbeth: Ihr nennt’s ein Uebel, Vater? Ich tu’s nicht.

Mux: Nenn’ du’s Vergnügen, wenn’s dir lieber ist, Ich lieb’ es nicht, im Schmutz umherzuwaten.

Lisbeth: Müßt ihr denn immer nur zu Boden schau’n? Seht doch zum Himmel, seht sein helles Blau, Seht zu den Bäumen, wie die Knospen schwellen, Wollt ihr nicht einmal auch ins Freie kommen?

Mux: Ach so, will’s da hinaus? Laß nachmittags Den Wagen dir bespannen, fahr’ ins Freie.

Lisbeth: Fahrt ihr nicht mit? Ich hätte gar so gern Die Fahrt mit euch gemacht.

Mux: Was fällt dir ein? Ich hab’ nicht Zeit noch Lust zu solcher Fahrt. Fahr’ du allein dem Frühling nur entgegen, Nimm, wenn du willst, die alte Ursel mit, Sie ist zwar taub, allein das schadet nicht.

Lisbeth: Mein Vater, wißt, ich möcht’ euch etwas sagen, Doch in der Stube nicht, mir wird’s so schwer, Ich sagt’ es leichter unter freiem Himmel.

Mux: Was das für lächerliche Faxen sind! Heraus mit dem, was du zu sagen hast, Gleich auf der Stelle! Schleich’ dich nicht darum Wie eine Katze um den heißen Brei — Was ist es? Vorwärts!

Lisbeth (weinend, im Hinauseilen): Nichts, mein Vater, nichts, Als daß es Frühling ist, wollt’ ich euch sagen.

7. Auftritt.

Mux (für sich): Verrücktes Ding! Schad’, daß sie mir entlief, Ich würfe gern den Krug ihr an den Kopf. Ist dieses Mädchen weinerlich und dumm, Grad wie die Mutter, mög’ sie selig ruhn! — Ich hätte ihr die Tochter auch geschenkt. Ein wahres Glück, daß es kein Knab’ geworden, Solch’ einen Laffen brächt’ ich wahrlich um.

(Lehrling tritt eilig ein.)

8. Auftritt.

Mux. Lehrling.

Lehrling: Ach, Meister, helft! Soeben ward der Hund Von einem schweren Wagen überfahren, Er heult so jämmerlich, seht ihn doch an! Ihr habt so manchen Balsam, manche Salbe, O gebt davon und lindert seinen Schmerz!

(Geselle kommt nach.)

9. Auftritt.

Mux. Lehrling. Geselle.

Geselle: Ich denke, Meister, noch barmherz’ger wär’s, Wenn man ihn tötete mit einem Schlage, Denn auf die Beine kommt er nimmermehr.

Mux (zornig): Wer hat euch denn erlaubt, hereinzukommen?

(Lehrling schlüpft rasch hinaus.)

Euch ist der Hund willkomm’ner Anlaß nur, Um von der Arbeit euch hinwegzustehlen. Macht, daß ihr fortkommt! Laßt den Hund in Ruh’, Ich will ihn weder töten, noch ihn heilen, Er mag verenden, wie es ihm gefällt.

Geselle: Habt doch Erbarmen mit dem treuen Tier!

Mux (hebt einen Stuhl auf, bereit, ihn nach dem Gesellen zu schleudern): Fort, fauler Schuft! Sonst kann dir’s schlecht ergehen.

(Geselle ab.)

10. Auftritt.

Mux (allein): Verdammtes Volk mit seinem dummen Mitleid, Das sich um jeden Wurm am Boden schert! Es wundert mich, daß sie das Eisen schmieden, Daß sie nicht fürchten auch, es tut ihm weh.

(Er kehrt zu seinem Frühstück zurück; es klopft schüchtern, eine alte Bettlerin tritt ein.)

11. Auftritt.

Mux. Bettlerin.

Bettlerin: Gelobt sei Jesus Christ!

Mux: Was wollt ihr da?

Bettlerin: Herr, eine milde Gabe, seid so gut.

Mux: Packst du dich gleich hinaus, du alte Hexe! In aller Morgenfrühe kommst du her, Mit deinem Blick mein Frühstück zu vergiften.

Bettlerin: Herr, ich bin blind, mein Blick vergiftet nichts.

Mux: So, du bist blind und fandest doch herein?

Bettlerin: Mein Enkel, der mich führt, steht vor der Türe.

Mux: Der Junge könnte auch was bess’res tun, Als sich zum Tagdieb so heranzubilden.

Bettlerin: Er ist ein Kind noch, kaum fünf Jahre alt Und hat auf dieser Welt nur mich allein.

Mux: Es wär’ ein Glück für ihn, hätt’ er dich nicht.

Bettlerin: Die blinde Bettlerin, zur Last den andern, Trägt für den Enkel dennoch einen Schatz In ihrer Brust, den er sonst nirgends findet: Ein Herz voll Liebe.

Mux: Fütt’re ihn damit! Was bettelst du, wenn du so reich dich fühlst?