Part 9
Er streichelte zärtlich das rotbraune Haar, das von der Feuchtigkeit gelöst in ihr Gesicht hing. »Du darfst nicht ungeduldig werden, Gioia, mußt doch begreifen, wie mir zumute ist. Alles, woran man jahrelang geglaubt hat, in einer kurzen Woche vernichtet. Aus dieser Zerstörung läßt sich nichts mehr aufbauen. Und die Menschen! Ich gehe durch die gewohnten Straßen, wie durch eine fremde Stadt. Eine unbekannte Sprache umflutet mich, ich treffe Freunde, freue mich sie zu sehen, und bemerke nach den ersten Worten, daß mir Fremde gegenüberstehen.«
Sie blickte ihn besorgt an. »Du darfst Dich nicht so gehen lassen.«
Er beachtete ihren Einwurf nicht, fuhr wie zu sich selbst fort: »Mir ist zumute, wie in meinen Kindertagen; alte unklare Erinnerungen suchen mich heim. Ich sehe eine große Stadt, höre wilde Schreie, Menschen kommen mit Knüppeln, fallen über andere her. Woher kommt dies Bild? Ich erinnere mich an nichts derartiges. Dann gibt es noch ein Bild, das mich bis in meinen Schlaf verfolgt: auf hohem Hügel ein zertrümmerter, eingestürzter Bau, eine Woge des Weinens und Klagens umspielt ihn, und ich weiß, daß zusammen mit diesem Bau die Hoffnung der Menschen vernichtet ward.«
»Wir richten ihn wieder auf!« rief sie eifrig. »Schon sind die Bauleute an der Arbeit, bei uns und in allen Ländern.«
Er schüttelte verzagt den Kopf. »Ich sehe keine.« Dann nach einer kleinen Pause: »Du wolltest mir doch etwas erzählen?«
»Ja, ein Brief von Savin ist gekommen.«
»Aus Rußland? Wie ist das möglich?«
»Wir wissen es selbst nicht. Heute Morgen fand Boris in seiner Tür einen schmutzigen Umschlag ohne Aufschrift stecken. Darin lag ein Zettel, Savins Schrift, bloß ein paar Worte: ›Verliert nicht den Mut, Großes bereitet sich vor, wir arbeiten trotz allem zusammen. Grüße die Genossen.‹ Siehst Du, daß wir Freunde haben, Johannes?«
»Ich begreife den ganzen Vorfall nicht, seid vorsichtig, es kann eine Falle sein. Und Deine zweite Neuigkeit?«
Sie neigte den Kopf zu ihm herab, sprach halblaut. »Weißt Du, wer heute bei uns war, um die Arbeit zu organisieren?«
»Nun?«
»Ich will keine Namen nennen, die Wände haben Ohren. Wir haben unseren Führer wieder, den Mann, dem wir am meisten vertraut haben, und der uns am bittersten enttäuscht hatte.«
Johannes schnellte auf. »Gioia! Ist das möglich? Er hat sich besonnen, ist zu uns zurückgekehrt?«
»Ja, er sammelt die Genossen in aller Stille, niemand darf davon wissen. Bist Du noch immer so niedergeschlagen?«
Er war wie verwandelt; helle Röte stieg ihm in die blassen Wangen, neue Glut belebte die müden Augen. Er rang nach Worten.
»Er, der Mann, der Deutschlands Bestes verkörperte, von dem wir alles erhofften! Wenn es einen Menschen gibt, der die Massen von ihrem Wahn zu heilen vermag, ist er es. Gioia, daß wir ihn wieder haben, daß er der Sache dennoch treu geblieben ist!«
»Wirst Du wieder daran glauben, daß alles gut werden wird? Wir hier, in den anderen Ländern die Freunde, wir sehen einander nicht, hören unsere Stimmen nicht, aber wir wissen, daß jeder den Stein herzuträgt, jeder am Tempel der Freiheit baut, bis er aufragt über Blut und Tränen der geschändeten Menschheit.«
* * * * *
Bleiern schleppte sich die Zeit dahin, auf dunkle Wintertage folgte ein freudloser Frühling. Weshalb scheint die Sonne, weshalb schmücken sich die Bäume mit frischem Laub? Draußen an der Front stehen die Menschen, vergehen in Elend und Not, daheim hockt an jedem Herde die Trauer um Verlorene und hüllt das ganze Haus in ihre schwarzen Schleier. Kommt noch kein Ende? Sieg oder Niederlage, bloß ein Ende des Grauens. Regen sich die Völker noch immer nicht? Stumpf ziehen sie aus, stumpf kehren die Krüppel und Verwundeten heim. Und noch immer betäuben die Regierungen die Ohren ihrer Untertanen mit dem Wort: »Vaterland« und ersticken in patriotischem Fanfarenklang das Weinen der Verzweifelten.
Die Asche dumpfgrauer Ergebung bedeckt die Länder. Niemals kann daraus die befreiende Flamme auflodern.
Und dennoch! Knistert es nicht hier und dort wie verborgene Glut, leuchtet nicht bisweilen ein roter Funke auf?
Durch siegestrunkene Massen, durch niederlagegeängstete Völker gehen Menschen, die eine andere Sprache reden, die Sprache, die vor dem Kriege so vielen verständlich war. Einer horcht auf, dann ein zweiter; scheu, ängstlich, schier wie im Traum flüstern sie die Worte nach. Totes wird wieder lebendig. Erstarrtes taut auf. In allen Sprachen werden die Worte geflüstert, harte und weiche Laute fließen zusammen. Noch ist es bloß Raunen, doch Tag für Tag fallen neue Stimmen in den Chor ein. Die Schuldigen, die an sicheren Stellen verharren, die Henker, die reuelos ihre Völker in den Tod schicken, sind taub gegen das unterirdische Gemurmel. Sie hören bloß ihr eigenes Kriegsgebrüll. Und der Chor schwillt an. Bald wird der Tag kommen, da er aufgellend Kanonengedröhn und Hurrageschrei übertönt, da aus Schützengräben und Spitälern, aus Elendswohnungen und Gefängnissen ein Wort hervorbricht und wie Blitz in den Himmel fährt: »_Friede, Freiheit, Revolution!_«
Zwanzigstes Kapitel.
In weichen blauen Schatten, blaßflimmernden Lichtstrahlen gleitet der erste Maitag in die Nacht hinüber. Bogenlampen kämpften noch mit der Tageshelle, glühen fahl und gespenstisch auf.
Reges Treiben herrscht auf den Straßen, Menschen hasten dahin, stoßen, drängen in eine Richtung, als wären sie magnetisch angezogen. Auf dem Potsdamer Platz staut sich das Volk; harte Arbeitergesichter, blasse abgehärmte Frauen, zufrieden-fette neugierig glotzende Bürger, Schutzleute mit herausfordernden Gebärden, alles wogt durcheinander. Bisweilen schrillt ein Pfiff durch die Luft, ein Ruf wird laut; leises gedämpftes Murmeln umspült den Platz, wie Wogen ein Felsenriff.
Noch kommen Menschen, mehr und mehr. Seltsam verändert scheinen die seit zwei Jahren in tierischer Ergebung verstumpften Gesichter. Trostlose Augen leuchten plötzlich hoffnungserfüllt, halboffene Münder scheinen nach frischem Trank zu gieren, schlaffe Muskeln straffen sich, von neuer Ahnung belebt. So mag die Menge ausgezogen sein, den Nazarener zu sehen, der Worte des ewigen Lebens hatte. Und so, mit dem hämischen Feindesblick, mit der satten Selbstherrlichkeit mögen auch damals die Pharisäer und Reichen abseits gestanden haben, törichter Neugierde voll, wie heute die Bürger.
Menschen um Menschen, schwarz wird der dicht gedrängte Platz, und noch immer kommen neue hinzu, kommen, kommen ...
Einer hat sie gerufen, einer, auf den sie vertrauen dürfen, der Freund der Geknebelten und Geknechteten, der Mann, der aus dem Schlamm der Feigheit, in dem seine einstigen Genossen versunken sind, aufstieg, der Feind der Herren und Unterdrücker.
Er spricht zu ihnen, Blitze sind die kurzen scharfen Worte, die das Dunkel der Geister erhellen, Schöpfung ist seine Rede, aus verängsteten Herdentieren formt sie Menschen, Ketten zerreißt sie, knüpft von neuem das Band, das Volk mit Volk vereint. Von Mund zu Mund gehen seine Worte, fallen, unauslöschlicher Funken, auf entflammbaren Boden. Bebende Bürgerangst peitscht die Schutzleute vor: »Laßt diesen Mann nicht sprechen, seine Worte bedeuten Verderben für uns. Weh uns, wenn das Volk die Wahrheit erkennt. Schafft uns den Mann aus dem Weg!«
Die Polizisten drängen durch die Menge; da erhebt der Mann seine Stimme, tausend Stimmen aus allen Ländern klingen in dieser einen Stimme mit, Drohung, Prophezeiung, Weltgericht verkündet die Stimme: »_Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!_«
Zwei Schutzleute greifen ihn, er wehrt sich, wird fortgeschafft. Schreien, Johlen und Pfeifen schlägt gegen Häusermauern. Langsam zerstreut sich die Menge. Sie trägt die Worte mit heim, wird sie hüten und wahren, bis sie, zum Feuerstrahl werdend, in das morsche Gebäude hineinschlagen, das ihnen allen als Kerker dient.
Rohe Hände haben des Mannes Mund verschlossen, und doch fliegen seine Worte über die Grenzen, entflammen die Herzen der wenigen Getreuen in den anderen Ländern mit Freude und Hoffnung, treiben anderen, denen der Mut der Überzeugung fehlt, Schamröte ins Gesicht.
»Gott sei Dank, der ist unschädlich gemacht,« seufzen erleichtert die Bürger, »nun können wir unseren heiligen Krieg ungestört genießen; er hat ja doch auch seine guten Seiten.«
Gioia hat die Nachricht von Karl Liebknechts Verhaftung gebracht, bestürzt sitzt sie mit Johannes und Lene in der Wohnung der letzteren.
»Was nun?« fragt Johannes mit der alten Verzagtheit.
Gioia hat glühende Wangen und leuchtende Augen. »Doppelte Arbeit für uns; auch im Gefängnis bleibt er unser Führer, wirkt vielleicht noch mehr denn zuvor. Weißt Du nicht, was in den Meßgebeten der Märtyrer steht: »Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.« Die schwerste Arbeit ist getan, die Masse hat die Not erkannt, die sie umgibt, jetzt können auch kleine Leutchen wie wir, den Weg zur Wahrheit weisen.«
Lene drückt der Freundin Hand. »Du bist die Tapferste von uns, Gioia, verlierst nie den Mut.«
»Wenn Ihr ihn heute abend gesehen hättet!« rief die junge Frau begeistert. »Das war nicht ein Mensch wie die anderen, der da stand und sprach, war die Verkörperung aller Menschensehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit, die Liebe aller Liebenden, und der Haß aller Hassenden. So lange ...« Sie stockt, draußen wird heftig geklingelt, Lene erhebt sich und tritt gleich darauf von Gustav gefolgt wieder ins Zimmer.
Gustav ist sehr blaß, er beantwortet kaum den Gruß der anderen, wendet sich sofort an die Schwester.
»Lene, wann kommen Deine Narren wieder zusammen?«
»Meine Narren?«
»Ja, Narren, Revolutionäre, Heilige, wie Du sie nennen magst. Ich will mich Euch anschließen, mit Euch arbeiten, kann nicht mehr abseits stehen.«
Die drei starren ihn betroffen an.
»Was ist mit Ihnen geschehen?« fragt Gioia verblüfft.
Gustav wirft sich aufs Sofa. »Geschehen? Ich habe eingesehen, daß jeder, der nicht gegen diesen gottverdammten Krieg arbeitet, ein Verbrecher ist, daß jeder, der abseits steht, ein Verbrecher ist, daß ...«
»Aber wie kommst Du mit einem Mal darauf?« Johannes betrachtet staunend den Freund; noch nie hat er ihn so erregt gesehen.
»Sie waren am Potsdamer Platz!« ruft Gioia erratend.
»Ja, zufällig kam ich vorbei. Ein Mann drückte mir ein Flugblatt in die Hand; ich las darin und fand alles, was dort geschrieben stand, richtig, trotz des ungeschliffenen Stils. Dann sah ich, wie sich Leute um einen Mann drängten; ich folgte ihnen, fragte, wer der Mann sei. Einer lachte: ›Das wissen Sie nicht? Das ist Karl Liebknecht.‹ Woher sollte ich das wissen, ich hörte den Namen zum erstenmal. Ich hörte zu, was Liebknecht sprach, es waren nur wenige Worte -- aber es war die Wahrheit. Als ich dann sah, wie er abgeführt wurde, weil er die Wahrheit ausgesprochen hatte, ward mir seltsam zumute. Ich glaube sogar, ich habe mitgebrüllt, als er im Gehen nochmals rief: ›Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!‹« Gustav schöpfte Atem und trocknete sich den Schweiß von der Stirn.
»Nachher,« fuhr er fort, »spazierte ich planlos umher, merkte, in Gedanken vertieft, gar nicht, wohin ich kam, und befand mich plötzlich auf dem Friedrichsbahnhof. Da fiel mir Anatol ein; heute verstand ich ihn zum erstenmal. Ich betrat den Perron.« Er lachte ein wenig befangen. »Alles hat zusammengewirkt; es war soeben ein Verwundetentransport eingelaufen. Ihr wißt, ich bin nicht weichherzig, aber ich hätte heulen mögen bei dem Anblick, oder noch lieber ein paar Verbrecher erschlagen, die an allem schuld sind. Ist das nicht die richtige Stimmung für einen Revolutionär?«
Gioia fiel ihm um den Hals. »Lieber alter Gustav! Morgen werden wir Sie bei den ›Narren‹ einführen. Sagte ich es nicht, Johannes? Das Blut der Märtyrer ...«
* * * * *
Etwa eine Woche später stürzte Gustavs Wirtin aufgeregt in sein Arbeitszimmer: »Ein Herr Unterstaatssekretär und Professor Westwald fragen, ob Herr Doktor sie empfangen können?«
Gustav schnitt ein geärgertes Gesicht. »Die alten Trottel! Na gut, ich lasse bitten.«
Die beiden Herren erschienen und waren äußerst verbindlich und liebenswürdig. Gustav, der wohl ahnte, was der Zweck dieses Besuches sei, benahm sich zurückhaltend, fast unhöflich, was seine Gäste jedoch gar nicht zu bemerken schienen. Man sprach von allerlei gleichgültigen Dingen; schließlich wurde es Gustav langweilig, er unterbrach ein Kompliment des Unterstaatssekretärs mit den Worten: »Und welchem Umstande verdanke ich die Ehre dieses Besuches?«
Der Unterstaatssekretär betrachtete angelegentlich seine wohlgepflegten Nägel, räusperte sich und bemerkte: »Herr Professor Westwald hat mich bereits vor einiger Zeit darauf aufmerksam gemacht, daß Sie, Herr Doktor, sich mit der Herstellung giftiger Gase befassen. Wenn ich den Herrn Professor richtig verstanden habe, so ist Ihnen eine Zusammensetzung gelungen, die die bereits bekannten weit übertrifft.«
Gustav grinste. »Das will ich meinen, daß meine Formel besser ist.«
»Wir haben nun erwartet,« fuhr der Unterstaatssekretär salbungsvoll fort, »daß Sie, Herr Doktor, uns Ihre Erfindung anbieten würden. Da dies bis heute noch nicht geschehen ist, suchte ich Sie auf, um ...«
»Weshalb sollte ich Ihnen das Angebot machen?«
»Wir wissen ja, aus welch echt patriotischer Familie Sie stammen, Ihr Herr Bruder hat an der Front wahre Heldentaten verrichtet und ...«
»Mein Schwager sitzt im Gefängnis.«
Der Unterstaatssekretär schien peinlich berührt. Begütigend legte er die Hand auf Gustavs Schulter: »Mein lieber Doktor, niemand ist für angeheiratete Verwandte verantwortlich; es fällt niemandem ein, Ihnen aus dem unpatriotischen Verhalten Ihres Schwagers einen Vorwurf zu machen. Aber eben in Berücksichtigung dieser Tatsache muß es Ihnen als Patriot doppelt am Herzen liegen, dem Vaterland in seiner Not zu helfen.«
»Ich bin kein Patriot.« Gustav begann ungeduldig zu werden.
Der Unterstaatssekretär wetzte unruhig auf seinem Sessel hin und her.
»Der Herr Doktor meint wohl, er sei gegen Annexionen,« warf Professor Westwald beschwichtigend ein, »dies ist ja auch die Ansicht verschiedener durchaus ehrenhafter, loyaler Leute.«
Eine peinliche Pause folgte.
Schließlich nahm der Unterstaatssekretär wieder das Wort. »Es ist Ihre Pflicht, Herr Doktor, uns die Formel auszuhändigen; das müssen Sie doch selbst einsehen?«
»Wenn ich es aber nicht einsehe?«
»So werden wir, so leid uns dies auch tut, zu strengeren Maßnahmen schreiten müssen.«
Jetzt verlor Gustav die Geduld. Er schnellte auf und schrie seinen Gast an:
»Strengere Maßnahmen! Wer gibt euch ein Recht auf mein Gehirn und dessen Erzeugnisse? Ich habe mich mit der Sache befaßt, weil sie mich interessierte, aber nicht, um an unzähligen Unschuldigen zum Mörder zu werden. Zupfen Sie mich nicht am Rock, Herr Professor Westwald, ich weiß genau, was ich tue, und ich erkläre Ihnen hiermit, Exzellenz, _Sie werden die Formel nicht bekommen_!«
Auch der Unterstaatssekretär hatte sich erhoben, blaß vor Zorn starrte er auf Gustav. »Sie werden die Regierung zu Schritten zwingen, Herr Doktor, die Ihnen äußerst unangenehm sein dürften.«
»Ich pfeife auf eure verdammte Regierung!« Außer sich vor Wut, riß Gustav die Schreibtischlade auf, zog einen beschriebenen Zettel heraus und zerriß ihn, bevor ihn die beiden daran hindern konnten, in kleine Stücke. »So, Exzellenz, jetzt lassen Sie eine Haussuchung vornehmen, das war die Formel!« Er lachte grimmig auf: »Aber da drin in meinem Kopf steht sie noch immer geschrieben, und ich werde sie vielleicht einmal anderweitig verwenden können.«
Der Unterstaatssekretär wandte sich an den Professor. »Haben Sie die letzten Worte des Herrn Doktor genau gehört; könnten Sie sie im Notfall unter Eid bestätigen?«
Professor Westwald nickte: »Jawohl, Exzellenz.«
Ohne ein weiteres Wort schickten sich die beiden Herren zum Gehen an. Gustav begleitete sie mit ausgesuchter Höflichkeit bis zur Tür. »Es war mir eine große Ehre, Exzellenz.«
Allein geblieben lachte er auf: »Was ist denn eigentlich in mich gefahren? Gott weiß, was ich mir da eingebrockt habe! Und weshalb war ich so wütend? Aus revolutionärer Gesinnung oder -- über die Vergewaltigung der Wissenschaft?«
Einundzwanzigstes Kapitel.
Die Kriegsgewinnler und Kapitalisten hatten den Schlaf verloren, und auch das Essen wollte ihnen nicht mehr recht schmecken, geheime, uneingestandene Angst versalzte ihnen die Speisen, gab teueren Weinen den herben Geschmack des geringsten Krätzers, verlieh den weichsten Betten unbehagliche Härte. Die Kriegsgewinnler und Kapitalisten fühlten sich nicht wohl. Welch ein Unglück! Draußen sterben unsere tapferen Feldgrauen für uns, für unser Behagen, für unseren Reichtum, und wir in der Heimat werden von Ängsten geschüttelt, können das Leben, das uns andere so teuer erkaufen, nicht recht genießen, welch ein Unglück! Da gilt es Abhilfe schaffen! Aus dem Angstschweiß verstunkener Bürgerseelen, aus der prickelnden Unruhe des Junkers wurde der weiße Terror geboren. Unser einstiger lieber Vetter, der Zar, hat uns gezeigt, wie die Sache gehandhabt werden muß. Schade, daß nicht auch wir ein Sibirien haben, doch gibt es Gott sei Dank Gefängnisse genug im Deutschen Reich, auch die Schutzhaft ist keine üble Einrichtung.
Am Abend des 28. Juni schmeckte den Herren das Essen viel besser: Karl Liebknecht war in erster Instanz zu zwei Jahren, sechs Monaten und drei Tagen Zuchthaus verurteilt worden. »Ein Hetzer weniger,« meinten sie in den Klubs, »mit den paar Übrigen wird man auch noch fertig werden. Die anderen Sozialdemokraten halten sich wacker, sind unsere besten Bundesgenossen. Solange die zu uns stehen, halten wir das Volk in der Hand.« Und sie stießen an, auf das Wohl des vernünftigen Kriegsgerichtes -- etwas strenger hätte das Urteil sein können --, auf unsere Feldherrn und unsere braven Freunde, die Sozialdemokraten.
Dennoch waren sie nicht ganz beruhigt; es gab noch andere Elemente, die hetzten und schürten; auch die muß man unschädlich machen. Im Juli wurde Rosa Luxemburg zum zweitenmal ins Gefängnis geworfen, im August ereilte Franz Mehring das gleiche Schicksal. »Der alte Mann war besonders gefährlich,« bemerkten die Herren untereinander, »seine siebzig Jahre machten Eindruck auf die sentimentale Masse. Es ist zu hoffen, daß er bei so hohem Alter das Gefängnisleben nicht lange ertragen wird.« Und nun genossen sie wieder eine ungestörte Nachtruhe.
Auch Unbekannte, die sich in nichts hervorgetan hatten wurden dem guten Schlaf und dem Appetit der Herren geopfert; unter ihnen befand sich Gustav Selder. Seine unvorsichtigen Worte: »er werde vielleicht seine Formel anderweitig verwenden können«, wurde gegen ihn ausgenützt; er wurde in Schutzhaft genommen. Er fand sich mit dem gewohnten Gleichmut darein, warf den ihn abführenden Polizisten etliche griechische und lateinische Zitate an den Kopf, die diese für ganz besondere Injurien hielten und bedankte sich feierlich für die ihm gebotene Ruhe und Abgeschlossenheit, die seinem Studium von großem Nutzen sein würde. --
Endlos schlichen die Tage dahin. Der Fluch des Deuteronoms schien über der Welt zu lasten: »Des Morgens wirst du sagen: Ach, daß es Abend wäre! Des Abends wirst du sagen: Ach, daß es Morgen wäre! Unsägliches Warten spannte alle Nerven, warten, warten, von Stunde zu Stunde, Tag zu Tag. Warten auf die Erlösung, die nicht zu kommen scheint und doch kommen muß. Hunger und Not fraßen an den Menschen mit scharfen, nagenden Zähnen, stumpfer, hoffnungsloser Grimm vergiftete die Seelen, lähmte die Kräfte. Mißtrauen durchtränkte das Volk, Mißtrauen gegen die Herren, aber auch Mißtrauen gegen die anderen, die mutig und unentwegt an seiner Aufklärung arbeiteten. »Ihr redet nur, warum tut Ihr nichts? Ihr seid genau wie die anderen,« sagte eine alte Frau, deren zweiter Sohn gefallen war, zu Gioia, und diese wußte keine Antwort. Sie selbst trieb die Freunde zur Tat, geriet in Verzweiflung, wenn deren Vorsicht ihr klar machte: noch ist es zu früh, wir sind zu schwach. Boris Isralew tröstete sie: »Die Befreiung muß kommen, Gioia, doch wird sie nicht von einem Land ausgehen, das in vielen satten Jahren hart geworden und zu Stein erstarrt ist. Sie wird von jenem Lande kommen, wo Schmerz und Elend seit Jahrhunderten das Feuer in Brand erhalten, die Flamme geschürt haben. Nur ein gekreuzigtes Volk vermag der Messias der Völker zu sein.«
Die alte Frau von Reuter schien von den Freunden die am härtesten Betroffene zu sein; jetzt, da das ungeheuerliche Verbrechen der Blockade Kinder und Frauen mordete, erinnerte sie sich mit Entsetzen, daß sie dem Lande angehörte, das diese Schuld auf sich genommen hatte. »Ich schäme mich, den Menschen in die Augen zu sehen,« sagte sie zu Lene, und Tränen flossen über ihr feines, altes Gesicht. »Wir alle tragen Schuld am Kriege, mich aber drückt noch die Schuld und Schande meines Landes.« Sie gönnte sich keine Ruhe, die müden alten Füße stiegen unzählige Treppen hinauf, um Nahrung und Kleidung in elende Dachkammern zu tragen. Es war bald bei den Freunden ein beliebter Scherz geworden, sie bei jedem Besuch zu fragen: »Was haben Sie heute verkauft?« Dann errötete die alte Frau wie ein junges Mädchen: »Nichts, gar nichts.« Und Lene fragte: »Wo ist denn Dein Diamantring?« »Am Finger irgendeiner fetten Schiebersgattin,« brummte Boris Isralew von der Chaiselongue her. »Eine alte Frau braucht keine Ringe,« bemerkte Frau von Reuter lächelnd, »aber kleine Kinder brauchen Milch.« Der schön eingerichtete Salon wurde kahl und dürftig. Ein wertvolles Möbelstück nach dem anderen wanderte zum Antiquar. Als die Teuerung immer größer wurde, überraschte die alte Dame die Freunde mit der Nachricht, daß sie ihre Wohnung aufgegeben habe und mit Boris Isralew zwei kleine Stuben in einem ärmlichen Viertel beziehen werde. »Fast alle meine kleinen Kinder leben dort,« bemerkte sie entschuldigend, »ich brauche dann nicht mehr so weit zu laufen.«
»Sie richtet sich zugrunde,« meinte Lene besorgt zu Boris.
»Nein, laßt sie nur; sie könnte das Elend nicht ertragen, wenn sie sich nicht selbst gäbe. Sie ist noch aus der alten Schule, die an private Wohltätigkeit glaubt, die liebe Alte. Übrigens kein schlechtes Produkt der alten Schule.«
Warten, warten, warten! An den Fronten verbluten sie zu Millionen; Krüppel kehren heim, Blinde, Kranke; Kinder verhungern, ein einziger Jammersaal eines ungeheueren Spitals ist das ganze Land. Kommt denn keine Erlösung? Verzweiflung schreit zum ehernen Himmel auf, Verzweiflung winselt in Spelunken und elenden Kammern. Der Himmel ist taub und taub sind auch die Menschen, die dem Unheil Halt gebieten könnten. Bleierne Tage schleppen sich in den Herbst, schleppen sich in den Winter. Endlos ist dieser Winter, es wird nie Frühling werden. Früher, vor dem Krieg, da gab es einen Frühling, das Eis schmolz, selig erneutes Leben sproß auf. Das war einmal; es klingt wie im Kindermärchen oder verbirgt dieser Satz noch einen anderen Sinn?
Warten, warten, warten!
Der Märzwind, der ungestüm mit junger Kraft dem Winter an den Leib rückt, bringt die Kunde. Worte peitscht er durch die stickige schwarze Wolkenluft, daß sich die Nebel teilen und blauender Himmel sichtbar wird. Zauberworte. »Rußland! Revolution! Der Zar ist gestürzt! Die Sozialisten am Ruder! Friede!« und immer wieder: »Rußland! Rußland!« Der Völkerheiland erstand aus seinem Grab, das Heil kommt!
Fremde sprechen einander auf der Straße an: »Haben Sie's gelesen? Ist es wahr?« Osterahnen geht durch die Welt, die Zeitungen, die Kunde aus dem Osten bringen, werden gelesen wie das Evangelium. Gebeugte Leiber straffen sich, in verängstete Seelen strömt neuer Mut. »Die haben's gekonnt, warum nicht auch wir?« Lippen, die das Wort »Feind« versehrt hat, leuchten rot und geheilt, sie sagen: »Unsere Brüder.«
Die Herren reiben sich die Hände: »Revolution in Rußland! Das ist recht! Jetzt wird man fertig werden mit der Bande!«