Part 10
Boris Isralew schüttelt den Kopf, als er die Namen der Führer liest. »Jubelt nicht zu früh; das ist bloß die erste Stufe. Bourgeoisrevolution. Aber sie macht den Weg frei für die andere, die wahre. Es ist noch nicht der Tag, bloß der erste helle Schein im Osten. Aber der Tag wird kommen!« -- --
Der Tag kam und brachte für Deutschland schwärzeste Nacht; eine Nacht, aus der sich in Flammenzeichen zwei Worte abheben, ein ewiges Brandmal der Schande: _Brest-Litowsk!_
Die Herren, die Kapitalisten haben gesiegt: deutsche Soldaten dringen vor in einem entwaffneten Land, und Deutschlands Ehre liegt im Kot, wird von Deutschen auf Rußlands Straßen zertreten. Aber diese Schande peitscht viele auf, die, stumpf vor Elend und Not, sich in alles gefügt haben.
»Sie haben unsere Leiber verkauft,« ruft Kerner, bebend vor Wut, in einer geheimen Versammlung, »und wir haben es geduldet. Waren von jeher gewohnt, daß unsere Leiber und Leben den Kapitalisten gehören. Jetzt aber wollen sie unsere Seelen verkaufen, und das dulden wir nicht! Die sind noch unser, die kann uns kein Kaiser und kein Feldherr rauben. Unsere Brüder im Osten sollen sich nicht vergeblich an uns gewandt haben.« Doch noch sind die Herren zu mächtig, das Volk ist zu schwach; seine Stimme wird übertönt. Eines jedoch ist gewonnen, der deutsche Arbeiter hat die geblendeten Augen geöffnet; er erkennt allmählich den wahren Feind, den ihm schurkische Führer als Freund dargestellt haben; er erkennt auch die Brüder. Der Osten streckt die Hand aus, und unzählige Hände greifen nach ihr, über Drahtverhaue, aus Schützengräben und Gefängniszellen, aus dem Kerker der Not. Noch herrscht die Nacht, doch rötet sich schon der Osten. Zum zweitenmal hat ein Gewaltiger das Wort gesprochen: »_Es werde Licht!_« Die Nebel zerteilen sich, die Sonne, noch hinter Wolken verborgen, wärmt bereits die erstarrte Erde, und über blindes Chaos, Haß und Bestialität erhebt sich siegreich der Geist!
Zweiundzwanzigstes Kapitel.
Boris Isralew lag im Sterben. Seit Monaten bereits fragte sich Johannes staunend, was dem siechen Körper noch die Kraft zum Leben gab; war es der unbeugsame Wille des einstigen Katorgasträflings, der nicht fortgehen wollte, ehe er das Ende des Entsetzens gesehen hatte, oder die glühende Sehnsucht nach der ersten befreienden Tat im Deutschen Reich?
Er wurde immer ungeduldiger, herrschte die Freunde an, wenn sie von ihrer Arbeit berichteten, von Flugblättern, geheimen Versammlungen.
»Ihr bleibt im ersten Kapitel des Evangelium stecken!« pflegte er gereizt auszurufen. »Bei euch ist es immer noch: im Anfang war das _Wort_. Laßt doch endlich die _Tat_ folgen. Euere vielen Worte, gesprochene wie gedruckte, erdrosseln die Tat. Aber natürlich, in diesem verdammten Land der Ordnung wartet ihr, bis euch die Revolution behördlich gestattet wird!« Als er allmählich schwächer wurde, verschwand jedoch seine Ungeduld. »Es muß ja kommen und wird auch ohne mich gehen. Wir haben euch den Weg gezeigt.«
Er sprach von Rußland, grenzenloses Heimweh hatte sich seiner bemächtigt. Wenn die langen Schatten des Sommerabends in die Stube fielen, redete er verwirrten Geistes vor sich hin: »Siehst Du, wie die Ebene leuchtet? Endlos, unbegrenzt. Und dort hinten der Birkenwald, wie er duftet. Heilige russische Erde, Mutter der Märtyrer und des Heiles, sehe ich Dich doch noch einmal?« Er sprach zu alten Kameraden: »Morgen, Ivan, wenn der Minister ausfährt ... Ist Dein Revolver in Ordnung? ... O diese Fesseln, wie eisig sie im Winter sind! ... Wer ist in der Nachbarzelle? Klopfe noch einmal, Kamerad, ich habe Dich nicht verstanden.«
Dann kamen Tage, an denen er stumm, bewußtlos dalag. -- --
An einem Augustmorgen, als es zu dämmern begann, öffnete er die Augen. Frau von Reuter, die an seinem Bett eingenickt war, erwachte, als seine Hand ihre Schultern berührte. Er blickte sie an, ohne sie zu erkennen, lächelte, sprach ein paar russische Worte, hob die Arme und rief: »Wir siegen!« Dann streckte sich der abgezehrte Körper, bäumte sich noch einmal auf und fiel zurück; die gebrochenen Augen blickten starr nach dem Fenster, in die aufgehende Sonne.
* * * * *
Als Lene etwa eine Woche später Johannes und Gioia aufsuchte, blieb sie wie erstarrt an der Türschwelle stehen; der Mann dort beim Fenster, unmöglich, es konnte ja nicht sein, und dennoch ... »Savin!«
Ein wohlbekanntes Gesicht lachte ihr entgegen. »Ein kleiner Irrtum, liebe Lene, Herr Rotberger, Kaufmann aus Linz.«
»Wie ist es denn möglich?«
»Alles ist möglich und mehr als alles wird möglich werden. Wie geht's, Strohwitwe? Was macht Anatol? Und Gustav sitzt auch? Ich habe auch gesessen, verdammt lange sogar, bis zur zweiten Revolution.«
Am Abend kamen sie alle bei Frau von Reuter zusammen. »Es sind unser recht wenig geworden,« meinte Savin, sich im Kreise umblickend. »Den armen Boris hätte ich gerne noch gesehen. Und wo steckt der Prophet?«
»Der geht überhaupt nicht mehr aus,« erwiderte Johannes. »Hockt den ganzen Tag daheim und betet. Er glaubt, der Messias werde demnächst kommen.«
»Er hat so Unrecht nicht, der alte Mann. Wir in Rußland haben mit dem Aufbau des Gottesreiches begonnen,« bemerkte Savin ernst.
»Erzähle!«
Er erzählte, berichtete, wie der geballte Wille eines gepeinigten Volkes Gestalt angenommen, und aus dieser Gestalt sich das Räterußland entwickelt hatte.
»Blutig, sagt Ihr, sei die Revolution verlaufen? Ja, sollen wir etwa unseren Feinden mit der reinen Vernunft auf den Leib rücken? Sie wehren sich, das ist von ihrem Standpunkt aus begreiflich, und wir sind verpflichtet, das Errungene zu schützen. Nicht etwa, daß es vernichtet werden könnte. Erschlagt uns alle, setzt die Autokratie wieder ein, aus der russischen Erde werden sich Menschen bilden, die unsere Idee fortführen. Rußland ist durchtränkt von der Idee, sie sickert in die Geister ein; unsere Feinde von gestern sind heute unsere Anhänger. Propaganda? Freilich treiben wir Propaganda; aber ich meine, wir hätten es gar nicht nötig. Wir haben die Jahrtausende alte Sehnsucht der Völker verwirklicht; unser bloßes Bestehen ist Propaganda genug.«
»Wären wir erst so weit,« seufzte Kerner.
»Bei Euch ist das anders. Ihr müßt vom Schlamm der Bourgeoisie erst in den Schmutz des Kleinbürgertums geraten, des brutalen, herrschsüchtigen Kleinbürgertums. Euch fehlt der Schwung, um diese Stufe zu überspringen. Ihr müßt Euch emporarbeiten, Schritt für Schritt, werdet zurückfallen und von neuem beginnen müssen. Das weiß man bei uns; wir rechnen noch nicht auf euch, in drei, vier Jahren vielleicht.«
»Wir sind nicht müßig gewesen,« warf Gioia ein.
»Ich weiß es, auch ihr habt gute Führer, nur sitzen die meisten jetzt augenblicklich im Gefängnis. Und dann noch eins, das russische Volk vermag seine wahren Führer zu erkennen, das deutsche nicht. Gebt ihm Lenin oder Trotzki, es wird ihn nicht verstehen, wird Mißtrauen empfinden, sich gegen ihn aufhetzen lassen.«
»Haben Sie uns keine Botschaft gebracht, Savin?« warf Lene ein.
»Rotberger, bitte. Ja; aber die muß ich zuerst anderen berichten, dann sollt ihr es erfahren.«
Sie saßen beisammen, bis der Morgen graute, fragten, erzählten. Es war, als sei mit dem Russen ein frischer Lufthauch gekommen, der die dumpfe Schwüle zerstörte. Sie lauschten ihm, wie man dem Wanderer lauscht, der heimgekehrt, von einem sagenhaften Lande berichtet, einem Lande, in dem alle Träume und Sehnsüchte Wahrheit geworden sind.
* * * * *
Die Welt hielt den Atem an und wartete mit klopfenden Pulsen. Die Zentralmächte hatten ein Friedensangebot gemacht. Es gab keine laute Freude, allzu teuer war dieser Friede erkauft; dumpfer Groll erhob drohende Fäuste.
Die Patrioten zitterten, sie waren bereit, alles zu opfern, selbst den »geliebten Kaiser«, um das Volk zu beschwichtigen. _Das Volk!_ Was war aus der stumpfen Masse geworden, dem wehrlosen Schlachtvieh, über das die Herren bedingungslos verfügen konnten? Plötzlich löste sich diese Masse auf, und man erkannte schaudernd, daß sie aus Menschen bestand, lauter verbitterten, haßerfüllten Menschen. Und wie viele es waren! Früher hatte man jubelnd gesagt: »Ja, wir haben es, das Menschenmaterial« und hatte sich über die Zahl derer gefreut, die man in den Tod schicken konnte. Heute verfluchten die Herren die ungeheuere Anzahl, ja, mit einem kleinen Volk, mit dem könnte man fertig werden, ein paar verläßliche Regimenter würden genügen. »Verläßliche Regimenter?« Wer ist heute noch verläßlich? Matrosen meutern, Soldaten; seltsam, es war den Herren nie eingefallen, daß auch diese zum Volk gehören, Volk sind. Nun mußten sie's erkennen. -- --
Die Ereignisse folgten Schlag auf Schlag. Der Volksstaat Bayern wurde proklamiert; noch stritt man über des Kaisers Rücktritt, da wurde auch schon in Berlin die Republik ausgerufen.
»Revolution?« sagte Savin zu Gioia, die außer sich vor Freude war. »Das ist keine Revolution. Ist vielleicht der Auftakt. Wer hat die Republik verkündet? Ein Sozialpatriot. Wer wird herrschen? Die Sozialpatrioten. Der kleine Bourgeois kommt ans Ruder, Kerenski und Dan. Das Volk ist eben so schlecht daran, wie zuvor, schlechter, weil man ihm noch leichter vortäuschen kann, es habe mitzureden. Glaubt ihr denn Revolution sei eine Spielerei? Solange sie nicht ein Elementarereignis ist, ein Ausbruch der Masse, kann sie nichts erreichen.«
»Du hast Unrecht, Savin,« meinte Johannes.
»Wir werden ja sehen. Weil ein Wetterleuchten die Nacht erhellt hat, wähnt ihr, der Morgen sei gekommen. Glaubt mir, die Nacht, die dieses unglückselige Land bedeckt, muß noch weit dunkler werden, ehe es tagt.«
Von der Straße drangen Jubel und Freudenrufe ins Zimmer. Gioia öffnete das Fenster und lehnte sich weit hinaus.
»Der falsche Messias,« murmelte Savin verdrossen, »der Heiland der Bürger! Schließen Sie das Fenster, Gioia, ich kann es nicht ertragen, die Leute denen zujubeln zu hören, die sie knechten werden.«
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
»Mein Gott, weshalb haben sie uns nicht im Gefängnis gelassen?« sagte Anatol Silberblatt düster und starrte in den grauen Winterabend hinaus. »Dort waren wir glücklich, ahnten schon lange, daß sich etwas vorbereite, füllten die grauen Tage mit Hoffnung aus. Und dann, diese wundervolle Nacht vom neunten November! Mein Zellennachbar hatte die Nachricht erfahren. Woher? So etwas sickert durch die Mauern hindurch. Er klopfte an die Wand: »Sieg! Revolution!« Ich ließ ihn die Worte drei, viermal wiederholen, mußte sie immer wieder hören. Als ich sie weitergab, hörte ich meinen anderen Nachbarn schluchzen wie ein Kind. Wir waren alle schier verrückt vor Glück. Endlich! Und dann kommt man heraus, und findet -- das.«
Er wandte Lene sein zerquältes Gesicht zu.
»Liebster,« entgegnete sie zögernd, nach Trost tastend, »es ist doch wenigstens der Anfang.«
»Nein, es ist das Ende. Wie habt Ihr es zugeben können? Einen Tag lag die ganze Macht in den Händen des Proletariats, und es läßt sie sich entwinden. Nicht entreißen, wenn es der Übermacht erlegen wäre, aber nein, es läßt sich die Macht aus den Händen nehmen, glaubt dabei noch, es habe sie an seine Freunde weitergegeben ...«
»Wir sind 1905 auch geschlagen worden,« warf Savin ein.
»Das war etwas anderes; damals seid ihr euren Feinden gewichen, habt gewußt, in etlichen Jahren beginnt der Kampf aufs neue. Aber heute glaubt der größte Teil des Volkes, alles sei in schönster Ordnung.«
»Wir haben doch Freunde in der Regierung,« Lene klammerte sich verzweifelt an jedem Strohhalm.
»Die werden schön langsam verdrängt, heute der, morgen ein anderer.«
»Wir werden nicht dulden, daß einer geht,« rief Johannes und Gustav fügte hinzu: »Du siehst zu schwarz, Anatol, wir können jeden Augenblick Verstärkungen aus Spandau und Frankfurt an der Oder erhalten. Es wird übrigens gar nicht nötig sein, zu derartigen Mitteln zu greifen. Laß am Sonntag den Demonstrationszug zustande kommen, da wird unserer herrlichen Regierung schon das Herz in die Hosen fallen.«
Aber Anatol wollte sich nicht beschwichtigen lassen.
»Ihr vergeßt immer, _wer_ heute die Macht an sich gerissen hat. Unbedeutende, verbürgerte Leute, die sich zum erstenmal groß und wichtig vorkommen. Die werden an der Macht festhalten, zäh wie ein Hund an seinem Knochen, werden mit der Bourgeoisie paktieren, mit dem Militär, alles tun, um nur an der Spitze zu bleiben. Die ...«
»Sie werden sich nicht eines solchen Verrates schuldig machen,« unterbrach ihn Gioia heftig.
Anatol lachte bitter. »Sie haben sich in vier langen Jahren an den Verrat gewöhnt; was könnt ihr anderes von ihnen erwarten? Das wissen auch unsere Führer, wissen genau, daß es den Kampf aufs Messer gilt.«
»Komm, Anatol, wir wollen in die Versammlung gehen, Liebknecht wird sprechen,« erinnerte Johannes.
»Ich kann nicht auf die Straße gehen, kann nicht die rote Fahne wehen sehen, beschmutzt und entehrt von den Händen, die sie gehißt haben. Zweimal hat Deutschland die Idee gemordet, in Brest-Litowsk und in der deutschen Revolution!«
Er verbarg das Gesicht in den Händen, tiefe Stille herrschte in der kleinen Stube, verzagte, trostlose Stille. Schließlich brach Frau von Reuter das Schweigen. Ihre alte, zitternde Hand fuhr liebkosend über Anatols gebeugten Kopf. »Ich verstehe nicht recht, worum es sich handelt, weiß nur unklar, daß wieder einmal Menschen das Heilige zu sich herabgezerrt und geschändet haben. Das brandmarkt die Menschen, mein Kind, aber nicht das Heilige. Das bleibt, das ist ewig und unbesieglich. Und auch hier tragen es noch viele im Herzen. Glaube mir, es ist so stark, daß es, selbst wenn es auch nur ein Einziger in seiner Seele bewahrte, von dieser einen Seele aus die Welt entflammen könnte.«
Anatol hob den Kopf, er schien die Worte der alten Frau nicht gehört zu haben, mit verzerrten Zügen blickte er zum Fenster hinaus. »Wie der Schnee fällt, alles zudeckt; die ganze Straße sieht aus wie ein Grab.«
Sie verstanden seine Stimmung, die sich allmählich allen mitgeteilt hatte. Nur die alte Frau lächelte und sagte leise, aber bestimmt: »O ihr Jungen, wißt ihr denn noch nicht, daß das Grab nicht den Tod bedeutet, sondern die Auferstehung?« -- --
Durch die Siegesallee wälzte sich der endlose Zug, eine schwarze Drohung im fahlweißen Wintertag. Mit blödem Staunen blickten die weißen Marmorpuppen von ihren Sockeln herab: was soll das bedeuten? Das hat es zu unserer Zeit nie gegeben! Da haben sich die gemeinen Leute schön bescheiden geduckt und unseren Befehlen gefügt. Was sind das für Menschen, die hier an uns vorüberziehen? Sie sehen arm aus, gleichen in Kleidung und Äußerem unseren Untertanen, aber nie sahen wir in den Zügen unseres braven Volkes einen derartigen Ausdruck. Gehorsam, Ergebenheit, salbten sein Angesicht, und es wagte kaum, die Augen zu uns zu erheben. Diese jedoch haben harte, entschlossene Gesichter, ehrfurchtslose, kühn blitzende Augen. Bei Gott, das sind keine Untertanen mehr! Die Fürstenpuppen der Siegesallee fröstelten, zogen sich den Schneemantel fester um die Schultern und hätten gerne die Köpfe geschüttelt, wenn ihnen dies der starre Marmornacken gestattet hätte.
Sie hatten mit ihren blinden Augen -- stets sind Herrscheraugen blind gewesen, auch wenn sie nicht aus weißem Marmor gemeißelt sind -- zum erstenmal richtig gesehen. Das waren keine Untertanen mehr, die an ihnen vorüberzogen, waren Menschen, die, ihrer Würde bewußt, keinen Herrn mehr anerkannten, weil sie endlich, endlich begriffen hatten, daß sie selber die Herren waren, die Macht -- sie, das Volk, das Proletariat. Zu Tode verbitterte Menschen waren es, weil sie erkannt hatten, man habe sie zum zweitenmal betrogen und diesmal war nicht der Feind der Betrüger gewesen, sondern der angebliche Freund, die Männer, denen sie jahrzehntelang geglaubt hatten, die ihre Führer gewesen waren.
Diese Erkenntnis brütete schwüle Hitze aus, von Mensch zu Menschen flog das böse Wissen, entfachte sich bei jedem neuen Anprall. Flammen des Hasses züngelten auf, und jeder neue Gedanke brachte dem Feuer neue Nahrung. Sturmwind waren die Worte der Führer, fuhren in die Flammen, trieben sie hoch, vergrößerten ihre Kraft. Lodernder Haß, heiliger Zorn schritt an jenem Sonntag durch die Straßen Berlins. Anatol, der sich dem Zug angeschlossen hatte, lachte auf, aus befreiter Brust. »Besiegt? Wie konnte ich dies nur glauben? Durch jeden Druck werden wir stärker. Wir sind das Feuer, das den Lügenwald verzehrt, sind das Meer, das die Düne überflutet. Für eine vom Felsen zurückgeworfene Welle gischen hunderte auf. Wir sind unsterblich, weil wir die Menschheit sind. Mögen sie uns töten, vernichten, neue Flammen werden aus Asche und Schutt brechen und ihre Festen zerstören. Wir sind unbesieglich!«
* * * * *
Kampf tobt in den Straßen Berlins. Schüsse hallen wider, Blut befleckt die Straßen, Schreie gellen auf, Militär jagt einher; Bürgerkrieg!
Verhaltener Grimm fletscht die Zähne. Die Besiegten vom neunten November, die Offiziere, die »treuen« Truppen, toben sich aus; sie sind mit einem Male gut Freund mit der bisher verhaßten Regierung. Entfesselte Roheit feiert Triumphe. In ihren Höhlen liegt lauernd die Reaktion und freut sich des Gemetzels.
Eine kleine Schar -- die erhofften Verstärkungen sind ausgeblieben -- kämpft einen Verzweiflungskampf, einen Kampf, der nur mit ihrer Niederlage enden kann. Nicht immer werden sie die Schwächeren sein, das Reich der Freiheit muß mit Blut erkauft werden. Und sie, die zerlumpt und elend auf den Straßen sterben, zu Tode getroffen, von Pferden überritten, sie lassen ihren Kindern ein köstliches Erbe -- die Idee. Und wenn unsere Führer fallen, wir sind nicht führerlos, mit der roten Fahne in der Hand zieht die Idee vor uns her, wie die Feuersäule des Herrn den Juden den Weg wies ins gelobte Land. -- --
Gustav ist verwundet, es gelingt Anatol und Johannes, die in seiner Nähe kämpfen, ihn in Johannes' Wohnung zu bringen. Als sie wieder fortwollen, klammert sich Gioia einen Augenblick an Johannes. »Wann kommst Du wieder?«
»Ich weiß nicht. War Lene nicht hier?«
»Sie brachte das Kind her, lief wieder fort. Und ich muß jetzt daheim sitzen.«
»Einige müssen am Leben bleiben, Gioia.«
Sie erschrickt vor dem Ernst seiner Stimme.
»Du glaubst, daß es hoffnungslos ist, daß wir nicht siegen können, vergeblich sterben?«
»Nicht vergeblich, Liebste. Dies ist kein Entscheidungskampf, ist bloß der Anfang eines langen, langen Ringens.« Er küßt sie innig. »Leb' wohl!« -- --
Die frühe Winternacht bricht herein, alles verschwimmt zu grauer Masse. Der Kampf in den Straßen flaut ab; hier und dort dröhnt noch ein Schuß, in der Ferne rattern Maschinengewehre. Bisweilen schleudern Scheinwerfer grelles Licht auf den Asphalt.
Johannes steht auf seinem Posten. Er ist todmüde, kalter Wind läßt ihm die Glieder erstarren, tiefe Traurigkeit lastet bleiern auf seinem Gehirn. Pferdegetrampel klingt dumpf vom Pflaster auf. Johannes hebt das Gewehr. Schon haben ihn die Feinde bemerkt. »Wieder so ein verfluchter Spartakist!«
Ein Blitz zerreißt die Winternacht. Ein scharfer Knall. -- Die Soldaten reiten weiter. Johannes liegt auf der Erde, fühlt, wie eine warme, klebrige Flüssigkeit an ihm herabrieselt.
Am unteren Ende der Straße kommt es noch zu einem Zusammenstoß. Scheinwerfer erhellen das Dunkel, Johannes sieht mit sich trübenden Augen, wie kleine schwarze Punkte aufeinander losstürzen. Verzweiflung überkommt ihn. Ist das das Ende? Die Ungerechtigkeit siegt und die Freiheit flieht? Wird das gelobte Land niemals erreicht werden? Vor seinen Toren stehen Heere mit Maschinengewehren.
Aus der Ferne tönt Hufschlag. Seltsam, es klingt wie etwas anderes, klingt, als würden bei einem Bau Steine geklopft, Steine. Seine Gedanken verwirren sich. Es ist ihm plötzlich warm und wohl zumute. Die bleierne Trauer, die seine Brust zusammengepreßt, hebt sich. Zartes, gedämpftes Klingen tönt in seinen Ohren, Schellen, ja Schlittenschellen. Vor seinen geschlossenen Augen steigt ein Bild auf. Eine breite, unendlich lange Straße ist es, hell erleuchtet. In einem Schlitten sitzt er als kleiner Junge, in Pelze gehüllt neben einer schönen Frau ... Ein schlanker Arm preßt ihn fest an einen duftenden Körper ... Der Schlitten rast dahin ... Das Bild verschwimmt. Nun glaubt er, eine behagliche Wohnstube zu sehen ... Gioia sitzt am Schreibtisch ... das elektrische Licht fällt prall auf ihr rotbraunes Haar ... es schimmert wie Bronze ... Und immer wieder, durch alle Bilder, durch alle wirren Träume dieser seltsame Ton, als würden Steine geklopft ...
Er öffnet die Augen; woher kommt dies Geräusch? Und da sieht er von Licht überflutet einen hohen Hügel vor sich ... Aus unendlicher Ferne hört er eine längstvergessene alte Stimme: »Und siehe, sie fügten Stein an Stein, und meißelten und hämmerten, und andere trugen Gold herbei und Edelsteine und machten sich damit zu schaffen. Da begriff Simon, daß der heilige Tempel wieder aufgebaut werde, und sein Herz jauchzte und sprang vor Freude ...«
Der Tempel; ja, Steine werden geklopft beim Tempelbau ...
Am Ende der Straße kämpfen noch immer schwarze, verschwimmende Pünktchen miteinander. Johannes sieht sie vorspringen, zurückweichen, winzige, schwarze Pünktchen. Bisweilen blitzt etwas auf, ein scharfer Strahl zuckt von einem Pünktchen zum anderen. Eine kalte Wirklichkeitswelle spült erstarrend über Johannes' Gehirn. Das sind Menschen, kämpfende Menschen. Dann hüllt ein warmer, rosiger Nebel ihn völlig ein. Es duftet plötzlich nach Flieder. Angestrengt starrt er auf die kämpfenden, schwarzen Pünktchen. Und lächelt. Wie hat er nur glauben können, daß dies kämpfende Leute sind, Menschen, die sich gegenseitig ein Leid antun? Das ist nur ein böser Traum gewesen. Nun sehen seine Augen wieder klar, immer lauter wird das Klopfen, und er erblickt einen endlosen Zug, der mit Bausteinen in den Händen den Hügel hinansteigt ... Und immer neue kommen hinzu, von allen Enden der Welt und bringen Stein um Stein ...
Es wird ihm schwarz vor den Augen, er schließt sie, ringt keuchend nach Luft ... Dann öffnet er sie noch einmal, und vor seinem beseligten Blick steht der Tempel, schimmernd und gleißend in überirdischem Licht, und ragt in vollendeter Herrlichkeit in den Nachthimmel auf ...
Ende.
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Antiqua gesetzt.
Darstellung abweichender Schriftarten: _gesperrt_, ~Kursiv~.
Im Originalbuch fehlt, zwischen siebtem und neuntem Kapitel, die Kennzeichnung eines achten Kapitels. Es wurde deshalb auf Seite 44 an der Position eines inhaltlichen Gedankenwechsels die Überschrift "Achtes Kapitel." eingefügt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 4: im Original "legten Stein an Stein, und meiselten und hämmerten" geändert in "legten Stein an Stein, und meißelten und hämmerten"
Seite 15: im Original "»Und wer ist die Muttergottes.«" geändert in "»Und wer ist die Muttergottes?«"
Seite 18: im Original "alldies hatte er schon einmal gesehen" geändert in "all dies hatte er schon einmal gesehen"
Seite 22: im Original "gut zu den beiden. die bucklige Schustersfrau" geändert in "gut zu den beiden. Die bucklige Schustersfrau"
Seite 28: im Original "Bitte, Muttergottes, für die Heilige!" geändert in "Bitte, Muttergottes, für die Heilige!«"
Seite 31: im Original "»Margarete kommt demnächst zu Besuch!»" geändert in "»Margarete kommt demnächst zu Besuch!«"
Seite 38: im Original "»Und wodurch hat Deine liebe Mutter euch erhalten?" geändert in "»Und wodurch hat Deine liebe Mutter euch erhalten?«"
Seite 38: im Original "am Morgen fand er hiezu keine Zeit" geändert in "am Morgen fand er hierzu keine Zeit"
Seite 46: im Original "Mein Vater sagt aucht man müsse" geändert in "Mein Vater sagt auch, man müsse"
Seite 50: im Original "»Das unterirdische Rußland« von Stepniak, das kenne ich.«" geändert in "»›Das unterirdische Rußland‹ von Stepniak, das kenne ich.«"