Part 8
Nun baten wir beide, der Mann mit Tränen in den Augen, ich zitternd vor unterdrückter Empörung. Heinz geriet in Zorn: ›Euere Weiber werfen ja wie die Hündinnen!‹ schrie er. ›Heute abend kommt mir kein Pferd aus dem Stall.‹ Und er klingelte und befahl dem Kutscher zu sagen, er solle darauf achten, daß kein Pferd angespannt werde. Lene, des Mannes Gesicht! Diese hilflose Wut, diese Verzweiflung! Ich ging mit ihm zu seiner Frau. Es war eine schreckliche Nacht. Gegen Morgen gebar die Frau ein kleines totes Kind, und eine Stunde darauf starb sie selbst. Der Mann war ganz still, er sagte kein Wort. Nur einmal, als er an mir vorbeikam -- ich weinte in einer Zimmerecke --, streichelte er meinen Arm und sagte: ›Weinen Sie nicht, Sie haben alles getan, was Sie konnten, und für die Frau ist es besser, tot zu sein. Der Herr hätte uns ohnehin entlassen, und wo hätten wir so schnell Arbeit gefunden? Die Gutsherren nehmen nicht gern eine Familie mit einem kleinen Kind, weil die Frau dann nicht zur Arbeit gehen kann.‹
Am Vormittag kam Heinz mich holen. Die Stube war voller Menschen, Frauen waren gekommen, um die Tote zu sehen. Ich war wie von Sinnen. Als Heinz eintrat, zeigte ich auf das Bett und schrie ihm ›Mörder!‹ zu. Und als er mich anherrschte, verlor ich den letzten Rest von Selbstbeherrschung. ›Du willst einen Sohn von mir, Du Verbrecher!‹ schrie ich, ›Du wirst mich nicht mehr anrühren. Ich werde Dich beim Gericht anklagen, Du Mörder! Du Mörder!‹
Die Leute drängten sich um uns. ›Komm' nach Haus, Gioia,‹ sagte er erschrocken.
›Ich werde nie mehr Dein Haus betreten.‹ Ich wandte mich an die Leute: ›Gebt nicht zu, daß er mich anrührt.‹
›An die Arbeit, Gesindel, oder ihr seid alle entlassen!‹ brüllte Heinz. Und die Leute schlichen scheu hinaus, bis auf ein paar alte Frauen.
Ich bin auch nicht mehr ins Schloß zurückgegangen. Die Mutter des Müllers hat mich bei sich aufgenommen. Jetzt ist die Scheidung eingeleitet. Meine Eltern sind über mich empört und wollen nicht, daß ich zu ihnen zurückkehre. Da habe ich an Dich gedacht, Lene. Ihr wollt doch die Verbrecher, die Mörder vernichten, nehmt mich auf. Ich muß die tote Frau rächen und die anderen unzähligen Opfer.«
Als Lene den Freunden von Gioia erzählte, nickte Boris Isralew befriedigt. »Aus diesem Holz werden die Fanatiker geschnitzt. Sie soll nur bei uns bleiben. Ich werde darauf achten, daß sie keine unnötigen Dummheiten macht.«
Gioia fügte sich leicht in den Kreis ein. Sie war zu jeder Arbeit bereit, und Anatol, der es verstand, alle Fähigkeiten der Menschen auszunützen, entdeckte gar bald, daß die junge Frau eine vorzügliche Rednerin war. Der lodernde Haß ihrer Worte riß die stumpfsten Zuhörer mit, in kurzen Sätzen reihte sie Bild an Bild, Ungerechtigkeit an Ungerechtigkeit, bis im Saal ein ungeheuerliches Gemälde von Knechtung, Unrecht und Menschenleid aller Augen erfüllte und sich unauslöschlich in die Gehirne einbrannte.
»Die verkörperte Revolution,« meinte ein junger Maler, der sich den Freunden angeschlossen hatte, »so müßte man sie malen. Mit dem rotleuchtenden Haar, das wie Flammen aufloht. Alles ist an ihr Leben, Bewegung, treibender Haß.« --
Sie hatten sie alle lieb gewonnen, freuten sich ihrer Lebenskraft, ihrer Glut. Einem jedoch deuchte sie eine Offenbarung -- Johannes. Ihre freudige Lebenslust schien ihm eine erwärmende Flamme. Jede Verzagtheit, jede Mutlosigkeit verging in ihrer Nähe. Die grauen Kinderjahre, das Gefühl der Einsamkeit, die ihn bisweilen noch bedrückten, verschwanden aus seinem Gedächtnis, eine farbenfrohe, leuchtende Welt tat sich ihm auf, ihm war, als habe er endlich die sonnige, beseligende, lang gesuchte Heimat gefunden.
»Sie ist gerade das Richtige für unseren Träumer,« meinte Lene erfreut zu ihrem Mann, »sie wird ihn aufrütteln.«
»Er schaut sie an, wie ein Kind den Weihnachtsbaum,« lachte Anatol, »mit ganz verklärten Augen.«
Johannes aber, der stille und verschlossene, wagte kein Wort, bis sie einmal abends nach einer Versammlung heimgingen. Vor Lenes Wohnung machten sie Halt. Plötzlich erfaßte ihn übermächtig die Sehnsucht nach dieser Frau und ihm war, als müsse er sterben, wenn sie jetzt von ihm ginge. Er hielt ihre Hand fest. »Gioia, geh nicht zu den anderen, komm' mit mir, Du gehörst mir.«
Sie schwieg einen Augenblick. -- Da brach alle Sehnsucht des Heimatlosen, alles Verlangen des Einsamen in stammelnden Worten aus ihm hervor. Ungelenke, fast kindische Sätze der Leidenschaft, der Liebe. Und abermals wiederholte er, wie um es sich selbst zu versichern: »Du gehörst mir!«
»Das weißt Du erst jetzt?« fragte sie leise. Nicht nur die Worte, der ganze Ton der warmen Stimme gaben ihm Antwort.
Er schlang in der Dunkelheit die Arme um sie, und so strebten sie nach seiner kleinen Stube. Von draußen dufteten die Linden herein. Ein leiser Wind bewegte den Vorhang am offenen Fenster.
* * * * *
In Sarajewo war der österreichische Thronfolger ermordet worden. »Was geht das uns an? Ein Habsburger weniger,« meinte Philipp Schermann gelassen. Aber Anatol war anderer Ansicht. »Ein günstiger Vorwand für die Kriegspartei.«
»Bei uns ist sie viel zu schwach, um Unheil zu stiften,« behauptete der andere überzeugt, »sie schreit, rasselt mit dem Säbel und wagt doch nichts zu tun, weil sie ganz genau weiß, sie hat im Fall einer Kriegserklärung das ganze Volk gegen sich.«
»Aber in den anderen Ländern,« meinte Lene sorgenvoll.
»England ist aus Vernunftsgründen gegen den Krieg,« entgegnete Frau von Reuter, die, den kleinen Emanuel auf den Knien, am Fenster saß, »es weiß genau, welch ungeheuerer materieller Schaden ihm daraus erwachsen würde.«
»Und in Frankreich sind die Sozialisten zu mächtig, außerdem haben sie dort einen Mann, der die Massen in der Hand hält. Jaurès wird mit allen Kräften den Krieg verhindern.«
Der alte Abraham Löw saß zusammengekauert in einer Ecke. Seit dem Mord von Sarajewo hatte ihn tiefe Traurigkeit befallen. Er schwieg unentwegt, schien die an ihn gerichteten Worte nicht zu hören, starrte mit entsetzten Augen in die Ferne, als ob er dort etwas Furchtbares erblicke.
Ein herrlicher Sommertag strahlte mit sonnenbegnadeter Glut über Berlin. Lene deckte den Tisch und seufzte ein wenig über Anatols Unpünktlichkeit. Boris Isralew, den die Sonne aus dem Zimmer gelockt hatte, stand am Fenster, auch Abraham Löw hatte sich wie gewöhnlich zum Mittagessen eingefunden. »Mir scheint, es werden Extrablätter verkauft,« sagte Boris, »die Leute rotten sich zusammen. Ich werde eines holen gehen.«
»Nein, Boris, Sie sollen nicht die vielen Treppen steigen, Anatol muß ja gleich kommen, dann werden wir alles erfahren.«
»Böses bereitet sich vor,« murmelte Abraham Löw in seiner Ecke.
Die Tür wurde aufgerissen, Anatol erschien, atemlos vom eiligen Gang, sehr blaß. »_Jaurès ist ermordet worden!_«
»Jaurès!«
Ein Glas entfiel Lenes Händen und zerscherbte auf dem Fußboden. »Unmöglich! ... Wann? ... Wer hat es getan?« ... Fragen überstürzten sich. Dann verstummten alle. Schwere Furcht, böse Ahnungen lasteten über der kleinen Stube. Und plötzlich erhob der alte Mann in der Ecke seine Stimme, sie klang dumpf und verzweifelt. »Wehe, es stehen Fackeln im Winde und leuchten durch die Nacht. Die eine große, hellstrahlende hat der Sturm verlöscht, und die anderen zittern und brennen schwächer und schwächer. Wehe, auch sie werden verlöschen. Nacht bricht herein und treibt aus die Helle. Nacht herrscht allerorten, und durch das Dunkel schreit der Jammer zum ehernen Himmel auf!«
Achtzehntes Kapitel.
Die eine Fackel, die große, hellstrahlende, die seit Jahren in Frankreich geleuchtet hatte, war erloschen. Die anderen bebten im gewaltigen Sturmwind, zitterten, brannten schwächer, immer schwächer -- erloschen. Die Nacht des Wahnsinns breitete sich über die Länder, drang in Geister und Seelen. Ätzendes Lügengift spritzte aus Worten und Schriften, lähmte die Gehirne. Herden waren die Menschen geworden, sinnlos verschreckte Herden, denen des Hirten gellender Angstschrei den Wolf verkündet. Besinnungslos trieben sie vorwärts, rissen alle mit, zertraten unter ihren Füßen, wer im irren Lauf nicht Schritt halten konnte. Keiner riß sich los aus der Herde, keiner schrie den Betörten die Wahrheit zu. Wurde wirklich keine Stimme laut oder versank sie im Gebrüll der Masse? Wo waren die Führer? Wo die Männer, deren Geist durch Jahrzehnte die Menge gelenkt hatte? Verkrochen sie sich feige vor dem Sturm, wurden auch ihre Hirne geblendet, wie das des Unwissendsten ihrer Anhänger?
Aus geballten Leidenschaften und niedrigem Neid, aus Ehrgeiz und Habsucht, aus Feigheit und Leichtgläubigkeit formten die Menschen mit eigenen Händen den Moloch, das Ungeheuer mit den tausend Fangarmen und der unersättlichen Gier, das Mordgespenst, Tod und Verderben atmend. Und sie erhoben es, beteten es an, in selbstzerfleischender Raserei und nannten es Vaterland.
Vaterland! Nie mehr wird nach diesen furchtbaren Jahren ein Denkender dies Wort aussprechen können, ohne zu schaudern. Daß zwei heilige Dinge verbunden den Dämon ergeben können, der die Menschheit vernichtet! Vater: Hüter, Pfleger, Schützer der Seinen; Land: gütiger, nährender Boden, korngoldene Felder, Fruchtbarkeit, Segen.
Eine Fackel erlosch nach der anderen, hatten sie jemals gebrannt? In allen Parlamenten stimmten die Vertreter des Volkes für die Kriegskredite, nur in Serbien fanden zwei Männer den Mut, ihre Stimmung dagegen zu erheben und in Deutschland verließ bei der Abstimmung einer den Saal. Ein einziger!
Wo waren die Führer? Blinde und Verräter sprachen zum Volke, Blinde und Verräter drängten sich, des eigenen Vorteils eingedenk um den Kaiser. Schwarze Druckerschwärze spie Geifer unter die Menge.
Der Generalstreik? »Die anderen sollen damit anfangen,« hieß es in jedem Land, »dann werden wir ihrem Beispiel folgen. Wir dürfen _unser Land_ nicht preisgeben.«
Urplötzlich hatten sie alle ein Land, die Menschen, die noch vor Wochen die ganze Welt Heimat genannt und der Grenzpfähle gespottet hatten. Und hatten ein _Volk_, die früher nur die »_Internationale_« gekannt. Jene, die außer dem Klassenkampf jeden Kampf zurückgewiesen hatten, sprachen mit volltönenden Worten auf offenem Markte von »unserem« Krieg, forderten Geknechtete, Unterdrückte auf, _mit_ ihren Herren die Brüder zu bekämpfen.
»Gott hat Wahnsinn in die Welt geblasen und keiner vermag sich dessen zu erwehren,« seufzte Abraham Löw, als an einem Abend nach der englischen Kriegserklärung die Freunde bei Lene zusammengekommen waren.
»Wir sind angegriffen worden, wir müssen uns verteidigen!« warf Philipp Schermann ein.
»Wir sind _nicht_ angegriffen worden,« entgegnete Johannes hart, und Gioia rief zornig: »Diese Lügen tragt Ihr ins Volk, um es für den Krieg zu begeistern!«
»Sollen wir unseren Boden den Feinden preisgeben?« fragte Philipp empört.
»Was ist der Boden gegen die Menschen?« Frau von Reuters milde, alte Stimme bebte. »Ich kann gar nicht auf die Straße gehen und die jungen, starken Leute ansehen, die abmarschieren. Rotwangig, stramm, singend schreiten sie einher und sind doch nur Gespenster, Tote, die sich noch als Lebende fühlen. Mir ist zumut, als müßte ich die Züge zum Stehen bringen, welche Menschen, gesunde, lebensvolle Menschen in den Tod tragen.«
»Und keiner tut etwas, keiner,« sagte Anatol düster, »die einen haben den Kopf verloren, die anderen, wie wir, sitzen daheim und jammern.«
»Deutschland ist an dem Krieg nicht schuld! Die Feinde haben ihn uns aufgezwungen!«
»Die Feinde? Philipp, wer sind die Feinde? Die unseligen Proletariermassen, die aus allen Ländern an die Front getrieben werden, oder die Regierungen im eigenen Lande?«
»Er redet schon ganz ›vaterländisch-korrekt‹,« höhnte Anatol. »Die Feinde! Du hast Dich schnell zurechtgefunden, mein guter Philipp.«
»Laß jetzt die dummen Hänseleien.« Philipps frisches Gesicht färbte sich dunkelrot. »Jetzt, wo das Vaterland in Gefahr ist, ist die Zeit des Haarspaltens vorbei. Das haben auch unsere Führer eingesehen und haben für die Dauer des Krieges den Kampf gegen die Regierung eingestellt. Wir können nicht anders handeln, aber die Sozialisten in den anderen Ländern, die es viel leichter haben, als wir, sind zu Verrätern an der ›Internationale‹ geworden.«
»Die Internationale,« meinte Lene sinnend, »klingt das Wort nicht wie ein Hohn? Wir meinten einen unzerstörbaren Bau aufgeführt zu haben, und beim ersten Sturm stürzt er zusammen.«
Der alte Rabbiner blickte wie betäubt im Kreise umher: »Ein stolzer Bau, fest stand der Tempel Jehovahs zu Jerusalem und dennoch ward er zerstört, doch wenn der Herr die Seinen versammelt, wird auch der Tempel wieder aufragen auf dem heiligen Berg. Viele Tränen werden die Mauern reinwaschen und der Schuldlosen Blut wird die Steine aneinanderkitten, wie Mörtel.«
Anatol war aufgeschnellt. »Ich ertrage euer nutzloses Gejammer nicht länger. Johannes, Gioia ...« er zog die beiden in eine Ecke und sprach eifrig auf sie ein.
»Ich habe Boris Isralew zu mir ins Haus genommen,« sagte Frau von Reuter, »als Russe und Revolutionär dürften ihm allerlei Schwierigkeiten drohen, so kann ich ihn mit meinem Namen schützen.«
»Ich hoffe, Sie werden aber auch darauf achten, gnädige Frau,« warf Philipp Schermann ein, »daß er keine kriegsfeindliche Hetze treibt. In diesem Augenblick ...«
»Wenn Sie gegen kriegsfeindliche Hetzer vorgehen wollen, lieber Philipp,« unterbrach ihn die alte Dame mit gelassenem Lächeln, »so müssen Sie bei mir anfangen. Ich leugne es nicht, daß ich bei jeder Gelegenheit gegen den Krieg rede und es auch stets tun werde.«
Philipp Schermann wurde etwas verlegen. »Sie können meinen Standpunkt nicht recht verstehen, gnädige Frau. Sie als geborene Engländerin ...«
»Sie sind es, der es nicht verstehen kann, Philipp. Ich würde in meiner Heimat ebenso handeln. Aber ihr scheint alle vergessen zu haben, daß man nicht nur Deutscher oder Engländer, Österreicher oder Russe ist, sondern in allererster Linie Mensch. Und als Mensch darf man wohl international sein, denke ich.«
Gioia und Johannes schickten sich zum Gehen an, und die anderen folgten ihrem Beispiel. Anatol setzte sich neben seine Frau auf das kleine Sofa. »Lene, die alte Frau hat mich auf einen Gedanken gebracht. Zu den Truppen können wir nicht gelangen, wohl aber zu den Eisenbahnern. Die muß man bearbeiten.«
Sie nickte. »Du willst es versuchen?«
»Ja, sofort. Heute nacht geht wieder ein großer Truppentransport vom Friedrichsbahnhof ab, Kerner hat es mir erzählt, einer seiner Freunde ist dort angestellt.«
»Ich gehe mit Dir.«
»Nein, Lene, die Sache dürfte gefährlich werden. Du darfst nichts riskieren, des Kindes wegen.«
Sie schlang die Arme um ihn. »Und Du? Und Du?«
»Kleine Lene, liebster, bester Kamerad, versuche nicht, mich zurückzuhalten.«
Sie war sehr blaß geworden. »Nein, das tue ich nicht.« Dann fuhr sie leiser, mit nicht ganz fester Stimme fort: »Weißt Du, Anatol, wie glücklich ich all die Jahre mit Dir war?«
Er drückte sie fest an sich.
»Was werden sie Dir tun, wenn sie Dich erwischen?«
»Ich weiß es nicht,« damit erhob er sich.
»Setz' Dich keiner unnötigen Gefahr aus.«
»Nein, Lene, Du wirst für unsere Sache weiterarbeiten, auch wenn ich nicht wiederkommen sollte.«
»Ja.«
Er ging. Sie schaute ihm durchs Fenster nach, verfolgte mit ihren Augen die rasch ausschreitende Gestalt, bis sie ihren Blicken entschwand.
Auf dem Bahnhof herrschte wildes Gedränge, Stimmen klangen durcheinander, eilige Schritte dröhnten in der gewölbten Halle. Keuchende Maschinen bliesen schwarzen Rauch von sich, Wachen schritten auf und ab, blickten mit starren, gelangweilten Gesichtern auf das Treiben.
Plötzlich schien die geordnete Arbeit zu stocken. Alles drängte sich nach einer Stelle, wo auf hoch übereinandergestapelten Kisten ein Mann stand. Sein blasses Gesicht ragte über die vielen ihn umdrängenden Köpfe auf. Laut, mit wilder, verbissener Heftigkeit sprach er zu der Menge:
»Was treibt ihr da? Ihr arbeitet! Wißt ihr auch, was eure Arbeit bedeutet? Mord bedeutet sie, Mord an eueren Brüdern. Ohne euere Arbeit würden die Züge nicht abfahren. Euere Arbeit schleppt die anderen in den Tod, als schlepptet ihr jeden einzelnen an der Hand ins Verderben. Legt die Arbeit nieder! Wie oft habt ihr gestreikt, wenn es sich um eine erbärmliche Lohnerhöhung handelte, heute, da es um Menschenleben geht, könnt ihr euch nicht genug tun an der Arbeit für die Herren. Wie oft fiel in eueren Versammlungen das Wort: »Wir wollen nicht länger für die Herren arbeiten!« Heute mordet ihr für sie. Arbeiter, kein Zug geht ab, wenn ihr es wollt. Gebt das Beispiel! Wenn unsere Brüder in den anderen Ländern, die ihr mit törichtem Nachbeten die ›feindlichen‹ nennt, von euerer Tat hören werden, auch sie ...«
Er wurde von rückwärts zu Boden gerissen; vier Soldaten drangen auf ihn ein. Er wehrte sich aus allen Kräften. Wilde Beschimpfungen prasselten auf ihn nieder. »Schurke!« »Verräter!« »Spion!« »Saujud! Schlagt ihn tot!«
Der diensthabende Offizier trat vor. »Fesselt ihn!«
Der Mann wurde abgeführt.
Die Arbeit nahm ihren Fortgang; Gedröhn, Gerassel, eilende Schritte, Rufe, schrille Pfiffe erfüllten den Bahnhof. In der Nacht schleppten pustende Lokomotiven überfüllte Wagenreihen nach dem Osten.
Neunzehntes Kapitel.
Gustav schob den kleinen Emanuel, der sich mit unwillkommener Zärtlichkeit immer wieder an seine Knie klammerte, sanft aber energisch fort und blickte seine Schwester an. »Du kannst froh sein, daß die Sache Deines Mannes noch so gut abgelaufen ist. Sechs Jahre Zuchthaus sind eine milde Strafe. Und wem verdankt Ihr das?«
»Lieber Gustav, ich weiß, was Du für uns getan hast.«
Er wehrte ungeduldig ab: »Ich spreche doch nicht von mir, obgleich auch meine Freunde ihr Teil dazu beigetragen haben. Das Hauptverdienst jedoch gebührt Friedrich; wenn der sich nicht eine Woche nachher an der Front auszeichnet ... So aber, als Schwager eines ›Helden‹ ist Anatol noch glimpflich davongekommen. Ich möchte nur wissen, warum er eigentlich den Unsinn gemacht hat.«
»Er mußte, Gustav, konnte nicht anders.«
»Merkwürdig; was mir an ihm gefällt, ist, daß er, dieser impulsive Mensch, sich so völlig der Massensuggestion entziehen konnte. Aber er brauchte diese Tatsache doch nicht in alle Welt zu schreien.«
»Sollen wir unsere Überzeugungen verleugnen?«
»Steig' doch nicht gleich aufs hohe Roß. Übrigens, ich bitte Dich, was sind Überzeugungen? Vor fünf Monaten haben wir alle behauptet, es sei ein Verbrechen, einen Menschen zu töten, und jetzt, wenn einer recht viel Morde auf dem Gewissen hat, bekommt er das Eiserne Kreuz.«
»Und Du bist damit einverstanden?«
»Nein, ich halte die ganze Sache für eine maßlose Vergeudung von Werten, bin auch ganz froh, daß mich meine Kurzsichtigkeit untauglich macht. Ich habe weder Lust, mich aus mir unbekannten Gründen totschießen zu lassen, noch fremde Menschen, die mir nie etwas zuleide getan haben, umzubringen. Aber deshalb stelle ich mich doch nicht auf die Straße, schreie wie ein Zahnbrecher und riskiere den Galgen. Wenn die Leute dumm genug sind, sich als Schlachtvieh behandeln zu lassen, so geschieht es ihnen ganz recht. Übrigens,« fügte er ernst werdend hinzu, »habe ich eine gewisse Achtung vor Anatol und euch übrigen Narren. Ihr seid wenigstens konsequent, nicht wie der unausstehliche blonde Kerl, den ich öfter bei euch traf, und der nicht fünf Worte reden konnte, ohne zu versichern: ich bin Sozialdemokrat. Und dann geht der Mensch hin und meldet sich freiwillig. Wie heißt er denn nur?«
»Philipp Schermann.«
»Hoffentlich fällt er bald. Ich kann patriotische Sozialisten nicht leiden, auch reine Patrioten nicht. Mir scheint, mir sind überhaupt alle Menschen widerlich geworden. Wo man hinkommt: ›Haben Sie's schon gehört? Ein neuer Sieg! Gefangene! Der Feind hat schwere Verluste erlitten!‹ Was geht mich der ganze dumme Krieg an? Ich will in Ruhe arbeiten.«
»Auch Du wirst nicht gleichgültig bleiben können. Jetzt heißt es, die eine oder die andere Partei ergreifen.«
»Spiele nicht die Seherin, das hast Du Dir von dem alten Rabbiner angewöhnt, der immer bei euch hockt. Übrigens schrieb mir die Mutter ungefähr das Gleiche. Ich habe Dir ihren Brief mitgebracht -- ein Zeitdokument. Hier ist er, lies!« und Lene las:
Lieber Gustav!
Du wirst vielleicht erfahren haben, daß unser lieber Friedrich mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden ist. Der Vater und ich sind sehr stolz darauf und danken Gott, daß er uns einen so tapferen, edlen Sohn gegeben hat, und daß wir ihn dem Vaterland schenken dürfen.
Dein letzter Brief hat den Vater peinlich berührt, er versteht nicht, wie Du Dein Herz in dieser großen Zeit so verschließen kannst. Auch ich begreife Dich nicht. Hast denn nicht auch Du im Elternhaus Liebe fürs Vaterland und für unseren herrlichen Kaiser gelernt? Ist Dir Dein Volk nicht teuer? Der Vater ist sehr betrübt darüber, daß Du untauglich bist. Er hätte so gerne der Heimat zwei Söhne gegeben.
Eben bringt er mir die erfreuliche Nachricht, daß im Osten eine große Schlacht geschlagen wurde und der Feind an die zwanzigtausend Mann Verluste hat. Gott wird uns auch fürderhin beistehen ...«
Lene warf den Brief unmutig auf den Tisch: »Ich kann nicht weiterlesen, es ekelt mich.«
Gustav lachte. »Unsere gute, sanfte Mutter, eine freudige Nachricht, daß zwanzigtausend Menschen getötet worden sind! Das würde ich schließlich noch begreifen, sie ist borniert und phantasielos, wie alle Frauen; sieht nicht ein, daß auch die Feinde Menschen sind. Aber was sie über Friedrich schreibt, ihren Liebling! Stolz über die Auszeichnung, Freude, daß sie ihn dem Vaterland schenken dürfen! Ich hätte geglaubt, eine Frau würde schreien: ›Gebt mir meinen Sohn zurück, mit welchem Recht setzt ihr sein Leben aufs Spiel. Was geht mich euer verdammtes Vaterland an? Ich will mein Kind!‹«
»Unzählige Frauen denken so,« entgegnete Lene traurig.
»Warum brüllen sie's dann nicht heraus? Warum tun sie nichts? Ihr seid zu nichts gut, ihr Weiber!«
»Weil wir feig sind. Laß aber einmal Elend und Verzweiflung stärker werden, als die Feigheit, dann wirst Du sehen, was wir tun können.«
Kalter, feiner Regen rieselte herab, die Laternen spiegelten sich im feuchten Asphalt, der Nebel dämpfte das Rollen der Räder und Pusten der Automobile. Gioia hastete heim, die Hände in den Muff gepreßt. Im Wohnzimmer fand sie Johannes regungslos in einem tiefen Lehnstuhl vergraben.
»Du hast Dich wieder den ganzen Nachmittag nicht gerührt, Johannes.«
»Wozu?«
»Ich habe gute Nachrichten.«
»Es gibt keine guten Nachrichten.«
Sie nahm den Hut ab und setzte sich auf die Lehne seines Stuhles. »Johannes, es hat gar keinen Sinn, hier zu sitzen und zu verzweifeln.«
»Was soll ich denn tun?«
»Arbeiten! Es sind unserer so wenige, jeder zählt. Warum bist Du heute nicht zu Frau von Reuter gekommen?«
»Um zu hören, wie in einem Salon drei oder vier Menschen verstohlen das Wort: ›Revolution‹ flüstern, während draußen vor den Fenstern die Menge: ›Sieg!‹ johlt?«
»Heute waren es nicht drei oder vier Menschen. Wir haben geglaubt, alle Führer seien verschwunden. Es gibt noch Führer.«
Er lächelte wehmütig. »Mag sein, daß der eine oder der andere sich selbst wiedergefunden hat. Aber was sollen Führer ohne Anhang? Und heute denkt das ganze Volk, wie die Regierungszeitungen wollen.«
»Weil wir diesen Zeitungen freie Hand lassen.«
Er seufzte. »Du bist ein Kind, Gioia, eine unverbesserliche Optimistin. Alles ist zusammengebrochen, eingestürzt, und Du nimmst einen winzigen Stein aus den Trümmern und rufst freudestrahlend: ›Aus diesem Stein werde ich den neuen Bau errichten!‹«
»Heute ist ein neuer Stein hinzugekommen, nein, zwei neue Steine. Setz Dich auf, Johannes, schau' nicht so verzweifelt drein, Du benimmst sonst auch mir den Mut.«