Part 7
»Wie ist Heinz Stramwitz auf die Idee verfallen, eine Italienerin zu heiraten?«
»Er hat sie in Florenz kennen gelernt. Die Großmutter der jungen Frau war eine weitläufige Verwandte der Stramwitz.«
Die alte Haushälterin kam eilfertig gelaufen, ihr freundliches rotes Gesicht glühte vor Aufregung: »Die Herrschaften kommen!« rief sie atemlos ....
Der alte Pastor ging seinen Gästen entgegen, während er sie begrüßte, betrachtete Lene die beiden mit Interesse. Heinz Stramwitz hatte sich wenig verändert, das war noch dasselbe herrische, arrogante Gesicht, der gleiche kalte Blick. Seiner hohen, gutgewachsenen Gestalt fehlte jede Biegsamkeit. Wie er mit dem alten Mann spricht! dachte Lene empört. Diese liebenswürdig herablassende Art, wie zu einem Untergebenen. Dann fiel ihr Blick auf die junge Frau. Gioia, Freude, wie der Name zu ihr paßte! Alles an dieser schlanken Gestalt schien Lebensfreude zu atmen, die warmschimmernden rotbraunen Haare, die großen, leuchtenden braunen Augen, der frische rote Mund. »Armes Kind,« meinte Lene bei sich, »was tust Du in unserer nüchternen, farblosen Gegend?«
Gioia Stramwitz schien ein wenig befangen. Artig, wie ein schüchternes Kind, beantwortete sie des alten Pastors Fragen. Sie sprach fehlerlos deutsch, doch redete sie langsam, etwas stockend, als ob sie die Worte suchen müsse. Heinz Stramwitz begrüßte Lene höflich, erkundigte sich nach Friedrich und Gustav.
Die Stimmung am Kaffeetisch war eine frostige, unbehagliche, das Gespräch stockte stets von neuem und der alte Pastor warf Lene hilfesuchende Blicke zu. Diese wandte sich an die junge Frau. »Vielleicht sprechen Sie lieber französisch, Gräfin?« Sofort leuchteten die braunen Augen auf. »Sie sprechen französisch? Wie schön! Da können wir richtig miteinander plaudern.«
»Du sollst Dich doch endlich daran gewöhnen, deutsch zu sprechen, Gioia!« warf ihr Mann etwas ungeduldig ein.
Sie blickte fast ängstlich zu ihm auf. Der alte Pastor legte sich ins Mittel: »Kommen Sie, Graf, Sie wollten ja meine Bienenstöcke sehen; wir lassen die beiden Damen hier.«
Heinz Stramwitz folgte dem alten Mann in die Richtung des Hofes, und Gioia wandte sich lebhaft in französischer Sprache an Lene. »Woher können Sie französisch? Und weshalb habe ich Sie noch nie gesehen?«
Lene lächelte über den Eifer der jungen Frau. »Französisch kann ich noch aus meiner Schulzeit; es ist auch danach. Was Ihre zweite Frage anbetrifft, ich bin seit anderthalb Jahren zum erstenmal wieder daheim.«
»Wo leben Sie?«
»In Berlin.«
»Waren Sie je in Italien?«
»Nein.«
»Schade, ich möchte so gerne mit jemanden zusammenkommen, der Italien kennt und liebt.« Heißes Heimweh klang aus der weichen Stimme und Lene fragte teilnahmsvoll: »Sehnen Sie sich sehr in Ihre Heimat zurück?«
»Mein Gott, wie sehr! Hier ist es ja auch sehr schön,« warf sie halb erschrocken ein, besorgt, die Heimatsliebe des Mädchens verletzt zu haben. »Aber alles ist so farblos, so kalt. Und dieser endlose Winter! Ich bin ganz verzweifelt geworden, als ich die Sonne so lang nicht sah. Auch diese große, graue Ebene ist so traurig. Bei uns gibt es freundliche Landschaften, so blau, mit weich verschwimmenden Hügeln; hier ist alles scharf und kantig, genau wie die Menschen!« Abermals blickte sie verlegen zu Lene auf: »Verzeihen Sie, ich wollte nichts Böses über Ihre Landsleute sagen.«
Lene lachte. »Sie dürfen es ruhig tun, auch ich finde die Leute hier entsetzlich. Haben Sie viele Bekannte?«
Gioia nickte betrübt. »Sehr viele, Heinz hat ja so unzählige Verwandte. Wir haben viel Besuch und ich weiß nie, was ich mit den Leuten reden soll; Kinder habe ich keine, ich weiß vom Berliner Hofleben nichts und anderes interessiert sie nicht. Mir tun die Leute leid, ihr Leben ist so arm, und es gibt doch so viel Schönes auf der Welt!«
»Schönes?« Lene hatte das letzte Jahr ihres Lebens so viel Elend und Not, Häßlichkeit und Ungerechtigkeit gesehen, daß ihr diese Behauptung recht gewagt klang.
»Ja, natürlich, Bilder, schöne Bauten, Gärten, ein Sonnenuntergang, der San Miniato in Gold taucht, wie ein Märchenschloß. Und Musik und Farben und frohe Menschen.«
Lene runzelte die Stirn. »Und an die vielen Menschen, die nichts Schönes im Leben haben können, an die Armen denken Sie gar nicht, Gräfin?«
Gioia wurde still. »Halten Sie mich für einen schlechten Menschen?« fragte sie mit kindlichem Ernst. »Das macht das Leben hier ja noch viel trauriger. Wie die Menschen leben! Ganze Familien in eine Stube gepfercht, und arbeiten von sechs Uhr früh bis spät abends. Und wie die Gutsbesitzer ihre Leute behandeln, wie die Sklaven, Heinz ...« Sie brach ab, wurde dunkelrot und fuhr dann hastig fort: »Ich möchte mich so gerne mit den Leuten auf dem Gut anfreunden, ihnen helfen, aber sie sind entsetzlich mißtrauisch gegen mich, voller Ehrfurcht, sie sprechen zu mir, als ob ich ein höheres Wesen wäre. Und dann kann ich schlecht Deutsch, da fällt es mir doppelt schwer, den Leuten begreiflich zu machen, daß ich sie lieb habe und nicht dulden will, daß ihnen Unrecht geschieht.«
Mit nachsichtiger Überlegenheit hatte Lene zugehört; ein gutes, liebes Kind, dachte sie. Der Ton jedoch, mit dem Gioia die letzten Worte sprach, ließ sie aufhorchen. Sie wollte etwas erwidern, aber in diesem Augenblick kehrten die beiden Männer zurück.
»Eine Musterbienenwirtschaft hat der Herr Pastor,« bemerkte Heinz Stramwitz gnädig. »Wenn das Gesindel hier nicht so faul wäre, könnte es sich auf diese Art eine hübsche Summe machen.«
Lene ärgerte der hochmütige Ton, sie wollte etwas entgegnen, der alte Pastor jedoch schien dies zu erraten. Er legte ihr begütigend die Hand auf den Arm. »So, Lenchen, jetzt kommt der Tugend Lohn,« er kramte in seinen weiten Taschen und zog eine Schachtel Zigaretten hervor. »Die kleinen Mädchen von heute rauchen ja alle.«
»Bitte, geben Sie mir auch eine,« bat Gioia. Ihr Mann machte ein ärgerliches Gesicht. »Das ist bei uns nicht Sitte, liebes Kind,« bemerkte er schroff.
»Ich meine, es ist keine so große Sünde, ein wenig Rauch in die Luft zu blasen,« begütigte der Pastor.
Gioia warf ihm einen dankbaren Blick zu und sagte in ihrer hübschen, stockenden Art: »Ich wollte Sie etwas fragen, Herr Pastor. Der kleine Sohn unseres Müllers ist krank, er soll in der Sonne liegen. Wo kann ich hier einen guten, weichen Liegestuhl bekommen? Ich habe schon vergeblich in allen Geschäften gesucht.«
»Meine Frau posiert auf die Menschenfreundin,« meinte Heinz Stramwitz spöttisch, »das wird ihr schon vergehen, wenn sie erst sieht, wie undankbar das Gesindel ist. Man darf die Leute nicht verwöhnen, sonst werden sie frech. Aber meine Frau will das nicht einsehen. Sie macht bei jedem kranken Knechtskind Geschichten, als ob es sich um unsereins handeln würde. Dabei schadet es doch wirklich nichts, wenn so ein schmutziger Fratz daraufgeht, die Leute kriegen ja ohnehin jedes Jahr ein anderes, wie die Kaninchen.«
Lene war nicht mehr zu halten. »Würden Sie von Ihren eigenen Kindern auch so sprechen, Graf Stramwitz?« fragte sie mit zornbebender Stimme.
Er sah sie verblüfft an: »Das ist doch ganz etwas anderes, Fräulein Selder.«
Lene blickte verstohlen nach Gioia. Die junge Frau war ganz blaß geworden, sie biß sich in die Unterlippe und warf ihrem Mann einen haßerfüllten Blick zu. Das liebe, gute Kind dürfte gar nicht so zahm sein, dachte Lene schadenfroh, die wird dem braven Heinz noch recht unbequem werden.
Der alte Pastor streichelte beschwichtigend die schmale, weiße Hand der jungen Frau: »Ich werde Ihnen den Liegestuhl verschaffen, Gräfin.«
Gioia hielt die gütige alte Hand fest. »Sagen Sie nicht ›Gräfin‹, lieber Herr Pastor, und auch Sie, Fräulein Selder, nennen Sie mich Gioia. Sie beide sind die ersten wirklichen Menschen, die ich hierzulande getroffen habe!«
Peinliches Schweigen folgte diesem Ausbruch. Dann begann der alte Mann hastig von gleichgültigen Dingen zu sprechen. Als der Wagen vorfuhr, bat Gioia Lene, sie recht bald zu besuchen. »Schon morgen, kommen Sie zum Mittagessen und bleiben Sie den ganzen Nachmittag.«
Als die beiden fortgefahren waren, setzte sich der alte Pastor mit einem Seufzer der Erleichterung neben Lene.
»Die Frau gefällt mir,« meinte sie.
Er nickte; sein freundliches, runzliches Gesicht wurde traurig: »Armes Kind! Armes Kind!« --
»Du scheinst verrückt geworden zu sein, Gioia,« herrschte Heinz Stramwitz seine Frau an, als der Wagen die Chaussee entlang rollte, »Du vergißt, daß diese Leute nicht zu unserem Kreis gehören. Der alte Pastor ist ein braver Mann, und auch Herr Selder ist höchst ehrenhaft, aber immerhin, es sind doch Bürgerliche. Mit denen ist man hierzulande nicht so intim!«
»Sie gefallen mir jedenfalls viel besser, als Deine Verwandten und Freunde,« entgegnete Gioia trotzig.
»Ich sage ja nicht, daß Du mit ihnen nicht liebenswürdig sein sollst, aber Du kannst doch nicht das Gefühl haben, daß sie zu uns gehören,« meinte er etwas milder, »ihr im Ausland nehmt die Sache leider viel zu leicht. Bei uns hingegen versteht man den nötigen Abstand zu wahren.«
Sie hatte seine letzten Worte nicht beachtet. »Zu uns gehören,« wiederholte sie nachdenklich, »ich gehöre ja auch nicht zu euch, Heinz.«
»Als meine Frau gehörst Du in unseren Kreis. Außerdem brauchst Du nicht gar so bescheiden sein. Auch Deine Familie ist von gutem, alten Adel. Die Forragianis wurden bereits im fünfzehnten Jahrhundert geadelt. Und dann noch eines: Diese Lene Selder soll in Berlin in einem unmöglichen Milieu verkehren, Sozialisten, Juden, Anarchisten und wie diese Leute heißen mögen. Ich möchte nicht, daß Du Dich von ihren Ideen beeinflussen läßt. Ich weiß, es gilt auch bei einigen unserer Kreise für modern, liberale Ansichten zu haben, ich jedoch dulde das in meinem Hause nicht. Es hat noch kein Mitglied der Familie Stramwitz gegeben, das sich Liberalismus zuschulden kommen ließ, und es soll auch keines geben.«
Gioia schwieg. Daheim angelangt eilte sie in ihren kleinen Salon. Über dem Flügel hing ein großes Bild von Florenz. Mit heimwehschweren Augen betrachtete sie die schlanken Türme, die in den sonnigen Himmel strebten, die sanften Hügel, welche die Stadt einrahmten. Dann warf sie durchs Fenster einen schier feindseligen Blick auf die große Ebene. Ja, sie haßte dieses Land, haßte seine Gräue und Eintönigkeit, und auch die Menschen haßte sie, diese harten, kantigen Menschen mit ihren beschränkten Ideen, ihrem törichten Hochmut. »Ich gehöre nicht zu euch,« schluchzte sie auf, das Gesicht in die Hände vergrabend, »werde nie zu euch gehören, und will es auch nicht.«
Sie sank aufs Sofa und weinte bitterlich. Über ihr lächelte im sonnigen Glanz Florenz, die Stadt der Blumen und der Helle, in das dunkelnde Zimmer.
Sechzehntes Kapitel.
Tannenduft durchzog das Haus, im Wohnzimmer schmückte Frau Selder den Weihnachtsbaum, während Friedrich in einen Lehnstuhl hingelümmelt von seiner Garnison erzählte. Gustav, Johannes und Lene waren am vorhergehenden Abend eingetroffen; Herr Selder hatte diesmal auf einem »trauten Weihnachtsfest« bestanden, das alle im Elternhaus vereinigte. Bis auf Friedrich, der sich äußerst gut mit dem Vater verstand, waren sie widerstrebend gekommen. Lene, die einen besonderen Grund hatte, den Eltern etwas Liebes zu erweisen, hatte die beiden jungen Männer mit vieler Mühe überredet, mit ihr zu fahren.
Nun saßen sie alle drei in Lenes Zimmer. Gustav gähnte laut. »Eine teuflische Einrichtung, diese Familienfeste. Was haben eigentlich die Eltern davon, wenn wir uns nun hier langweilen? Daß Du herkamst, Lene, begreife ich noch, Du willst Deine letzte christliche Weihnacht feiern.«
Lene lachte, dann wurde sie ernst. »Wenn ich daran denke, wie sehr ich die Eltern kränken werde, ist mir gar nicht heiter zumute.«
»Warum tust Du es dann; hast Du eine solche Leidenschaft für Anatol?«
Sie gab ihm keine Antwort, starrte in die Schneeflocken hinaus, die ein heftiger Wind gegen das Fenster peitschte. Leidenschaft schien bei ihrer Liebesgeschichte wirklich keine Rolle gespielt zu haben. Sie hatten sich derart aneinander gewöhnt, daß sie sich das Leben nicht mehr anders vorstellen konnten. Die ganze Sache war höchst einfach und prosaisch gekommen. Vor drei Wochen saß sie bis spät in die Nacht bei Anatol, der ihr einen Artikel in die Schreibmaschine diktierte; als sie sich erhob, um heimzugehen, meinte er: »Es ist wirklich langweilig, daß Du immer fortgehen mußt; bisweilen fällt mir in der Nacht etwas ein, das am Morgen noch erledigt werden müßte, dann bist Du natürlich nicht da.«
»Daran ist leider nichts zu ändern.«
Er schaute sie nachdenklich an. »Bist Du eigentlich schon einundzwanzig?«
»Ja, seit Ostern. Weshalb?«
»Du bist also Dein eigener Herr?«
»Gott sei Dank!«
»Dann sehe ich wirklich keinen Grund, weshalb wir nicht heiraten sollten.«
Sie starrte ihn an. »Heiraten?«
»Warum bist Du so erstaunt? Wir vertragen uns gut, ich kann mir keine bessere Sekretärin vorstellen, außerdem bist Du recht nett.«
»Aber ...«
»Entschließe Dich, Lene,« drängte er, »es ist wirklich schon spät.«
»Du könntest mir wenigstens sagen, daß Du mich lieb hast und mir einen Kuß geben,« meinte sie vorwurfsvoll.
»Verzeih, das hab' ich ganz vergessen, das versteht sich ja auch von selbst.« Er küßte sie auf die frischen roten Lippen, seine Augen irrten von ihrem Gesicht zu dem Manuskript: »Du hast Dich schon wieder vertippt, dort, in der zweiten Zeile.«
Nein, er war kein leidenschaftlicher Bräutigam, aber wenn Lene an ihn dachte, wurde ihr dennoch froh ums Herz. Er war ihr bester Freund und der Mensch, dessen unbeugsamen Willen und zähe Arbeitskraft sie am meisten bewunderte. Da beide wußten, Lenes Eltern würden in diese Heirat niemals einwilligen, hatten sie beschlossen, sich im Januar trauen zu lassen und es erst als vollzogene Tatsache der Familie Selder mitzuteilen.
Johannes und Gustav erfuhren die Verlobung bereits am nächsten Tag. Gustav nahm die Ankündigung mit seiner gewohnten Ruhe auf. »Um so besser, dann werde ich wieder ungestört arbeiten können.« -- --
Johannes Stimme unterbrach Lenes Gedanken. »Nun ist Savin schon in Rußland.«
»Ja, schade, daß er fortfuhr. Er hätte ebensogut in Berlin bleiben können.«
»Er wollte die deutsche Nüchternheit loswerden, wieder einmal revolutionäre Luft atmen.«
»Hoffentlich bleibt er nicht zu lang fort.«
Gustav dehnte sich: »Ich gehe schlafen, das ist ja nicht zum Aushalten vor Langweile.«
Die ganze Familie war um den Christbaum versammelt, auch Ilse mit ihrem Mann und den zwei Kindern hatte sich eingefunden. Lene war still und ein wenig gedrückt, Gustav verbarg nur mit Mühe seine Langeweile. Herr Selder sah sich mit stolzer Rührung im Kreis der Seinen um. »So hat uns das heilige Fest wieder alle vereint. Wie schön ist doch der Gedanke, daß an diesem Abend in unserem Vaterland allüberall der Christbaum brennt und aller Herzen des Herrn gedenken.«
»Es gibt auch etliche hunderttausend Einwohner, die keine Christen sind,« bemerkte Gustav mit unnötiger Genauigkeit.
Der Gymnasialprofessor warf ihm einen strafenden Blick zu. »Ich spreche nur von unseren Volksgenossen, die anderen zählen nicht.«
Friedrich hatte sich Lene genähert. »Die Mutter erzählte mir, Du seiest mit der jungen Gräfin Stramwitz sehr befreundet. Du könntest mich mitnehmen, wenn Du das nächstemal dort Besuch machst. Ich kenne ja ihren Mann.«
»Gioia lernt nicht gerne fremde Leute kennen.«
»Gioia, Du nennst sie Gioia? So intim seid ihr? Du bist doch klüger, als ich dachte, verstehst gute Verbindungen anzuknüpfen. Vielleicht laden sie Dich einmal nach Berlin ein. Sie führen ein großes Haus, sogar der Kronprinz verkehrt bei ihnen.«
Ilse klagte halblaut ihrer Mutter. »Adolf hat so viel Ärger mit seinen Untergebenen. Die Leute werden täglich frecher. Das macht ihn furchtbar nervös. Und gerade jetzt, wo ich das Kind erwarte ...«
Johannes hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und betrachtete die Szene. »Trauliche Weihnachten!« Wie fremd waren sich doch alle diese Menschen, wie wenig verstanden sie einander. Er gedachte der vielen Weihnachtsabende, die er in diesem Haus verbracht hatte. Stets war es das gleiche gewesen, erzwungene Feststimmung. Die alte Kindertraurigkeit befiel ihn. So hatte er als kleiner Knabe in einer Ecke gehockt, fremd unter Fremden. Draußen im Leben, wo es Arbeit gab, kannte er dieses Gefühl nicht mehr, dort hatte er seinen Platz gefunden, hatte die Menschen gefunden, zu denen er gehörte.
Die Männer der Familie hatten sich zusammengesetzt, Ilse und Frau Selder spielten mit den Kindern. Lene hatte unbemerkt das Zimmer verlassen. Einzelne Worte drangen zu Johannes herüber. Er hörte Friedrichs schnarrende Stimme: »Disziplin ... Ordnung halten ... Die verdammte rote Bande ...« Und Adolfs heiseres Organ: »Mit Maschinengewehren dreinfahren ...« »Unser Kaiser wird schon mit ihnen fertig werden,« das war der Gymnasialprofessor ... »Ja, Mama, die kleine Annie kann schon ganz richtig singen, ich habe sie den Weihnachtspsalm gelehrt ... Willst Du ihn nicht Großmama vorsingen, mein Herzchen?« Friedrich wurde warm: »Dieser verdammte faule Friede! Deutschland geht daran zugrunde. Und die anderen Nationen werden immer übermütiger. Wir brauchen einen frisch fröhlichen Krieg, dann ...« Die kleine Annie hatte sich aufgestellt, sie hielt die Händchen gefaltet und sang mit ihrer schrillen dünnen Kinderstimme: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«
Siebzehntes Kapitel.
Wenn sich der Bergbach dem Abhang naht, über den er als tosender Wasserfall in die grausige Tiefe stürzt, so eilen die kleinen Wellen, treiben eine die andere mit wilder Hast vorwärts, springen über Stein und Geröll, als könnten sie es nicht erwarten, in die fremde unheimliche Tiefe zu stürzen, als riefe sie das Verderben mit lockender Stimme, trügerisches Glück vorspiegelnd, mit sanften Worten Tod und Unheil verschleiernd. Und die kleinen Wellen hasten und jagen, ahnen nicht die Gefahr, ermuntern einander zu immer rascherem Lauf und stürzen hinab, ehe sie sich's gewahr geworden. -- --
Derart flogen die Jahre, angezogen von einem unbekannten entsetzlichen Grauen, das in Nacht verborgen auf sie lauerte. Bisweilen zuckte freilich ein Blitz durch die Wolken und wies auf den steil abfallenden Hang, dann warnten einige, die weiser waren, als die andern: wir treiben dem Verderben zu! Die meisten jedoch lachten ihrer und verspotteten sie als Träumer, die am hellen Mittag Gespenster sehen.
Boris Isralew gehörte zu diesen verlachten Propheten. »Seht ihr denn nicht, daß wir uns täglich mehr der Katastrophe nähern?« pflegte er den Freunden zu sagen, »glaubt ihr das Rüsten der Völker, das Hetzen der Presse bedeute nichts, sei belangloses Spiel? Arbeitet, arbeitet, klärt die Massen auf, reißt die Giftblume, die sich Patriotismus nennt, mit der Wurzel aus. Merkt ihr denn nicht, ihr Narren, wie sie in allen Beeten aufwuchert und mit ihrem schwülen Duft die Gehirne der Menschen verwirrt und betäubt?«
Auch Savin schrieb ähnliches aus Rußland: »Es bereitet sich ein Verbrechen vor, das ungeheuerlichste der Weltgeschichte. Unsere Regierung fühlt das Nahen der Revolution, sie wird mit allen Mitteln das Volk ablenken. Wir tun, was wir können, arbeitet auch ihr. Jede Stunde ist von unermeßlichem Wert.«
Die Freunde lachten: »Ihr seid verrückt, ihr Russen. Noch nie stand der Gedanke des Internationalismus auf so festen Füßen. Glaubt Ihr denn wirklich, ein Arbeiter würde gegen den anderen Arbeiter ziehen? Wenn es nottut, ist im Verlauf weniger Stunden in allen Ländern der Generalstreik proklamiert, dann können die Herrscher sich gegenseitig bekriegen, wenn sie es wollen, kein Arbeiter tut mit!«
Am überzeugtesten verfocht Philipp Schermann diese Ansichten, wenn sie im kleinen Kreise zur Sprache gebracht wurden. »Ihr kennt den deutschen Arbeiter nicht, scheint gar nicht zu wissen, welche Kulturhöhe er erreicht hat. Er läßt sich nicht mit faulen Schlagworten fangen, wie dies beim Romanen oder im Osten der Fall sein könnte. Außerdem unterschätzt ihr unsere Führer; kein einziger würde für Kriegskredite stimmen.«
Kerner schüttelte den grauen Kopf. »Der Führer bin ich nicht so sicher. Seit einiger Zeit weht ein ›deutscher‹ Wind durch ihre Reden, auf die Arbeiter jedoch kann man sich verlassen. Der Gegensatz zwischen den Klassen hat sich in den letzten Jahren ungeheuer verschärft; niemals wird das Proletariat für die Herren in den Krieg ziehen. Es wird nur noch einen einzigen Kampf ausfechten -- seinen eigenen.« -- --
So kamen der Sommer mit Glut und Duft, der Winter mit glitzernder Kälte; mit rasender Schnelligkeit drehte sich das Rad der Zeit, Minute peitschte Minute dem Verderben entgegen.
Der kleine Freundeskreis hatte sich wenig verändert. Lene und Anatol waren verheiratet, und ein kleiner schwarzäugiger Knabe lärmte durch ihre bescheidene Wohnung. Johannes hatte sein Studium beendet und eine Praxis begründet, die ihm allerdings wenig eintrug, da er meist arme Leute zu Patienten hatte. Gustav hatte sich in der Gelehrtenwelt einen guten Namen errungen. Er war noch immer der alte Bücherwurm und vergrub sich nach wie vor in seinen einsamen Zimmern. Friedrich hatte nach der Schwester Heirat völlig mit ihr gebrochen, seine Empörung war grenzenlos und sein ganzes Bestreben darauf gerichtet, vor den Regimentskameraden zu verbergen, daß er eine Schwester habe, die Frau Silberblatt hieß. Er war es auch, der den Zorn der Eltern gegen die ungeratene Tochter stets von neuem bestärkte und darauf bestand, daß ihr die Rückkehr ins Elternhaus verboten werde. Der Gymnasialprofessor freilich brauchte hierzu nicht erst aufgestachelt zu werden, und Frau Selder fügte sich auch hierin seinen Wünschen, wie sie sich ja ihr ganzes Leben gefügt hatte, doch stand in jedem ihrer Briefe an Gustav schüchtern, als Postskriptum, die Frage: »Wie geht es Lene?«
Seit einem halben Jahr war der kleine Kreis um ein Mitglied größer geworden. An einem Dezemberabend hatte es an Lenes Wohnungstür geklingelt, und als sie öffnen ging, stand Gioia Stramwitz auf der Schwelle. »Darf ich bei Euch bleiben?«
»Ja, selbstverständlich, aber ...«
Gioia hielt Lenes Hand fest: »Frag' nicht viel, ich bin totmüde, nimm mich auf. Wir lassen uns scheiden.«
»Na endlich!« rief Lene etwas taktlos und zog die Freundin in das behagliche Wohnzimmer. Allmählich erfuhr sie die ganze Geschichte. »Ich ertrug es nicht länger,« erzählte die junge Frau, die schmal und blaß geworden war. »Konnte nicht mehr mit ansehen, wie Heinz mit seinen Leuten umging. Kannst Du Dir vorstellen, daß er sie schlug -- mit dem Stock? Und wenn ich eine Einrede wagte, hieß es: ›Das ist mein Haus, hier geschieht, was ich will!‹ Und dann immer die versteckten und offenen Vorwürfe der Familie, daß ich noch keinen Sohn habe. ›Das schöne Gut, wer soll es denn einmal übernehmen?‹«
»Armes Kind!«
»Ich habe die Zähne zusammengebissen, redete mir ein, es sei meine Pflicht, bei Heinz zu bleiben. Dann aber geschah etwas, über das ich nicht mehr hinwegkommen konnte. Unser Vorarbeiter hatte eine nette, junge Frau, ein liebes, zartes Geschöpf. Die beiden Leute waren so glücklich miteinander, und als die kleine Frau ein Kind erwartete, ging sie immer mit einem ganz verklärten Gesicht umher. An einem Abend, es war ein furchtbares Wetter, Regen und Sturm, kam der Vorarbeiter zu meinem Mann und bat ihn, um den Arzt zu schicken, bei seiner Frau hätten die Wehen begonnen.
›Bei diesem Wetter meine Pferde anspannen und zwei Stunden laufen lassen?‹ schrie Heinz den Mann an. ›Sie sind wohl verrückt geworden?‹ Der Mann blieb ganz ruhig, ich sah, wie ihn die Angst um seine Frau quälte. ›Sie ist eine schwache Frau,‹ sagte er, ›ich bitte den gnädigen Herrn recht herzlich. Frau Gräfin, Sie sind immer gut zu uns gewesen, helfen Sie uns jetzt.‹