Der Tempel: Roman

Part 6

Chapter 63,610 wordsPublic domain

»Du mußt auch den Eltern schreiben. Wenn Du sie bittest, mich hier zu lassen, so werden sie es gestatten; sie halten so viel von Dir. Und sie sollen meinen Koffer nachschicken, gepackt ist er schon.«

»Auch das noch!« Er warf einen verzweifelten Blick auf die Uhr. »Noch eine verlorene halbe Stunde. Na, gut, aber jetzt geh'.«

Vor dem Schlafengehen blickte Lene zum geöffneten Fenster hinaus. Unzählige Lichter stachen in den dunklen Nachthimmel, zitterten, flackerten durch die Luft. Schwere, schwarze Häusermassen breiteten sich wuchtig aus, Wagen rasselten, Automobile rasten schrillend durch die Straßen; die große Stadt keuchte und blies schwarzen, stickigen Atem empor. Dem Mädchen ward schwer ums Herz; all diese unzähligen Häuser, und in den Häusern Menschen um Menschen. Schöne, vornehme Räume, in denen Reichtum wohnte, armselige Zimmer, in denen sich Armut klein machte, Spelunken, stinkende Schenken, in denen sich das Elend duckte. Das letzte Wort warf jäh ein Bild in ihr Gehirn; geducktes Elend, ja das ist sprungbereites Elend, wie ein Raubtier, das zusammengekauert alle Muskeln zum Sprunge strafft. Geduckt: wie lange noch? Und das gewaltige Tier schnellt muskelentspannt auf den Feind?!

Sie schauderte zusammen und schloß das Fenster.

Dreizehntes Kapitel.

Wenige Tage nach Lenes Ankunft in Berlin holte Johannes sie eines Abends ab. »Wir wollen Boris Isralew besuchen; er liegt wieder zu Bett.«

»Wer ist Boris Isralew?«

»Einer meiner besten Freunde und unserer fähigsten Köpfe. Bei ihm wirst Du auch unseren ganzen Kreis kennen lernen.«

Sie hängte sich in ihn ein. »Du hinkst noch immer?«

»Der Arzt meint, das würde nie ganz vergehen, sobald ich müde werde, schleife ich den Fuß nach. Ich bin heute den ganzen Tag herumgelaufen.«

»Es war wirklich Pech, daß Du Dir vorigen Winter beim Schlittschuhlaufen den Fuß brechen mußtest.«

»Ja, außerdem ist das Hinken ein ›besonderes Kennzeichen‹, falls man einmal von der Polizei gesucht werden sollte.«

»Johannes! Was habt Ihr vor?«

»Aha, Deine ostpreußische Bourgeoisseele erbebt bei Erwähnung der Polizei. Du bist doch noch ein rechtes Kind. Übrigens, Savin möchte Dich schon zur Arbeit heranziehen. Ist's Dir recht?«

»Natürlich, was soll ich tun?«

»Er wird selbst darüber mit Dir sprechen.«

Sie gingen durch die frostige Winternacht. Ihre Schritte hallten scharf vom Trottoir wider. Nach einer Viertelstunde erreichten sie ein großes Haus.

»Boris wohnt im fünften Stock.«

Sie betraten ein geräumiges Mansardenzimmer, das Lene auf den ersten Blick mit Menschen erfüllt deuchte. Die alte Befangenheit überkam sie von neuem. In einem Bett an der Wand lag ein abgezehrter Mann mit grauem Haar, das schlecht zu seinem noch jungen Gesicht paßte. Johannes zog Lene ans Bett. »Das ist Boris. Boris, ich habe Dir meine kleine Schwester gebracht.«

Boris Isralew drückte dem jungen Mädchen kräftig die Hand. »Wir haben Sie schon erwartet. Setzen Sie sich, Genossin.«

Lene gehorchte; halb scheu, halb neugierig sah sie sich in der Stube um. Hier war es behaglicher als in Anatols Zimmer; auf Regalen standen unzählige Bücher, einige Bilder hingen an den Wänden, meist Porträte, darunter Männer in russischer Arrestantentracht; auf einem kleinen Tisch summte ein Samowar, sogar ein rotblühender Geranienstock schmückte das Zimmer. Sie ließ ihre Augen über die Anwesenden schweifen. Auf dem einzigen Lehnstuhl saß eine weißhaarige alte Frau mit feinen, vornehmen Zügen; sie plauderte angeregt mit Kerner, der ihr etwas zu erklären schien. Savin disputierte in einer Ecke mit einem blonden jungen Menschen. Ein alter, weißbärtiger Mann wärmte sich vor dem kleinen Ofen. Anatol fehlte.

Savin kam zu Lene herüber. »Sie wollen wohl wissen, wer die Leute sind? Bei uns gibt es kein feierliches Vorstellen, man lernt sich mit der Zeit kennen.«

Boris wurde verlegen. »Verzeihen Sie, ich vergaß ganz, daß Sie niemanden kennen. Erkläre Du, Savin, mich ermüdet das Reden.« Seine Stimme war heiser, er hustete. »Haben Sie sich erkältet?« fragte Lene unüberlegt. Boris lachte ein wenig. »Das gerade nicht, ich bin der unvermeidliche schwindsüchtige russische Jude, der in jedem revolutionären Kreis vertreten sein muß.«

Lene errötete heftig. Savin kam ihr zu Hilfe: »Also Deine Persönlichkeit ist schon erklärt, Boris. Wer interessiert Sie von den anderen am meisten?«

»Die alte Dame dort drüben, sie paßt so gar nicht hierher, sieht so ruhig aus, so ...« Sie stockte.

»Vornehm, wollten Sie sagen, Sie Tochter der Bourgeoisie. Sie scheinen auch noch zu glauben, daß Revolutionäre unbedingt wie Raubmörder aussehen müssen. Diese alte Dame ist die Liebe Ihres Bruders Johannes; hat er Ihnen nicht von ihr erzählt?«

»Nein.«

»Sie heißt Frau von Reuter, damit Sie über alles unterrichtet sind, und ist geborene Engländerin. Sie war an einen inzwischen verstorbenen Ministerialrat verheiratet; guter preußischer Adel, schreiben Sie's Ihrem Herrn Vater zur Beruhigung.« Er lachte boshaft und Lene warf ihm einen zornigen Blick zu. »Ich schreibe meinem Vater überhaupt nicht.«

»Ungeratene Tochter!«

»Ja, aber wie kommt diese Frau ...?«

»Zu uns verruchten Bösewichtern? Sie scheint sich in der feudalen Umgebung recht unbehaglich gefühlt zu haben; ihre einzige Freude war ihr Sohn. Ein lieber, netter Junge, er ist vor einem Jahr gestorben. In ihrer Trauer hat sich die alte Dame verzweifelt an seine Freunde geklammert, und diese Freunde waren eben wir. Außerdem sagt ihr, sie ist eine Engländerin vom guten, alten liberalen Schlag, das preußische System so gar nicht zu. In vielen Dingen kommt sie freilich nicht mit, aber in den Hauptsachen verstehen wir einander sehr gut. Dort drüben geht's übrigens eben hitzig zu; hören wir, was es gibt.«

Der junge blonde Mensch rief eben heftig: »Sabotage ist Verbrechen, mit Gewalt ist nichts auszurichten, nur die Evolution vermag uns weiterzubringen.«

»Dummer Esel!« brummte Savin halblaut.

»Sabotage scheint mir unrichtig,« meinte die alte Dame, »weil sie eine Verschwendung guten Materials bedeutet, doch kann sie im gegebenen Moment ebenso angebracht sein wie jede Gewalt.«

»Gnädige Frau,« der junge blonde Mann dämpfte die Stimme und lächelte liebenswürdig, »der historische Materialismus ...«

»Bitte, lassen Sie mich mit Ihrer Theorie in Ruhe, Philipp, Sie wissen, ich verstehe nichts davon, begreife nur, was meine alten Augen in siebenundsechzig langen Jahren gesehen haben. Und was ich sah -- es war weiß Gott nichts Schönes --, hat mich gelehrt, die Gerechtigkeit müsse mit allen Mitteln erzwungen werden. Geht es nicht anders, sogar mit Gewalt.«

»Gewalt ist das Übel,« tönte vom Ofen her eine tiefe singende Stimme, »Gewalt ist böse. Lasset den Geist der Liebe eindringen in alle Herzen, dann wird das Reich des Herrn kommen über Nacht.«

»Unser Prophet,« flüsterte Savin Lene zu, »ein russischer Rabbiner. Bei einem Pogrom wurden vor seinen Augen seine Frau und seine beiden Kinder erschlagen. Seitdem ist er ein wenig wirr im Kopfe.«

»Wer ist der Blonde?« fragte Lene.

»Ein guter Kerl, aber ein großer Dummkopf. Der typische deutsche Revisionist. Ein Mensch, der imstande ist, alles herzugeben, und nicht weiter denken kann als bis zum morgigen Tag. Überhaupt, die deutschen Genossen ...!«

»Sei nicht ungerecht, Savin,« Boris Isralew wandte sich dem Kameraden zu, »sie haben gute Arbeit geleistet.«

»Aber der Schwung fehlt ihnen, das heilige Feuer, die Vision. Sie kleben an der Erde. Sozialismus ist nicht nur Lohnfrage, philosophische Theorie. Sozialismus ist in erster Linie Religion! Die Deutschen sind zufrieden, wenn sie die Wunden der Menschheit mit Pflastern verkleben können, hier ein Gesetzlein, dort ein Gesetzlein. Aber das strömende Blut stößt die Pflaster ab, und der Organismus verblutet. Es ist ein Unglück für die Welt, daß ausgerechnet die Deutschen in der ›Internationale‹ die führende Rolle spielen.«

»Patriot!« lachte der Kranke. »Sollen die Russen sie übernehmen?«

»Nicht unbedingt, vielleicht die Italiener!«

Boris schüttelte den Kopf. »Flammengeister, ohne die nötige Tiefe. Ich glaube an die Deutschen. Wenn es einmal ernst wird, so werden sie die Probe bestehen.«

Savin zuckte die Achseln. »Einige Auserwählte, hinter denen dann die ganze Meute herkläffen wird. Die ›Partei‹ nicht.« --

Das Gespräch ward allgemeiner, Lene lauschte schweigend. Unverständliche Worte schlugen gegen ihr Ohr, fremde Begriffe stürmten auf sie ein. Unwillkürlich dachte sie an ihr Elternhaus zurück. Um diese Stunde saß der Vater über seinen Heften, und die Mutter nähte und stopfte. Ihr Heim erschien ihr als ein kleines Eiland im tobenden, aufgepeitschten Ozean, dessen Bewohner taub sind gegen das Gebrüll der Wogen, das Heulen des Sturmes. Wie viele solche Eilande gab es in Deutschland, wie viele Menschen, die sich auf ihnen gedankenlos sicher wähnten! --

Als eine kleine Pause im Gespräch eintrat, wandte sie sich an Savin: »Johannes sagte, Sie hätten für mich Arbeit?«

Er nickte. »Erst muß ich Sie tüchtig in die Schule nehmen. Sie sind ja leider grenzenlos unwissend. Später schicken wir Sie dann zu den Frauen, Propaganda treiben.«

»Mich?« Lene war ehrlich erschrocken.

»Ja, Sie sehen trotz der dunklen Haare und Augen so unverkennbar arisch aus. Ihnen kann man nicht alle Lehren mit einem ›Saujud‹ widerlegen.«

Sie schwieg etwas verlegen, er lachte. »Ja, das kommt häufig vor, auch Johannes ist es schon passiert.«

Die Tür wurde aufgerissen, Anatol trat hastig ein. »Kinder, es geht los, auf dem Balkan!«

»Das dürfte uns wenig berühren,« meinte Philipp gelassen.

»Ist ein Verbrechen kein Verbrechen, weil es auf einem anderen Erdteil geschieht?« warf Frau von Reuter vorwurfsvoll ein. Einen Augenblick herrschte Stille. Dann schrie der alte Jude schmerzlich auf: »Mord und Elend! Verbrechen und Sünde! Die Flammen verzehren das Haus, und ein böser Wind treibt sie näher und näher. Wer bewahrt uns vor der Feuersbrunst, wenn des Nachbarn Haus in Flammen steht?«

* * * * *

»Wie sehr Du Dich verändert hast, Johannes,« bemerkte Lene, da sie den Heimweg angetreten hatten, »daheim warst Du so still und verschlossen, erwecktest immer den Eindruck eines Fremden, der sich in ungewohnter Umgebung unbehaglich fühlt.«

»Das tat ich auch,« gab er zu, »die Luft daheim engte mir die Brust ein. Und dann, so ruhelos war mir zumute, als dürfe ich bloß einen Augenblick rasten, müßte dann fort, immer weiter und weiter. Wohin? Ich wußte es selbst nicht.«

»Und jetzt?«

»Jetzt ist mir, als hätte ich heimgefunden. In Boris' kleiner Stube fühle ich mich zu Hause. Die Menschen sind mir vertraut, ich empfinde ein Zugehörigkeitsgefühl zu ihnen, sie reden meine Sprache. Sogar den alten Rabbiner Löw verstehe ich.«

»Es ist doch schrecklich, daß auf dem Balkan Krieg ist.«

Er nickte.

»Was hat der alte Mann mit den Flammen gemeint?«

»Er faselt immer von einem Weltkrieg, der die Ruchlosigkeit der Menschen strafen wird. Aber das ist bei uns ausgeschlossen. Das Proletariat in allen westlichen Ländern würde aufstehen wie ein Mann, am Tage der Kriegserklärung hätten wir den Weltstreik.«

»Glaubst Du?«

»Ich bin davon überzeugt!«

Sie waren vor Lenes Wohnung angelangt.

»Kommst Du noch mit hinauf?«

»Nein, es ist zu spät, gute Nacht.«

Lene trat in des Bruders Zimmer. »Gustav, auf dem Balkan ist der Krieg ausgebrochen!«

Er blickte nicht einmal auf. »So, das ist doch kein Grund, um mich zu stören. Was geht mich der Balkankrieg an?«

Lene konnte lange nicht einschlafen. Als sie dann doch endlich in unruhigen Schlummer verfiel, quälte sie ein böser Traum. Sie sah den alten Abraham Löw auf einem hohen Berge stehen und wehklagend auf die Ebene deuten. Ein gewaltiges Feuermeer wälzte sich zischend, lodernd vorwärts, seine Wogen überfluteten Dörfer und Städte, züngelnde Flammen griffen nach den Himmeln. Sie erwachte mit klopfendem Herzen; unbestimmte Angst preßte ihr die Brust zusammen. Halb noch im Schlaf murmelte sie wie eine tröstliche Zauberformel vor sich hin: »Bei uns ist das ausgeschlossen. Der Weltstreik ...«

Vierzehntes Kapitel.

Der Zug pustete durch die graue Vorfrühlingslandschaft. Märzsturm griff mit wuchtigen Händen nach den Rauchwolken und zerriß sie in dünne Streifen, die er über den blaßblauen Himmel jagte. Der große Fluß, endlich von seinen Eisketten befreit, war in unbändigem Freiheitsdrang über die Ufer getreten, überschwemmte die Ebene, die, farblos in die Fluten übergehend, einem einzigen ungeheueren Meer glich. Mürrische Kiefern streckten sich verschlafen, warfen die winterlichen Nadeln ab, schlanke Birken, noch unbelaubt und dennoch frühlingsduftig und frisch in ihren weißen Gewändern, reckten sich der liebkosenden blassen Sonne entgegen. Am Horizont durchschnitt in scharfer Zickzacklinie ein Schwarm Wildenten die Luft.

Lene beugte sich weit aus dem Kupeefenster; seltsam wehmütige Freude erfüllte sie ganz. Wie schön war doch die Heimat, von einer trostlosen, bitteren Schönheit, die sich einem mehr ins Herz stahl, als gesegnetere, süden-begnadete Gegenden. Auch ein wenig bang war ihr zumute; nach anderthalb Jahren fuhr sie zum erstenmal heim. Die Mutter war mit Ilse, die im Winter krank gewesen, in den Süden gereist, und Lene sollte sie daheim ersetzen. Sie verließ ungern Berlin, doch fühlte sie, auch ihr würde eine kurze Rast wohltun; Johannes und seine Freunde hatte ihre Arbeitskraft redlich ausgenützt; jede Stunde des Tages hatte eine Beschäftigung mit sich gebracht. Savin war über ihre Abreise empört gewesen; hatte prophezeit, sie werde sich vom trägen Bourgeoisleben einfangen lassen, womöglich heiraten, zumindest verändert, unbrauchbar wiederkommen.

Lene lächelte, als ihr dies einfiel. Das letzte Jahr hatte sich mit seinen Erlebnissen und Bildern in ihre Seele eingebrannt. Träumerisch versuchte sie die stärksten Eindrücke zurückzurufen; Bilder, Stimmungen kehrten wieder, so lebendig, daß sie völlig vergaß, wo sie sich befand.

Der erste Mai in Berlin; strahlender Sonnenschein, ein tiefblauer Himmel. »Kaiserwetter«, sagte ein behäbiger Bürger zu seiner Frau, vergessend, daß dieser Tag einem anderen Herrscher geweiht war, dem enterbten, einzig berechtigten Herrscher der Welt, dem Volke, das sich alljährlich einmal seiner Herrscherwürde bewußt wird. Die Linden entlang kam der Zug, endlos, unübersehbar, Kopf an Kopf. Organisation folgte auf Organisation, die Hände, deren Arbeit die Welt schafft und erhält, ruhten; nicht wie sie am Sonntag ruhen, gedankenlos, trägmüde; nein, mit einer gewissen Würde und Kraft, mit dem Bewußtsein ihrer Macht ruhten sie an diesem, ihrem eigenen Feiertag. Lene entsann sich einer Gruppe, die sie besonders ergriffen hatte -- die der »Scheuerfrauen«. »Frauen«, das Wort klang wie Hohn auf diese Geschöpfe angewandt. Unförmige, gebeugte, vom Rheumatismus verkrümmte Wesen, erschöpfte bleiche Gesichter, aufgequollene Leiber schleppten sich mit schweren Schritten dahin, rotblaue, gesprungene Hände hingen matt herab. Und dennoch, auch in diesen müden Augen lag ein Feiertagsglanz, leuchtete Machtbewußtsein; heute waren sie nicht einzelne, überarbeitete, unterernährte Arbeitstiere, heute hatten sie ihren Platz gefunden, waren ein Teil der gewaltigen Masse geworden, deren Forderungen und Hoffnungen zum lenzlichen Himmel aufgeschrien. Organisation um Organisation, Menschen um Menschen, alle von einem Gefühl beseelt, von einem Gedanken getragen. Und an der Spitze des Zuges wehend im Wind das Symbol des Martyriums, das Symbol der Hoffnung, der großen Vereinigung -- _die rote Fahne_.

Das Symbol des Martyriums! Ein Winterabend kam Lene in den Sinn, den sie mit Johannes und Anatol bei Boris Isralew verbracht hatte. Sie waren in der Dämmerung rauchend um den kleinen Ofen gesessen und Boris, der sich wohler fühlte als gewöhnlich, hatte von der russischen Arbeiterbewegung, von ihren Führern und Helden gesprochen.

»Erzähle Lene von Deinem Leben im Gefängnis, das macht dieser unerfahrenen Seele einen ungeheuren Eindruck,« sagte Johannes.

»Ich war ja nur vier Jahre in der Schlüsselburg,« meinte Boris ausweichend.

»_Nur_ vier Jahre!« rief Lene.

»Wissen Sie denn nicht, daß viele unserer Kameraden zwanzig und vierundzwanzig Jahre gefangen waren?« Und nun erzählte er. Vor ihren Augen ragte die trostlose Festung auf der öden Nevainsel auf, von schwerem Nebel eingehüllt, ein Ort des Grauens, des Wahnsinns und des Todes. Aber auch ein geheiligter Ort. Hinter diesen undurchdringlichen Mauern, in Einzelzellen, führten die Besten des russischen Landes ein gefoltertes Leben. Etliche zerbrach die Schwere des Schicksals, die ewige Einsamkeit verwirrte ihren Geist, andere starben freiwillig, um ihren Gefährten zu helfen, auf schauerliche Art. Die meisten jedoch bewahrten sich Kraft und Mut, auch wenn ihre Körper zugrunde gingen. »Die frommen Katholiken des Mittelalters,« meinte Boris, »glaubten, die Heiligkeit der Klöster entsühne die sündige Welt, und die Gebete der Mönche und Nonnen verdichteten sich zu einem Schleier, der schützend zwischen Gottes Zorn und den Menschen schwebte. Was im Mittelalter die Klöster gewesen sind, das waren für Rußland die Gefängnisse. Diese Orte der Qual und des stummen Heldentums entsühnten das Land und bewahrten die Idee vor dem Tode. An der unendlichen Liebe, an der heißen Freiheitsglut unserer Märtyrer entzündeten sich Hunderte von jungen Kämpfern. Jeder Gefangene war eine heimliche Fackel, die die Nacht erhellte und den Weg zur Zukunft wies.«

»Deshalb wird auch Rußland, das Land der höchsten Leiden, das Reich der Zukunft sein, aus dem Licht in alle Länder der Erde dringen wird,« bemerkte Johannes leise.

»~Ex oriente lux~,« sagte Anatol. »Einmal ist dort das Licht schon aufgeflammt, doch gelang es den Feinden, es zu verlöschen. Lodert es abermals empor, dann wird es so gewaltig sein, daß es alle Länder überschwemmen und die Nacht endgültig vertreiben wird.«

Der Gymnasialprofessor war selbst auf den Bahnhof gekommen, um seine Tochter abzuholen. Er deuchte Lene gealtert, verdrossener denn sonst, obschon er anscheinend über das Wiedersehen erfreut war. Im ersten Augenblick waren beide befangen, standen einander fremd gegenüber. Eine junge Frau stieg aus dem anstoßenden Kupee, Herr Selder grüßte ehrerbietig, half ihr die Tasche aus dem Abteil nehmen und war über die Ablenkung sichtlich froh.

Gemächlich schritten Vater und Tochter durch die Straßen, Herr Selder fragte nach Gustav, erzählte von Ilse und der Mutter. Lene antwortete schier mechanisch. Staunend betrachtete sie die Gebäude, wie klein und eng doch alles war. Ihr schien, als sei die ganze Stadt zusammengeschrumpft.

»Wer war die schöne Frau, die Du auf dem Bahnhof gegrüßt hast?« fragte sie, als eine kleine Verlegenheitspause entstand.

»Die junge Gräfin Stramwitz. Graf Heinz hat vor einem Jahr geheiratet. Leider hat er sich eine Italienerin ausgesucht, seine Eltern waren darüber verzweifelt. Diese Rassenmischung heutzutage ist eine böse Sache. Es kommt ein fremdes Element in ein rein deutsches Haus. Sie hat auch einen ganz verrückten Namen, Gioia, oder so etwas ähnliches.«

»Das bedeutet ›Freude‹, wie hübsch!«

»Es gibt doch bei uns schöne Mädchen genug,« fuhr der Gymnasialprofessor fort, ohne ihren Einwand zu beachten. »Wohlerzogene deutsche Mädchen, geeignetere Mütter für den künftigen Majoratsherrn, als diese Fremde. Ich würde meinen Kindern niemals gestatten, einen Nichtdeutschen zu heiraten.«

»Armer Vater,« dachte Lene, »Deine Kinder werden Dich nicht fragen.«

Sie waren daheim angelangt. Als Lene die Zimmer durchschritt, vermeinte sie nie fortgewesen zu sein. Alles war unverändert. Das rote Plüschalbum lag noch immer auf dem großen Tisch in der Wohnstube, der Mutter Nähkorb stand daneben. Auch die Menschen waren die gleichen, hier in der kleinen Stadt war die Zeit stehen geblieben. An den Kaffeetischen wurden noch immer die alten Themen erörtert: Dienstbotennot, Verlobungen, Hochzeiten, Geburten und Todesfälle. Man las die »Gartenlaube« oder die »Woche«, blieb von jedem politischen Ereignis unberührt, freute sich höchstens, wenn ein neuer Kaiserenkel geboren wurde.

Eine Woche nach ihrer Ankunft begegnete Lene dem alten Pastor. Er ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu. »Der ist auch kleiner geworden,« dachte das Mädchen, die verhutzelte alte Gestalt betrachtend.

Der alte Mann fragte nach Johannes, konnte nicht genug von seinem Lieblingsschüler hören. »Die jetzigen Schüler machen mir gar keine Freude; ich glaube, sie lachen mich heimlich aus,« meinte er wehmütig, »ich verstehe auch die heutige Jugend nicht mehr.«

Wieder einer, sagte sich Lene ungeduldig, den der Fortschritt stört. Doch schämte sie sich dieses Gedankens, da der alte Mann fortfuhr: »Sie hat gar keine menschlichen Ideale mehr. Zu meiner Zeit haben wir mit siebzehn und achtzehn Jahren für die Freiheit und die Menschenrechte geschwärmt, wenn wir auch später brave Spießbürger geworden sind. Heute glaubt die Jugend an Militarismus und Handel. Dazu ist sie so egoistisch geworden, so verständnislos. Und diesen nüchternen Köpfen soll ich Liebe predigen. Freilich, sie kommen auch nie in meine Predigt. Aber daran mag ich schuld sein; ich bin wohl zu langweilig.«

Die gütigen alten Augen sahen so ehrlich betrübt drein, daß Lene sich schwor, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen.

»Wie ist denn die Jugend in der großen Stadt, mein Kind?« fragte er. »Sie kennen bestimmt viele von Johannes Freunden.«

Sie waren unterdessen unbemerkt beim Pfarrhaus angelangt. Der alte Mann zog Lene in den kleinen Garten. Sie setzten sich auf eine Bank in die Sonne, ein uralter Schäferhund humpelte hinkend herbei und rieb den Kopf gegen die Knie seines Herrn.

Lene erzählte von Johannes und den Freunden; sie wurde eifrig. Seit einer Woche durfte sie zum erstenmal reden, ohne vorerst jedes Wort reiflich zu überlegen. Der alte Pastor hörte interessiert zu, nickte beistimmend mit dem weißen Kopf. »Ihr nennt es Sozialismus,« meinte er schließlich, »wir haben es Christentum genannt. Es kommt wohl auf dasselbe heraus. Gott ist die Liebe und die Liebe ist Gott. Wohl uns, wenn wir diesen schlichten Satz erfassen können. Aber«, die alte Stimme wurde jählings hart und schneidend, »was haben wir aus dem Christentum gemacht? Einen Mantel, um unsere Verbrechen zu decken, eine Fahne, unter der wir gegen die heiligsten Gebote sündigen. Die Händler haben den Tempel geschändet und an das Kreuz, von dem sie den Heiland gerissen haben, schlagen sie die Armen. Wann wird der Herr kommen und die Verruchten austreiben?«

Der alte Mann hatte sich erhoben. Plötzlich war jede greisenhafte Schwäche von ihm abgefallen, die kleine Gestalt schien zu wachsen und eine seltene Würde anzunehmen.

Das Mädchen blickte ihn teilnehmend an und dachte: »Merkwürdig, wie er doch jetzt dem alten Abraham Löw, dem Rabbiner, gleicht.«

Fünfzehntes Kapitel.

Im kleinen Pfarrhausgarten stand der hübsch gedeckte Kaffeetisch mit der altmodischen dickbäuchigen silbernen Zuckerdose und den kleinen, zierlichen Meißener Täßchen, die noch von des Pastors Mutter stammten. Der alte Mann trippelte mit kleinen Schritten geschäftig hin und her, schnitt von seinen geliebten Rosenstöcken die schönsten Blüten und legte sie, nachdem er sorgsam die Dornen entfernt hatte, auf das blendend weiße Tischtuch. Lene Selder saß in einem tiefen Korbsessel und sah lächelnd seinem Treiben zu.

»Jetzt ruhen Sie sich aber aus, Herr Pastor,« sagte sie schließlich. »Alles ist wunderschön und Sie dürfen sich nicht müde machen, bevor der Besuch kommt.«

Der alte Mann legte ihr eine schöne Rose auf den Schoß. »Zum Dank, daß Sie gekommen sind, um mir zu helfen. Die arme, fremde, kleine Frau wird sich freuen, jemanden zu finden, mit dem sie französisch sprechen kann. Mit ihrem Deutsch hapert's immer noch ein wenig.«

Er setzte sich neben Lene. »Seien Sie recht freundlich zu der jungen Frau, ich glaube, das arme Kind fühlt sich hier sehr verlassen und fremd. Ich kümmere mich ja nicht um das Geschwätz der Leute, aber man hört doch so allerlei.«