Part 5
Lene lachte auf. »Ich weiß, was für ein Bild Du meinst; warte, ich werde es Dir gleich zeigen.« Sie kramte in der Bücherkiste und brachte ein altes illustriertes Liederbuch zum Vorschein. Die staubigen, vergilbten Blätter umwendend, fand sie das Bild. Von einer Anhöhe strebte ein gewaltiger Tempel auf, dessen Helle die tiefer liegende Landschaft erleuchtete. Die beiden Köpfe beugten sich über das Bild, und Lene las halblaut die erste Strophe des Kirchenliedes:
»Jerusalem, du hochgebaute Stadt ...«
Elftes Kapitel.
Strahlender Sonnenschein verklärte das banale ostpreußische Städtchen zu wundersamer Schönheit. Rosen und Nelken loderten in den kleinen Gärten, Malven wiegten gemächlich die dicken Köpfe im Winde, feierlich hieratische Lilien lächelten klösterlich und sandten fromme Düfte zum Himmel empor. An den Hecken blühte Jasmin in wilder Verschwendung, Blüte an Blüte, so dicht, daß kaum ein grünes Blatt zu sehen war.
Außerhalb der Stadt dehnten sich wogend unendliche Ährenfelder, ein einziges, unbegrenztes gelbes Meer, aus dem hier und dort rotblutend kleine Mohninseln aufragten oder kornblumenblau ein Stückchen Himmel sich spiegelte. Festlicher Duft entströmte der gebärenden Erde, alles drängte, trieb zur Vollendung, zum höchsten Gedeihen; das Land feierte Sonntag, Sonnentag.
Sogar in die grauen Häuser drang der Sonnenzauber, enge Stuben erschienen plötzlich weit in dem hereinstürzenden, alles überflutenden Licht, Feiertag lag auf wintermüden Gesichtern, in dunkelgewöhnte Augen spielten Sonnenstrahlen.
Gustav Selder packte; Lene und Johannes halfen ihm. Gustavs kurzsichtige Augen tasteten ängstlich suchend das Zimmer ab.
»Wo ist mein blaues Heft, Lene, in dem ich meine Notizen habe? Das muß mit.«
Die Schwester lachte. »Vor Deiner Nase, Du blinder Maulwurf. Eile Dich doch, wir wollen ins Freie.«
»Gleich, gleich, und das Buch mit den Tabellen, ich kann es nicht finden.«
»Mein Gott, Du mit Deinen Büchern!«
Sorgfältig packte Gustav, hüllte Buch um Buch in Zeitungspapier, bettete sie schier zärtlich in den großen Koffer. Endlich war alles fertig. »So,« meinte er vergnügt, »jetzt bekommt Ihr jeder eine Zigarette zur Belohnung, aber geh fort vom Fenster, Lene, daß Dich niemand rauchen sieht.«
Sie setzte sich auf den geschlossenen Koffer. »Bist Du froh, Gustav?«
»Worüber?«
»Daß Du fortkommst.«
»Ja. Hier ist es freilich angenehm ruhig zum Arbeiten, aber wenn ich an die Instrumente und Laboratorien denke, die es in Berlin gibt!« Die kurzsichtigen Augen leuchteten auf.
»Wirst Du dort auch den ganzen Tag über Deinen Büchern hocken?«
»Natürlich; was sollte ich denn sonst tun? Wenn mich nur der eklige Kerl, Ilses Schwager, mit seiner dummen Verbindung in Ruhe läßt! Wozu hat ihm denn der Vater geschrieben, daß ich nach Berlin komme?«
Lene lachte spöttisch. »Du naives Kind! Du sollst doch ›gute‹ Bekanntschaften machen, in die ›Gesellschaft‹ kommen. In Adalberts Verbindung sind fast lauter Aristokraten.«
Gustav blickte sie hilflos an. »Was soll ich denn mit den Leuten anfangen? Die wissen ja gar nichts, spielen, trinken, raufen und ...« Er stockte, suchte nach einem für Mädchenohren passenden Ausdruck. »Und vergnügen sich mit Weibern. Ja, wenn ich Empfehlungen an Professoren hätte!«
»Suche doch Anatol Silberblatt auf,« bemerkte Johannes, »er ist in einen interessanten Kreis geraten.«
»Ich mag Euren lieben Anatol nicht. Nein, nicht weil er Jude ist, Lene, Du brauchst mich nicht so wütend anzuschauen. Ich achte die Juden, sie haben wissenschaftlich viel geleistet; aber diese Burschen mit ihrem Weltbeglückungsfieber sind mir zuwider, sie schreien herum, meinen mit ihrem Reden wunder was zu erreichen, und schließlich bleibt doch alles beim alten. Was geht mich die Politik an? Es gibt nur eine Wahrheit auf der Welt: die Wissenschaft.«
»Aber wenn Du wählen sollst, Gustav, da mußt Du doch irgendeine Überzeugung haben!«
»Überzeugung? Erstens werde ich höchstwahrscheinlich nie wählen, das Ganze ist mir völlig gleichgültig; und wenn ich es dennoch täte, so würde ich den wählen, von dem für die Wissenschaft am meisten zu erhoffen ist.«
»Wie, sogar einen Sozialisten?«
»Weshalb denn nicht? Diese ganzen Parteisachen kommen mir höchst kindisch vor. Ja, Lene, ich weiß, daß ich Dich in Deinen heiligsten Gefühlen kränke; übrigens ist ein Sozialdemokrat für unser ehrbares, konservatives Haus gerade genug.«
Sie wurde dunkelrot.
»Was willst Du damit sagen?«
»Daß ich doch nicht so blind bin, wie Ihr alle glaubt, und sehr gut weiß, warum meine liebe Schwester am ersten Mai mit Kopfschmerzen schon um sieben Uhr zu Bett ging und um Gottes willen nicht gestört werden durfte. Glaubst Du, Du dummer Fratz, Du könntest in dieser Kleinstadt in die sozialdemokratischen Versammlungen gehen, ohne erkannt zu werden?«
Sie blickte ihn halb erschrocken, halb trotzig an. »Wirst Du es dem Vater sagen?«
»Weshalb sollte ich? Jeder kann tun, was er will, und, unter uns gesagt, ist mir der Vater mit seinem »Deutschland über alles« noch zuwiderer als Du mit Deinem »Volk«. Ich bin international, nein, nicht in Deinem Sinn, Vereinigung aller wissenschaftlich Arbeitenden zur Förderung der Wissenschaft. Übrigens bist Du ein interessanter Fall, Lene, lauter Pastoren und Schullehrer als Ahnen, und das letzte Produkt eine wilde Revolutionärin! Ein merkwürdiger Rückschlag, der vielleicht bis zu einem Ahnen aus der Steinzeit geht. Man müßte ...«
»Gustav, Du bist jetzt neunzehn Jahre alt, gibt es denn nichts auf der Welt, was Dich zu erwärmen vermag?«
Ein verblüffter Blick traf sie. »Wie dumm Du bist, meine Arbeit natürlich. Außerdem,« ein gutes Lächeln huschte über das unschöne Gesicht, »manchmal auch meine kleine Schwester. Jetzt, wo ich fortgehe, merke ich erst, daß ich die zwei Narren der Familie, Dich und Johannes recht lieb habe.«
Sie schnellte auf und umschlang ihn stürmisch: »Du bist also doch ein Mensch, Gustav!«
»Vorsicht, Lene, meine Brille!«
* * * * *
Johannes hatte die Kerze verlöscht, fahler Mondschein erfüllte das Zimmer mit kaltem Licht; unheimliche Schatten huschten über die Wände. Durch das geöffnete Fenster trug der sanfte Nachtwind den Duft frischgeschnittenen Heues herein. Johannes starrte auf die verödete Straße, die gleich einer dunklen Schlucht in die schwarze Unendlichkeit zu münden schien. Hier und dort war noch ein Zimmer erleuchtet; ängstliche, zaghafte Lichter kämpften gegen die Nacht.
Heute nachmittag war Gustav fortgefahren. Die ganze Familie hatte ihn zum Bahnhof begleitet; der Gymnasialprofessor, stolz auf den Sohn, der sein Abiturium mit Auszeichnung bestanden hatte, redete laut und eindringlich, als ob die letzten guten Lehren auch den Gepäckträgern galten; Frau Selder gab sich einer wehmütig-freudigen Rührung hin, und Lene versetzte alle in Erstaunen, indem sie in Tränen ausbrach, als sich der Zug in Bewegung setzte.
»Das gute Kind,« flüsterte Frau Selder ihrem Manne zu, »es hat doch Familiensinn.« Und Lene drückte Johannes' Arm schmerzhaft zusammen: »Der kann fort und ich muß hier bleiben. Mein Gott, wenn man doch keine Familie hätte!«
Johannes lächelte vor sich hin, ihm war die kleine Szene eingefallen, die sich gestern abend zwischen Vater und Sohn abgespielt hatte. Er und Gustav lagen bereits zu Bett, da trat der Gymnasialprofessor ein und ließ sich neben dem Tisch nieder. Er schien gerührt und etwas verlegen. »Du gehst jetzt in die große Welt, Gustav, vergiß auch dort nicht die Lehren Deines Elternhauses. Du wirst allerhand Menschen kennen lernen, vergiß nie, daß Du ein evangelischer Christ und ein Deutscher bist.«
Gustav murmelte etwas Unverständliches zwischen den Kissen hervor.
Der Gymnasialprofessor erhob sich und schritt im Zimmer auf und ab. Er räusperte sich etliche Male, blieb beim Waschtisch stehen, stellte das Glas von der einen auf die andere Seite und fuhr schließlich fort: »Eine der Eigenheiten, die uns Deutsche besonders günstig von den anderen Nationen unterscheidet, ist unser schönes reines Familienleben.« Er stockte, sah sich hilfesuchend im Zimmer um. Gustav grinste boshaft. »Du wirst, wie ich Dir bereits sagte, allerlei Menschen treffen ... Menschen ... ich meine ... nicht nur Männer. Die Gefahren der Großstadt ... Nicht alle Frauen gleichen Deiner lieben Mutter und Deinen Schwestern. Es gibt auch ...« Er stockte abermals.
»Huren!« ergänzte Gustav gelassen. »Ich weiß schon, was Du sagen willst, Vater. Mache Dir keine Sorgen um mich. Ich kann Weiber ohnehin nicht leiden, sie vergeuden einem die kostbare Zeit, und lernen kann man von ihnen auch nichts. Außerdem ist es ein wissenschaftlich viel umstrittener Punkt, ob es gesünder sei, Enthaltsamkeit zu wahren, oder nicht, Forel zum Beispiel widerspricht dem Professor ...«
Der Gymnasialprofessor war bis zur Tür geflohen, nun riß er sie auf. »Gute Nacht, Gustav,« unterbrach er den Sohn, »gute Nacht, Johannes!« -- --
Johannes war wieder ernst geworden; er gedachte des Kameraden, der nun durch die Nacht fuhr. Morgen würde er in Berlin eintreffen. Gustav begann nun sein eigenes Leben. Die ganze Welt lag vor ihm und viele, lange Jahre, in denen er sich mit dieser Welt auseinandersetzen konnte. Wie gelassen war er diesem Gedanken gegenüber! Für ihn bedeutete die Welt seine geliebte Wissenschaft, er blickte nicht nach links, nicht nach rechts, ging eine gerade, ebene Straße zwischen zwei hohen Mauern dahin, hielt sich fern vom Leben, blieb den Menschen gegenüber fremd. Doch ihn störte dieses Fremdsein, das Johannes so quälte, nicht im geringsten. Er sah die Menschen gar nicht, ahnte nichts von ihren Schmerzen, ihrem Glück.
In einem Jahr würde dann auch er selbst hinausziehen in die Welt; er atmete tief auf. War es nicht wie ein Sprung in ein ungeheures schwarzes Meer mit drohenden Wogen? Würde seine Kraft nicht versagen? Und wohin würden ihn die Wogen treiben, wohin strebte er? Er war anders geartet als Gustav, sein Studium konnte ihm nicht alles bedeuten. Was wollte er eigentlich? Er dachte an Lene: »Ich will den Menschen helfen, für die bessere Welt kämpfen,« hatte sie unlängst gesagt. Sie glaubte an einen Sieg. Ihrer trotzig frohen Natur behagte der Kampf. »Den Menschen helfen«, ja, das wollte auch er, doch mußte er hierzu ihnen nicht erst näher kommen?
Ein Helfen von oben herab widerstrebte ihm. Man mußte inmitten der Masse stehen, mit ihr, nicht nur für sie kämpfen. Anatol Silberblatt kam ihm in den Sinn, der schrieb begeisterte Briefe aus Berlin: »Ich nehme Teil an der Arbeiterbewegung, wir treiben Propaganda, halten Versammlungen ab, klären die Massen auf. Es sind viele Russen an der Universität, die verstehen sich auf revolutionäre Arbeit. Es ist gut, daß Du ein Jahr in der Schule erspart hast, komm' bald zu uns.« Der glaubte auch an seine Arbeit, an die Erreichung des Zieles, an die angewendeten Mittel. Propaganda? Seit Jahrzehnten wurde Propaganda getrieben, wurden Versammlungen abgehalten, die Massen aufgeklärt. Und dennoch waren die Armen heute elender, die Entrechteten geknechteter denn je. In den Händen der Wenigen lag das Schicksal der Vielen; der Reichtum des Landes floß nicht, ein gesegneter Strom, durch alle Schichten, sondern lastete als erdrückende Bürde auf darbenden, abgearbeiteten Leibern. Der in Jahrhunderten errungene Fortschritt war kaum zu bemerken. Ging dies derart weiter, so wurden Generationen um Generationen geopfert, ehe das Reich der Gerechtigkeit kam. Was aber konnte an Stelle der Propaganda durch das Wort gesetzt werden? Verschwommen durchzuckte ein Satz sein Gehirn: »Die Propaganda durch die Tat!« Nein, auch die Tat des einzelnen brachte keine Rettung, was hatten Kaliajews, Sasonows heldenmütige Handlungen Rußland genützt? Sie hatten erreicht, daß eine verängstete, um Leben und Güter bangende Bourgeoisie sich noch enger zusammenschloß, eine kompaktere Masse bildete, die noch schwerer zu bekämpfen war. Wie, wodurch konnte der Sieg errungen werden?
Johannes warf einen Blick durchs Fenster. Wie kalt und grausam der Mond am Himmel stand! Glich er nicht einem unbarmherzigen Herrscher, der gelassen und fühllos, sich seiner Macht bewußt, auf die ringenden, leidenden, gefolterten Untertanen herabsah? Eine kleine Wolke wurde vom Wind gegen den Mond getrieben, für einen Augenblick verschwand er, dann zeigte er triumphierend, mit bösem Grinsen, von neuem seine boshafte, totstarre Fratze. Ein seltsames Gefühl überkam Johannes: würde es den Wolken gelingen, dieses bosheitsatmende Gebilde zu vernichten? Gespannt starrte er zum Himmel hinauf. Wolke um Wolke warf sich gegen das furchtbare Gesicht, zerstob vor den fahlen Strahlen, die gleich Lanzen in das flaumige Wolkenweiß stachen. Im Westen jedoch ballten sich schwarz und gewitterdrohend immer mehr Wolken zusammen. Von allen Ecken und Enden des Himmels kamen sie nun geflogen, Wind erhob sich, eine gewaltige, schwarze Masse wälzte sich gegen den Mond vor. Ein Blitz zerriß den Himmel. Und nun hatte die schwarze Masse den Mond erreicht, sie überflutete ihn, riß ihn in ihr dunkles, brodelndes Meer. Er verschwand. Ein heftiger Donnerschlag dröhnte durch die Nacht, heulend warf sich der Sturm gegen die Häuser. Das Gewitter hatte gesiegt!
Zwölftes Kapitel.
Lene Selder stieg rasch die Treppen hinauf, die in der großen Berliner Mietskaserne zum vierten Stock führten. Das Gebäude lag in einem ärmlichen Viertel, in die enge Gasse fiel keine Sonne, und an diesem kalten winterlichen Vormittag erschienen Gasse und Häuser besonders trostlos. Eine unordentliche, ungekämmte Frau scheuerte die Treppe: »Herr Selder, der wohnt im vierten Stock, die zweite Tür links.«
Lene klopfte. Keine Antwort. Sollte Johannes noch schlafen? Sie klopfte abermals, dann rüttelte sie an der Klinke.
Die Tür des Nebenzimmers wurde geöffnet, ein dunkler Kopf schaute heraus: »Er ist nicht daheim, kommt gegen Mittag zurück. Herrgott, Lene! Was machst denn Du hier?«
»Anatol! Wohnst Du denn auch hier? Laß mich hinein, ich bin eben mit dem Frühzug angekommen und ganz durchgefroren.«
Anatol Silberblatt trat auf den Korridor; er sah müde und verschlafen aus. »Wie kommst denn Du nach Berlin?«
Sie lachte ein wenig befangen. »Ich bin durchgegangen.«
»Ja, aber ...«
»Ich erzähle Dir alles, laß mich nur ins Zimmer, mich etwas erwärmen.«
»Komm', aber ich bin nicht allein.«
Sie folgte ihm. Das Zimmer war in einen blauen Rauchnebel gehüllt; am Schreibtisch saß ein älterer Mann mit leicht ergrautem Haar und schrieb, auf dem Sofa lümmelte ein jüngerer Mensch.
»Wir haben Besuch bekommen,« verkündete Anatol, »eine von daheim durchgegangene junge Dame. Kerner, das ist Selders Schwester, von der wir Dir schon öfter erzählt haben. Savin, mach' Platz, sie ist müde von der Reise.«
Der ältere Mann reichte Lene ohne aufzusehen die Hand, und der junge Russe schnellte eilig vom Sofa auf. »Wir kennen Sie schon ganz gut, Fräulein, Johannes hat oft von Ihnen gesprochen. Wie kalt Ihre Hände sind! Gib den Schnellsieder her, Anatol, wir müssen ihr Tee kochen.«
Etwas verwirrt sah sich Lene in der Stube um; auf dem ungemachten Bett türmten sich Zeitungen, Bücher bedeckten den einzigen Tisch, Zigarettenstummel und Asche lagen am Boden. Sie blickte verstohlen nach den Insassen des Zimmers. Anatol hatte sich ein wenig verändert, sein Gesicht war etwas härter, energischer geworden, die Augenlider und Ränder waren leicht gerötet, als ob er zu wenig schlafe. Der Mann am Schreibtisch mußte ein Deutscher sein, ein gutmütiges, verwittertes Gesicht mit unzähligen Runzeln und Falten; ein scharfer Zug um den Mund verlieh ihm einen Ausdruck tiefer Traurigkeit, der im Widerspruch mit den frohen blauen Augen stand, die sich eben vom Papier hoben und Lene freundlich zulächelten. Savin stand am Waschtisch, spülte ein Glas aus, machte sich mit der henkellosen Teekanne zu schaffen; seine Bewegungen waren leicht und geschickt, wie die einer Frau. Savin, der Name deuchte Lene bekannt. War das nicht der junge Russe, der aus dem Moskauer Gefängnis entflohen war, über den ihr Johannes geschrieben hatte?
Anatol warf etliche Zeitungen auf den Fußboden, um Platz zu machen, und setzte sich aufs Bett. »Was willst Du denn eigentlich hier machen, Lene?«
»Ich weiß noch nicht,« gestand sie etwas verlegen, »hoffe Gustav überreden zu können, daß er mich bei sich behält.«
Anatol lachte. »Gustav! Das einfachste ist, Du gehst zu ihm, richtest Dich dort häuslich ein, er hat ohnehin zwei Zimmer, der Kapitalist, redest erst nicht lange. Nach drei Wochen wird er vielleicht bemerken, daß Du da bist. Dann kannst Du ihm einreden, Du wärest schon immer dagewesen, er hätte es bloß vergessen gehabt.«
»Ist er so beschäftigt?«
»Beschäftigt! Sag' lieber verrückt. Den ganzen Tag hockt er im Laboratorium und abends sitzt er bei seinen Büchern bis spät in die Nacht hinein. Wir waren unlängst bei ihm, Johannes und ich, er war sehr freundlich, freute sich ungemein, uns zu sehen; nach fünf Minuten aber sagte er: »Geht Ihr nicht bald fort, liebe Kinder? Ich habe zu arbeiten.«
Savin reichte Lene ein Glas Tee. »Sie müssen müde sein. Fräulein, nehmen Sie doch Ihren Hut ab. Anatol, wirf ein Kissen her, sie sitzt unbequem.« Er stopfte ihr das Kissen in den Rücken, breitete eine Decke über ihre kalten Füße, zündete ihr eine Zigarette an. Und wieder dachte Lene, er ist wie eine Frau so besorgt und gütig; ich hatte mir russische Revolutionäre ganz anders vorgestellt.
Inzwischen war Anatol an den Schreibtisch getreten und besprach sich halblaut mit Kerner.
Lene kam sich einsam und verloren vor; heimliche Sehnsucht nach dem verhaßten Elternhaus überkam sie. Was wollte sie hier unter diesen fremden Leuten? Sie fühlte zu ihrem großen Ärger, daß ihr Tränen in die Augen stiegen, unterdrücktes Schluchzen preßte ihr die Kehle zusammen.
Savin schien ihre Stimmung zu erraten; er schob die Teekanne vorsichtig fort und setzte sich auf die Tischkante. »Es kommt Ihnen merkwürdig vor, nicht wahr? Ein wenig fremd und unheimlich? Sie dürfen nicht traurig sein, Fräulein, in einer Woche werden Sie sich hier schon zu Hause fühlen. Johannes wird sich freuen, Sie zu sehen. Ich glaube, er hatte immer Heimweh nach Ihnen.«
Die weiche slawische Stimme tat ihr wohl; sie fühlte ihren Mut zurückkehren.
»Wir werden auch bald Arbeit für Sie finden,« fuhr der junge Russe fort, »Sie gehören doch zu uns?«
»Freilich! Nur ... ich bin so unerfahren ... Weiß gar nicht ...«
Er lächelte. »Wir werden Sie einmal in die Arbeiterviertel führen, Fräulein. Wenn Sie erst die Kinder gesehen haben: rachitisch, verkümmert, mit blassen alten Gesichtern, verschreckten hungrigen Augen, und die Frauen, die gar keine Frauen mehr sind, sondern Lasttiere, ausgearbeitete Maschinen, dann werden Sie schon wissen, um was es sich handelt.«
Er hatte ganz leise gesprochen, um Anatol und Kerner nicht zu stören, aber ein eisiger Zorn tönte aus seiner Stimme, eine mühsam beherrschte Wut; die grauen Augen blitzten.
»Ich möchte ja so gerne helfen,« sagte sie schüchtern.
»Sie werden auch helfen. Bisher kennen Sie alles nur aus Büchern; wenn Sie aber das Elend wirklich sehen werden, und daneben den Reichtum, die eleganten Straßen, die Müßiggänger, und wissen werden, für jeden dieser Gecken, jede dieser vornehmen Damen verbluten Hunderte ihr Leben, werden jeder Glücksmöglichkeit beraubt, jedes Menschenrechtes, dann werden Sie auch nicht mehr bedauern, Ihr behagliches Heim aufgegeben zu haben.«
Lene lächelte unwillkürlich. »Gar so schön war es nicht,« meinte sie ehrlich. »Nun hängt für mich alles von meinem Bruder ab.«
»Ihr Bruder ist ein merkwürdiger Mensch,« entgegnete Savin. »Vollkommen weltfremd. Er weiß gar nicht, was um ihn herum geschieht. Trotzdem kann ich ihn gut leiden, er hat ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Neulich wurde in einer Fabrik ein Arbeiter höchst ungerechterweise entlassen. Ein Mann, der sechs Kinder zu versorgen hat. Ihr Bruder, der wegen einer kleinen Erfindung, die er gemacht hat, mit dem Fabrikanten in Unterhandlungen stand, erfuhr von dem Fall, und brach die Unterhandlungen ab, erklärend, er wolle mit solchen Schweinen nichts zu tun haben.«
»Gustav?« rief Lene freudig erstaunt.
»Ja, aber seine Begründung war charakteristisch: ein solcher Mensch schändet die Wissenschaft und darf daher aus ihr keinen Nutzen ziehen.«
Beide lachten. Savin schenkte ihr noch ein Glas Tee ein. »Ist Ihnen jetzt wärmer?« Sie nickte. »Auch in der Seele?« »Ja, woher wußten Sie, wie mir zumute war?«
Er wurde ernst. »Auch ich stamme aus dem verdammten Bourgeoismilieu und weiß, wie viel wir abzustreifen haben; das gesicherte, ruhige Leben hängt wie Kletten an uns, behindert jede Bewegung. Und wir können uns nicht mit einem Ruck freimachen, müssen tagtäglich von neuem dagegen ankämpfen. Bisweilen beneide ich Menschen wie Kerner.«
Sie sah fragend zu ihm auf.
»Ein gewesener Arbeiter; jetzt ist er Sekretär des Metallarbeiterverbandes. Der Mann kennt nur eines: die Arbeiterbewegung. Das ist sein Leben, sein Glück, seine Hoffnung.«
Anatol trat an die beiden heran: »Komm, Lene, wir wollen Johannes von der Universität abholen. Der wird erstaunt sein, wenn er Dich sieht.«
Gustav ließ sich von der Schwester unerwartetem Erscheinen keineswegs in Aufregung versetzen. Er blickte von seinen Büchern auf, nickte ihr zerstreut, freundlich zu: »Du, Lene? Das ist nett, daß Du mich besuchst. Setz' Dich, nur einen Augenblick, ich bin gleich fertig.«
Aus dem Augenblick wurde eine halbe Stunde. Endlich schloß Gustav das Buch und wandte sich der Schwester zu. »Ist die Mutter auch hier?«
»Die Mutter? Nein.«
»Haben sie Dich allein nach Berlin gehen lassen? Das wundert mich.«
»Sie wissen doch gar nicht, daß ich hier bin, glauben ich sei auf dem Lande bei Ilses Schwiegereltern.«
Gustav bewahrte seine Ruhe. »So, und was treibt Dich denn eigentlich hierher?«
»Ich konnte es daheim nicht mehr aushalten! Du weißt doch, wie es ist. Und ich habe gedacht ... Gustav, lieber guter Gustav ... Laß mich bei Dir bleiben.«
»Bei mir?«
Sie setzte sich auf die Lehne seines Stuhles, streichelte ihm das Haar, schilderte in beweglichen Worten ihr eintöniges, unerträgliches Leben im Elternhaus, schmeichelte, bettelte.
Er blickte sie bekümmert an. »Warum heiratest Du denn nicht? Du bist recht hübsch geworden, hast auch eine anständige Mitgift. Du müßtest doch einen Mann finden können.«
Lene lachte etwas weinerlich.
»Erstens hat mich noch niemand haben wollen, und dann heiraten? Ein Leben führen wie Ilse, bei der sich alles um das Kind und ihren gräßlichen Adolf dreht? Laß mich hier bleiben, ich werde Dich gar nicht stören.«
»Nicht stören! Heute abend habe ich durch Dich schon anderthalb Stunden verloren.«
»Das war bloß heute, bis wir alles besprochen haben. Gustav, ich bitte Dich.«
»Stoß nicht an den Schreibtisch, Du bringst meine Papiere in Unordnung. Mußt Du denn ausgerechnet bei mir wohnen? Du kannst doch in eine Pension gehen, ich werde Dich jeden Sonntag besuchen.«
»Das werden die Eltern nie zugeben.« Nun weinte sie wirklich, eng an den Bruder geschmiegt. Er streichelte ungelenk das krause Haar. »Paß doch auf! Du weinst mir meine Abhandlung naß. Neben mir ist noch ein Zimmer frei, dort könntest Du wohnen.«
»Wie gut Du bist!«
»Warte, nicht so ungestüm; erst müssen wir allerlei Abmachungen treffen.
Du kannst mit mir frühstücken, darfst aber dabei nicht sprechen; das zerstreut mich. Tagsüber bin ich nicht zu Hause, da soll sich Johannes um Dich kümmern oder seine Freunde. Am Abend können wir zusammen essen, aber Du mußt Dir ein Buch nehmen und den Mund halten. Meinen Schreibtisch rührst Du nicht an, darfst auch keine dummen Fragen stellen, wie: ›Was arbeitest Du jetzt?‹ oder ›Was bedeutet diese Formel?‹ Nach dem Abendessen hast Du mich in Ruhe zu lassen. Bist Du einverstanden?«
»Ja, ja; danke, lieber, guter Gustav.«
»Und jetzt geh' zu meiner Wirtin und erkläre ihr alles. Sage auch, daß Du meine Schwester bist, sonst glaubt sie Gott weiß was. Heute habe ich für Dich keine Zeit mehr, gute Nacht.«
»Ja, aber Gustav ...«
»Was denn noch?«