Der Skorpion. Band 1

Part 7

Chapter 73,734 wordsPublic domain

Sie hob das Blatt auf und war einen Augenblick in Versuchung, es an die Lippen zu führen.

Dann fing sie an zu rechnen. Die paar Mark Ersparnisse, die sie von ihrem Taschengeld machen konnte – nein, das langte nicht. Sie hatte zu sehr verschwendet, namentlich mit den Blumen. – Aber hatte sie sonst nichts? Sie ließ wie suchend die Blicke durch den Raum gleiten. Bücher? Nein, die gab sie nur im letzten Notfall her. Aber Schmuck. Den ganzen Kram, aus dem sie sich so absolut nichts machte. Es würde niemand danach fragen, wo Armbänder und Ringe, Halskettchen und Vorstecknadeln geblieben waren. Sie trug ja doch dergleichen Dinge nie. Schlimmstenfalls konnte man vorgeben, etwas verloren zu haben. Oder man konnte am ersten, wenn es Taschengeld gab, diese oder jene Kleinigkeit wieder einlösen.

Der ganze Inhalt der Schmucktruhe wurde in Seidenpapier gewickelt und in die Tiefe der Manteltaschen versenkt.

Der Gang zum Leihamt war leicht. Mette entsann sich fast mit Vergnügen, daß sie bei einem solchen Unternehmen nicht ohne Übung war.

Schlimmer war es, Geld und Rechnung in das Modeatelier zu bringen. Mette hatte dabei ein Gefühl, als ob sie einen schweren Betrug verüben sollte. Die Schmucksachen zu versetzen, die ihr geschenkt waren, dazu hatte sie ein gutes Recht. Aber für Olga Radó zu handeln, in Olga Radós Namen etwas zu tun, das schien ihr ein unerhörtes Wagnis. Und es war so schwer, den richtigen Ton zu treffen. Schulden zu haben, war nach allem, was Mette je gelernt und erfahren hatte, etwas sehr Entwürdigendes und beinah Schmutziges.

Wenn man also kam, um Schulden zu bezahlen, endlich, nach langem Mahnen, so mußte man ganz demütig kommen und um Verzeihung bitten. Anders, wenn man von Olga Radó kam. Dann konnte man nur mit der Miene eines fürstlichen Abgesandten auftreten und mit hoheitsvoller Überlegenheit den vergessenen Bettel erledigen.

Mette zog ihr bestes Kleid an und machte ihr hochmütigstes Gesicht. Es ging viel besser als sie erwartet hatte. Die Leute behandelten sie wirklich wie einen fürstlichen Abgesandten – sie war sehr stolz darauf, doppelt stolz, weil sie annahm, daß diese fast unterwürfige Liebenswürdigkeit Olga Radó galt.

Ja, das war alles ganz leicht. Aber nun trug sie die quittierte Rechnung in der Tasche und hätte nicht um alles in der Welt den Mut gefunden, sie Olga zurückzugeben. Sie beruhigte sich damit, daß es ja auch wohl kaum nötig wäre. Die Leute würden nun nicht mehr mahnen, und Olga würde die ganze Angelegenheit vergessen.

Nach acht Tagen triumphierte Mette schon heimlich und hielt jede Gefahr für glücklich vorübergegangen. Da wurde sie eines Tages von Olga mit eiskaltem Gesicht empfangen.

„Was fällt dir eigentlich ein?!“ sagte Olga statt jeder Begrüßung, „wie _kommst_ du eigentlich dazu, mir so etwas zu machen.“

„Ich?“ sagte Mette und bemühte sich, ein harmloses Gesicht zu machen, „was hab’ ich denn gemacht?“

„Du weißt ganz genau, was du gemacht hast!“ sagte Olga streng. „Du hast dich unverantwortlich benommen. Unverantwortlich! Ich dulde es nicht, daß sich jemand in meine Angelegenheiten mengt. Und von dir dulde ich es am allerwenigsten. Siehst du nicht ein, was für eine unerhörte Anmaßung in deinem Benehmen liegt? Willst du mich unter Kuratel stellen? Oder willst du mich aushalten? Was denkst du dir denn eigentlich?“ Sie ging mit großen Schritten hin und her. Ihr Ton war immer hitziger und heftiger geworden. Jetzt blieb sie plötzlich, an den Schreibtisch gelehnt, stehen, kreuzte die Arme und sagte ganz ruhig, nur mit einer leisen Bewegung des Kopfes:

„Wie bist du denn überhaupt zu der Rechnung gekommen?“

Mette schrak zusammen. Das war der Augenblick, den sie gefürchtet hatte. Alles andere war vielleicht Torheit, aber es war gutmütig, selbstlos gehandelt, sie konnte es mit einem Schein des Rechtes verteidigen, wenigstens vor sich selber. Aber auf diese Frage konnte sie keine Entschuldigung hervorbringen.

Jetzt war doch alles aus. Mit keiner Lüge konnte sie sich mehr retten. Da beschloß sie in verzweifeltem Trotz die Wahrheit zu sagen. Sie warf den Kopf zurück und sah zu Olga auf, mit einem Gesicht, als wollte sie sagen: ich habe den Tod verdient, aber ich fürchte ihn nicht.

„Ich habe sie gestohlen!“ sagte sie. „Von deinem Schreibtisch.“

Olga blieb ganz ruhig. Sie zog nur ein wenig die Brauen zusammen als müsse sie sich besinnen. „Sie war gekommen, während du da warst, nicht wahr?“

„Ja!“

„Aber ich habe sie doch nicht offen liegen lassen. Ich weiß jetzt ganz genau – ich hatte sie irgendwo unter die Bücher geschoben.“

„Ja,“ sagte Mette mit zusammengebissenen Zähnen, „aber ich habe sie da vorgezogen.“

„Wann?“ fragte Olga in höchstem Erstaunen.

„Während du am Telephon warst.“

Olga antwortete nichts. Sie senkte den Kopf und sah schweigend auf den Boden. Mette sah, daß sie mit festgeschlossenem Mund mit den Zähnen an der Unterlippe nagte ...

Das Schweigen war fürchterlicher als jedes harte Wort. Mette kam sich unglaublich verworfen vor. Und die Inquisition hatte noch kein Ende. Es kamen noch schlimmere Fragen, ganz gewiß, noch viel schrecklichere.

Nach einer Weile hob Olga den Kopf. „Du konntest doch aber gar nicht wissen, was das war. Es konnte doch gerade so gut ein ganz persönlicher Brief an mich sein?!“

Mettes Stirn fing an zu brennen. „Jetzt müßte ich lügen“ – dachte sie einen Moment – „sagen, ich habe die Zahlen gesehen, oder den Firmenaufdruck.“ Aber sie konnte nicht lügen. Sie hatte etwas so Verächtliches getan, sie hatte kein Recht, sich Olgas Verzeihung durch eine Lüge zu erkaufen. Sie mußte eingestehen, abbitten – büßen.

„Das _dachte_ ich ja!“ sagte sie mit fast heftiger Entschlossenheit. Aber dabei konnte sie nicht in Olgas Gesicht sehen. Sie sah an ihr vorüber aus dem Fenster. Aber ohne hinzusehen, sah sie, daß Olga eine hastig auffahrende und gleich wieder unterdrückte Bewegung machte.

„Das hast du dir gedacht?“ sagte sie.

Metten schien es, als ob sie mühsam, mit gewaltsamer Beherrschung so leise spräche, um nicht zu schreien.

„Aber ich bitte dich, du mußt doch irgendeinen Grund gehabt haben. Ich kann doch nicht annehmen, daß du aus einer ganz dienstmädchenhaften Neugier in jedes fremden Menschen Briefen stöberst.“

„Nein,“ sagte Mette verstockt. „Ich hatte auch einen Grund, natürlich hatte ich einen Grund. Aber ich kann ihn nicht sagen.“

„Wenn du ihn nicht sagen kannst,“ sagte Olga mit einem sanften Lächeln, „dann will ich dich auch nicht danach fragen. Aber ob mit, ob ohne Grund – sag’ mal – findest du es eigentlich schön?“

„Nein!“ gestand Mette ehrlich.

„Nicht wahr?“ sagte Olga rasch. „Ich finde es auch nicht schön.“ Und nach einer Pause fügte sie nachdenklich und fast schmerzlich hinzu: „Aber begreiflich. Trotzdem – laß’ es. Mißtrauen ist etwas so Häßliches. Wenn ich etwas geheim halten will, liebes Kind, dann mach’ ich das so raffiniert, daß man mir mit so törichten kleinen Streichen nicht dahinter kommt!“

Es war in ihrem Ton eine so hohnvolle Überlegenheit, daß Mette erschrak. Sie fühlte die Wahrheit dieser Worte, sie fühlte, daß Olga wie mit Mauern umgeben war, durch die sie – die dumme, kleine Mette – niemals zum Kern ihres Wesens gelangen konnte, auch wenn sie ihr nachspürte wie ein Verbrecher und heimlich ihre Briefe las.

Es schien, als ob Olga Mettens wortloses Erschrecken gefühlt hätte.

Sie sagte plötzlich mit ihrer tiefen, warmen Stimme:

„Im übrigen verberge ich dir ja nichts. Nichts, was dich interessiert. Ich schreibe keine Liebesbriefe und kriege keine. Wenn’s dich aber einmal reizt, irgend etwas in Erfahrung zu bringen – frag’ mich – es ist der glätteste Weg.“

Der gute und herzliche Ton tat Metten unendlich wohl, zehnfach wohl nach der Angst, die sie ausgestanden hatte. Sie machte eine unwillkürliche Bewegung. Ein heiß aufwallendes Gefühl trieb sie zu Olga hin, um ihr in Dankbarkeit die Hände zu küssen. Olga sah oder fühlte diese Regung – sie wehrte sie ab. Es war nur ein kaum merkliches Zucken, das um ihre Brauen lief und das Metten zurückscheuchte und an ihren Platz bannte.

„Ich möchte Arabisch lernen,“ sagte Olga rasch, beinah hastig, mit einem gewaltsamen Sprung der Gedanken. „Ich habe mir neulich die Schriftzeichen erklären lassen. Die Schrift ist wie die Erfindung eines klugen und unendlich sympathischen Mannes. Alles logisch, einfach und dabei von ästhetischem Reiz.“

„Olga!“ sagte Mette. „Wie kommst du _darauf_?! Wozu soll man Arabisch lernen, was man nie im Leben braucht?!“

„Brauchen?“ fragte Olga. „Lernt man Sprachen, um sie zu brauchen? Glaubst du, daß mir jemand imponiert, der in zweiundzwanzig Sprachen ein Zimmer mit zwei Betten bestellen kann? Das kann man doch auch praktischer mit _alba duo_ abmachen. Wenn ich Sprachen lerne, so ist das ein rein psychologisches Interesse. Wie ein Satz sich aus Zeichen aufbaut – darin spiegelt sich die Seele eines ganzen Volkes. Ähnlichkeit der Sprache, das macht Verwandtschaft, das _ist_ Verwandtschaft – aber nicht, ob der Haardurchschnitt dreikantig oder elliptisch ist“ – – –

* * * * *

Erst als Mette sich den Hut aufsetzte, um zu gehen, sagte Olga plötzlich:

„Willst du mir einen Gefallen tun, Mette?“

„Jeden!“ sagte Mette mit Überzeugung.

„Aber es ist keine leichte Aufgabe – ich“ ...

„Desto besser!“

„Nein, nein, keine romantische Heldentat. Etwas ganz kleinlich Unangenehmes!“ Sie nagte die Lippen und zögerte. „Ich würde es gern anders machen, aber ich weiß wirklich nicht wie. Du sollst etwas tun, was du sicher in deinem ganzen Leben noch nicht getan hast. Du sollst für mich etwas aufs Leihamt tragen.“

Mette lachte hellauf. „Da unterschätzt du mich bedeutend. Das Leihhaus ist eine meiner vertrautesten Kindheitserinnerungen!“

„Aber Mette!“

„Das ist eine lange Geschichte. Das muß ich dir mal erzählen. Aber sag, was du jetzt wolltest!“

„Du sollst das da für mich zum Pfandleiher tragen!“

Olga nahm mit einer raschen Bewegung das Zigarettenetui vom Schreibtisch und reichte es hinüber.

Mette hielt es erschrocken in beiden Händen.

„Olga, das kannst du nicht tun!“

Olga sah aus dem Fenster. „Laß das, bitte!“ sagte sie hart, ohne den Kopf zu wenden. „Ich weiß allein, was ich tun kann, und was ich tun muß!“

Mette schwieg. Auf diesen Ton gab es keine Widerrede. Aber sie war nicht überzeugt. – – –

* * * * *

Mette sah immer noch die zärtliche Geste, mit der Olga das Etui an die Wange gepreßt hatte. Und dann sah sie die behaarte Hand des Pfandleihers mit den platten, schwarzgeränderten Nägeln. Nein, in diese Hände durfte sie den Skorpion nicht legen.

Sie trug das Etui zum Goldarbeiter und ließ es schätzen.

Sie hatte nicht so viel Geld in ihrem Besitz, um den frommen Betrug, den sie vorhatte, ausführen zu können.

Aber sie wußte sich zu helfen. Sie war nicht umsonst Friedel Eggebrechts Schülerin gewesen. Sie wußte so gut, wie man an das Silberzeug herankonnte, und in welchem Kasten das wertvollste war.

Während Mette heimlich an das Büfett ging, dachte sie ein Dutzend Jahre zurück und lächelte. Es war nicht mehr so aufregend wie damals. Obgleich, wenn Tante Emilie es entdeckte, würde es genau dieselben Unannehmlichkeiten geben. Sie war fähig, wieder einen Psychiater zu rufen. Was war es doch im Grunde für eine lächerliche Komödie! In einem Jahr war sie mündig und durfte über ihr großmütterliches Erbe frei verfügen, und heute mußte sie, um sich ein paar hundert Mark zu verschaffen, in ihres Vaters Hause stehlen gehen! – – –

* * * * *

„Willst du so gut sein und mir den Schein geben?“ fragte Olga das nächste Mal.

„Den Schein?!“ Mette wurde ein wenig verlegen und kramte in ihrer Tasche. „Ja, sofort! Wo habe ich ihn denn? Du brauchst keine Angst zu haben, er ist da! Ich will dir nur erst das Geld aufzählen!“

„Das laß, bitte!“ sagte Olga bestimmt. „Das Geld ist da, wo es hingehört. Keine Szenen, bitte. Ich habe dir kein Recht gegeben, mich zu beleidigen.“

„Ich verstehe dich nicht,“ sagte Mette ratlos. „Was soll denn das heißen?“

„Das soll heißen, daß ich mich bedeutend lieber an eine Straßenecke setzen will und betteln, als daß ich dir Geld schuldig sein will. Ich hab’ auch nur deswegen dich zum Leihamt geschickt, damit du das Geld gleich in Händen hast. Sonst hätt’ ich dir’s aufdrängen müssen, und ich hasse solche Szenen. Und jetzt genug davon geredet, ich will kein Wort mehr hören!“

„Aber ...“

„Kein Wort – hab’ ich gesagt. Im übrigen kannst du den Schein behalten. Du kannst es mir wieder einlösen. Ich will lieber nicht sehen, in wessen Händen es war. Ich werde dir gelegentlich das Geld geben –“ sie lachte kurz auf. „Wann, mögen die Götter wissen! Komm, wir wollen eine Partie Schach spielen. Ich gebe dir einen Turm vor.“ – – –

* * * * *

Mette litt unter ihrer Unselbständigkeit. Sie spürte eine Art Neid gegen alle Frauen, die sie arbeiten sah. Nicht nur gegen die, die in der Öffentlichkeit standen, Reichtümer erwarben, laute Anerkennung fanden – sie hätte gern mit einer kleinen, blassen Lehrerin getauscht, die jeden Morgen an ihrem Fenster vorüber nach der Schule hastete. Oder mit ihrer Zahnärztin, die nach ihrer eigenen Aussage jeden Abend müde zum Umfallen war und die dabei doch immer brannte vor Arbeitseifer und Arbeitsfreude.

Mette suchte ihren Vater in seinem Zimmer auf, in der Absicht, eine recht ernsthafte Unterredung mit ihm zu führen. Sie konnte nicht in Tante Emiliens Gegenwart die Rede auf das bringen, was sie beschäftigte.

Mette holte weit aus, um sich ihrem Vater verständlich zu machen.

„... siehst du, Papa, es ist doch heutzutage nicht mehr wie in deiner Jugend, daß die Mädchen aus gutem Hause hübsch still zu sitzen hatten und weiter nichts lernen durften, als Kochen, Plätten und Nähen. Heutzutage ist es eigentlich für ein Mädchen ebenso selbstverständlich wie für einen Jungen, daß er irgendeinen Beruf, irgendein Studium ergreift. Und außerdem, selbst, wenn ich Hausarbeit tun wollte. – Du weißt ja selber, daß ich hier überflüssig bin. Tante Emilie macht alles so musterhaft, nein, Papa, du brauchst nicht aufzufahren, das soll keine Ironie sein, sondern aufrichtige Anerkennung, auch kein Vorwurf; denn ich dränge mich gar nicht danach, die Wirtschaft selber zu besorgen. Nur – ich kann doch nicht mein Leben lang zu Hause sitzen und die Hände in den Schoß legen und warten, ob der Freiersmann kommt. Es würde mir so Freude machen, irgendeine wirkliche Arbeit zu verrichten.“

„Arbeit,“ sagte Franz Rudloff zögernd, „über den Begriff ‚Arbeit‘ gehen die Ansichten sehr weit auseinander. Die meisten Menschen pflegen nur das für Arbeit zu erklären, was ihnen unangenehm ist. Ein schwächlicher Mensch wird Steine tragen für eine Arbeit erklären und ein hartschädeliger: Vokabeln lernen. Es gibt Leute, die das, was ich treibe, für Arbeit erklären. Ich nenne es einen fortgesetzten, intensiven Genuß. Was verstehst du nun unter Arbeit?“

„Etwas, das bezahlt wird, Papa!“ sagte Mette ernsthaft. „Ich möchte gern Geld verdienen.“

„Geld!“ Franz Rudloff verzog leise das Gesicht wie in Schmerz und Ekel. „Merkwürdig! Wie kommt meine Tochter zu der Sehnsucht nach Geld?! Es schafft ungesunde Zustände, wenn durch Generationen Kapital auf Kapital aufgehäuft wird. Wer kein Geld hat, soll welches zu erwerben trachten, und wer es hat, soll es ausgeben. – Du hast doch nicht nötig, Geld zu verdienen. Versteh’ mich nicht falsch. Ich fände es nicht im mindesten unehrenhaft oder nicht standesgemäß, wenn meine Tochter gegen Bezahlung arbeitete, ich würde dir das gern zugestehen – wenn du es müßtest. Aber das Reizvollste, was das Leben bietet, sind doch nun einmal die brotlosen Künste. Wer soll sich ihnen widmen, wenn nicht der, der auskömmlich zu leben hat? Sollen sie alle vernachlässigt werden, weil auch der Wohlhabende kein anderes Streben hat, als Geld zu verdienen?“

„Du hast vollkommen recht, Papa,“ sagte Mette gequält. „Aber es ist für einen erwachsenen Menschen schrecklich, wenn er um jeden Pfennig bitten muß. Wenn ich ein Paar Handschuhe brauche, dann geht Tante Emilie mit mir und kauft sie. Und wenn ich graue haben möchte, nimmt sie braune. Und wenn ich welche für sechs Mark fünfzig haben möchte, nimmt sie welche für sechs Mark fünfundzwanzig. Und ich darf nichts sagen, weil ich ja tatsächlich nicht imstande bin, mir fünfundzwanzig Pfennige zu verdienen. Das ist doch ein schrecklich beschämendes Gefühl.“

„Aber du hast doch Geld,“ sagte Rudloff eigensinnig. „Wozu willst du etwas verdienen?“

„Ich habe es _nicht_,“ sagte Mette ungeduldig. „Ich höre immer, daß ich reich bin und habe _de facto_ nicht einen Pfennig zur Verfügung.“

„Sei doch froh,“ beharrte Rudloff. „Danke doch Gott, wenn alle deine Bedürfnisse befriedigt werden, ohne daß das Geld durch deine Finger geht. Deine Mutter hat sich immer geweigert, Geld anzufassen. Aber wenn du gern –“ er räusperte sich verlegen – „wenn du gern etwas nach deinem Geschmack auswählen möchtest, so verstehe ich das ja vollkommen.“ (Das verstand er wirklich.) „Du kannst ja dann in Geschäfte gehen, wo man mich kennt und kannst die Rechnungen ins Haus schicken lassen. Solange sich das in vernünftigen Grenzen hält, wird ja kein Mensch etwas dagegen haben.“

„Und was soll ich mit meiner freien Zeit anfangen?“ fragte Mette unüberzeugt.

„Lernen, studieren! Nimm Unterricht in fremden Sprachen! Höre Vorträge über Literatur und Kunstgeschichte! Da bist du meiner Unterstützung immer sicher. Zu diesem Zweck kannst du auch meine Börse in Anspruch nehmen, soviel es dir beliebt. Das weißt du!“ – – –

* * * * *

Herbstlicher Regen prasselte auf das Blech der Fenstersimse.

Olga hatte die Vorhänge zugezogen und zusammengesteckt. In dem sanften Lichtkreis der buntverschleierten Lampe schwebte und wallte der bläuliche Nebel der Zigaretten.

Olga lag auf dem Diwan, bäuchlings, die Ellbogen in einen Berg zerdrückter Seidenkissen gestützt. Im Sessel kauerte Mette mit hochgezogenen Füßen, und auf dem Schreibtischstuhl hockte Peterchen.

„Ja,“ sagte Mette trübselig. „Ich hatte so schöne Pläne und nun wird wieder nichts daraus. Ich wollte so gerne irgendeinen Beruf ergreifen und Geld verdienen. Aber mein Vater sagt, ich hätte genug.“

„Sei doch froh,“ sagte Olga. „Es gibt nichts Angenehmeres, als Geld zu haben und es auszugeben. Und nichts Widerlicheres, als es zu brauchen und nicht zu haben.“

„Ich hab’ es doch aber nicht!“ widersprach Mette. „Das ist’s ja eben! In der Theorie hab’ ich es! In der Praxis brauch’ ich es und hab’ es nicht!“

„Du brauchst es!“ sagte Olga entrüstet. „Lächerlich! Wozu denn? Um mir Orchideen mitzubringen. Wenn ich Tante Emilie wäre, ich würde dir ja dein Taschengeld entziehen. Wenn _ich_ noch auf solche phantastische Ideen käme. Geld zu verdienen, mein’ ich. Geld verdienen zu wollen, wenn wir uns korrekt ausdrücken wollen.“

„Du hättest es sicher leicht!“ sagte Peterchen. „Du mit deinen eminenten Begabungen!“

„Ja,“ sagte Olga ironisch. „Es fehlen mir bloß die Leute, die meine Begabung anerkennen. Ich könnte mich bei einem großen Modeatelier engagieren lassen und sagen: ‚Bitte, macht das so und macht das so!‘ Aber man darf mich nicht zwingen, jemals eine Nadel anzurühren. Ich könnte auch zu einem Bildhauer oder Maler gehen und ihm sagen, wie er’s machen müßte. Oder ich könnte Theaterkritiker werden.“

„Du könntest schreiben,“ sagte Peterchen. „Du hast sicher Talent dafür.“

„Weißt du, was ich schreiben möchte?“ Olga fuhr mit einem Ruck in die Höhe, „die Geschichte der Fürstin von Massa, die das Volk liebte; denn ich glaube nicht, daß sie aus feiger Angst den Fürsten bewog ... Kennst du sie? Es ist eine grauenhafte und wundervolle Geschichte:

Masaniello war tot. Aber der Aufstand in Neapel tobte weiter. Von Madrid aus schickte man den Don Juan d’Austria mit einer Flotte ab. Das Volk war führerlos, ein Ungeheuer ohne Kopf. Die Massen brauchten einen Führer, sie schrien nach ihm – sie zogen vor den Palast des Fürsten von Massa und riefen nach ihm.

Francesco Toraldo, der Fürst von Massa, war ein kühner und gerader und gerechter Mann. Er war sicher dem König und der Regierung ergeben; denn als die Unruhen anfingen, hatte er die Truppen des Vizekönigs angeführt, hatte Castelnuovo und Castel Sant Elmo verteidigt. Er liebte das Volk nicht. Aber er liebte seine schöne Frau. Und die Fürstin liebte das Volk. Sie bat ihren Gatten – ihren Gatten, den sie anbetete – die Führerschaft der Massen zu übernehmen.

Sie liebte das Volk. Und sie fühlte sich von dem Volke geliebt. Wenn sie durch die Straßen fuhr, drängten sich die jauchzenden Kinder um ihren Wagen, und die Frauen hoben ihr die Säuglinge entgegen, und die Männer neigten sich tief und sahen ihr lächelnd nach.

Aber sie liebte auch die Fürsten und Edlen – sie liebte Giuseppe Carafa, den sie ermordet hatten, und Diomede Carafa, der geflohen war, und dessen herrlicher Palast eine wüste Trümmerstätte war. Sie liebte alles und alle, glaube ich – weil sie Francesco Toraldo liebte, und weil sie glücklich war.

Sie glaubte so unerschütterlich an Gott und an das Gute im Menschen. Sie hatte so unendliches Mitleid mit dem armen Volk, das von Gaunern und Wahnsinnigen in die Irre geführt wurde – sie hatte so felsenfestes Vertrauen auf die starken Hände Francescos, die die Zügel aufnehmen sollten, die am Boden schleiften, so felsenfestes Vertrauen, daß keinem, keinem mehr ein Unrecht geschehen könne, wenn nur Toraldo hinausträte unter die aufjauchzenden Massen und sagte:

‚Folget mir nach!‘

Francesco Toraldo übernimmt den Oberbefehl über die Aufständischen. Gezwungen, gegen sein innerstes Gefühl. Aber da er ihre Sache nun einmal zu seiner eigenen gemacht hat, setzt er sich auch mit ganzer Kraft für sie ein – wie es für seine gerade und ehrenhafte Natur selbstverständlich ist.

Irgendeinem Schlächterburschen, der lieber morden will als Krieg führen, lieber plündern, als für geringen Sold arbeiten, ist Toraldo im Wege. Er beschuldigt ihn des geheimen Einverständnisses mit Don Juan und den königlichen Truppen.

Der Pöbel, ohne ihm auch nur eine Stunde Zeit zu lassen, daß er sich rechtfertigen könnte, schleppt den vergötterten Führer auf den Fischmarkt, schlägt ihm auf einer Steinbank den Kopf ab, reißt ihm das Herz aus dem Leibe und trägt es auf silberner Schüssel nach dem Kloster, wo die Fürstin von Massa Zuflucht genommen hat. Die zitternden Nonnen verrammeln die Türen. Die rasenden Horden häufen Stroh und Holz um das Kloster und beginnen es anzuzünden.

Da geht die schöne Fürstin von Massa durch die jammernden Nonnen hindurch und läßt sich die Tore aufriegeln und tritt hinaus und steht auf den Stufen und nimmt aus den Händen der Mörder auf silberner Schüssel das Herz des Francesco, noch dampfend von der Wärme seines Lebens.

Und keiner wagt, sie anzurühren.

Aber den Körper des Francesco Toraldo hängen sie an einen Galgen, und sein blutiges Haupt tragen sie auf einer Pike durch die Straßen der Stadt.

Nach zwei Tagen wissen sie es alle, daß er niemals daran gedacht hat, sie zu verraten.

Sie schneiden den Leichnam vom Galgen und waschen ihn und salben ihn und hüllen ihn in kostbare Seide. Mit schwarzen Floren bedecken sie die Trommeln, mit schwarzen Floren umwinden sie die Kerzen, sie schleifen die Fahnen und Standarten am Boden hin. Weinend und Gebete murmelnd, folgt das ganze Volk von Neapel dem Sarge, und über der ganzen Stadt hallen unablässig die klagenden Glocken.“ –

Sie schwiegen alle drei.

Nach einer ganzen Weile sagte Peterchen nachdenklich:

„Weißt du, Olga, es wäre ein wundervoller Vorwurf für eine Tragödie. Die Szene im Palast zwischen dem Fürsten und der Fürstin, wenn die Menge draußen nach ihm schreit, und sie ihn überredet ... und die Szene mit den Nonnen ...“

„Schreib’ sie!“ sagte Olga kurz.

„Nein, du sollst sie schreiben!“ wehrte sich Peterchen. „Ich kann doch nicht!“