Part 8
„Ich kann auch nicht,“ sagte Olga schwermütig, „ich empfinde es als so stark, daß man kein Wort hinzuzusetzen braucht. Solche Dinge sind immer am schönsten, wie sie in jeder Chronik stehen. Ich bin nicht für die Kunst geboren. Ich könnte mich auch nicht hinsetzen und einen Wald abmalen, der nicht rauscht, oder eine Wiese, die nicht duftet. Ich glaube, Künstler sein, heißt: respektlos sein. Sich einbilden, daß man es besser machen könnte als das Schicksal oder die Natur oder die Geschichte. Wenn mir irgend etwas begegnet, was nach der Meinung anderer Leute wert wäre, beschrieben oder abgemalt oder sonst wie bearbeitet zu werden – ich weiß nicht – ich habe weder den Mut noch das Verlangen, da hineinzupfuschen. Es ist mir einfach zu schade dazu.“ – – –
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„Weißt du?“ sagte Olga das nächstemal, „ich hab’ eine Idee! Meinst du nicht, Mette, ich könnte Sprachunterricht geben? Jeden Tag fünf Stunden à 2 Mark sind 10 Mark, davon müßte man doch eigentlich leben können, wenn man sich sehr einrichtet.“
„Eine reizende Idee!“ sagte Mette entrüstet. „Erstens sehe ich dich von zehn Mark täglich leben, und zweitens hab’ ich dann überhaupt gar nichts mehr von dir!“
„Darüber kannst du dich allerdings beklagen!“ sagte Olga lachend, „du bist ja auch nur jeden Tag, den Gott werden läßt, von morgens bis mittags und von nachmittags bis abends mit mir zusammen.“
„Wenn es dir zuviel ist,“ – Mette war ernstlich etwas gekränkt – „dann brauchst du es ja nur zu sagen.“
„Hab’ keine Angst,“ sagte Olga beruhigend, „ich kann mich wehren. Wenn ich einen Menschen los sein will, werd’ ich deutlich!“
„Gott sei Dank! Wenn ich mich darauf verlassen kann. Aber jetzt habe ich wirklich eine Idee: wir werden das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Du kannst _mir_ die fünf Stunden täglich Unterricht in fremden Sprachen erteilen, und ich werde mir von meinem Vater das Geld dafür geben lassen – auf seinen eigensten Wunsch.“ – – –
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Es ging nicht ganz so glatt, wie Mette es sich gedacht hatte. Tante Emilie suchte die Sprachlehrer selber aus – ein paar sehr würdevolle ältere Damen – ein vierundsechzigjähriger Professor schien ihr schon bedenklich, weil er unverheiratet war, und sie ging selber mit Metten hin und meldete ihre Nichte an.
Dadurch hatte Mette nachher die peinliche Aufgabe, den Unterricht wieder abzusagen.
Wenigstens hatte sie es erreicht, daß der Vater ihr das Stundengeld übergab und nicht – wie er wollte – es per Postscheck zahlte oder durch die Bank überweisen ließ.
Olga nahm es sehr genau mit den Stunden. Sie hielt sie mit gewissenhaftester Pünktlichkeit ein und gab sich streng und pedantisch als Lehrerin. Mette lernte mit Feuereifer, um ihre Ansprüche zu erfüllen.
Soweit ging alles wie geplant, nur daß Olga nicht daran dachte, sich einzurichten und von dem Stundengeld zu leben.
Es kamen so wundervolle, durchsonnte Oktobertage. Und es machte so unbändiges Vergnügen, im offenen Auto durch den flammenden Wald zu jagen, nach Wannsee oder die Heerstraße hinunter, irgendwo an die breite blaue Havel.
Natürlich sahen sie ein, daß sie sich das eigentlich nicht leisten durften, das heißt, Olga sah es ein, und wenn sie wieder Waldsehnsucht hatten, fuhren sie mit dem Vorortzug dritter Klasse, um zu sparen, und ließen sich in der denkbar schlechtesten Luft geduldig schieben und drücken.
Aber am anderen Tag hatten sie einen unbezwinglichen Hunger nach Musik, und in der Oper gab es „Tristan“ und natürlich nur noch die teuersten Plätze. Auf solche Weise ließen sich nicht gut Ersparnisse machen. – – –
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Sie fuhren am frühen Nachmittag nach Wannsee. Weil es ja eigentlich „Stunde“ sein sollte, sprachen sie in der Bahn Italienisch miteinander, im gedämpften Ton. – Es war vielleicht deswegen, daß der Herr in dem braunen Überzieher ihnen gegenüber immer über den Rand seiner Zeitung schielte und sich augenscheinlich bemühte, ein Wort von ihrer Unterhaltung aufzufangen.
Metten machte das Spaß. Sie empfand einen geradezu kindischen Stolz, wenn sie bemerkte – was oft geschah – daß Olga beobachtet wurde. Sie nahm es keinem Menschen übel, wenn er ihre schöne Freundin in der ungezogensten Weise anstarrte. Sie hätte manchmal direkt sagen mögen: „Ja, seht sie euch nur an! Ist sie nicht schön? Und das darf ich alle Tage sehen, alle Tage!“
Und dann betrachtete sie sie wieder, als sähe sie sie zum erstenmal, und die reinen edlen Linien ihres Profils, die lässig-anmutigen Bewegungen ihrer königlichen und doch geschmeidigen Gestalt, der bezaubernde Klang ihrer tiefen Stimme – alles erfüllte sie immer wieder mit einem Entzücken, das an Andacht und Rührung grenzte. – – –
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Sie bummelten durch die Straßen, bewunderten die Gärten in ihren wunderbar leuchtenden Herbstfarben und suchten sich eine Villa aus. Das taten sie oft auf ihren Spaziergängen.
Und wenn sie ein Haus gefunden hatten, das ihnen gefiel – aber auch der Garten mußte danach sein, und die Garage und die Spitzengardinen an den Fenstern – dann konnte es Olga plötzlich einfallen zu sagen, daß sie eigentlich noch eine Abendgesellschaft größeren Stils geben müßten – vor ihrer Abreise nach Kairo – und Mette sollte doch mit Schmidt telephonieren, der Blumen wegen, und dann kam eine lange Beratung, in welcher Farbe sie diesmal den Tafelschmuck nehmen sollten. – Und sie einigten sich auf blaßlila Treibhausflieder und Orchideen und was es sonst noch in der Farbe gab. Aber dann konnten sie nicht das Sèvres-Porzellan nehmen; denn das Kobaltblau vertrug sich nicht mit hellila – und ob sie das Essen bestellen oder alles im Hause machen ließen? Ob sie sich vom Grafen Oriola seinen französischen Koch ausleihen sollen? Dann wurde die Speisenfolge beraten und die Weine dazu. Aber das hübscheste war immer die Liste der Gäste aufzusetzen und Tischordnung zu machen.
Gerhart Hauptmann sollte Julia Culp zu Tisch führen.
„Nein, er muß _dich_ doch führen,“ bestimmte Mette. „Du bist doch die Hausfrau!“
„Ich?“ sagte Olga. „Nein, das bist du doch!“
Sie standen vor einem breiten schmiedeeisernen Portal und sahen in einen wunderschönen Garten.
„Schade,“ sagte Olga mit einem bewundernden Blick auf die breite Terrasse, „es ist schon zu spät, um im Freien decken zu lassen. Aber nächstes Jahr müssen wir in einer Juninacht ein Gartenfest geben – hier auf der Terrasse essen – und plötzlich erscheinen auf dem Wasser lauter kleine Barken, ganz, ganz voll Rosen, jede mit einer bunten Lampe, und alle Gäste steigen in die Boote, immer zwei, und fahren hinaus, wohin sie wollen, auf das weite, dunkle Wasser ...“
„Und mit wem möchtest du mir davonfahren?“ fragte Mette mißtrauisch.
Olga stampfte mit dem Fuß auf. „So seid ihr nun!“ sagte sie mit Empörung flammenden Augen. „Willst du dir jetzt vielleicht den Tag verderben, weil ich dir davonfahren könnte, wenn wir in dieser Villa ein Gartenfest geben. Wenn man sich schon etwas Unsinniges ausdenkt, dann muß es doch wenigstens etwas Schönes sein.“
Ein Herr in braunem Überzieher streifte sehr dicht an ihnen vorüber und sah sich in einiger Entfernung mit einer merkwürdig vorsichtigen Geste nach ihnen um.
„Das war der Mann aus der Bahn,“ sagte Mette. „Der hält dich für eine schöne Römerin und möchte für sein Leben gern mit dir anbandeln. Ich glaube, ich werde diskret sein und mich zurückziehen.“
Olga fuhr bei Mettes ersten Worten zusammen.
„Wir wollen umkehren!“ sagte sie hastig. „Trinken wir oben bei Schultheiß Kaffee. Der geht jetzt sicher nach dem schwedischen Pavillon, und ich habe keine Lust, ihm nachzulaufen.“
Mette lachte hell auf. „Meinetwegen kannst du! So hab’ ich mir den nicht vorgestellt, mit dem du mir davongehst! Einen so perversen Geschmack hätt’ ich dir nicht zugetraut! Aber da du so vor ihm fliehst, scheint es gefährlich.“
Olga antwortete mit keinem Wort, mit keinem Lächeln auf Mettens Neckereien. Sie preßte die Lippen aufeinander, zog die Brauen zusammen und ging so rasch, ein wenig vornüber geneigt, den Kopf gesenkt, die Schultern hochgezogen, als liefe sie vor einer unsichtbaren Peitsche.
Sie saßen oben beim Schultheiß und tranken ihren Kaffee. Aber Olgas gute Laune schien verflogen. Sie saß da, beide Hände in den Jackentaschen vergraben, als ob sie fröre und war zerstreut und einsilbig.
Sie hatte sich eben mit einem: „Du entschuldigst, ich _muß_ rauchen“, eine Zigarette angezündet, als Mette den Herrn im braunen Überzieher in den Garten treten sah. Er stand einen Augenblick still, ließ einen prüfenden Blick über alle Tische gleiten, ging dann in entgegengesetzter Richtung, um nach einem weiten Bogen plötzlich wieder in ihrer Nähe aufzutauchen und, zwei, drei Tische von ihnen entfernt, Platz zu nehmen.
Metten erschien das sehr komisch.
„Der Mann aus der Bahn!“ frohlockte sie laut. „Jetzt ist es klar, Olga, du hast es ihm angetan.“
„Schweig’!“ sagte Olga hart. Und dann, als sie Mettens bestürztes Gesicht sah – wie mühsam gebändigt, mit schwergehendem Atem: „Er kann dich ja hören, Kind!“
Sie nahm die eben angerauchte Zigarette mit einer zornigen Bewegung aus dem Mundwinkel, preßte die Brandfläche gegen den Teller und drehte und drückte so lange mit nervösen Fingern daran herum, bis der Tabak aus dem zerrissenen Papier rieselte.
Mette fühlte, daß irgend etwas vorging, was sie nicht verstand. Eine dumpfe Beklommenheit schien plötzlich in der Luft zu liegen, teilte sich ihr mit und machte sie angstvoll und unsicher.
Nach einer kleinen Weile stand Olga auf. Mette griff nach ihrem Hut, der neben ihr auf dem Stuhl lag.
„Nein, laß!“ sagte Olga sehr bestimmt und lauter, als es sonst ihre Art war. Sie haßte es, in öffentlichen Lokalen, auf der Straße, in der Bahn so laut zu sprechen, daß auch nur der nächste Nachbar sie verstehen konnte. „Wir bleiben doch noch. Ich will nur eben telephonieren. Ich bin gleich wieder da.“
Mette wartete geduldig. Olga kam nicht wieder.
Schließlich fing sie an, sich zu ängstigen. Wenn ihr schlecht geworden wäre? Sie sah sie schon irgendwo hilflos, ohnmächtig liegen.
Sie lief ins Haus. Am Telephon war sie nicht. Wie sie sich suchend umsah, kam der Kellner, der sie bedient hatte, hinter ihr her. Sie suche wohl die andere Dame? Die hätte gezahlt und wäre gegangen – aber sie hätte einen Zettel am Büfett hinterlassen.
Mette holte sich den Zettel. Ja, die Dame hätte telephoniert und hätte nach dem nächsten Zug gefragt und wäre sehr eilig fortgegangen. Sie hätte nur noch dies hier aufgeschrieben. Der Kellner hätte es hinausbringen wollen, aber sie hätte gesagt, es wäre nicht nötig, die Dame würde es sich schon holen.
Mette dankte und lächelte und tat, als ob das alles die natürlichste Sache von der Welt wäre und wunderte sich, wie gut sie ihre Angst und Aufregung beherrschen konnte.
Sie ging erst ein paar Schritte weiter, ehe sie die verschlossene Hülle aufriß. Auf dem Bogen standen nur wenige Worte.
„Sei nicht bös, ich mußte fort. Wenn du kannst, komm abends zu mir. Aber nicht direkt, fahr erst nach Hause.“
Mette faltete das Blatt zusammen und schob es mechanisch in die Tasche. Sie ging langsam und mit schweren Füßen wieder durch den Garten und an ihren Platz.
Sie versuchte, sich von ihren Gedanken und Empfindungen Rechenschaft zu geben.
Sie wäre froh gewesen, wenn sie Olgas rätselvolles Betragen als Laune, als Rücksichtslosigkeit hätte nehmen können und sich einfach darüber ärgern und entrüsten.
Aber sie fühlte, daß ein Mehr dahinter war. Irgend etwas Dunkles, Drohendes, wovon sie nichts wußte. Mit wem hatte Olga gesprochen? Wer hatte sie so dringend fortgerufen?
Für sie war Olga Radó das Leben, das wußte Mette. Alles andere war eine dumpfe Qual oder Vorfreude auf die Stunden, die sie mit ihr zusammen sein durfte, oder Erinnerung an die Stunden, die sie mit ihr verbracht hatte.
Aber was war sie für Olga?
Irgendein Nebenher, ein beiläufiger Zeitvertreib, eine Episode eines reichen, bunten, starken Lebens, eine gehorsame kleine Sklavin, ein Haustierchen, das man verhätschelt, ein bequemes Etwas, das man rufen und fortschicken kann, und das noch nicht einmal fragen durfte, _warum_ es gerufen oder fortgeschickt wurde. Nichts wußte sie davon, nichts, was eigentlich dieses Leben erfüllte, was ihm Inhalt gab, nichts wußte sie von den Menschen, die für Olga Schicksal waren, die _ihr_ den Mut zum Leben gaben, den sie von ihr empfing – nichts wußte sie von dem, der sie jetzt fortgerufen hatte, dem sie folgte, ohne daran zu denken, daß sie der armen kleinen Mette den Tag zerstörte, auf den sie sich so gefreut.
Mette konnte sich nicht zum Heimweg entschließen. Sie trug ihren Hut in der Hand und ging in tiefen und traurigen Gedanken an den Ufern des Sees entlang.
Erst die plötzlich einfallende Dämmerung weckte sie auf und trieb sie nun in Hast dem Bahnhof zu.
Im Moment, als sie im Begriff war, auf dem Bahnsteig eine Wagentür des einfahrenden Zuges zu öffnen, fühlte sie einen Blick, der sie zwang, sich umzuwenden.
Sie sah in das völlig ausdruckslose Gesicht des Mannes in dem braunen Überzieher. Er öffnete die Tür zum Nebenabteil und stieg in den Zug.
Mette erschrak tödlich und wußte nicht warum. Dieser Mann lief nicht hinter ihr her, weil er Gefallen an ihr fand. Das wußte sie deutlich. War es Zufall? Was in aller Welt konnte es sonst für einen Zweck haben? Plötzlich faßte sie ein unerklärliches Grauen. Er hatte so ein merkwürdig leeres Gesicht und einen starren und dabei doch scheuen Blick. Vielleicht war es ein Irrsinniger. Einer, der irgendwo entsprungen war.
Am Bahnhof Zoo bemühte sie sich, unter der drängenden Menschenmenge sich zu verstecken. Aber sie fühlte den Fremden unentwegt hinter sich. Ihr schien es, als klammerte sich seine Hand in der Manteltasche um einen Revolver oder um ein Stilett. In jedem Augenblick konnte das blitzende Eisen oder die Kugel sie in den Rücken treffen. Sie fühlte schon den scharfen Schmerz zwischen den Schulterblättern und preßte unwillkürlich die Rückenmuskeln zusammen.
Während sie die dämmerigen Straßen hinunterjagte, wagte sie nicht, sich umzusehen. Erst, als sie das Haus aufschloß, spähte sie die Straße hinunter. Er war natürlich nicht gefolgt. Es war alles eine lächerliche Einbildung.
Als sie innen im Treppenflur stand, warf sie noch einen Blick durch die Glasscheibe der Tür.
Auf der anderen Seite der Straße, das Haus von oben bis unten aufmerksam betrachtend, ging der Mann in dem braunen Überzieher. – – –
* * * * *
Die Tischunterhaltung quälte sich mühsam hin.
Als Mette mit Essen fertig war, sagte sie (sie hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich mit allen Sachen ausdrücklich an ihren Vater zu wenden):
„Du erlaubst doch, Papa, daß ich noch eine Stunde zu meiner Freundin gehe? Ich bin um zehn wieder hier.“
Da geschah etwas Seltsames. Franz Rudloff legte eine zur Faust geballte Hand auf den Tisch, richtete den Oberkörper ein wenig aus seiner zusammengesunkenen Haltung auf und sagte:
„Mette!“ ... so, als wenn er zu einer längeren Rede ansetzen wollte.
Da traf ihn ein Blick von Tante Emilie. Mette fühlte diesen Blick die Luft durchschneiden und fing ihn noch auf. Es war ein kurzer und scharfer Blick, befehlend und fast erschrocken, ein Blick, der unzweideutig hieß: „Schweig!“
Franz Rudloff fiel wieder in sich zusammen, schlug die Augen nieder, rollte seinen silbernen Serviettenring hin und her und sagte:
„Gewiß, ... also ja ... wenn du meinst ... schön!“
Mette fühlte, daß auch hier irgendwas vorging, wovon sie nichts wußte. Das verursachte ihr weder Angst noch Schmerz – aber ein peinvolles Unbehagen.
Die Welt war heute fremd und rätselhaft. Sie spürte plötzlich Moorboden unter den Füßen und wußte nicht, wie sie die Schritte setzen sollte. Olga hätte sie heute nicht verlassen dürfen, nicht heute, nicht an diesem Tage.
Eine heiße, schmerzhafte Sehnsucht quoll in ihr auf, wie schon sooft, stark wie ein mühsam unterdrückter Schrei:
„Mutter!“ – – –
* * * * *
Unterwegs waren ihre Gedanken nur noch bei Olga. Was da geschehen sein mochte? Ob sie das wenigstens erfahren würde? Vielleicht war jemand krank? Verunglückt? Jemand, der Olga nahestand. Vielleicht konnte sie sich irgendwie betätigen, helfen. Sie fühlte die Kraft, jede Anwandlung von Eifersucht zu unterdrücken, sich selbst zu vergessen und hintanzusetzen, wenn man sie nur teilnehmen ließ an dem, was geschah und nicht alle Türen vor ihr zuschlug. Das hatte sie nicht verdient, es gab so qualvolle Unrast – jeder schneidende Schmerz war zehnmal besser als dieses hilflose Im-Dunkeln-Tappen.
Während Mette die Stufen hinaufstieg, fühlte sie sich irgendwie kampfgerüstet. Sie wollte es Olga sagen, daß sie das nicht mehr ertrug. Ertrug? Nein, daß sie es sich nicht mehr gefallen lassen wollte, daß sie kein dummes Kind sei, das man ohne ein Wort der Erklärung einfach sitzen lassen könne – daß alle diese Dinge sie nervös machten – oh, so nervös! Und daß ihr – bei Gott! – nächstens auch einmal die Galle überlaufen werde!
Olga hatte noch einen Schleier über die Lampe gehängt, so daß eine matte, violette Dämmerung im Zimmer war. Sie lag auf dem Diwan, bis an die Schultern in ihre große Felldecke gewickelt.
Als Mette sich zu ihr setzte, spürte sie, daß sie zitterte wie vor Frost. Da war all der Zorn und Trotz, der noch in dem kalten „Guten Abend“ gelegen hatte, verflogen. Sie legte die Hand auf ihre Stirn:
„Hast du Fieber?“ fragte sie besorgt.
Olga schüttelte nur den Kopf. Es schien, als ob ihr irgend etwas in der Kehle saß, was sie am Sprechen hinderte.
Dann machte sie plötzlich mit einer ungeduldigen Bewegung beide Arme von der Decke frei und griff nach Mettens Händen.
„Du bist mir böse, Kind!“ sagte sie hastig, wie gejagt. „Du hast ja auch allen Grund. Verachtest du mich? Du kannst mich ruhig verachten. Ich bin ja so feige, Mette, so erbärmlich feige! Ach, Kind, du kannst alles von mir verlangen, ich will dich aus einem brennenden Haus holen – dich?! Ach! Einen Hund, ein Spielzeug, an dem dir liegt – ich will durchgehende Pferde aufhalten, ich will – ach, ich weiß nicht, was ich will – aber darin bin ich feige. Ich kann es nicht noch einmal durchmachen in meinem Leben, ich kann es nicht. Du weißt nicht, was ich ausgestanden habe. Ich habe nächtelang dagesessen mit dem geladenen Revolver und habe gesagt: Tu’s, tu’s, damit nicht wieder so ein Tag kommt ... und dann war das Leben wieder so wahnsinnig schön, und ich hab’s nicht getan. Dann bin ich stundenlang in der Galerie herumgelaufen und habe vor allen Bildern gestanden und gestarrt und nichts gesehen. Und immer den Blick in meinem Rücken gefühlt. Dann bin ich nach Mödling hinausgefahren, wie ich eingestiegen bin, der Mann hinter mir, wie ich ausgestiegen bin, der Mann hinter mir – ach, ich weiß, einmal bin ich in meiner Verzweiflung in ein fremdes Haus hineingelaufen, alle Treppen hinauf, und hab’ immer gedacht, ich will klingeln und die Menschen bitten, sie sollen mich um Gottes und aller Heiligen willen eine Stunde in ihrer Wohnung behalten. Oder ich wollte ihnen etwas erzählen von irgendwelchen Leuten, die sie grüßen lassen – die mich hinschicken – und dann dacht ich, sie halten mich sicher für geisteskrank oder für eine Schwerverbrecherin und lassen mich erst recht festnehmen. Und dann bin ich bis auf den Boden gelaufen und bin da oben herumgeirrt und habe geheult wie ein kleines Kind. Und wie ich mich endlich hinuntergetraut habe, stand der Kerl immer noch da und starrte auf die Haustür. O Mette, in der Zeit hab’ ich immer die ganzen Nächte das Licht brennen lassen, weil ich im Dunkeln überall das Gesicht gesehen habe.“
Mette hielt Olgas eiskalte, unruhige Hände in den ihren fest.
„Wessen Gesicht?“ fragte sie leise und verwirrt, als Olga schwieg. „Ich verstehe dich nicht, Liebes.“
„Das ist gut, Kind!“ sagte Olga. „Das ist ja so gut! Sonst hätt’ ich dich ja auch nicht allein gelassen. Aber dir konnte ja nichts geschehen. Dir konnte ja gar nichts geschehen! Bist du nach Hause gegangen? Ja? Wann? Gleich? War er noch da? Hat er dich nach Hause gehen sehen?“
Nun fiel Metten die Erinnerung an den Heimweg wieder wie eine Last aufs Herz. Die Erinnerung an den Heimweg, die Erinnerung an den verdorbenen Tag.
Sie ließ Olgas Hände los.
„Vielleicht darf ich auch mal fragen,“ sagte sie, „ich bin doch schließlich kein kleines Kind, das einfach alles hinnehmen muß und dem man sagen kann: das verstehst du nicht. Ich hab’ es bis _dahin_ satt, mich ewig von Geheimnissen umgeben zu fühlen. _Was_ hätte mir geschehen sollen? Was hat es für eine Bewandtnis mit diesem Mann? Kennst du ihn persönlich? Aus Wien? Und woher? Ich meine, was hast du für Beziehungen zu ihm?“
Mette wunderte sich selbst, woher sie die Kühnheit hatte, in einem so strengen und schulmeisterlichen Ton zu reden.
„Unsinn!“ sagte Olga mit einem nervösen Lachen. „Doch nicht _den_! Das ist doch nicht derselbe!“
„Nicht derselbe?!“ sagte Mette beinah ärgerlich, mit hochgezogenen Brauen. „Was heißt das wieder? Wer nicht derselbe? Nicht derselbe was?“
„Laß mich doch in Ruh,“ sagte Olga böse, „ich laß mich nicht inquirieren! Du kannst mir ja gleich Daumenschrauben anlegen. Wenn du mich nicht mehr leiden magst, dann geh! Ich halt’ dich nicht! Ich halt’ keinen Menschen! Aber laß mich in Ruh!“
Sie sprach zornig, aber mit einer seltsam vibrierenden Stimme und suchte unter dem Berg von Kissen nach ihrem Taschentuch.
Als sie es gefunden hatte, riß es ihr Mette mit einer halb unwillkürlichen Bewegung aus den Fingern. Der kleine weiße Ballen war fest zusammengedrückt und ganz feucht.
„Hast du geweint?“ fragte Mette in grenzenlosem Erstaunen.
„Darf ich das nicht?“ fragte Olga trotzig zurück, und über ihr Gesicht, das von Blässe fahl schien, flog wieder das dunkle Rot.
„Nein, ich weiß, ich darf mir das nicht leisten. Ich bin hysterisch. Ich bin überspannt. Es ist mir ja _so_ egal, wofür du mich hältst. Wenn mir danach zumute ist, dann wein’ ich eben!“
Sie versuchte umsonst, die zitternden Lippen aufeinander zu pressen. Aus den Augen, deren übergroße Pupille schwarz die ganze Iris überdeckte, stürzten die Tränen und fluteten über die weißen Wangen. Sie versuchte, den Kopf nach der Wand zu drehen. Aber Mette hielt sie fest. Sie wußte selbst nicht, woher ihr der Mut kam.
Nie war Olga ihr gegenüber zärtlich gewesen. Nie hatte Mette es gewagt, zärtlich zu sein.
Aber als sie das schöne blasse Gesicht jetzt vor sich sah, tränenüberströmt, zerwühlt von einem fremden Schmerz, mit den großen, tiefen Augen, die schrien von einer mühsam verborgenen Qual, da quoll das heiße Mitleid in Mettens Herzen über, sie preßte die Lippen auf diese nassen Wangen, die nassen Augen, den armen zitternden Mund.
„Nicht weinen, Süßes,“ bat sie leise, selbst mit den Tränen kämpfend. „Nicht weinen, Liebes, ich frag’ ja nicht mehr, ich will ja nichts wissen. Nur nicht mehr traurig sein. Tu mir an, was du willst, aber weine nicht so! Ich kann dich nicht weinen sehen. Hör’ auf, Liebes, ich bitt’ dich, weine nicht mehr!“
Olga ließ sich zur Ruhe schmeicheln wie ein unglückliches Kind. Sie schloß die zitternden Augenlider und lächelte, während noch die Tropfen über ihr Gesicht rollten. Sie legte den Kopf müde in die Kissen zurück. Durch den ganzen schlanken Körper ging eine Bewegung wie ein erlöstes Sichstrecken.
Sie nahm Mettens Hand und legte sie auf ihre heiße Stirn.
„Gutes!“ sagte sie leise und dankbar. „Mein Gutes!“
Und dann immer noch mit geschlossenen Augen hob sie Mettens willenlose Hand von der Stirn und legte die Innenfläche der kühlen Finger auf ihren Mund. Und hielt sie da mit beiden Händen fest, lange, lange.
Und Mette saß ganz still und fühlte seltsam wehe Lust und süße Traurigkeit und horchte, wie in einem Traum befangen, auf das harte Pochen ihres Blutes. – – –
* * * * *
Die fremden und seltsamen Begebenheiten mehrten sich.