Der Skorpion. Band 1

Part 6

Chapter 63,810 wordsPublic domain

„Willst _du_ so gut sein, Franz,“ begann sie (man könnte vielleicht besser sagen: sie hub an) „und deine Tochter fragen, wohin sie heute nachmittag zu gehen beabsichtigt, und mit wem sie geht? Wenn _ich_ sie frage, so gibt sie mir zur Antwort ‚spazieren – mit Bekannten‘ oder ähnliche Geistreichigkeiten. Also bitte, frag’ du sie selbst. Vielleicht hat sie wenigstens vor dir noch so viel Achtung, daß sie dir die Wahrheit sagt.“

Franz Rudloff rollte seine Serviette zusammen und wieder auseinander, schob sie in den Ring und zog sie wieder heraus und saß in tödlichster Verlegenheit.

„Du weißt doch, liebe Emilie,“ sagte er, ohne aufzusehen, „daß ich dir die Erziehung meiner Tochter übergeben habe, weil ich weiß, daß sie nirgend so gut aufgehoben wäre, als in deinen bewährten Händen. Mette ist dir so gut Gehorsam schuldig wie mir. Du bist im Vollbesitz aller erzieherischen Gewalt ...“

„Gewalt!“ sagte Tante Emilie hohnlachend. „Was soll ich denn machen? Man kann doch einen zwanzigjährigen Menschen nicht schlagen oder einsperren.“

„Nicht gut,“ sagte Mette ruhig, „Gott sei Dank! Aber vielleicht darf ich auch mal eine Frage stellen: Möchtest du vielleicht sagen, warum und wozu du solche Maßregeln anwenden möchtest?!“

„Wozu? Zu deinem besten!“ sagte Tante Emilie in einem Ton, der flammende Empörung ausdrücken sollte. Aber der Ton blieb spitz – es war nur eine Stichflamme. „Warum? Um zu verhindern, daß du vollständig verkommst.“

„Nanu?“ Mette war immer noch mehr belustigt als erregt. „Warum soll ich denn eigentlich total verkommen? Weil ich mit einem jungen Mann spazieren gehe? Ach Gott, der arme kleine Petermann. Hast du ihn vielleicht gesehen? Ich kann ihn dir ja mal vorführen, vielleicht bist du dann beruhigt!“

„Was ist denn das für ein Mann?“ fragte jetzt Franz Rudloff mit gerunzelten Brauen. Es sollte vielleicht energisch und streng klingen. Es klang eher schüchtern.

Mette empfand für ihren Vater ein zärtliches Mitleid, das nicht frei von Verachtung war.

„Ach Gott, Papa,“ sagte sie, „ein netter, intelligenter Mensch. Aber ein armes, krankes, verwachsenes Kerlchen. Wahrhaftig, kein Mann, der der Tugend oder dem Rufe eines jungen Mädchens gefährlich werden könnte.“

„Einem normalen jungen Mädchen vielleicht nicht,“ sagte Tante Emilie, zitternd vor Bosheit. „Leider weiß ich ja nicht, wie weit bei dir die Voraussetzung der Normalität zutrifft. Es gibt ja leider Frauen genug, die sich in krankhafter Geschmacksverirrung zu allem Abstoßenden und Ungesunden hingezogen fühlen. Gerade wie es leider Gottes Frauen gibt, die jedem Neger nachlaufen.“

Mette schob ihren Stuhl zurück, daß er hart den Boden schrammte.

„Du bist ja total irrsinnig!“ sagte sie. Weiter nichts. Dann ging sie mit ihren großen, festen Schritten ins Nebenzimmer ans Telephon und stellte die Verbindung her.

„Kann ich Herrn Petermann sprechen? ... Verzeihen Sie, Peterchen, ich muß Sie heut’ versetzen ... Meine Tante erlaubt nicht, daß ich mit Ihnen spazieren gehe ... ja, es tut mir auch leid – aber da kann man nix machen – meine Tante findet es unschicklich ... nein, nein, klingeln Sie lieber nicht an, das ist vielleicht auch unpassend. Grüß Sie Gott. Lassens sich’s gut gehen!“

Ohne sich umzuwenden, ohne nur einen Blick ins Nebenzimmer zurückzuwerfen, ging sie in ihre Stube und schloß und riegelte sich ein.

Damit hatte der freundschaftliche Verkehr mit Petermann fürs erste ein Ende. – – –

* * * * *

Franz Rudloffs stille und empfindsame Natur litt schwer unter der gespannten Stimmung im Hause. Die Mahlzeiten verliefen in peinlichem Schweigen, jedes gemeinsame Unternehmen, ein Spaziergang, ein Theaterbesuch schien ausgeschlossen.

Er beschloß, einen Frieden zu vermitteln und versuchte, seine Tochter zu einer Bitte um Verzeihung zu bewegen. Er suchte sie zu diesem Zweck, was er selten tat, sogar in ihrem Zimmer auf.

Mette saß mit aufgestütztem Kopf über ihren Büchern. Als ihr Vater eintrat, sprang sie auf und empfing ihn wie einen verehrten Besuch. Sie rückte ihm den bequemsten Sessel zurecht und bot ihm eine Zigarette an.

Er wußte nicht recht, wie er anfangen und einleiten sollte und war voller Verlegenheit.

Mette versuchte, ihm die Lage zu erleichtern, weil es ihr peinlich war zu sehen, wie er sich quälte.

Sie versprach die Bitte um Entschuldigung, sie versprach, bei Tisch Konversation zu machen, sie versprach ein freundliches Gesicht und einen sanften Ton von morgens bis abends.

„Ich verspreche dir, mich zu beherrschen, Vater,“ sagte sie.

Beherrschung! Das war es nicht, was Franz Rudloff verlangte.

„Könntest du nicht versuchen,“ sagte er zaghaft, „innerlich in ein anderes Verhältnis zu Tante Emilie zu kommen? Sie hat wirklich so sehr schätzenswerte Eigenschaften. Es würde ein viel erquicklicheres Familienleben werden, wenn du – ich weiß, Gefühle lassen sich nicht zwingen – aber wenn du wenigstens den _Versuch_ machtest, sie lieb zu haben.“

„Liebhaben!“ wiederholte Mette. Sie sah mit steinern ruhigem Gesicht an ihm vorüber, aus dem Fenster, aber ihr Atem ging rascher. „Ich kann dir eins versprechen: ich habe mich Zeit meines Lebens nur auf das eine gefreut, habe nur auf das eine gewartet, daß sie sterben soll. Ich habe jeden Abend den lieben Gott gebeten, er soll sie bald, bald sterben lassen.“

Franz Rudloff wurde ganz blaß.

„Mette!“ sagte er mit großen Augen.

„Ich verspreche dir, das nicht mehr zu tun!“ sagte Mette mit einem leisen, trüben Lächeln. „Es wäre jetzt auch zu spät. Jetzt bitte ich Gott nur, daß er mich bald einundzwanzig werden läßt. Daß er dies unglückselige Jahr schnell, schnell vorübergehen läßt. Wenn ich mündig bin, wird sich ja irgendein Weg finden lassen. Wenn sie mir’s dann zu bunt treibt, geh’ ich eben aus dem Hause. Wenn’s sein muß, als Kindermädchen. Wenn ich nicht mehr mit ihr zusammen zu sein brauche, soll sie meinetwegen hundert Jahr alt werden. Früher, ich kann dir sagen, früher hätte ich sie manchmal mit Genuß mit eigenen Händen umgebracht.“

Vor Franz Rudloff taten sich klaffende Abgründe auf. Er klammerte sich an den Seitenlehnen des Stuhles fest, so gewaltsam und stoßweise ging sein armes schwächliches Herz.

„Dann allerdings,“ sagte er mühsam, der Atem versagte ihm, „dann allerdings wird wohl meine Bitte auf unfruchtbaren Boden fallen. Dann, dann habe ich dir wohl auch nichts mehr zu sagen.“

Er erhob sich und ging hinaus, schwerfällig wie ein alter Mann.

Mette fühlte einen Moment den Trieb, aufzuspringen, ihn zu halten, ihn wieder zu dem Sessel zurückzuführen. Ob es nicht doch irgendeinen Weg gab, sich zu erklären, eine Möglichkeit, sich verständlich zu machen!?

„Er geht, weil er sich fürchtet,“ dachte sie, „er geht, weil er die Luft in meiner Nähe nicht mehr atmen kann, die Luft, die vergiftet ist mit dem Gift meiner bösen Gedanken. Er fragt sich jetzt verzweifelt, warum er so hart gestraft wird, daß er einer Mörderin das Leben gegeben hat. Wer weiß, womöglich geht er jetzt zu Tante Emilie und fragt sie um Rat, was er mit seiner verlorenen Tochter anfangen soll. Vielleicht konsultieren sie mal wieder einen Irrenarzt. Ich hätte die Absicht geäußert, meine Familie eigenhändig umzubringen. Nein, nein, es hat keinen Zweck, mit Erklärungen anzufangen. Vater versteht mich ja doch nicht.“

Er ging. Und sie ließ ihn gehen, ohne sich zu rühren. – – –

* * * * *

Es vergingen drei Wochen – vier Wochen, fünf Wochen – Olga Radó ließ nichts von sich sehen noch hören.

In ihrer Verzweiflung nahm Mette den lange vernachlässigten Verkehr mit den Möbius-Mädeln wieder auf. Sie quälte sich durch ein paar langweilige Nachmittage hindurch und fand den Mut nicht, nach Olga zu fragen. Und als sie endlich fragte, wußte niemand von ihr.

Aber eines Nachmittags stürmte Emmi ins Zimmer, gerade als Fanni Metten die höchst aufregende Geschichte erzählte, von einem Brief an sie, den ihre Mutter aufgemacht hätte. Mette wurde nicht klug aus der Sache, aber sie hatte es zu einer Art Meisterschaft darin gebracht, an passenden Stellen „Ja?“ „Ach!“ „Wirklich?“ zu sagen, ohne eine Ahnung zu haben, wovon die Rede war; also Emmi stürmte herein, warf ein paar Paketchen, die sie in der Hand trug, auf den Tisch, und rief:

„Also, wißt ihr, Kinder, wen ich eben getroffen habe? Die Olga!“

In Metten kämpften Schmerz und Freude. Also sie war hier! Man hatte die Möglichkeit, sie zu treffen, ganz unvermutet ihr plötzlich gegenüber zu stehen – das war ihr erster Gedanke. Aber ihr zweiter war: „Sie ist hier und sagt es mir nicht. Sie will mich nicht sehen. Sie ist abgereist, ohne es mir zu sagen, sie ist wiedergekommen, ohne es mir zu sagen, sie ist meiner so überdrüssig, daß sie sich Mühe gibt, mich loszuwerden. Was soll ich nur tun? Was soll ich nur tun?“

Zwischen den Schwestern entspann sich ein langes Gespräch über Olga.

„Sie hat Launen,“ sagte Fanni, „eine Zeitlang kommt sie jeden dritten Tag, und dann läßt sie sich ein Vierteljahr nicht sehen.“

„Sie will mich hier nicht treffen!“ dachte Mette bitter, „darum kommt sie nicht hierher.“

„Sie war doch so lange verreist,“ sagte Emmi entschuldigend.

„Ach, und vorher?“ fragte Fanni. „Das Vierteljahr vor der Reise? Hat sie sich da vielleicht um uns gekümmert? Da hatte sie ja auch keine Zeit!“

„Aber für mich,“ dachte Mette mit schmerzlichem Stolz, „oh, für mich hatte sie Zeit – jeden Tag, jeden Tag –.“

„Du kommst mir vor wie Tante Sophie,“ sagte Emmi und bemühte sich, ihr Puppengesichtchen zu verrenken, um der Tante nachzumachen. „Diese Olga ist eine ganz gefährliche Person. Sie spielt mit Menschen wie mit Puppen. Wenn sie sie satt hat, wirft sie sie beiseite. Und dabei ist sie faszinierend, ich gebe es zu, sie ist faszinierend!“

„Ja,“ dachte Mette, „diese Tante Sophie mag sonst so idiotisch wie möglich sein. Aber sie hat recht. _Darin_ hat sie recht. Sie _ist_ faszinierend. Oh, so faszinierend! Und sie hat mich beiseite geworfen. Für immer! Für ewig! Was _soll_ ich nur tun? Was _kann_ ich nur tun?“ – – –

* * * * *

Mette grübelte Tage und Nächte nach einem Ausweg. Sie fühlte, daß sie es nicht aushalten würde, sich an ihren Stolz zu klammern und zu sagen: Sie mag mich nicht, also existiert sie nicht mehr für mich. Sie sagte es sich, gewiß, nicht einmal, hundertmal. Aber ein viel stärkeres Gefühl sagte ihr: es sind Mißverständnisse, die uns trennen, es sind Hindernisse, die sich mit einem offenen Wort beseitigen lassen. Ich _muß_ sie sprechen, ich _muß_ sie fragen. Sie hat Mut genug und Härte genug, um mir die Wahrheit zu sagen. Ich will es ihr leicht machen. Ich will sie so fragen, daß sie es mir sagen kann, daß sie es mir sagen muß. Und wenn sie sagt: geh und komm nie wieder, dann will ich gehen und nie wiederkommen, dann will ich versuchen, mein Leben irgendwie ohne sie einzurichten, dann will ich stolz sein, aber dann erst! Erst dann!

Mette kaufte eine Handvoll weißer Rosen von eigentümlich steifer und schwermütiger Schönheit und ging hinauf zu Olga.

Das Mädchen, das ihr aufmachte, empfing sie mit strahlender Freude.

„Gnädiges Fräulein sind ja so lange nicht hier gewesen! Fräulein Radó ist hinten in ihrem Zimmer. Fräulein weiß ja Bescheid!“

Es erschien Metten unmöglich, sich durch das Mädchen melden zu lassen. Wenn Olga sich etwa verleugnen ließe, so konnte das eine unendlich peinvolle Situation herbeiführen. Wenn Olga nicht in der Laune war, sie zu sehen, so war es schon am besten, sich das ins Gesicht sagen zu lassen und nicht durch Vermittlung des Mädchens zu erfahren.

Sie schritt sehr rasch und fest den endlosen Türgang hinunter. Aber das Herz klopfte ihr doch ein wenig schneller dabei.

Sie pochte kurz an die Tür und drückte die Klinke nieder.

Olga saß am Schreibtisch, wie sie immer zu sitzen pflegte: die eine Hand auf dem aufgeschlagenen Buch, die Schläfe gegen den Ballen der anderen gestützt, zwischen deren Fingern sie die Zigarette hielt.

Als die Tür ging, wandte sie den Kopf ein wenig unwillig, mit zusammengezogenen Brauen. Das Erkennen lief wie ein heller Schein über ihr Gesicht.

„Mette!“ sagte sie. „Bist du wieder da? Wo kommst du her? Was willst du hier?“

Mette riß das Papier von den Blumen, warf es in den Papierkorb und legte die Rosen auf den Schreibtisch.

„Was ich will?“ sagte sie währenddessen, ohne die Augen von ihrer Beschäftigung aufzuheben. „Dich besuchen. Sehen, wie es dir geht. Aber wenn es dir nicht paßt, kann ich ja wieder gehen.“

„Nein!“ Olga streckte mit einer raschen und fast heftigen Bewegung die Hand nach ihr aus. Mette legte ihre Finger hinein, die Olga fest umschloß. „Aber – gerufen habe ich dich nicht!“

Sie sah zu Metten auf, mit dem seltsam zwingenden und fast drohenden Ausdruck in Stirn und Augen.

„Ich weiß es,“ sagte Mette mit einem bitteren Lächeln. „Es wäre dir auch nicht eingefallen, mich zu rufen. Ich habe selber das Gefühl, daß ich aufdringlich bin. Du brauchst es mir gar nicht so deutlich zu sagen.“

Sie wollte ihre Hand zurückziehen, aber Olga hielt sie fest und lächelte.

„Kind,“ sagte sie, „Mädelchen! Ich freue mich doch! Mehr als du annimmst. Ich glaube, wenn du wüßtest, wie ich mich freue – dann würdest du ganz eingebildet werden. Aber gerufen habe ich dich doch nicht.“

„Ja,“ sagte Mette beinah ungeduldig, „ich weiß nicht, warum du solches Gewicht auf diese Feststellung legst.“

„Aber ich weiß es,“ sagte Olga ruhig. „Du sollst mir niemals vorwerfen können, ich wäre egoistisch gewesen.“

„So,“ sagte Mette, „das ist ja heiter. Damit dich nicht irgendwann ein Vorwurf treffen kann – ich wüßte nebenbei nicht wann – darum läßt du mich sterben und verderben und kümmerst dich nicht um mich! Oh, bist du egoistisch!“

Olga lachte. „Ich geb’ es auf. Es kommt ja doch alles auf mich. So oder so. Also tragen wir, was wir tragen können, solange wir aufrecht gehen. Es ist herbstlich heut’ draußen.“

Sie schloß die Augen und zog fröstelnd die Schultern zusammen.

„Es ist gut, daß du da bist. Steck den Samowar an und mach uns Tee, Mettulein. Und wir wollen Peterchen rufen, daß er kommt und uns was vorspielt.“ – – –

* * * * *

Als Mette ins Zimmer trat, saß Olga auf dem Diwan, die Ellbogen auf den Knien, das Gesicht in die Hände gelegt.

„Gott, siehst du tiefsinnig aus!“ rief Mette. „Denkst du über die Unsterblichkeit der Maikäfer nach?“

„Ja!“ Olga hob mit einem Ruck den Kopf. „Und ich meine, daß das das einzige ist, was noch das Nachdenken lohnt! Sag’, hast du noch nie darüber nachgedacht?“

„Nein!“ lachte Mette. „Ganz gewiß nicht.“

„Dann ist es Zeit, daß du anfängst, darüber nachzudenken!“ sagte Olga sehr ernst.

„Ausgerechnet über die Unsterblichkeit der Maikäfer?“

„Ja, ausgerechnet über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Ich möchte wissen, von wem das Wort stammt. Man kann nämlich über nichts so tiefsinnig werden.“

„Als gerade über die Maikäfer?“

„Meinetwegen auch über die Stubenfliegen. Oder über die Skorpione. Oder über die Kellerasseln. Glaubst du, daß eine Stubenfliegenseele in einen Maikäfer fahren kann? Oder umgekehrt? Oder glaubst du, daß sie gleich in den Himmel kommt? Oder glaubst du, daß Elefanten auf einer höheren Stufe stehen als Menschen? Oder daß es mehr als sechzehnhundert Millionen Elefanten gibt?“

„Olga!“ rief Mette zwischen Lachen und Verzweiflung und hielt sich die Ohren zu. „Hör’ auf! Bist du denn verrückt geworden?“

„Nein, nein, nein!“ sagte Olga eigensinnig. „Ich denke fortgesetzt darüber nach.“

„Worüber eigentlich?“

„Über die Unsterblichkeit der Maikäfer. Glaubst du, daß sie eine unsterbliche Seele haben? Ich will dir sagen, wie ich darauf kam. Ich las da eben vom Regenerationsvermögen gewisser niederer Tiere. Weißt du, wenn man sie halbiert, wächst einfach jedem die fehlende Hälfte nach, und es sind nun zwei da. Der Mann macht da auch die tiefsinnige Bemerkung, in welcher Hälfte sitzt nun die unsterbliche Seele? Oder teilt sich die Seele? Oder hat der Mensch die Macht, durch das Seziermesser eine neue Seele zu schaffen? Oder herbeizulocken? Wenn man anfängt, kommt man in ein solches Labyrinth.“

„Glaubst du denn an die unsterbliche Seele?“ fragte Mette zweifelnd.

„Bei niederen und niedersten Tieren? Gewiß! Aber wenn dich das Wort Seele stört, lassen wir’s fort. Ich möchte dir’s so gern klarmachen.“

Sie sah ein paar Sekunden zu Boden, hob dann die unbeschreiblich klaren und leuchtenden Augen auf und sagte betont:

„Alles, was Leben hat, hat auch Unsterblichkeit. Leben an sich kann nicht sterblich sein. – Das klingt wie ein Sophismus, ist aber keiner. Es wechselt nur die Form. Nun möchte ich wissen, ob es nur die uns wahrnehmbare, die Erscheinungsform wechselt, das heißt, ob jede Maikäferseele ein in sich abgeschlossenes ist, das wieder nur dazu dient, einem neu entstehenden Maikäfer Leben zu geben, oder ob Sterben und Geborenwerden ist, wie Tropfen, die ins Meer zurückfließen und wieder aus dem Meer geschöpft werden. Die Tropfen bleiben nicht in sich zusammenhängend, verstehst du? Und viele Tropfen geben einen Eimer. Vielleicht ist nur die Quantität ausschlaggebend und nicht die Qualität ... Vielleicht hat ein Mensch Millionen Maikäferseelen in sich. Man müßte einmal die Maikäfer auf der ganzen Erde zählen. Wenn eine Maikäferseele sich in Ewigkeit gleich bliebe, so müßte immer die gleiche Anzahl von Maikäfern existieren. Wo sind aber dann die Seelen der Tiere, die positiv ausgestorben sind? Oder flutet das Leben von einem Stern zum andern ungehindert hinüber? –

Aber ich glaube das alles nicht. Ich glaube eigentlich an eine Entwicklung, an einen Fortschritt. Man kommt von da ganz unten her – weißt du? – aus Abgründen viehischen Lebens – oh, ich weiß ganz genau, daß ich von da her komme – aber jedes Leben heißt ‚Aufwärtsentwicklung‘, jedes neue Leben fangen wir eine Stufe höher an.“

„Ach, Unsinn!“ sagte Mette ungläubig. „Woher willst du das wissen! Ich glaube nicht an unsterbliche Maikäferseelen. Ich glaube nicht einmal an meine eigene Unsterblichkeit. Alles Leben ist chemische Veränderung. Und das, was du Seele nennst, alle Eigenschaften des Geistes und des Charakters, das ist Blutzusammensetzung.“

„Mette!“ sagte Olga ganz erschrocken. „Und mit dem Gedanken kannst du leben? Und mit dem Gedanken willst du sterben? Ich würde mich fürchten vorm Tode, wenn ich nicht wüßte, daß ich unzerstörbar bin. Ich empfinde mich selbst so stark, viel stärker als den Tod. – Ich bin genau das, was ich als kleines Kind war. Nicht unverändert. Ich bin mehr geworden. Aber nicht ein Körnchen ist abgebröckelt. Und das, was ich jetzt bin, erhalt ich mir. Ich gebe nichts her davon. Das weiß ich. Aber ich nehme zu, ich wachse. Manchmal ist es wie ein Stillstand – dann geht es wieder ruckweise – manchmal eine ganze Strecke in rasendem Tempo, immer aufwärts –“ Sie schwieg, und sah mit weiten Augen geradeaus.

„Und dann?“ fragte Mette, immer noch mit leisem Widerspruch im Ton. „Was wird dann? Kommst du in den Himmel und wirst ein Engel mit weißen Flügeln?“

„Ich weiß nicht,“ sagte Olga nachdenklich. „So wenig weiß ich, daß ich selbst das nicht abstreiten kann. Eigentlich bin ich überzeugt, daß ich zunächst ein Mann werde. Und danach ein Heiliger oder ein Genie. Das ist das Höchste, was wir kennen. Die andere höhere Form, die dann kommt – davon weiß ich nichts. Aber wir müssen die fragen, die ihr am nächsten stehen – die vielleicht schon ein Vorgefühl davon haben können – die Genies – oder die Heiligen.“ – – –

* * * * *

Einmal, als Mette ins Zimmer kam, sah sie, daß Olga etwas versteckte. Sie schob einen offenen Brief, den sie in der Hand hielt, rasch unter die Bücher auf dem Schreibtisch. Mette glaubte zu bemerken, daß sie während der Begrüßung irgendwie zerstreut, ärgerlich, verlegen war.

„Was hast du?“ fragte sie, ohne ihre Hand loszulassen. „Hast du Ärger gehabt? Du kommst mir heut’ so komisch vor.“

„Ich?“ Olga errötete. Es lief wieder die rasche, dunkelnde Blutwelle über ihr Gesicht, die es im nächsten Augenblick um so weißer erscheinen ließ. „Was fällt dir ein? Warum soll ich Ärger gehabt haben? Im Gegenteil.“

„Im Gegenteil?“ sagte Mette mit etwas erzwungener Heiterkeit. „Du hast Freude gehabt, die dich so okkupiert? Dann wäre es allerdings indiskret, weiter zu fragen. Sprechen wir von etwas anderem. – Ich habe dir deinen Chamberlain wieder mitgebracht. Und habe dir auch gleich den Herz mitgebracht. Vater hatte ihn in der Bibliothek.“

Sie sprachen von dem und jenem. Aber Mette konnte den Brief nicht vergessen. Während sie redete, gingen ihre Gedanken immer andere Wege.

„Was ist das nur?“ dachte sie. „Eifersucht? Hab’ ich denn ein Recht dazu? Wie komme ich eigentlich dazu, verletzt, mißtrauisch, ja _zornig_ zu sein, weil diese Frau einen Brief erhält, den sie mich nicht sehen lassen will? Herrgott im Himmel, sie ist doch durch nichts an mich gebunden, mir in Nichts verpflichtet. Sie kann heimlich verlobt sein, sie kann ein Dutzend Liebschaften haben – wie käme sie dazu, mir alles zu erzählen, mich zu ihrer Vertrauten zu machen? Was geht es mich überhaupt an, was sie für Briefe bekommt?“

Mette war böse auf sich selbst und schalt sich aus. Und dabei war sie gequält und traurig, kämpfte dagegen an und konnte es nicht überwinden.

„Es _ist_ nicht Eifersucht,“ dachte sie, „es _ist_ nicht Besitzer-Wahnsinn. Es ist einfach die Erkenntnis, daß man das Leben nur ertragen kann, wenn man Hand in Hand geht. Es ist das Bewußtsein, daß ich nur weiterkomme, wenn Olga meine Hand hält und mich führt. Ich habe das Gefühl, daß sie meine Hand losgelassen hat, daß zwischen uns eine Tür ins Schloß gefallen ist, daß ich allein stehe, hilflos, im Dunkeln, und daß sie lachend weitergeht – ich weiß nicht, mit wem ...“

Olga wurde ans Telephon gerufen. Es dauerte lange, ehe sie wiederkam.

Mette saß einen halben Meter vom Schreibtisch entfernt. Unter einem Bücherstoß ragte eine Ecke des weißen Briefblatts hervor. Wenn sie den Arm ausstreckte, konnte sie es berühren, konnte es hervorziehen, ohne von ihrem Platz aufzustehen.

Es war ein qualvoller Kampf. Sie hätte sich ohrfeigen mögen, weil sie nur auf den Gedanken einer Möglichkeit kam.

Es war ein Verbrechen, was sie begehen wollte – oh, es war schlimmer, es war unfein, taktlos, verächtlich. Aber sie fand tausend Gründe, sich zu entschuldigen:

„Es ist ja nicht Neugier –“ schrie es innerlich in ihr, „wem tu ich damit weh? Wem tu ich ein Leid? Niemandem. Nicht ihr, nicht dem, der den Brief geschrieben hat. Und für mich ist es von so unendlicher Bedeutung. Ich klammere mich mit allen Fasern an diesen Menschen und weiß gar nicht, was es für ein Mensch ist. Warum _ist_ sie so verschlossen? Wenn ich mir eine Gewißheit verschaffen kann, die vielleicht mit einem Schlage mein ganzes Leben ändert, so tue ich das um jeden Preis – und wenn es um den Preis eines Verbrechens ist.“

Mit einem Ruck zog sie das Blatt hervor. Ihr Herz hämmerte wie rasend, vor ihren Augen war ein dichter Schleier, die Buchstaben flackerten auf dem Papier. Es war ein Bogen mit Firmenaufdruck, wenige Worte – Zahlen ...

Mette hörte Olgas Stimme vor der Tür und schob das Blatt hastig in die Tasche. Olga würde es kaum vermissen. Und in Metten, obgleich sie kaum gelesen, kaum begriffen hatte, was da stand, war schon ein Plan fertig.

Mette hatte es heut’ sonderbar eilig, nach Hause zu kommen. Sie war zerstreut und einsilbig, so, daß Olga einmal fragte:

„Was hast du heut’? Ist dir was passiert? Bist du schlechter Laune?“

Mette erinnerte sich belustigt des Gespräches beim Kommen.

„Im Gegenteil!“ sagte sie mit übertriebener Betonung, deren Ursache aber Olga nicht ins Gedächtnis kam – „Ich bin sogar sehr guter Laune!“ –

Mette schloß sich daheim in ihrer Stube ein und studierte den Brief wie ein wichtiges Dokument – das also war das Liebesglück, das vor ihr geheim gehalten wurde.

Die Firma ersuchte „nochmals“ um Zahlung von einigen Hundert Mark, „widrigenfalls wir die Sache zu unserem Bedauern unserem Rechtsanwalt überweisen müßten“.

Mettens Herz war zum Überfließen voll von zärtlichem Mitleid.

„Armes, Liebes!“ dachte sie, „so quälen sie dich!“