Der Skorpion. Band 1

Part 5

Chapter 53,789 wordsPublic domain

„Ich begreife dich nicht,“ sagte Peterchen mit seiner leisen, gebrochenen Stimme, „ich begreife dich nicht, Olga, daß du die Bettine nicht lieben kannst. Ich dachte _gerade_, das müßte ein Mensch für dich sein. Ein Mensch von so reicher Begabung, von fast unheimlicher Phantasie, von beinah wildem Temperament, dabei solche Anmut, solche Zartheit der Empfindung. Wenn man von der Frau weiter nichts wüßte, als die Geschichte ihrer Verheiratung, müßte sie einem doch schon sympathisch sein.“

„Ja,“ sagte Olga, „dann ja! Aber man weiß eben zu viel von ihr. Oh, sie ist so aufdringlich und so verlogen, so gemacht genialisch, so mit Koketterie unbändig, mit Vorsatz leidenschaftlich. Nichts auf der Welt ist mir so verhaßt. Denk dir – so sehr ich Klemens liebe – wenn ich manchmal glaube, die Verwandtschaft zu spüren, mag ich ihn nicht. Und dann – du weißt ja – verzeih ich ihm auch seine unglückliche Liebe zu Mariannen nicht.“

„Richtig, die kannst du ja auch nicht leiden!“

„Kann ich auch nicht, Peterchen, und wenn du mir den Kopf abreißt. Ich weiß nicht, woran es liegt. Irgend etwas an ihr macht auf mich immer den Eindruck von ‚Biederkeit‘. Und du weißt, das ist eine Eigenschaft, die ich in den Tod nicht ausstehen kann. Schon diese ewige Alte-Herren-Liebe. Nein, nein, geh mir mit ihr, ich mag sie nicht.“

„Olga, wie kannst du über diese Frau so leichtfertig urteilen?“

„_Diese_ Frau! Sag’ nur noch, diese vortreffliche Frau. Mit _dem_ Wort kannst du sie mir ganz gewiß verekeln. Und es paßt eben leider ein bißchen auf sie. Herrgott! Man kann doch seine Gefühle nicht zwingen. Sie hätte mich wahrscheinlich auch nicht leiden können. Und das fühl’ ich so.“

„Aber Bettine hätte dich wahrscheinlich glühend geliebt.“

„Vielleicht! Aber daß ich Bettinen so hasse, das hat ja auch noch eine besondere Bewandtnis.“

„Du bist eifersüchtig auf sie!“ sagte Petermann sehr leise.

Olga fuhr mit einer fast heftigen Bewegung herum. Ihre Augen flackerten in dem weißen Gesicht.

„Ja, ich bin auch eifersüchtig auf sie!“

„Wegen der Günderode!“

„Wegen der Günderode.“ –

Petermann wurde ans Telephon gerufen. Es war so still im Zimmer, daß Mette eine ganze Weile nicht zu sprechen wagte.

„Merkwürdig seid ihr,“ sagte sie endlich gepreßt, „wie ihr von diesen Leuten redet – als wären sie euer täglicher Umgang.“

„Das sind sie doch auch,“ sagte Olga fast verwundert. „Das ist doch die einzige Lebensmöglichkeit. Meinst du, ich möchte leben, wenn ich nur Verkehr mit den Menschen hätte, mit denen du mich so zurzeit verkehren siehst? Weißt du – es ist auch die einzige Art zu lesen, ich meine, wenn du zum erstenmal einen Briefwechsel oder einen Memoirenband vornimmst – einen, wo nicht hohe geistige Probleme behandelt werden, dann ist einem doch zumut, als wenn man in einer fremden Gesellschaft sitzt. Die Leute klatschen miteinander und erzählen sich was von Herrn Müller und Frau Schultze, und man sitzt dabei und langweilt sich zu Tode. Wenn man aber Herrn Müller und Frau Schultze _kennt_, ist’s schon wesentlich amüsanter. Und wenn man in einen _verliebt_ ist und wartet dann mit klopfendem Herzen, ob vielleicht sein Name genannt wird, und was nun der oder der über ihn sagen wird, dann wird’s spannend und aufregend. Peterchen versteht mich so darin. Er ist überhaupt ein feiner kleiner Kerl. Findest du nicht?“

„Ja,“ sagte Mette gleichgültig. „Er ist sehr nett.“

Olga lächelte. „Er ist direkt verliebt in Bettinen und begreift mich nicht.“

„Aber du,“ sagte Mette leise, fast widerwillig, „du liebst die Günderode.“

„Ja,“ sagte Olga mit großen, seltsam glänzenden Augen, „oh, ich liebe sie so! Du glaubst nicht, was ich für Qualen ihretwegen ausgestanden habe. Und ich konnte nichts tun für sie! Vielleicht hat sie Sehnsucht nach Ruhm gehabt – nach äußerlicher Unsterblichkeit – und sie ist so vergessen. Wer weiß denn von ihr? Ich habe mir so gewünscht, etwas Unerhörtes leisten zu können, um sie zu verewigen. Ich wollte Michelangelo sein oder Dante oder Homer – um ihr ein Denkmal zu setzen, und um unsere Namen für tausend Jahre unauflöslich miteinander zu verknüpfen. Oh, es war eine Zeitlang wie eine Krankheit in mir. Es marterte mich einfach, daß ich diese lumpigen hundert Jahre, die uns trennten, nicht überspringen konnte. Weißt du – so muß einem Gelähmten sein, oder einem Gefesselten, der im Nebenzimmer eine Stimme hört, die ihn in allen Nerven erzittern macht, und er kann sich nicht rühren. Manchmal hab’ ich gedacht, man muß es können. Man muß nur wollen. – Ich weiß noch, daß ich eine Nacht auf dem Balkon lag im Liegestuhl und zum Antares hinaufstarrte. Da war es mir wieder, als riefe sie mich. Ich wollte aus meinem Körper hinaussteigen, ich wollte. Und denke dir, ich hatte das Gefühl, als ob es mir gelänge. Ich schwebte über mir. Mein Körper war eiskalt, ich hätte kein Glied rühren können, und da faßte mich plötzlich eine rasende Angst. Ich wußte, ich würde mich verfliegen und nie mehr, nie mehr zurück können. Da kroch ich wieder in mich hinein und trieb mein Herz an und erwärmte mich durch meinen Willen, und nachher schalt ich mich feige und erbärmlich. – Es muß seltsam sein, wenn uns einmal diese Fesseln abgenommen werden. Manchmal freue ich mich direkt darauf.“

„Alles deswegen,“ sagte Mette ein wenig bitter. „So hast du sie geliebt?“

„Ja,“ sagte Olga, „jetzt ist es nicht mehr so schlimm. Ich hätte doch früher zu keinem anderen Menschen davon reden können. Ich habe Bettinens Bücher versteckt, damit kein Mensch sie bei mir findet. Ich wurde rot und blaß, wenn jemand ihren Namen nannte, oder mir etwas sagte, was mich an sie erinnerte. Du mußt nicht denken, daß ich jetzt darüber lache. Mein Gefühl ist genau dasselbe, ich fühle mich ihr so absolut verbunden – aber ich gehöre ihr nicht so ausschließlich, wie in der ersten Zeit, als ich sie fand.“

Sie schwiegen beide. Stille Dämmerung senkte sich langsam.

„Ich habe nie ein Bild von ihr gesehen,“ sagte Olga. „Ich weiß auch gar nicht, ob es Bilder von ihr gibt. Ich möchte auch keins sehen. Ich habe eine so deutliche Vorstellung von ihr. Ich glaube, wenn ich ein Bild sähe, würde ich erschrecken. Ich würde sicher namenlos enttäuscht sein. Ich habe direkt Angst davor, einmal ganz unerwartet ein Bild von ihr zu finden.“

„Ich wollte, ich fände eins,“ sagte Mette, ohne Olga anzusehen, „ein recht häßliches!“

„Pfui!“ sagte Olga mit ihrer tiefen Stimmen. Kein Wort weiter.

In Mette kämpften Scham und Schmerz. Sie haßte sich selbst. Sie kam sich vor wie ein ungezogenes Kind, dem man ein wunderfeines Gebilde aus venezianischem Glas zeigt, und das aus Bosheit und Rohheit mit dem Stock nach der Herrlichkeit schlägt. Aber zugleich regte sich ein dumpfer Trotz in ihr: warum quält sie mich? Ich will mich nicht quälen lassen!

Sie hatte das Gefühl, daß sie um Verzeihung bitten müsse. Aber das konnte sie nicht.

Wenn sie jetzt ging, dann würde Olga sie nie wieder rufen. Und ungerufen durfte sie nie mehr kommen. Sie würde nie mehr in diesem Sessel sitzen. Sie würde nie mehr den Duft von Lavendel und Zigaretten in diesem Zimmer atmen. Sie würde nie mehr diese Stimme hören.

Das Schweigen dauerte so unheimlich lange. Ja, sie mußte nun wohl eigentlich aufstehen und gehen. Aber es war, als ob der Stuhl sie festhielte, oder die graue Wand drüben, an der ihre Augen hingen. Sie fühlte, im Moment, da sie aufstehen wollte, würden ihr die Tränen aus den Augen stürzen. Das durfte nicht sein. Sie bemühte sich, an irgend etwas anderes zu denken – an etwas ganz Fernliegendes. Nächste Woche wollte sie ins Theater gehen. Darauf hatte sie sich gefreut. Eigentlich war bei jedem Theater- oder Konzertbesuch doch das hübscheste, nachher hier zu sitzen und über das Gehörte und Gesehene zu sprechen. Das würde nun nicht sein. Nächste Woche nicht. Vielleicht nie wieder.

Die Stille im Zimmer war atemraubend. Wenn Olga nur reden wollte. Irgend etwas, sie ausschelten, sie demütigen. Es war so grausam von ihr, zu schweigen.

Mette machte den Versuch, aufzustehen. Sie machte eine Bewegung, die unsichtbar blieb, aber die sie inwendig in allen Muskeln spürte. Zugleich aber konnten die mühsam aufgehaltenen Lider das unaufhörlich quellende Wasser nicht mehr zurückdrängen, sie zitterten, schlossen sich, und die schweren Tropfen stürzten nieder.

Mette schämte sich maßlos. Irgend etwas in ihr kroch ganz in sich zusammen. Sie hätte sich so gern äußerlich auch zusammengezogen, sich geduckt, das Gesicht versteckt. Aber sie wagte nicht, sich zu rühren. Sie wollte nicht durch eine Bewegung Aufmerksamkeit erregen. Vielleicht war Olga mit ihren Gedanken weit fort und achtete nicht auf sie.

Die Tränen fielen ihr auf die Hände. Sie wagte nicht, sie abzutrocknen.

Plötzlich schreckte sie zusammen. Sie hörte den Diwan knarren, ein leises Rauschen der Röcke. Olga war aufgestanden.

Jetzt sagte eine unendlich weiche, leise Stimme neben ihr:

„Mette, Kind! Warum weinst du eigentlich?“

Mette sah nicht auf, sondern senkte den Kopf noch tiefer.

Da kniete Olga mit einer raschen Bewegung nieder, wie man vor einem weinenden Kinde kniet und versuchte von unten herauf ihr ins Gesicht zu sehen.

„Warum weinst du eigentlich?“

Mette sah das schöne Gesicht vor sich durch einen Schleier von stürzendem Wasser. Sie lächelte.

„Ich weiß nicht!“ sagte sie.

Sie sah auf die weiße schlanke Hand, die auf ihren Knien lag, ihre beiden gefalteten Hände fest überspannend. Sie neigte sich langsam auf diese Hand und preßte den Mund, die heißen, tränenfeuchten Wangen dagegen.

„Kind!“ sagte Olga beinah ungeduldig und versuchte mit der anderen Hand ihr die Stirn zu heben. „Wenn ich nur wüßte, warum du weinst!“

Mette schreckte vor diesem Ton zurück. Sie hob den Kopf und starrte wieder auf die graue Mauer jenseits des Hofes.

Olga war aufgestanden. Ihre Hand lag immer noch auf Mettens Kopf. Die kühle, glatte Handfläche preßte sich fest und beinah schwer auf ihre Stirn und ihr Haar. Mette empfand diesen Druck als etwas unendlich Wohltuendes. So, als müßte sie zerspringen, wenn diese kräftige Hand aufhören würde, sie zu halten.

„Ich weiß doch nicht,“ sagte sie leise, „ich möchte auch seit hundert Jahren tot sein. Vielleicht würdest du mich dann auch lieben.“

Da riß Olga Radó mit einer jähen Bewegung Mettens Kopf an ihre Schulter und preßte die Lippen hart und fast gewaltsam auf ihre Stirn.

„Und so? Und jetzt?“ fragte sie kurz. In ihrer tiefen Stimme war ein seltsam vibrierender Klang, wie von mühsam gebändigtem Groll.

Mette fühlte bis in die Schläfen, bis in die Fingerspitzen das rasende Hämmern eines Herzschlags. Aber sie wußte nicht, wessen Herz so schlug.

Sie hatte das Gefühl, daß es nun ihre Pflicht sei, etwas unendlich Großes zu tun. Ihr war, als müsse Olga Radó jetzt in überirdischer Größe vor ihr aufstehen und eine ungeheure Tat von ihr verlangen.

Mette fühlte sich heilig entschlossen, auf ein einziges Wort hin aus dem Fenster zu springen oder sich die Brust mit einem Dolch aufzureißen und ihr zuckendes Herz in beide Hände zu nehmen.

Olga Radó verlangte nichts von alledem. Sie ließ sie plötzlich los und trat aus Fenster. Sie legte die Finger um den Fensterriegel und die Stirn gegen die Scheibe. Und so, ohne sich umzuwenden, ohne den Kopf zu drehen, sagte sie nach einer Weile in einem seltsam ruhigen, ja sachlichen Ton:

„Geh nach Hause, Kind!“

„Warum?“ fragte Mette erschrocken. Sie stand auf, die Füße zitterten unter ihr. Das beklemmende Gefühl von etwas Rätselhaftem, Unheimlichem legte sich ihr schwer auf die Brust. Warum wurde sie fortgeschickt? Was hatte sie begangen?

Sie wollte irgendeine Erklärung haben. Sie wollte die Hände auf Olgas Schultern legen und wollte sie mit Gewalt herumreißen und auf ihrem Gesicht nach einer Antwort suchen. „Ich habe ein Recht dazu“ – dachte sie mit aufsteigendem Zorn – „wahrhaftig, ich habe ein Recht dazu“.

Wie sie den ersten Schritt nach dem Fenster zu machte, fuhr Olga mit einer heftigen Bewegung herum. Sie kreuzte die Arme über der Brust und umklammerte mit gespreizten Fingern die Ellbogen. In dem weißen Gesicht flackerten die Augen tiefdunkel und drohend.

„Du sollst nach Hause gehen,“ sagte sie mit so gezwungener Ruhe, als bändige sie mühsam eine maßlose Wut. „Kannst du nicht hören? Bin ich nicht Herr mehr in meiner eigenen Wohnung? Nimm deinen Hut und geh. Geh, geh, geh, geh!“

Der aufflammende Zorn in Mette war erloschen. Nur noch Angst war in ihr und eine tiefe, tiefe Traurigkeit.

Irgend etwas wollte sie wie mit Peitschenhieben zu Olga hintreiben. Sie wollte vor ihr auf die Erde fallen, sie wollte ihre Knie umklammern, sie wollte sie anflehen:

„Weine doch, schreie, schlag’ mich, aber tu dir nicht so Gewalt an – sag mir, was du hast – ich will sterben für dich, aber schick mich nicht fort, wenn du leidest!“

Sie stand und rührte sich nicht.

„Geh, geh, geh!“ sagte Olga.

Da griff Mette Rudloff nach ihrem Hut und ging. Sie mühte sich, gerade und aufrecht zu gehen. Sie taumelte ein wenig, als sie die Tür hinter sich ins Schloß zog und mußte sich gegen die Wand lehnen. Sie stützte sich mit ihrer ganzen Schwere gegen das Geländer, weil die Treppe unter ihr wie ein rasender Strudel kreiste.

Aber sie ging. – – –

* * * * *

Eine Handvoll Tage verlebte Mette in stumpfer Qual.

Im dämmernden Erwachen fiel ihr ein, daß sie heute nicht den Weg nach der Motzstraße nehmen dürfe. Heute nicht, morgen nicht, vielleicht nie mehr. Sie war verbannt, verstoßen, ausgeschlossen von allen Freuden des Lebens.

Lang, grau und öde dehnte sich der Tag vor ihr. Bleischwere Müdigkeit lag ihr in allen Gliedern. Wenn die Telephonklingel schrillte, fuhr sie mit rasendem Herzschlagen auf, wie aus tiefer Lethargie. Aber niemals galt es ihr.

Es war schlechtes Wetter in diesen Tagen, kühl und regnerisch.

In einer Sonntagnacht fegte der Wind den Himmel blank von Wolken und die Straßen trocken.

Am Morgen funkelte ein blauer Sommerhimmel über der Stadt.

Die Sonnenstrahlen, die auf einer Kante des Schrankspiegels tanzten, weckten Mette.

Sie fühlte sich beim Erwachen so befreit, so voll unbändiger Lebenskraft, als sei mit einem Schlage alles Trübe hell, alles Schwere leicht geworden.

Sie fühlte sich fähig, den Kampf mit allen Hemmungen und Hindernissen aufzunehmen. Ja, es schienen ihr gar keine Hemmungen und Hindernisse mehr vorhanden.

Sie würde heut’ die Bücher hintragen, die sie von Olga Radó geliehen hatte.

Und dann würde sie sie zur Rede stellen. Sie ganz frank und heiter fragen, was ihr eigentlich eingefallen wäre. Und ob sie die Absicht hätte, sie wieder hinauszuwerfen – dann solle sie diese Absicht nur ruhig aussprechen ...

Aber sie würde es nicht tun. Es war eine Laune gewesen, eine Gereiztheit – aber im Grunde doch gar keine ernstliche Verstimmung, kein Streit zwischen ihnen.

Und wenn sie irgend etwas begangen hatte in Olgas Augen, so wollte sie Aufklärung haben, und dann wollte sie – ach was, ihretwegen ja! – dann wollte sie sogar um Verzeihung bitten.

Mette pfiff und summte vor sich hin, während sie sich anzog und ihr Haar aufsteckte. – – –

* * * * *

Als sie klingelte, schlug das dumme Herz wieder so atemraubend. Dass kam vom raschen Treppensteigen.

Erna machte ihr auf. Mette war nicht mehr gewohnt, sich melden zu lassen. Sehr oft wußten die Mädchen gar nicht, ob die Gäste der Pension zu Hause waren. Sie wollte mit einem: „Guten Morgen, Erna!“ vorüber.

Das Mädchen machte ein erstauntes Gesicht.

„Fräulein Radó ist doch verreist,“ sagte sie zögernd. „Weiß das gnädiges Fräulein gar nicht?“

Im ersten Augenblick war die Scham dieses Nichtwissens in Metten größer als das Erschrecken. Sie fühlte sich vor dem Mädchen in lächerlichster Weise bloßgestellt.

„Doch, doch,“ sagte sie hastig. „Ich wollte nur die Bücher ins Zimmer legen. Aber ich kann sie ja auch Ihnen geben. Sie sind so gut, Fräulein Erna, und tragen sie hinein. Dann brauch’ ich mich gar nicht damit aufzuhalten. Ich hab’s sehr eilig. Auf Wiederschauen!“

Die erste Treppe sprang sie hinunter, damit das Mädchen ihre Hast hören sollte. Erst als die Tür oben längst ins Schloß gefallen war, ging sie langsamer.

Olga war fort. Ohne ihr ein Wort zu sagen, ohne sie noch einmal anzurufen, ohne ihr eine Zeile zu schreiben, ohne dem Mädchen eine Nachricht für sie zu hinterlassen.

Sie war fort. Ohne zu sagen, wohin. Ohne zu sagen, auf wie lange.

Mette senkte den Kopf sehr tief auf die Brust und ging ganz langsam, Stufe für Stufe. – – –

* * * * *

Einige Tage später hörte Mette das Telephon schrillen und das Mädchen im eiligen Trab den langen Türgang entlanglaufen.

Mette macht ihre Zimmertür auf.

„Für mich, Hedwig?“

„Ja, für Fräulein – ein Herr wünscht Fräulein zu sprechen – ein Herr Petersen oder Petermann, ich hab’ nicht ganz verstanden.“

Auf dem runden Gesicht des Mädchens stand unverhohlene Verwunderung. Es war das erstemal, daß eine Männerstimme das gnädige Fräulein verlangte.

„Peterchen!“ rief Mette erregt in den Trichter, ohne die geringste Rücksicht darauf, daß Tante Emilie im Nebenzimmer saß. „Ja, hier ist Mette. Was ist los? Es ist doch nichts passiert?“

„Nein, nein, bewahre. Ich soll Ihnen nur einen schönen Gruß bestellen, ich habe heut’ eine Karte bekommen.“

„Woher denn?“ – „Von wem?“ brauchte sie nicht zu fragen.

„Aus Kissingen. Ich mußte mir erst Ihre Adresse im Buch suchen. Ich wußte keine Telephonnummer, keine Straße, eigentlich ja nicht einmal Ihren Namen genau ...“

„Ach Gott, Sie Ärmster, kann ich Sie nicht einmal sehen, oder haben Sie keine Zeit für mich?“

„Aber natürlich, aber gerne ...“

„Wollen wir eine Stunde zusammen spazieren gehen? Ja? Bitte, bitte! Heute noch, wenn’s geht! Gleich? Ja? Herrlich! Und Sie bringen mir die Karte mit!“ – – –

* * * * *

Sie trafen sich. Nach zwei Worten der Begrüßung fragte Mette:

„Haben Sie die Karte? Bitte, bitte, zeigen Sie!“

Neben der Adresse stand in einer festen, mühsam zusammengezwängten Schrift:

„Bitte, Peterchen, sei so gut und gib die Bücher aus der Kgl. Bibl. zurück. Eins liegt auf meinem Schreibtisch, zwei stehen auf dem Regal links vom Fenster, 3. Fach v. o. ganz rechts. Und nimm meine Araukarie zu Dir hinüber, bei mir vergessen die Frauenzimmer sie doch, und ich möchte nicht, daß sie verkommt.“

Auf der anderen Seite war in den Himmel der Landschaft hineingeschrieben:

„Klingele, bitte, das Mädelchen an und grüße sie von mir. Die Nummer mußt Du Dir im Buch suchen. Sie soll mir nicht böse sein. Euch allen alles Gute. O. R.“

Hunderte und Tausende von Ansichtskarten waren in Mettens Leben schon durch ihre Hände gegangen, und es war das erstemal, daß ihr der Gedanke kam: „Was ist das eigentlich für eine wunderhübsche Erfindung, daß man gleich ein Bild des Ortes schicken kann, wo man sich aufhält. So sieht es also da aus, wo Olga Radó jetzt ist. Diese Häuser sieht sie Tag für Tag, unter diesen Bäumen geht sie spazieren, diese Berge grüßen sie – jeden Morgen, jeden Abend – wirklich eine wunderhübsche Erfindung.“

Sie hätte die Karte gern behalten. Aber sie hatte den Mut nicht, Petermann darum zu bitten. – – –

* * * * *

„Es ging so schnell“ – sagte sie – „mit dieser Abreise.“ Es widerstrebte ihr, davon zu sprechen, daß sie nichts gewußt, nichts geahnt hatte. Es widerstrebte ihr auch, direkte Fragen an ihn zu richten. Halb unbewußt sprach sie in Worten, die alles unentschieden ließen, so gleichsam erst sondierend.

„Ja,“ sagte Peterchen, „ganz merkwürdig schnell. Am Dienstag waren wir doch noch da – richtig, da saßen wir ja noch zusammen. Am Dienstagabend kommt Olga zu mir herüber:

‚Gib mir dein Kursbuch!‘ Und immer in dem Kursbuch hin und her geblättert und mich gefragt: ‚Kennst du den Schwarzwald – ist es schön da? – Was meinst du – soll ich an die Nordsee fahren?‘ Und so, wie es gar nicht ihre Art war – so unentschlossen – ich möchte beinah sagen: so ratlos ... und am Mittwoch wurden die Koffer gepackt und Mittwoch abend fuhr sie ab – sagte keinem Menschen wohin – mir nicht und Frau Flesch nicht. Ihnen ja auch nicht, nicht wahr? – Ich hatte ja eigentlich erst den Verdacht – den Gedanken, wollt’ ich sagen, die Idee,“ – Peterchen zögerte, und sein blasses Gesicht überflog eine leichte Röte – „Sie beide wären zusammen weggefahren.“

Mette antwortete nicht. Sie dachte nicht einen Augenblick daran, ob ihr tiefes Stillschweigen vielleicht einen verwunderlichen Eindruck machen könnte.

Das Wort hatte wie ein erhellender Blitz in sie eingeschlagen, und nun stand sie in Flammen.

Reisen! Mit Olga reisen! Der Gedanke an diese Möglichkeit hatte etwas unwahrscheinlich Beglückendes. Einige Sekunden durchlebte sie in ihrer Vorstellung das, was hätte sein können. Wenn sie am Dienstag zusammen diesen Entschluß gefaßt hätten! Wenn sie auch am Mittwoch ihren Koffer gepackt hätte! Sie fühlte sich neben Olga im Zug sitzen und hinausfahren in den warmen, blauen Sommerabend, in dem hier und da die ersten Lichter aufflammten. Sie sah sich in einem dieser weißen Häuser, auf der Terrasse, an einem gedeckten, blumengeschmückten Tisch, Olga gegenüber. Sie wanderte mit Olga diesen Bergen entgegen, deren schön geschwungene Linien verlockend auf dem blauen Himmel sich zeichneten.

Jäh und schmerzlich kam es ihr zum Bewußtsein: Das war ein törichter, unerfüllter, vielleicht ewig unerfüllbarer Traum. Die Wirklichkeit war, daß sie hier war – allein – und daß Olga fort war – auch allein? Mit wem? Nichts in der Welt hatte ihr ein Recht gegeben, auch nur danach zu fragen. – – –

* * * * *

In diesen Wochen war es Mettens einzige Freude, mit Peterchen spazieren gehen. Sie machten Ausflüge miteinander, fuhren nach Wannsee, nach dem Grunewald, lagen halbe Tage am Wasser oder nahmen sich ein Ruderboot, tranken Kaffee in irgendeiner versteckten Gartenwirtschaft und sprachen von Büchern, von fremden Städten und fernen Bergen, von Tieren und Pflanzen, von längst verstorbenen Menschen – und von Olga.

Manchmal, wenn sie zusammen waren, schrieben sie an Olga, schickten ihr eine Ansichtskarte oder machten ihr lange Gedichte in Knittelversen, und hin und wieder kam eine flüchtige Antwort von ihr und einmal die Nachricht, daß sie in drei Wochen wiederzukommen gedächte.

Mette war ruhig und glücklich in dieser Zeit. Das Zusammensein mit Peterchen tat ihr wohl. – Wenn sie zu Hause war, so las und lernte sie nach seiner Anleitung und zählte die Tage bis zu Olgas Rückkehr. Sie hatte sich ein ganzes Verzeichnis gemacht von Büchern, die sie bis dahin gelesen, von Arbeiten, die sie bis dahin erledigt haben wollte. Sie wollte überraschen durch all die Kenntnisse, die sie in der Zwischenzeit erworben hatte, und mühte sich mit brennendem Eifer.

Es wäre alles schön und gut gegangen, wenn Tante Emilie nicht gewesen wäre. Tante Emilie beobachtete und schwieg und speicherte Gift und Galle in sich auf. Und eines Tages brach es aus.

Es war nach Tisch. Mette wollte mit einem kurzen „Mahlzeit“ aufstehen und sich aus ihrem Zimmer den Hut holen.

Tante Emilie, die während des Essens schon in Positur gesessen hatte, fegte mit zierlichen Fingern ein paar Krümchen auf dem Tischtuch zusammen, und auf Mettens „Mahlzeit“ hin räusperte sie sich kurz und scharf und sagte betont:

„Vielleicht hast du die Güte, sitzen zu bleiben, bis _ich_ vom Tisch aufstehe.“

Geduldig und gelangweilt setzte Mette sich wieder hin. Sie wußte nicht, daß es die Vorrede zu größeren Dingen sein sollte. Sie nahm es für eine der täglichen kleinen Schikanen, die einen am wenigsten Zeit und Kraft kosteten, wenn man sie mit größter Gelassenheit hinnahm.

Mette warf einen heimlichen Blick nach der Uhr. „Sie wird jetzt natürlich noch fünf Minuten sitzen, ehe sie das Zeichen zum Aufstehen gibt,“ dachte sie. „Gut, komm’ ich also fünf Minuten zu spät. Peterchen wartet.“

Tante Emilie fegte Krümchen und räusperte sich.