Part 4
„Kinder, ich muß euch hinauswerfen, so leid es mir tut. Ich muß mich umziehen, aber schleunigst – die Zeit ist so rasend schnell vergangen.“
Im tiefsten Innern litt Mette darunter, daß der ersehnte Nachmittag schon vorüber war. Aber ihre Gedanken sagten laut und deutlich: „Gott sei Dank!“ Und sie war erst recht erbittert, daß sie nun eigentlich froh sein mußte, statt unglücklich zu sein. – – –
* * * * *
Mette war leicht geneigt, sich zur Verantwortung zu ziehen. Sie ging am selben Abend noch scharf mit sich ins Gericht. Sie klagte sich an, dumm, faul, unwissend und ungewandt zu sein.
Warum kannte sie die Bücher nicht, die Olga Radó in ihrem Besitz hatte und las und liebte? Vater hatte sie sicher alle vorn in seinem Studierzimmer, aber Mette war noch nie auf den Gedanken gekommen, sie zu lesen.
Warum war es ihr nicht möglich, _einmal_ etwas Geistreiches zu sagen? Irgend etwas, das sie mit einem Schlage über das flache Gewimmel dieser Alltagsbackfische hinaushob.
Olga Radó merkte sicher an einem Wort, wes Geistes Kind einer war. Vielleicht hatte sie etwas von ihr erwartet, weil sie ein bißchen anders aussah als die anderen.
Mette stand prüfend vorm Spiegel. Sie war hochgewachsen, hatte eine kluge Stirn und ernste Augen. Und was war dahinter? Nichts, nichts, nichts!
Mette schnitt ihrem Spiegelbild zornige Fratzen.
Was hatte sie den ganzen Nachmittag geredet? „Ja,“ „nein“ und ein paar alberne Phrasen.
Aber das kam davon, wenn man blind und taub durchs Leben ging.
Dann wußte man selbst solche Dinge nicht, von denen die Möbius-Mädeln schwatzen konnten. Und an alledem war Tante Emilie schuld!
Das schlimmste aber war – Mette drehte das Licht aus und verkroch sich unter die Bettdecke, weil das Blut ihr brennendheiß in die Stirn stieg – das schlimmste war, daß sie, als die anderen vom „Kammersänger von Wedekind“ gesprochen hatten, allen Ernstes gedacht hatte, es wäre ein adliger Hofopernsänger und gefragt: „Wie heißt er denn mit Vornamen?“
Aber das hatte Olga Radó hoffentlich nicht gehört. – – –
* * * * *
Eine Woche lang gab Mette ihre zwecklosen Spaziergänge auf und übte zu Hause Klavier und lernte französische Vokabeln, und wenn sie eine halbe Stunde geübt und gelernt hatte, warf sie sich auf den Diwan und starrte in das Stückchen Himmelblau, von silbrigen Telephondrähten durchschrägt, das sie von ihrem Platz aus sehen konnte. Und dann flogen ihre Gedanken – wie das herrlich wäre, alle Sprachen der Welt zu verstehen, oder ein Instrument vollkommen zu beherrschen, oder eine wundervolle Stimme zu haben, oder bezaubernd schön zu sein. Aber da man all so etwas doch nie erreichen konnte, so wäre es vielleicht am angenehmsten, tot zu sein. – – –
* * * * *
Dann kamen dringende Besorgungen, die einen gezwungenermaßen in die Motzstraße führten. Und wenn man an dem Haus vorüber mußte, war es natürlich, daß man ein wenig langsamer ging, zu den Fenstern hinaufsah, die Straße entlang spähte.
Und wenn man in der Stadt war und nach Hause gehen wollte, konnte man genau so gut durch die Motzstraße gehen wie durch die Kleiststraße. Und wenn man ging, um ein wenig an der frischen Luft zu sein, war es das natürlichste von der Welt, daß man sich auf den Viktoria-Luise-Platz auf eine Bank setzte und den spielenden Kindern zusah.
Jeden Tag stand Mette vor einem Geschäft mit Handschuhen, Bändern und Spitzen und starrte tiefsinnig auf die Auslagen – weil im Hintergrund des Glaskastens ein Spiegel war, und weil man in diesem Spiegel die Haustür gegenüber beobachten konnte.
Jedesmal zuckte Mette zusammen, wenn die Haustür sich auftat.
Und als einmal Olga Radó durch die Haustür trat, hätte Mette sie beinah nicht erkannt. Sie hatte einen losen Mantel an, beide Hände in den weiten Taschen vergraben und keinen Hut auf. Sie lief mehr als sie ging, zwei Häuser weiter nach dem Briefkasten und steckte einen Brief unter die Klappe.
Mette ging rasch über den Damm, um ihr den Rückweg abzuschneiden. Dabei klopfte ihr Herz so, daß sie nach Atem ringen mußte. Sie faßte in flüchtigster Geschwindigkeit der Gedanken hundert Entschlüsse, die sie wieder verwarf.
Sie wollte sie anreden – sie wollte mit stummem Gruß an ihr vorübergehen – aber vielleicht wurde sie gar nicht erkannt – sie wollte sie doch lieber anreden – aber wie?
Als sie noch auf dem Damm war, hatte Olga sie gesehen und schwenkte ihr die Hand entgegen.
„Hallo, Fräulein Mette! Wollten Sie mich besuchen?“
„Eigentlich nicht!“ sagte Mette und wurde blaß vor Aufregung. Vielleicht war es wieder eine Dummheit. Vielleicht hätte sie „ja“ sagen sollen ...
„Aber uneigentlich ja“ – sagte Olga und schob ihre Hand in Mettens Arm. „Kommen Sie eine Stunde mit hinauf. Oder haben Sie etwas zu versäumen? Nein? Na also! Warten Sie – ich muß nur noch zu meinem Freund an der Ecke, mir Zigaretten holen – gehen Sie mit?“
Nie in ihrem Leben hatte Mette einen so reizenden kleinen Tabaksladen gesehen, wie dies Geschäft an der Ecke. Nie war ein Mensch so auf den ersten Blick gewinnend gewesen, wie dieses weißhaarige, schmunzelnde Männchen mit den dürren, zittrigen Händen, bei dem Olga Radó ihre Zigaretten kaufte – – –
* * * * *
Olga saß vor dem breiten Diplomatenschreibtisch aus schwarzgebeiztem Eichenholz im Lutherstuhl, die Beine übereinander geschlagen, ein wenig vorgebeugt, beide Ellenbogen auf den hohen Seitenlehnen.
Mette saß ihr gegenüber im Sessel. Ihr war ein wenig zumute wie beim Examen. Irgend etwas in ihrem Innern straffte sich auf, biß gleichsam die Zähne zusammen und sagte: Ich will bestehen. Ich will bestehen.
Eine Weile ging es ganz gut. Sie sprachen von den Möbius-Mädeln und von Erika Hannemann und Tante Konsul. Und Mette erzählte von zu Hause, von Tante Emilie und von den schönsten Tagen ihrer Kindheit – von dem Gut und dem Gartenhäuschen aus Birkenrinde und dem Brückchen aus Birkenstämmen, das über ein ganz kleines Wässerlein führte – und von den Perlhühnern, die immer auf die Veranda kamen, wenn gefrühstückt wurde ...
Und dann sagte Olga plötzlich:
„Sagen Sie mir bloß, wie kommen Sie eigentlich zu der Freundschaft mit meinen sogenannten Cousinen?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Mette – „Tante Emilie ...“
„Ich will nichts gegen sie sagen,“ sagte Olga rasch, „es sind herzensgute Kinder. Aber langweilen Sie sich nicht zu Tode in diesem beständigen Verkehr?“
„Ja,“ gab Mette zu, „aber ich langweile mich eigentlich immer.“
„Hören Sie, das ist ja furchtbar!“ sagte Olga ernsthaft erschrocken. „Ich möchte lieber tot sein, als mich langweilen. Haben Sie denn keinen anderen Menschen als Fanni und Emmi und Tante Emilie?“
„Nein“ – sagte Mette zögernd. „Es liegt wohl an mir. Ich habe nie eine Freundin gefunden. Aber ich habe auch nie eine gemocht.“
„Es ist nicht leicht“ – sagte Olga nachdenklich. „An unseren besten Freunden gehen wir meist um ein paar Jahrhunderte vorüber. Von manchen wissen wir. Wenn wir von ihnen lesen oder ihre Bilder sehen. Aber das sind doch nur die wenigsten. Und von denen, die nach uns geboren werden, wissen wir gar nichts. Darum beneide ich die Schaffenden so. Sie können denen, die nach ihnen kommen, einen Gruß zuwinken. Sie können sich selbst festhalten in Worten, in Bildern, in Taten. Ja, in Taten auch. Das ist dann wie ein Schrei: So bin ich! So war ich! Habt mich lieb! Und wenn sie bei ihren Lebzeiten niemand gefunden haben, so wird vielleicht in hundert Jahren einer geboren, oder in zweihundert, der sie liebt, so wie sie geliebt sein wollten. Der sie versteht, so wie sie verstanden sein wollten. – Wir armen Hunde – wenn wir tot sind, werden wir ganz gewiß nicht mehr geliebt. Nicht in zehn Jahren mehr, ach, nicht in zehn Monaten. Ich möchte manchmal ...“
Ihre Augen standen tief dunkel und drohend unter den zusammengezogenen Brauen.
Sie brach ab und setzte mit einer anderen Stimme wieder ein:
„Wissen Sie, unter den Menschen der Renaissance sind sehr viel sympathische Leute. Man hätte doch wohl vier, fünf Jahrhunderte früher leben müssen. Ich wäre ganz sicher mit Margherita Sforza befreundet gewesen. Ich hab’ vorhin gerade so eine famose Geschichte von ihr gelesen, wie sie ihrem Bruder seine Besitzungen erhielt, als Julius Cäsar gegen sie abgeschickt wurde.“
In Mettens Kopf erhob sich ein Wirbel, der einem Schwindelgefühl nicht unähnlich war.
Renaissance – das war ihr ein vertrauter Begriff.
Mit dem Namen Sforza verband sie eine dämmernde Vorstellung.
Aber – „Julius Cäsar?“ murmelte sie fassungslos.
Olga lachte: „Nein, nein, nicht _der_! Julius Cäsar von Capua.“ Und dann setzte sie gleich wie begütigend hinzu: „Ein kleines, dummes Fürstchen! Sie brauchen ihn nicht zu kennen.“
„Ach,“ seufzte Mette aufrichtig, „ich kenne so viele nicht, die ich kennen müßte.“
„Na,“ sagte Olga, „es wird so schlimm nicht sein. Die Königin Johanna kennen Sie doch?“
„Welche?“ fragte Mette ratlos. „Ich kenne nur die Erzählungen der Königin von Navarra ...“
„Die kennen Sie hoffentlich nicht!“ sagte Olga belustigt. „Im übrigen war das eine Margarete. Aber die Sforza kennen Sie doch?“ Sie fragte so zart, so zuredend, als spräche sie zu einem Kinde, dem man nicht wehtun will.
„Ich weiß nicht ... nein ... ja ...“
„Na, was wissen Sie von ihnen?“
„Nichts“ – sagte Mette verstört –, „nur das Bild von Rubens – das kleine Mädchen mit der Leberwurst ...“
Olga horchte einen Augenblick mit hochgezogenen Brauen, als dächte sie nach. Dann lachte sie laut und lustig, so lustig, wie Mette sie noch nie hatte lachen hören. Aber merkwürdigerweise tat diese Lustigkeit Metten nicht weh, obgleich sie sich über ihre eigene Unempfindlichkeit wunderte. Es war so hübsch, Olga Radó so herzlich lachen zu sehen. Auch dann, wenn man selber ausgelacht wurde.
„Mädchen!“ rief Olga immer noch lachend. „Wie sieht das in deinem Gehirn aus! Ach! Da möcht ich einmal Ordnung schaffen!“
„Tun Sie das!“ sagte Mette glühend. „Bitte, bitte, tun Sie das!“
Olgas Gesicht wurde einen Augenblick ernst und nachdenklich.
„Nein, nein,“ sagte Mette sofort erschrocken, „das war eine Unverschämtheit. Sie sind ja schließlich nicht unsere Gouvernante!“
„Kind!“ sagte Olga, und legte mit einem raschen Sichvorbeugen ihre Hand auf Mettens. „Sind Sie so empfindlich? Das galt doch gar nicht Ihnen! Wollen Sie lesen lernen bei mir? Weiter kann ich Ihnen ja auch nix beibringen! Kommen Sie, ja? Kommen Sie zu mir herauf, sooft Sie wollen, bis es Ihnen langweilig wird.“
„Nie!“ sagte Mette, als spräche sie einen heiligen Eid.
„Aber wissen Sie, ehe wir uns irgendwo festhaken, müssen Sie erst mal einen Überblick haben. Sie müssen sich durch eine Weltgeschichte durcharbeiten. Soll ich Ihnen den Schlosser mitgeben? Es sind achtzehn Bände. Immer einen Band nach dem andern. Ja – Mädel, da hilft dir kein Gott! Wenn du weiter nix tust, kannst du gut hundert Seiten im Tag lesen – ach mehr – und wenn du fertig bist – alle drei, vier Tage – je nachdem – kommen Sie her und tauschen sich den Band ein und trinken hier Tee, und wir plaudern ein bissel. Gell, ja? Wollen wir’s so halten?“
So fing es an. – – –
* * * * *
Und so ging es eine ganze Weile.
Mette las mit einem Feuereifer die Bücher, die Olga Radó ihr gab. Und wenn sie das Buch sinken ließ, mit brennendem Gesicht, dann war ihr, als ob Olga ihr gegenüber säße, und sie fing an, lange Gespräche mit ihr zu führen. Auf jeder Seite stand etwas, etwas Grauenhaftes oder Schönes, etwas Merkwürdiges oder Unverständliches, irgend etwas, was sie Olga erzählen, wonach sie Olga fragen mußte.
Manchmal führte sie diese Gespräche auch in Wirklichkeit, manchmal sprach sie das aus, was sie sich in Gedanken zurechtgelegt hatte, sagte, was zu sagen sie sich vorgenommen hatte – aber nur selten.
Es war das sonderbar Beglückende und Überraschende, was Mette wohl empfand, aber sich viel, viel später erst klarmachte: daß man Olga Radó nicht führen konnte. So stark waren ihre Gedanken, ihre Stimmungen, daß sie im ganzen Zimmer eine Atmosphäre schufen, in der es unmöglich schien, anderer Laune zu sein als sie. Und wer kein Gefühl dafür hatte und einen anderen Ton anschlug als den, in dem Holz und Glas und Luft und Seide leise zu schwingen schienen, der erweckte eine schreiende Dissonanz.
Mette spürte das später manchesmal, wenn Fremde ins Zimmer kamen. Sie selbst rief nie, nicht in den ersten Tagen, einen Mißklang hervor, weil sie still war, weil sie sich selbst ausschaltete, um halb unbewußt und doch beinah ängstlich jede Schwingung aufzufangen, die in der Luft zitterte.
Im Anfang war es halb unbewußt. Sie kam sich so bodenlos klein und dumm vor, daß sie kaum wagte, in Olgas Gegenwart einen Gedanken für sich zu haben. Später, als ihre gesunden Nerven längst fein und dünn bis zum Zerreißen ausgespannt waren, hatte sie es zu einer bewußten Meisterschaft gebracht. Sie pflegte manchmal scherzend zu sagen:
„Heut mußt du in sehr schlechter Laune die Straße entlang gegangen sein. Die Häuser schneiden jetzt noch Fratzen hinter dir her!“ – –
Es war das dritte- oder viertemal, daß Mette oben war. Olga lag auf dem Diwan und rauchte so ununterbrochen, daß die blauen Wolken Mühe hatten, sich zum Fenster hinauszuschieben.
Mette saß im Sessel und las ihr Jean Paul vor:
„Einen anderen freilich, wenigstens den Leser und mich, würde die durchsichtige Nacht, womit sich der April beschloß, die weite Stille, auf welche die Trommelstöcke schlugen, die Sehnsucht nach dem Geliebten, mit welchem der Morgen wieder das öde Herz und das zerstückte Leben ergänzte, alles dieses würde uns beide mit sanften Bebungen und Träumen erfüllt haben ...“
„Bitte, laß!“ sagte Olga gequält und preßte die Hand gegen die Schläfen. „Sei nicht böse, ich kann es heut’ nicht vertragen, sei lieb, Kind, da oben steht der Walt Whitman – im obersten Fach – weiter nach rechts – oder nein, laß – geh mal nebenan an meinen Toilettentisch, da liegt eine silberne Bürste – nein, die mit dem Stiel – die bring mal her.“
Mette brachte gehorsam die Bürste.
Olga nahm sie ihr aus der Hand, ohne sich aufzurichten und schlug mit dem Rücken einen kräftigen Daktylus gegen die Wand, nach kurzer Pause noch einen und einen dritten.
Mette lachte. „Muß dazu die Bürste sein?“
„Ja,“ sagte Olga. „Das ist mein Morseapparat. Nach langjähriger Erfahrung der beste. Was soll ich nehmen? Das Tintenfaß geht doch nicht gut. Ein Buch gibt keinen Schall, wär’ mir auch zu schade ...“
Währenddessen klopfte es an die Tür.
„Ja, ja, ja!“ rief Olga.
Die Tür wurde nur halb geöffnet, und ein blonder Männerkopf schob sich durch den Spalt.
„Ah, Besuch?!“ sagte eine hohe, dünne, heisere und trotzdem nicht unangenehme Stimme.
„Komm rein, Peterchen,“ sagte Olga, „es ist nur die Mette.“
Das Wort gab Metten ein großes Glücksgefühl. Es gab ihr eine gewisse Heimatsberechtigung in diesem Zimmer, wo nur _geduldet_ zu sein, schon Stolz und Freude war.
Der kleine Mann, der seinen zarten und verwachsenen Körper durch die Tür schob, kannte sie, wußte ihren Vornamen, wußte, daß sie „nur“ die Mette war – das war keine Beleidigung in diesem Falle, sondern eine Erhöhung. „Nur die Mette“ – das hieß: kein Besuch, niemand Fremdes, jemand, der dazugehört, der nicht störend wirkt – es ist so gut, als ob ich allein bin.
Mettens ganze Sympathien flogen dem kleinen Mann entgegen. Vielleicht, wenn es ein stattlicher, schöner Mensch gewesen wäre, hätte sie sich in einem Gefühl der Eifersucht gegen ihn gewehrt. Aber er war nichts weniger als schön, trotz seiner sanften blauen Augen und seiner feinen gepflegten Hände.
Mette liebte ihn vom ersten Augenblick an, wie sie den Zigarrenhändler an der Ecke liebte, mit einer fast zärtlichen Liebe.
Diese erste Begegnung war der Anfang einer treuen und langjährigen Freundschaft.
Otto Petermann war im allgemeinen gewiß nicht geneigt, sich selbst oder Neigungen, die seiner Persönlichkeit galten, zu überschätzen – aber ob es nicht doch manchmal Momente gab, in denen er glaubte, Mettens Gefühle ihm gegenüber für etwas anderes als ihre Liebe für den kleinen Zigarrenhändler halten zu dürfen?
„– Peterchen,“ sagte Olga, „hol’ die Geige und spiel’ uns was!“
„Ja, was?“ fragte Petermann.
„Etwas Anständiges. Für das kleine Mädchen ist nichts zu schade.“
Und Petermann spielte. Spielte das, was sie beide am meisten liebten, Olga und er, und was er nicht spielen wollte und nicht spielen durfte, wenn ihn Leute hörten, für die es „zu schade“ war.
Mette saß ganz still. Ihr war, als ob die Töne sie wie ein sanft flutender Strom dahintrügen, immer weiter, immer weiter, alles blieb zurück, die graue, schmutzige Stadt, ein Gemenge von keifenden und johlenden Leuten – blieb zurück, wurde kleiner, verschwand im Nebel, immer klarer wurde die Luft, immer reiner, immer tiefer das Wasser, immer lieblicher, immer freier die Ufer. Eine Insel tauchte auf, blühende Bäume ließen ihre tief herniederhängenden Zweige von den ziehenden Wellen tränken.
„Das ist die selige Insel,“ dachte Mette. „Nur Könige wandeln auf dieser Insel. Nur Könige trägt unser Schiff. Aber ich werde mitgenommen. Ohne all mein Verdienst und Würdigkeit. Ich will dankbar sein. Mein ganzes Leben lang. Vielleicht werde ich über Bord geworfen, eh wir an Land gehen. Aber nun weiß ich den Weg. Dann will ich versuchen zu schwimmen oder will untergehen. Aber ich will nicht mehr zurück. Nie, nie, nie mehr zurück!“ – – –
* * * * *
Peterchens Geige sang noch durch die Dämmerung.
An diesem Tage kam Mette das erstemal zu spät zum Abendessen nach Hause. Die lange, erregte und boshafte Rede, mit der Tante Emilie sie empfing, machte ihr den Eindruck, als ob schmutziges Wasser über sie ausgegossen würde. Sie schüttelte sich vor Ekel, aber sie empfand keinen Schmerz. – – –
* * * * *
Auf Olga Radós Schreibtisch stand ein schöner Kasten aus schwerem, kantigem Kristall mit einem glatten Silberdeckel. Er war fast immer leer; denn die Zigaretten wurden so schnell aufgeraucht, daß es nicht lohnte, sie aus der Originalpackung herauszunehmen.
Eines Abends nahm Olga wieder einmal die letzte von fünfundzwanzig aus der Schachtel.
„O weh – das ist bös – Mette, sieh mal auf dem Schreibtisch nach – da sind natürlich auch keine ... ich bin doch ein Schaf!“
„Ich spring’ schnell hinunter und hole welche!“
„Nein, laß, du sollst nicht darum die Treppen laufen – wart’, gib mir einmal die Handtasche ’rüber. In meinem Etui müssen noch welche sein!“
Olga lag wieder auf dem Diwan, richtete sich halb auf, kramte Schlüssel, Taschentücher, Briefe aus der Tasche heraus und öffnete schließlich das Etui.
„Hurra! _Dieu soit loué!_ Bei weiser Einteilung können wir durchhalten bis morgen früh! Magst du?!“
Sie reichte das offene Etui hinüber.
„Nein,“ sagte Mette, „ich verzichte liebend gern, sonst reichen sie am Ende doch nicht bis morgen.“
„Engel!“ sagte Olga und drückte das Schloß zu. „Mein einziger Trost ist, daß du dir nicht allzuviel daraus machst.“
„Darf ich einmal das Etui sehen?“ fragte Mette.
„Da, mein Engel!“ Olga gab es ihr. „Ist es nicht schön?“
Mette drehte das glatte, spiegelnde Gold in behutsamen Händen. „Es ist unglaublich schön. Ich mag auch die breite, niedrige Fasson so schrecklich gern. Aber was soll der Krebs? Ist das ein Wappentier?“
„Mein Wappen!“ lachte Olga. „Das Wappen meiner Familie. Es bedeutet, daß es mit uns den Krebsgang geht.“
„Nein ...“ sagte Mette zögernd und wurde rot.
„Nein? Woher weißt du? Aber nebenbei ist es leider kein so nützliches und angenehmes Tier. Es soll ein Skorpion sein.“
„Pfui!“ sagte Mette. „Und warum so ein Ungeheuer? Aus einer besonderen Vorliebe heraus?“
Sie vermied es, wo sie nur konnte, eine direkte Anrede zu gebrauchen.
„Ja,“ sagte Olga. „Man hat dies Etui einmal für mich machen lassen, weil ich gesagt habe, der Skorpion ist das anständigste Tier von der Welt. Er ist mein Lieblingstier.“
„Das ist nicht Ihr Ernst!“ rief Mette erschrocken.
„Doch, Fräulein Rudloff. Im übrigen möchte ich nur bemerken, daß das Dienstbotenniveau ist, sich von einem Menschen Du nennen zu lassen, ohne ihm ebenso zu erwidern.“
„Aber Sie sagen zu allen Menschen du,“ sagte Mette verlegen.
„Ja, und ich unterscheide die Leute danach, ob sie sich das gefallen lassen und mich weiter begnädigen, oder ob sie selbstverständlich darauf eingehen. Wenn du denkst, ich mache deinetwegen eine offizielle Angelegenheit daraus mit Anstoßen und Bruderkuß, dann irrst du dich. Wenn du noch ein einziges Mal Sie sagst, muß ich annehmen, daß dir diese Familiarität lästig ist, und dann bleibt mir nichts übrig, als dich gnädiges Fräulein zu nennen oder dir einen harten Gegenstand an den Kopf zu werfen. Es ist nebenbei doch mein Ernst – mit dem Skorpion. Weißt du nicht, daß er der einzige Selbstmörder unter den Tieren ist? Er _läßt_ sich nicht von menschlicher Neugier und Grausamkeit langsam zu Tode quälen. Er kämpft wie ein Wahnsinniger – und wenn er weiß, daß keine Rettung mehr ist, bringt er sich um. Ist das nicht fabelhaft?“
Olga hatte sich aufgerichtet. Ihre Augen sahen groß und dunkel an Metten vorüber. Auf ihrem schönen, blassen Gesicht lag ein seltsamer, schmerzlich-heroischer Ausdruck.
Mette erschrak. „Und du?!“ sagte sie und faßte mit einer unwillkürlichen Bewegung nach Olgas Hand. „Hast du es darum zu deinem Wappentier gemacht?“
Olga lächelte ein weiches, gutes Lächeln.
„Schäfchen,“ sagte sie, „das hat einen ganz anderen Zusammenhang. Ich sollte ein Skorpion sein, weil ich einen giftigen Stachel hätte. Weil ‚mein Witz Skorpionstich‘ wäre. Ein Mensch, der mich liebte, hat das einmal behauptet. Und hat behauptet, wenn ich in die Enge getrieben würde, richtete ich den Giftstachel gegen mich selber und zerfleischte mich. Ich weiß nicht, ob das wahr ist. Es macht mir im Grunde keinen Spaß, über mich nachzudenken. Aber dieser Mensch sah mich so. Und darum ließ er mir das Etui machen. Schau“ – sie machte es auf. Die kleinen Rubinen, aus denen der Skorpion geformt war, waren _à jour_ gefaßt. Die Zeichnung war auch auf der Innenseite deutlich. Und direkt darunter war der Namenszug eingraviert: Olga Radó.
Mette schalt sich selber töricht, aber sie konnte es nicht hindern: Ihr Herz war zum Springen voll von einer brennenden Eifersucht gegen diesen fremden Menschen, der Olga Radó liebte und ihr goldene Zigarettenetuis schenkte.
„Eine schöne Handschrift!“ sagte sie gedankenlos.
„Es ist nicht meine,“ sagte Olga. Sie schloß langsam das Etui und legte die glatte Fläche mit einer weichen Geste an die Wange.
„Es ist so schön. Ich liebe es so. Und ich bin so froh, daß ich es lieben kann ... Es war ein Abschiedsgeschenk ... und es war ein so schöner Abschied.“
In Metten regte sich qualvoller Widerspruch.
„Ein schöner Abschied!“ sagtet sie bitter. „Gibt es so etwas auch?“
Olga richtete sich hastig auf.
„Ja, Mette,“ sagte sie voll Eifer. „Und es sollte es noch viel, viel öfter geben. Es ist ein Unglück, daß die Leute nicht verstehen, auseinanderzugehen. Lern’ es, Mette, lern’ es beizeiten.“
„Nein,“ sagte Mette verstockt, „ich werd’ es wohl niemals lernen. Leute, denen die Liebe nur ein Spiel ist, die können sich auch aus dem Abschied ein Spiel machen.“
„Mette,“ sagte Olga ernst, „du bist ein Kindskopf. Glaubst du, daß das ein Beweis großer Liebe ist, wenn ich mich an einen Menschen klammere, bis er meiner überdrüssig ist? Ich will lieber zehntausend Tode sterben, als einem Menschen lästig sein, den ich liebe. Es ist keine Kunst, einen Anfang zu finden. Ich glaube, daß jeder Mensch jeden Menschen erobern kann. Und immer wird der Anfang schön sein. Und immer das Ende scheußlich, bitter, qualvoll, ekelhaft. Es ist eine schwere Kunst, ein Ende zu machen. Zur rechten Zeit. Und auf die rechte Art. Lern’ es, Mette, lern’ es beizeiten!“ – – –
* * * * *
Die drei saßen zusammen: Peterchen, Mette und Olga.