Part 3
„O Verzeihung!“ sagte sie so bedauernd, als hätte sie ein wirkliches Unrecht abzubitten, während ein halber Blick die Aschenschale mit dem verglimmenden Streichholz streifte. Rasch, fast eilig nahm sie aus ihrer Tasche ein kleines goldenes Feuerzeug, strich es an und reichte Metten das Flämmchen hinüber. In ihren Bewegungen, die die einfachsten, die ungezwungensten von der Welt waren, lag ein eigener Ausdruck.
Es war weit mehr als Höflichkeit, und doch lag keine Spur von Unterwürfigkeit darin. Es war eine Mischung von Zuvorkommenheit und Zurückhaltung, von Adel und Dienstbeflissenheit, die man nicht gut anders als mit dem Wort „chevaleresk“ bezeichnen konnte.
Sie bot auch den andern Zigaretten und Feuer.
„Raucht, Kinder, raucht! Wenn die Mutter nachher schimpft, bin ich’s gewesen.“
Sie hielt immer noch den kleinen schwarzen Hund auf den Knien und blies ihm den Zigarettenrauch um die Nase. Der Hund schnitt possierliche Grimassen, und sie bemühte sich, ihm nachzumachen. –
Sie hatte überhaupt die Angewohnheit, ihr Gesicht zu verzerren, ohne im geringsten Rücksicht darauf zu nehmen, ob es sie kleidete oder entstellte, so daß man sich manchmal qualvoll danach sehnte, das allzu lebhafte Mienenspiel zu unterbrechen, um die regelmäßige Schönheit der Züge genießen zu können.
Nur sagen durfte man ihr das nicht, sonst bekam sie es fertig, ohne Aufhören die greulichsten Fratzen zu schneiden.
Der Hund rümpfte die Nase, drehte den Kopf und hustete und prustete in beleidigter Würde.
„Ihr dürft eure Sophonisbe nicht so verfüttern, Kinder!“ sagte Olga. „Sie hat ja schon Asthma vor Fettsucht, das arme Viech!“
Die Mädchen lachten kreischend auf.
„Sophonisbe! Wie kommst du nur auf Sophonisbe?“
„Er heißt doch Mäuschen.“
„Er?“ sagte Olga spöttisch und legte das zappelnde Tier mit einem festen Griff auf den Rücken. „Er ist ganz bestimmt eine Sie. Und sie sieht aus wie Sophonisbe!“
Die Mädchen erröteten bis über die Ohren und kicherten nur noch in gedämpften Tönen.
„Nein, Olga, wie du aber auch bist!“
„_Warum_ sieht sie aus wie Sophonisbe?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Olga plötzlich müde. Ihr Gesicht war einen Augenblick ganz ruhig, ihre Augen sahen irgendwohin, an den Mädchen vorüber, durch die Wände hindurch.
„Danach dürft ihr mich doch nicht fragen. Auf die Frage: Wie? kann ich manchmal antworten, aber niemals auf die Frage: Warum?“
Sie zog den Hund wieder in die Höhe und versuchte, ihm die Zigarette in die Schnauze zu stecken.
„Magst du rauchen, Sophonisbe? Da! Schmeckt’s, Alterchen?“
Der Hund drehte den Kopf und leckte mit der Zunge nach ihrer Hand, die ihn im Genick festhielt. Mit einer Gebärde des Widerwillens warf sie die Zigarette in die Aschenschale und ließ den Hund auf die Erde gleiten.
„Du mußt dem Köter das Lecken abgewöhnen, Fanni,“ sagte sie. „Ich sehe dich ja doch noch am Hundewurm zugrunde gehen.“
„Ach, Unsinn!“ sagte Fanni und nahm den beleidigten Hund zärtlich in die Arme. „Mein Hund hat keine Würmer! Nicht wahr, Mäuschen, wo du doch so schön rein gehalten wirst?“
Der Hund schnupperte zärtlich nach ihrem Gesicht.
Olga zog die Brauen zusammen und machte eine hastige Bewegung, als wollte sie ihr den Hund wegnehmen. Aber sie unterbrach sich und lehnte sich in den Schaukelstuhl zurück.
„Meinetwegen,“ sagte sie, „der Mensch muß an dem zugrunde gehen, was er liebt. Mir wär ja so ein Köter das nicht wert. Aber wenn es dir Vergnügen macht. Schließlich, ob du nun am Echinokokkus krepierst, oder ob dich nachher ein Liebster oder kirchlich angetrauter Gatte mit Syphilis behaftet ...“
Die drei Mädchen kriegten glühendrote Köpfe und fingen an zu kichern.
Auch Olga Radó wurde rot. Aber es war eine andere Art zu erröten. Die hellen Gesichter der blonden Mädchen waren wie gedunsen vom Blut und vom unterdrückten Lachen. Über Olgas Gesicht lief das tiefe Rot wie ein flüchtiger Schatten, wie eine Wolke, die für einen Herzschlag selbst die Augen verdunkelte.
„Gänse!“ sagte sie zornig, „da ist doch, weiß Gott, nichts zu lachen.“
Die Mädchen wollten sich entschuldigen und konnten vor Prusten und Kichern nicht reden.
Olga hob die Hand und ließ sie fallen – durch die abendliche Dämmerung leuchtete die lange, schmale Hand mit einem seltsamen Glanz wie Silber oder Perlmutter – mit einer Geste, die ganz deutlich „Ach, laßt doch!“ sagte, so deutlich, als stände es in der Luft geschrieben.
Sie saß jetzt ganz vornübergebeugt. Ihre Hände lagen wie müde zwischen ihren Knien. Sie starrte hinaus in das blaue Dämmerlicht und das knospenbedeckte Gewirr der braunen Zweige.
Sie schwiegen alle eine Weile. Dann fingen Emmi und Erika ein Gespräch an, im Flüsterton, als wagten sie kaum, sich bemerkbar zu machen.
So plötzlich stand Olga auf, daß der Schaukelstuhl nach rückwärts flog.
„Macht Licht an!“ sagte sie beinah herrisch. „Ich werd’ euch die Karten legen!“ –
Sie saß am Tisch unter der Lampe. Das gelbe Licht fiel schimmernd auf ihr Haar und auf ihre hellen Hände, die mit raschen Bewegungen die Karten mischten und ausbreiteten.
„Wem zuerst? Dir, Fanni? Dann mußt du abheben – dreimal – so! Muß ich nun auch erst Hokuspokus sagen, oder glaubt ihr mir so? – Die Karodame bist du – da liegt ein schwarzer Jüngling – da liegt eine Reise, in der Vergangenheit – ein heimlicher Brief – in der nächsten Woche – oh, Ärger im Haus – das hängt mit dem Brief zusammen – Trennung – viele Tränen – siehst du die Treffzehn? – Da liegt eine große Veränderung – eine neue Bekanntschaft – ein blonder Herr – Verlobung und Heirat – viel Glück ins Haus – aber der Schwarze liegt doch dazwischen – neben dem Blonden liegt Reichtum und große Ehre ...“
Die Mädchen horchten in fieberhafter Spannung, Fanni preßte die Hand mit dem Taschentuch vor die Zähne und kniff Emmi bei jedem Wort in den Arm, während Emmi und Erika mit mühsam unterdrücktem Gekreische in halb artikulierte Rufe ausbrachen, die man ganz gut als „Max“ und „Travemünde“ deuten konnte.
„Ich glaube nicht an Kartenlegen,“ sagte Erika Hannemann überlegen, „aber aus der Hand wahrsagen, da ist schon eher was dran. Meinem Vetter hat mal eine Zigeunerin gewahrsagt ...“
„Kannst du aus der Hand wahrsagen?“ schrie Emmi. „Ach, bitte, bitte, Olga, kannst du nicht aus der Hand wahrsagen? Oder besser aus den Karten?“
„Ich kann auch aus der Hand wahrsagen,“ sagte Olga, „genau so gut wie aus den Karten.“
Sie nahm Emmis kleine, rundliche Hand und zog gedankenvoll die Linien nach.
„Die Lebenslinie ist ganz, siehst du? Du wirst ein langes Leben haben – aber die Linie des Hirns ist zerschnitten – die Linie des Tisches hast du überhaupt nicht – – –“
„Was bedeutet die?“ forschte Emmi dringend.
„Je nachdem – Güte oder Bosheit – du bist jenseits von gut und böse.“ Dabei zuckte es um ihre Mundwinkel. „Aber hier, Ordnung und Sparsamkeit, die sind sehr ausgeprägt bei dir – das scheinen deine Haupteigenschaften –“
Jetzt war die Reihe zu lachen an Fanni.
„Aber nimm dich nur in acht, dir steht eine unglückliche Liebe bevor – in Verbindung mit einer Kunst – mit Musik, glaub’ ich ...“
Emmi wurde blutrot und Fanni tanzte auf einem Bein herum und schrie:
„Wassermüller, Wassermüller!“
Das war der Klavierlehrer.
Mette war befangen in einem sonderbaren Zwiespalt. Sie hätte so gern sich wahrsagen lassen – schon, um die schöne Frau anreden zu dürfen.
Dabei schien es ihr aufdringlich, sie zu belästigen. Sie wollte auch nicht gern für abergläubisch gehalten werden.
Olga Radó belustigte sich sicherlich über den Feuereifer, mit dem die Mädels bei der Sache waren. Und dann wieder hatte Mette eine Angst, die sie selbst kindisch schalt: so, als wäre doch vielleicht ein geheimnisvoller Zauber in dieser Spielerei, und es könnte klar und deutlich eine furchtbare Eigenschaft in ihrer Handfläche stehen, eine, die sie selbst nicht kannte, oder ein entsetzliches Schicksal.
Vielleicht würde die schöne Zigeunerin vor Schreck erblassen und sagen: „Quälen Sie mich nicht, ich kann Ihnen die Wahrheit nicht sagen, die da zu lesen ist.“
Und plötzlich stand sie doch neben Emmi und streckte die Hand aus und sagte:
„Ach, bitte, bitte, mir auch!“
Olga sah zu ihr auf, und zum erstenmal trafen sich ihre Augen und blieben für ein paar Sekunden ineinander haften.
Olga lächelte. Und Metten wurde bewußt, daß sie dies Lächeln zum erstenmal sah. In dem fortwährend wechselnden Mienenspiel blieb das Gesicht fast immer ernst. Sie runzelte die Brauen, kniff die Augen zusammen, schob den Unterkiefer vor, legte die Zähne auf die Lippe, zuckte mit den Nasenflügeln, verzog die Mundwinkel in leichtem Spott, aber sie lächelte sehr selten. Jetzt zum erstenmal lächelte sie, lächelte Metten an, und es schien wirklich, als ob das ganze Gesicht seltsam erhellt wurde von einem plötzlich durchbrechenden Licht.
„Aber, Mädelchen!“ sagte sie halblaut mit ihrer tiefen Stimme. „Von Ihnen weiß ich doch nix! ...“
Als sie nachher auf der Diele nebeneinander standen und vorm Spiegel die Hüte aufsetzten, sah Mette mit einer unerklärlichen Freude, daß sie fast ebenso groß war wie Olga Radó, viel größer als die drei blonden, rundlichen Mädels.
Sie gingen zu dritt die Treppen hinunter und ein Stück die Straßen entlang. Erika Hannemann führte das Gespräch.
„Nein, wie Sie das wissen konnten, Fräulein Radó, von Travemünde die Sache und von Wassermüller ... von Fannis Max weiß ich ja alles, weil ich es direkt miterlebt habe – ich war ja auch in Travemünde ... kennen Sie es? – Ach, Travemünde ist entzückend ... Ich möchte dies Jahr zu gern wieder hin, es hat so feines Publikum, soviel gute Hamburger und Lübecker Familien ... aber meine Eltern wollen ins Gebirge ... ins Salzkammergut, glaub’ ich ... wissen Sie da nicht irgendeinen hübschen Ort? Aber einen, wo ein bißchen was los ist?!“
Olga Radó sagte von Zeit zu Zeit: „Ja, nicht?“ – „nein!“ – „so!“ – „ach!“ – „nein!“ –
Mette schwieg.
An irgendeiner Ecke nahm Erika Hannemann Abschied und bog links um.
Olga und Mette gingen eine Weile schweigend mit raschen Schritten nebeneinander her.
Mette hätte längst abbiegen müssen, wenn sie auf dem nächsten Weg nach Hause wollte. Sie kam sich aufdringlich vor, daß sie immer noch nebenher lief, aber sie war viel zu froh, daß Erika endlich fort war – so, als sei nun die Luft reiner geworden und man könne freier ausschreiten – es war eine Freude, sich dem Takt dieser schönen und gleichmäßigen Schritte anzupassen, und sie tröstete sich damit, daß ja niemand wußte, wo sie wohnte, und daß sie ein Recht auf die Straße hatte, gerade so gut wie jeder andere auch.
Mette sah jedem Haus mit einer gewissen Beklommenheit entgegen: War es nun dies oder das nächste, an dem Olga Radó stehenblieb, nach einem flüchtigen Gruß hineinging, eine schwere Tür hinter sich verschloß und die Straße sehr einsam und öde hinter sich zurückließ?
Nach einem minutenlangen Schweigen sagte Olga plötzlich:
„Es war nicht richtig, in Gegenwart dieser Kälber von Syphilis zu reden, gelt? – Sie werden sehr chokiert gewesen sein.“
„Ich?“ sagte Mette und bekam einen roten Kopf.
„Nein, nein! Sie nicht! Sie – klein geschrieben – die Kälber.“
„Aber, gnädiges Fräulein! Machen Sie sich darüber Gedanken?“ Es schien Metten wirklich höchst lächerlich, sich über das Urteil der Kälber Gedanken zu machen.
„Ja doch!“ Olga Radó wandte den Kopf und heftete die Augen einen Moment lang scharf und ernst auf ihr Gesicht. „Denken Sie, ich mache mir darüber Gedanken. So etwas kann mich direkt quälen. Ich verkehre nur mit so erwachsenen Menschen, daß ich ganz die Schätzung verloren habe, was man in einer solchen Gesellschaft sagen darf. Ich glaube, die jungen Mädchen aus guter Familie dürfen von Syphilis nicht eher etwas hören, als bis sie sie selber haben.“
Mette lachte mit geschlossenen Zähnen leise auf.
„Es wäre schon zum Lachen,“ sagte Olga Radó, „wenn es nur nicht so furchtbar traurig wäre. Ich habe jetzt wieder so einen Fall erlebt. Darum komme ich mit den Gedanken nicht los davon ... Sagen Sie, war ich sehr unliebenswürdig zu dem kleinen Ekel?“
Jetzt lachte Mette hell auf.
„Zu wem?“
„Ich weiß nicht, wie das heißt. Was hier neben uns herlief. Sie sind doch nicht befreundet, gell, nein? Verzeihen Sie, das war eine dumme Frage!“
Metten war, als hätte noch nie im Leben jemand ihr ein solches Lob gespendet. Sie war stolz und dankbar zu gleicher Zeit.
„Ich bin mit keinem Menschen befreundet,“ sagte sie, ernster und schwerer, als es eigentlich ihre Absicht gewesen war.
Nun war doch das Haus da, vor dem Olga Radó plötzlich stehenblieb.
„Hier bin ich daheim,“ sagte sie, „wenn man ein Pensionszimmer ‚daheim‘ nennen darf. Aber – schließlich – was darf man so nennen? Kennen Sie die Pension Flesch?“
„Ich kenne überhaupt keine Pensionen.“
„Sie Glückliche! Sie wohnen bei Ihren Eltern!?“
„Bei meinem Vater.“
„Ach, die Pension ist ganz nett. Ich habe in schlimmeren gehaust. Kommen Sie doch gelegentlich mal hinauf zu mir und schaun’s sich meine Bude an!“
„Aber gern!“ – – –
* * * * *
Dies „gern“ war keine leicht hingesprochene Redensart.
Mette dachte in der nächsten Zeit Tag und Nacht darüber nach, wie sie es anstellen sollte, dieser Aufforderung zu folgen und Olga Radó aufzusuchen.
Sie war manchmal schon auf dem Wege, hinzugehen. Dann kehrte sie um, weil sie sich lieber vorher telephonisch anmelden wollte. Wieder schien es ihr unpassend, einen Menschen durch telephonischen Anruf zu stören. Sie wollte ihr schreiben. Aber das gab der Sache einen solchen Anstrich von Wichtigkeit und Förmlichkeit, nahm ihr alles Zufällige, Gelegentliche. Und dann – wenn sie eine höfliche Absage bekam, war ihr jede Möglichkeit genommen, einen weiteren Versuch zu machen. Wenn sie dagegen einfach hinging und sie nicht antraf, konnte sie ihre Karte mit ein paar Worten dalassen – und auf eine Nachricht warten.
Sie ging – ging bis vors Haus und ging doch wieder nicht hinauf. Aber sie ging ein paarmal die Straße auf und ab und stand sehr lange und versunken vor einigen äußerst reizlosen Auslagen. Es hätte doch sein können, daß Olga Radó zufällig gerade um diese Zeit das Haus verließ, oder besser noch, heimkam, und sie aufforderte, mit hinaufzugehen.
Außerdem pflegte Mette den Verkehr mit Möbiussens mit rührendem Eifer. Sie lud sie ein, sooft es Tante Emilie erlaubte, sie ging hin, sooft sie aufgefordert wurde; sie hatte zwischendurch hundertmal zu telephonieren, um irgendeine Verabredung festzustellen. Sie lieh sich Bücher aus, die sie holen und wiederbringen mußte und bemühte sich bei alledem, so liebenswürdig zu sein, daß Frau Konsul ganz entzückt von ihr war und Tante Emilien gegenüber nicht oft genug betonen konnte, wie Mette sich zu ihrem Vorteil verändere – was Tante Emilie meist mit einem stummen und fast beleidigten Achselzucken erwiderte.
Das ging durch Wochen so. Aber Mette verlor die Geduld nicht. Es war genug, wenn von Zeit zu Zeit ein Wort fiel, „... wie Olga immer sagt“ oder „das hat Olga so gern“. Es war genug und fast zu viel, wenn Fanni sagte:
„Gestern abend war Olga auf einen Sprung oben, ich finde, sie sieht schlecht aus!“
Oder, wenn Emmi, die sich in dieser Zeit so etwas wie eine Schwärmerei für Mette zurechtlegte, sagte:
„Mette hat so wunderschöne Hände, beinah so schöne wie Olga ...“
Ach, es war genug, den kleinen schwarzen Hund auf den Knien zu halten und ihn lachend „Sophonisbe“ zu nennen.
All das gab Hoffnung und Spannung für Tage. Mette fing in dieser Zeit an, das Leben schön zu finden.
Aber sie wußte nicht, warum. – – –
* * * * *
Eines Abends – die Mädels saßen noch im Dämmer zusammen – weil es sich besser reden ließ als beim grellen Lampenlicht, und Mette ließ sich zum drittenmal die Geschichte von Max und Travemünde erzählen, und wie es „angefangen“ hatte – schrillte die Klingel, und ein paar Sekunden später klang im Nebenzimmer mit Frau Konsuls dünnem, sanftem Organ die tiefe, tönende Stimme, die Metten ein Erschrecken bis ins Herz jagte.
Sie kannte diese Stimme so genau und fürchtete doch, daß sie sich täuschen könnte. Sie wollte fragen: „Ist das nicht Olga?“ und fürchtete, ein „Nein“ als Antwort zu bekommen. Und mehr als alles fürchtete sie, daß dies Gespräch nebenan verstummen könnte – daß die Türen gehen könnten und es nachher heißen würde: „Eben war Olga auf einen Moment hier“.
Die Stimmen verstummten nicht. Sie wurden lauter, kamen näher, die Tür wurde rasch und weit aufgemacht, und im Rahmen stand Olgas hohe Erscheinung, abgehoben von dem gelben Licht, das das Nebenzimmer füllte, wie ein gedunkeltes Bild von goldenem Grund.
„Kinder, wollt ihr morgen bei mir Tee trinken?“ rief sie in das dunkle Zimmer. „Ich habe ‚Kugler‘ geschickt bekommen.“
Die beiden Möbius-Mädchen juchten auf.
Emmi rückte einen Stuhl und wollte Olga hineinziehen, aber die wehrte ab und ließ die Hand nicht von der Türklinke.
„Nein, nein, Kinder, ich habe keine Minute Zeit. Aber kommt morgen zeitig, um vier, halb fünf spätestens, ich muß abends in die Oper.“
Mette rührte sich nicht. Als die Tür aufging, hatte sie ein halblautes „Guten Abend“ gesagt. Nun schien es ihr aufdringlich, sich irgendwie bemerkbar zu machen. Vielleicht hatte Olga sie in ihrer dämmerigen Ecke gar nicht gesehen. Vielleicht hatte sie sie aber auch nicht sehen wollen. Es wäre ja begreiflich gewesen. Aber irgend etwas tat weh dabei.
„Wollen Sie nicht mitkommen, Fräulein Rudloff? Wenn Sie nix Besseres vorhaben – Sie sind herzlichst eingeladen ...“
„Gern!“ sagte Mette, und wurde blaß vor Freude. – – –
* * * * *
Am andern Tag brachte Mette so viel Zeit damit hin, sich anzuziehen und herzurichten, als ob sie zum Ball gehen wollte.
Tante Emilie war für Ordnung und Sauberkeit in der Kleidung, soweit das eben zur Musterhaftigkeit gehörte, aber beileibe nicht für mehr. Ein Mensch, der mit aller Gewalt hübsch aussehen wollte, der war schon halb in den Krallen des Satans.
(Ach, wie recht hatte doch Tante Emilie manchmal mit ihren Ansichten!)
Mette wollte heute mit aller Gewalt hübsch aussehen. Sie schnitt und feilte und polierte eine Stunde an ihren Nägeln. Sie versuchte dreimal eine neue Haartracht. Sie überlegte, unter welchem Vorwand sie das blaue Taffetkleid anziehen sollte, es war das gute, das neue, das einzige, in dem sie, ihrer Meinung nach, erträglich aussah. Aber Tante Emilie würde es ihr ja für einen einfachen, kleinen Nachmittagstee nie gestatten.
Tante Emilie ging _schon_ herum, als wollte sie durch fortdauernde Spionage die Bestätigung eines furchtbaren Verdachtes erbringen.
Alle paar Minuten wurde die Tür zu Mettes Zimmer aufgerissen.
„Herr Gott im Himmel! Du frisierst dich _noch_?“
Und nach fünf Minuten:
„In _welcher_ Straße ist das, wo ihr nachmittag hingeht?“
Nach zwei Minuten:
„... _noch_ dünnere Strümpfe konntest du wohl nicht anziehen?! Es ist heut absolut nicht so übermäßig warm. Ich weiß nicht, in _meiner_ Jugend war das überhaupt nicht Mode ...“
„Holen Möbiussens dich ab, oder holst du sie ab?“
„Ich würde mir doch an deiner Stelle eine Maniküre kommen lassen!“
„Wer ist denn da _noch_? _Bloß_ ihr drei?“
Angesichts dieser Inquisition beschloß Mette, lieber in Rock und Bluse zu gehen und des blauen Taffetkleides lieber gar nicht erst Erwähnung zu tun. – – –
* * * * *
Als Mette die Wohnung verlassen wollte, stand Tante Emilie mit Kapotthütchen und Regenschirm bereits an der Flurtür. Sie kam mit bis zu Möbiussens. Sie hatte schon längst die Absicht gehabt, Frau Konsul einmal aufzusuchen.
Nun sei ja sehr gute Gelegenheit. Ihrer Nichte sei doch hoffentlich die Begleitung nicht unangenehm?
Mette schwieg. Sie fühlte das lauernde Mißtrauen und glühte vor Zorn. Sie konnte keine liebenswürdige Antwort geben. Sie gingen wortlos nebeneinander her, und in beiden brannte der Haß mit schwelender Flamme. – – –
* * * * *
Mette hatte den Druck der Mißstimmung, der auf ihr lag, noch nicht abschütteln können, als sie schon längst mit den beiden schwatzenden Mädchen auf dem Weg war. Immer wieder verstärkte sich ihre Pein, wenn sie dachte: ... und ich hatte mich _so_ gefreut.
Erst als sie das Haus wiedersah, als sie die Tür öffnete, die Treppen hinaufstieg, mit dem stolzen Gefühl, vollauf dazu berechtigt zu sein, da schlug die Freude wieder in ihr hoch, wie eine helle Flammenlohe durch Qualm und Rauch.
Mette brannte vor Neugier, das Zimmer zu sehen. Als das zierliche Hausmädchen sie durch den Türgang führte, empfand sie ein Gefühl, dem ähnlich, mit dem sie als Kind im Theater vorm geschlossenen Vorhang gesessen hatte, wenn die Musiker anfingen, ihre Instrumente zu stimmen.
Das Zimmer lag fast im Dunkel. Rolläden und Vorhänge waren so fest geschlossen, daß kaum ein Schimmer des regnerischen Tages die Fenstervierecke heller zeichnete. Direkt neben dem kleinen, niedrigen Teetisch stand eine hohe, buntbeschirmte Lampe, die ein blendendes Licht über das weiße Tuch, über das dünne, goldgeränderte Porzellan und über ein dunkelblaues, mit gelben Primeln angefülltes Jean-Beck-Glas warf.
Von dem übrigen Zimmer konnte man auf den ersten Blick nicht viel erkennen. Die Möbel schienen schwer und dunkel, an einer Wand glänzten im ungewissen Licht lange Reihen von Bücherrücken, hie und da gleißte die Ecke eines Bilderrahmens auf oder ein Stückchen spiegelnden Glases.
Olga empfing ihre Gäste mit einer Freude, die herzlich und aufrichtig schien.
Metten erschien es unbegreiflich, daß diese Frau sich nicht in kalten Hochmut wie in einen Panzer hüllte.
Die Mädchen konnten nicht aufhören, sich über die künstliche Dunkelheit zu belustigen.
„Ja,“ sagte Olga, „ich wollte doch meine Bude im vorteilhaftesten Licht präsentieren. Und am vorteilhaftesten ist so wenig Licht wie möglich. Außerdem – wenn vor der entsetzlichen grauen Brandmauer da drüben noch der Regen in Strippen herunterläuft, dann ist das auch weiter kein erfreulicher Anblick. So kann man denken, da draußen liegt ein Tannenwald im Schnee, oder Terrassen, die nach dem Meer hinunterführen oder der Donau-Kai in einer Mainacht, wenn die Akazien blühen.“
Mette wurde in einen tiefen Sessel genötigt.
„Ja, das müssen Sie sich schon gefallen lassen, Sie sind hier unser Ehrengast, Sie sind doch die Älteste! Jetzt sind Sie wahrscheinlich noch stolz darauf, wenn Sie erst so alt sind wie ich, dann hört es schon auf, eine Schmeichelei zu sein.“
Mette hatte sich in ihrem ganzen Leben noch nie so zu Hause gefühlt, wie in diesem Sessel.
Ihr gegenüber hockte Olga auf einem niedrigen Taburett, hatte schon längst die unvermeidliche Zigarette zwischen den Fingern und hielt sie zwischen den Zähnen fest, wenn sie die Hände brauchte, um Tee einzugießen oder Kuchen herumzureichen.
Sie war ersichtlich bemüht, ihre Gäste zu unterhalten, aber als Fanni und Emmi erst ins Schwatzen kamen und sich gegenseitig nicht mehr zu Wort kommen ließen, wurde sie still und hörte lächelnd zu – wie ein Erwachsener spielenden Kindern lauscht.
Wenn eine Pause im Gespräch eintrat, holte sie einen Kasten mit Photographien hervor, die sie auf Reisen aufgenommen hatte, oder ein Buch mit Dulacillustrationen oder eine Zeitschrift mit den Porträts der neuesten Filmstars.
In Metten wuchs schon wieder ein Gefühl der Pein auf. Sie bekam es kaum fertig, sich mit einem „Ja“ oder „Nein“ am Gespräch zu beteiligen.
„Sie gibt sich so krampfhaft Mühe, uns zu unterhalten,“ dachte sie. „Und im Grunde sind wir ihr langweilig und lästig. Wenn die Tür nachher hinter uns zufällt, atmet sie auf und sagt: ‚Gott sei Dank‘! Ich kann es ihr ja auch nicht verdenken. Warum sie uns nur erst eingeladen hat!“
Sie hatte die größte Lust, zu gehen, nur um Olga Radó von diesem Besuch zu befreien. Dabei fühlte sie – wenn sie jetzt mit irgendeiner Ausrede aufbrechen wollte, und man würde sie fragen, sie bitten, die allgemeine Aufmerksamkeit würde sich auf sie lenken, dann würden ihr unhaltbar die Tränen aus den Augen stürzen, die ihr drohend und stechend hinter der Nasenwurzel saßen.
Sie war fast froh und tief unglücklich, als Olga plötzlich auf die Uhr sah und sagte: