Der Skorpion. Band 1

Part 2

Chapter 23,740 wordsPublic domain

Obgleich Tante Emilie Metten gern alle nur mögliche Trägheit und Unbegabung zugetraut hätte, wußte sie doch, daß sie nicht die Alleinschuldige sein konnte. Das Fräulein mußte verschiedentlich recht scharfe Bemerkungen hören, die sie veranlaßten, einige Tränen zu vergießen und Metten bitterliche Vorwürfe zu machen.

„Ich gehe,“ das war der ständige Schluß ihrer Rede. Und das war das, was Metten jedesmal mit tödlichem Schrecken erfüllte. Sie fühlte zu gut, daß die Drohung Wahrheit werden konnte, Wahrheit werden mußte, wenn Tante Emilie bei einer nächsten Prüfung wieder auf so „krasse Unwissenheit“ stieß.

Also fing Mette mit zähem und verbissenem Eifer an zu lernen. Das Fräulein half ihr nicht oft dabei, sie störte sie höchstens.

Aber sie streichelte ihr manchmal das Haar, oder preßte sie an sich, oder küßte sie fast leidenschaftlich auf den Mund.

Und um sich diese flüchtigen Liebkosungen zu erhalten, mußte Mette lernen.

Sie war zu begabt, als daß sie nicht bald am Lernen und Lesen selbst Freude gehabt hätte. Aber das wußte sie nicht. Sie bildete sich ein, daß sie nur um des geliebten Fräuleins willen mit so fanatischer Inbrunst über den Büchern saß.

Sie fing an zu lügen. Etwas, was sie in dieser Weise auch in späteren Jahren mit wahrer Leidenschaft tat. Wenn die Rede – dem Vater, der Tante oder Gästen gegenüber – einmal auf irgend etwas kam, was Mette in ihren Büchern gefunden hatte – in Büchern, in die das Fräulein niemals ihr hübsches Näschen steckte – und Mette ein wenig erstaunt gefragt wurde: „Wo hast du denn die Weisheit her?“ dann war sie sehr stolz darauf, zu antworten: „Von Fräulein!“

Und Fräulein widersprach nie. Mette glaubte, jedesmal zu sehen, daß sie rot wurde. Und sie liebte sie doppelt, weil sie ihr leid tat. Aber es war ein Irrtum. Sie wurde nicht rot. Sie hörte meistens gar nicht danach hin. Sie hatte so viel andere Gedanken im Kopf ...

Und dann kam die merkwürdige Angelegenheit mit dem Silberzeug.

Eines Nachts gab das Fräulein Metten die Schlüssel zum Silberschrank und einem flachen, lederbezogenen Kasten. Mette sollte den Kasten in den Schrank zurücktragen. Das Fräulein hatte ihn sich heimlich ausgeliehen, weil ihr Bräutigam das Silber gern einmal sehen wollte.

Mette wollte auch gern einmal sehen. Sie drängelte so lange, bis das Fräulein den Kasten öffnete. Da lagen die dicken, blanken Löffel in Reih und Glied, jeder auf seinem Einschnitt im dunkelblauen Samt. Keiner fehlte.

Es machte Metten ein unbändiges Vergnügen, unhörbar wie auf Katzenpfötchen durch den langen Korridor zu schleichen, sich im Speisezimmer zurechtzutasten, ohne Licht anzumachen, behutsam den Schrank aufzuschließen, ohne daß die Schlüssel klirrten oder die Tür knarrte, den Kasten an seinen Platz zu stellen, abzusperren – und dann mit mühsam unterdrücktem Jubel in Fräuleins Arm zu fliegen und sich beloben zu lassen.

Dieses erste Mal war nur eine Einleitung.

Mette lernte mit staunender Bewunderung die schätzenswerte Einrichtung eines Leihamtes kennen. Es war eine ganz fabelhafte Angelegenheit, daß man Silber oder Schmuckstücke nur zu verleihen brauchte, um eine Menge Geld dafür zu bekommen. Nach einiger Zeit bekam man seine Sachen unversehrt zurück. Ja, sie wurden nicht einmal benutzt in der Zeit, wie Fräulein auf Mettens Fragen lachend versicherte. Es war eine schöne, aber merkwürdige Einrichtung.

Immerhin! Es gab so viele merkwürdige Einrichtungen. Zum Beispiel: daß man Geld auf eine Bank legte – daß es nicht irgendeine beliebige Gartenbank sein durfte, das hatte Mette unterdessen schon gelernt – daß man dann immerfort Geld geschickt bekam, von dem man leben konnte, und das Geld auf dieser seltsamen Bank doch niemals weniger wurde – das war auch so eine merkwürdige Tatsache. So ähnlich würde es sich wohl mit dem Leihamt auch verhalten. Es lohnte nicht, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Man begriff es doch nicht.

Also wanderte das Silberzeug aufs Leihamt. Und bei Gelegenheit wanderte es wieder zurück in den Schrank.

Es war so lustig, abends im Bett zu liegen und zu schwatzen und Konfekt zu knabbern. Aber das Konfekt kostete so rasend viel Geld. Darum wurde von Zeit zu Zeit das Silber „verliehen“. Es schadete ihm ja nichts. Und die Heimlichkeit, mit der es geholt und wieder zurückgebracht werden mußte, machte einen Heidenspaß.

Aber einmal war der große Kasten fort und kam und kam nicht wieder. So ewig lange war er schon fort, es dachte kaum mehr ein Mensch an ihn.

Da verfiel Tante Emilie eines Tages beim Reinmachen auf die Idee, das ganze Silber nachsehen und putzen zu lassen. Tante Emilie wußte ganz genau, wieviel Silber im Haushalt vorhanden war. Sie wußte sogar, von welcher Großmutter oder Schwiegermutter oder Tante jedes einzelne Stück stammte. Aber Tante Emilie war viel zu musterhaft, um sich in so wichtigen Dingen auf ihr Gedächtnis zu verlassen.

Auf der Innenseite jeder Büfettür war mit vier Reißnägeln ein Papier befestigt, auf dem in Tante Emiliens sehr deutlicher und leserlicher Schrift stand:

Inhalt:

Ein Lederetui mit 12 Suppenlöffeln, gezeichnet L. R.

Ein Holzkasten mit 12 Dessertlöffeln, gezeichnet G. v. S.

Ein Kasten mit 12 Mokkalöffeln, vergoldet.

Ein brauner Pappkarton mit 9 großen Gabeln, Alfenid.

Usw. usw.

Ja, und an der Hand dieses Zettels ließ es sich mit unfehlbarer Sicherheit feststellen, daß da ein Kasten fehlte.

Mette erschrak gar nicht, als sie Tante Emiliens scharfe, empörte Stimme hörte und das Aufweinen des gekränkten Hausmädchens.

Sie war nur froh, die Sache richtigstellen zu können. Gott sei Dank. Sonst wäre die arme Berta womöglich in den Verdacht des Diebstahls gekommen! Mette trat ins Zimmer und sagte sehr kühl und ein wenig hochmütig:

„Du brauchst dich nicht aufregen, Tante. Das Silber ist da. Ich hab’ es nur verliehen!“ –

Aus dem, was sich in den nächsten Tagen ereignete, wurde Metten allmählich klar, daß sie etwas getan hatte, wozu sie nach Ansicht der anderen nicht berechtigt war.

Das Hausmädchen erzählte jedem, der es hören wollte, daß in diesem Hause ehrliche Leute verdächtigt würden, weil das „Quack“ das Silber „klaue“ und zum Juden trage.

Die alte dicke Köchin weinte und schlug jammernd die Hände zusammen.

Die Tante ging umher, als hätte das Entsetzen sie versteinert. Dem Vater traten die Tränen in die Augen, wenn er sein unseliges Kind ansah. Sogar ein Kinderarzt erschien auf der Bildfläche, der den grauenerregenden und unheimlichen Titel „Psychiater“ führte und ein langes Examen mit ihr anstellte.

Und das Fräulein tobte und weinte und schrie und schimpfte sie „idiotisch“ und „blödsinnig“ und stieß und kratzte sie und fiel dann wieder vor ihr auf die Knie und nannte sie „kleine Heilige“ und flehte sie an, zu schweigen.

Und Mette schwieg. Da sie aber nicht wußte, was sie verschweigen sollte, so schwieg sie auf alles. Sie ließ sich fragen, in Ruhe, im Zorn, in stundenlangem Verhör, sie ließ sich rütteln, sie ließ sich anflehen, sie ließ sich einsperren – und schwieg. Das Schweigen wuchs wie eine Mauer um sie herum. Sie hätte nun nicht mehr hindurch gekonnt, auch wenn sie gewollt hätte.

Dennoch mußte das Fräulein aus dem Hause. Ob sie nun beteiligt war oder gänzlich ahnungslos – es war klar, daß ein Kind nicht so verwahrlosen konnte, wenn die Erziehung in den richtigen Händen lag.

Das Fräulein ging. Und Mette litt alle Todesqualen der Trennung und Einsamkeit.

Ich möchte über Friedel Eggebrecht kein Urteil sprechen. Wenn ich die Geschichte ihres Lebens schreiben sollte, würde ich versuchen, alles zu verstehen, was sie getan hat. Sie liebte – und immer ist Liebe gut und schön und edel. So liebte sie, daß sie fähig war, um ihrer Liebe willen ihre Pflichten zu vergessen und zu lügen, zu stehlen, zu betrügen. Wer von uns kann sich rühmen, dessen fähig zu sein?

Immer, wo Liebe ist, ist Leid. Und fast immer, wo zwei sich lieben, leidet ein Dritter.

Es wäre unsinnig, deswegen zu klagen oder anzuklagen.

Nur Kinder sollten nicht darunter leiden müssen.

Es ist genug, wenn man sie mit Frühaufstehen peinigt und mit Schularbeiten und mit langweiligen Sonntags-Spaziergängen.

Aber von Haß und Liebe und Eifersucht, von solchen Dingen sollten Kinder nicht zu leiden haben. – – –

* * * * *

Mette wurde in die Schule geschickt.

Dafür, daß man ihr das Fräulein genommen hatte, rächte sie sich nun, indem sie sich dagegen wehrte, irgend etwas zu lernen.

Während der Schulstunden schickte sie ihre Gedanken auf Wanderschaft. Manchmal schlug irgend etwas an ihr Ohr, das ihr Interesse weckte. Dann war die Versuchung da, hinzuhören, und man mußte eine gewisse Kraftanstrengung anwenden, um an etwas anderes zu denken.

Aber diese Versuchung kam nicht oft.

Es dauerte über ein Jahr, bis dieser trotzige Widerstand nach und nach zerbröckelte.

Da war es zu spät, nachzuholen. Sie wollte auch nicht. Gott bewahre! Sie wendete nicht die geringste Mühe an, um vorwärts zu kommen. Aber es lohnte auch nicht mehr, sich zur Wehr zu setzen. Sie tat, was man von ihr verlangte. Sie tat es darum, weil es weniger störend war, das unsagbar Geringfügige zu lernen, als immer lange Straf- und Ermahnpredigten stehend anzuhören.

Sie wuchs unglaublich rasch in dieser Zeit und war immer müde. – – –

* * * * *

Als sie mit der Schule fertig war, saß sie ein paar Jahr im Hause herum und langweilte sich. Sie nahm den üblichen Klavierunterricht und übte die vorgeschriebene Zeit. Aber sie hatte keine anererbte musikalische Begabung, dagegen eine übertriebene Empfindsamkeit, so, daß sie litt unter der Unzulänglichkeit ihres eigenen Spiels, ohne die Fähigkeit oder auch nur das Streben zu haben, sich selbst Genüge zu tun.

In diesen Jahren wechselten ihre Stimmungen wie Sonne und Regen im April.

Sie sehnte sich danach, tot zu sein, oder mündig, in einem andern Jahrhundert zu leben, oder in einem andern Erdteil, Nonne zu werden, oder schön genug zu sein, um alle Menschen der Welt zu berücken.

Es kamen Märztage, wo sie meinte, zerspringen zu müssen in ungeduldiger Erwartung des unendlichen Glücks, dem sie an der nächsten Straßenecke in die Arme laufen konnte – und es kamen Juninächte, wo sie aus dem Fenster springen wollte, um sich zu lösen von den schnürenden Fesseln einer quälenden Leiblichkeit, um aufzustrahlen gegen das sternhelle Firmament, um sich auszubreiten, zu zerfließen im unendlichen Äther, groß zu werden, gewaltig, grenzenlos, allumfassend.

Es kamen Tage, an denen sie sich vornahm, wie ein Heiland durch die Welt zu gehen und alle Menschen zu lieben – an denen sie mit Tante Emilie in einem Ton so leidenschaftlicher Demut sprach, wie Griseldis zu ihrem Herrn – und es kamen Tage, da alle Menschen ihr so verhaßt waren, daß sie körperlich Qualen ausstand, wenn sie bei Tisch ihrem Vater gegenüber saß und ihn essen sah.

An Ereignissen waren diese Jahre arm. So arm, daß Mette selten in ihrem Leben daran zurückdachte, und wenn die Rede auf etwas kam, was in diesen Jahren geschehen war – eine Reise, eine Geburt oder Trauerfall im Bekanntenkreis, ein öffentliches Begebnis – sie immer erst lange nachrechnen mußte, wann sich das zugetragen haben könne und wie alt sie gewesen sei, während sie sonst ein auffallendes Gedächtnis hatte für den Zeitpunkt, an dem Menschen oder Dinge flüchtig an ihr vorübergestreift waren, weil sie alles in Verbindung brachte mit den Tagen, die wie Denksteine in ihr aufgemauert waren – vor oder nach Olgas Tod – als sie mit Olga zusammen oder von ihr getrennt war.

Es ist unwichtig, von diesen Jahren zu sprechen – es wäre auch nicht nötig gewesen, von Friedel Eggebrecht des Längeren und Breiteren zu reden, aber Mette sagte selbst so oft in späteren Jahren, wenn sie auf das „Fräulein“ zu sprechen kam, sagte es mit einem etwas bitteren Lächeln: „Es war der Auftakt zu meinem Leben!“

Als ihr Leben wirklich einsetzte, mit hundert brausenden Stimmen, mit einem vollen, klingenden und singenden Motiv, das nie wieder stumm wurde, das in Dur, in Moll, bald von allen Geigen und Celli, bald von einer einzigen klagenden Hoboe, in tausend Verschlingungen, aus tausend Verschleierungen immer wieder durchklang und durchklingen wird bis zum Schlußakkord – das war in derselben Minute, da bei Konsul Möbius die Tür aufging und Olga Radó ins Zimmer trat.

Gegen Konsul Möbius war im allgemeinen nichts einzuwenden. Es war der Verkehr, den Tante Emilie selbst ausgesucht hatte. Die Familie stammte irgendwoher aus Lübeck oder Bremen, und sie sprachen ein spitzes „st“, was ihren ohnehin manierlichen Umgangsformen noch einen leisen besonderen Duft von kühler Vornehmheit verlieh.

Es waren zwei Töchter da, Fanni und Emmi, beide jünger als Mette, beide rotblond und sehr ordentlich in Anzug und Haartracht, dabei beide so merkwürdig belanglos, daß man nach wochenlangem Umgang noch nicht wußte, ob sie eigentlich hübsch oder häßlich waren.

Wie es sich mit der Verwandtschaft zu Olga Radó verhielt, wird sich wohl jetzt mit Sicherheit nicht mehr feststellen lassen. Als Olga damals in Berlin auftauchte und alle Welt von ihr begeistert war, hieß es immer: „Unsere Cousine.“ Später – zu der Zeit, als Jürgen von Seyblitz schon das Wort von der „kriminellen Hochstaplerin“ auf sie geprägt hatte – da war in Frau Konsul Möbius’ Gedächtnis jede Erinnerung an eine Verwandtschaft völlig erloschen. Ihr Schwager, der Mann ihrer verstorbenen Schwester, hatte eine Preßburgerin geheiratet, diese hatte einen Vetter in Budapest, der eine Schwester der Olga Radó zur Frau hatte ... oder so ähnlich.

Olga selbst hat nebenbei von dieser „Verwandtschaft“ mit Konsul Möbius nie viel Gebrauch gemacht, weder in guten noch in schlechten Zeiten. Es ist nicht vorgekommen, daß sie das Haus betreten hat, wenn sie nicht dreimal darum gebeten wurde.

Mette hatte mit den Möbiusschen Mädchen und Erika Hannemann ein Kränzchen. Einmal in der Woche kamen sie zusammen und machten Handarbeiten und lasen französische Theaterstücke mit verteilten Rollen.

Mette langweilte sich wahnsinnig dabei, sie hörte nie danach hin, wenn die anderen lasen und versäumte immer, zur rechten Zeit einzufallen. Am schlimmsten aber war es, wenn sie selber einen langen Absatz zu lesen hatte. Dann mußte sie bei jeder Zeile ein Gähnen unterdrücken, so, daß sie nachher immer förmlich einen Kinnbackenkrampf hatte.

Und an einem solchen Mittwochnachmittag im April, als die vier wieder in den weißlackierten Stühlen des zierlichen Mädchenzimmers saßen, an einem Nachmittag, an dem Fliegen nicht mehr herumschwirrten, sondern träge über die Kuchenschüsseln krochen, weil ihnen die Langeweile in der Luft wie ein Bleigewicht auf den Flügeln lastete, in dem Augenblick, da Fanni Möbius – sie war die einzige, die eine gewisse Leidenschaft für die Sache hatte und den Ehrgeiz besaß, immer die dankbarsten Rollen zu lesen – mit überschwenglichem Pathos und miserabler Aussprache die Worte las:

„_Impitoyable honneur, mortel à mes plaisirs,_ _que tu me vas coûter de pleurs et de soupirs!_“

in dem Augenblick ging die Tür auf, und Olga Radó kam herein.

Es mußte durch einen Zufall irgendwo eine Tür offenstehen – mit Olga zugleich kam ein Luftzug, frisch wie ein Windstoß, ins Zimmer. Das angelehnte Fenster sprang auf, die weiße Mullgardine blähte sich und flog in die Höhe, die Seiten der Bücher blätterten sich knisternd um, die Fliegen schwirrten aufgestört um die Lampe, eine Hand am Himmel riß einen Wolkenfetzen von der Sonne – blendende Helligkeit und wehende Luft füllte das Zimmer bis in seinen letzten Winkel.

Dann schloß sich die Tür mit einem harten Krachen, die Fensterflügel bewegten sich knarrend, die Gardine fiel schwer wie ein Sack herunter, eine neue dunklere Wolke schob sich vor die Sonne – aber dies alles bemerkte Mette Rudloff nicht – denn sie hatte vollauf zu tun, Olga Radó zu betrachten und konnte ihre Sinne und ihre Gedanken nicht wieder von ihr abwenden – für lange Zeit nicht.

Olga war sehr groß und sehr schlank. Ihr Gesicht war schön und kühn geschnitten. Das schlichte, dunkle, reiche Haar ließ viel von der hohen und wundervoll durchgebildeten Stirne frei, die schmalen, schwarzen Brauen flossen über der Nasenwurzel zusammen, was den scharfen, metallisch-grauschimmernden Augen einen fast drohenden Ausdruck gab. Ihre Sprache war scharf und hart. Aber ihre Stimme hatte einen tiefen, weichen Celloklang. Das gab einen sonderbaren Kontrast.

Es war etwas in ihrer Art, sich zu kleiden, was Mette gefiel, ohne daß sie sagen konnte, warum. Man konnte es mit einem Wort wie „geschmackvoll“ oder gar „elegant“ oder „adrett“ nicht abtun. Mette empfand dunkel: so möchte ich angezogen gehen.

Woran das lag, das wurde ihr erst viel später klar. Olga Radó hatte eine fast krankhafte Abneigung gegen alles, was billig war. Ein billiger Stoff, ein billiger Schneider waren ihr ein Greuel.

Außerdem hatte sie – wie sie Mette viel später einmal mit ihrem bezauberndsten Lächeln sagte – „das sehr ehrenwerte Prinzip, lieber einem Millionär etwas schuldig zu bleiben, als einer armen kleinen, hungernden Schneiderin“ – also ließ sie nur in den teuersten Geschäften arbeiten.

Als sie hineinkam, machte Emmi Möbius den mißglückten Versuch einer feierlichen Vorstellung, den Olga mit einem kurzen „Ja, ja, schon gut – und so weiter und so weiter –“ abschnitt, worauf sie jedem flüchtig ihre große, schmale, kühle Hand reichte, sich mit einem:

„Bitte, laßt euch nicht stören“ – ein wenig abseits in den Schaukelstuhl setzte, Fannis kleinen, schwarzen dicken Hund, der sie wie unsinnig anblaffte und anwedelte, am Genick packte und auf ihre Knie setzte.

Fanni fuhr fort zu lesen. Vielleicht dachte sie ihrer Cousine durch diese ernsten wissenschaftlichen Bestrebungen zu imponieren.

Mette war gezwungen, ins Buch zu sehen und Olga den Rücken zuzuwenden. Sie hörte nur den Schaukelstuhl leise auf und ab gehen, ein leichtes Rauschen der Röcke und manchmal eine halblaute Bemerkung, die dem Hunde galt.

Mette verspürte Trockenheit im Hals und rasendes Herzklopfen, als sie lesen sollte. Nie hatte sie sich in der Schule so geängstigt, und wenn sie noch so unpräpariert „drangekommen“ war. In jedem Wort schien ihr eine Fußangel versteckt. Sie würde alles falsch aussprechen und sich unrettbar blamieren. Es war wirklich ein Skandal, so wenig Französisch zu können. Morgen wollte sie zu Vater gehen und ihn um französische Konversationsstunden bitten. Er würde sich freuen, wenn sie ihm einmal mit solchem Anliegen kam.

Sie war glücklich, als sie ihre paar Sätzchen hervorgewürgt hatte. Dann kam Erika, und dann las Fanni wieder mit allem ihr zu Gebote stehenden Pathos.

Plötzlich flog der Schaukelstuhl mit einem hörbaren Ruck nach vorn, und eine tiefe, verwunderte Stimme fragte mitten in den Satz hinein:

„Sagt mal, was lest ihr denn da eigentlich?“

„Den Cid!“ sagte Fanni in einem unendlich ausdrucksvollen Ton.

Es sollte ganz leicht hingesagt werden, und doch zitterte die Ehrfurcht vor der eigenen Gelehrsamkeit darin. Es sollte ausdrücken: Das hört doch ein gebildeter Mensch beim ersten Wort, und zugleich: Freilich, dergleichen liest du ja nicht, das ist dir zu klassisch, zu langweilig.

Olga schenkte diesem Ton gar keine Beachtung. Sie schien mit einer leichten ungeduldigen Handbewegung die Antwort als unzulänglich beiseite zu werfen.

„Was für eine Sprache, meine ich?!“

Die Mädchen sahen sich an und lachten, halb erstaunt und halb verlegen. Nur Mette lachte nicht, sondern schämte sich qualvoll.

Die Möbiussens kannten ihre Cousine zu gut, um zu antworten. Aber Erika Hannemann war wirklich der Meinung, Olga Radó wäre in fremden Sprachen nicht so bewandert wie sie und sagte mit der ganzen Herablassung der höheren Tochter:

„Französisch!“

Der Schaukelstuhl glitt wieder zurück. Über Olgas Gesicht zuckte nicht der Schein eines Lächelns. Sie sagte mit so langgezogener Verwunderung, als hätte ihr jemand im Ernst eine überraschende Mitteilung gemacht:

„Französisch soll das sein?!“

Nun wollte Emmi ihr das Buch aufdrängen. Ob es wirklich Bildungstrieb bei ihr war oder die Absicht, sich vor den anderen mit Olgas wunderschönem Französisch großzutun, sie quälte und quängelte:

„Lies _du_ doch, ach bitte, bitte, nur eine halbe Seite, nur einen Satz!“

„Hältst du mich für verrückt?“

„Ach bitte, bitte!“

„Den Deibel auch! Ich bin doch nicht eure Gouvernante!“

Und da das Buch sich nicht von ihr entfernen wollte, knipste sie mit den Fingern dagegen, daß es mit einem schönen großen Bogen auf den Teppich hüpfte und mit zugeschlagenen Deckeln liegen blieb.

Mette war sehr froh. Nun war die Leserei für heute beendet. Sie brauchte nicht die langen Sätze des Königs zu lesen, vor denen sie sich schon gefürchtet hatte. Sie brauchte sich nicht zu blamieren und nicht zu langweilen. Und vor allem – sie konnte ihren Stuhl herumdrehen und Olga Radó anstarren.

Es war so interessant, ihren Bewegungen oder dem fortwährend wechselnden Ausdruck ihres Gesichtes zuzusehen.

Mette war sich klar darüber, daß diese Frau ihr gefiel. Und doch spürte sie in ihrem Empfinden mehr Feindseligkeit als Zuneigung. Niemand von den andern schien beleidigt. Mette war es, als ob der scharfe Spott nur sie getroffen hätte, nur sie hätte treffen sollen.

Sie hätte viel darum gegeben, wenn sie die Spitze hätte zurückwerfen können, oder sich wenigstens mit Trotz und Verachtung panzern. Aber sie fühlte sich wehrlos, hilflos preisgegeben und wünschte sich, unsichtbar zu sein, sich in ein Mauseloch zu verkriechen, um zu sehen, zu hören, zu beobachten, ohne bemerkt zu werden – um jeden Blick dieser Augen, jedes Wort dieser Stimme gierig in sich aufzunehmen, ohne davor zu zittern, daß ein scharfer Blick, ein scharfes Wort sie treffen, sie verletzen, sie demütigen konnte.

Olga Radó schenkte ihr indessen keine Beachtung. Sie hatte auf dem Fußbrett eines Tischchens eine Zigarettenschachtel entdeckt und zog sie hervor. Daneben, in zierlichem Kästchen, lag ein Spiel Karten.

„Da, schau her! Zigaretten haben die Mäderln auch hier! Ihr seid mir ja ein schöner Klub der Harmlosen! Offiziell wird der Cid gelesen, und wenn kein Erwachsener es merkt, dann wird hier geraucht und gepokert!“

Fanni Möbius wollte sich halbtot lachen, sowohl über die Zumutung, daß sie pokern sollte, als darüber, daß sie mit ihren achtzehn Jahren noch nicht zu den Erwachsenen gerechnet wurde.

„Es sind Emmis Karten!“

„Nein!“ schrie Emmi.

„Doch! Ich sag’s, Emmi, ich sag’s! Sie legt sich jeden Abend Patiencen – und fragt ...“

„Tu doch nicht so – du legst dir ja auch welche ...“

„... und fragt ...“

„... Sie lügt, sie lügt, sie lügt!“

„... und fragt ... soll ich’s sagen, Emmi? ...“

„... sei still! ...“

Zwischen den beiden Schwestern entspann sich ein Handgemenge, das Tischchen kam ins Schwanken. Olga rettete es mit einem raschen und kraftvollen Zugreifen.

„Kinder, tobt nicht so!“ sagte sie ruhig. „Bist du so neugierig, deine Zukunft zu erfahren, Emmilein?“

Das „Emmilein“ gab Metten einen leisen Stich. Wie kam der alberne Backfisch dazu, von dieser Frau mit solcher Vertraulichkeit angeredet zu werden?!

„Soll ich dir mal die Karten legen?“

„Kannst du das, Olga? Oh, fein!“

„Ja, mach, bitte, bitte, mir auch!“

„Wirklich, ja? Kannst du das?“

„Natürlich!“ sagte Olga ernsthaft. „Das ist doch das einzige, was ich kann. Das hab’ ich wenigstens gelernt von den Zigeunern. Wenn’s einmal schief mit mir geht, etablier ich mich als Kartenlegerin. Weißt du, mit Eule und Totenkopf und Kaffeegrund und allem Zubehör. Im Dutzend billiger. Nimmst du Abonnement bei mir?“

„Ehrensache!“ versprach Emmi. „Aber heut’ machst du’s noch umsonst!“

„Nein,“ sagte Olga, „für eine Zigarette.“

Sie nahm den Kasten auf und schob eine zwischen die Zähne. „Ich hab’ nämlich keine bei mir!“

Erika Hannemann beeilte sich, ihr ein brennendes Streichholz zu reichen. Sie sog ein paarmal an der Zigarette, bis sie aufflammte und schlug das Streichholz durch die Luft, daß es erlosch.

„Danke!“ sagte sie dann erst.

Mit einem flüchtigen Blick sah sie, daß Mette sich eine Zigarette genommen hatte.