Part 13
Mette war fast froh, noch einen Augenblick allein zu sein. Sie konnte nun in Ruhe überlegen, was zu tun sei. Wenn Olga ging, um nach den Zügen zu fragen, so nahm sie als selbstverständlich an, daß Mette mit dem nächsten Zug nach Hause fuhr. Es war ja auch wohl selbstverständlich, freilich, das war es.
Sie stand seufzend von ihrem Sessel am Kamin auf, stellte den offenen Handkoffer zurecht und fing an einzupacken. Dabei flogen ihre Gedanken hin und her.
Vielleicht war es gar nicht wahr!
Vielleicht hatte Tante Emilie sich das ausgedacht, um sie nach Hause zu locken! Sie ins Gefängnis zurückzulocken!
Wenn doch jetzt eine Depesche von Vater käme, die die erste Nachricht widerriefe!
Oder, wenn es doch wahr war – wenn jetzt eine Depesche von Tante Emilie käme, daß alles vorbei wäre. Dann brauchte sie nicht zu fahren. Oder ob Olga es von ihr verlangen würde?
Wenn doch Olga jetzt heraufkäme und sagte: Es geht kein Zug, heute nicht, morgen nicht, nie mehr. Die Züge bleiben im Schnee stecken – oder der Bahndamm ist eingestürzt ...
Oder wenn Olga jetzt käme und sagte: Fahr’ nicht! Verlaß mich nicht! Laß uns weiterfahren, irgendwohin, wo sie uns nicht finden. Beweise mir, wie du mich liebst, gib alles auf. Was ist dir der fremde Mann, der da im Sterben liegt? Nichts! Zu mir gehörst du, mein bist du! Ich verlange von dir, daß du bei mir bleibst, ich will mich nicht von dir trennen, nicht auf eine Stunde mehr.
Ja, das wäre das Schönste. Aber von allem Unmöglichen war es das Unmöglichste.
Olga machte die Tür auf. Ihre Bewegungen, obgleich rasch, waren so leise, als beträte sie ein Krankenzimmer.
„Um drei Viertel zehn,“ sagte sie und warf einen Blick auf die Armbanduhr. „Wir haben also noch reichlich Zeit, einzupacken und etwas zu essen.“
In Mette zuckte etwas wie Empörung auf. Sie mußte fahren. Sie wurde einfach geschickt. Vielleicht wäre Olga selber an ihrer Stelle nicht gefahren. Olga durfte frei handeln und entgegen allem, was Sitte und Gebrauch war – aber für Mette galt das Normale, das Alltägliche, das Schickliche. Um drei Viertel zehn ging der Zug – sie wurde gar nicht gefragt, ob sie ihn benutzen wollte. Es war der nächste Zug, und also hatte sie damit zu fahren.
Sie packte mit verbissenem Gesicht ihren Koffer weiter.
„Darf ich dir helfen?“ fragte Olga ernst und sanft.
„Danke!“ sagte Mette kurz.
Der rücksichtsvolle Ton quälte sie. Sie hätte so gern ganz brutal die Wahrheit gesagt:
„Du brauchst mich nicht zu behandeln, als wäre ich schwer krank. Das Schlimmste an dieser Sache ist für mich, daß wir uns trennen sollen, daß ich hier fort soll, daß unser Märchen hier ein Ende hat“ – aber sie hatte den Mut nicht, es auszusprechen. Und sie fühlte doch, daß Olga sich beinah scheu zurückhielt, so, als hätte sie kein Recht, Metten in ihrem heiligen, kindlichen Schmerz zu stören.
Mettens Hände stießen beim Packen zufällig auf einen sorgfältig in Seidenpapier gehüllten Gegenstand unten am Boden des Handkoffers. Sie riß das Seidenpapier ab, daß die Fetzen zur Erde flatterten und hielt das goldene Etui in der Hand.
„O Mette!“ rief Olga mit einem leisen, überraschten Aufschrei. „Da ist es ja wieder! Seit wann?“
„Es ist nie woanders gewesen,“ sagte Mette mit einem etwas bedrückten Lächeln. „Ich konnte mich nicht entschließen, es in fremde schmutzige Hände zu geben. Ich wollte dir eigentlich nichts davon sagen – ich wollte es dir zu Weihnachten schenken – aber es ist ja Unsinn – ich will es dir lieber gleich geben.“
Mette ging hinüber und legte es in Olgas Hände, die ihr nicht entgegenkamen.
Olga hielt es ganz still auf den Flächen der Finger, ohne es zu umschließen und sah es mit gedankenschwerem Lächeln an.
„Seltsam,“ sagte sie, ohne die Augen aufzuheben. „Warum jetzt? Warum heute? Man sollte nicht abergläubisch sein, aber manchmal ist es schwer ...“
Mette verstand den Sinn dieser Worte nicht, aber sie fragte auch nicht danach. Sie spürte mit zorniger Eifersucht, daß Olgas Gedanken in einer Vergangenheit waren, die ihr fern, fremd und verschlossen blieb. Aber sie spürte keinerlei Beziehung auf sich selbst.
Es war eine schweigsame Fahrt durch die kalte, dunkle und unfreundliche Nacht.
Mette lehnte mit halbgeschlossenen Augen in einer Ecke und sehnte sich danach, mit viel Zärtlichkeit getröstet zu werden – aber sie hätte nicht gewagt, diese Sehnsucht auszusprechen, auch wenn nicht fremde Menschen mit dumm verschlafenen, glotzenden Gesichtern im Wagen gesessen hätten.
Als Mette fröstelte, zog Olga wortlos ihren Mantel aus und legte ihn ihr über die Knie. Aber Mette wies ihn fast schroff zurück.
„Laß das, bitte! Ich möchte nicht, daß du dich erkältest!“
Olga nahm den Mantel fort. Aber sie zog ihn nicht an. Sie legte ihn neben sich auf das Polster, mit einer so achtlosen Bewegung, als sei er zu nichts mehr nütze. – – –
* * * * *
In der Wohnung roch es nach Krankheit und Tod. Die Mädchen saßen schlaftrunken mit verschwollenen Augen und stumpfen Gesichtern herum.
Überall brannte Licht. Aber nicht helles, heiteres, strahlendes Licht, nur immer eine einzelne Lampe, die ein oder zwei Räume dämmerig erhellte. Die Türen standen offen oder waren angelehnt – man sah, daß nicht Nacht war in dieser Wohnung. Daß niemand schlief, daß unablässig hin und her gelaufen wurde. Und durch die offenen Türen drang das gleichmäßige röchelnde Atmen des Sterbenden in alle Räume, erfüllte alle Räume.
Tante Emilie, mit wachen Eulenaugen in dem zerkniffenen Gesicht, geisterte gespenstig hin und her.
„Du kommst zu spät!“ sagte sie mit eisigem Triumph, als sie Mettens ansichtig wurde. „Wir haben keine Hoffnung mehr.“
Mette fühlte, daß ihr etwas Böses zugefügt werden sollte. Und das plötzliche Bewußtsein, so verworfen, so gefühlsroh zu sein, daß dies Böse sie nicht traf, daß selbst diese Frau in ihrem maßlosen Haß sie noch überschätzte, trieb ihr, müde und überreizt wie sie war, die Tränen in die Augen.
Tante Emilie ahnte nichts von diesen Vorgängen.
„Auch diese Tränen kommen zu spät!“ sagte sie geringschätzig.
Von den zwanzig Stunden, die nun kamen, hatte jede Stunde tausend Minuten.
Mette ging hin und her, saß hier und dort und fühlte sich überall am falschen Platz, im Wege, von bösen Augen beobachtet.
Sie war zerschlagen an allen Gliedern und hatte das Bedürfnis, nur für eine Stunde sich in ihrem Zimmer einzuschließen und sich aufs Bett zu werfen. Aber sie fand den Mut nicht dazu.
Sie wußte, man erwartete von ihr, daß sie, in Reuetränen zerfließend, am Sterbebette ihres Vaters saß oder womöglich auf den Knien lag.
Sie versuchte das Grauen, das sie schüttelte, zu überwinden und ging hinein, immer wieder. Die dumpfe Luft roch nach Verwesung und Medikamenten. In den vielen weißen Kissen lag ein kleiner, sonderbar knöcherner Schädel, ein fremdes, schief gezerrtes Gesicht mit geschlossenen Augen, dem der röchelnde Atem leise die gelblichen Lippen bewegte.
Mette saß eine Weile still neben dem Bett und ängstigte sich davor, daß dieses schreckliche Röcheln mit einem Male aufhören könne. – Und ängstigte sich fast noch mehr davor, daß dies fremde Etwas plötzlich die Augen auftun und reden könne.
Ärzte kamen, sprachen miteinander in gedämpftem Ton, maßen sie mit mitleidigen Blicken und gingen wieder.
Das Mädchen deckte den Tisch zur gewohnten Zeit und bat im Flüsterton zum Essen.
Tante Emilie ließ alle Verbindungstüren offen und horchte mit gespannter Aufmerksamkeit, während sie ihre Suppe löffelte, ob in dem gleichmäßigen Röcheln eine Veränderung einträte.
Mette vermochte kaum einen Bissen hinunterzuwürgen.
Die frühe Dämmerung kam, und die Lampen wurden wieder angemacht.
Mette wollte ein Buch in die Hand nehmen, aber ein so empörter Blick von Tante Emilie traf sie, daß sie es wieder wegstellte und mutlos die Hände in den Schoß legte.
Gegen Abend wurde das Röcheln schwächer. Der Nasenrücken trat messerscharf aus dem winzigen versunkenen Gesicht.
Der Arzt, der am Abend kam, ging nicht wieder fort. Nun saß noch einer herum und schritt lautlos über die dicken Teppiche auf und ab und wartete.
Das Röcheln wurde schwächer und schwächer. Dann kam noch ein paarmal in kurzen Pausen ein stärkeres knarrendes Ausatmen, und mit einem Male wurde es still.
Man hörte plötzlich, als setzten sie eben ein, alle Uhren im Hause ticken.
Der Arzt beugte sich über das Bett, richtete sich dann wieder auf und ging auf Metten zu, um ihr die Hand zu geben.
Tante Emilie wischte sich über die trockenen Augen, die Mädchen draußen schluchzten auf.
Mette sah und hörte alles wie durch dichte Schleier. Sie hatte Angst, ohnmächtig zu werden.
Der Arzt bemerkte wohl ihr grünlich fahles Aussehen und legte ihr die Hand aufs Haar. „Legen Sie sich hin, Kind!“ sagte er sanft.
„Sie können nichts mehr nützen hier. Sie haben schwere Tage hinter sich und vor sich. Jugend braucht Schlaf.“ – – –
* * * * *
Mette war froh, in ihrem Zimmer zu sein. Aber sie dachte nicht daran, sich hinzulegen. Als sie nach einer Weile den Arzt gehen hörte, faßte sie eine namenlose Angst. Sie war so sterbensmüde und fürchtete sich davor, einzuschlafen, so, als müßten gräßliche Träume sie peinigen, wenn sie die Herrschaft über die Gedanken verlöre.
Wenn sie nur für einen Moment die schweren Augenlider schloß, sah sie die verzerrten Züge des Sterbenden, oder Tante Emilie reckte die Krallen nach ihr aus, um sie zu erwürgen, oder Onkel Jürgen holte mit einem riesigen Schlüsselbund zu einem Hieb aus, der ihr den schmerzenden Schädel zerschmettern sollte.
Mette streckte die Hand sehnsüchtig in die Luft nach einer anderen Hand, die die ihre fest und warm umschließen sollte. Aber ihre kalten Finger blieben leer.
Sie ertrug die angstvolle Unruhe nicht mehr. Sie schlüpfte in ihren Mantel und schlich über die Hintertreppe hinunter aus dem Haus.
Die kalte Nachtluft weckte sie wie aus schwerem Traum. Sie lief mehr als sie ging durch die Straßen bis zu Olgas Haus.
Das Haus war verschlossen. Mette stand eine Weile unschlüssig. Vielleicht kam irgendein Hausbewohner heim, oder der Mann von der Wach- und Schließgesellschaft machte ihr gegen ein Trinkgeld die Tür auf.
Sie wartete eine ganze Weile. Die Kälte schüttelte sie.
Schließlich klingelte sie den Portier heraus. Aber oben vor der Tür zögerte sie wieder, eh’ sie wagte zu klingeln.
Sie setzte sich auf die Treppe und lehnte die Stirn an die hölzernen Pfosten der Tür.
Sie versuchte, durch angestrengte Gedanken, durch inbrünstiges Flehen, durch gesteigertes Wollen Olga zu wecken, sie herbeizurufen.
Sie glaubte immer, ihren leisen Schritt sich der Tür nähern zu hören und lauschte atemlos und merkte, daß sie sich getäuscht hatte.
Sie mußte sich endlich doch entschließen zu klingeln. Es dauerte eine ganze Weile, bis ein schlaftrunkenes, halb angezogenes Mädchen ihr öffnete. Sie erzählte eine Geschichte, daß sie eben von der Bahn komme und zu Hause nicht hinein könne, weil sie ihre Schlüssel bei Fräulein Radó gelassen habe. Sie lachte dazwischen und hatte das Gefühl, vollkommen idiotisch zu wirken.
Als sie sich durch den wohlbekannten Türgang entlang tastete – sie fürchtete sich, aus irgendeinem unbegreiflichen Grunde davor, Licht zu machen – vielleicht hatte sie die Vorstellung, das Geräusch oder der Schein könne jemanden wecken, oder vielleicht hatte sie unbewußte Angst, gesehen zu werden und fühlte sich sicherer im Dunkel.
Als sie schon vor Olgas Tür stand, hatte sie mit jähem Erschrecken das qualvolle Empfinden – so stark, daß sie es für Ahnung nahm – als wäre Olga nicht allein. Als stände diesem furchtbaren Tag noch ein furchtbarster Abschluß bevor.
Sie stand an die Wand gelehnt und wagte nicht zu klopfen, nicht die Klinke zu berühren. Eine Stimme, die sie deutlich außer sich zu hören glaubte, sagte:
„Was suchst du hier? Mit welchem Recht dringst du hier ein? Wie kommst du zu der maßlosen Kühnheit, dich hier zu Hause zu fühlen?“
Die Tür ging geräuschlos auf, und ein matter Lichtschein fiel heraus.
In dem Lichtschein stand Olga Radó, groß und schlank, in einem dunkelbunten Kimono, eine Hand auf der Klinke und spähte unter zusammengezogenen Brauen scharf hinaus. Sie sah und erkannte Metten sofort.
„Mette!“ rief sie leise und schloß einen Moment, wie erschrocken, die Augen. „Ich hab’ es doch gewußt! Was ist geschehen, Kind? Wie bist du heraufgekommen?“
Mette taumelte mehr als sie ging. Sie kam ins Zimmer, sah das sanfte Licht der verschleierten Lampe auf den Papieren des Schreibtisches, auf den Bücherrücken, auf den Bildern, auf den seidenen Kissen – Farben und Formen stürzten wie ein Gefühl unendlichen trunkenen Glücks in sie hinein – sie ließ sich auf die Erde niedergleiten, legte die Stirn gegen den Sessel und sagte zwischen Lachen und Weinen, zwischen Wachen und Schlaf:
„Laß mich hier, es ist so gut.“
Olga hob sie auf, zog sie aus wie ein kleines Kind und legte sie ins Bett. Als die Kühle der Laken ihre Glieder berührte, fingen Kälte und Grauen wieder an, sie zu schütteln. Sie war mit einem Schlage wieder hellwach, saß steif aufgerichtet im Bett und bemühte sich vergebens, das gewaltsame Aufeinanderschlagen der Zähne zu unterdrücken.
„Leg’ dich zu mir,“ bat sie flehentlich, „ich muß spüren, daß ich nicht allein bin. Ich hab’ so gräßliche Angst.“
Olga antwortete nicht. Sie verriegelte die Tür, sie stellte die Lampe hinter das Bett, breitete noch einen Seidenschleier über das Licht, ließ den Kimono von den Schultern gleiten – alles mit einem wehen Lächeln und schweren langsamen Bewegungen, als rüste sie sich zu einem Opfergang. Sie schob den Arm unter Mettens Nacken, breitete die Decke fester über sie, strich ihr das verwirrte Haar aus der Stirn.
Und da Mette die Wärme dieses geliebten Lebens, den starken Schlag dieses Herzens spürte, brach sie in ein leises qualerlöstes Weinen aus. Über diesem Weinen schlief sie ein.
Nach einer Zeit, von der sie nicht wußte, ob es Stunden oder Minuten waren, wachte sie wieder auf. Das Licht brannte immer noch. Olga lag reglos neben ihr, mit weit offenen Augen. Mette richtete sich auf und gab ihren Arm frei.
„Warum weckst du mich nicht?“ sagte sie vorwurfsvoll. „Armes, ich habe dir sicher den ganzen Arm zerbrochen, und darum konntest du nicht schlafen.“
Olga drehte ein wenig den Kopf. „Ich hätte auch sonst nicht schlafen können. Ich bin so wach.“
„Woran hast du gedacht?“ fragte Mette und versuchte, in ihren Augen zu forschen.
Olga lächelte ein wenig mühsam.
„Daran, daß deine Leute dich jetzt vielleicht im ganzen Haus suchen. Ich möchte wissen – oder ich möchte lieber nicht wissen, was jetzt in Tante Emiliens Gehirn vorgeht. Sie muß doch rein denken, du bist von der Tarantel gestochen!“
Mette lachte leise auf und schlang ihren Arm um Olga.
„Vom Skorpion!“ sagte sie zärtlich. „Und es gibt kein Gegengift als sein eigenes Gift. Das weißt du doch!“
Olga richtete sich auf und faltete die Hände über den hochgezogenen Knien. Die beiden schwarzen Flechten lagen wie zwei breite schwere Bänder auf dem weißen Hemd. Ihre Augen starrten geradeaus, und die weitgeöffnete Pupille überdunkelte die ganze Iris.
„O wunderliches Schicksal über mir!“ sagte sie mit einer leisen, tiefen, wie ein Cello klingenden Stimme.
„Als wär’ ich von dem Skorpion gestochen Und hoffte Heilung durch dasselbe Tier. – _Qui vivens laedit – morte medetur._“
Ein Ausdruck gewaltsamer, schmerzlicher und fast unheimlicher Energie trat in das weiße schöne Gesicht.
Mette erschrak, daß ihr der Herzschlag stockte. Sie hatte den Mut nicht, sie anzurühren, sie an sich zu reißen.
„Olla!“ rief sie mit einem leisen Klagelaut und streckte die Hände nach ihr.
Da trat wieder das mühevolle Lächeln um den blassen Mund.
Sie schlang mit einer jähen Bewegung beide Arme um Metten und preßte sie an sich, als wollte sie sie in dieser Umarmung ersticken, vernichten, zerstören.
„Ach, Mettulein,“ sagte sie mit einem zersprungenen Lachen, „es hilft ja alles nichts ... du mußt mich erst in sanftem Öl verenden lassen – dann wird vielleicht noch alles gut!“ – – –
* * * * *
Mette hörte im Traum heftiges Klingeln. Dann wachte sie auf von Türengehen, näher kommenden Schritten, vielen und erregten Stimmen.
Sie machte die Augen auf und sah Olga vor dem Bett stehen, schon fertig angekleidet. Sie war sehr blaß, hatte dunkelflammende Augen und herrschte sie an in einem Ton, der wie atemlos klang vor Erregung.
„Steh auf, Mette, ich bitte dich um Gottes und aller Heiligen willen, zieh dich schnell an.“
Mette schlüpfte in wahnsinniger Hast in ihre Sachen. Unterdessen wurde schon heftig an die Tür geklopft.
Olga ging sofort hin, riegelte auf und öffnete die Tür zur Hälfte.
„Wer ist denn da?“
Draußen wurden erregte Stimmen laut, erregte Gesichter drängten sich in den Spalt.
„Ich bedauere, Sie können momentan nicht in mein Zimmer,“ sagte Olga mit eiskalter Höflichkeit.
Die Stimmen draußen überschrien sich. Das war Tante Emilie. Das war Onkel Jürgen. Das war Frau Flesch. Das war das Mädchen, das ihr die Nacht geöffnet hatte.
Mettens Hände zitterten wie in einem Angsttraum. Sie konnte mit keinem Knopf zustande kommen. Sie hatte den brennenden Wunsch, unsichtbar zu sein oder aus dem Fenster zu springen oder in tiefe Bewußtlosigkeit zu fallen.
Olgas Stimme überklang den Tumult, tief und ruhig, aber kalt und scharf wie geschliffenes Eisen.
„_Muß_ diese Unterhaltung auf dem Flur stattfinden?“
Dann klang plötzlich eine sanfte, zarte Stimme:
„Darf ich den Herrschaften mein Zimmer anbieten? Ich mache gern Platz.“
Die Stimmen verzogen sich nach nebenan, und ein paar Augenblicke später – Mette hatte schon das Kleid übergeworfen – schlüpfte Peterchen ins Zimmer.
„Kann ich dir helfen, Mette?“ flüsterte er mit verstörten Augen.
Im selben Augenblick klang es von nebenan, als ob ein Stock auf den Tisch geschmettert würde.
„Ich werde Sie ins Gefängnis bringen!“ donnerte Onkel Jürgens Stimme.
Mette wollte hinüberstürzen. Peterchen hielt sie mit flehender Gewalt zurück.
„Nicht so!“ bat er. „Mach dir schnell das Haar! Zieh dir Schuh an!“ Während sie die Haare glatt strich und aufsteckte, kniete er vor ihr und schnürte ihr die Stiefel zu.
Sie gab ihm recht. Sie konnte nicht auf Strümpfen, mit gelöstem Haar hinüberlaufen, zum Gaudium aller Leute, die hinter den Türritzen lauschten.
Als Mette über den Flur nach dem anderen Zimmer ging, ganz ruhig und aufrecht ging, war sie voll einer starken, kühnen, heißen und beinah frohen Entschlossenheit.
Im Hintergrund des Flurs stand ein fremder Herr in Hut und Überzieher, der sie mit einem durchdringenden Blick musterte.
„Von der Leiche des Vaters weg!“ wimmerte Tante Emilie mit hohem Pathos.
„Die Kriminalpolizei in meinem ehrlichen Hause!“ kreischte Frau Flesch. „Noch nie in meinem Leben hab’ ich was mit der Polizei zu tun gehabt!“
Mette klinkte die Tür mit hartem Griff auf. Das Herz schlug ihr bis an den Hals. Einen Augenblick durchzuckte sie der Gedanke: Vielleicht war alles gut so. Vielleicht war es gut, daß sie jetzt den Mut haben mußte, neben Olga hinzutreten und zu sagen: „Ich gehöre zu diesem Menschen und verlasse ihn nicht und wenn ihr mich und euch in Stücke reißt. Wenn ihr den Mut und das Recht habt, so wendet Gewalt an, freiwillig gehe ich nicht einen Schritt mit euch.“
Olga stand gegen den Tisch gelehnt, die Arme über der Brust gekreuzt, die Ellbogen mit den Fingern umklammert.
Als die Tür aufging, stürzte Tante Emilie mit dem fast geschluchzten Ausruf: „Da ist das unglückliche Kind!“ auf Metten zu.
Mette stand einen Augenblick wie erstarrt. Sie hatte einen Moment das Gefühl, unter Irrsinnige zu kommen oder selber irrsinnig zu sein. Mit einem flüchtigen Blick erfaßte sie, daß Jürgen von Seyblitz mit seiner straffen Haltung, mit den blitzblauen Augen und dem eisgrauen Schnurrbart in dem zornroten Gesicht sehr gut aussah.
Er kam auf sie zu und sagte mit einer tiefen, rauhen Stimme, in der etwas wie Rührung zitterte:
„Mette, Kind, was tust du hier? Morgen begraben sie deinen armen Vater, und du bist hier?!“
Er legte ihr schwer die Hand auf die Schulter.
Mette sah ihn nicht an. Sie sah Olga an.
„Ich bin hier zu Hause –“ sagte sie. Ihre Stimme sollte eine strahlende Festigkeit haben, aber sie konnte sie nicht zwingen, sie klang leise und bebend.
„Wenn ihr glaubt, das Recht zu haben, so wendet Gewalt an, freiwillig gehe ich nicht einen Schritt mit euch.“
Es war schwer, sehr schwer, das auszusprechen. Sehr schwer, das auszusprechen vor Onkel Jürgens ehrlichem, wut- und schmerzverzerrtem Gesicht, vor Tante Emiliens blinzelnden Vogelaugen, vor dem schwammigen Gesicht der Frau Flesch, das in einem widerlich-gierigen Grinsen wie erstarrt schien, vor dem fremden Mann, vor den Mädchen, die hinter den Türen lauschten.
Aber nun war es ausgesprochen. Und damit mußte alles gut sein. Nun mußte Olga kommen und sie in die Arme nehmen, mußte Mettens Kopf so an ihre Brust drücken, daß sie nichts mehr zu sehen und zu hören brauchte, mußte mit einer ihrer unglaublich stolzen und herrischen Bewegungen all diesen fremden und peinigenden Gesichtern die Tür weisen, mußte einen Revolver diesen Eindringlingen entgegenrecken und sie hinausjagen mit einem einzigen Wort ...
Olga wandte den Kopf, ohne ihre Haltung zu verändern und sah Metten an. Alle glaubten, daß sie Metten ansah und machten eine unwillkürliche Geste der Spannung, der Erwartung.
In Wahrheit lagen ihre Augen auf Mettens Stirn oder auf ihren Brauen oder auf ihren Haaren.
Mette wollte ihren Blick treffen, sie bohrte ihre Augen in Olgas Gesicht, aber sie konnte ihren Blick nicht zwingen. Er lag unverändert auf ihrer Stirn oder ihren Brauen oder ihren Haaren – eine Linie über ihren Augen.
„Mein liebes Kind,“ sagte Olga mit einer eisig kühlen Sanftmut, „Ihre Anhänglichkeit an mich ist rührend, aber ich habe sie durch nichts verdient. Wenn Sie mir wirklich soviel Sympathien entgegenbringen, so gehen Sie jetzt mit Ihren Angehörigen und betragen sich wie ein vernünftiger Mensch und verschonen mich künftig mit Ihren Besuchen. Sie sehen doch, daß Sie mir nichts als Ungelegenheiten bereiten!“
Mette zögerte noch einen Augenblick. „Es muß doch irgend etwas geschehen,“ dachte sie, „sie muß mich doch ansehen, sie muß mir durch einen Blick, durch eine Geste ein Zeichen geben, daß dies Verstellung ist, Komödie, daß ich ihr vertrauen soll, an sie glauben, auf Nachricht warten ...“
Es geschah nichts.
Mette suchte in ihren Gedanken irgend etwas Unerhörtes, womit sie diese steinerne Maske zerschmettern könnte. Konnte sie nicht sagen: „Du hast mich gerufen, gelockt, gezwungen und jetzt verleugnest du mich?“ Nein – sie hatte kein Recht dazu.
Fiel ihr denn nichts ein, irgendein Schmähwort, ein treffendes, verletzendes, grausames?
Sie wälzte dumme, kindische Schimpfwörter, schwer wie Steinblöcke, in ihrem Gehirn hin und her.
„Du Kanaille!“ dachte sie. „Du Dirne!“ Das war nicht das, was sie suchte. Ihr war, als müsse sie in fieberhaftem Suchen die polternden Steinblöcke hin und her schieben, um irgend etwas zu finden, ein scharfes Wort, das sich schleudern ließe.
Plötzlich schien es ihr, als ob sie schon eine unendliche Zeit so dagestanden hätte, mit hängenden Armen, mit blöden Augen und offenem Mund.
Sie richtete sich auf und machte den Versuch zu einem Lächeln, das hochmütig und liebenswürdig sein sollte. Aber sie hatte das Gefühl dabei, als ob der Irrsinn in ihren verzerrten Muskeln tanze.
„Willst du um einen Wagen telephonieren, Onkel Jürgen?“ sagte sie.
„Seltsam,“ dachte sie dabei, „das ‚um‘ habe ich mir auch von Olga angewöhnt – hier sagt man ‚nach‘, glaube ich.“
„Ich bin zu müde zum Laufen.“
Dann ging sie nach der Tür. „Ich will mir nur meine Sachen holen – einen Augenblick!“