Der Skorpion. Band 1

Part 12

Chapter 123,752 wordsPublic domain

„Geschwister Basch,“ sagte Olga und sah zu dem Firmenschild auf. „Sicher sind es zwei alte Schwestern. Die eine hat einen Mops und die andere einen Kanarienvogel. Oh, in solchen Städten gibt es noch Möpse! Die eine, die den Klavierunterricht erteilt, das ist eine schönheitsdurstige Seele. Sie hat sicher einmal von Ruhm und Beifall geträumt, als sie mit fünfzehn ‚_La prière d’une vierge_‘ spielte. Und die andere, die praktische, vielleicht von einem Mann und sieben Kindern. Und nun sitzen sie hier und trösten sich miteinander. Vielleicht hat die praktische ein aufopferungsfreudiges Gemüt und hat den einzigen in Betracht kommenden Mann ausgeschlagen, nur um ihre Schwester nicht zu verlassen. Die mit dem Klavierunterricht, das ist sicher auch die, die die Puppen anzieht. Aber die andere strickt die Strümpfe an. Weißt du, ich möchte in einer Novelle den Tag beschreiben, da die Strickmaschine ins Haus kam. Wahrscheinlich haben sie zehn Jahre daraufhin gespart – und dann haben sie sie gefürchtet und geliebt – so ein bißchen wie Teufelsspuk und Feenzauber – ach, vielleicht wäre es gut, ein solcher Mensch zu sein ... oder ob sie ganz klein und neidisch und giftig sind?“

Da war ein Kaufmannsladen, ein „Kolonialwarenhändler“, es war erstaunlich, was sein Fenster für eine prunkvolle Ausstattung aufwies. Getrocknete Aprikosen bildeten Sterne auf weißem Reis. Grotten aus Zuckerkand türmten sich auf, mystisch erhellt durch Fenster aus roter Gelatine. Da war ein See aus Stanniol, auf dem ein kleiner hohler Schwan mit aufgeplatztem Rücken schwamm. Da waren tausend bunte Dinge, und wie um die Farbenpracht zu mildern, lag über allem eine gleichmäßige graue Staubschicht – eingefressener, unverwüstlicher, wohlberechtigter Staub.

Und dann, ganz am Ende der Stadt, wo die Häuser vereinzelt standen und das Pflaster aufhörte und die Hühner gackernd über den Weg liefen, da war ein ganz kleiner Laden, der hatte in seinem schmalen Fensterchen alles – alles, was das Herz nur begehren konnte. Hohe Gläser mit bunten Bonbons und blaue Glanzpapiertafeln mit Zwirnknöpfen, Kränze von getrockneten Feigen und Postkarten, auf denen liebende Paare in flammenden oder blumenumkränzten Herzen sich küßten. Schnürsenkel und saure Gurken, Schuhwichse und Backpulver und irdene Töpfchen und Kämme und ...

„Abziehbilder!“ sagte Olga mit andächtigem Entzücken. „Sieh nur, Mette, veritable Abziehbilder! Ganz richtig mit dem blauen Hauch darüber, mit dem mystischen Schleier, daß man nur ahnen kann, was daraus wird, wenn sie abgezogen sind. Oh, es war kein Kachelofen vor meinen Abziehbildern sicher! Wer sie immer nur hübsch auf einem Tisch verarbeitet hat, ahnt gar nicht, wie schwer es ist, sie auf einer senkrechten Fläche anzubringen. Sie waren immer durcheinander gerutscht. Ich glaube, ich hatte keine ruhige Hand. Ob ich es jetzt besser könnte? Ich bitte dich, Mette, um aller Heiligen willen, geh hinein und kauf mir für einen Groschen Abziehbilder – aber ein Bogen mit Schiffen muß dabei sein.“ – – –

* * * * *

Hinter den letzten Häusern fing die Landstraße an: Breit, gerade, mit kahlen Bäumen bestanden, schneebedeckte Felder rechts und links, am Horizont ein Streifen dunkelblauen Waldes.

Sie schritten scharf aus. Der Schnee knirschte unter ihren Schuhen. Bei jedem Schritt flogen krächzende Krähen vor ihnen auf, der Wind rauschte in den Telegraphendrähten und blies manchmal eine Schneelast von einem Zweiggewirr auf sie herab. Der unberührte, unbetretene Schnee war weich wie Watte und blitzte in der Sonne wie zerstoßenes Glas.

Der Wald, der so fern erschienen war, schien ihnen entgegenzulaufen.

Hundert Schritte davor bog die Landstraße ab. Aber ein breiter Weg führte hinein. Das Stückchen über das freie Feld war kaum als Weg zu erkennen, so schneeverweht war es. Aber drüben tat sich in den hohen schneebedeckten Tannen eine Öffnung auf, wie der Eingang zu einem Tunnel. Da strebten sie hin.

Als der Wald sie umfing, wurde es mit einem Male still und warm – so warm, daß ihre windgepeitschten Gesichter anfingen zu brennen.

Hoch über ihnen in den Wipfeln rauschte der Wind und schüttelte zuweilen silberne Sterne auf den dunklen Boden. Aber sein kalter Atem traf sie nicht.

Sie wanderten in versunkenem Schweigen. Nur wenn bunte Meisen vor ihnen herflatterten oder ein Eichhörnchen an einem Stamm hinaufflitzte, machte eines das andere durch ein Flüstern, durch eine Bewegung aufmerksam. Und wenn dann ihre Blicke sich trafen, dann blieben sie ineinander hängen, bis sie lächelten und die Augen schlossen – – –

* * * * *

„Aha! Da ist es!“ sagte Olga nach einer guten Weile.

„Was? Wo?“ fragte Mette erstaunt.

Olga wies mit der Hand vorwärts. Zwischen den Stämmen wurde plötzlich eine rote Backsteinmauer sichtbar.

„Hast du denn gewußt, wo wir hingehen?“ wunderte sich Mette.

„Natürlich, Kind! Ich werde dich doch nicht aufs Geratewohl in der Irre herumführen. Dieses muß nach menschlichem Ermessen der Waldkater sein. Im Sommer gibt’s hier Kaffeekochen, Musik und Tanzvergnügen. Im Winter kriegen wir vielleicht was zu essen – wenn wir Glück haben. Das hat mir alles unser Hausknecht heute früh erzählt. Außer seiner Lebensgeschichte – – es gibt so ein schönes Märchen – – Bechstein, glaub’ ich – – von der verwunschenen Mühle, wo nur der Esel, die Katz und die Taube sind. Und noch irgendein Tier. Siehst du, da fliegt die Taube auf, und da ist die Katz. Aber kein Mensch zu erblicken. Graust dir’s schon, Mette? Ganz sicher, die Katze will uns was sagen!“

Sie durchschritten eine Art Wirtschaftshof und rüttelten an ein paar verschlossenen Türen.

„Es kann nicht ausgestorben sein,“ sagte Olga und deutete auf ein Rauchwölkchen, das aus dem Schornstein aufstieg. „Oder die Katz hat Feuer angemacht. Aber wenn sie das kann, kann sie uns auch was zu essen kochen.“

Sie fanden eine Tür offen. Durch einen leeren und kalten Saal, von dessen Decke zerfetzte und verstaubte Papiergirlanden herunterhingen, kamen sie an eine andere Tür, die einem Druck auf die Klinke nachgab. Dieser nächste Raum war erfüllt von behaglicher Wärme und durchdringendem Kohlgeruch. Ein eiserner Ofen fauchte glühende Luft und auf ihm brodelte ein blauer Emailletopf mit einem dampfenden Inhalt. An einem der Tische, breit aufgestützt, saß eine grobknochige Magd und messerte ihr Kohlgericht aus einem blechernen Napf.

„Guten Tag, Fräulein Anna,“ sagte Olga strahlend liebenswürdig. „Na, wie geht’s Ihnen denn? Schmeckt’s?“

Das Mädchen stand langsam auf und grinste.

„Ich heiß’ nicht Anna,“ sagte sie, „die vorvorige war die Anna. Ich heiß’ Berta.“

„Schön warm haben Sie’s hier, Fräulein Berta.“ Olga zog die Handschuhe aus und hielt die Finger vor die Ofenglut. „Und herrlich riecht’s hier nach Kraut. Wollen Sie uns nicht was abgeben von Ihrem Mittagbrot?“

Das grinsende Mädchen wischte mit der Schürze über einen Tisch.

„Wenn die Damen was zu essen haben möchten, kann ich ja mal die Frau fragen.“

„Herrlich, Fräulein Berta! Und wenn wir was zu trinken kriegen könnten – einen Grog oder Glühwein oder sonst so was Gutes.“ Olga blinzte dem Mädchen zu, als hätte sie ihr ein Geheimnis anvertraut. „Wir sind nämlich mächtig durchgefroren.“

Sie stemmte die Füße gegen den heißen Ofen, daß die nassen Sohlen anfingen zu zischen.

„Sagen Sie, was ist eigentlich aus der Anna geworden? Daß ich Sie verwechselt habe! Die war ja viel kleiner als Sie!“

„Ja,“ sagte Berta, „die war man schwächlich. Sie hat geheirat’t.“

„Geheiratet?“ sagte Olga überrascht. „Sieh mal an! Dabei war sie doch gar nicht mal so hübsch.“

„Ne,“ sagte Berta, „hübsch war sie nich. Un schwächlich war sie auch man. Aber sie hatte ’n Mundwerk, ’n Mundwerk hatte sie. Un das sticht manch einen ins Auge.“

Olga blieb ganz ernst.

„Na, lassen Sie man, Berta,“ sagte sie begütigend, „Sie werden ja auch bald heiraten. Es ist doch immer das beste. Man will ja gerne schuften. Aber es ist doch immer was anderes, wenn man für die eigene Wirtschaft schuftet.“

„Ja,“ sagte Berta überzeugt und blieb eine Weile gedankenvoll mit offenem Munde stehen, „nun will ich aber mal nach was zu essen fragen.“

Damit machte sie kehrt und schoß hinaus.

„Herrlich,“ sagte Olga und witterte wie ein Jagdhund mit erhobener Nase. „Es riecht so gut nach Kraut und Hammelfleisch.“

Mette schüttelte den Kopf.

„Ein komischer Kerl bist du,“ sagte sie lachend. „Hier findest du das herrlich, und wenn’s in der Motzstraße nach Kohl riecht, kriegst du Ohnmachten und Tobsuchtsanfälle.“

„Erlaube mal, das ist vielleicht ein Unterschied, wenn’s in einem Berliner Zimmer mit Jugendstilmöbeln und einem Prismenkronleuchter halb nach Kohl riecht und halb nach billigem Heliotropparfüm, so erzeugt das einen Nervenzustand, der einen direkt zum Selbstmord treiben kann. Hier muß es einfach ein bißchen nach Ofendunst riechen und ein bißchen nach Schweinestall und kräftig nach Kümmelkohl – das ist gerade das Richtige. Wenn meine Freundin Berta hier mit dem Messer ißt, stört mich das gar nicht. Aber wenn ich’s im Schweizer Hof in Luzern sehe, könnt’ ich aus der Haut fahren.“ – – –

* * * * *

Die schwarzweiß gefleckte Katze kam ins Zimmer geschlichen.

„Da hast du den Waldkater!“ sagte Olga. „Komm her, Mies! Komm zu mir!“

Die Katze ließ sich greifen und halten. Olga streichelte sie, drückte sie an sich, erzählte ihr im Flüsterton lange Geschichten und richtete teilnehmende Fragen an sie.

„Daß du Katzen so liebst und Hunde nicht leiden kannst,“ sagte Mette ein wenig mißbilligend, „das ist eigentlich bezeichnend für dich!“

Olga hob rasch den Kopf und zog die Brauen hoch.

„Bezeichnend? Wieso?“

„Weil du die Grazie mehr schätzt als die Treue,“ sagte Mette mit einem wehmütigen Lächeln. „Weil dir das lieber ist, was heimlich kratzt, als das, was sich schlagen läßt und die Hand leckt. Ich glaube, ich muß mich in acht nehmen, daß ich dir nicht verächtlich werde.“

Olga schüttelte die Katze von ihrem Schoß herunter.

„Nein, Mette,“ sagte sie mit großen ernsten Augen, „da verkennst du mich vollständig. Ich habe eine Antipathie gegen Hunde, aber nicht, weil sie treu sind, sondern weil sie schamlos sind. Weil sie ihr Liebesleben auf die Straße tragen.“ Der rote Schatten flog wieder über ihr Gesicht. „Katzen haben darin mehr Kultur – um dies oft mißbrauchte Wort zu mißbrauchen. Es gibt Kerfe, die sich nur in tiefster Nacht, nur in den verstecktesten Winkeln paaren – so daß es noch keinem Forscher gelungen ist, diesen Prozeß zu beobachten. Ich denke immer, es wird einmal eine Zeit kommen, da wird man von den barbarischen Gebräuchen dieser Jahrhunderte oder Jahrtausende wie von Märchen erzählen. Denke dir nur, wie unendlich komisch das einen feinfühligen Menschen berühren muß: Wenn zwei Menschen Sehnsucht haben, miteinander in einem Bett zu liegen, so setzen sie einen bestimmten Tag dafür fest. Sie setzen öffentliche Institutionen, den Staat und die Kirche, davon in Kenntnis. Sie benachrichtigen Freunde und Verwandte, ihre eigenen Eltern, ihre eigenen Geschwister! An dem Tag, der dieser Nacht vorangeht, versammeln sie alle Leute um sich, die sie nur irgend kennen, sitzen Hand in Hand und lassen sich betrachten, umgeben sich mit Leuten, die gefüttert und getränkt werden, bis ihnen übel wird, lassen sich anzügliche Lieder vorsingen und anzügliche Reden halten – und fühlen sich vielleicht sogar wohl dabei. – Ich habe immer das Gefühl gehabt, Hochzeit zu halten auf die Art, wie man das jetzt handhabt, müßte eine Strafe für Schwerverbrecher sein. Es ist eine so grausame Quälerei, eine so ausgesuchte Folter ... Mette, Kind, tu mir den Gefallen, wenn du dich einmal einem Manne hingeben willst, den du liebst, tu’s, wenn dir danach zumute ist und nicht an einem vorher festgesetzten Tag – tu’s ganz heimlich, daß keine lebende Seele die Möglichkeit eines solchen Geschehens ahnt ...“

„Ich?“ sagte Mette mit Augen voll traumverlorenen Entsetzens. „Ich?“

„Ja, du!“ sagte Olga lächelnd. „Ach, Kind – meinst du, du hast eine Ahnung, was in deinem Leben noch alles geschehen kann?!“ – – –

* * * * *

Am anderen Tag saßen sie in der Konditorei von Ferdinand Brausewetter am Roßmarkt.

Sie hatten einen weiten Spaziergang gemacht und waren hungrig und durchfroren.

Nun saßen sie auf dem roten Samtsofa, das mit Häkeldeckchen belegt war, als ob es in der guten Stube stünde.

Olga hatte eine – wie sie sagte – „prähistorische“ Nummer der „Meggendorfer“ entdeckt und belustigte sich königlich an den harmlosen Witzen.

Eine dicke behagliche Frau mit glatten grauen Scheiteln und einer gutgestärkten weißen Schürze, die noch vom Wäscheschrank her die scharfen Kniffe zeigte, brachte ihnen dampfenden Kaffee in einer braunen Bunzlauer Kanne und duftenden frisch gebackenen Kuchen.

Dann, als die frühe Dämmerung fiel, steckte sie eine Gasflamme an.

Da die Lampe zu hoch war und sie sich einen Stuhl herbeiholte, sprang Olga auf, um ihr zu helfen.

Sie kamen in ein Gespräch, und die freundliche Frau blieb an ihrem Tisch stehen, um ein wenig zu schwatzen.

Olga lobte den Kuchen, sprach vom Wetter, von der Stadt – dann rückte sie einen Stuhl.

„Aber Frau Brausewetter, setzen Sie sich doch ein bissel zu uns, wenn’s Ihre Zeit erlaubt. – Sie wissen so gut Bescheid hier, ich hätt’ mich gern noch nach Verschiedenem erkundigt.“

Mette folgte mit stummer Verwunderung der Unterhaltung, die sich entspann.

Olga erkundigte sich angelegentlich nach dem Papiergeschäft an der anderen Seite des Marktes. Eine Tafel zeigte an, daß das Grundstück samt gutgehendem Geschäft zu verkaufen sei. Sie hatten es schon in der Zeitung inseriert gelesen ...

„Im Kreisanzeiger wohl?“

„Ja, natürlich im Kreisanzeiger,“ ... und sie wären hergekommen, um es sich anzusehen und sich erst mal unter der Hand zu erkundigen ... ob denn das Geschäft ginge? Und warum es eigentlich zu verkaufen sei? Ein Garten wäre wohl nicht bei dem Haus?

Doch, ein kleiner Garten mit alten Birnbäumen und einer Fliederlaube – durch den Treppenflur könne man ihn sehen.

Und sie möchten eine Leihbibliothek mit dem Geschäft verbinden – ob das wohl lohne?

Frau Brausewetter war Feuer und Flamme für diesen Plan. Das hätte sie den Kilians schon immer gesagt. Aber sie hätten nie was reinstecken wollen ins Geschäft. Und hätten gemeint, die Anschaffung der Bücher rentiere sich nicht. Aber es würde sich ganz gewiß rentieren; denn den ewigen Journallesezirkel hätten sie alle schon über. Und die Frau Bürgermeisterin hätte neulich schon gesagt ...

„Denke dir!“ sagte Olga, als sie über den dämmerigen Marktplatz nach dem Hotel hinüber schritten. „Alte Birnbäume und eine Fliederlaube. Und nichts zu sehen von der Straße aus! Ein altes häßliches graues Häuschen. Ich habe in solchen Städten im Sommer in alle Haustüren geguckt. Dann sieht man so oft jenseits der Treppe eine zweite Tür und wenn die offen steht, so ein Stückchen Hof oder Garten mit blühendem Flieder. Dann hab’ ich immer so ein ganz starkes Gefühl von Neid oder Sehnsucht gehabt. Vielleicht hab’ ich gewußt, daß ich noch mal in so einem Haus ende. Oder daß ich ihm ganz nahe komme und daran vorüber muß.“

„Aber Olga!“ sagte Mette und blieb vor Erstaunen mitten auf dem Platz stehen. „Möchtest du denn da enden? Ich habe immer das Gefühl, du machst dich lustig über mich und meine Ideale. Wie du der guten Frau Brausewetter da die Komödie vorgespielt hast – mir hat sich das Herz zusammengezogen vor Sehnsucht, daß das Wahrheit wäre. Ach, wenn ich hier bleiben könnte, ein Häuschen mit einem Garten haben und so ein puppiges kleines Geschäft mit Schulheften und Ansichtskarten und Bibelsprüchen und eine Leihbibliothek – und dich, dich, dich! Von morgens bis abends und von abends bis morgens ... aber nach drei Wochen wärst du mir durchgegangen und ich säße allein hier ...“

„Glaubst du?“ sagte Olga ohne Spott. „Wie du mich kennst!“

„Ich kenne dich!“ beharrte Mette lächelnd. „Vielleicht kenn’ ich dich besser als du dich kennst.“

„Kein Mensch kennt einen anderen,“ sagte Olga in einem müden und gleichgültigen Ton und heftete die Augen unter den zusammengezogenen Brauen unverwandt auf die blaue Laterne über dem Torweg.

„Aber es läßt sich so wenig dagegen tun ...“ – – –

* * * * *

Sie hatten nach dem Abendessen noch in dem überheizten Gastzimmer eine Partie Schach gespielt und dabei mit viel heimlichem Entzücken den Unterhaltungen gelauscht, die die Honoratioren nebenan an ihrem Stammtisch führten.

Als sie, die Mäntel überm Arm, an der Treppe anlangten, bat Olga:

„Komm, laß uns noch eine halbe Stunde an die Luft gehen, daß wir nicht den ganzen Rauch in Haaren und Kleidern mit hinauf schleppen – das heißt, wenn du nicht etwa müd’ bist, natürlich.“

Der häßliche Platz, die nüchternen Straßen lagen in Schnee und Mondlicht wie verzaubert da.

Der Himmel war hoch, blauschwarz und so klar, daß er wie erfüllt erschien von dem unabsehbaren Gewimmel funkelnder Sterne.

Olga hatte den Kopf tief in den Nacken gelegt. Der Nachthimmel und die Gestirne schienen sich in ihren Augen zu spiegeln.

„Unendlichkeit!“ sagte sie leise. „Du glaubst nicht, wie ich dieses Wort liebe. Es ist mein Vaterunser und mein Evangelium. Kein Anfang, kein Ende. Unendlichkeit der Zeit, Ewigkeit des Raumes. Ich glaube, wenn ich ganz klein und verzweifelt wäre, braucht ich nur zu denken: Unendlichkeit! Und es wäre wie ein Orgelton, der alles von mir abspült. Wird man nicht ganz fromm, wenn man dies Unbegreifliche fühlt? Darum lieb’ ich den Sternenhimmel so. Darum lieb’ ich die Nacht so.“

„Mich hat nichts so gequält,“ sagte Mette, „als deine Unendlichkeit. Als kleines Kind schon. Ich wollte sie immer begreifen. Ich wollte. Ich lag im Bett und stellte mir den Raum vor. Und dann schloß ich einen Kreis wie eine Mauer um ihn. Und was war dahinter? Wieder Raum. Ich zog einen größeren Kreis. Ringsum war wieder Raum. Ich dachte manchmal, ich müßte verrückt werden, wenn all der Raum in mein armes kleines Gehirn hineinstürzen wollte.“

„Das ist ja das Schöne, daß es etwas gibt, was wir nicht begreifen können. Nicht der Gelehrteste und nicht der Gefühlvollste. Das eine Unbegreifliche ist Bürgschaft für tausend Möglichkeiten. Wenn es Ewigkeit gibt, warum nicht Unsterblichkeit, Seligkeit, Göttlichkeit? Warum nicht eine Liebe über aller irdischen? Alles wissen sie, alles erklären sie. Wie die Spermatozoen ins Ei dringen, beobachten sie, und Sterne machen sie ausfindig, von denen das Licht achtzig Millionen Jahre braucht, um zu uns zu gelangen, und Theorien stellen sie auf, worin sie Liebe durch Fortpflanzungswillen und Sympathie durch Geruchsnerven begründen. Von allem reißen sie den Schleier des Mysteriums. Sie wissen, wie wir entstehen und wie wir vergehen und warum wir lieben. Aber wenn sie dich quälen und du ihnen nicht glauben willst, dann sag’ dir ganz leise: Unendlichkeit! Und fühle, daß es Dinge gibt, die über aller Vernunft sind. Kein Lebender kann sie erfassen ... Aber die Toten vielleicht. Oder die Sterbenden schon. Darum lächeln die Toten alle. Sie lächeln alle so erlöst und überlegen, als wollten sie sagen: ‚Herrgott, ist das lächerlich einfach‘ ... Ich freue mich manchmal auf den Moment, wo man die Stufe hinaufsteigt, daß man endlich über die Mauer sehen kann.“

„Freu’ dich nicht zu sehr,“ sagte Mette und griff wie in Angst nach ihrer Hand, „ertrag nur die Mauer noch eine Weile.“

„Kind,“ sagte Olga weich, „ich sehe ja die Mauer nicht. Sie ist ganz und gar von Rosen überhangen.“ – – –

* * * * *

Auch am anderen Morgen war noch kein Brief aus Berlin da.

„Gesegnete Post!“ sagte Olga. „Sie kommt hier nur einmal am Tage.“

Mette schüttelte den Kopf. „Ich versteh’ dich nicht. Ich hab’ erst die richtige Ruhe, wenn Antwort da ist. So sitzt man ja doch immer auf dem _qui vive_ oder dem Pulverfaß oder ähnlichem! Wenn wir wissen, woran wir sind, können wir uns danach richten. Ich muß dann eventuell an den Rechtsanwalt schreiben, der der Testamentsvollstrecker meiner Großmutter war. Der wird mir sicher eine Summe vorschießen, von der wir das halbe Jahr leben können, bis ich mündig bin. Aber ich wollte, ich hätte alle diese Dinge schon hinter mir.“

Olga spielte mit den Fransen der Tischdecke und lächelte.

„Warum lächelst du so?“ fragte Mette.

„Weil du so weitgehende Pläne machst. Dein Vater wird schreiben: ‚Komm!‘ Und dann wirst du kommen.“

„Du weißt ganz genau, daß das ausgeschlossen ist!“ sagte Mette fast zornig.

Olga stand mit einem Ruck auf und ging ans Fenster.

„Vielleicht schick’ ich dich auch!“ sagte sie hart. – – –

* * * * *

Am Nachmittag machten sie wieder einen weiten Spaziergang über die Felder. Der frühe Abend überraschte sie, und sie kamen erst in der Dunkelheit heim.

Sie gingen auf der Landstraße, hart ankämpfend gegen den Wind und sahen vor sich im blauen Dämmern die aufblitzenden Lichter der Stadt.

„Seltsam,“ sagte Olga, „wir gehen nach Hause. Da liegt eine Stadt vor uns, deren Namen ich vor drei Tagen noch nicht gekannt habe, und da bin ich zu Hause. Da liegt ein Hotelzimmer, in dem vor drei Tagen vielleicht noch irgendein Kommis nächtigte, ein Zimmer, in dem nicht ein Möbelstück nach meinem Geschmack ist, in dem nicht ein Bild und nicht ein Buch mich lockt – und da bin ich zu Hause. Wenn ich an unseren Gasofen denke und an den Feuerschein auf dem schäbigen Teppich, dann wird mir so warm, daß ich den Wind nicht spüre. Wie muß einem Menschen zumute sein, der wirklich ein eigenes Heim hat. Wo er jeden Sessel liebt und die Farbe des Teppichs und das Licht der Lampe und jedes Kissen und jedes Bild und jede Tasse.“

„Das könntest du doch haben,“ sagte Mette.

„Ich?! – Nie, nie, nie!“

„Doch!“ sagte Mette etwas zaghaft. „Wenn du Geduld hättest ... in einem halben Jahr.“

Olga lachte kurz auf. „Kind!“ rief sie und drückte Mettens Arm fester an sich. „Liebes, süßes, wundervolles, kleines Geschöpf! In einem halben Jahr! Wo bist du da und wo bin ich da? Vielleicht bist du verheiratet – und ich bin tot.“ – – –

* * * * *

Als sie in das Zimmer traten, leuchtete von der dunklen Tischdecke etwas Weißes ihnen entgegen. Mette nahm es auf und lief damit ans Fenster. Der Schein einer Laterne draußen gab ein schwaches Licht.

Es war ein dringendes Telegramm.

„Mach hell, bitte!“ bat sie mit ein wenig unsicherer Stimme.

Sie riß das Papier auseinander.

Sie las es in dem Dämmerlicht am Fenster. Sie las es noch einmal bei der aufflammenden Gaslampe. Es änderte sich nicht.

„Dein Vater vom Schlage getroffen. Sein Ableben stündlich zu erwarten.“

Sie reichte das offene Telegramm, ohne ein Wort zu sagen, Olga hinüber und ging an ihr vorbei nach dem Ofen.

Sie hielt die Hände vor die Glut und war erfüllt von der seltsam peinlichen Empfindung, nicht zu wissen, wie sie sich benehmen sollte.

Kein Gefühl quoll unwiderstehlich, jeden Gedanken verdunkelnd, aus ihrer Tiefe: weder Schmerz, noch Angst, noch Liebe.

Nur häßliche, quälende Gedanken: „Ich werde hinfahren und zu spät kommen,“ dachte sie. „Es wird also ganz unnütz sein, daß ich fahre. Wenn er wirklich sterben muß – warum hab’ ich dann nicht lieber die Nachricht bekommen, daß er tot ist. Dann würde keine Macht der Welt mich hier wegbekommen.“

Sie warf einen verstohlenen Blick auf Olga, die ihr noch immer den Rücken zudrehte.

„Sie wird erwarten, daß ich irgend etwas tue,“ dachte sie. „Ich muß mich doch irgendwie äußern. Ich glaube, das Natürlichste wäre, wenn ich jetzt weinte. Aber ich kann doch nicht. Ich finde es schrecklich, gewiß. Aber es ist nichts, was mir die Tränen in die Augen treibt. Was würde Olga in meiner Lage tun? Seltsam, wie wenig wir uns eigentlich kennen. Ich weiß nicht, was sie tun würde. Und ich weiß auch nicht, was sie von mir erwartet.“

Endlich drehte Olga sich um und legte mit einer schönen und merkwürdig behutsamen Bewegung das Papier auf den Tisch. Ihr Gesicht war ruhig, aber ganz weiß.

„Ich will nach den Zügen fragen!“ sagte sie und schritt still hinaus.