Part 11
Wieder ein Stückchen Wald oder Garten, im Hintergrund aufblinkend ein Lichtlein nach dem anderen – schon fuhr der Zug langsam, knirschte, puffte – hölzerne Säulen schoben sich heran, die ein schmales Schutzdach trugen ... er hielt.
Olga griff nach dem Handkoffer, drückte die Klinke auf und sprang die hohen Stufen hinunter.
Mette folgte ihr in einem seltsamen Traumzustand befangen. Sie war durch die beiden schlaflosen Nächte überwach, und ihre Sinne schienen, tausendfach geschärft, jeden Eindruck aufzunehmen.
Der dünne Hauch von Reif, der den Boden, die Holzstangen überzog, die groben Gesichter von zwei bäuerlich gekleideten Frauen, die an ihnen vorüberhasteten, der langgezogene Ruf des Schaffners, das gemächliche Zuschlagen der Türen, die roten Hände des Mannes an der Sperre, die aus gestrickten Pulswärmern herauswuchsen, der kleine dämmerige Raum mit papierbeklebten Wänden und abgescheuerten Holzbänken, durch den sie hindurch mußten, das Pfeifen des abfahrenden Zuges in ihrem Rücken – das alles prägte sich ihrem Gehirn mit unauslöschlicher Deutlichkeit ein.
Olga stieß eine Tür auf, trat ein paar steinerne Stufen hinunter, und sie standen auf dem holperigen Steinpflaster eines großen Platzes, der von dem Licht des Bahnhofs schwach erhellt war.
Rechts und links war tiefes Dunkel. Soviel man unterscheiden konnte, kahle zerzauste Laubbäume, ungepflasterte, aufgeweichte, leicht überfrorene Wege.
Geradeaus sah man in einiger Entfernung etwas, das aussah wie der Anfang einer Straße.
Olga blieb stehen und sah Metten lächelnd an.
„Nun,“ sagte sie, „graust’s dich schon? Was gäbst du darum, wenn du jetzt zu Hause unter der Daunendecke lägst und das elektrische Licht anknipsen könntest?“
„Gar nichts!“ sagte Mette trotzig. „Im Gegenteil, ich finde es hier äußerst gemütlich. Und wenn wir kein Unterkommen finden, so wäre es mir doch nur deinetwegen schlimm. Ich hab’ dich ja zu dieser Exkursion verleitet!“
„Ach, meinetwegen!“ sagte Olga wegwerfend. „Meinetwegen können wir die Nacht im Bahnhof auf den Holzbänken zubringen. Aber wenn du ängstlich bist, kehren wir um und fragen den Mann an der Sperre nach einem Gasthaus.“
„Nein,“ drängte Mette. „Nicht fragen! Komm vorwärts.“
Nach ein paar hundert Schritten fingen die Häuser an. Dunkel, verschlafen, ohne ein helles Fenster. Und ein wenig vereinzelt noch, von Gärten und Ackerstreifen umgeben. Aber der Weg war mit Katzenköpfen gepflastert, und nach einer Biegung rückten die Häuser näher zusammen, schlossen sich zur Straße, die von flackernden Laternen beleuchtet wurde.
Die Straße erweiterte sich zu einer Art Marktplatz. Es war ein nüchternes Vieleck, ohne jedes malerische Gepräge, ohne Linden und ohne rieselnden Brunnen. An einer Seite fand sich ein langgestreckter, niedriger, grauer Kasten mit breit herunterreichendem Dach und vielen Mansardenfenstern. Über der breitgewölbten dunkeln Toreinfahrt schaukelte ein blecherner Stern, einem Barbierbecken nicht unähnlich, und darüber ließ eine große blaue, am schön geschwungenen Arm schwebende Laterne die aufgenagelten Buchstaben über dem Rundbogen erkennen.
„Hotel zum blauen Sternen. Gasthaus und Ausspann.“
„Sogar Hotel,“ sagte Olga, „sieh mal an!“
Sie suchten nach einer Nachtglocke. Aber sie fanden noch nicht einmal eine Tür. Neben der Einfahrt war ein Handgriff, der an einer verrosteten Eisenstange eine große Glocke in Bewegung setzte. Aber er war in kaum erreichbarer Höhe. Mette bemühte sich.
„Laß nur,“ sagte Olga, „der ist nicht für armselige Fußgänger wie wir. Außerdem wecken wir die ganze Stadt. Laß uns lieber einmal von der Innenseite versuchen.“
Sie wagten sich in die dunkle Höhlung des Tors. Aber sie kamen nicht weit. Noch ehe der Gang sich zum Hof öffnete, versperrte ein riesiger Leiterwagen den Weg. Aber neben dem Wagen fanden sich ein paar Stufen und eine kleine hölzerne Tür in der Wand. Sie ertasteten einen Metallknopf, zogen an ihm und lösten damit ein kräftig schepperndes Geklingel aus, das sie fast zusammenschrecken ließ, so jäh zerschnitt es die tiefe Stille.
Schritte, Stimmen, ein Lichtschein.
Ein verschlafener Mensch erschien in der offenen Tür, Pantoffeln an den nackten Füßen, in Unterhosen von graugelber Wolle, über die er höchst merkwürdigerweise einen Frack gezogen hatte, den er mit der linken Hand unterm Kinn zusammenhielt, während er in der erhobenen Rechten einen brennenden Wachsstock trug.
Olga übernahm die Führung der Verhandlung.
Sie erzählte dem schlaftrunkenen Mann eine lange Geschichte von dem Zug, mit dem sie eben eingetroffen, und daß ihr das Hotel zum blauen Sternen schon in Berlin empfohlen, sie bedauerte, ihn in seinem Schlaf gestört zu haben, aber der Zug käme zu so ungünstiger Zeit hier an, und sie hätten doch nicht auf der Straße bleiben können, und am Bahnhof hätte man sie natürlich auch hierher gewiesen.
Der Mann ermunterte sich so weit, daß er „Einen Augenblick, bitte!“ sagte, verschwand und sie stehen ließ.
Sie sahen sich lachend an und warteten geduldig. Nach einer Weile wurde oben auf der Treppe eine in offener Schale brennende Gasflamme entzündet, und der Mann erschien wieder, jetzt mit schwarzen Hosen angetan.
Daß er ein kragenloses Wollhemd und weder Weste noch Strümpfe anhatte, hinderte ihn nicht, eine gewisse Gewandtheit der Bewegungen zu zeigen, die ihn sofort als den „Ober“ verriet.
Er führte sie in ein großes dunkles und kaltes Zimmer, schwang sich auf einen Polstersessel und entzündete eine Gasflamme. Es war entschieden das Fürstenzimmer des blauen Sternen.
Die hohen und breiten Betten, das wuchtige Plüschsofa verschwanden fast in dem weiten Raum. Zwischen den Fenstern prangte ein großer goldgerahmter Spiegel, auf dessen Konsole ein Makartstrauß unter einer Glasglocke stand, und die Wände zierten zahlreiche Buntdrucke, die meisten in dicken Goldrahmen.
Der „Ober“ bückte sich und steckte einen Gasofen an. Eine ganze Reihe spitzer blauer Flämmchen puffte auf, spiegelte sich in einer Nische aus gerieftem Kupfer und warf einen warmen rötlichen Schein auf den abgeschabten Teppich.
„Herrlich!“ sagte Olga und warf ihre Handschuhe auf den großen, runden, plüschüberdeckten Tisch. „Jetzt wird es auch noch warm hier, dann ist es einfach ideal. Nein, Herr Ober, wir brauchen weiter nichts. Danke schön, wenn wir morgen früh vielleicht auf dem Zimmer frühstücken können? – Hier ist die Klingel – ja, herrlich. Danke schön! Gute Nacht!“
Die Tür schloß sich hinter ihm.
„Wundervoll!“ sagte Olga und reckte übermütig die Arme.
„Ist das dein Ernst?“ fragte Mette zaghaft. „Ich denke immer, dein Schönheitssinn muß Qualen leiden! Diese Bilder ... und das Makartbukett und die Plüschgarnitur ...“
„Prachtvoll!“ sagte Olga. „Das _muß_ doch überhaupt so sein. Ich wäre geradezu enttäuscht, wenn diese kämpfenden Hirsche nicht hier wären, oder die duftigen Empiremädchen unter dem blühenden Apfelbaum. Glaubst du, ich möchte im Hotel zum blauen Sternen Chippendale-Möbel finden oder einen Kokoschka? Gott soll mich bewahren! Ich finde es einfach himmlisch!“
Mette packte den Handkoffer aus, breitete Nachthemden über die Betten, stellte Flaschen und Dosen auf den Waschtisch. Olga ging mit unhörbaren Schritten im Zimmer hin und her, pfiff mit leisen, süßen Flötentönen vor sich hin, blieb vor jedem Bild stehen, betrachtete es mit kindischem Entzücken und erzählte eine lange romantische Geschichte dazu.
„Hier!“ sagte Mette und legte ihren seidenen Kimono über einen Stuhl, „den kannst du anziehen.“
„Und du?“
„Ich hab’ noch einen Frisiermantel, der genügt mir.“
Olga legte Rock und Bluse ab und wickelte sich in den Kimono.
„Wundervoll,“ sagte sie, „nun müßte ich nur noch warme Füße haben und die Haarnadeln aus dem Kopf. Dann bin ich wunschlos glücklich.“
Sie rollte einen Sessel vor den Gasofen und fing an, sich die hohen Stiefel aufzuschnüren.
„Soll ich dir helfen?“ fragte Mette dienstbereit.
„Das fehlte noch!“ sagte Olga empört. „Nicht einem Dienstmädchen würd’ ich das zumuten!“
„Das ist auch etwas anderes,“ sagte Mette lächelnd. „Es ist eine Auszeichnung, die man einem Dienstmädchen nicht gönnen darf.“
„Du bist ja verrückt!“ Über Olgas Gesicht schoß wieder das dunkle flüchtige Rot.
Sie hatte jetzt auch die dünnen seidenen Strümpfe abgestreift und hielt die nackten Füße gegen die Flammen. Sie hob die Arme und zog langsam Nadel auf Nadel aus dem Haar, bis die schweren schwarzen Strähnen ihr über den Rücken stürzten.
Mette sprang auf einen Stuhl und drehte die Gasflamme aus.
„So!“ sagte sie lachend, „nun kannst du dich malen lassen oder gleich öldrucken und dich goldgerahmt an die Wand hier hängen. Unterschrift: _Au coin du feu_, oder die Hexe, oder Feuersgluten, oder sonst was Gutes. Wie kann ein Mensch so unverschämt schön sein?!“
„So!“ sagte Olga trocken. „Das hast du hübsch gemacht. Jetzt haben wir keine Streichhölzer.“
„Erstens genügt mir die Beleuchtung,“ sagte Mette und setzte sich auf die Erde in den rötlichen Feuerschein, „und zweitens können wir uns hier immer einen Fidibus anstecken. Wenn wir nichts anderes finden, nehmen wir einen Hundertmarkschein. Davon haben wir ja genug ... Kind, was hast du für märchenhafte Füße ... aber kalt sind sie immer noch wie Eis!“
Sie legte beide Hände um Olgas Fuß. Er war so edel geformt, so schön in Linie und Farbe, als hätte eine Meisterhand ihn aus Marmor gebildet, aber er war auch so kalt und schwer wie Stein.
Mette versuchte, ihn in ihren Händen zu wärmen, sie hauchte darauf, und dann konnte sie der Versuchung nicht widerstehen, sie legte die Lippen auf die kühle, glatte, weiße Haut.
Olga machte sich los, sprang auf und lief durch das dunkle Zimmer bis nach dem Fenster.
„Olla,“ sagte Mette erschrocken und stand zögernd auf. „Was ist dir denn? Was hast du denn?“
Es kam keine Antwort. Mette ging ihr nach. Aber als sie ans Fenster kam und die Hand nach ihr streckte, lief Olga wie gejagt nach der Wand.
Sie stand in die Ecke gedrückt und Mette vertrat ihr den Weg.
Das schöne blasse Gesicht schimmerte unheimlich durch das Dunkel. In den angespannten Zügen lag Angst und Drohung zugleich, wie bei einem angeschossenen Tier, das sich umstellt sieht und sich verzweiflungsvoll zur Wehr setzt.
Mette erschrak vor dem Ausdruck des gepreßten Mundes, der dunkel lohenden Augen. Sie legte zaghaft die Hand auf Olgas über der Brust gekreuzte Arme.
Olga zuckte zusammen und drückte sich tiefer in die Ecke.
„Geh doch!“ sagte sie mit zusammengebissenen Zähnen. „Laß mich doch in Ruh!“
„Du sollst nicht mit den nackten Füßen auf der bloßen Diele stehen,“ bat Mette, den Tränen nahe. „Du erkältest dich zu Tode. Ich will ja nichts, als daß du dich an den Ofen setzest. Dann kann ich mich ja auf den Korridor vor die Tür schlafen legen, oder ich kann mir ein anderes Zimmer geben lassen, oder ich kann aus dem Fenster springen. Aber komm aus der Ecke heraus, ich kann es nicht mehr mit ansehen.“
Sie faßte sie an beiden Schultern, aber Olga schüttelte ihre Hände von sich ab.
„Laß mich doch!“ sagte sie böse. „Siehst du denn nicht, daß du mich zu Tode marterst? Wie kann ein Mensch so wahnsinnig grausam sein?“
Die Stimme brach ihr, und ganz jählings stürzten die Tränen über ihr Gesicht.
Jetzt konnte sich Mette nicht mehr beherrschen. Auch ihre Augen liefen über.
„Ich verstehe dich nicht!“ sagte sie mit zitternden Lippen. „Wenn ich dir so zuwider bin, daß du mich nicht erträgst, warum bist du dann hier? Warum gibst du dich dann überhaupt mit mir ab? Man kann nicht einen Menschen gern haben, dessen Nähe einen derart quält! Ich weiß ja aber auch, warum du mich nicht leiden kannst!“
„Warum?“ fragte Olga erstaunt.
Mette schüttelte stumm den Kopf und kämpfte die Tränen hinunter.
„Warum soll ich dich nicht leiden können?“ forschte Olga drängender. „Antworte! Ich will das jetzt wissen.“
Mette vermied es immer noch, sie anzusehen.
„Weil ich dich zu sehr liebe!“ sagte sie bitter und traurig. „Es muß furchtbar sein, von einem Menschen geliebt zu werden, den man nicht liebt! Beinah ekelhaft!“
„Du Schaf,“ sagte Olga und strich ganz weich mit der Hand über Mettens Haar.
„Ach, laß,“ sagte Mette und entzog sich der streichelnden Hand. „Man muß sich nicht zwingen.“
Olga ließ den Arm schwer herabsinken.
„Man muß sich doch zwingen,“ sagte sie leise und mühsam atmend. „Wenn ich mich jetzt nicht zwingen würde, würd’ ich dich so mit Zärtlichkeiten ersticken, daß du zu Tod erschrecken tätst und davonlaufen.“
Mette fühlte die Adern in ihrem Hals schlagen, daß sie kaum atmen konnte. Sie versuchte zu lächeln, während noch die Tränen von ihren Lidern rollten.
„Tu es nicht,“ sagte sie, „ich würde ganz bestimmt nicht davonlaufen. Aber vielleicht würde ich wahnsinnig vor Glück!“
Da hob Olga langsam die beiden weißen, schlanken Arme und legte sie um Mettens Schultern. Mette fühlte den wohltuend kraftvollen Druck fester und fester werden.
Jetzt, da Olga auf bloßen Füßen stand, waren ihre Gesichter fast in gleicher Höhe.
Sie bohrten die Augen ineinander, ernsthaft und unverwandt und spürten in allen Adern das rasende Hämmern ihrer Herzen.
Dann neigten sie sich gegeneinander wie zwei Verdurstende und legten Mund auf Mund.
Sie ließen einander nicht mehr los. Sie küßten sich nur immer durstiger eins am anderen. Sie gingen durch das Zimmer aneinandergeschmiegt, sie saßen auf dem Bettrand ineinander verschlungen. Die Kleider glitten von ihnen nieder, achtlos, blieben auf der Erde liegen.
Die groben und feuchten Laken atmeten Schauer der Kühle. Sie spürten es kaum, so brannte das Blut in ihren jungen Leibern.
Sie drängten sich aneinander, als wollten sie ineinander übergehen, verschmelzen, eins werden.
Ihre schlanken, geschmeidigen Glieder flochten sich ineinander, wie Bäume des Urwalds unlöslich sich ineinander verschlingen.
Sie sprachen nichts. Aber wie rauschende Musik hörte eines des anderen dröhnenden Herzschlag und das rasche und raschere Atmen.
Ihre Leiber bäumten sich gegeneinander wie wilde Tiere, wenn sie an Käfiggittern rütteln. Sie gruben einander die Nägel in die Glätte der Haut und schlugen einander die Zähne in die geschwellten Muskeln.
Und sie lagen aneinandergeschmiegt wie müde gespielte Kinder, und ihre Lippen berührten des anderen Lider und Wangen so sanft, so leise, wie Schmetterlingsflügel schwankende Blüten.
„Kleines,“ sagte Olga, und alle Glocken schwangen in ihrer Stimme. „Mein Schönes, mein Gutes!“
„Oh, du!“ sagte Mette. „Du Wunder des Himmels. Was bist du nur? Bist du ein wildes Tier ... oder ein Gott ... oder der Geist einer weißen Orchidee?“
„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich glaube, daß ich ein Gott bin. Aber vor einer Stunde war ich ein armes gepeinigtes Tier. Bist du nicht stolz, kleines Mädchen, daß du solche Wunder tun kannst?“
„Ich wollte, ich könnte Wunder tun,“ sagte Mette sehnsüchtig.
Ein hartes Lächeln flog um Olgas Mund.
„Dann würdest du mich in einen Mann verwandeln!“ sagte sie.
„Um Gottes willen!“ rief Mette und schlang erschrocken beide Arme um sie. „Nie, nie, nie! ... Aber wenn ich Wunder tun könnte, so würde ich diese Nacht niemals aufhören lassen. Ich würde sie dauern lassen in alle Ewigkeit!“
Der rote Schein des Kupfers hinter den Gasflämmchen erhellte das ganze Zimmer mit warmem Dämmerlicht. Die spitzen Flämmchen zitterten leicht, und der helle Fleck auf dem bunten abgetretenen Teppich zitterte mit.
Olga richtete sich auf den Ellbogen auf und stützte den Kopf in die Hand. Zwischen den weißen Fingern hindurch rieselten die Strähnen des schwarzen Haares. Aus dem blassen Gesicht leuchteten die helldunklen Augen in unendlicher Hoheit und Klarheit wie zwei Sterne.
„Ewig!“ sagte sie leise. „Alles, was Gottes ist, ist ewig. Fühlst du nicht, daß diese Nacht Gott gehört? Zeit ist eine Erfindung des Teufels. Der Satan hat die Vergänglichkeit erfunden, um die Menschen von Gott abtrünnig zu machen. Aber Gott blieb ewig, und Gottes Herrlichkeit bleibt ewig. Da hat Satan alles mögliche andere erfunden: Krankheit, Schmerz, Ungeziefer und Geld ... vor allem das Geld. Aber nun war Zeit da und Vergänglichkeit da. Und ließ sich nicht wieder ungeschaffen machen. Und haftet nun an allen Erfindungen des Teufels. Aber, was Gottes ist, ist ewig. Immer verlöscht neues Glück die alte Qual, als wäre sie nie gewesen. Aber das Glück bleibt. Und keine Qual kann es ungeschehen machen. – Ich würde sterben vor Scham, wenn ich dächte, daß nur die Nervenenden unserer Haut unter unseren Händen vibrieren. Spürst du nicht, daß deiner Seele etwas geschehen ist, was ihr bleiben muß über allen Tod hinaus? Spürst du nicht, daß diese Stunde dich weit mehr verändert hat, als dich das bißchen Sterben verändern kann?“
„Ja,“ sagte Mette. „Und mehr als das bißchen Geborenwerden auch. Heut’ bin ich geboren worden und nicht vor zwanzig Jahren. Jetzt kann ich zum erstenmal mit Bewußtsein sagen: Ich lebe!“
„Wir leben!“ sagte Olga, sie an sich reißend, mit einem Aufjauchzen in der Stimme, das klang wie der frohlockende Ruf eines auffliegenden Wildvogels.
„Wir leben, Süßes. Ewig, ewig, ewig leben wir!“ – – –
* * * * *
Als Mette am anderen Morgen aufwachte, schien eine helle, fröhliche Wintersonne ins Zimmer.
Ihr erster Gedanke suchte Olga. Sie war nicht da. Auch ihr Mantel hing nicht mehr am Haken. Ein jähes Erschrecken schlug sie. Sie war fort, für immer, kam nicht wieder, war unwiederbringlich verloren.
Mette sprang aus dem Bett, mit einemmal hellwach.
Da sah sie Olgas Hut und Handschuhe. Sie nahm die Handschuhe vom Tisch, streichelte sie und preßte sie an die Wange. Von dem weichen grauen Leder schien ein Strom von Freude und Beruhigung auszugehen. Es war kein Traum und kein Zauberspuk. Sie war dagewesen, sie würde wiederkommen – noch zeigten die Handschuhe die Form ihrer schönen schlanken Hände, waren noch wie erfüllt von ihrem Leben ...
Von unten herauf drang ein wohlbekanntes knirschendes und schrapendes Geräusch.
Mette lief auf bloßen Füßen zum Fenster und zog den dicken weißen Köpervorhang ein wenig zur Seite. Auf den Fensterbrettern lag ein dickes Polster von weißem Schnee. Die niedrigen Häuser drüben hatten Dächer von blendendem Weiß und darüber funkelte ein Himmel von reinstem Blau.
Vorm Hotel kratzte der Hausknecht mit dem Schneeschieber einen dunklen Weg in den weißen Teppich, und neben ihm stand Olga, den Mantel offen, beide Hände in den Taschen vergraben, den Kopf ein wenig vorgeneigt und führte eine angelegentliche Unterredung mit dem alten Mann.
Mette sah eine Weile hinunter und freute sich an jeder Linie ihrer Gestalt. Sie sah sie sprechen und glaubte den Ton ihrer Stimme zu hören. Sie dachte darüber nach, was sie sich mit dem Hausknecht wohl zu erzählen haben könne. Sie bewunderte die Gabe an ihr, mit allen Leuten ein Gespräch anzuknüpfen und jedem gegenüber den richtigen Ton zu treffen.
Mette kannte das an ihr. Wenn sie bei Laune war, wirkte sie so unwiderstehlich, daß der brummigste Kellner oder Schaffner sie anstrahlte.
Nach ein paar Sekunden sah Olga plötzlich hinauf, sie mußte Mettens Blick gefühlt haben. Sie sah Metten am Fenster stehen oder sah vielleicht auch nur die verschobene Gardine, winkte mit der Hand und lief ins Haus.
Sie brachte einen Hauch von frischer Schneeluft ins Zimmer. Ihre Augen waren hell und durchsichtig wie Eis und hoben sich scharf ab von der schwarzen Pupille, und auf ihrem weißen Gesicht lag ein ganz leichter Schimmer von rosiger Farbe.
„Wo kommst du her, du Rumtreiber?“ fragte Mette.
„Ausgeschlafen, mein Deern?“ fragte Olga zur Antwort. „Ich war schon spazieren. Ich war in der Stadt. Ich wollte dir Blumen auf den Frühstückstisch stellen. Aber Blumen im Winter – so sündhafte Dinge kennt man hier nicht. Herr Thielemann hat nur Stechapfelkränze mit Wachsrosen. Aber eine Konditorei ist da drüben, so mit einer Geländertreppe vor der Tür, weißt du? Und einem goldenen Kringel in der Luft! Und es roch nach frischem Brot. Mach dich schnell fertig, Mettulein, ich habe einen wahnsinnigen Hunger.“
Sie frühstückten auf dem Zimmer.
Dann drängte Mette zum Spazierengehen. Schnee und Sonne lockten sie hinaus.
„Du mußt erst an deinen Vater schreiben,“ sagte Olga ernsthaft.
„Ja,“ sagte Mette und schnitt eine Grimasse. „Du willst keine Verantwortung übernehmen – ich weiß schon.“
Sie setzte sich hin und schrieb einen langen und wohlüberlegten Brief. Sie bat um Verzeihung. Sie schilderte die Vorgänge bei Onkel Jürgen mit viel Humor. Sie nannte ihren Aufenthalt, bat ihren Vater herzlich, sie hier zu lassen, wo sie sich wohl fühle und niemandem im Wege sei. Bat ihn, ihr zu glauben, daß sie ein reifer und klarer Mensch sei und genau wisse, was zu ihrem Besten wäre. Bat ihn, das Geld, das Onkel Jürgen ihr unfreiwillig geliehen, zurückzuzahlen – die kurze Zeit bis zu ihrer Mündigkeit sie zu unterstützen oder ihr einen Vorschuß auf das großmütterliche Erbe auszahlen zu lassen. – Aber davon, daß sie nicht allein sei, schrieb sie kein Wort.
Sie trugen den Brief zusammen nach der Post. Olga wußte schon den Weg dahin. Als der Umschlag in den blauen Kasten versenkt war, atmete sie auf und nahm Mettens Arm.
„Komm,“ sagte sie, „was zu tun war, ist getan. In drei Tagen kann die Antwort da sein. Aber die drei Tage wollen wir genießen.“
„Glaubst du,“ sagte Mette mit finsterer Stirn, „daß eine Macht der Welt mich zwingen kann, nach Hause zurückzugehen? Wenn sie mir kein Geld schicken, geh ich als Waschfrau oder als Nähmädchen, oder ich mache Schulden.“
„Ich weiß nicht,“ sagte Olga. „Ich weiß nur, solange dieser Brief noch unterwegs ist, sind wir sicher. Kein Mensch weiß, wo wir sind – das ist ein herrliches Gefühl – als ob man hinter Mauern und Gräben säße. Wenn der Brief erst angekommen ist, dann ist die Zugbrücke heruntergelassen – was dann geschieht, das weiß ich nicht. Nichts weiß ich, nichts, nichts, nichts! Aber es ist immerhin möglich, daß wir in Stücke gerissen werden.“
„Warum haben wir die Zugbrücke heruntergelassen?“ fragte Mette stehenbleibend. „Warum hast du mich gezwungen zu schreiben?“
Olga lächelte schwermütig.
„_Weil ich die Verantwortung nicht übernehmen will!_“ sagte sie, mit einem Versuch zu scherzen. – – –
* * * * *
Sie gingen durch die breiten Straßen mit den kleinen, niedrigen Häusern. Einen besonderen Reiz hatte es, die Schaufenster zu betrachten.
Wo ein kleiner Laden sichtbar wurde, mußten sie über den Damm laufen und die Auslagen mustern. Da war ein Korbflechter und Bürstenmacher. Da war ein Schuhmacher, der einen halbmeterlangen Filzschuh in seinem Fenster hatte und daneben einen winzigen nadelspitzen Ballschuh aus verstaubtem perlgestickten Rosaatlas.
„Ein Märchen!“ sagte Olga begeistert. „Sieh nur, ein Schuhmacher, der Märchen dichtet. Und er weiß es. Ganz sicher, er weiß es!“
Da war ein Geschäftchen mit Kurz-, Weiß- und Wollwaren. Girlanden von Handschuhen und Kinderjäckchen hingen im Fenster. Wasserfälle von Maschinenspitzen stürzten hernieder. Nähgarne und Häkelwolle legten sich zu symmetrischen Figuren. Und überall dazwischen hingen weiße Pappschildchen: „Hier werden Puppen zu Weihnachten angezogen.“ „Hier werden Gardinen kunstgestopft.“ „Unterricht in allen weiblichen Handarbeiten.“ „Hier wird Klavierunterricht erteilt, gründlich und gewissenhaft, für Anfänger und Fortgeschrittene.“ „Hier werden Strümpfe mit der Maschine angestrickt.“