Part 10
Mette saß in der hellen und freundlichen Mansardenstube auf dem Fenstertritt, rauchte eine Zigarette und polierte ihre Nägel.
Auf der weißen Decke des Nähtisches, den Mette zum Toilettentisch degradiert oder befördert hatte, lag aufgeschlagen ein kleines, dickes, schwarzes Buch: das Neue Testament.
Die Tür wurde aufgemacht, und ihr Vetter Hermann schob sich durch den Spalt. Er blieb in der offenen Tür stehen und spielte mit der Klinke.
„Ob du zum Abendbrot runterkommst, oder ob du noch Kopfschmerzen hast?“ fragte er lakonisch.
„Mach’ die Tür zu, Junge!“ herrschte Mette gedämpft. Sie wollte nicht, daß der Zigarettenrauch auf den Treppenflur und in Tante Antoniens feine Nase zöge.
Der Junge machte die Tür zu, aber ließ die Klinke nicht los.
„Warum klebst du eigentlich an der Türe?“ fragte Mette belustigt. „Bitte, tritt näher. Nimm Platz!“
Der Junge zögerte.
„Wir sollen eigentlich nicht zu dir hinein,“ meinte er. „Aber wenn deine Kopfschmerzen besser sind, dann wirst du ja auch nicht mehr so krank sein ...“
„Krank?“ sagte Mette verwundert. „Sollt ihr nicht zu mir hereinkommen, weil ich krank bin?“
„Ja!“ sagte der Zwölfjährige altklug. „Wegen der Ansteckungsgefahr!“
„Ach, Männe!“ Mette lachte kurz auf. „Die Krankheit, die ich habe, steckt ganz gewiß nicht an.“
„Was hast du denn für eine Krankheit?“ Der Junge kam neugierig näher.
Mette zögerte mit der Antwort.
Der Junge warf einen begehrlichen Blick auf die Zigaretten.
„Schenk’ mir eine!“ bettelte er plötzlich.
„Ja,“ sagte Mette rasch. „So viel du willst. Aber du mußt mir einen Brief auf die Post bringen, ganz heimlich, so, daß es keiner sieht. Kann man sich auf dich verlassen?“
Mette sah ihn scharf und prüfend an. Der Ehrgeiz des Jungen war geweckt.
„Aber!“ sagte er überzeugt, „meinst du, daß ich mich erwischen lasse? Ich bin doch nicht dämlich.“
Er bekam den Brief und die Zigaretten und verstaute beides so kunstgerecht in der Bluse, daß Mette lächelnd dachte: „Es ist nicht das erstemal, daß er da etwas vor Mutters scharfen Augen versteckt.“
Er zögerte noch zu gehen. Er druckste ein bißchen und platzte dann heraus:
„Sag’ mir doch, was du für eine Krankheit hast?!“
Mette dachte nach, was sie ihm antworten sollte. Ihr Blick fiel auf das Zigarettenetui.
„Weißt du, Männe,“ sagte sie nach einer Weile, „mich hat ein Skorpion gestochen. Nun ist mein ganzes Blut vergiftet. Und du weißt doch: gegen Skorpionengift hilft nur Skorpionengift. Und hier gibt es keinen Skorpion. Aber daß es ansteckt, das ist ein Aberglaube. Das sind die Phalangien, die so giftig sind, daß man sich ansteckt, wenn man sich im Waschwasser eines Gestochenen wäscht. Das hat deine Mutter verwechselt.“
„Es ist nicht ansteckend?“ fragte der Junge und wagte sich noch ein Schrittchen näher.
„Nein!“ Mette schüttelte den Kopf mit einem wehen Lächeln. „Ich glaube wohl, daß es _tödlich_ sein kann – aber ansteckend ist es nicht.“ – – –
* * * * *
Der kleine Hermann, der den Brief mit viel Heimlichkeit und Wichtigtuerei nach der Post besorgte, war fest überzeugt, daß es ein Liebesbrief sein müsse, den man ihm anvertraut hatte. Er wäre sehr erstaunt gewesen, wenn er erfahren hätte, daß in dem Brief mehr von ihm, von dem kleinen Hermann selbst, die Rede war, als von Liebe.
„... Ich habe die Kinder meines Onkels früher gehaßt“ ... das schrieb sie, nachdem sie von den Begebenheiten der letzten Tage eine sachliche Schilderung gegeben hatte. „... Ich hatte keinen Grund, sie zu hassen, als daß sie so abstehende Ohren hatten. Sag’ mir, Liebes, wodurch bin ich ein so ganz anderer Mensch geworden? Ich sehe jetzt Charaktere in jedem kindischen Benehmen, und ich sehe Schicksale, die an diese Charaktere unlöslich festgekettet sind. Ich sehe, daß die kleine Annemie einmal ein schweres Leben haben wird – nicht nur, weil sie abstehende Ohren hat – und darum habe ich immer das Gefühl, ich möchte ihr helfen, ich möchte ihr schenken, um die paar glücklichen Stunden in ihrem Leben zu vermehren ...
Ich habe eine Entdeckung gemacht, Olla. Du wirst mich auslachen. Meine Tante Antonie hat den Bücherschrank vor mir verschlossen und hat mir das Neue Testament aufs Zimmer gelegt. Ich habe sie in Verdacht, sie wollte mich damit strafen. Vor einem Jahr hätt’ ich es voll Empörung an die Wand geworfen und wäre gar nicht auf den Gedanken gekommen, daß man es lesen könnte. Und jetzt habe ich mich so damit befreundet! Was ist das doch für ein herrliches Buch! Aber ich mache mich lächerlich vor Dir mit meiner Entdeckung. Gibt es wohl etwas Schönes auf der Welt, was Du nicht kennst und liebst?“ – – –
* * * * *
Onkel Jürgen und Tante Antonie waren aufs angenehmste überrascht von Mettens Betragen. Sie hatten ein widerspenstiges Kind erwartet, das sie nötigenfalls unter Anwendung von Gewalt zähmen mußten und fanden eine junge Dame von formvollendeter Liebenswürdigkeit. So wirkte es peinlich, sie überall zu beschränken und zu beaufsichtigen, und man gewährte ihr eine Freiheit nach der anderen.
Mette nutzte diese Freiheiten aus und traf Vorbereitungen zur Flucht. Sie hatte Tag und Nacht keinen anderen Gedanken, und die dauernde Beschäftigung mit diesen Plänen stimmte sie zu fast ausgelassen-heiterer Erregung.
Es handelte sich vor allem darum, sich Geld zu verschaffen. Mette verkaufte von ihren Sachen, was ihr irgend entbehrlich schien. Aber das brachte nicht genug. Sie fing an, Sachen aus dem Haushalt zu verschleudern. Es war schwierig und unpraktisch. Erstens konnte es herauskommen, ehe sie fort war, dann war alles verloren, und zweitens lohnte es nicht die aufgewendete Mühe, und es tat ihr auch leid, wertvolle Dinge um einen Spottpreis wegzugeben.
Eines Tages empfing Onkel Jürgen mit der Post eine größere Summe, die er in Mettens Gegenwart in den Schreibtisch einschloß.
Mette starrte wie hypnotisiert auf den verschlossenen Kasten. Da war alles, was sie brauchte, aber wie dazugelangen?
Sie lag eine ganze Nacht, ohne Schlaf zu finden, oder auch nur zu suchen. Ihre Gedanken arbeiteten fieberhaft.
Nachts den Schreibtisch gewaltsam erbrechen. Es ging kein Zug mehr, der sie dann vor Tagesanbruch in Sicherheit brachte.
Einen Wachsabdruck des Schlosses nehmen. Der Schlosser würde Verdacht schöpfen, wenn sie sich einen Schlüssel danach machen ließ.
Das Schlüsselbund stehlen? Man würde es sofort vermissen und das ganze Haus durchsuchen.
Den Schreibtischschlüssel vom Bund lösen? Man würde auch das Fehlen dieses einen wichtigsten Schlüssels sofort bemerken.
Am anderen Tag holte sich Mette vom Schlosser ein halb Dutzend Schlüssel. Sie erzählte eine Geschichte von einem verlorenen Schrankschlüssel und freute sich fast darüber, wie sicher und unbefangen sie ihre Märchen vortrug.
In der Nacht schlich sie hinunter und probierte die gekauften Schlüssel. Sie hatte die Form und Größe des Schlüssels sich gut gemerkt. Fast alle ließen sich ins Schloß schieben. Aber keiner schloß.
Am anderen Tag erbat sie die Schlüssel, um ein Buch aus der Bibliothek zu nehmen. Während sie vor dem Bücherschrank kniete, löste sie den Schreibtischschlüssel vom Bund. Einen bereitgehaltenen, der ihm äußerlich gleich sah, fügte sie an seine Stelle.
Sie nahm ein Buch aus dem Schrank, ohne zu wissen, welches.
In dem Augenblick, in dem sie Onkel Jürgen das Schlüsselbund zurückgab, glaubte sie, er müsse das rasende Schlagen ihres Herzens spüren. Sie fühlte, daß ihr Gesicht weiß aussehen mußte wie Kalk und bemühte sich, mit steifgefrorenen Lippen zu lächeln.
Der Onkel nahm ihr die Schlüssel ab, ohne von seiner Zeitung aufzusehen und ließ sie mit einem flüchtigen „Danke!“ in die Hosentasche gleiten.
Mette packte ihren Handkoffer und gab eine Depesche auf. In der Dämmerung schaffte sie den Handkoffer nach der Bahn.
Um halb acht wurde zu Abend gegessen. Um halb neun ging der Zug.
Mette klagte während des Essens über Kopfschmerzen. Der Onkel gab ihr auf ihre Bitte ein Pyramidon und empfahl ihr, sich gleich hinzulegen.
Mette sagte: „Gute Nacht!“ während die anderen noch bei Tisch saßen.
Um vom Eßzimmer nach dem Treppenflur zu kommen, mußte sie durch das dunkle Wohnzimmer. Während sie aus dem Nebenzimmer die Stimmen hörte und jeden Augenblick das Stuhlrücken der Aufstehenden zu hören glaubte, schloß sie das Schreibtischfach auf und stopfte eine Handvoll Scheine in ihre Bluse.
Im Treppenflur hing ihr Mantel schon vorsorglich bereit. Sie schlüpfte hinein und öffnete die kleine Hintertür, die an der Küche vorbei in den Garten führte. Vorne an den Fenstern des Speisezimmers vorbeizugehen, wagte sie nicht.
Über das niedrige Gartenstaket sich zu schwingen, war keine Schwierigkeit. Noch einmal sah sie sich um. Von dieser Seite war das Haus ganz dunkel. Sie horchte. Keine Tür ging, kein Fenster klirrte. Dann wandte sie sich und lief wie gejagt querfeldein – dem Bahnhof zu. – – –
* * * * *
Während der Bahnfahrt kämpfte sie manchmal mit einer qualvollen Bangigkeit. Sie sah sich verfolgt, gefesselt – der Zug schien unerträglich langsam zu fahren, auf allen Stationen über Gebühr zu halten.
Sie hatte mitunter das Gefühl, daß es besser wäre, auszusteigen und zu laufen, vorwärtszujagen, bis Atem und Muskelkraft versagten, als so in untätiger Unrast gefangen zu sein und zu warten, bis die träge Maschine sie ans Ziel brachte.
Mit einem plötzlichen Erschrecken dachte sie an die Möglichkeit, daß ihr Telegramm nicht zur Zeit angekommen sein könne oder Olga nicht zu Hause getroffen habe.
Was sollte sie nur um Gottes willen anfangen, wenn Olga nicht an der Bahn war!
Nach Hause zu fahren, war eine Unmöglichkeit. Sie glaubte schon Zwangsjacke und Handschellen zu spüren.
In der Nacht zu Olga? An einem fremden Haus klingeln, die Leute in der Pension wecken? Mit welchem Recht?
Ihr blieb nichts übrig, als sich für die Nacht in einem Hotel einzumieten. Aber wo war sie sicher? Morgen früh würde man überall nach ihr suchen. Ihr graute vor dem, was ihr dann bevorstand.
Und ihr graute vor der einsamen Nacht in einem fremden Zimmer.
Es kamen Augenblicke, wo sie verwundert ihrem eigenen Tun gegenübersaß und erschrak vor ihrer eigenen Kühnheit. Wo sie bei einer Bewegung plötzlich das Knittern der Scheine in ihrer Bluse fühlte und voll Staunen und fast voll Bewunderung sich fragte: „Herrgott, wie hab’ ich das eigentlich fertiggebracht?“ – – –
* * * * *
Um elf Uhr zwanzig lief der Zug in den Bahnhof ein. Licht und Lärm in der dröhnenden Halle, deren weite Wölbung sich im Dunkeln verlor, waren fast noch beängstigender als die schweigende Nacht auf den Feldern.
Aber da war Olga Radó.
Zwischen hastenden, suchenden, hin und her wimmelnden Menschen stand sie ganz ruhig, noch ein wenig höher gereckt als sonst. Zwischen dummen, stumpfen, mißgeformten, vor Aufregung verzerrten Gesichtern leuchtete ihr weißes, klares Gesicht. Unter den dunklen, wie drohend zusammengezogenen Brauen hervor schimmerten die scharfen Augen und flogen prüfend an der Wagenreihe entlang.
Mette stieß die Tür auf, ehe noch der Zug hielt. Sie bahnte sich rücksichtslos einen Weg, stieß ihren Handkoffer den Leuten in die Kniekehlen, streckte ihr die Hand entgegen, nein, griff nach ihr, wie ein Fallender nach einem Halt und rief zwischen Lachen und Weinen:
„Olga!“
Olgas Gesicht, das sich erst jetzt mit jäher Wendung ihr zudrehte, blieb ernst. Nicht der Schimmer eines Lächelns flog über die gespannten Züge.
„Mette!“ sagte sie mit ihrer tiefen Stimme. „Kind! Was machst du für Dummheiten!“
Mette erschrak ein wenig. Nicht sehr. Ein anderer Empfang wäre ihr lieber gewesen – aber was taten ihr diese Worte oder der Ton der Worte. Olga war da. Sie sah ihr Gesicht, sie hielt ihre Hand, sie hörte ihre Stimme.
Nun war alles gut.
„Bist du böse?“ fragte Mette mit lachenden Augen, ohne Olgas Hand loszulassen. „Wenn du jetzt schon böse bist, alter Philister, dann wag’ ich gar nicht zu erzählen, was ich alles ausgefressen habe!“
„Ich bin nicht böse,“ sagte Olga ernsthaft, „ich lehne nur jede Verantwortung ab. Wenn du durchgehst, ist das deine Sache. Ich habe dich nicht mit einem Wort, mit einem Blick dazu verleitet. Ich habe nichts davon gewußt. Das möchte ich nur von vornherein konstatieren.“
„Ja,“ sagte Mette, „aber nachdem du das nun konstatiert hast, kannst du mir vielleicht sagen, ob es dir persönlich angenehm oder unangenehm ist, daß ich hier bin.“
„Wenn ich ehrlich sein soll,“ sagte Olga mit einem halben Lächeln und ohne Metten anzusehen, „so ist es mir nicht unangenehm; aber ich bin eigentlich ein bißchen verzweifelt. Hast du vielleicht darüber nachgedacht, was nun mit dir werden soll?“
Mette hatte daran gedacht. Darüber nachgedacht? – Nein, das war wohl nicht das richtige Wort. Sie hatte die Vorstellung gehabt, daß sie zu Olga käme, um bei Olga zu sein, um bei Olga zu bleiben. Sie hatte sich in Olgas behaglichem Zimmer gesehen – in dem einzigen Zimmer, in dem sie je glückliche Stunden verlebt hatte – hatte sich da verbergen wollen, nie auf die Straße gehen, nie nach Hause gehen – nun fühlte sie das Unsinnige dieser Gedanken und wagte sie den klugen Augen gegenüber nicht auszusprechen.
„Ich weiß nicht,“ sagte sie kleinlaut. „Ich weiß nur, daß ich nicht nach Hause kann, nie, nie, nie, nie! Ich kann mir ja eine Stellung suchen als Kindermädchen, als Kellnerin – was weiß ich!“
„Dazu hättest du eigentlich ebensogut bleiben können, wo du warst. Sie werden dich ja nicht gerade geprügelt haben oder Hunger leiden lassen. Oder glaubst du, daß du als Kindermädchen sehr viel mehr Freiheit haben wirst?“
„Ja,“ sagte Mette trotzig, „dann hab’ ich wenigstens meinen freien Sonntag, wo mir kein Mensch verbieten kann, mit dir zusammen zu sein!“
„Meinetwegen!“ Olga blieb stehen und schloß einen Moment wie in tödlichem Erschrecken die Augen. „Du bist geradezu grausam, Mette. Fühlst du denn nicht, wie ungeheuer du mich damit belastest? Ich kann diese Verantwortung nicht tragen, ich kann nicht!“
Sie standen immer noch auf dem Bahnsteig, der jetzt von den wimmelnden Menschenmassen fast geleert war. Nur ein paar Nachzügler strebten noch nach dem Ausgang.
Mette fühlte sich müde und zerschlagen und empfand den leichten Handkoffer wie eine Zentnerlast. Die kühle Zugluft in der weiten Halle machte sie frösteln.
„Wollen wir nicht zehn Minuten in den Wartesaal gehen?“ fragte sie bedrückt. „Vielleicht fällt mir bei ruhiger Überlegung irgend etwas ein, was ich tun könnte. Aber wenn du zu müde bist, kannst du ja auch ruhig nach Hause gehen!“
„Ja,“ sagte Olga kurz, „und dich hier die Nacht allein auf dem Bahnhof sitzen lassen! Du bist wohl ganz verrückt, mein liebes Kind?“ – – –
* * * * *
Sie saßen in dem leeren Wartesaal und wärmten sich die kalten Finger an den heißen Teegläsern. Mette erzählte die Geschichte ihrer Flucht. Sie nahm die zerknitterten Geldscheine aus ihrer Bluse und stopfte sie in die Tasche.
Mette hatte fast erwartet, daß Olga lachen würde. Während sie erzählte, kam ihr selber die Sache ungeheuer komisch und abenteuerlich vor. Aber Olgas Gesicht blieb tiefernst.
„Und nun?“ fragte sie.
„Ich gehe in ein Hotel!“ sagte Mette eigensinnig.
„Und ich?“
„Du gehst in deine Pension!“
„Ich lasse dich nicht allein.“
„Komm mit,“ sagte Mette mit dem Aufblitzen einer Hoffnung.
„Ja,“ sagte Olga bitter, „und morgen früh kommt die Polizei und bringt uns in Gewahrsam. Ich danke. Dann hab’ ich dich womöglich zu schwerem Einbruchsdiebstahl verführt.“
„Weißt du,“ sagte Mette, nach einer Pause des Nachdenkens, „dann müssen wir’s schon machen wie richtige Defraudanten. Uns in den nächsten Zug setzen und weiterfahren. Einfach auf irgendeiner Station aussteigen und in ein Hotel gehen. Von da aus schreib ich dann an meinen Vater und bitte ihn vor allen Dingen, die Geldangelegenheit in Ordnung zu bringen. Vielleicht ist er auch sonst vernünftig, und ich kann mich irgendwie mit ihm einigen. In einem halben Jahr bekomme ich ja mein Vermögen ausgezahlt, von meiner Großmutter her. Wenn mir mein Vater bis dahin nichts gibt, mache ich eben Schulden daraufhin, das muß doch irgendwie gehen. Also“ – Mette sah nach der großen Abfahrtstafel – „um zwölf Uhr vier geht der nächste Zug!“
Olgas Gesicht verlor den strengen Ausdruck. Eine große Freude lachte aus ihren Augen. Aber sie zögerte noch.
„Du bist doch ganz verrückt!“ sagte sie. „Ohne Nachthemd und ohne Zahnbürste!“
„Wäsche habe ich genug,“ sagte Mette eifrig. „Eine Zahnbürste können wir in Buxtehude auch kaufen!“
„Was du für Ideen hast!“ sagte Olga langsam.
Mette sah, daß sie schon halb überwunden war.
„Großartige Ideen!“ sagte sie strahlend. „Äußerst reizvolle Ideen. Findest du etwa nicht?“
„Ja, aber ich wäre nie darauf gekommen,“ sagte Olga betont. „Du hast mich überredet. Es ist ausschließlich deine Idee!“
„Selbstverständlich! Ich bin viel zu stolz darauf, um mir die Autorschaft von irgend jemand streitig machen zu lassen.“ – – –
* * * * *
Der Zug zwölf Uhr vier war ein Personenzug. Sie saßen allein in einem Nichtraucherabteil, das dämmerig erhellt war durch die zur Hälfte blau verdeckte Glaskugel an der Decke. Sie bemühten sich vergebens, diesen Lichtschirm zurückzustoßen, um die Leuchtkraft des Gasflämmchens voll zu entfachen.
„Laß nur gut sein,“ scherzte Mette. „Es ist gut, wenn wir im dunklen Coupé sitzen, dann können uns unsere Verfolger nicht gleich von draußen erkennen.“
Mette war so voll übermütiger Freude, daß sie diesen Gedanken zu einer lustigen Komödie ausspann und auch Olga mit fortriß.
Sie spielten Flucht. Sie duckten sich, wenn draußen einer vorbeiging. Sie atmeten erlöst auf, als der Zug abfuhr. Mette veränderte ihre Haartracht, um nicht erkannt zu werden. Sie „bestach“ den Schaffner mit der „Summe“ von drei Mark, damit er niemand hineinlassen sollte. Und ängstigte sich nachher, daß die Höhe des Trinkgeldes sie unzweifelhaft als Defraudanten verdächtig machen würde.
„Weißt du,“ sagte Mette geheimnisvoll, „wir dürfen natürlich nicht da aussteigen, wohin wir Karten genommen haben. Dann sind sie uns ja sofort auf der Spur. Wir steigen einfach bei irgendeiner Station aus.“
„Ja,“ sagte Olga, „bei der siebenten. Sieben ist eine heilige Zahl!“
Mette glühte vor Begeisterung. „Ist das schön! Ist das wundervoll! Wir fahren – und wissen nicht wohin! Wir steigen aus – und wissen nicht wo! Wir wachen morgen früh in einer fremden Stadt auf – und wissen nicht, wie sie heißt.“
„Wie das klingt!“ sagte Olga und machte ihr nach. „Wie eine ganz tiefsinnige Angelegenheit. Wir leben – und wissen nicht wie! Wir lieben – und wissen nicht warum! Wir sterben und wissen nicht wann!“
„Nein,“ sagte Mette, „dein ‚wann‘ weiß ich nicht. Gott sei Dank! Aber das ‚warum‘ weiß ich. Gott sei Dank!“
Es flog ein leichter Schatten über Olgas Gesicht, als ob sie nicht hören wollte, was Mette sagte.
„Ich habe mir früher immer so glühend gewünscht zu wissen, wann ich sterbe,“ sagte sie nachsinnend. „Ich finde es so ungerecht, daß man absolut nicht weiß, wieviel Zeit einem zur Verfügung steht. Man müßte doch die Möglichkeit haben, sich einzurichten. Ich habe meine Freundin beneidet, die an der Schwindsucht gestorben ist. Sie wußte genau: So viel ist jetzt noch von meiner Lunge vorhanden – so lange kann ich noch leben, wenn ich geize, wenn ich mich schone – ich kann aber auch verschwenden und den Rest auf einmal wegwerfen. Schön muß das sein. Du weißt ja: Ich kann nie aus meinem Zimmer fortgehen, ehe es nicht aufgeräumt ist, weil ich doch immer die fixe Idee habe, wer weiß, ob ich wiederkomme. Mir ist der Gedanke schrecklich, daß ich einmal aus dem Leben fort muß und alles in Unordnung hinterlasse.“
Metten waren die Tränen nahe. Sie wollte die Traurigkeit, die sie quälte, verbergen und verscheuchen und sagte mit erzwungener Derbheit:
„Du bist wohl ganz verrückt, ja? Vielleicht suchst du dir zu dieser melancholischen Nachtfahrt ein anderes Gesprächsthema aus?! Sonst setz’ ich mich so lange ins Nebencoupé, bis du mit deinen Meditationen fertig bist!“
„Kind!“ sagte Olga lächelnd und griff nach ihrer Hand. „Du hast ganz recht. Schimpf nur tüchtig. Das kommt von dem blöden Orakeln.“
„Orakeln?“ fragte Mette erstaunt.
„Kennst du das noch nicht an mir? Ich mach’s doch wie die alten Bauernweiber, die in allen schwierigen Lebenslagen mit der Stricknadel in die Bibel stechen und sich dann irgendeinen Rat herausdeuten.“
„Du hast ja gar keine Stricknadeln!“ sagte Mette lachend.
„Nein – eine Bibel nebenbei auch nicht. Eine Bibel muß etwas Ererbtes sein. Eine zu kaufen, hat gar keinen Wert. Aber es muß ja zu diesem Zweck keine Bibel sein – ich nehme einfach irgendein Buch und schlage es auf. Es ist merkwürdig, was für klare Antworten man manchmal bekommt. Ich habe heut’ auch gefragt ... als deine Depesche kam ... ob ich nach der Bahn gehen sollte ...“
„Na, und?“ fragte Mette erwartungsvoll.
„Ach ... es ist ja alles Unsinn ...“ sagte Olga mit einem gequälten Lächeln. Sie drehte den Kopf und sah angelegentlich aus dem Fenster in die schwarze Nacht, die draußen vorbeiflog.
„Sicher ist es Unsinn,“ sagte Mette herzlich. „Aber es quält dich doch. Wenn du es aussprichst, wirst du erst einsehen, _wie_ unsinnig es ist. Sag’ es mir doch – dann lachen wir beide darüber.“
Olga wandte ihr das Gesicht wieder zu. Sie mühte sich, ein unsicheres Lächeln festzuhalten.
„Als Radomonte Gozaga in Genua einzog – in irgendeinem Rachefeldzug – ich weiß nicht, in welchem – da trug er ein Wams, auf dem ein Skorpion gestickt war und darunter sein Spruch: _Qui vivens laedit, morte medetur._ Ist das noch keine Antwort?“
Mette faßte nach Olgas Hand. Sie mußte erst einen Schleier zerreißen, den die schwer gesprochenen Worte über sie gebreitet hatten.
„Du bist ja verrückt!“ sagte sie. Aber ihre Stimme klang nicht klar. Sie mußte eine plötzliche Heiserkeit wegräuspern. – – –
* * * * *
Das Knirschen der Bremse lief unter den Wagen durch.
„Die sechste Station!“ sagte Mette geheimnisvoll mit großen Augen. „Die nächste ist unser Schicksal. Gebe Gott, daß es keine große Stadt ist!“
Als der Zug sich wieder in Bewegung setzte, fingen sie an, sich zum Aussteigen fertigzumachen. Die nächste Haltestelle konnte in zehn Minuten oder in einer Stunde erreicht sein. Sie wußten es nicht.
Sie hatten den Handkoffer auf den Sitz heruntergehoben und standen nebeneinander an der Tür, die Stirn an die Scheibe gelegt, bemüht, mit den scharfen Augen das vorübersausende Dunkel zu durchdringen.
„Es ist viel Wald in der Gegend,“ sagte Olga. „Nadelwald.“
„Ja,“ frohlockte Mette, „darin gehen wir morgen spazieren.“
Der Wald hörte auf. Schiefergrauer, wolkiger Himmel schied sich von weit hingebreiteten, sanft gehügelten dunklen Feldern. Wieder Bäume, erst vereinzelt, dann dichter schwarzer Wald, der bis an den Bahndamm herantrat und nicht ein Streifchen Himmel mehr über den Gipfeln sehen ließ.
Wieder wurden die Bäume spärlicher, verschwanden. Wieder breiteten sich Felder in breiten Flächen. Aber in einer Entfernung, die man nicht schätzen konnte, wie eingebettet zwischen den sanft geschwungenen Linien, blinkte ein winziges Licht. Noch eins ... und noch eins ...
„Da ... da! Da!“ rief Mette entzückt. „Ob wir das sind?“
„Seltsam,“ sagte Olga, „vielleicht ist eins von diesen Lichtern morgen unser helles Fenster. Und vielleicht hat man nach zehn Jahren ein Heimatsgefühl, wenn man an diesen Lichtlein vorüberfährt. Und jetzt hat man keine Ahnung, wie der Ort da heißt!“
Ein Bahnwärterhäuschen glitt vorüber. Hier und da gleißte ein Stück der blanken Schienen im Lichtschein einer Laterne auf. Wieder traten Baumbestände bis dicht an den Zug, aber gelichteter, von vielen Wegen durchzogen. Dann lief eine Hecke ein Stück mit. Dann vor der beschnittenen Hecke ein hellgestrichenes Holzstaket. Dahinter, ganz nah, dunkelten schon die Umrisse einzelner Häuser. Nun kamen trüb brennende Laternen, eine Barriere, die eine dunkle, baumbestandene Chaussee abschloß.