Der Skorpion. Band 1

Part 14

Chapter 143,738 wordsPublic domain

Sie ging in das Nebenzimmer, setzte sich vorm Spiegel den Hut auf, sehr sorgfältig, zog den Mantel an, suchte ihre Handtasche. Sie beeilte sich nicht. Sie hatte immer noch das törichte Gefühl, als müßte Olga jetzt hereinschlüpfen und ihr irgend etwas zuflüstern ... wo sie sich treffen wollten, wo sie hinschreiben sollte, wann sie ihr alles erklären wollte. Es kam niemand.

Als Mette ihre Handtasche aufmachte, fand sie ein Päckchen zusammengedrückter Geldscheine darin. Die waren noch von der Reise.

Sie nahm sie heraus und lachte bitter auf. Nun würde sie wohl nie mehr in die Versuchung kommen zu stehlen.

Nun würde sie wohl nie in ihrem Leben mehr Geld brauchen.

Sie hob die Hand und öffnete sie und ließ die Scheine über das zerwühlte Bett flattern.

Dann ging sie hinaus, an dem fremden Mann vorbei, an den Mädchen vorbei, die Treppe hinunter und aus dem Haus, ohne sich umzusehen.

Auf der Straße holte der Wagen mit ihren Leuten sie ein. – – –

* * * * *

Onkel Jürgen blieb noch eine Zeit lang in Berlin. Er benahm sich recht merkwürdig. Er war still und gütig und richtete auf Metten immer ein paar ehrliche, angstvolle, blaue Augen und sprach zu ihr immer in einem leicht gerührten Ton. Von dem Geld und der Flucht war nie mehr die Rede.

Wenn Mette zuweilen – oft geschah es ja nicht – über dieses Benehmen nachdachte, meinte sie, es nur auf _eine_ Weise erklären zu können. Sie glaubte nicht, daß es Reue war, weil sein heftiger Brief ihres armen Vaters Tod verschuldet hatte. Sie kam auch nicht auf den Gedanken, daß er versuchte, sie durch Liebe und Güte zu gewinnen. Nein, wahrscheinlich tat sie ihm leid. Er hatte Olga Radó gesehen. Er hatte ihre Stimme gehört. Er hatte einen Hauch ihrer Macht gespürt. Wenn Mette das dachte, liebte sie ihn fast.

Und er hatte es gehört, wie Olga sie verleugnet und verraten und gedemütigt hatte. Nun hatte er Mitleid mit ihr. – Wenn Mette das dachte, so haßte sie ihn.

Auch Tante Emilie war von einer sonderbaren Sanftmut. Mette dachte später manchmal, daß es besser gewesen wäre, wenn die Leute in dieser Zeit sie gequält und gepeinigt hätten und sie stark gemacht hätten in stählendem Haß. – – –

* * * * *

Tante Emilie und die ganze Familie war sehr dafür, die Tiefe der Trauer durch die Länge der Schleier auszusprechen.

Es sollte niemand sagen können, daß Mette, die verlorene Tochter, das ungeratene Kind nicht über den Tod ihres Vaters trauere.

Als Mette sich zum erstenmal im Spiegel sah, von Kopf zu Füßen in schwarzem Krepp, schmal und blaß, mit erloschenen Augen und schmerzgezeichnetem Mund, dachte sie: „Wie eine Witwe“, und ihr Herz zog sich qualvoll zusammen.

Als sie zur Beerdigung fuhren und nebeneinander saßen, hielt Tante Emilie mit der schwarz behandschuhten Rechten das weiße Taschentuch an die zitternden Lippen und mit der Linken hielt sie Mettens Hand. Und Onkel Jürgen sah aus dem Fenster, und von Zeit zu Zeit rollte eine Träne aus seinen blauen Augen bis in den Schnurrbart.

Metten war zumut, als sei sie ein Berg gewesen, an dessen steinerner Unverletzlichkeit jedes Geschoß abgeprallt war – nun war durch eine Explosion ein Trichter in sie hineingesprengt, in ihr war Leere, in ihr war ein tiefer, dunkler, zerklüfteter Abgrund. Die wild zerrissene Wunde lag offen am Tage und alles fiel ungehindert in sie hinein, blieb schwer wie Steine in ihr liegen, erfüllte sie mit Qual – alles, Blicke, Worte, Tränen, Bewegungen.

„Weh über den, der mich zersprengt hat!“ dachte sie bitter.

Dann schloß sie ihre Finger einen Augenblick fester um Tante Emiliens Hand.

„Wir gehören zusammen,“ dachte sie, „Verlassene und Ungeliebte, bitter- und hartgewordene Unglückliche – wir gehören zusammen. Zwei große Familien gibt es auf der Welt, Reiche und Arme, Gesunde und Kranke, Lachende und Weinende ... Olga Radó gehört zu den Frohen, sie hat triumphiert, sie hat sich gerechtfertigt, sie hat sich von mir befreit – nun geht sie lachend einem neuen Abenteuer entgegen.“

Nicht immer dachte Mette so. Die widerstreitendsten Empfindungen schüttelten sie durcheinander.

Es kamen wache Nächte, in denen sie glaubte, daß alles gut werden mußte, wenn sie Olgas Hand hielt und fragte:

„Kind, wie ist das nur gekommen? Wie konnte das nur geschehen? Was hast du dir nur dabei gedacht?“

Dann lief sie am Tage die Motzstraße auf und ab und starrte zu der Haustür hinüber – aber immer vergebens.

Dann kamen Tage, an denen Tante Emilie ein widerlich-freundliches Bedauern zur Schau trug und sich in Anspielungen erging, über die Undankbarkeit der Welt im allgemeinen und im besonderen, und wie Mette nun vereinsamt sei, weil sie ihre ganze Zeit und ihr ganzes Gefühl an eine solche Person verschleudert habe.

Dann haßte Mette mit glühendem Haß alle beide, Tante Emilien und Olga. Aber mehr noch Olga – Olga, die sie zu Boden geworfen hatte, damit Tante Emilie auf ihr herumtreten konnte, Olga, die ihr die Wunde gerissen hatte, in der Tante Emilie mit schmutzigen Fingern wühlte.

Manchmal beschloß sie zu sterben. Viel öfter aber noch zu fliehen. Ein Bündel zu packen und die Landstraßen entlang zu laufen, auf Wiesen, in Gräben zu nächtigen, den ewigen Sternenhimmel als Decke über sich.

Der Gedanke an fremde Erdteile war das einzige, was ihr in dieser Zeit zuweilen wohl tat. Mit diesem Gefühl der Gleichgültigkeit gegen Tod und Leben mußte es schön sein, irgendwo im Dschungel mit gespannter Büchse zu liegen und im kaum schwankenden Rohr die Augen eines Tigers auf sich gerichtet zu sehen. Oder an einem Wachtfeuer zu liegen, um das nackte, schwarze Gestalten zu eintöniger Musik sich verrenkten. Oder von den leise schaukelnden, kissenweichen Tritten eines Kamels durch unermeßliche, flirrende, weiße Glut getragen zu werden.

Dann wieder schien es ihr, als ob ein solches Leben – auch ein _solches_ Leben nur unablässige Qual wäre ohne Olga – unendlicher Reichtum, unausdenkbares Glück mit Olga.

Sie versuchte, sich in den Gedanken zu fügen, daß Olga sie nicht liebte. Aber es konnte nicht sein, daß sie sie haßte. Sie hatte sie geopfert, leichten Herzens aufgegeben, um ihren Ruf zu wahren, um sich Unannehmlichkeiten abzuwehren. Sie liebte sie nicht. Aber darum waren ihre Worte doch Lüge gewesen. Sie hatte sich gefreut, wenn sie kam. Immer. Sie würde sich wieder freuen, wenn sie wieder kommen würde.

Sie wollten ein Leben zusammen führen, ein herrliches, freies Leben, in allen Städten der Welt, auf Dörfern, im Walde, in Indien, auf Madagaskar.

Dazu kam, daß Metten jetzt tagtäglich klargemacht wurde, wie reich sie war. Franz Rudloff war kein Geizhals gewesen, aber er wußte nicht, wie und wofür man Geld ausgeben sollte. Und Tante Emilie war viel zu musterhaft, um auch nur in der kleinsten Kleinigkeit verschwenderisch zu sein.

Mette hatte keine allzu genaue Kenntnis von Geld und Geldeswert. Aber das wußte sie doch: Die Summen, die man ihr jetzt nannte, die verbürgten Freiheit, volle Freiheit, die versprachen ihr: in wenig Monaten kannst du ein Leben führen, wo du willst und wie du willst ...

Ein Leben ohne Olga ...?

Mette faßte den Entschluß, an Olga zu schreiben. Nicht, wie es in ihr aussah, nichts von Sehnsucht und Liebe, oh, um Gottes willen nicht.

Aber ein paar ganz kühle, sozusagen geschäftsmäßige Zeilen, die nur den Versuch machen sollten, eine Aussprache herbeizuführen.

Sie verfaßte mit vieler Mühe einen Brief, den sie aufsetzte, verbesserte, abschrieb und war mit ihrem Machwerk sehr zufrieden.

Kein Mensch konnte darin einen Hauch von Herzlichkeit oder gar Demut wahrnehmen. Eher einen scharfen, spöttischen, ein wenig herausfordernden Ton.

Sie schickte den Brief ab und wartete auf Antwort. Es kam keine. – – –

* * * * *

Unterdessen bemühte sich Tante Emilie, an Mettens Aufklärung zu arbeiten. Und zwar auf eine merkwürdige Art.

Sie war viel zu vorbildlich, um mit einem jungen Mädchen über sittlich anstößige Dinge zu reden. Außerdem hatte sie wohl auch Angst vor Mettens Wutausbrüchen. (Obgleich Feigheit eigentlich sonst ihre Sache nicht war.)

Mette hatte die Gewohnheit angenommen, in ihres Vaters Studierzimmer zu sitzen. Sie las und las den ganzen Tag die schwierigsten, die unverständlichsten Dinge, nur um ihre Gedanken zu knebeln. Hier hatte sie alle Bücher zur Hand. Es war bequemer, sich gleich damit am Schreibtisch niederzulassen, als die manchmal schweren Folianten erst in einen anderen Raum zu schleppen.

Außerdem war ihr hübsches, helles Mädchenzimmer ihr verhaßt.

Wenn sie an dem schweren schwarzen Diplomatenschreibtisch saß, mit müde hängenden Schultern über die Bücher gebeugt, war es ihr manchmal, als hätte man Metten da draußen begraben, ein junges, lebensgieriges, heißblütiges Mädel – und hier säße nun ein alter, stiller, einsamer Mann. Sie fühlte fast mit Grauen, daß etwas von dem Toten – seine halben, scheuen und schwerfälligen Bewegungen, seine gebückte Haltung, sein abwesendes, um Verzeihung bittendes Lächeln auf sie übergegangen war.

Auf diesem Schreibtischplatz nun fand sie von Zeit zu Zeit Bücher, Hefte, Broschüren, scheinbar ganz verschiedenen Inhalts – Romane, medizinische Werke, angestrichene Tageszeitungen – aber alle behandelten dasselbe Thema.

Da waren seltsame und unheimliche Geschichten von Gräfinnen, die sich in Männerkleidung in Kaschemmen herumtrieben, bis sie in irgendeinen Hinterhalt gelockt und gräßlich ermordet wurden.

Oder Berichte von widerlichen Orgien in großen Klubs, wo Hunderte von Weibern sich als Männer anzogen und gebärdeten, oder Männer, geschminkt, mit Lockenperücken und in durchbrochenen Seidenstrümpfen und nackten gepuderten Armen und Schultern herumliefen.

Da waren statistische Feststellungen aller der unglücklichen Opfer, die infolge widernatürlicher Unzucht an Gehirnerweichung, Rückenmarksschwindsucht und ähnlichem zugrunde gegangen oder in Wahnsinn verfallen waren.

Oder Schilderungen aus dem Seelenleben Konträr-Sexualer, die vermuten ließen, daß diese Tausende von Menschen alle miteinander eine große Gemeinde bildeten, eine Gemeinde, die durch nichts verbrüdert wurde, durch keine gemeinsamen Interessen, keine Gleichheit der Bildung, der Familie, des Geschmacks, der Weltanschauung, durch keine Liebe, durch nichts als den Trieb zur gleichen Ausschweifung.

Da war die Biographie eines großen Mannes, der elend ermordet war durch einen erpresserischen Kellner, einen Kellner, mit dem er in intimen Beziehungen gestanden – den er _geliebt_ hatte!

Mette schauderte, wenn sie das Wort Liebe in diesem Zusammenhange nur dachte. Manchmal war ihr, als müsse sie ersticken in Kot und Unflat. Ihr wurde körperlich übel, wenn sie die Bücher nur anrührte. Sie las sie nicht mehr – eine Weile lang. Sie las geschichtliche, philosophische, naturwissenschaftliche Werke. Aber sie wußte oft seitenlang nicht, was sie las. Ihre Augen gingen über die Zeilen und spiegelten die Worte. Und ihre Gedanken wälzten die furchtbaren Dinge, die wie Steinblöcke auf sie geschleudert wurden, um sie zu erschlagen. Dann nahm sie wieder die anderen Bücher vor, die schlimmen, und suchte nach Erklärungen und zog Schlüsse und stellte Vergleiche an.

Wenn von männlich veranlagten Frauen gesprochen wurde, war viel von ihrem überlegenen Geist, von ihrem Wissensdurst und Bildungsdrang die Rede. Auch von einer krankhaften Verschwendungssucht mitunter, von einem leidenschaftlichen Hang zum Luxus, von einer unnatürlichen Vorliebe für schöne Stiefel.

Oder auch von unheimlichen Don-Juan-Naturen, die mit unersättlicher Genußgier von Abenteuer zu Abenteuer rasten.

Mette geriet vor solchen Dingen in die qualvollste Verwirrung. Diese Bücher sollten sie den Menschen verstehen lehren, der ihr auf der Welt am nächsten gewesen war. Hundertmal in den letzten Monaten hatte sie sich gesagt: diese Frau ist ein unlösliches Rätsel, ein unergründliches Geheimnis, mir ewig fremd und fern, nie zu erfassen und nie zu begreifen. Und ebensooft hatte sie in jedem Nerv gespürt: Dies ist die Lösung, nun ist alles klar, alles gut, nie wieder kann ein Mißverstehen uns trennen.

Und jetzt? Und nun?

Mitunter spürte Mette das quälende Bedürfnis, diese Schriften zusammenzupacken und damit zu Olga Radó zu gehen: erklär mir das. Gibt es solche Menschen? Bist du so? Bin ich so? Was weißt du darüber und wie denkst du darüber?

Über alles, was sie im letzten Jahr gehört oder gelesen hatte, hatte Olga Radó ihre Meinung äußern müssen. Und fast immer war Olgas Meinung auch die ihre gewesen, oder aber eine andere Meinung in ihr wurde geweckt, gekräftigt, klargestellt.

Nun zum erstenmal sollte sie mit so Ungeheuerlichem allein fertig werden und tappte völlig hilflos im Dunkel. Wo sie Licht, wo sie einen Ausweg zu finden glaubte, kam sie nur auf neue Irrwege. Sie gelangte nicht um einen Schritt vorwärts, nicht zurück.

In dieser Wirrnis konnte nur Olga Radó helfen. Olga Radó mußte klar und deutlich ihre Meinung über Olga Radó äußern. Und diese Meinung galt.

Da schrieb Mette zum zweitenmal. Auch in diesem Brief stand kein Wort von Liebe oder Sehnsucht – nur eine dringende Bitte um Hilfe, viel Klage über das, was jetzt in ihr geschah und auch ein wenig Anklage: Du hast mich so weit gebracht, du mußt mir jetzt die Hand geben und mich aus diesem Sumpfland hinausführen.

Es kam keine Antwort. – – –

* * * * *

Aber der Frühling kam über alle diesem.

Warme, schmeichelnde Lüfte kamen und breite, glitzernde Sonnenstreifen und Knospenschleier auf allem Gesträuch und Schneeglöckchen und Krokus, die sich mühsam ihren Weg bahnten durch schwarzviolettes fauliges Laub.

Mette konnte die weiche schwere Luft nicht vertragen. Sie schlief nicht mehr und hatte Kopfschmerzen Tag und Nacht.

Das Lesen hielt ihre Gedanken nicht mehr fest. Sie saß über die Bücher gebeugt und starrte aus dem Fenster. Stundenlang lag dieselbe Seite vor ihr und wurde nicht umgeschlagen.

Sie fing an, Romane zu lesen. Man konnte darüber nicht so hinauslesen wie über eine trockene wissenschaftliche Darstellung, weil sie die Phantasie anregten und Bilder wachriefen.

Aber diese Bilder wurden zur Qual.

Immer waren da Menschen, die sich liebten, sich sehnten, um einander, miteinander kämpften, sich fanden, vereinten oder sich trennten, aneinander zugrunde gingen, starben, sich verließen. Von Liebe zu lesen tat weh.

Oder es war vom Meer die Rede, von Bergen und Wäldern, vom Frühling oder Sommer. Und Mette dachte: „Nie waren wir am Meer zusammen, nie in den Bergen, nie in einem Juniwald, nie zwischen reifenden Kornfeldern. Wenn wir in dem engen Zimmer da oben saßen und auf die graue, regennasse Wand sahen, war ich so glücklich, weil ich fühlte, daß alle Schönheit der Welt uns bevorstand.

Olga Radó wird am Meer liegen oder durch reifende Felder gehen oder durch die Domgewölbe smaragdener Buchenwälder – aber nie mehr mit mir. Mit wem nur? Mit wem?“

„Ich bin verdammt dazu, blind und taub durch die Welt zu gehen oder mit ewig schmerzenden Sinnen. Alle Schönheit wird mir zur Marter werden und jeder Genuß zur Qual.“

Sie las von Reichtum und Luxus – von Autos, die über die Landstraße jagten, von weißen Hotels an blauen Wassern, von Bällen und Festen und Segeljachten und Schlittenfahrten – dann fing sie an, ihr Vermögen zu berechnen und dachte: „So ein Leben hätte Olga Radó führen können, wenn sie bei mir geblieben wäre.“

Oder sie las von Armut und Schmutz und Not, von Verbrechen, die der ewige Druck der Sorge erpreßte, von Elend und Krankheit und schauriger Einsamkeit.

Dann schnitt ihr die Angst wie mit Messern ins Herz: „Dahin wird Olga Radó kommen, wenn ich sie nicht halte. So wird sie enden, wenn ich sie verlasse.“

Die Kirschbäume blühten. Nun fuhr Olga Radó sicher mit einer schönen Frau auf einem weißen Dampfer über die blauen Wasser der Havel. Und die Welt um sie war voll Schönheit und Sonne und Glanz.

Und Metten faßte eine irrsinnige Sehnsucht, dabei zu sein, Olgas Leben zu führen. Aller Stolz fiel von ihr ab wie verbrannte Fetzen. Sie stand nackt vor sich und schrie vor Weh.

Da schrieb sie zum drittenmal an Olga Radó.

Sie schrieb, daß sie nicht mehr leben und nicht mehr atmen könne ohne sie. Daß sie nichts von ihr wolle, keine Liebe, keine Zärtlichkeit, keine Freundschaft. Daß sie nur um sie sein wolle, wie eine Magd, wie ein Hund, daß sie nichts wolle, als ihr aus allen Kräften dienen und zum Lohn dafür sich schlagen und treten lassen. Daß sie keine Eifersucht kenne oder gar Herrschsucht oder Besitzerwahn. Daß sie jedem dienen wolle, Mann oder Weib, den Olga liebte, und daß sie ihre Liebe so tief in sich anketten und einmauern wolle, daß nie, nie, nie ein Mensch davon ahnen solle, auch Olga nicht.

Und sie wartete auf Antwort. Aber es kam keine.

Plötzlich kam sie auf den Gedanken, daß Olga vielleicht ihre Briefe nicht erhalten hätte ... ganz gewiß nicht erhalten hätte.

Sie ging nach der Motzstraße und jeder Schritt war ihr, als wenn sie auf Nadeln träte.

Das Mädchen machte ihr auf, das ihr damals in der Nacht aufgemacht hatte. Da bekam sie den Namen nicht über die Lippen und fragte nach Petermann.

Der war verzogen, unbekannt wohin. Sie quälte sich wieder durch zehn Tage hindurch. Dann ging sie zum zweiten Male hin.

Ein fremdes Mädchen öffnete ihr die Tür. „Ich habe Glück,“ dachte Mette, und einen Augenblick lang wurde ihr schwindlig bei dem flüchtigen Gedanken an die Möglichkeit, daß Olga hier sein könne, daß Mette vielleicht in der nächsten Minute in ihrem Zimmer ihr gegenüberstünde. Was nachher geschah, das war ja im Grunde einerlei.

Fräulein Radó war verzogen – unbekannt wohin.

Mette ging aufs Einwohnermeldeamt. Sie füllte den vorschriftsmäßigen Zettel aus und gab ihn mit rasendem Herzklopfen dem grauköpfigen Beamten.

Der freundliche alte Herr ging und suchte und kam wieder und fragte, ob die Dame eigene Wohnung hätte.

Nein – Leute, die in Pensionen wohnten, führten sie nicht.

Da ging Mette den letzten und schwersten Gang. Sie ging zu Möbiussens.

Die Mädchen grinsten ihr frech ins Gesicht, als sie nach Olga Radó fragte.

Nein, sie wüßten nichts von ihr. Sie hatte sich natürlich nicht mehr sehen lassen, Vater hätte sie ja auch wohl höflichst an die Luft gesetzt. Sie hatten auch plötzlich keine Erinnerung mehr an eine Verwandtschaft. Sie wußten den Namen des Preßburger Onkels nicht mehr oder des Budapester Schwagers. Aber sie _wollten_ gern wissen. Glühend vor Neugier und Lüsternheit fingen sie an, Fragen zu stellen, ob es denn wahr wäre, daß ...

Mette wurde rot und blaß und heiß und kalt. Sie hätte einen Mord begehen können, wenn sie nicht viel zu müde dazu gewesen wäre. Sie sagte: „Ich weiß nicht!“ Auf alle Fragen immer nur: „Ich weiß nicht.“

Vielleicht hätte sie sich entrüsten sollen und Olga Radó verteidigen. Vielleicht hätte sie sie verlästern sollen und geheimnisvolle Andeutungen machen. Vielleicht hätte sie lachen sollen und die Mädchen an der Nase herumführen. Sie hielt sich mit beiden Händen am Stuhl fest und sagte: „Ich weiß nicht!“

Als sie das Haus verließ, wußte sie, daß sie es nie wieder betreten würde. Ein sinnloses Wort ging ihr wie im Fieber immer wieder durch den Kopf: In der Leute Mäuler sein ...

Sie hatte sich noch nie etwas dabei gedacht. Nun war ihr ganz körperlich so zumute, als hätte man sie durchgekaut und aufs Pflaster gespien. Der Ekel schüttelte sie. – – –

* * * * *

Von Zeit zu Zeit – in immer kürzeren Zwischenräumen – trat an die Oberfläche ihrer Empfindungen ein dumpfer, peinigender Haß gegen Olga Radó. Alles, was sie jetzt litt, hatte diese Frau verschuldet. Leichtsinnig und kaltherzig und ganz gewissenlos verschuldet.

In dieser Zeit war Mette sehr ungerecht gegen Olga Radó. Denn es schien ihr, als wäre sie aus einer glücklichen, wohlbehüteten Jugend herausgerissen, als wäre ein tiefer, heiterer Frieden in ihr zerstört, ein wundervolles Gleichgewicht in ihr erschüttert worden.

Und es erschien ihr als das Endziel aller Wünsche, daß es wieder so werden solle, wie es vorher gewesen war. Sie hatte nur die eine Sehnsucht, das letzte Jahr aus ihrem Leben zu streichen, zu löschen, zu vergessen.

Dann nahm sie wieder die schlimmen Bücher vor und las absichtlich das, was sie am meisten angewidert hatte. Sie steigerte sich künstlich in Haß und Zorn und Angst hinein.

Es kamen Tage, wo sie sich sagte: Nun bin ich frei! Ich bin wie aus schwerer Krankheit genesen, ich fühle, daß mein Blut wieder rein ist – ich werde leben können wie alle die anderen Menschen auch, ein Leben ohne Qual und Freude, ohne Sehnsucht und ohne Erfüllung.

Und es kamen Nächte, wo sie glaubte, daß ein brennendes Gift in all ihren Adern fräße. Wo die Angst vor einer unnennbar grauenhaften Zukunft sie schüttelte. Wo sie glaubte, den eigenen zügellosen Begierden erliegen zu müssen, wehrlos jeder Dirne ausgeliefert zu sein, die aus verbrecherischen Gründen ihre Leidenschaft weckte, wo sie sich von Erpressern gehetzt, von Kriminalbeamten verfolgt, siech, irrsinnig, eingekerkert oder ermordet sah.

In einer solchen Periode grenzenlosester Verzweiflung verlobte sie sich.

Irgendein anständiger und solider Mann bewarb sich um sie.

Sie wußte nichts von ihm. Sie wußte nicht, wann und wo sie ihn zum erstenmal gesehen hatte, sie wußte nicht, wie er aussah, wußte kaum etwas von seinem Charakter oder seinen Neigungen – sie fühlte nur eines Tages, seit einiger Zeit war immer ein Mensch neben ihr, der sich bemühte, gut zu ihr zu sein. Jemand, der ihr sehr sorgfältig den Mantel um die Schultern legte, sich bückte, wenn ihr etwas hinfiel, ihr Blumen brachte, sich bemühte, ihr irgend etwas Heiteres zu erzählen, um ihr Gesicht ein wenig zu erhellen.

Dieser Mann wußte so angenehm wenig von ihr. Und Tante Emilie überfloß in seiner Gegenwart von sanfter mütterlicher Freundlichkeit. Es wäre ihr geradeso gut zuzutrauen gewesen, daß sie vor ihm bissige Bemerkungen oder vielsagende Andeutungen gemacht hätte.

Aber er paßte ihr wohl in ihr Programm.

Er bedauerte Metten so unendlich, weil sie Waise war. Er schrieb all das Weh auf ihrem blassen Gesicht der Trauer um den geliebten Vater zu.

Manchmal wagte er es, ihre kalten Finger in seinen beiden Händen zu halten oder sie sanft zu streicheln. Dann schloß Mette die Augen und prüfte in Angst ihr Gefühl.

Es ging Wärme und wohltuende Ruhe von seinen großen starken Händen aus. Seine weiche Zärtlichkeit war eher angenehm als widerwärtig. Dann sagte sie sich mit einer aufschimmernden Hoffnung: „Vielleicht wird noch alles gut. Vielleicht gewinne ich es über mich, ihn zu heiraten. Ich werde immer einen Menschen um mich haben, der gut zu mir ist, ich werde Kinder haben, ich werde ein Heim haben, ich werde immerfort zu tun haben – vielleicht kann man das Leben auf solche Weise noch am ehesten ertragen.“

Und dann stachelte sie der unbändige Wunsch nach Rache. Es würde Olga Radós Eitelkeit vielleicht doch verletzen, wenn sie erfuhr, daß sie so schnell vergessen worden war.

Der Mann war reich. Das paßte Tante Emilien, und es paßte mitunter sogar Metten.

Sie sah sich zuweilen in der Loge der Oper brillantenblitzend neben diesem Mann – einem sehr hübschen, stattlichen Mann – sie sah ihn manchmal aus solchen Gedanken heraus daraufhin an – niemand würde auf den Gedanken kommen, daß sie ihn nicht aus Liebe geheiratet hätte – und sah dann plötzlich Olga Radó irgendwo auftauchen. Oder sie sah sich in einer Equipage an Olga Radó vorüberjagen – oder – am liebsten dachte sie, sie zu treffen, wenn sie mit ihren süßen kleinen, blondlockigen, weiß angezogenen Kindern spazieren ginge. Dann würde sie die Kinder vor ihr zurückreißen wie vor einem giftigen Tier. Damit, ja, damit würde sie sie am schmerzlichsten verletzen.

Als der Mann anhielt, sagte Mette ja. Sie hatte Zeit genug gehabt, sich an diesen Gedanken zu gewöhnen. Sie setzte selbst die Verlobungsanzeigen auf und sorgte dafür, daß sie in verschiedene Zeitungen kamen.