Der Schandfleck

Part 6

Chapter 63,902 wordsPublic domain

Die sonntägliche Christenlehre bestand darin, daß nachmittags, geraume Zeit vor dem Segen, der Pfarrer die Kanzel bestieg und durch einen kleinen Vortrag die Leute über Gebräuche und Glaubenssätze der Kirche belehrte, das geschah jahraus jahrein für die älteren Leute, damit sie nichts vergessen, und für die jüngeren, daß sie zulernen möchten. Es vergingen viele Sonntage, ohne daß Magdalena in Versuchung kommen konnte, das Gebot des alten Reindorfer zu übertreten, denn dieser fand sich jetzt immer bei jeder Christenlehre ein, fühlte er sich etwa schwach in den Glaubensartikeln? Wohl möglich, der Mann war alt, da will das Gedächtnis nicht mehr alles so ohne Umstände herausgeben, es merkt, der Umsatz von außen wird schwächer, da hält es seine Laden geschlossen und seinen Vorrat beisammen, gerade als stünde bald eine andere Verwendung bevor.

Aber Magdalena dachte bei sich: Ich weiß, der Vater könnte die Leute all das so gut von der Kanzel herab lehren, wie der Herr Pfarrer selbst. Was tut er nur jetzt so oft in der Christenlehre?

Einmal blieb er aber doch wieder weg und da gesellte sich der Florian zu ihr, sie dachte wohl an das Verbot, aber wie sie so nebeneinander hinschritten und von Mühl’ und Mehl, Sense und Sichel, Heu und Streu redeten, da konnte sie es doch nicht so ernsthaft nehmen wie der Vater, sie hätte es dem Buben ja gar nicht sagen können, ohne ihm dabei in das Gesicht zu lachen und von ihm ausgelacht zu werden.

„Ihr müßt doch alle Jahr froh sein,“ sagte Florian, „wenn die Feldarbeit getan ist, solang ihr noch den Leopold im Hause habt.“

„Wär’ es einmal,“ meinte die Dirne, „so würden wir es ohne ihn auch richten.“

„Gelt, dein Bruder hat die Melzer Sepherl gern?“

„Die Leute sagen es, ich hab’ ihn nicht darum gefragt.“

„In vier Wochen kommt er wieder heim, dann läßt er gewiß nimmer von ihr.“

„Ich weiß nicht, aber der Vater ist so viel dagegen.“

„O, dein Vater, der leidet ja nicht einmal, daß Schulkinder miteinander gehen.“

Das Mädchen lachte. „Freilich nicht! Meinst, ich sollte jetzt mit dir gehen? Beileibe! Neulich, wie er uns zusammen gesehen hat, da ist es wieder strenge verboten worden.“

„Und doch gehen wir jetzt zusammen! Gelt, du gibst auch nicht mehr auf so ein Verbot, als der Leopold geben wird?“

Das Mädchen machte große Augen. „Ich meine, das wäre denn doch ganz etwas anderes!“

„Ich freue mich,“ fuhr der Junge fort, „wenn der Leopold wieder heim ist, mit dem mußt du mich bekannt machen, dann gehen wir zu vieren über die Felder, er mit der Sepherl und ich mit dir.“

Da wurde Magdalena blutrot im Gesichte und sagte zornig: „Was du dir nur für Gedanken machst, du dummer, halbwüchsiger Bube, du! Der Vater hat ganz recht, mit dir geh’ ich auch nimmer, die Kleehuber Franzl hat auch einen Weg mit mir, die redet mir von Kuh und Geiß, aber nicht, von was ich nicht zu wissen verlange.“

Sie wandte dem verblüfften Jungen den Rücken und schritt rasch dahin, daß die Stiefelchen knarrten.

Als sie das Gehöfte erreichte, stand der alte Reindorfer wieder vor dem Tore, sie trat zu ihm, ihr Gesichtchen war gerötet, die Lippen trotzig geschlossen und die beiden Nasenflügel arbeiteten heftig.

„Guten Abend, Vater,“ sagte sie.

„Grüß dich Gott! Schaust ja ganz zornig aus.“

Drüben über der Straße schlich gerade Florian vorbei, er sah gar nicht auf.

Magdalena deutete mit einer kurzen Kopfbewegung nach ihm. „Das ist wirklich ein dummer Bub’. Hast schon recht gehabt, Vater. Ich geh’ nimmer mit ihm!“

„Ist mir lieb.“

Von da an hielt sich die Reindorfer Leni zu den Dirnen.

* * * * *

Die Waffenübungen waren vorüber, Reservisten und Landwehrmänner zogen wieder heim. Die Sonne war schon hinter die Hügel gesunken, nur rote Wolkenstreifen verrieten dem engen Tale, daß sie noch am Himmel stünde, als Leopold seinen Heimatsort erreichte.

Er ging aber nicht die breite Straße durch denselben, sondern schlug einen Fußsteig ein, der ihn auf kurzem Umwege in den Rücken des Häuschens brachte, wo seine Liebste wohnte. Er schwang sich über den Gartenzaun, ein knurriger Spitz fuhr auf ihn los, ließ aber sogleich ab, als er ihn beim Namen rief, und mit klopfendem Herzen schlich er durch das Gärtchen der Hütte zu; knapp davor kniete die alte Melzerin an einem Gemüsebeet und jätete und setzte um, er gelangte unbemerkt an ihr vorüber.

Nun konnte er nimmer fehlgehen, es war nur ein einziges Gemach im Hause, auf den Fußspitzen noch die paar Schritte durch die Küche, und er riß mit freudigem Ungestüm die Türe auf.

Der laute Gruß aber, den er hineinrufen wollte, blieb ihm in der Kehle stecken.

Sollten die Leute doch recht haben?!

Neben Josepha stand ein Bursche, der traulich den Arm um ihre Hüfte gelegt hatte. Die beiden waren offenbar mehr überrascht, als verlegen.

Josepha faßte sich zuerst, rasch sich freimachend, sagte sie: „Sei nicht so keck! Und siehst, da ist mein Leopold wieder, und den hab’ ich tausendmal lieber, wie ich dir auch tausendmal gesagt habe.“

Der Bursche trat jetzt auf Leopold zu und bot ihm die Hand. „Jesus, Reindorfer,“ sagte er, „grüß dich Gott! Bist wieder da? Nun, wenn du da wieder einrückst, da darf ich als Ersatzmann nur gleich marschieren! Abreden hab’ ich sie dir so nicht können, das hab’ ich nicht können, nicht um die Welt!“

Leopold kehrte sich schweigend ab und ging davon.

Die Dirne aber schob auch den Burschen zur Türe hinaus. „Mache fort, daß er dich doch auch fortgehen sieht.“

Sie kehrte in die Stube zurück. „Gut, daß die Mutter nichts davon weiß! Ich meine, er kommt doch wieder!“ --

Es war gerade keine herzliche Begrüßung, welche darauf zwischen dem Vater und dem heimgekehrten Sohne auf dem Reindorferhofe stattfand, aber der Alte steckte den Vorwurf des Burschen, daß er ihn durch sein Zuwarten und Abreden um die Dirne gebracht habe, welche sich jetzt an einen andern halte, ruhig ein und wünschte nur, es möchte damit sein Abkommen haben.

Acht Tage hatte Leopold diese Angelegenheit nicht weiter berührt, nur blieb er mürrisch und verdrossen. Wenn es im Hause nichts mehr zu tun gab, dann ging er über die Felder, immer jene Wege, die er früher mit Josepha gegangen, und da traf es sich denn, daß ihm diese zufällig auf einem schmalen Steige begegnete, wo an ein Ausweichen nicht zu denken war.

Der junge Reindorfer blickte erst auf, als sie vor ihm stand, er drückte seinen Hut tiefer in die Stirne und wollte an ihr vorbei, sie aber faßte nach seiner Hand und hielt ihn daran fest.

„Ich weiß nicht, was du hast,“ sagte sie, „seit du den dummen Krämer Alois bei mir getroffen, gerade, als ob etwas Unrechtes zwischen mir und dem vorgegangen wär’! Halte es wie du willst, bleibe meinetwegen weg von unserer Hütte und von mir, aber daß du Übles denkst, das leide ich nicht!“

„Ich meine, es war nicht unrecht gedacht und nicht unbillig gefordert, daß du es mir nicht hättest antun sollen, daß ich einen andern bei dir treffe.“

„Wessen ist denn die Schuld? Bin ich nicht ein armes Dirndl, das sich viel gefallen lassen muß in der Welt? Hab’ ich dir nicht gesagt gleich zu Anfang, wie wir Bekanntschaft gemacht haben, daß ich es den Burschen nicht verwehren kann, daß sie mich für schön halten, und daß ich mich oft genug vor ihren Nachstellungen hab’ hüten müssen? Und du hast gesagt, daraus machtest du dir nichts, und du möchtest nicht einmal eine, die dir jeder ohne Neid vergönnte. Wenn ich nichts Gewisses weiß, kann ich daraufhin die andern Bursche vor den Kopf stoßen? Wenn du keinen Ernst zeigen willst, kannst du etwas dagegen sagen, wenn jeder meint, mir zu gefallen könne er mit demselben Rechte versuchen, wie du? Bin ich deine Bäuerin, dann brauchst du dir derlei nicht gefallen lassen, und dann weiß auch ich, was ich zu tun habe!“

„Und daß du dich verhalten sollst gerade so, als wärst du schon meine Bäuerin, das war meine Meinung! Hab’ ich dir nicht gesagt, wenn ich wiederkomme, so mach’ ich alles richtig? Hast du so wenig Vertrauen?“

„Mehr schon als du, und mehr als zuträglich ist, das hat sich da wieder gewiesen! Meinst du, was du mir sagst und was ich dir glaube, das wissen und glauben auch die Leute? Die neidige Brut mißgönnt es mir ohnehin, hätte ich ihnen davon geredet, sie hätten gemeint, es wäre nur geprahlt, und ausgelacht wäre ich worden. So hab’ ich zuwarten wollen, bis ich sie mit der Nase darauf stoßen kann, daß du es ehrlich meinst und jetzt -- jetzt mögen sie nur spotten, jetzt habe ich es davon, daß ich dir mehr vertraut habe als du mir!“ Sie führte ihre Schürze an die Augen.

Der junge Reindorfer stand verlegen. „Aber“, sagte er nach einer Weile, „es war auch nicht not, daß du dich von dem dummen Krämerbuben hast um den Leib fassen lassen.“

Josepha zog die Schürze vom Gesichte und lachte: „Geh zu, weil du ihn etwa zu fürchten hast? Keinen von allen im ganzen Ort, wie sie da sind, sag’ ich dir; wenn du es nur ehrlich meinst, da gilt mir keiner soviel!“ -- Sie schlug ein Schnippchen. -- „Möcht’ auch wissen, wer einem lieber sein könnte wie du!?“

Das war Balsam auf die Wunde.

Leopold kam ziemlich spät heim und erklärte seinem erstaunten Vater, daß wieder alles zwischen ihm und der Josepha auf gleich gekommen sei und nun überlege er nicht länger, er wolle sie doch nehmen und der alte Reindorfer möge daher auch ein Einsehen haben.

Der Alte unterdrückte einen schweren Fluch, erhob sich, von wo er saß und sagte: „Es wär’ unchristlich, wenn ich in der ersten Hitze sagen möchte, tu in drei Teufels Namen wie du willst und verrenne dich in Schandhaftigkeit und Verderben; denn du bist mein einziger, leiblicher Sohn! So sag’ ich dir nur, was dich vorläufig von deinem Gedanken abbringen könnte, wenn du den Verstand dafür hast, es sind einmal jetzt so leidige Soldatenzeiten, aus der Reserve wärest du, zwei Jahr’ noch bist in der Landwehr, verspar dir das Heiraten, bis du ganz frei bist.“

„So, zwei Jahr’ sollt’ ich warten,“ schrie der Sohn, „sag es nur lieber gleich frei heraus, du erhoffst, ich besinne mich mittlerweile anders?“

„Das hoff’ ich zu Gott, und es wäre nicht zu deinem Schaden.“

„Das gilt nicht, darüber reden wir noch!“

„So? Aber dann, heut nimmer! Gute Nacht!“

Die Reindorferin hatte daneben gesessen, jetzt stand sie auf und folgte dem Bauer, vor Leopold aber hielt sie an und sagte: „Du solltest doch den Vater nicht so erzürnen wegen der leichten Dirn’.“

„Da schlag das Wetter darein! Was die Leute nicht alles wissen! Leicht wäre die Josepha? Weißt, Mutter, am End’ ist sie just so schwer wie du oder ein anderes Bauernweib, nur daß man halt euer Gewicht nicht kennt!“

Die Reindorferin ging ohne ein Wort zu sagen.

Nun war es wieder, wie es gewesen war, bevor der Leopold einrückte, ein Leben voll Unfriede und Unzufriedenheit, wohl gaben die Leute dem alten Reindorfer recht, aber Leopold gab nichts auf die Leute, bei jeder schicklichen oder unschicklichen Gelegenheit legte er ein Wort für sich und Josepha ein. Wenn dem Alten bei irgendeiner Arbeit die Kraft versagte, und es ihm nicht mehr so wie früher von der Hand gehen wollte, so sagte der Bursche: „Da sieht man, wie alte Leute eigensinnig sind, selber können sie es nicht mehr richten, aber sich zur Ruhe setzen und jüngere anfassen lassen, das wollen sie nicht!“ Oder wenn der Bauer einen Tag wegen Unwohlsein das Bett hüten mußte, sagte Leopold: „Ruhe und Pflege tät’ dir not, aber du willst ja nicht!“ Dem widersprach aber immer der alte Reindorfer und meinte, die Hände, worauf es abgesehen sei, wären ihm zu unsauber, um sie an das Seine fassen zu lassen, und mit der Ruh’ und Pflege würde es nicht weither sein, käme die Sippe auf den Hof.

Ein Wort gab das andere, keifend und zänkisch, wie sie nun geworden war, mengte sich auch die Bäuerin darein, der Streit artete aus und roh ging es oft auf dem Reindorferhofe her.

Der Magdalene zitterte oft das Herz im Leibe, wenn sie derlei mit anhören mußte. Aber wenn sich der rohe Bursche und die heftige Mutter müde gestritten hatten und einsehen mochten, daß sie einander nicht gewachsen seien, dann suchten sich beide einen schwächeren Teil, den sie es empfinden lassen konnten, daß ihre Worte doch zählten, und dazu war ihnen Magdalena eben recht.

Nur der alte Reindorfer brach den Streit immer ab, wie das erste ungehörige Wort fiel, sagte noch einmal kurz seine Willensmeinung und dann keine Silbe weiter.

Und wenn nun das Mädchen von dem mürrischen Bruder und der mißlaunigen Mutter ohne Anlaß gescholten und gedrangsalt wurde, da war ihr der Vater ein wahrer Trost und ein leuchtendes Beispiel, denn auch er war ja im Rechte und ließ doch soviel Unbill über sich ergehen, und er war doch besser als die andern, gewiß, und darum konnte er auch klüger sein; da erfaßte sie eine innige Zuneigung zu dem ruhigen alten Manne, der ja auch der einzige war, der nichts wider sie hatte und der sich immer gleich blieb.

Ja, der sich immer gleich blieb! Jetzt, wo sie aufgehört hatte ein Kind zu sein, wo sie sich fühlte, wo sie es gerne jemand anvertraut hätte, wie sie denke und empfinde, damit sie auch hören könnte, sie dächte recht und schicklich, jetzt merkte sie erst, daß der Vater auch gegen sie sich immer gleichgeblieben war!

Da geschah es an einem Sonntage, daß der alte Reindorfer eines bösen Fußes wegen die Kirche nicht besuchte, alle wollten in den Gottesdienst gehen, das Gehöft wäre unter der Aufsicht des kranken, hilflosen Mannes verblieben, aber Magdalene erklärte, sie bleibe gerne bei dem Vater daheim.

So saßen denn der Greis und das junge, blühende Mädchen beisammen in der warmen Stube. Das ganze Gehöft lag so ruhig im Sonnenschein, in dem der frisch gefallene Schnee glänzte, die Zaunpfähle hatten jeder eine weiße Haube auf, etliche Sperlinge flatterten an die Fenster und pickten an die kleinen Scheiben.

„Wenn es dir recht ist, Vater,“ sagte das Mädchen, „so lese ich uns etwas aus der Bibel vor.“

„Hast recht, Leni, lese das heutige Evangelium.“

Magdalene hatte das Buch geholt. „Mußt nicht böse sein, Vater,“ sagte sie und drückte das Köpfchen tief in die aufgeschlagenen Blätter, „aber ich möchte gerne ein anderes.“

„Nun ist auch recht, such dir etwas aus.“

Da begann das Mädchen und las das 15. Kapitel des Evangelisten Lukas, das Gleichnis vom verlorenen Sohne.

Als sie geendet hatte, sagte der Alte: „Ist eine schöne Geschichte, eine rechte Vergleichung der Gottesliebe im Himmel mit der Elternliebe auf Erden; geschieht unsereinem auch hart, wenn ein Kind just auf das Trebernfressen so erpicht ist, wie der Leopold. Hat dir das vielleicht seinetwegen für heute gepaßt?“

„Nein, Vater, sondern weil ich dich hab’ fragen wollen, wenn ich von dir fort wär’ und käm’ wieder, ob du wohl auch Freude hättest?“

Der Bauer schüttelte den Kopf. „Bist gescheit? Wohin fort solltest du auch kommen?“

Die Dirne langte mit beiden runden Ärmchen über den Tisch nach den welken Händen des alten Mannes und drückte sie zwischen den ihren. „Schau, Vater,“ sagte sie, „Schand’ möcht’ ich dir um alle Welt keine machen, aber nach Not und Elend fragte ich nicht, wenn du mich dafür möchtest auch ein bißchen liebhaben!“

Da wurden dem Bauer die Augen groß, er stand hastig auf, an dem Fenster tippte er paarmal an die Scheibe, um die Sperlinge außen zu verscheuchen, dann wandte er sich zum Gehen. Mit seiner schwieligen Rechten berührte er leicht den Scheitel des Mädchens. „Nun, sei nur brav, bleib hübsch brav,“ sagte er leise.

6.

Nach jenem Sonntage war der alte Reindorfer umgänglicher gegen das Mädchen geworden, und Magdalena suchte um ihn zu sein, so oft es tunlich war. Der Vater wußte so viel von der Welt, die noch in unklarer Weite vor ihr lag, und was er sagte, das war ein so rechtschaffenes Meinen und Denken, daß sie ihm gar gerne zuhörte.

Er erzählte von Land und Leuten, die er kennen gelernt, von der Welt und den Menschen, wie er sie gefunden habe und was er davon halte, von seinen eigenen Leiden, Freuden und Erfahrungen und hatte dabei immer einen Fingerzeig, einen Hinweis für das aufhorchende Mädchen.

Einmal begann er das Gespräch mit einer Erinnerung an seinen Vater.

„War wohl auch ein kreuzbraver Mann, mein Großvater,“ meinte die Dirne.

„Dein Großvater?“ sagte der Bauer, „von dem weiß ich wenig.“

„Bist du denn so früh verwaist gewesen, Vater?“ fragte Magdalena.

Da hustete der Bauer verlegen, brachte seine Geschichte hastig und stotternd zu Ende und war einige Tage recht wortkarg gegen das Mädchen; erst als er merkte, dasselbe habe gar keinen Arg, da beruhigte er sich wieder, es war ihm, als hätte er durch seine Unvorsichtigkeit das Kind in seinem recht heilsamen, frommen Glauben erschüttern können. Von seinen Eltern geschah aber nie mehr wieder eine Erwähnung.

Für Magdalena konnten die längst verstorbenen Eltern des alten Reindorfer höchstens ein Gegenstand der Neugier, aber nicht der regen Teilnahme sein, so fragte sie ihnen auch nicht weiter nach; eine Frage aber hätte sie schon oft gerne an den Vater gerichtet, doch dazu mußte sie sich erst ein Herz nehmen. -- --

Es war Frühjahr, die Bäume im Garten wollten betreut sein, abgeästet und vor dem sich allmählich einfindenden Geziefer bewahrt werden, und dem alten Reindorfer war ihre Pflege gar angelegen.

„So ein Baum,“ sagte er, „ist grundgütiger als der beste Mensch, er kann nur jedem Gutes erweisen und niemandem übelwollen, auch +der+ Baum, der nichts hat als seinen kühlen Schatten, will den anderen Geschöpfen wohl, und wenn sie erst in Menge zusammenstehen, als grüner Wald, da verrichten sie schon was Rechtes. Hab’ mein Lebtag gefunden, wo keine Wälder stehen, da ist auch dürrer Boden und mühselige Menschen darauf. Aber das Raupengeschmeiß, das ist nur zum Übelwollen auf der Welt, das frißt und frißt, und gingen die Bäume darüber zugrunde, daß sie und ihre Brut allzusammen verhungern müßten, das irrt sie nicht; der sie ausrottet, erhält sie zugleich, wäre es nicht um die Bäume, man hätte sie längst sich aus der Welt fressen lassen können, die Himmelsackermenter ...“ Er streifte ihrer etliche mit dem Rücken des Gartenmessers von der Rinde und zertrat sie, den anderen zum erschrecklichen Exempel.

„Aber wenn sie als Falter herumfliegen,“ sagte Magdalena, die an einem anderen Baume geschäftig war, „da sind sie so viel sauber.“

„Wenn sie als Sommervögel auf die Welt kämen,“ meinte der Bauer, „meinetwegen möchte es ihnen vergönnt sein, daß sie ihren Rüssel in jede Blume stecken; aber so ist ihre ganze Herrlichkeit auf fremde Kosten angefressen und ihre Buhlerei läuft auf künftigen Raupenfraß hinaus.“

„Ob sich die Falter gut leiden mögen, die in der Luft einander nachjagen?“

„Nun, wohl werden sie das, weil es ein Muß ist. Dafür ist gesorgt, was einmal in der Welt ist, stirbt nicht so leicht aus. Auch der Mensch, der doch um all seine Mühseligkeit weiß, kann sich dem nicht entbrechen, und ehe er es selber denkt, geht er auf die Freite.“

„Vater, mußt nicht böse sein,“ bat Magdalena und spielte mit ihrem Schürzenbande, „aber ich möcht’ dich etwas fragen.“

„Wird was Rechtes sein, womit du dich nicht heraustrauest.“

Da sah ihm das Mädchen lächelnd in das Gesicht und sagte: „Ich möchte gern wissen, wie du und die Mutter euch habt kennen gelernt.“

„So, so? Das fragst du zweimal umsonst, einmal, weil du meinst, das sei wohl schon so lange her, daß ich ohne Schämigkeit davon zu reden wüßte, aber das wüßte ich nicht anzugreifen. Und zum andernmal ist es nicht schicklich, daß eines von den Eltern derlei zu dem Kinde redet.“

„Mußt halt nicht bös sein, Vater.“

„Hab’ derowegen keine Ursache,“ sagte der Bauer. Dann hielt er in der Arbeit inne und trat auf das Mädchen zu. „Hör, Leni, weil du aber Neugier zeigst in solchen Dingen, so möcht’ ich mit dir auch darüber reden. Reden ist Silber, heißt es, und Schweigen ist Gold. Ist ein rechtes Sprüchlein, gilt auch da, solange die Kinder hübsch um die Eltern bleiben, aber wenn sie dann in die Welt verlangen -- Gold ist ein heikel Ding, nicht immer findet sich ein ehrlicher Wechsler dafür --, da ist es wohl gut, man gibt dem Kinde etwas handliches Silbergeld mit auf den Weg, das heißt, man macht das Maul auf und redet; damit haben es schon manche Eltern versehen und ist ihnen manch goldreines Dirndel arg ausgewechselt heimgekommen. Du hast dein mannbar Alter erreicht, die Zeit ist da, -- ich sag’ nicht, wo dir ein Bursche leicht gefallen möchte, denn du hältst auf dich und das ist recht, auch hätt’ es damit weniger Gefahr, euch meistert doch die Scheu, und die Dirn’, die einem Manne aus freien Stücken nachlaufen möcht’, die steht in unsers Herrgotts Aufmerkbüchel gar nicht als Frauenzimmer eingeschrieben und gilt auch der Welt nicht dafür; aber +die+ Zeit ist da, wo die Burschen an dir Gefallen finden könnten und da sieh dich vor, da hüte deine Gedanken, denn es ist nicht allein not, man nimmt sich vor, brav zu sein, das hilft nichts, wenn man nicht brav denkt und recht. Rechtschaffen denken, das gibt erst den Schick, wer nur brav denkt und nicht weiter, der mag leicht betrogen werden, doch dabei kann er noch seine Seele rein fühlen, immer noch besser, als er tut gut und denkt übel und ihm wird dabei so elend, als hätte er alle vorgenommene Sünd’ wirklich begangen. Schau, Leni, brav denken, ist wie ledige Kopfarbeit, bei rechtschaffen Denken ist der ganze Mensch dabei, die Brave schiebt nur an ihrer Kammertüre den Riegel vor, das heißt: es soll nicht sein! Die Rechtschaffene schließt auch noch das Fenster und das heißt: es darf nicht sein! -- Danach richte dich und tu so, nicht nur gleichnisweise, sondern auch in Wirklichkeit, denn was hilft alle Vergleichnis, wenn nicht danach getan wird?!“

„Ich meine schon, daß du recht hast, Vater,“ sagte das Mädchen.

„Darauf verlaß dich. Ich weiß, sie halten es da herum in der Gegend anders, da gehen Bursche und Dirnen jahrlang zusammen, bis sie einander überdrüssig werden oder sich gewöhnen, dann ist beim Zertragen Zeit und Ehr’ verloren und beim Zusammenbleiben kein rechter Segen. Wohl, die Bursche werden dich hochnäsig heißen und deine Kameradinnen werden dich auslachen, das laß sie tun; die Leute sehen es nicht gerne, wenn eines anders ist wie sie, und das Schwein sagt zum Roß: Ich ließe mich nicht striegeln! Sie werden dir auch sagen: Mit Fremdtun kriegst du keinen Mann. Aber das ist alt’ Weiber- und leicht’ Dirnengerede und schlechter Rat, auf solchen mag auch ihrer Zeit die Melzer Sepherl gehört haben, und wohin er führt, davon ist sie ein lebendig Beispiel. Was sie mir für Unfried’ im Haus gestiftet hat, verzeih ihr unser Herrgott; sonst erbarmt sie mir, denn Fried’ und Segen verspürt sie wohl selber keinen in sich! Mit der Vertraulichkeit verliert eines die Achtung vor dem andern und mit der Zeit auch vor allem und jedem, vor Gott und der Welt, auf das Schmeicheln kommt das Drohen, auf das Schöntun das Grobsein, es liegt keine Vernunft darin und die soll doch der Mensch gebrauchen, daß das, was er muß, auch einen Schick kriegt und er nicht lebt wie das liebe Vieh. Die Bursche sind von Haus aus roh, daß sie sich besinnen, und aus ihnen was Rechtes werden mag, dazu sind ihnen die Weibsleute auf die Welt gesetzt, das verspürt ein jeder, und gerade, wenn dich ein Bursche gern hat, so wird ihm deine Ehrbarkeit bis ins Herzinnerste Freude machen.“

„Nicht wahr? So denk’ ich selber, Vater!“