Part 5
Nur einen Freund hatte die kleine Leni noch am Hofe, dem sie sich rückhaltslos anvertrauen konnte, der alles so ernst oder so lustig aufnahm, wie sie es selbst meinte, und das war der alte Sultan. O, er hätte auch gerne noch mit ihr gespielt, aber sie wußte ja, er war so krank, und da besuchte sie ihn oft auf seinem Stroh und jedesmal bezeigte er seine Freude darüber. Aber eines Tages da war er so unruhig und stöhnte und winselte und warf sich herum, und sie fragte ihn: „Sultl, was hast du denn?“ Aber er schien sie gar nicht zu bemerken, und so saß sie denn ganz betrübt an seiner Hütte und wenn er sich das Stroh zur Seite gewälzt hatte, so breitete sie es ihm wieder unter. Und am andern Morgen da fand man den Sultl tot; der Bauer ließ ihn durch einen Knecht in dem Garten verscharren, und der schleifte ihn auf dem Wege hinter sich her, daß der Kopf an den Steinen aufschlug, Leni schrie laut und faßte mit beiden Händen nach ihrem eigenen Köpfchen, und der Knecht mußte warten, bis sie ihre Schürze dem Hunde übergebunden hatte, dann folgte sie ihm weinend und sah zu, wie er eine Grube schaufelte und den Sultan hineinlegte und die Erde darüber flach trat.
Danach ging der Knecht wieder mit dem Spaten fort und sie blieb allein an der Stelle zurück. Da vor ihr unter der Erde lag der Sultan, und draußen stand seine Hütte leer und das Stroh lag zerwühlt. Wem sollte sie es nun sagen, wenn sie sich auf Mittag oder sonst freute? Wem, wenn sie Schläge fürchtete oder bekommen hatte? Und wenn sie sich wieder an einem großen Dorne ritzt, da leckt er ihr nimmer das Blut weg. O, der arme, gute Sultl!
Man hatte sie gelehrt, das Abendgebet, wenn sie es einmal gesprochen hatte, noch einmal zu wiederholen, da galt es dann für Vater, Mutter und Geschwister und „alle, die sie lieb hatte“. In ihrem ratlosen Schmerze faltete sie auch jetzt die Händchen und betete, alles, was man sie gelehrt hatte, das Morgen-, Tisch- und Abendgebet für -- den Sultl.
Dann trocknete sie sich die Augen und ging beruhigter zurück nach dem Hofe.
Sie hoffte wohl, daß sie wieder einen Hund bekommen würden, der auch mit ihr so gut sein würde; sie bekamen auch ein paar Tage darauf einen, aber der war nur brummig und bissig und wollte nicht mit sich reden lassen.
Daher war es ihr ganz recht, als es plötzlich hieß, daß sie in die Schule müsse. Als die Mutter sie hinbrachte, da stand sie freilich ganz eingeschüchtert an der Türe, der vielen Kinder wegen; daß es so viele gäbe, hatte sie sich nie denken können, wo die nur alle her waren? Und als sie nun mitten unter ihnen auf der ersten Bank sitzen mußte wie alle ganz Kleinen, Neuen, dem Schulmeister unter den Augen, da getraute sie sich kaum aufzusehen; aber sie wagte es doch und sah erst ganz verstohlen die neben ihr sitzenden Mädchen an, dann sah sie auch hinüber zu den Buben, die auf der anderen Seite saßen, und da lachte einer auf sie herüber und das war Müllers Florian, und nun hatte sie doch einen Bekannten und da war es gleich ganz schön in der Schule.
Als die Schulstunde vorüber war, da wartete der Flori und ging auf sie zu.
„Du bist die Reindorfer Leni,“ sagte er.
Das Mädchen lachte.
„Das ist gescheit, daß sie dich auch in die Schule geschickt haben,“ sagte der Knabe.
Und dann gingen sie plaudernd einen Weg nebeneinander her bis zum Reindorferhof.
So gingen sie denn eine Zeit Tag für Tag miteinander nach und aus der Schule. Aber bald sollte ihre Eintracht gestört werden. Das Mädchen hielt sich plötzlich fern von dem Knaben, entweder war es schon weit voran, wenn er aus dem Schulzimmer kam, und lief dann vor ihm her, nicht einzuholen, oder es blieb zurück und schlich hinterdrein und mochte er noch so langsam gehen.
Als sie einst wieder hinter ihm des Weges kam, da versteckte er sich, wo der Weg überbog im Gesträuche, und als die Leni nahe war, sprang er hervor und faßte sie an der Hand.
„Jetzt halt’ ich dich,“ sagte er, „sag, hab’ ich dir etwas getan, daß dir nimmer willst mit mir gehen?“
„Mein Vater hat gesagt, er schlägt mich, wenn ich mit dir gehe.“
„Dein Vater ist recht grob.“
Beide Kinder überlegten stille.
Ein Ausgleich lag freilich nahe, aber da Florian selbst jede körperliche Züchtigung innig verabscheute, so getraute er sich nicht, der Leni den Vorschlag zu machen, sie solle sich nur schlagen lassen, so könnten sie immer miteinander gehen wie früher.
Aber wenn sie der grobe Reindorfer gar nicht auf dem Wege sah, dann konnte er auch keines von ihnen schlagen, und es lag eine Heimlichkeit darin, von der alle Leute im ganzen Dorfe nichts wußten, und nur sie allein.
Das lockte, und wie viel pfiffiger kamen sie sich dabei vor, als alle die großen Leute.
Bis zu dem Busche, wo sie jetzt standen, war die Straße für sie sicher, erst wenn sie denselben hinter sich hatten, konnte man sie vom Reindorferhofe aus sehen, so wurde denn ausgemacht, dort solle des Morgens immer eines auf das andere warten, und auf dem Rückwege wollten sie auch nur bis dahin miteinander gehen, dann blieb eines zurück und kam erst viel, viel später des Weges daher.
Ja, verbiete nur einer etwas!
Die Reindorfer Leni war überhaupt ein pfiffiges Kind, das sagte auch der Schulmeister, und er lobte sie oft vor allen andern Kindern, und wenn dies gerade vorgekommen war, dann nahm sie auch zu Hause Fibel oder Rechentafel an sich, schlich hinter dem alten Reindorfer her, und wenn er sich in der Scheuer oder im Garten über einer Arbeit verhielt, setzte sie sich in seiner Nähe nieder und las oder rechnete laut, damit sie auch der Vater loben möchte.
Das erstemal, wo sie der Bauer gar nicht in der Nähe wußte, fuhr er unwillig auf, als aber das Kind vor Bestürzung auf dem Flecke sitzen blieb und über die bittere Enttäuschung leise schluchzte, da besann er sich, daß es ihm wohl eine Freude habe machen wollen. „Nur nicht unchristlich, unchristlich darf man nicht sein,“ sagte er vor sich hin, und dann zur kleinen Leni: „Mach nur weiter fort! Hast schon recht, lerne nur fleißig, damit du ehrlich durch die Welt kommst, weil du einmal darin bist! Nun, les’ nur weiter, du Blondköpfel!“
Von da an bekam der Bauer viel zu hören, auch manches, das ihm neu war, denn sie lehrten jetzt die Kinder ganz anders, als wie ehemal. Aus Neugierde holte er oft das Mädchen über manches Nähere aus, und ihn wunderte, wie es alles so gut begriffen hatte und so richtig aufbehielt.
Bald aber wurde ihm jedesmal ganz weh zumute, wenn er das Kind sich so bemühen sah, ihm zu gefallen, denn seine Elisabeth hatte seit Jahr und Tag nicht mehr nach ihren Eltern gefragt und der Leopold, den er immer so gut gehalten, der meinte, das wäre das wenigste gewesen, ein Vater könne wohl mehr tun; der Bursche hatte sich in eine Dirne vergafft und wollte nun, je eher, je lieber, sein eigener Herr sein. So wußte denn der alte Mann, er war seiner Tochter gleichgültig und seinem Sohne im Wege.
Dafür war zu Anfang auch die kleine Magdalena mit dem alten Reindorfer nicht zufrieden, andere Kinder sagten, wenn sie ihre Sache recht brav gemacht hätten, dann spielten ihre Eltern mit ihnen oder schenkten ihnen wohl Sonntags darauf einen Butterweck oder sonst irgendeinen begehrlichen Gegenstand, aber auf derartiges hoffte sie ganz vergebens; später kam er ihr gar „ernsthaftig“ vor, wie der Herr Pfarrer und der Lehrer, die auch immer etwas zu fragen oder auszusagen wußten, und da verlangte sie nach keinem Spiel und nach keinem Geschenke mehr und tat sich gerade darauf was zugute, daß er sie nicht wie ein Kind behandelte, ... auch nicht wie das seine, das fühlte ja der kleine Gernegroß in seinem kindischen Stolze noch nicht.
5.
Wenn Liebe etwas stark geradezu geht, so ist ihr ebenso zu mißtrauen, wie wenn sie auf krummen Wegen schleicht. Der junge Reindorfer wäre vollauf berechtigt gewesen, an die Gründung eines eigenen Hausstandes zu denken, in etlichen Monaten hatte er sein dreißigstes Jahr erreicht, aber eben die Plötzlichkeit seines Entschlusses und der Gegenstand seiner Neigung machten den Alten vorsichtig.
Leopold hatte seine militärische Dienstzeit hinter sich, sie wurde ihm leicht erträglich, denn sie fiel gerade in gesegnete Jahre, und der Mangel an Feldarbeitern veranlaßte die Kriegsbehörde zu zahlreichen Beurlaubungen, mit vielen andern wurde auch er auf einige Zeit den Seinen wieder zurückgegeben.
Später hatte er nur noch die Verpflichtung, als Landwehrmann zu den jährlichen Übungen einzurücken.
Als Bauernbursche hatte er nie Empfänglichkeit für die Dorfschönheiten gezeigt, auch unter seinen militärischen Genossen, denen doch die Langeweile und die schmale Verpflegung den Umgang mit einem weiblichen Wesen, das in einem anständigen Hause kocht, so wünschenswert erscheinen ließ, hatte er sich von dieser Schwäche rein erhalten.
Als er aber von der vorjährigen Waffenübung heimgekehrt war, da öffnete er plötzlich sein Herz der Liebe; dieselbe hatte sich seiner Eitelkeit als einer allzu willigen Pförtnerin bedient. Auch Bauernbursche erliegen dieser allgemein menschlichen Schwäche. Wie nach einem gegenseitigen, stillschweigenden Übereinkommen hatte sich bisher um den Reindorfer Leopold, der sich um keine Dirne Mühe gab, auch keine derselben gekümmert, als es aber nun eine übernahm, ihn darüber aufzuklären, daß er mit allen Eigenschaften ausgestattet sei, sie glücklich zu machen, warum sollte er dieser schmeichelhaften Versicherung keinen Glauben schenken und sich böswilligerweise seiner Bestimmung entziehen?
Diejenige, welche den jungen Reindorfer also umgewandelt hatte, hieß Josepha Melzer und bewohnte mit ihrer Mutter das kleinste und baufälligste Häuschen im Orte, außer diesem konnte die alte „Melzerin“ dereinstens ihrer Tochter nichts hinterlassen, als einen ebenso übelbewahrten Ruf, dessen übrigens die Josepha gar nicht bedürftig war, denn sie hatte sich schon aus eigenen Mitteln die Beischaffung eines solchen angelegen sein lassen.
Ein Monat mochte verflossen sein, seit Leopold, zur Verwunderung der Ortseinwohner, öfter in dem verfallenen Häuschen einsprach, als eines Abends Josepha, von der Arbeit heimkehrend, die Alte sehr mißlaunig fand.
„Warst du heute schon mit dem jungen Reindorfer zusammen?“ fragte sie keifend.
Die Dirne warf den Grasbündel und die Sichel beiseite und nahm den breitkrempigen Strohhut ab. „Nein,“ sagte sie, „aber er wird wohl jetzt nach Feierabend kommen.“
„So rede einmal mit ihm, dummes Ding, daß es zu etwas führt. Wie lange denkst du denn, daß ich noch zuwarten kann? Ich möchte doch meine paar Tage auch noch auf dem Reindorferhofe in Ruh’ und Wohlfahrt verleben können. Hab’ ich dich darum auf den Burschen gehetzt und dir gesagt, mach dich an ihn, der sieht nicht nahe zu, wenn man ihm nur die Ware ins Haus bringt, -- damit du dich wieder so dumm anstellst, wie jedes frühere Mal? Weiß Gott, dumme Streiche hast du mir genug gemacht, und hab’ ich dir genug nachgesehen, es wäre nun wohl auch Zeit, daß du klüger sein und auf dich und deine alte Mutter denken möchtest! -- Daß du mir heuer am Allerseelentag nicht wieder das kleine Grab aufputzest, das rat’ ich dir! Ich sag’ dir, diesmal sehe ich nicht so zu, aus dem Hause jag’ ich dich, wenn da nichts wird! Willst du zuwarten, du langweiliger Tropf, bis dich die Leute ihm abreden? Solang das Eisen heiß ist, muß man’s schmieden, ist nur einmal alles in Richtigkeit, nach der Hochzeit muß sich einer wohl darein schicken; man kann auch alles anders deuten und drehen, und er tut sich nur selber einen Gefallen, wenn er daran glaubt. Aber so wirst du die Zeit verpassen, der Herbst wird wieder da sein, da rückt er wieder auf vier Wochen ein und ihr seid auf so lange voneinander; vom Ort kommen auch Bursche mit, aber du, natürlich, nimmst dich weder vor denen in acht, noch vor jenen, die verbleiben! Und da ist wieder nichts darauf zu geben, und ich geb’ auch nichts darauf!“
„Du meinst gerade, das ginge nur so, und wenn man Haferl sagt, ist ’s Häfen fertig“[7] sagte trotzig die Dirne. „Meinst du, es kostet einem keine Mühe, wenn man selber keine Gedanken darauf hat, und man soll zutätig sein gegen einen, der ist wie ein Stück Holz?“
„Nun ja, du wilde Hummel, nur bring’ ihn einmal darauf, was zu geschehen hat, liegt ihm das nur erst im Kopf, dann gibt es ihm selber keine Ruhe und er setzt sich schon daran.“
„Guten Abend, Melzerin,“ sagte Leopold eintretend, „grüß dich Gott, Sepherl.“
„Guten Abend.“
„Die Mutter erlaubt’s schon,“ sagte der Bursche. „Magst mit mir über die Felder gehen?“
„Ich weiß nicht, ob es auch recht ist,“ sagte die Dirne, „es schauen so schon alle Leute, wie oft du kommst, und es bringt einer ledigen Dirne keine gute Nachrede, wenn sie mit einem Burschen längere Zeit geht. Es hat keinen Schick und keinen Zweck.“
„Schau, wie sie sich an das hält, was schicklich ist,“ meinte die Alte und lachte Leopold mit dem zahnlosen Munde an. „Kriegt einer einmal ein braves Weib an ihr!“
„Meine ich es denn nicht ehrlich?“ fragte Leopold.
„Das wirst du freilich selber am besten wissen,“ schmollte die Dirne.
„Ich meine es aber ehrlich,“ sagte aufbrausend der Bursche, „und ich will dich auch zu meiner Bäuerin machen!“
„O, du lieber Herzensschatz! Aber schau, davon wissen halt die Leute nichts.“
„So sollen sie es morgen schon wissen und heut noch der Vater!“ Als Leopold das sagte, tat er gewaltig sicher, als wäre mit seinem ausgesprochenen Willen schon alles abgetan und ausgemachte Sache, und als ob er gar kein Unbehagen verspürte, wenn er dabei an die Unterredung mit seinem Vater dachte.
„O du mein Herzens-Leopold, wenn das dein Ernst wär’!“ rief Josepha.
Die Alte aber faltete die Hände vor freudigem Schreck und sagte: „Jesus! Dirn’, für so ein Glück kannst du unserm Herrgott all dein Lebtag nicht genug danken.“
„Nun, gehst jetzt mit mir?“ fragte Leopold, überlegen um sich blickend.
„Dir tue ich ja alles für mein Leben gern, und jetzt, wo es auch sein darf, brauchst gar nimmer zu fragen, du mein schöner, goldiger Leopold, du!“
Und sie gingen über die Felder.
Wie immer hatte Josepha das Wort zu führen; heute aber machte sich das leicht, da sie nur über das ungeheuere Glück, das ihr widerfuhr, gewaltig stolz zu tun brauchte -- das tat sie auch ganz ungeheuchelt --, um wieder bei Leopold den Stolz zu erwecken, ein Bursche zu sein, der „Eine“ so unerhört glücklich machen könne.
Beim Abschiede fügte Josepha die vielleicht weniger aufrichtig gemeinte Versicherung hinzu: „Wenn ich dich hätte nicht kriegen sollen, glaub mir, ins Wasser wäre ich gegangen!“
Es war immerhin ein hübscher Schlußsatz.
Leopold lachte verlegen und zugleich begütigend, auch viel Vernünftigere wissen auf solche Reden nichts zu sagen. In dieser Bedrängnis faßte er einen großen Entschluß, er zog die Dirne an sich und -- ihre Lippen suchten sehr geschickt die seinen.
Er machte sich los; er war ganz rot geworden, murmelte „gute Nacht“ und schlich davon.
Die Dirne sah ihm nach. Tat er ihr leid, oder sollte sie lachen? Sie wußte es selbst nicht.
Der junge Reindorfer aber schritt bald rüstiger aus. Auf dem Wege versuchte er sogar den Gefühlen, die ihn bestürmten, durch Vierzeilige Luft zu machen, diese besaßen zwar keinen ethischen Gehalt, aber auch der andere ließe sich nicht gut mitteilen.
Je näher er aber dem väterlichen Gehöfte kam, desto kleinlauter wurde er, schweigend betrat er dasselbe, schweigend nahm er an dem gemeinsamen Abendbrote teil, und als der alte Reindorfer vom Tische aufstand, um vor dem Schlafengehen den gewohnten Rundgang durch Hof, Scheuer und Garten anzutreten, ging er hinter ihm her.
Als der Alte das merkte, blieb er stehen.
„Warum laufst du denn hinter mir her wie ein Pummerl?“[8]
„Vater,“ sagte Leopold, an ihn herantretend, „so geht es nimmer.“
„Was geht nimmer?“
„Ich fühl’ mich, das Ledigsein tut mir kein gut, ich meine, ich hätte es ohnehin lang genug ausgehalten, jetzt mag es mir aber nimmer taugen.“
„Heiraten willst?“ fragte der Vater mit langem Gesichte.
„Ja,“ sagte der Bursche.
„Hast dir vielleicht schon eine ausgesucht?“
Leopold lachte.
„Schau, schau, wer wär’ denn die nachher?“
„Weißt, -- die Melzer Sepherl möcht’ mir gerade anstehen.“
„Die Melzer Sepherl?!“ Der Alte sah seinem Sohne gerade in das Gesicht und als er merkte, derselbe spaße nicht, kehrte er ihm den Rücken zu und brummte: „Mußt heiraten, so such dir was anderes; daraus wird nichts, all mein Lebtag nicht!“
„Warum nicht, Vater? Ich werd’ doch den Grund wissen dürfen?“
„Einen Grund?! Ich frag’, wer möcht’ die als Schwiegertochter in sein Haus aufnehmen -- und vielleicht noch ihre Mutter, die alte Hexe, als Daraufgabe dazu, nicht? Bub’, du bist verrückt! Weißt du denn nicht, daß die Leut’ da herum viel von ihr zu reden wissen, nur nichts Gutes?“
„Oft reden die Leut’ gar viel,“ sagte Leopold trotzig.
„Aber da nicht mit Unrecht, und wär’ da auch nur ein Dritteil von dem Gerede wahr, mehr braucht sich einer gar nicht zu verlangen.“
„Und wär’ das Ganze wahr, alles miteinander, so möcht’ ich doch wissen, wen in der Welt das was anginge, wenn es mir recht ist und ich mir nichts daraus mach’!“
„Du trauriger Hase, ich merk’, dich haben sie schön in März geschickt!“
Es war beleidigend für den Burschen, hören zu müssen, er handle in dieser Angelegenheit wohl nicht ganz nach freiem, eigenem Antriebe, doppelt beleidigend, weil es zufällig die Wahrheit war; so sagte er denn ganz zornig: „Und ich heirate sie doch!“
„Das tu nur, aber verheiratet wirst du schwer als Knecht bei einem Bauer ein Unterkommen finden, denn auf meinen Hof sollst du mir dann nicht, weder solang ich die Augen offen habe, noch wenn ich sie einmal schließe.“
„So, so,“ sagte der Bursche, dem vor Aufregung die Stimme stockte, „überleg dir es halt, ob du dein Kind bei fremden Leuten als Knecht wissen willst.“
Da zuckte der alte Reindorfer die Achseln. „Du hast wohl heute über den Durst getrunken; schlaf vorehe deinen Rausch aus und komm mir dann nüchtern wieder.“ Damit ging er von seinem Sohne.
Als am andern Tage der junge Reindorfer wieder in das Häuschen der alten Melzerin trat, und die Josepha sagte, er käme ihr ganz anders vor, als den Abend vorher, da war ihm leicht abzufragen, was ihm mit seinem Vater begegnet war, und wie dieser durchaus gegen die geplante Heirat sei.
Es wurde aber dem Leopold zugeredet, er möge sich, wenn er die Josepha wirklich gern hätte, doch von dem ersten, widrigen Erfolge nicht abschrecken lassen, auf einen Streich fälle man ja keinen Baum, und er solle nur seinem Vater beharrlich wegen der Sache anliegen, der werde es endlich doch müde werden, sich dagegen zu setzen, wenn er sehen würde, wie wenig ihm das eigentlich nütze. Ernst könne ja seine Drohung mit dem Verstoßen und Enterben doch nicht gemeint sein, denn man wisse ja, wie er Leopold, als seinen einzigen Sohn, lieb hätte, und mit Recht, denn Leopold wäre auch ein Bursche, der es verdient, auf den seine Eltern stolz sein könnten, denn ihn hätten ja auch alle Leute lieb. Freilich waren von den gesamten Leuten nur die alte Melzerin und deren Tochter anwesend.
Von da an begann die Entfremdung zwischen Vater und Sohn, von da an wechselten fortwährend Bitten und Abweise, Vorwürfe und Anklagen, Bestürmungen und Drohungen, von da an lauerte und hoffte Leopold auf irgendein Begebnis, das er nützen könne oder das ihm Nutzen brächte, wodurch sich alles ändere, und geschähe das durch eine schwache Stunde seines Vaters oder durch seine letzte!
„Man hat auch sein Kreuz mit einem Burschen, der weiberscheu ist,“ seufzte der Alte, „versteht sich einer nicht auf den Fang, wird er leicht selber gefangen!“
Vorläufig dachte er daran, sich Ruhe zu schaffen und Zeit zu gewinnen. Und so fragte er denn eines Tages, als Leopold wieder beteuerte, von seiner Sepherl nicht lassen zu können: „Schau, was hilft jetzt alles Herumreden, die Ernte ist vorüber und die Einberufung zur Waffenübung vor der Türe. Vorher läßt sich ja doch nichts vereinbaren und abtun, zu was wollen wir es also Rede haben und uns Tag für Tag darum zertragen? Kommst du wieder heim und hast deinen Sinn nicht geändert, ist noch Zeit genug, daß man darüber redet.“
Da der junge Reindorfer sich nicht hinter seine Mutter stecken konnte, welche in dem Punkte ganz einer Meinung mit dem Alten war, so sah er selbst ein, daß sich vor seiner Wiederkehr nichts werde richten lassen, er beschloß bis dahin keine unnützen Worte zu machen, sondern erst dann, durch seinen unveränderten Entschluß, dem Vater zu zeigen, daß er einen Buben habe, der auf dem besteht, was er sich einmal in den Kopf setzt, und daß es da wohl heißt, als der Klügere, nachgeben.
Dieser stillschweigend eingegangene Waffenstillstand auf dem Reindorferhofe genoß zwar nicht die Billigung der Inwohner des kleinen baufälligsten Häuschens im Orte, denn er rückte das erwünschte Ziel wieder um eine Spanne Zeit hinaus, aber, wie bedenklich auch die alte Melzerin tun mochte, Josepha sorgte nicht, sie war ihres Leopold zu sicher.
Als der Tag kam, an dem die Reservisten nach dem Orte der Einberufung abziehen mußten, da gab Josepha dem jungen Reindorfer eine Strecke Weges das Geleit, und als sie mit verweinten Augen zu ihrer Mutter zurückkehrte, da stellte sich diese mit gefalteten Händen vor sie und sagte: „Dirn’, um Gottes willen, nur diesmal verhalte dich gescheit!“
* * * * *
Auch der Busch in der Nähe des Reindorferhofes hatte schon längere Zeit nicht mehr Tag um Tag den Zuspruch des langaufgeschossenen Jungen und des spaßhaft hageren Mädchens, welche sonst immer mit ihren Schulsäcken des Weges daherkamen. Beide waren der Schule entwachsen und das Mädchen wohl auch den Kinderschuhen, denn es war völlig stark geworden und verglich sich im stillen schon mit den anderen Dirnen des Ortes.
Jetzt sahen sich die beiden jungen Leute nur noch Sonntags in der Kirche, und nur manchmal, wenn ihre Eltern von der nachmittägigen Christenlehre wegblieben, konnten sie die gewohnte Strecke Weges miteinander gehen; aber nunmehr fühlten sie sich schon etwas selbständiger, vergaßen ganz -- wie die Welt schon undankbar ist -- den alten, getreuen Busch und gingen achtlos an ihm vorüber.
Und so kam es, daß sie einmal vor dem Reindorferhofe Abschied nahmen, als der Bauer gerade an dem Tore lehnte. Der Florian tat gewaltig unbefangen und redete sich ein, daß er sich gar kein wenig fürchte, er ging auch ganz bedächtig an dem Alten vorüber und grüßte ihn, freilich von der andern Seite der Straße, dafür klang es aber auch um so lauter.
„Das ist des Müllers Florian, mit dem du da gegangen bist?“ fragte Reindorfer das Mädchen.
„Ja, Vater,“ sagte dieses.
„Ich hab’ nicht leiden mögen, daß du mit ihm gehst, wie du noch ein Kind warst, mußt dich jetzt auch nicht zu ihm halten; glaub nur, ich hab’ meine Ursachen, und tu fein gehorchen.“
„Aber Vater,“ lachte das Mädel, „ich wüßt’ wirklich nicht, was das könnt’ für einen Schaden bringen, wenn er neben einem herlauft.“
„Wissen tu’ ich es just auch nicht, aber wie geht das Sprichwort von der Mücke? Wenn sie in das Kerzenlicht fliegt, sagt sie: Ah, da herum ist es schön warm! Und wenn sie dann im Schmeer klebt: O, da hilft kein Zappeln! Nun, ich habe dir’s gesagt, daran halte dich, und laß mir nicht merken, daß du auf meine Reden nichts gibst!“