Der Sagenkreis der Nibelungen

Part 10

Chapter 103,387 wordsPublic domain

Der Einbruch der Hunnen trennte die Goten in westliche, die auf römisches Gebiet übertraten und uns hier nichts mehr angehen, und östliche, die unter hunnischer Hoheit zurückblieben und nach wie vor Könige aus dem Amalerhause hatten. Diese Ostgoten bildeten mit andern Germanenvölkern zusammen den eigentlichen Kern der hunnischen Macht; ihre Führer waren die ersten Helden des Großkönigs. Als solcher herrschte 444-453 Attila, nachdem er seinen Bruder und Mitherrscher Bleda beseitigt hatte. Dieser Attila hat bei den westlichen Germanen das Andenken eines wilden Eroberers hinterlassen; ganz anders bei den östlichen: sie erinnern sich seiner als eines mächtigen, aber gnädigen Herrschers. Unter seinen vielen Frauen ragt in der Geschichte die Kerka oder Rheka (richtig vermutlich Cherka) hervor, die in der Sage als Herche oder Helche lebendig geblieben ist. -- An der Spitze der Ostgoten standen zu Attilas Zeit drei amalische Brüder, deren einer Theodemer (deutsch Dietmar) hieß.

Nach Attilas plötzlichem Tode (vgl. S. 69) zerfiel sein Reich; die Ostgoten traten auf das rechte Donauufer in oströmischen Bereich über. Theodemer war schließlich ihr alleiniger König und vererbte diese Stellung 481 auf seinen Sohn Theodorich (deutsch Dietrich), der sich den Beinamen des Großen verdiente.

Inzwischen hatte sich 476 in Italien ein germanischer Fürst namens Odoaker (deutsch Otacker) der Herrschaft bemächtigt. Ihn zu beseitigen und zugleich die Sorge vor den Ostgoten, die fortgesetzt die Sicherheit Konstantinopels bedrohten, loszuwerden, übertrug Kaiser Zeno 489 dem Theodorich und seinem Volke die Aufgabe, Italien dem Reiche zurückzuerobern, um es dann als römische Bundesgenossen zu bewohnen und zu beherrschen. Theodorich schlug Odoaker in mehreren Schlachten und belagerte ihn schließlich drei Jahre lang in dem festen Ravenna, wo damals (seit Honorius) der Regierungssitz Italiens sich befand; 493 gelangte die Stadt in Theodorichs Gewalt, Odoaker wurde getötet. Als Beherrscher Italiens hat nun Theodorich lange Zeit die führende Rolle unter den westeuropäischen Germanenkönigen gespielt, ja, dieselben durch Heiraten zu einer großen Familie zu vereinigen gesucht, deren Haupt er selbst sein wollte. Dabei war sein Bestreben, Kriege zu vermeiden und Streitigkeiten auf friedlichem Wege zu schlichten -- ein Charakterzug, der dem Dietrich der Sage insofern noch anhaftet, als auch dieser nur, wenn es ganz unvermeidlich ist, zum Schwerte zu greifen pflegt.

526 ist Theodorich gestorben; damit brach sein System zusammen. Auch der Ostgotenstaat war nicht von Dauer: bereits 540 geriet Ravenna wieder in römische Gewalt, und 553 vernichtete Narses den letzten Gotenschwarm, der noch zusammenhielt, am Vesuv. Nur nördlich der Alpen blieben gotische Reste übrig und gingen in den Bayern auf (vgl. S. 56), die nun die Erinnerung an die ruhmreiche Geschichte der Amaler bewahrt und gepflegt haben.

Die deutsche Sage kennt, wie begreiflich, die Goten (die sie ausschließlich Amelunge nennt) nur in Italien und Bayern; auch Ermenrich ist aus Südrußland dahin versetzt. Sie betrachtet ferner die Amelunge als legitime, eingeborne Herrscher ihres Reiches; Dietrichs Sieg bedeutet ihr also nicht eine einfache Eroberung, sondern eine Wiedereroberung nach vorausgegangener Vertreibung. Zu dieser Anschauung mußte die Sage dadurch geführt werden, daß Theodorich in der Tat durch den Auftrag des Kaisers Zeno das formale Recht auf seiner Seite hatte, während Odoaker nur infolge Usurpation in Italien herrschte. Den oströmischen Kaiser ferner hat die Sage, wie sie es fast immer getan hat, durch den Hunnenkönig ersetzt; indem sie Dietrich während seiner Abwesenheit aus Italien an dessen Hofe lebend dachte, übertrug sie auf ihn das, was von den Verhältnissen seines Vaters Dietmar bekannt geblieben war. Endlich brachte sie die beiden Amelunge Ermenrich und Dietrich dadurch aufs nächste zusammen, daß sie sie als Oheim und Neffe betrachtete. So hat denn die Dietrichsage im wesentlichen folgende Gestalt erlangt:

Die Brüder Ermenrich und Dietmar aus dem Hause der Amelunge teilen sich derart in das Reich, daß Ermenrich als der älteste den Hauptteil mit Ravenna, Dietmar den Norden erhält; als Sitz des letztern und seines Sohnes wird Verona (Bern) betrachtet, nachdem Theodorichs historische Residenz Ravenna zunächst Ermenrichs Eigentum geworden ist. Nach Dietmars Tode wird sein Sohn Dietrich von Ermenrich vertrieben; dies behauptet die Sage im Anschluß an die historische Eroberertätigkeit, die Ermanarich entfaltet hat. Der vertriebene Dietrich begibt sich an den Hof des Hunnenkönigs Etzel, um von ihm Hilfe gegen Ermenrich zu erbitten; als Vermittler zwischen Dietrich und Etzel spielt dabei der Markgraf Rüdeger von Bechelaren, des erstern Freund, des letztern vornehmster Vasall, eine hervorragende Rolle. Über Ursprung und Bedeutung der Figur Rüdegers hat man mannigfache Vermutungen aufgestellt, ja, man hat sogar diesen reinmenschlichen Helden zu einem mythischen Wesen machen wollen; und doch ist, wie mir scheint, Rüdegers Bedeutung so leicht zu fassen: da die naiven Pfleger der Sage dieser jederzeit zeitgenössische Färbung geben, so müssen sie sich Dietrich als Bayern, Etzel als Ungarn denken; daraus ergibt sich, daß Rüdeger der Repräsentant des vermittelnden Zwischengebietes, der bayerischen Ostmark (Österreichs) ist. Im Nibelungenliede gilt als Rüdegers Bereich das Land zwischen Enns und Wienerwald; das ist genau das Gebiet der bayerischen Ostmark von Otto dem Großen bis auf Heinrich III., dessen Eroberung das Land bis zur Leita hinzufügte. Daraus ergibt sich, daß die Dichtung die Figur Rüdegers um das Jahr 1000 geschaffen hat[47]. -- Die Sage kennt nun zunächst einen ersten, mißlungenen Versuch Dietrichs, mit hunnischer Hilfe zurückzukehren; er führt zu Kämpfen bei Ravenna und gibt den Stoff zu dem Gedicht von der „Ravennaschlacht“ ab; selbstverständlich beruht er auf dem Walten der Dichtung: die deutschen Spielleute des zwölften Jahrhunderts lieben es ja auch, denselben Stoff in zwei Variationen nacheinander vorzutragen. Der Inhalt der Ravennaschlacht ist eine Variation von Dietrichs Rückkehr. -- Nunmehr findet Ermenrich sein Ende ungefähr so, wie es schon Jordanes erzählt; als einer der Mörder gilt um das Jahr 1000 Otacker, der Ermenrichs Nachfolger wird und also schließlich bei der endgültigen Eroberung Italiens Dietrichs Gegner ist, wie es die Geschichte dargeboten hat. In Süddeutschland ist allerdings im 12. Jahrhundert Ermenrichs Ermordung und die Person Otackers augenscheinlich ganz vergessen; den Thron der Amelunge nimmt bei Dietrichs Rückkehr Ermenrichs treuloser Ratgeber Sibich ein. Jedenfalls aber gelangt Dietrich schließlich durch Etzels Hilfe wieder in den Besitz seines angestammten Reiches[48].

In Gesellschaft Dietrichs und der zu ihm in Beziehung tretenden Leute befinden sich nun natürlich zahlreiche Personen minderer Bedeutung, die teils selbständige Sagenexistenz gehabt haben, aber durch die gewaltige Anziehungskraft der Hauptsage an sie herangezogen und ihr angegliedert worden sind (so z. B. Wielands Sohn Witig, ursprünglich ein Mann Ermenrichs), teils aber als mehr oder minder nötige Ausfüllung erdichtet worden sind; zu letzteren gehören vor allen Hiltebrand, der als Dietrichs Erzieher und erfahrener erster Ratgeber eine fast selbstverständliche typische Figur ist, und sein Neffe Wolfhart, in allem Hiltebrands Gegenbild (besonders in der Art seines Auftretens) und gewiß des Kontrastes wegen als solches geschaffen.

Von Personen aus der Umgebung des historischen Attila hat die Sage noch bewahrt seine Gattin Cherka als Helche (im Rosengarten Herche, in der Thidrikssaga Erka genannt) und seinen Bruder Bleda als Blödel; dieser Name ist offenbar volksetymologisch an „blöde“ angelehnt. An Bledas wirkliche Schicksale besteht keine Erinnerung, er wird in ziemlich willkürlicher Weise verwertet.

In diese in Süddeutschland ganz lebendige Dietrichsage ist nun die Nibelungensage nach ihrer Überführung dahin derart eingefügt, daß Kriemhilt als zweite Gattin Etzels gilt, die er nach dem Tode der Helche geehelicht hat, und daß der große Todeskampf der Nibelunge eintritt, während Dietrich noch an Etzels Hofe lebt; der Versuch der Rückkehr, der zur Ravennaschlacht führt, muß natürlich, da bei ihm die Königin Helche noch eine wichtige Rolle spielt, schon vorüber sein.

Mit Dietrich sind natürlich die meisten seiner Sage angehörigen Figuren in die Nibelungengeschichte übergetreten, vor allen auch Rüdeger, der nach dem, was vorhin ausgeführt wurde, außerhalb der Dietrichsage undenkbar ist. Da nun aber die Nibelungensage zunächst ohne Dietrich und Rüdeger existiert hat, so muß es möglich sein, nach Ausscheidung oder Abtrennung der diese Helden betreffenden Abschnitte ein Bild von dem Zustande zu bekommen, den sie zur Zeit der Überführung nach Süddeutschland aufwies. Dabei ergibt sich nun das merkwürdige Resultat, daß alle nach dem Saalbrande sich noch abspielenden Szenen wesentlich durch die Dietrichsage bedingt sind, mit andern Worten: es wird höchst wahrscheinlich, daß der Saalbrand in der ältern Sagenfassung den Schluß bildete, und die Nibelunge in ihm umgekommen sind.

Bedenken gegen diese Annahme werden allerdings dadurch erweckt, daß der Schluß des Nibelungenliedes mit den eddischen Atli-Liedern insofern übereinstimmt, als Günther und Hagen schließlich lebendig gefangen und erst nach ihrer Weigerung, den Hort auszuliefern, getötet werden; daß im Nibelungenliede erst Günther und dann Hagen getötet wird, während die Lieder-Edda beider Rollen vertauscht, macht keinen wesentlichen Unterschied. Nun sind aber die Atli-Lieder augenscheinlich keine reinen Repräsentanten der nordischen Sagenform, sondern weisen mehrfach erneute deutsche Beeinflussung auf; sonach wäre möglich, daß auch die nahe Übereinstimmung in der Schlußerzählung erst unter dem Einflusse deutscher Neudichtung zustande gekommen ist.

Wenn wir Rüdeger aus einer Grundform unserer Sage zu streichen haben, so fällt natürlich auch der Abschnitt vom Aufenthalte der Nibelunge zu Bechelaren weg; dann steht die kleine Szene von der Begegnung mit dem Grenzwächter Eckewart unmittelbar vor dem Eintreffen bei Kriemhilt, und es verschwindet die Sonderbarkeit, an der wir vorhin (S. 48) Anstoß nehmen mußten.

Wir haben im wesentlichen den Zustand der Sage erreicht, der in unserm Liede die Grundlage der Erzählung bildet. Manches freilich hat der Dichter des Liedes, manches haben wohl noch andere Hände geändert, ehe die Textgestalt erreicht wurde, die uns heute noch vorliegt. Ehe wir diese letzten, dem Liede eigenen Neuerungen betrachten und untersuchen, müssen wir uns erst den Fragen zuwenden, die uns die Überlieferung und Geschichte seines Textes stellen.

VI.

Überlieferung und Textgeschichte des Liedes der Nibelunge.

Das Nibelungenlied ist uns erhalten in zehn vollständigen[49] Handschriften, außerdem in Bruchstücken von siebzehn verschiedenen Handschriften. Die Pergamenthandschriften des 13. und 14. Jahrhunderts haben wir uns gewöhnt (seit Lachmann) mit großen, die Papierhandschriften des 14./15. Jahrhunderts und die einzige jüngere Pergamenthandschrift (d aus dem 16. Jahrhundert) mit kleinen lateinischen Buchstaben zu bezeichnen und zu benennen. Die vollständigen Handschriften sind ~A B C D I a b d h k~, die Fragmente ~E F H K L M N O Q R S U Y Z g i l~. In allen vollständigen Handschriften mit Ausnahme von ~k~, die überhaupt eine Sonderstellung einnimmt, schließt sich die „Klage“ dem Liede unmittelbar an; von den Fragmenten bietet nur ~N~ auch ein Bruchstück der Klage; dafür sind uns Stücke dieses Gedichtes in Resten von drei andern Handschriften (~G~, ~W~ und ~X~) noch erhalten, in denen natürlich auch das Nibelungenlied vorhanden gewesen sein muß[50].

Die Handschrift ~k~ (im Besitze des Piaristen-Kollegiums zu Wien) ist eine völlige Neubearbeitung des alten Textes in Stil und Sprache des 15. Jahrhunderts, steht also im Grunde auf keiner andern Linie als z. B. Simrocks Übertragung ins Neuhochdeutsche; jedoch der Umstand, daß sie Vorlagen benutzt hat, die uns nicht mehr zugänglich sind, verleiht ihr auch für die Kritik des alten Textes einigen Wert.

Die übrigen 26 Handschriften ordnen sich nach dem Titel, den das Epos am Schlusse sich selbst gibt, leicht in zwei große Gruppen: ~der Nibelunge nôt~ heißt es in ~A B D H I K L M N O Q S Z b d g h i l~ (dazu ~W~), ~der Nibelunge liet~ in ~C E F R U Y a~ (dazu ~G X~). Noch eingehendere Gruppierung läßt sich durch genauere Betrachtung der vollständigen Handschriften gewinnen. Diese sind:

~A~ aus dem 13./14. Jahrhundert, ursprünglich auf Schloß Hohenems, jetzt in München;

~B~ aus dem 13. Jahrhundert, in St. Gallen;

~C~ aus dem Anfang des 13. Jahrhunderts, ursprünglich auf Schloß Hohenems, dann im Besitze des Freiherrn v. Laßberg, jetzt auf der fürstenbergischen Bibliothek in Donaueschingen;

~D~ aus dem 13./14. Jahrhundert, in München;

~I~ aus dem 14. Jahrhundert, stammt aus Tirol, jetzt in Berlin;

~a~, früher in Wallerstein, jetzt in Maihingen (bayr. Regierungsbezirk Schwaben);

~b~, Hundeshagens Handschrift, jetzt in Berlin;

~d~, die im Auftrage Kaisers Maximilians I. 1502-17 hergestellte große Sammelhandschrift, früher auf Schloß Ambras, jetzt in Wien;

~h~, Meusebachs Handschrift, jetzt in Berlin; sie ist eine Abschrift von ~I~ und kommt deshalb für die Textkritik nicht in Betracht.

Während die Handschriften der Liet-Gruppe nur in unwesentlichen Dingen voneinander abweichen (so daß die junge ~a~ nur zur Ausfüllung der Lücken in der guten alten ~C~ herangezogen zu werden braucht), gehen die der Not-Gruppe vielfach stark auseinander: ~Db~ gehören zusammen und folgen in den ersten 270 Strophen des Liedes, ebenso im Anfange der Klage seltsamerweise dem Liet-Texte; ~Id~ sind einerseits im Eingange des Liedes nicht unwesentlich kürzer als alle übrigen Texte, haben aber andererseits im Verlaufe des Gedichtes im ganzen zwanzig Strophen, die sonst nur dem Liet-Texte eigen sind, in den zugrunde liegenden Not-Text aufgenommen; ~B~ gibt, von Kleinigkeiten abgesehen, den Not-Text am reinsten wieder; ~A~ hat ihn um volle 61 Strophen, die im Laufe des Gedichtes, hauptsächlich innerhalb der Strophen 340-720 (der Zählung von Bartsch) gestrichen sind, verkürzt.

Da ~A~ infolge dieser Streichungen den kürzesten Text bietet, hielt man sie lange Zeit für den Vertreter des ältesten vorhandenen Textes; seit es aber W. Braune (Die Handschriftenverhältnisse des Nibelungenliedes, 1900) gelungen ist, nachzuweisen, daß ~A~ mit dem Hauptteile von ~Db~, der dem Not-Texte folgt, manche jüngere Änderungen und Fehler gemein hat, kann davon keine Rede mehr sein, vielmehr ist ~A~ der Not-Vorlage von ~Db~ auf das nächste verwandt und innerhalb der 270 Strophen, in denen ~Db~ einer Liet-Vorlage folgen, der alleinige Vertreter dieser Handschriftengruppe.

Die größte Schwierigkeit macht noch heute die richtige Einordnung der Gruppe ~Id~; im Anfange ist sie kürzer, als alle übrigen Texte und in dieser Beziehung, wie ebenfalls Braune nachgewiesen hat, altertümlicher als alle diese. Wie aber soll man die zwanzig zum Liet-Texte stimmenden Strophen beurteilen? Sie sind im allgemeinen ganz lose in den Not-Text eingefügt; von den vierzehn Stellen, auf die sie sich verteilen, stimmen elf genau zur Strophenfolge des Liet-Textes; an den drei andern Stellen ist eine kleine Verschiebung eingetreten, die dem Zusammenhange nicht günstig ist: die Strophen stehen (nach der Zählung von Bartsch)

hinter 969 statt hinter 964 (um 5 Strophen zu spät), „ 998 „ „ 1001 ( „ 3 „ „ früh) und „ 1571 „ „ 1573 ( „ 2 „ „ „ ).

Eine Mittelstellung zwischen den beiden Hauptgruppen nimmt also ~Id~ auf jeden Fall ein, es fragt sich nur, ob eine durch Entwicklung der Texte bedingte oder eine äußerliche. Braune entscheidet sich für das erstere und erblickt in ~Id~ eine Vorstufe zu dem Liet-Texte; ich neige mich der andern Auffassung zu, hauptsächlich weil die Ordnung der Strophen an den drei erwähnten Stellen um ein weniges ohne ersichtlichen Grund abweicht; das scheint sich am besten aus äußerlicher Entlehnung zu erklären: der Besitzer der Grundhandschrift der Gruppe ~Id~ kannte den Liet-Text und vermißte in ihr einige diesem allein eigene Strophen; er trug sie auf den Blatträndern nach; beim Abschreiben wurden sie in den Text eingerückt, und dabei kamen nun jene kleinen Irrtümer vor, die sich jedenfalls innerhalb des Raumes einer Blattseite halten.

Einfacher ist die eigentümliche Textmischung der Gruppe ~Db~ zu erklären: in ihrer Grundhandschrift war der Anfang des Liedes (ebenso der Anfang der Klage) verloren gegangen und durch Abschrift aus einer andern Handschrift, die dem Liet-Texte angehörte, ersetzt worden. Das war möglich, da die beiden Haupttexte doch nicht so stark voneinander abweichen, daß man die Verschiedenheit auf den ersten Blick erkennen müßte; auch in neuerer Zeit ist solche Textmischung vorgekommen, vgl. S. 124. Das aus dem Liet-Texte entnommene Anfangsstück des Liedes umfaßt ungefähr doppelt soviel Raum wie das eben daher entnommene Anfangsstück der Klage; der den Not-Text bietende Hauptteil des Liedes ist annähernd achtmal so lang wie der Eingang; daraus darf man vermuten, daß von der Grundhandschrift die 1., 2. und 19. Lage verloren gegangen und ungenau ersetzt waren.

Die sechs Haupthandschriften des Not-Textes ordnen sich sonach in zwei Gruppen: auf der einen Seite ~Id~ mit altertümlich kurzem Eingang, aber zwanzig zugesetzten Strophen; auf der andern Seite ~ABDb~ mit längerm Eingang (wie ihn auch der Liet-Text bietet); ~Db~, deren alter Eingang ja verloren ist, werden durch die nahe Verwandtschaft mit ~A~ bei dieser Gruppe festgehalten.

Wie verhalten sich nun aber die beiden Hauptgruppen „Liet“ und „Not“ zueinander? Geht die eine auf die andere zurück, oder weisen beide auf ein verlorenes Original? Von den drei möglichen Antworten, die alle drei ihre Vertreter gefunden haben, können wir eine von vornherein ablehnen: die „Not“ geht keinesfalls auf das „Liet“ zurück, denn sie ist altertümlicher als dies; vor allem aber steht im Not-Texte die „Klage“ noch ziemlich selbständig hinter dem Liede, während das „Liet“ die beiden Gedichte möglichst untereinander auszugleichen strebt; so gehen denn zahlreiche Mehrstrophen von ~Ca~ auf Anregungen der „Klage“ zurück. So bleiben zwei Möglichkeiten: entweder das „Liet“ beruhte auf der „Not“, oder beide nebeneinander auf einem verlorenen Original; der ersteren neigt sich Braune zu, während ich der zweiten den Vorzug gebe auf Grund folgender Überlegung: der Liet-Text muß spätestens zu Anfang des 13. Jahrhunderts abgeschlossen sein, denn er hat die alte einfache Angabe der Klage, daß Ute, die Mutter der burgundischen Könige, ihre alten Tage im Kloster Lorsch verbrachte, breit ausgesponnen und stellt die Behauptung auf, sie habe es ausgestattet (Holtzmann 1158)

~mit starken rîchen urborn, als ez noch hiute hât, daz klôster dâ ze Lôrse, des dinc vil hôhe an êren stât~;

nun ist aber dies altberühmte Kloster durch seinen letzten Abt Konrad, der 1216 zuerst genannt wird, derartig heruntergebracht worden, daß er 1229 abgesetzt, und das Stift an Mainz übergeben wurde; ein so lautes Rühmen, wie wir es in ~C~ finden, war also in und nach dieser Zeit nicht wohl möglich[51]. Dagegen kann die Grundhandschrift des Not-Textes nicht älter als höchstens 1240 sein, denn sie hat 1331 und 1336 den richtigen Ortsnamen ~Treisenmûre~ durch den falschen ~Zeizenmûre~ ersetzt. Die Stellen fallen in die Partie, die Kriemhilts Reise zu Etzel schildert und dabei innerhalb Österreichs die Tag für Tag berührten Stationen in genauer Folge nennt: ~Everdingen~, ~Ense~, ~Bechelâren~, ~Medelîche~, ~Mûtâren~, ~Treisenmûre~, ~Tulne~, ~Wiene~, ~Heimburc~, ~Miesenburc~. Setzt man ~Zeizenmûre~ für ~Treisenmûre~ ein, so erhält man eine widersinnige Folge, denn ~Zeizenmûre~ liegt bereits östlich von Wien. Derjenige, der es eingeführt hat, kann von Österreichs Geographie keine persönliche Anschauung gehabt haben; nun ist aber ~Zeizenmûre~ ein unbedeutendes Dorf, das einem Nicht-Österreicher schwerlich bekannt ist, wenn es nicht einen besondern Ruf hat; einen solchen hat es dadurch erlangt, daß Nithart von Riuwental einen großen Teil seiner österreichischen Dorfgedichte dort spielen läßt; Nithart, dessen Dichten schätzungsweise in die Zeit von 1210-1240 fällt, lebte ursprünglich in Bayern und vertauschte es erst etwa 1230 mit Österreich; vor diesem Zeitpunkte können Nitharts österreichische Dorfgedichte nicht entstanden sein. Vorher dürfte also jener fälschlich in den Not-Text eingeführte Ort außerhalb Österreichs schwerlich bekannt gewesen sein[52].

Ist somit die Grundhandschrift des Not-Textes rund ein Menschenalter jünger als die Existenz des Liet-Textes, so kann dieser nicht auf jenen zurückgehen, und bleibt nunmehr nur die dritte Möglichkeit übrig: beide weisen nebeneinander auf ein verlorenes Original zurück. Dies Original kann nach Ausweis der nahen Übereinstimmung beider Texte vom Not-Texte nicht allzu verschieden gewesen sein; um 1200 erfuhr es zunächst eine Überarbeitung, die im Liet-Texte noch vorliegt. Sie hat den ohnehin schon stark vorherrschenden rittermäßigen Geist noch verstärkt, außerdem aber den Anhang, die Klage, mit dem Liede in größere Übereinstimmung versetzt; den nur auf den letzten Teil passenden Titel „~der Nibelunge Nôt~“ hat sie durch den richtigern „~der Nibelunge Liet~“ ersetzt. -- Nicht vor 1240, zu einer Zeit, da der ritterliche Geschmack schon im Sinken war, hat ein Jüngerer eine Neubearbeitung des Gedichtes für angezeigt gehalten und dabei über den im allgemeinen Umlauf befindlichen Liet-Text weg auf das Original zurückgegriffen[53]; sein Werk liegt uns im Not-Texte vor. Er folgt dem Original im ganzen recht treu; nur einzelne in spielmannsmäßigem Geschmack gehaltene kleine Szenen dürften vielleicht auf ihn zurückzuführen sein (Dankwart als Verschwender bei der geizigen Brünhilt; Hagens grobes Verhalten gegenüber der jungvermählten Kriemhilt u. dgl.).

Charakteristisch für den spätern Ursprung des Not-Textes ist der Umstand, daß er in keiner seiner zahlreichen Handschriften rein erhalten, sondern überall mehr oder weniger durch den Liet-Text beeinflußt ist: die Gruppe ~Id~ bewahrt den alten Anfang, setzt aber die besprochenen zwanzig Strophen zu; die Gruppe ~ABDb~ hat umgekehrt (wenn auch nicht in allen Handschriften in gleichem Maße) den erweiterten Anfang von ~Ca~ aufgenommen; die Grundhandschrift von ~Db~ ist aus dem Liet-Texte ergänzt: die Handschrift ~B~ hat einmal zwei Strophen (102. 103 Bartsch) sowie am Schlusse der Klage den Abschnitt über Etzels Verbleib aus dem Liet-Texte aufgenommen u. s. f. Letzterer lag eben allen Schreibern und Hörern fortgesetzt im Ohre; es ist begreiflich, daß Berufsschreiber, die den Liet-Text bereits ein- oder mehrere Male abgeschrieben hatten, bei der Arbeit an einer Not-Handschrift unwillkürlich Lesarten jenes Textes anbrachten: so dürften sich auch die zahlreichen Kreuzungen in den Varianten erklären, die aus keinem organisch entwickelten Handschriftenstammbaum verständlich sind.