Part 9
Dem Dichter des Nibelungenliedes ist offenbar der einfache Spielmann nicht gut genug gewesen (ebensowenig wie der Findling Siegfried); er erhebt ihn deshalb zum edeln Herrn und erklärt die Bezeichnung „Spielmann“ aus seiner Kunstfertigkeit. Seit der Mitte des 12. Jahrhunderts hat ja auch die Annahme dichtender und musizierender Edelleute nichts seltsames mehr.
Schließlich tritt noch, aber nur im Nibelungenliede, Hagens Bruder Dankwart über das Durchschnittsmaß hervor; er ist des Königs Marschall und hat als solcher Führung und Pflege der großen Schar von Knechten, die mit nach dem Hunnenlande ziehen. Mit diesem Heere steht und fällt Dankwart: seine Figur ist von demselben Autor geschaffen, dem die verhältnismäßig einfache Grundlage der Erzählung nicht mehr zeitgemäß erschien, eben dem eigentlichen Dichter unseres Liedes. Wir haben bei der Analyse desselben vorhin gesehen, daß alle Szenen, in denen Dankwart auftritt, jüngern Ursprungs sind. Auffällig bleibt aber eins: im 1. Teile des Liedes tritt Dankwart nur einmal deutlich hervor, bei der Fahrt zur Brünhilt, die er als vierter neben den drei sagenechten Gesellen Günther, Hagen und Siegfried mitmacht; er ist also damals bereits erwachsen. Trotzdem sagt er später zu Blödel (~B~ 1924 Bartsch):
~ich was ein wênic kindel, dô Sîfrit vlôs den lîp~,
könnte also danach zur Zeit jener Fahrt überhaupt noch nicht gelebt haben. Wir kommen hier um die Annahme einer Entgleisung unseres Dichters nicht herum, da ihm alles, was Dankwart betrifft, zugeschrieben werden muß. Ein solcher Fehler wiegt in einer Zeit, da Bücher nicht gelesen, sondern vorgelesen werden, nicht so schwer: der Leser kann, wenn ihm dergleichen auffällt, zurückblättern und nachprüfen, der Zuhörer aber wird durch den Strom der Vorlesung zu rasch weiter gerissen, als daß er sich lange bei Anstößen aufhalten könnte.
Soviel vorläufig über die Ausgangspunkte unserer Sage. Wir müssen nun zunächst versuchen, zwischen diesen Ausgangspunkten und dem Zustande, in dem sie uns in den literarischen Denkmälern überliefert ist, eine Brücke zu schlagen, mit andern Worten, die Entwickelung der Sage aus der historischen Grundlage zu begreifen.
V.
Die Entwicklung der Sage.
~a~) Älteste und nordische Form.
Zuerst, noch im 5. Jahrhundert, hat man die beiden Ereignisse, den Untergang der Burgunden und den Tod Attilas, in ursächlichen Zusammenhang gebracht, indem man letztern als Folge jenes Untergangs hingestellt hat: Hildiko wurde zur nachgelassenen Schwester des Gundicarius gemacht, die ihren Bruder an Attila rächt. Eine Vorgeschichte, die Attilas Zug gegen die Burgunden erklären sollte, dürfte bald hinzugekommen sein: sie schilderte in Anlehnung an die Ereignisse des Jahres 451 die Unterwerfung der westlichen Völker durch die Hunnen. In diesem Rahmen wurde an den Figuren Walthers und Hagens das vorhin erörterte Problem gelöst. Alsdann ist wesentlich später, mindestens ein Menschenalter nach dem Tode der historischen Königin Brunichild 613, also keinesfalls vor der zweiten Hälfte des 7. Jahrhunderts, eine poetische Darstellung der fränkischen Geschichtsereignisse des 6. Jahrhunderts angeknüpft worden. Als Vorgeschichte zu den nun verbundenen Sagen von Siegfried und von Attila und den Burgunden hat man dann die, wie es scheint, längst vorhandene Sigmundsage benutzt. Im großen und ganzen dürfte damals die Sage folgenden Gang gehabt haben:
Siegfried, der Hauptheld des ersten Teiles, ist ein Findling, zwar von edler Herkunft -- der Sohn des vor seiner Geburt gefallenen Sigmund -- aber in niedern Verhältnissen aufgewachsen und erzogen. Sein angeborenes Heldentum befähigt ihn dazu, einen gewaltigen Drachen zu töten und dadurch den großen Hort zu gewinnen, den dieser bewacht hat. So zu unermeßlichem Reichtum gelangt, bewirbt er sich um die Hand der Fürstin Brünhilt (Brunichild in älterer Sprachform), zu der er auf seinen Zügen gelangt. Ihr ist der reiche Held, der so große Taten vollbracht hat, auch recht, aber in ihrem hochmütigen Stolze mag sie sich einem Findling nicht vermählen; so verspricht sie ihm nur, sich ihm so lange aufzubewahren, bis er ein Königtum gewonnen habe (daß ihm das gelingen wird, bezweifelt sie nicht). Inzwischen erlegt sie allen um sie freienden Helden Bedingungen zu erfüllen auf, von denen sie weiß, daß eben nur Siegfried sie erfüllen kann. Siegfried zieht aus, dem Wunsche der Braut nachzukommen; als er an den Hof der Burgunden gelangt, fordert er deren König Günther zum Kampfe um Land und Leute heraus; so erzählt es allein unser Nibelungenlied außerhalb seines eigenen Zusammenhanges, also im Grunde unverständlich; für den Aufbau der alten Sage aber ist jener Zug notwendig und richtig, denn in ihrem Zusammenhange sieht man den Grund der Herausforderung ein[43]. Die Herrscher der Burgunden aber ersehen ihren Vorteil: sie erkennen, was für einen reichen und gewaltigen, aber auch unerfahrenen Helden sie vor sich haben, und beschließen, ihn für ihr Interesse zu gewinnen. Zu diesem Zwecke bieten sie ihm ihre Schwester, die Grimhild, zur Gattin an, nehmen ihn als Schwager, Blutsbruder und Mitbeherrscher in Familie und Reich auf und lösen ihn dadurch von Brünhilt. Siegfried erreicht also das Ziel, das Brünhilt ihm gestellt hatte, indem er sie aufgibt.
Als Günther nun ebenfalls heiraten will, wird ihm Brünhilt als geeignete Gattin genannt, und er wirbt um sie. Allein die Bedingungen, die jedem Freier auferlegt werden, kann er nicht erfüllen; Siegfried, der das Geheimnis ja kennt, löst die Aufgabe an seiner Stelle. Aufgabe und Lösung sind von den verschiedenen Sagenversionen im einzelnen verschieden dargestellt, aber der Sinn ist immer der gleiche: nur Siegfried, auf dessen Heldentum die Bedingungen zugeschnitten sind, kann sie erfüllen. Unmittelbar anschließen muß sich eine Szene, in der Siegfried Günthers Stelle in einer Weise vertritt, die später die üble Nachrede ermöglicht, Brünhilt habe ihre Jungfräulichkeit nicht durch Günther, sondern durch Siegfried verloren; eine Szene, die in der nordischen Darstellung gewiß besser erhalten ist als in der deutschen, weil letztere ihren innern Zusammenhang zerrissen hat. Dann aber fügt sich Brünhilt, da sie doch eines Königs Gattin geworden ist, der (scheinbar wenigstens) ihre Bedingungen erfüllt hat, in ihr Schicksal. Nur fühlt sie es als eine Herabsetzung der Familie, daß ihre Schwägerin, ihres Gatten Schwester, mit einem Findling und landlosen Menschen verheiratet ist, und läßt sie es fühlen. Grimhild aber gibt ihr diesen Vorwurf gesteigert zurück, indem sie ihr vorhält: „Bin ich die Gattin eines Findlings, so bist du in all deinem Hochmut nur seine Kebse, denn er war’s, der dir deine Jungfräulichkeit raubte.“ Hier ist die alte Dichtung auf ihrem Höhepunkte angekommen: Brünhilts Hochmut ist bitter gestraft; wollte sie des landlosen Findlings Weib nicht werden, so muß sie sich dafür seine Kebse schelten lassen. Natürlich kann sie diese Nachrede nicht auf sich sitzen lassen. Sie erweckt absichtlich zunächst den Anschein, als ob die Beschuldigung begründet wäre, und gewinnt dadurch ihren Gatten für Siegfrieds Ermordung. Nachdem der Mord geschehen ist (er wird durch Hagen, Günthers treuesten Mann, ausgeführt), gesteht Brünhilt die wirklichen Geschehnisse, also die Unschuld Siegfrieds, ein und folgt ihm in den Tod. Die Erzählung ist damit zu Ende, denn Grimhild, die Witwe, nimmt von ihren Verwandten die Buße für den Mord ihres Gatten an.
Nach einiger Zeit wirbt um sie Attila, der Hunnenkönig, und sie folgt ihm als Gattin. Bald darauf aber vernichtet Attila Grimhilds Geschlecht und Volk durch Hinterlist. Er ist gierig nach der Macht oder, wie die Sage das ausdrückt, nach dem Schatze der Burgunden. Dieser Schatz wird nun als derselbe betrachtet, den Siegfried einst dem Drachen abgenommen hat; durch seine Ermordung ist er in die Hände der Burgunden gekommen; so ist denn in der Geschichte des Schatzes eine gewisse Verbindung der beiden Sagenteile erreicht. Attila ladet die Schwäger unter dem Scheine der Freundschaft verräterisch ein und läßt sie dann niedermachen. Grimhild aber übernimmt die Rache, indem sie ihren Gatten tötet. Die Rache ist dadurch verstärkt, daß sie das mit Attila gezeugte Kind (oder die Kinder) als Werkzeug benutzt, eine Darstellung, die in der Geschichte keine Grundlage hat, aber schon in der in Rede stehenden ältesten Form der Dichtung vorhanden gewesen sein muß, da nordische und deutsche Version sie kennen. Vermutlich hat der alte Dichter ein anderswo verwendetes Motiv herübergenommen; wäre die nordische Version sicher alt, so dürfte man an Entlehnung aus der altklassischen Atridensage denken. Mit der Tötung Attilas durch Weibeshand schließt die alte Sage.
Da die historische Brunichild erst im Jahre 613 gestorben ist, andererseits aber unsere Sage spätestens im 9. Jahrhundert nach dem Norden gewandert sein muß, so haben wir nur einen verhältnismäßig eng begrenzten Zeitraum zur Verfügung, innerhalb dessen die eben dargestellte Dichtung (so müssen wir sie doch wohl nennen) entstanden sein muß. Sie kann nicht viel früher entstanden sein als um das Jahr 700, aber auch nicht wesentlich später. Da sie, besonders in ihrem ersten Teile, eine wohl durchdachte, wohl durchgeführte, wirklich dichterisch aufgefaßte Erzählung ist, muß ein einzelner und zwar ein geistig recht hochstehender Sänger der Autor der Erzählung in dieser Form sein. Natürlich versagt uns das Schicksal den Namen dieses Mannes. Die Namen der Sänger jener Zeit sind sämtlich in ewiger Nacht begraben.
Mit der Übertragung der Sage vom Niederrhein aus nach dem Norden im 9. Jahrhundert sind nun einige bestimmte, für die nordische Sagenform charakteristische Veränderungen eingetreten. Die Erzählung muß auch hier wieder zunächst von einem einzelnen Manne, der sie ganz in sich aufgenommen hat, reproduziert und in geschlossener Darstellung hinübergebracht worden sein. Sonst würde man nicht verstehen, daß bestimmte Einzelheiten, die in Deutschland anders berichtet werden, und deren deutsche Wiedergabe zu den historischen Ausgangspunkten besser stimmt als die nordische, so daß sie also historisch richtiger ist als diese, im Norden eine ganz bestimmte feste Form angenommen haben. Es sind im wesentlichen folgende Punkte:
1. Hagen ist nicht bloß der untergeordnete Vasall des Königs Günther, der dessen Befehle unbedingt vollführt und freudig mit ihm in den Tod geht, sondern er ist sein Bruder. Siegfrieds Ermordung ist ihm abgenommen und auf den weniger bedeutenden Gudorm übertragen.
2. Der Name Grimhild, der nach Ausweis der historischen Hildiko zuerst an der Person haftet, die ihn in Deutschland führt, ist merkwürdigerweise zum Namen der Mutter des Königs geworden, die echte Grimhild aber führt durchweg den Namen Gudrun. Dieser Name (der mit dem der Heldin des mittelhochdeutschen Gedichtes Kudrun nicht das geringste zu tun hat) ist einfach dem Namen ihres Bruders Günther nachgebildet. Das erste Glied des zusammengesetzten Namens ist das gleiche wie bei „Günther“, das zweite ist eins der am häufigsten vorkommenden Elemente zur Bildung von Frauennamen. Die Neubildung Gudrun ist also gewissermaßen ein Feminin zu Gunnar.
3. Brynhild ist zur Schwester des Atli geworden. Damit hat man wenigstens den Versuch gemacht, eine engere Verbindung der beiden Hauptteile herzustellen, denn Atli hat nun an den Burgunden den Tod seiner Schwester zu rächen.
4. Endlich ist -- wohl auch schon seit der Übertragung[44] -- die Ermanarichsage als dritter Teil an die Erzählung angeknüpft. Diese Sage, die in Deutschland aufs engste mit der Dietrichsage verbunden erscheint, muß, da von letzterer im Norden keine Spur sich findet, sehr frühzeitig und selbständig dorthin gewandert sein.
Die Weiterentwickelung der Sage im Norden brauchen wir hier im einzelnen nicht zu verfolgen. Sie hat sich, wie wir gesehen haben, in lauter Einzeldarstellungen aufgelöst und eine wirkliche Zusammenstellung nicht mehr erfahren. Ein Dichter behandelt diesen Teil, ein anderer einen andern; der eine gibt das dazu, der andere jenes; so kommt eine wüste Verwirrung zustande, in der sich zurechtzufinden schwer ist. Neue Zusätze sind im Norden vor allen Dingen diejenigen, welche die Götterwelt mit hineinziehen; sie ist ganz sekundär in die Sage hineingetragen und hat ursprünglich in ihr keinen Platz. Auch die Idee, daß Brynhild eine vermenschlichte Walküre sei, also ein ursprünglich übermenschliches Wesen, das durch den Gott strafweise in die Menschheit versetzt worden sei, ist spezifisch nordisch und nicht einmal einheitlich durchgedrungen, sondern nur von einem einzelnen Dichter hineingebracht.
~b~) Deutsche Form.
Wichtiger ist die Weiterentwickelung des Stoffes in Deutschland. Hier tritt uns die Sage in ausführlichem Berichte erst im 12. Jahrhundert, also ziemlich spät, entgegen. Wie sie sich bis dahin entwickelt hat, das läßt sich zwar natürlich an den verschiedenen Veränderungen, die eingetreten sind, wohl erkennen, aber die zeitliche und örtliche Bestimmung der Neuerungen ist nicht leicht. Einigermaßen unterstützt werden wir durch einen Bericht, der Ereignisse des Jahres 1131 zum Gegenstande hat. Damals wollte der dänische Königssohn Magnus seinen Vetter Knut Laward, den König der Wenden und Herzog von Schleswig, auf verräterische Weise ermorden. Er sandte einen sächsischen Spielmann, namens Siward, also einen fahrenden Sänger, der nach der Überlieferung für einen in seiner Kunst wohlerfahrenen Mann galt, zu Knut Laward und ließ ihn freundlich zu sich einladen. Knut leistete ohne jeden Argwohn Folge. Dem Sänger war bekannt, was Knut bevorstand, aber er war durch einen heiligen Eid gebunden, den Plan nicht zu verraten. Da Knut ihn dauerte, so versuchte er, ihn auf Umwegen auf das drohende Unheil aufmerksam zu machen: er trug ihm das Lied von der allgemein bekannten Treulosigkeit der Grimilda gegen ihre Brüder dreimal vor, also eine Geschichte, die dem im Augenblicke des Vortrags sich entwickelnden Schicksal ganz parallel verläuft. Auf diesem Wege versuchte also Siward den König Knut zu retten, aber ohne Erfolg: der Mord gelang am 7. Januar 1131. Für uns ist interessant, daß hier die Geschichte von Grimildas Treulosigkeit gegen ihre Brüder erwähnt und als allgemein bekannt hingestellt wird. Das paßt nicht mehr zur alten Form der Sage, sondern nur zu der neuen, wie sie uns demnächst in süddeutscher Darstellung entgegentritt. Wir lernen hier die Existenz dieser jüngern Sagenform in Norddeutschland kennen, denn es ist ein sächsischer Spielmann, der den dänischen Fürsten zu retten versucht.
Daraus folgt, daß die Umbildung der Sage, die darin besteht, daß nicht mehr Attila, sondern Grimhild die Treulosigkeit gegen die burgundischen Brüder begeht, um ihren ersten Gatten Siegfried an ihnen zu rächen, noch vor der Übertragung der Sage nach Süddeutschland, also wohl noch am Niederrhein vor sich gegangen sein muß. Sie ist natürlich hauptsächlich durch innere Gründe verursacht: man wollte die beiden Teile, die ursprünglich so lose nur zusammenhingen, innerlich aneinanderschließen. Die Neuerung dürfte nach oberflächlicher Schätzung um das Jahr 900 oder bald nachher durchgeführt worden sein, weil die Überführung des Stoffes nach Bayern wohl noch ins 10. Jahrhundert fällt. Die neue Fassung trägt zugleich modernerer Gesittung Rechnung: bisher stand die Erzählung auf dem altgermanischen, etwas urzeitlich anmutenden Standpunkte, daß Blutrache die erste Pflicht sei, daß also die Pflicht der Schwester, ihre Brüder zu rächen, größer sei, als die Pflicht ihrer Treue gegen den Gatten; nunmehr, in modernerer Zeit, stellte man die Gattenpflicht an die erste Stelle und ließ die Blutrache in alter Form fallen.
Mit dieser Änderung ist nun eine Tatsache, die in der Geschichte feststeht und als Ausgangspunkt für die Sage anzusehen ist, aus dieser selbst verschwunden. Von dem Augenblicke an nämlich, wo Grimhild ihren ersten Gatten an ihren Brüdern rächt, fallen ja ihre Interessen mit denen ihres zweiten Gatten Attila zusammen; Grimhild und Attila sind jetzt einig und führen gemeinsam den Untergang der Burgunden herbei. Dann liegt aber für Grimhild keine Veranlassung mehr vor, den Attila zu töten. Die Folge davon ist, daß dieser übrig bleibt.
An dieser Entwickelung erkennt man recht, wie die Sage arbeitet: sie geht teilweise vom Tode Attilas aus, hat sich aber nach mehreren hundert Jahren so verschoben, daß sie von diesem ihrem Ausgangspunkte nichts mehr zu erzählen weiß. Hier, an einem Beispiel, das wir doch leidlich genau verfolgen können, ist ganz deutlich zu sehen, wie der Ausgangspunkt der Sage infolge ihrer Entwickelung schließlich wieder aus ihr hinausgebracht wird. Wenn das möglich ist, so wird noch vieles andere möglich sein, so wird es vor allen Dingen auch möglich sein, den ersten Teil unserer Nibelungensage aus der fränkischen Königsgeschichte abzuleiten, von der man nur Einzelheiten, besonders Namen und Motive, zur Vergleichung heranziehen kann, nicht aber den ganzen innern Zusammenhang.
Die Folge davon, daß Attilas Tod nun auf einmal nicht mehr erzählt wird, ist eine Neudichtung, die in Süddeutschland unbekannt geblieben ist, also wahrscheinlich in Norddeutschland erst entstanden ist, nachdem die Nibelungensage bereits nach Süddeutschland gewandert war: ich meine die allein in der Thidrikssaga berichtete Geschichte von Hagens nachgeborenem Sohne Aldrian, der durch Attilas Ermordung der Gesamterzählung wieder einen vollen Schluß verschafft. Ihre Entstehung war natürlich erst möglich, nachdem Attilas Tod aus der Erzählung durch die moderne Entwickelung derselben ausgeschaltet worden war.
Nach Süddeutschland ist unsere Sage wahrscheinlich im 10. Jahrhundert gewandert. Darauf weist die merkwürdige Einmischung einer historischen Person jener Zeit hin, die an der Oberfläche klebt: Bischof Pilgrim von Passau (er war im Amte 971-991) gilt im Nibelungenliede für einen Zeitgenossen der Nibelunge und Mutterbruder der burgundischen Könige; nach der „Klage“, dem mehrerwähnten Anhang zum Liede, hat er den ganzen Verlauf der großen Begebenheiten durch seinen Schreiber Konrad in lateinischer Sprache aufzeichnen lassen. Diese letztere Nachricht wird wahrscheinlich richtig sein; sie ist an sich historisch ganz einwandfrei; ist sie richtig, so versteht man, wie Pilgrim in die Sage gelangte: der Klagedichter, dem Konrads Werk bekannt war, machte den Bischof und seinen Schreiber zu Zeitgenossen der Ereignisse, um die Glaubwürdigkeit des Berichtes zu erhöhen. Wenn aber ein Passauer Bischof um das Jahr 980 die Nibelungensage aufzeichnen lassen kann, so bedeutet dies, daß sie damals in Bayern zwar bereits bekannt, aber noch nicht geläufig war; sonst hätte man nicht Wert darauf gelegt, daß sie aufgeschrieben würde. Man bedenke, wie die eigentlich süddeutsche Sage, die von Dietrich und seinen Helden, jederzeit einfach als dem Publikum bekannt vorausgesetzt wird; dann wird man zu dem Wahrscheinlichkeitsschlusse kommen, daß zu Pilgrims Zeiten die niederdeutsche Nibelungensage eben erst in Bayern bekannt geworden und eben deshalb als der Aufzeichnung durch Pilgrims Schreiber Konrad wert befunden worden war.
Eine Folge dieser Verpflanzung der Sage auf einen ihr ursprünglich fremden Boden ist die in dem Namen der einen Hauptheldin eingetretene Veränderung: sie hieß ursprünglich zweifellos Grîmhild, in welcher Form der Name etymologisch durchsichtig ist; ~grîma~ bedeutet Larve, Maske, Helm. Den Süddeutschen waren Wort und Name nicht geläufig; sie verstümmelten letztern infolgedessen, wie man so häufig ein nur mit dem Ohre aufgenommenes Fremdwort verstümmelt, zu Krîmhilt oder Kriemhilt. Der unrichtige Anlaut und das Schwanken des Vokals im ersten Teile der Zusammensetzung geben somit ebenfalls davon Zeugnis, daß die Sage in Süddeutschland ursprünglich fremd und erst verhältnismäßig spät eingeführt ist.
Noch ein zweiter Name ist vermutlich bei dieser Überführung in gewissem Sinne verstümmelt worden: Gernot; hochdeutsch könnte er schwerlich etwas anderes als ein Frauenname sein, weil „~nôt~“ ein Feminin ist; versteht man ihn aber niederdeutsch, so gibt er den Sinn „Schwertgenoß“ und müßte hochdeutsch Gernoz heißen; er dürfte also bei der Überführung der Sage nach Süddeutschland seine niederdeutsche Form beibehalten haben.
In Oberdeutschland hat sich die Sage nun begreiflicherweise selbständig weiter entwickelt. Augenscheinlich ist sie gar nicht vollständig dahin gelangt, wenigstens fehlt jede Kunde von Siegfrieds Vorfahren, sowie von seinem ursprünglichen Verhältnis zu Brünhilt, während die von seiner Jugendzeit äußerst dürftig ist. Die Erzählung beginnt damit, daß Siegfried um Kriemhilt freit und dann Brünhilt für seinen Schwager gewinnt. So reich ausgestattet ursprünglich und noch in nordischer Fassung der erste Teil des Stoffes war, so gering ist sein Kern in der deutschen; ritterliche Füllung hat ihn im Liede freilich wieder verbreitert. Dafür hat sich der zweite Teil reich entfaltet und zwar hauptsächlich dadurch, daß er als Episode in die Dietrichsage eingetreten ist; da die Burgunden infolge verräterischer Einladung am hunnischen Hofe zugrunde gehen, muß Dietrich, der nach süddeutscher Auffassung damals dort als Verbannter lebt, mit den Ereignissen zu tun haben; ihm wird die Entscheidung in dem großen Kampfe gegen die Burgunden zugewiesen.
Wenn es auch zu weit führen würde, Ursprung und Entwicklung der Dietrichsage an dieser Stelle in allen Einzelheiten zu besprechen, so erscheint doch eine Darstellung in großen Zügen geboten.
Im vierten Jahrhundert saßen die Goten in Dacien (etwa Rumänien und Siebenbürgen) und längs der Nordküste des Schwarzen Meeres bis zum Don. In diesen Gegenden begründete der Amaler Ermanarich (deutsch Ermenrich) ein großes gotisches Reich, das seine Macht weit über das heutige innere Rußland erstreckte. Um das Jahr 370 erlag diese Macht dem plötzlichen Ansturm der Hunnen, eines Volkes türkischen Stammes aus dem innern Asien; König Ermanarich, schon hochbejahrt, kam dabei zu Tode. Der gotische Geschichtschreiber Jordanes weiß um 550 von seinem Tode Einzelheiten zu erzählen, die zwar schlecht beglaubigt, aber an sich nicht unwahrscheinlich sind und sich inhaltlich mit dem vorhin S. 27 f. dargestellten dritten Teile der Nibelungensage nordischer Form nahezu decken: das treulose Volk der (sonst unbekannten) Rosomonen versucht den Einbruch der Hunnen zur eigenen Befreiung zu benutzen; Ermanarich läßt Suanihilda, eine Frau aus diesem Volke, für den heimtückischen Abfall ihres Mannes[45] von wilden Pferden zerreißen, wird aber dafür von ihren Brüdern Sarus und Ammius (Sorli und Hamdir in der Lieder-Edda) tödlich verwundet. Die Erzählung dürfte auf Tatsachen beruhen; sie ist geraume Zeit vor der Entstehung der übrigen gotischen Sagen, also etwa um 500, nach dem Norden gelangt[46] und hier schon im 9. Jahrhundert (vgl. S. 90) dadurch an die Nibelungensage angeschlossen worden, daß man Suanihilda und ihre Brüder zu Kindern der Gudrun gemacht hat. Vermutlich spielte die Mutter der untergegangenen Geschwister schon vor dieser Vereinigung in der Erzählung eine Rolle, die es nahelegte, sie mit Gudrun gleichzusetzen; darauf weist wenigstens die Art hin, wie der dänische Geschichtschreiber Saxo Grammaticus um 1200 die Ermanarich-Sage (ohne ihre Verbindung mit der Nibelungensage zu berücksichtigen) in seine dänische Geschichte aufgenommen hat.