Der Mutterhof: Ein Halligroman
Part 9
Die »Eintagsfliegen« von Sylt, Föhr und Amrum waren wieder sehr lästig diesen Sommer. Nicht einer war darunter, um dessen Wiederkehr man gebeten hätte. Gottlob, es wird auch hie und da Verständnis und Liebe zu uns getragen. Aber die, so es tun, bleiben dann auch wirklich bei uns auf längere Zeit. Und fragen nicht viel, sondern öffnen ihre eigenen Augen und empfangen all unsern Reichtum mit wachem Herzen. So geben und nehmen wir wechselseitig unvergängliche Werte. Mit dem Strom von Hamburger Fremden kam im August auch Akke Bahn, geborene Luersen, zu uns. Ein seltsames Weib. Wunderschön hat die Natur sie gebildet, und jeder wendet sich um nach ihr, so sehr fällt sie auf. Aber auf ihrem Gesicht liegt jetzt ein Zug verbissenen Trotzes. Der pflegt sonst auf dem Antlitz der werdenden Mütter zu fehlen. Sie kümmert sich nicht viel um ihren Zustand, sondern schafft tüchtig im Hause der Eltern, bei denen viel schwere Arbeit zu tun ist. Oft höre ich ihr lautes Lachen über den Nachbarzaun herüber. Neulich kam Edlef zu mir, und ich ging ihm entgegen. Da stand die Akke am Zaun, und ich fing einen Blick auf, den sie ihm zuwarf. Der war so heiß und auffordernd, daß er früher wohl gezündet hätte bei ihm. Aber Edlef ist ein sehr fester, sehr glücklicher Halligbauer geworden. -- Er zog die Mütze wie vor einer Fremden und schaute mir entgegen mit freien, guten Augen. -- Abends sitze ich hie und da mit Vadder Luersen auf meiner Hausbank. Er tut dann alles ab von seiner Seele, was ihm das Leben draufgepackt hat, und ich höre gern die Philosophie seines trocknen Humors. Dabei sagte er mir einmal: »Ich mag mein klein Akke zu gern um mich leiden, is ’ne fixe Deern und schafft für Zwei, trotz ihres reichen Mannes. Aber mich dünkt, sie verfolgt einen Zweck hier. Und dazu gebe ich mich nicht her. Und wenn sie meint, ich behalte sie wieder ganz auf der Schulwarf und setz’ mich bei dem Herrn Schwiegersohn in die Nesseln, dann hat sie vorbeigedacht. Das sechste Gebot ist kein Kinderspielzeug. Und ihr Kind soll in seines Vaters Wiege liegen, wo es hingehört.« Ich bedeutete dem Alten, daß es wohl nicht gerade die passendste Ehe für seine Tochter gewesen sei, aber das wies er weit zurück.
»Der Schwiegersohn hat sie rechtschaffen lieb,« sagte er, »aber seine Hand is büschen fest. Das braucht die Deern auch. Ich hab mir den Kram in Hamburg mal angesehen, das hat alles seinen rechten Schick. Und der Schwiegersohn ist fleißig und angesehen. Und daß er kein heuriger Has’ mehr ist, ist _auch_ gut.«
Vadder Luersen mag recht haben. -- --
... Schwester Maren ...
Ich möchte ergründen, ob sie wohl ganz restlos glücklich ist. Edlef ist’s, er geht wie auf Sprungfedern. Maren ist sehr ernst geworden. Es kleidet sie gut, meine junge, süße Schwester. Aber ich möchte sie wohl wieder hell lachen hören. Einmal tat sie es. Es war an einem Sonntag, da sie mich beide heimgesucht hatten. Sie stand in ihrem Mädchenstübchen und fand allerlei Kram aus der Kinderzeit. Darüber lachte sie laut und herzlich. Und Edlef neben mir hob lauschend den Kopf, als sei ihm das silberne Glöckchen völlig fremd. Und ein großes Erstaunen ging über sein offenes Gesicht.
Sollte der Mutterhof jeglich Lachen ersticken? -- --
Melenke Holgers ist in Hamburg bei einer Putzmacherin.
Edlef und ich haben’s durchgesetzt, daß sie dort blieb. Die Ahne wollte sie in den Mutterhof zwingen. Das wär ja nimmer geglückt. Nomine hat die Schwester öfters von Kiel aus besucht, hat sie aber noch nie angetroffen. Sie hat auch Melenke zu sich eingeladen, denn das Band, das Halliggeschwister verbindet, ist ein sehr festes. Aber die Jüngere ist nicht gekommen, sie bäumt sich gegen jede Bevormundung. --
Die Ahne geht gebückt. -- War eine junge Frau mit ihren fünfundachtzig Jahren, mit den roten Backen, den scharfen Augen und dem raschen Gang. Und wenn sie auch manchmal bei Tisch einschlief, so war sie nachher doppelt ausgeruht und schlug uns Jüngere mit Kreuz- und Querfragen. Jetzt ist sie alt geworden. Bin ich bei ihr, dann redet sie mit guter, leiser Stimme. Nicht mehr energisch und zupackend wie früher. Gleichsam entschuldigend, daß sie mir kein besser Dach bieten könne als den Mutterhof, aus dem eine Haustochter entlaufen. -- Mir zerreißt es das Herz, sehe ich diesen zerbrochenen Stolz. -- --
Mein Buch gedeiht. Das Manuskript ist schon recht umfangreich und ich liebäugle fast damit. Es ist ja auch mein Schatz. --
Gestern war Maren allein bei mir.
Fast erschreckte es mich. Sie trat so leise ein. Und ein gar so zager Ruf: »Bruder Manne!«
Dann lag sie freilich rasch an meinem Herzen, und mir verschlug die jähe Freude schier die Stimme. Ich nahm ihr Mantel und Kopftuch ab und drückte sie fest in den Altväterstuhl hinein, drin alle Wögens ausgerastet haben. Da saß sie geruhig wie der Vogel im Nest, und ich erzählte und fragte und mußte mich baß wundern, warum ich so karge Antwort erhielt. -- Zuletzt kam mir ein Freudengedanke, und immer zarter sprach ich mit ihr. Um ihr vielleicht ein Geständnis zu erleichtern, das sich etwa so formen könnte: »Bruder Manne, willst du mir vom Oberboden die Kiste tun, darinnen unsere winzig kleinen Kinderhemdchen und Häublein liegen?«
Aber sie sagte nichts, sah nur rings die Heimatwände mit den vertrauten Bildern und dem Urväterhausrat an. Ganz still und besinnlich, als sähe sie alles zum erstenmal.
Da stand ich auf, beugte mich über sie und sagte: »Süße Marenschwester, das wird einmal alles wieder dir gehören -- -- und deinen Kindern.«
Wie herb und traurig sie lächelte. Ach, daß es solch ein Lächeln geben darf auf dem Antlitz eines jungen, schönen Weibes ...
»Ich werde niemals Kinder haben, Bruder Manne.«
»Maren, -- was sprichst du da?«
»Die Wahrheit, Manne. Aber sie zerdrückt mich fast.«
»Woher hast du die traurige Weisheit, Maren?«
»Vor einer Stunde hat sie mir der Kreisarzt gegeben ...«
»Und Edlef???«
»Er ist in wichtiger Sache nach Husum. Mein Mannebruder, er erfährt es früh genug.«
Dann ging die Süße still, wie sie gekommen. Ich konnte ihr keinen Trost geben, das war bitterhart.
Nun falten sich immer meine Hände: Daß dieses herbe Frauenschicksal nur ein stilles Leid bleibe, gemeinsam getragen von zwei liebenden Gatten, die sich selbst genug sind. Daß mein Freund Edlef Holgers stark erfunden werde, sein junges Weib auf Händen zu tragen und durch alle Fährnisse der Hallig, insonderheit des Mutterhofes, zu steuern. Als da sind: »Kälte, Schmähsucht und Vereinsamung.« --
Ich höre die fünf unbändigen Luersenkinder bis hierher toben. Neun Luersens sind schon aus dem Hause ... Machen trotzdem noch viel Sorgen und Mühen, und kaum das Brot schaffen können die hart arbeitenden Eltern für die fünf Jungen im Nest.
Warum ...?
Nein! Mit Grübelfragen darf man sich auf einer Hallig nicht befassen. Die fressen hier gleich den ganzen Menschen auf. Wenigstens Herz und Hirn. --
Ich will an das Lied denken, das ich meiner Marenschwester an ihrem Hochzeitstage auf der Orgel spielte:
... Der wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann. --
* * * * *
Es war ein naßkalter, windiger Oktoberabend, da Edlef Holgers heimkehrte. Aber im »Jungteil« lachte ihm das freundliche Licht der Lampe entgegen, die seine Maren dicht ans Fenster gestellt hatte. An Heyens Lei mußte er denken. »Die treue Schwester wacht!«
Ja, _alles_ war ihm Maren. Nicht nur sein liebendes und geliebtes Weib, nein, auch Mutter und Schwester in ihrer treuen Fürsorge. Wie er sich freute, heimzukommen von dieser ärgernisreichen Reise ...
Da tat sich auch schon die Tür des Wohnpesels auf und zwei weiche Arme legten sich um seinen Hals. Er preßte sein Weib an sich und sah ihr tief in die Augen.
Wahrhaftig, sie wurde immer schöner. Er wußte nicht, was ihn mehr entzückte. Das strahlende Lächeln, womit sie ihn vor einer Woche entlassen, oder der stille Ernst, mit dem sie ihn heute empfing.
»Ach du,« sagte er glücklich, »ich will dich einfach Heimat nennen. Willst du? Schau hinaus, wie es regnet und stürmt! Bei dir bin ich im Himmel. Du! Du!« Er trank ihre Süße völlig in sich hinein. »Ich müßte nie von dir fortzugehen brauchen, -- es ist eisig kalt, häßlich, öde draußen in der Fremde.«
»Du Peterle!« meinte sie. »Bist ja nur bis zum Kreuzweg gekommen.«
»Ja, -- und da will ich auch immer umkehren fortan.«
Sie setzten sich auf das alte Thüringer Kanapee, das Manne der Schwester mitgegeben. Beim Essen erzählte Edlef von seiner Reise.
»Willst du nicht Mutter und Ahne erst begrüßen?« hatte ihn Maren gefragt.
»Nein, laß mich erst bei dir erwarmen«, entgegnete er zärtlich. »Sieh, ich bringe wieder Trübes zu den zwei alten Frauen, und solche Wege spart man gern auf. Ich habe Melenke nicht angetroffen. Wieder nicht. Ist es nicht unnatürlich, daß sie sich vor mir versteckt?«
»Was meint die Putzmacherin? Bei der wohnt sie doch?«
»Nn--ein. Das tut sie nicht mehr. Melenke wohnt allein. Ja, da kannst du wahrlich erschrecken, Maren, -- ich tat’s _auch_. Und Melenkes jetzige Wirtin hat mir gar nicht gefallen. Wo das Mädel sei, wisse sie nicht. Wohl spazieren gegangen, -- -- kurz, sie redete so herum und sich selbst heraus. Mein Zug ging, ich mußte fort. Maren, nächste Woche fahren wir beide nach Hamburg, und da warten wir, bis Melenke kommt. Und nehmen sie mit. Sie soll hier Arbeit finden und Heimat kosten. Hast du Mut, Maren, dies widerwillige Holgersblut zu bändigen? Bist ja doch noch nicht allzu lange aus der Schulmeisterei heraus ...«
»Mit Schulmeistern ist da wohl nichts getan«, meinte Maren ernst. »Da wird nur unsere Liebe helfen können. Ich will sie lieb haben, Edlef.«
»Du!!! ...« Edlef bettete Maren ganz in seinen Arm. »Aber zuerst mußt du mich liebhaben. Kalt bin ich auf der garstigen Reise geworden. Komm, küsse mich! Mein Einziges ...«
Heimelig war’s im Wohnpesel. Die alte Uhr tickte. Draußen schlugen Wind und Regen gegen die Fenster. Im Ofen knisterte das Feuer.
»Geträumt hab’ ich letzte Nacht von dir«, raunte Edlef. »Du, das war ein lieber Traum ... Ich kam heim von der Reise und -- was glaubst du wohl? Ein paar Kinderchen kamen mir entgegen, -- jawohl, versteck dich nur, -- gleich ein _paar_. -- Maren, süße Maren ... Da wurd ich hellwach und so froh ... Von Rechts wegen müßt ja auch schon ein Holgersjung oder ’ne lüttje Deern in der Wiege schreien ...«
Edlef hob mit raschem Schwung die zarte Maren auf seinen Schoß, ihr Kopf sank an seine Schulter, er wiegte sie sacht und sang:
»Hop Marjanken, hop Marjanken, Lat sin Frautje danzen. He weegt dat Kind, He feegt de Floor Un lat sin Frautje danzen, Hopsasa, hopsasa fallereden. --«
Hastig richtete sich Maren auf. Heiß und rot war ihr Kopf und ihre Augen brannten. Sie sprang von seinen Knien und strich sich glättend über das Haar.
Befremdet sah Edlef sie an.
»Ich muß dir etwas sagen«, sprach sie leise und hastig. »Ich habe es wohl gespürt, wie die Ahne und deine Mutter mich anschaun und um mich herumreden und wie sie dich fragen, mein Edlef. Ich dank dir, daß du mich niemals damit gequält hast, du Guter. Aber heut muß ich dich quälen -- und dir sehr weh tun, mein Edlef ... Ich werde nie ein Kindchen wiegen ... der alte Doktor Brodersen hat es mir gesagt ... Edlef ...«
Edlef Holgers war aufgesprungen, doch gleich griff seine Hand tastend nach rückwärts, als bedürfe er einer Stütze.
»Was redest du da?« fragte er tonlos. »_Das ... das ist ja gar nicht möglich!_«
Maren antwortete nicht. Sie sah ihn nur an. Nicht wie jemand, der seinen Urteilsspruch erwartet. Nein, ganz ohne Angst, ganz fest und ruhig. Ein stiller Schmerzenszug lag um ihren blassen Mund, der sagte: »Das Schwerste hab ich bereits mit mir selbst durchgerungen, du kannst es mir noch schwerer machen, indem du dein eigen Leid dazupackst, oder du kannst mir alles tragen helfen ...« Aber ihr Mund blieb stumm.
Langsam wandte sich Edlef. Sie streckte die Hände nach ihm hin, aber er sah sie nicht. Ein paar Worte stieß er heraus: »Der Arzt kann sich irren ...«
»Er irrt sich nicht ...«
Da ging Edlef hinaus, die Tür schlug hinter ihm zu, und mit leisem Wehruf brach Maren Holgers zusammen.
* * * * *
In ihrem Stübchen stand Maren Holgers früh vor Tau und Tag. Diese Frühstunden, da die Sonne aus dem Meere emporstieg und die stille Hallig grüßte, gehörten ihr allein. Sie beraubte niemand, wenn sie still mit gefalteten Händen untätig und träumend dem Sonnenaufgang ins gewaltige Antlitz schaute.
Es war ein winziges Gemach, das schlichteste im ganzen Mutterhof, welches Maren von all den vielen Gelassen für sich ausgesucht hatte. Seine Fenster gingen nach einem Krautgärtchen hinaus, das Maren selbst betreute. In dem sie grub und säete, pflanzte und pflückte. Ein kleiner Arbeitstisch und davor ein Sorgenstuhl, der Nähtisch der verstorbenen Mutter und eine uralte »Erfurter Lade« bildeten die Ausstattung des traulichen Gelasses. Auf den breiten Fenstersimsen blühten zwischen schneeigen, weißgepunkteten Vorhängen blutrote Geranien und starkduftende Reseden.
In den ersten Wochen ihrer jungen Ehe hatte sich Maren oft in ihr kleines Reich geflüchtet, um mit all dem überwältigend Neuen, das in ihr Leben getreten war, allein zu sein. Sie hatte stille Zwiesprache mit der heimgegangenen Mutter gepflogen, deren Rat sie gerade jetzt dem vielen Unbekannten gegenüber so schwer vermißte. -- Hie und da war ihr Edlef nachgeschlichen. Da war ihnen beiden dann wohl in seligem Ineinanderverlieren Zeit und Stunde vergangen.
Dann war es anders geworden. Die Ahne sah sie des öfteren ernst und mißbilligend an. Sie empfand das Alleinseinwollen der jungen Frau als »städtische Mode«, die sie nicht auf dem Mutterhof eingeführt haben wollte. Und über Edlef kam allgemach das starke, frohe, stolze Besitzergefühl, das sich seine süßen Feierstunden nicht erschleichen wollte, solange draußen in Hof und Gewese hilde Arbeit drängte. Er selbst rief mit schallender Stimme den Feierabend aus und wußte, daß er nun erst mit Fug und Recht sein Königreich hinter sich zuschließen durfte.
Wann war all dies Beglückende, Heimliche gewesen?
Maren dünkte es Jahrzehnte.
Wie jäh verändert Edlef war!
Alles Sonnige war von ihm gewichen. Wie seltsam düster und fremd er sie oft anschaute! Als sei sie selbst die Schuldige, die ihm seine Hoffnungen zertrümmert habe, und nicht das unergründliche, bittere, unbegreifliche Schicksal. --
Und das war derselbe Edlef, der Tanten Frauke aus dem Wust und Staub der Vorurteile herausgerettet und sie bedeutet hatte: »Du hast genug gelitten!«
Wer löste Maren dies Rätsel von Halligweise und Holgersart?
In den ersten Monaten ihrer Ehe hatte Edlef oft die Zukunft in das Bereich seiner Betrachtungen und Pläne gezogen.
»Wenn der Jung erst da ist ... Oder ... die Deerns müssen alle _dir_ gleichen, Maren, süße Maren.«
Dann hatte sie ihr Gesicht an seiner Brust geborgen und in heiliger, ahnungsvoller Scheu gezittert vor dem Wunderbaren, das vielleicht noch ihrer wartete. Dies »_Vielleicht_ ...«. Das war’s.
Das hatte sie nie verlassen, das war neben ihr geschritten als zage Hoffnung. Die Erfüllung hatte sie kindlich-vertrauend Gott anheimgegeben.
Anders Edlef.
In kühne Pläne verstieg er sich. Nicht leise und heimlich, nicht kosend und verliebt, nicht bangend und hoffend, auch nicht scherzend sprach er über seine Wünsche.
Es waren für ihn keine Hoffnungen, die eine höhere Macht zerstören konnte, es waren Tatsachen, die früher oder später eintreffen _mußten_, weil er, Edlef Holgers, es _wollte_. _Die heilige Überlieferung der Hallig und des Mutterhofes._
Einmal hatte Maren ihm erschrocken gewehrt.
Als seine Erwartungen gar zu kühn und bestimmt sich kundtaten. »Du Liebster, und wenn nun _kein_ Kindlein kommt ...?«
Da war er ganz fremd von ihr zurückgetreten und hatte mit jäh veränderter Stimme zu ihr gesprochen:
»Nicht einmal im _Scherz_ darfst du so etwas sagen, Maren.«
Wunderlicher Edlef.
Er war auch gleich wieder lieb zu ihr gewesen.
Und keine Wolke war an seinem Zukunftshimmel schattend zurückgeblieben. Weil er kein »_vielleicht_« kannte, es nicht kennen _wollte_. -- --
Dann waren Tage gekommen, da sie mit hastigen, körperlichen Schmerzen kämpfte, die sie schon in der Mädchenzeit heimgesucht hatten. Tapfer ging sie dabei ihrer Arbeit nach ...
Und die starknervige Holgerssippe gewahrte nichts von Marens schattenhafter Blässe und ihrem müden Gang, -- es war nicht Sitte auf dem Mutterhof, körperlichem Unbehagen auch nur die kleinsten Zugeständnisse zu machen.
Da erbarmte sich Tanten Frauke ihrer.
Mit ruhiger Selbstverständlichkeit rüstete sie für sich und die leidende Maren zu einer Reise. Gab der Ahne und der Schwägerin beschwichtigenden Bescheid und fuhr mit der jungen Frau nach Kiel.
Der berühmte Frauenarzt hatte ruhig, freundlich und aufrichtend mit ihr gesprochen, aber sein sachlich-ernstes Gutachten war vernichtend.
So wurde die Heimreise angetreten, und die herbe, verschlossene »Tanten Frauke« erlebte an der Seite der trostlosen Maren noch einmal den eigenen bitteren Schmerz früher durchlebter und durchlittener Jahre.
Vor wenigen Tagen hatte nun der alte, erfahrene Kreisarzt, der Maren seit ihrer ersten Kinderzeit kannte, das Urteil seines berühmten Kollegen bestätigt.
Die Ahne hatte den Physikus aus dem »Jungteil« treten sehen und ihm durch das Fenster des Wohnpesels im Mutterhofe mit ihrer hellen, scharfen Stimme die Tagszeit geboten. Aber er, der sonst gern mit der schlagfertigen Greisin plauderte, winkte nur grüßend mit der Hand und war eilends den Weg über die Fennen hingeschritten. Verwundert und kopfschüttelnd hatte die Ahne das Fenster wieder geschlossen, aber dann war ein Schmunzeln, wie frohes Begreifen über ihr Antlitz geflogen ...
Und in der Dämmerung hatte sie lange mit Maren allein auf der Ofenbank gesessen. Zuerst mit Kreuz- und Querfragen über Wirtschaftsangelegenheiten, dann schweigend. Jedes tief in seine eigenen alten und jungen Gedanken versenkt. Dann war sacht und wie beiläufig die Frage der Ahne gekommen: »Hast du mir nichts zu vertrauen, Enkelin Maren?«
»Nichts, Ahne.«
Wieder Schweigen.
Dann der zürnende Ausruf: »Das ist nicht recht, Enkelin Maren. Was du tust und unterläßt, geht den Mutterhof an. Deine Wege sind Mutterhofwege. Denk dran.«
»Allstunds«, sagte Maren gequält.
»Du kannst aber abirren und fehlgehen. Auch ohne deine Schuld. Ahne und Mutter sind dazu da, zu weisen und zu beraten. Allwissend bin ich nicht, so rede mir selbst von deiner Not. Denn daß du in Not bist, sagen mir meine sechsundachtzig Jahre.«
Der Ahne Stimme war leise geworden. So hatte sie gütiger als sonst geklungen, da nur immer das Herrschen und das Befehlen mitschwang.
Da hatte Maren den Kopf in den Schoß der Ahne gelegt. Es war wie ein Zufluchtsuchen und Ausruhen gewesen. Und es war das erstemal, daß ein junges Menschenkind der alten Frau mit einer Zärtlichkeit nahte.
So wachte auch in der herben Greisin etwas Liebes, kaum Gekanntes auf. Scheu waren die Runzelhände über Marens weiches Haar geglitten.
»Erzähl’ mir eine Geschichte, Ahne«, bat Maren müde.
Die Ahne hatte wunderlich gelacht, wie die Alraune im Märchen. »Wollt’ ich nicht etwas von Enkelin Maren hören? Mich dünkt doch.« Aber gleich drauf willfahrte sie. Als wolle sie einen Gedanken festhalten und auf andere Weise zu ihrem Ziele gelangen.
Leise und einschläfernd erzählte die Ahne, aber es war ein Unterton darin. Ein scheues Tasten und Fragen und ein Antwortheischen ...
»Es gibt eine Zeit, da verlieren wir Gott. Jungerweis’ oder alterweis’, -- es kommt wohl über alle. Übergroße Lust oder übergroßes Leid heben ihn plötzlich hinaus aus unserm Kopf und Sinn und aus der Herzenskammer. Schließen die Tür hinter ihm zu. Wäre Gott nicht die Geduld selbst, die immer wieder anklopft, wir stünden schon längst verlassen. Da war aber einmal ein junges Weib, ein Gegenspiel von andern Frauen. Das hatte die _Welt_ verloren ... das lebte _nur_ in _Gott_. Das sah ihn in jedem Ding der Schöpfung, in Wald und Wasser, in Licht und Sonne, Feuer und Wind. Und in dem kleinen Alltag des Lebens. Die Welt und alle Menschen versanken ihm völlig. Es kamen Krankheit, Not und Trübsal, es kamen Ehre und Freuden ohne Zahl. Und das junge Weib lobte Gott in jedem Falle und spürte seine Nähe. Aber die Menschen schienen ausgelöscht aus dem Gesicht und Gedächtnis. Ein Mann sah sie und begehrte ihrer. Aber sie war wie unirdisch, weil sie nur Gott kannte und die Welt verloren hatte. Da wollte der Mann ihr suchen helfen in seiner großen Liebe. Aber er vermochte sie nicht zu lehren, und sie fand nicht die Welt und nicht die Menschen. Und der eigene Mann fürchtete sich vor ihr.
Nun ward sie gesegneten Leibes.
Und als sie geboren hatte, und das Kindlein schrie neben ihr, da ward ihr plötzlich die _Welt_ offenbar. Und als sie dem Kindlein die Mutterbrust reichte und der zarte Mund ihr Herzblut trank, da kam so unendliche _Menschenliebe_ in das Herz des Weibes, daß es unter der Fülle zu sterben vermeinte ... Und Gott hatte ein Wohlgefallen an des jungen Weibes Wandlung, denn er sagt: ›Die Liebe ist die Größeste unter ihnen.‹«
So schloß die Ahne:
»_Das Kind_ ... Enkelin Maren! _Das Kind ist des Weibes und des Lebens Erfüllung!_«
Jäh hatte Maren ausgeweint.
»So bin ich ausgestoßen von aller Erfüllung, Ahne, Und auch der Mutterhof hat sich mit mir betrogen.«
Da hatte sich die alte Frau langsam erhoben. Die Hände abwehrend ausgestreckt, stand sie steil hochgerichtet, also daß der müde Kopf der gepeinigten, jungen Frau keine Ruhestatt mehr gefunden.
»Ja, _betrogen_«, wiederholte die Greisin laut und hart. Sie war mühsam zur Tür geschritten. Dort hatte sie sich noch einmal umgedreht und voll Grimm geforscht: »War’s nur ein Rausch? Ist’s Feuer ausgebrannt? Wo blieb die himmellodernde Liebe?«
Der Stolz straffte die gebeugte Maren. »Ich sollte Euch nicht drauf antworten, aber Ihr seid die Ahne. -- Mit unserer _Liebe_ hat das Schicksal nichts zu tun ...«
»So hat wohl Gott den Mutterhof verlassen, und er soll aussterben und dahinfahren ...«
Die Tür war zugeschlagen, und Maren fand sich allein.
Dies alles überdachte Maren, da sie heute wieder eine stille Stunde in ihrem Reich gesucht und gefunden hatte.
Vor wenig Tagen erst war die Aussprache mit der Ahne gewesen. Was für Tage der Qual lagen dazwischen! Und das sollte nun so fortgehen durch eine Ewigkeit.
Sie war so jung, so schrecklich jung ... Unerträglich dünkte ihr die Zeit, die vor ihr lag.
Ein Sturm ging jetzt über sie hin. Wild und weh weinte sie in jäh ausbrechender Verzweiflung.
Heiß, bitter und ätzend waren ihre Tränen.
Und groß und gewaltig stand eine Sehnsucht in ihr auf. Die Sehnsucht nach einem Paar Kinderaugen, die sich doch nie für sie öffnen würden. Nach Kinderärmchen, die sich doch nie als süßestes Joch um ihren Hals legen würden.
Herrgott gib mir Kraft ...!
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Nach einer Stunde hatte sie sich durchgerungen.
Eine andere Maren schritt durch die Tür des Jungteils in den Mutterhof. Hoch und aufrecht mit ruhigen Augen und klarer Stirn. Aber der herbe Schmerzenszug, den Kinderlose zu eigen haben, blieb um ihren jungen Mund eingegraben. Sie hatte wohl erst sterben müssen, um recht leben zu können in lauterer, selbstloser Liebe zum Mutterhof und zu all den Menschen ringsum.
So wertete sich Maren Holgers in dieser Kampfstunde ihr Leid in Segen um. --
* * * * *
Ein paar Abende später saßen alle im Wohnpesel.
»Es ist ungutes Wetter«, sagte die Ahne und schaute nach dem Fenster, an dem der Sturm rüttelte. Ihr Spinnrad schnurrte, surrend tanzte die Spindel.
»Keinen Hund möcht man hinausjagen«, nickte Ohm Rickert.
»Sei ruhig, Finn«, rief Edlef dem Hund zu, der an der Türe lag. »Was bist du einmal unstet heute?«
»De ganze Nahmiddag wull he sick ni gewen«, meinte der Knecht. »Ik heff dat all an Fru Mudder seggt.«
»Kusch dich, Finn! ...«
Ein langgezogenes Geheul stieß der Hund aus.