Der Mutterhof: Ein Halligroman

Part 10

Chapter 103,718 wordsPublic domain

»So will ich selbst einmal nachsehen.« Edlef Holgers stand auf. Der Sturm riß ihm ungestüm die geöffnete Tür aus der Hand, und an ihm vorbei schoß der Hund mit großen Sätzen in das abendliche Dunkel hinaus.

»Hierher, Finn!« Das aufgeregte Tier kam zurück, wedelte, bellte und schoß wieder fort.

»Was mag er nur haben?« sagte eine Stimme neben Edlef, und Maren schritt fest und selbstverständlich neben ihm her.

»Nicht doch, Maren, -- das ist kein Wetter für dich.«

»Wüßt nicht, warum.« Sie fing ihr Tuch, das der Sturm entführen wollte, mit beiden Armen und wickelte sich fester drein. Edlef zuckte die Achseln. Wie toll gebärdete sich der Hund. Er zerrte an den Kleidern der beiden, sie mußten ihm weiter folgen.

Auf den Stufen der Treppe, die zur Großwarf führte, hockte eine Gestalt. Edlef leuchtete ihr ins Gesicht.

Rasch legte Maren den Arm um die Kauernde. »Du bist krank, Melenke, komm, wir bringen dich heim.«

»Heim?« Melenke lachte schrill. Dann stöhnte sie in grimmen Schmerzen. »Ja, ich bin krank. Morgen, -- morgen gehe ich wieder.«

Es war ein mühseliger Weg zurück im Sturm mit der Kranken. Auf dem Hof unter dem Birnbaum zögerte Melenke. »Ich fürchte mich vor der Ahne«, raunte sie.

»Ich nehme dich zu _mir_«, begütigte Maren.

Das Bett in der Gastkammer war bald sorglich geschichtet. Hin und her schritt Maren in ruhiger Geschäftigkeit. Melenke hockte in einem Ohrenstuhl, und Edlef war ohne Gruß und Wort zu den andern zurückgekehrt, um sie auf den Gast vorzubereiten.

»Komm,« sagte Maren liebevoll, »ich will dich auskleiden. --«

Da ließ Melenke mit wehem Lachen das große, verhüllende Tuch sinken, und Maren taumelte zurück ...

Nach einer Stunde kam Edlef. Es war heiß drüben zugegangen bei Ahne und Mutter. »Die Ahne geht uns noch zugrund,« meinte Edlef und warf sich müde in einen Stuhl, »aber sie kommen jetzt beide herüber, um Näheres über Melenkes Krankheit zu erfahren ..., was tust du da, Maren?« unterbrach er sich und sah sie befremdet an.

»Ich rüste die Wiege auf dem Mutterhof, mein armer Edlef«, sagte Maren ernst und sah den geliebten Mann aus leidvollen Augen an.

»Barmherziger Gott ... Melenke?«

»Ja, Edlef. Halte Mutter und Ahne fern. Tante Frauke sitzt drüben, sie ist mir wahre Hilfe und Stütze.« Maren legte ihre beiden Hände auf Edlefs Arm. »Bitte die Mutter, daß du heute drüben schlafen kannst.« Ein liebliches Rot stieg in ihr junges Gesicht. »Wir können dich hier so gar nicht brauchen heut nacht.«

Schrille, herzzerreißende Klagelaute tönten aus der Kammer nebenan. »Geh, -- geh, mein Edlef.«

»Herrgott!« stammelte er, -- »will denn die Schmach gar nicht enden für den Mutterhof?«

Sie sah ihn still an. Dann meinte sie: »Wie wir das Schicksal betrachten. Es kommt nur auf unsere Augen an.«

Da senkte Edlef Holgers tief das Haupt.

Am andern Morgen schritt Maren aus dem Jungteil hinüber nach dem Mutterhof. Ahne und Mutter Holgers saßen bei ihrer Brennsuppe. Ohm Rickert paffte große Wolken. Edlef schaffte schon in Hof und Stall umher.

»Es ist ein Knabe«, sagte Maren statt aller Begrüßung. Und faßte gleich darauf das klein gewordene Runzelgesicht der Ahne in ihre jungen, lebenswarmen Hände. »Nicht wieder krank werden, nicht verzagen, Ahne!«

Die Mutter war hinausgegangen.

Die Ahne hatte die Hände ineinander gekrampft. Nicht zum Beten. »Der Herrgott hat den Mutterhof verlassen«, sagte sie laut und hart.

Da tönte Marens weiche, junge Stimme: »Ich kann das nicht glauben. Wo Gott ein Kindlein hinschickt, solch Haus ist nimmer verlassen ...«

Sie wollte noch fragen: Warum femt ihr mich denn, wenn ein Kind euch doch so wenig gilt? Aber sie wollte der Greisin nicht noch weher tun.

»Seit Menschengedenken ist kein unehelich Kind auf dem Mutterhof gewesen«, hub die Ahne wieder an. »Junggaster und Haustöchter lebten allstunds untadelig Leben ...«

Sie schlug die welken Hände vor das Antlitz, die alten Augen hatten die Tränen verlernt, um so erschütternder klang ihr trockenes Schluchzen.

Nach einer Weile verstummte es, und die Ahne erhob sich mühsam. »Ohm Rickert und Enkelin Maren! Ihr werdet niemand sagen, daß ihr mich schwach gesehen habt. -- Ich danke dir, Maren, daß du die verlorene Tochter pflegst, als sei sie ehrlich. Am neunten Tage ihres Wochenbettes werde ich zu ihr gehen und sie nach dem Vater des Kindes fragen. Rüstet zu einer stillen Hochzeit. Vorher soll das Kind getauft werden. Mein Enkel Edlef wird den Namen bestimmen, weil uns die Schmach angetan worden ist, niemand von der Sippe des Kindvaters zu kennen. Und da wir keine Wehmutter hatten, so soll das Kind von unserer alten Magd zur Kirche getragen werden ohne Festkleid und ›Brokaten Holl‹[4]. Auch soll die Wöchnerin keine ›Wöffesamling‹[5] abhalten dürfen, so hart mir diese Pön ankommt, die den Mutterhof trifft wie einen Schlag. Dagegen wird meine Enkelin Melenke ganz allein den ›Un Sark gung‹[6] halten, doch soll ihr niemand Opfergeld geben. Und will der Pastor ihr Fem und Pön dabei auferlegen, so muß sie es tragen.«

[4] Erbmütze.

[5] Frauenversammlung.

[6] Kirchgang.

(Anm. d. Verf.)

Die Ahne schwieg erschöpft und Ohm Rickert war hinter seinen Rauchwolken schier verschwunden. Seine Stimme klang grollend hinter dem Nebel: »Nun wird der Soot zugedeckt, aber erst nachdem das arme, junge Blut hineingefallen ist ...«

Maren ging müde in das Jungteil des Mutterhofes zurück. Dort sah es ganz friedlich aus. Die junge Wöchnerin schlief fest nach der erschöpfenden Nacht. Auch Tanten Frauke hatte sich etwas niedergelegt. In Marens Wohnpesel stand die Wiege mit dem Neugeborenen. »Du Armes!« sagte die junge Frau zu dem kleinen Bündel in den rotgewürfelten Kissen. »So gar nicht willkommen geheißen, und doch ein Gottesgeschenk ...«

Sacht bewegte ihr Fuß die Schwengel und leise sang ihr Mund uralte Wiegenweise:

Nu will ick to Bedde gaan, Fjertein Engelkin bi mi staan. Twe bi min Höde, twe bi min Föde. Twe bi min rechte Hand; Twe bi min linke Hand, Twe, de mi decken, Twe, de mi wecken, Twe, de mi fören int himmelske Paradeis.

* * * * *

Neun Tage später klopfte es mit hartem Finger an die Schlafstube im Jungteil. Maren Holgers, die noch die letzte Hand an das Aufräumen des Pesels legte, erschrak bis ins Herz hinein. Melenke lachte geringschätzig. »Wie willst du das Leben ertragen, Maren, wenn du so’n Bangbüx bist. Als ob _du_ die Dummheit gemacht hättest und nicht ich. Ganz blaßßnuutig sühst du ut.«

»Seid ihr fertig dadrinnen?« tönte die Stimme der Ahne hinter der verschlossenen Tür. »Ich bin es nicht gewohnt zu warten.«

Wieder lachte Melenke hart. Und schob Marens stützende Hand fort und ging selbst zur Tür, die sie entriegelte. »Gö Dai, Ahne, gö Dai, Mutter, da habt ihr mich. Macht’s kurz.«

Die Ahne schaute finster auf die Enkelin, während Mutter Holgers nichts zu sehen schien als die plumpe, blumenbemalte Holzwiege mit dem Enkelkinde, das man ihr so lange vorenthalten. --

Sie hob das Kind aus den Kissen.

Alles Herbe fiel von ihr ab. Was da so winzig und hilfsbedürftig auf ihren Armen lag, war Fleisch und Blut von ihrem eigenen Selbst. Ihr erstes Enkelkind. Tausend unsichtbare Quellen sprangen in ihr auf. Wie geschah ihr? So hatte sie nie ihre eigenen Kinder geliebt, wie dieses verfemte Lebewesen, das man so gern auf dem Meeresgrunde bei Ekke Nekkepenns Weib gelassen hätte. Gleichviel, sie liebte es. Trotz der Schande, die seine Mutter über den stolzen Mutterhof gebracht. Und trotzdem man nicht seines Vaters Namen wußte. Scheu und ungeschickt küßte Mutter Holgers das kleine, rote Gesichtchen. Dann legte sie das Bündelchen sorgsam in die Wiege zurück und hielt hastig eine Milchflasche mit rotem Saugpfropfen der jungen Mutter entgegen: »Was ist das? Seit wann zieht man auf dem Mutterhof Flaschenkinder groß?«

Melenke gab keine Antwort und Maren sah wie schuldbewußt vor sich nieder.

»Antworte deiner Mutter«, gebot rauh die Ahne.

Melenke zuckte die Achseln und ließ sich in den Ohrenstuhl gleiten, denn ihre Kräfte waren noch nicht völlig wiedergekehrt. »Das Selbstnähren ist für seßhafte Leute«, sagte sie mürrisch. »Sobald ich arbeiten kann, gehe ich wieder nach Hamburg. Da muß das Kind ohnehin die Flasche bekommen ..., eine Freundin von mir will’s aufziehen ...«

Maren sah in ungläubigem, schreckhaftem Staunen auf die Schwägerin. Die Ahne winkte ihr. »Laß uns allein, Maren.« Da erhob sich rasch auch Mutter Holgers und ergriff mit Maren zusammen die Holzwiege und trug sie mit ihr hinüber in den Wohnpesel.

»Melenke ...« sagte heiser die Ahne. »Wer sein Kind nicht an die Brust nimmt und mit eigenem Herzblut nährt, der ist schlecht. Und eine Sünde ist’s wider Natur und Gottsgebot. Lieber wollt’ ich, ich wär’ vorher taub geworden, damit ich solche Red’, wie deine vorhin, nicht verstanden hätte -- -- Bist du denn auch eine _Mutter_?«

»Leider Gotts, ja.«

»Versündige dich nicht! Mutterschaft ist heilig. Du bleibst bei deinem Kind. Der Hof trägt’s. Jetzt gibst du erst einmal dir selbst einen Beschützer, deinem Kind den Vater. Dein Bruder Edlef wird den Mann dann empfangen, und soll kein unrechtes Wort weiter fallen über deinen Fehltritt. Büßt es gemeinsam ab, und bringt euch selbst wieder zu Ehren ...«

»Ich weiß nicht, was die Ahne will ...« sagte Melenke unbehaglich.

»Glaub’s schon, daß du schwerere Strafe erwartet hattest, als das Ja und Amen deiner Sippe.« Wieder zuckte der Ahne Blick scharf nach dem Mädchen hin. »Wir tun’s auch nicht um deinetwillen, sondern um Mutterhofs Ehre und Ansehen.«

Melenke schwieg.

Die Ahne erhob sich. »So schreib jetzt das Nötige auf, der Edlef wird den Brief selbst nach Hamburg bringen. Dank es recht deinem ältesten Bruder, es ist ein schwerer Weg. --«

»Ich verlang ihn nicht von ihm.«

»Melenke!!!«

Düster brannten die Augen des Mädchens in dem blassen Gesicht: »Laßt mich wieder nach Hamburg!« stieß sie hervor.

»_Nein!_ Hierher soll der Mann kommen und dich und sein Kind holen. Ich _will’s_. Und ich rede im Namen der Sippe, der toten wie der lebendigen. Kann der Schuldige euch beide ernähren, so folgt ihr ihm nach Hamburg. Kann er’s nicht, so wird euch dreien der Mutterhof das Brot geben ... den _Namen_ will ich, Melenke!!! ...«

Tiefes Schweigen.

»Mußt du dich seiner schämen?« fragte leise die Ahne. »Warst du so von Gott verlassen? Melenke hör’ zu! Hab’ keine Furcht! Vielleicht denkst du, die Sippe wird herabschauen auf ihn ... Melenke, _ich_, die Ahne, werd’s nicht leiden. Hörst du mich? Sieh mich an. Sie _sollen_ ihn und dich achten ich, ich -- die Ahne, befehl es ihnen. Nur mach’ dich ehrlich! Den Namen -- Melenke, sprich den Namen!«

Die dürren, runzligen Hände streckten sich flehend der Jungen entgegen, heiser und schrill, wie zerbrochen klang die Stimme der Ahne. Fliegende Hitze jagte über Melenkes Gesicht. Sie wollte die alte Hand fortschütteln, die sich um ihren Arm krampfte.

»Laß mich, Ahne ...«

»_Den Namen ... Melenke!_«

Mit einem Ruck riß sich das Mädchen los und sprang auf. »Ich weiß ihn nicht!«

Da veränderte sich jäh das Antlitz der Ahne, und Melenke schrie laut auf vor Angst, als sie in die verfallenen Züge sah.

»Du weißt ihn nicht???«

»_Nein_!!! Hab’ ihn nie gewußt ... War nicht neugierig in jener lustigen Stunde ... _Das Lachen wollt ich lernen, das man mir im Mutterhof verbot_ ...«

Da ächzte die Greisin auf. Ganz still war es dann im Pesel. Minuten verrannen. Tief lag das weiße Haupt gebeugt auf den krampfhaft verschlungenen Händen. Dann wieder das schwere Ächzen ... und wieder, und wieder ...

Vor Melenkes Augen tanzte die Stube. Sie griff nach dem Wasserkrug auf dem Tische und trank daraus. Einen scheuen Blick warf sie auf das zusammengekrümmte Etwas am Tisch, dann kroch sie fröstelnd ins Bett. --

Als Maren etwas später an die Kammertür pochte, wurde ihr keine Antwort. Sie legte das Ohr an die Tür, sie hörte rufen und lachen ...

Da schritt sie befremdet herein.

Und fand ein totkrankes junges Weib, das rang mit dem Fieber und lachte ... lachte ...

Und fand eine Tote mit tiefgeneigtem Haupt über den gefalteten Händen.

* * * * *

_Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens._

Der verkrüppelte Baum am Schulgarten ächzt im Sturm.

Und als tue es ihm selbst weh, daß er ihn so zausen muß, so klagt er zu seinem Stöhnen.

Gut stimmt die trübe Melodei zu meinem eigenen Empfinden. Irgendwo in Herzenstiefen schlummert die Frohnatur von Manne Wögens, aber niemand weckt sie auf.

Nicht einmal die Schulkinder, diese täglichen, hellen Mahner: »Und abermals freuet euch!«

Wie ist die Lücke so unnatürlich weit und groß, welche der Heimgang der Ahne in mein Leben gerissen.

Kaum um ein junges Weib, das mir Herz und alle Sinne füllte, könnte ich so trauern, wie um die fast Neunzigjährige.

Ohm Rickert sagt: »Wie die Hühner ohne Kopf torkeln wir umher.«

Dabei war er der allzeit Unbotmäßige, der sich einweg mit der Ahne gestritten hat. Und er setzt verdrossen hinzu: »Es ist auch gut, daß ich keinen Kopf mehr habe, denn es ist nüms da, der ihn waschen könnte.«

Die Kopfwäsche fehlt _mir_ nicht, denn die Ahne war trotz ihres überragenden Alters von einer rührenden Ehrerbietung gegen mich. Aber ihr scharfer Spott geht mir ab, ihr schlagender Witz, ihr trockener Humor, ihre gute, kräftige Sprache. Die Hallig ist verwaist, ihre Mutter ist heimgegangen. Und ich, der ich meinte, die Ahne am besten zu kennen, war auch nur ein Stümper in der Seelenkunde. Glaubte allstunds, die alte, herbe Frau habe den _Stolz_ an die oberste Stelle gesetzt ...

Und es ist doch die _Liebe_ gewesen. Wunderliche, verleugnete Liebe. Aber doch »die Größeste«. --

Edlef hat mir erzählt, was man erlauscht.

Wilde, wehe Rufe und Bitten: »_Den Namen! Sprich den Namen! Melenke._«

Und da die Ahne gewahrte, daß ihr bluteigen Enkelkind aus schnöder, gacher Lust gefehlt, und keine sühnende Liebe herbeizurufen war, da hat diese Erkenntnis das alte, stolze Herz gebrochen. -- Gott schenke ihr fröhliche Urständ!

Ahne, liebe Ahne, der junge Schulmeister trauert bitter um dich. -- -- --

Als wir sie auf dem Gottesacker betten wollten, fragte Pastor Licht nach letztwilligen Verfügungen.

Die schienen zu fehlen, aber dann fanden wir eine Eintragung im »Zeitbuch« der Ahne.

Sie ist an jenem Abend geschrieben, da Melenke Holgers die Schande auf den Mutterhof brachte.

»... _und so bitte ich inständig den Pastoren mir wieder die Hand zu reichen. Und wann mein letztes Stündlein sollt kommen, so will ich in Frieden und Demut neben Peder Claußen ruhen_ ...«

Als Pastor Licht das gelesen, sind ihm die hellen Tränen aus den Augen geronnen, und er hat sich ihrer nicht geschämt. Ja, die Ahne, die Ahne ...

Mein alter, wunderlicher Knecht erzählte mir, daß er den schwarzen »Sterbevogel« mit dem weißen Kranz um den Hals hätte fliegen sehen. Erst um den Glockenturm herum, dann dem Mutterhof entgegen ... Darauf sei die Kunde von dem Ableben der Ahne gekommen. Halligaberglauben. Man möchte gern daran rütteln, aber man muß fein Obacht geben, daß kein gutes Vertrauen dabei abbröckelt. Eine zweite Verfügung hinterließ noch die Ahne: »Bringt mich nach altem Halligbrauch unter die Erde, aber die ›Sörgewüffe‹[7] lasset fort, auf daß die Parentation nicht gestöret werde.«

[7] Klageweiber.

Vier alte Halligfrauen haben der lieben Toten die üblichen schwarzen Trauerkleider angelegt, haben sie im Pesel auf den Tisch gebettet, auf welchem mit einer Decke belegtes Stroh geschichtet war. -- Dort ruhte die Greisin bis zur Sarglegung. Fürsorgliche Ahne! Du hattest dein letztes Bettlein schon seit zehn Jahren auf dem Boden stehen ...

Treulich haben wir an jedem Tage, da die Leiche noch über der Erde stand, eine halbe Stunde die Totenglocke geläutet und am Beerdigungstage mit dreimaligem viertelstündigem Läuten die Totenklage beendet. Mit Edlef Holgers zusammen hielt ich die Leichenwacht. Zwei brennende Kerzen warfen ihr stilles Licht über die Schläferin. Am dritten Tage banden wir den Sarg mit starken Kabeltauen an zwei langen Stöcken fest. Breiteten das weiße Leichentuch über ihn und trugen ihn fort.

Vor jeder Warf ließ ich die Schulkinder eine Strophe singen, es hallte ernst und schön über die stille Hallig hin. Auf dem Gottesacker wurde der Sarg von den Stöcken gelöst und auf die Bahre gesetzt. Dann trugen wir ihn ein paarmal um die Kirche herum.

Gute Ahne, du warst es uns wert, daß wir die uralten Gebräuche heilig hielten.

Jetzt ruht schon unter Glas und Rahmen ein Spruch auf dem Grabe, das ich mit eigener Hand dicht mit Muscheln belegte und mit Bonnestave besteckte. Den Spruch tragen alle Müttergräber des Mutterhofes von Urbeginn:

»Weiber, so da Kinder zeugen Und dabei im Glauben stehn, Die hat Jesus ihm zu eigen Selbsten ewig ausersehn. Dies lindert mir mein Schmerz. Ruh weyland sehr geliebtes Herz! --«

Als wir den Sarg in seine letzte Stätte hinabließen, raunte mir mein alter Knecht zu: »Dat is noch ni to Enn, dor kümmt noch wat nah.« Und er zeigte auf die Seile, die sich untereinander »verkrüngelt und vertüdert« hatten.

Unwillig wies ich ihn ab.

Aber auch dieser Halligaberglauben wird sich nicht ausrotten lassen, sondern sich forterben von Geschlecht zu Geschlecht.

Und jeder der älteren Halligleute ist fest davon überzeugt, daß die »verkrüngelten und vertüderten« Sargseile den Tod der jungen Melenke vorhergesagt haben ...

Nach der Beisetzung der Ahne schritten wir erst alle ins Gotteshaus, um die Wachskerze für die Heimgegangene auf den Altar zu stiften. Dort soll sie am Geburtstage und zu hohen kirchlichen Festen ihr zum Gedenken angezündet werden. Als wir zum schlichten Totenmahl in den Mutterhof gingen, hörten wir durch die geschlossenen Fenster hindurch das laute, fieberirre Reden und Klagen der totkranken Melenke. Nur flüchtig sah ich Schwester Maren. Die hatte Tag und Nacht bei der Kranken gewacht, wie wir bei der Toten. Aber ich erschrak doch vor dem Schmerzenszug in ihrem Gesicht ...

Schwager Edlef Holgers, wann wirst du deinem jungen Weibe die Dornenkrone wieder abnehmen? Willst du mit Gott rechten? Ist dir der Reichtum nicht genug, der im Herzen eines reinen Weibes ruht? Schwer hast du mich enttäuscht, den ich meinen liebsten Freund nannte. Vergiß nicht, daß du geschworen hast, Edlef Holgers! Du hast vor Zeugen gerufen: »Ich will sie glücklich machen, so wahr mir Gott helfe!«

* * * * *

Neben die Großmutter betteten wir die Enkelin.

Zwei Eisenköpfe will der Tod zu Staub werden lassen.

Der dritte Eisenkopf, die Nomine, ließ sich nicht blicken. Dessen Hirn trieb just Blütlein zur Freude der Examinatoren.

Nomine Holgers hat am Begräbnistage der Ahne ihr Doktorexamen bestanden.

Sie promovierte in Kiel und überließ es uns, die treue Ahne, diese Wertvollste der ganzen Holgerssippe, einzubetten. Die Doktorandin sah sich »endlich« hinauswachsen aus dem »Milieu der Subalternen«. Und darüber ist ihr die arme Hallig versunken mitsamt der Ahne und der jungen, verirrten Schwester Maria Magdalena. --

Das Telegramm, aus dem das Glück buchstäblich hervorlachte: »Hurra, bestanden! ~Summa cum laude~«, schickte mir Edlef durch meinen Schüler Onnen. Da liegt es noch vor mir auf dem Schreibtisch. --

»Willst du deine Schwester nicht wissen lassen, was sich hier alles ereignet hat?« fragte ich Edlef. »Es stirbt nicht alle Tage ein Edelmensch.«

»Nein«, entgegnete er finster. »Die Nomine will jetzt eine fröhliche Rhein- und Moselfahrt machen, da braucht sie leichtes Gepäck. Sollen wir sie unnütz mit der Hallig beschweren und mit unserer düsteren Traurigkeit?«

Ich wollte sagen: »Alle Rhein- und Moselfahrten wiegen nicht das Glück auf, von einer Frau abzustammen, wie es Ahne Gesine Holgers war«, aber ich wandte mich wortlos.

Mit Edlef Holgers ist jetzt nicht zu rechten und zu streiten, ja nicht einmal zu reden. Dem hat eine unsichtbare Faust all die jungen Baumkronen mit den Blütenzweigen zerschlagen. Nun muß er sich erst wieder zurechtfinden. Muß die bittere Enttäuschung unter die Füße zwingen. -- Ihm ist noch nichts Ernstes verquer gegangen. Nun hadert er mit dem Schicksal um einen Stammhalter. -- Und hat doch in seinem Bruder Onnen den prächtigsten, vorbildlichen Erben. Vielleicht, daß sich von den übriggebliebenen Baumstämmen noch ein warmes, leuchtendes Feuer anzünden ließe für den Winter seines Lebens ...

Marenschwester, ich vertraue auf dich. Du wirst den Herd seines Hauses nicht erkalten lassen ...

Eigentlich müßte es jetzt recht trübsinnig zugehen im Mutterhof. Nach all dem Erleben und all dem Ersterben. --

Aber dem ist nicht so.

Da war ein Morgen nach den beiden düsteren Begräbnissen, da stand sein junges, blasses Weib schier fröhlich vor Edlef Holgers und sagte: »Mich dünkt, Lütt-Krischan bleibt am besten auf dem Mutterhof, ich will ihn wohl großziehen.«

»Den Bankert?« hatte Edlef feindlich gefragt.

Und wieder die Maren: »Da sei Gott vor, daß wir Melenkes Sohn einen solchen Übelnamen geben. Ist er auch vaterlos, so hat er dafür euern Namen bekommen, ist also nun ein Holgers.«

Dies Gespräch hat mir Ohm Rickert erzählt. Edlef hat nichts gegen Marens Vorschlag gesagt. Recht ist es ihm wohl nur der Leute wegen, vor denen er nicht des Hauses unsaubere Wäsche waschen möchte. Aber meine Marenschwester blüht auf seitdem.

Und zwei alte Frauen werden noch einmal jung und unbitter. Mutter Holgers stiehlt sich in jeder freien Minute zum Enkelkind und ist also, runzellos und glückhaft, kaum wieder zu erkennen. Und Tanten Frauke fallen plötzlich alte, friesische Wiegenlieder ein. Die sie _selbst_ nie singen durfte, singt sie nun Marens Pflegekind:

»Slaape, min Börn, ick wage di wat; Wiarst man irst grotter, dan schluan ick di wat. Aber dö best nog soll’ to jung Dö möst nog en Jir waged wese.«

Jeden Tag erzählten mir Onnen und Karen von Lütt-Krischan. Wie er kräht und schreit und schläft und wieder schreit und recht das Regiment führt im großen Gewese. Und komme ich hin, dann laufen mir alle entgegen und ziehen mich zur Wiege, da muß ich von zwei eifrigen alten Frauen hören, welch ein Wunderkind Jung-Krischan ist, und Onnen und Karen zeigen mir, was er Neues kann. Maren berichtet stolz, wieviel er gewachsen, und was er wiegt und sieht in ihrer mädchenhaften Mütterlichkeit sehr lieblich aus. --

Der Herr des Mutterhofes merkt freilich nichts von dieser Lieblichkeit. Seine Stirn ist immer so tief gefurcht, wenn er in die Wiegenatmosphäre tritt, daß sich das Bild jäh verändert. Man trägt Lütt-Krischan rasch in die leere Döntje der Ahne, und die Frauen nehmen ihr Spinnrad oder das Klöppelkissen zur Hand, wenn sie nicht überhaupt vorziehen, in ihr Eigenheim zu enteilen. Und in Marens Antlitz tritt wieder der Leidenszug, dem sich neuerdings eine kleine, feste Falte zugesellt, die ungefähr sagt: »Ich _will_!«

Am Hochzeitstage meiner Schwester Maren war ich es wohl allein, der verstand, was für einen Spruch Ohm Rickert der Braut mitgab: »Man kann die Stube nur vom Sofaplatz aus beherrschen ...«

Ich glaube nicht, daß meine Marenschwester sich freiwillig je wieder auf einen Stuhl setzt.

* * * * *

Über die Hallig tobte der Sturm aus Südwest.

»Dat duert mi all to lang«, meinte Ohm Rickert und schaute bedenklich drein, und trat ans Fenster und sah nach den jagenden Wolken und nach der wilden See. Onnen Holgers stand neben ihm. »Süh, min Jung,« belehrte ihn Ohm Rickert, »dor kümmt een durch den engelschen Kanal in de Nordsee. De Atlantische Ozean will uns en beten besäuken. Paß up. Allstunds nimmt de Storm noch to, trotzdem wi Ebbe hebbt, dat’s ’n slechtes Teken.«

»Meinst du, daß wir eine richtige Sturmflut kriegen?« fragte Onnen gespannt und machte ganz erwartungsvolle Augen. Der Ohm deckte sie ihm mit seiner großen Hand zu.