Der Mutterhof: Ein Halligroman

Part 11

Chapter 113,757 wordsPublic domain

»Jung, lösch die Lichters. Dat is nix to lachen. Das braucht nich grod Sturmflut to werden, Gott schall uns bewohrn. Dann müßt all dreierlei tosamen kamen: Sturmstärke neun, und dann vierundzwanzig Stunn mit den ›Syzygien‹ tosamen. Und dann, min Jung, mut de Wind vör de Springflut umspringen nah Nordwest. Und wenn denn bei Hohlebbe de Hallig noch unner Water steiht, un de Storm nich aufflaut, sondern so bi bliwwt, -- min Jung, dann fallt dien Hart eklig in de Büx.«

»Seid ihr bang, Ohm Rickert?« fragte Maren geruhig vom Sofa her.

»Bang bün ik all min Lebtag nich west,« wehrte Ohm Rickert, »aber aus Südwest kommt nix Guts zur Hallig. Dat wir gut, wenn wi de Gesangbäuker hernehmen.«

Onnen sprang zum Tisch und holte aus dem »Schapp« die Bücher. Maren ließ das Wiegenband los und faltete die Hände. Ohm Rickert stimmte als Ältester erst einmal sein eigen Lied an und rief es zum Fenster hinaus. »Christ Kyrie, komm zu uns auf der See.« Und nachdem er es dreimal gesungen, fielen die Frauen mit klangvollen Stimmen ein. Maren sang allen voran und ihr zartes Gesicht leuchtete in aller Glaubenskraft:

»Mächtig hast du abgewehret Schaden, Unfall und Gefahr, Und das Gut steht unversehret, Und gesegnet war das Jahr.«

»Christ Kyrie, komm zu uns auf der See«, schloß Ohm Rickert mit eindringlichem Ruf die kurze Andacht. --

Sacht schaukelte wieder die Wiege.

Ein erneuter Sturmprall stieß die Tür auf. Jemand flog mit herein und setzte sich verpustend auf den Stuhl, der neben der Tür stand. Der ganze Mann triefte vor Nässe und Onnen sprang zu, und nahm ihm den Mantel und die Mütze ab, um sie auf der Diele vor das offene Feuer zu hängen.

Maren lachte ein wenig.

»Muß erst der Südwest euch auf den Mutterhof blasen, Nachbar Luersen? Wir haben uns Wochen nicht gesehen oder gar Monate?«

Der Angeredete schaute stumm vor sich hin, ganz zusammengeduckt saß er da.

»Mich dünkt,« meinte Ohm Rickert, »da hat noch jemand dem Sturm nachgeholfen. Erstmal aber brau ich ’n lütten Teepunsch, der wird dann das Nötige aus Nachbar Luersen rausholen.«

Dieser wehrte müde mit der Hand. »Dein Heilmittel hat zwei Seiten, ich hab’ sie schon allbeid ausprobiert ...«

»So will ich dir _die_ Seite brauen, die heut für dich gut ist, arm Stackel.«

Als Ohm Rickert nach einer guten Viertelstunde wieder hereinkam, fand er genau dasselbe Bild. Die wiegende Maren, die beiden klöppelnden alten Frauen, die Kinder über ihren Schularbeiten, und den Besuch noch immer zusammengeduckt auf dem Stuhl an der Tür. Eine kleine Wasserlache stand um ihn herum.

Ohm Rickert klopfte ihm auf die Schulter. »Da hängt man wohl am besten den ganzen Kerl vors Feuer«, lachte er gemütlich. »Un dor is de Teepunsch. Dat’s _min_ Rezept. Wasser hab sich nich viel drin, das hast du all nog mitbrächt. Trink, Nahbar Luersen, un vertell din Sorgens.«

Mit beiden Händen umfing der Verklamte das heiße Glas. Ein wohliges Schauern ging durch ihn hin. Aber er sprach nichts, bis er die Hälfte des Inhaltes mit dem Löffel ausgeschöpft und den abgekühlten Rest mit einem einzigen, gierigen Schluck hinuntergegossen hatte.

»Wenn die Kinder hinausgehen könnten ...«

Gleich nahm Onnen die Schwester bei der Hand, und wenige Minuten später standen sie schon beide, von einem dicken Umschlagetuch umwickelt, vor der Haustür. Tüchtig mußten sie sich anstemmen, um nicht umgerissen zu werden, und mit hellem, freudigen Aufkreischen beobachteten sie, wie das Wasser herankam. An der Halligkante tobte schon die Brandung, die alle Rinnsale schnell füllte und zuerst Schaumtropfen, dann aber Riesenwellen über die Insel hinjagte.

Drinnen nahm Vadder Luersen mit raschem Griff seinen Stuhl und schob ihn an den runden Tisch.

»Warm und still und satt ist’s bei Euch, Maren Holgers«, sagte er aufatmend.

Sie wartete, ob noch etwas nachkäme, aber der Gast hatte sich niedergesetzt und brütete vor sich hin. Da fragte sie lächelnd: »Kamt Ihr bei dem wilden Wetter von der Schulwarf, um mir das zu sagen?«

»Freilich nicht. Frauenrat wollt’ ich hören. Ich dacht: ›Mutter Holgers ist erfahren, Frauke Holgers ist besinnlich, und Maren Holgers ist rasch und zupackend, obendrein voll Liebe für alle Halligkranken‹ ...«

»So? Meint Ihr das?« fragte Maren, und ein froher Schein flog über ihr Gesicht. »Und wobei dürfen wir raten?«

Es wurde ihm schwer zu antworten. --

»Uns’ Akke ist heut mittag mit einem lütten ›Sokkerpöös‹ angereist gekommen. Von ihrem Mann will sie weg. -- Nichts da, hab ich gesagt, du gehst zu ihm zurück. Das wird sie denn auch getan haben ... Sie nahm die Richtung nach der Postfähre. So ein Dickkopf. Ein lütt büschen hätt’ sie ja gut warten können ... Sie ist _nicht_ hier?« fragte er plötzlich dringlich.

»Wie sollte sie hierherkommen?« Maren schoß das Blut ins Gesicht. Und Mutter Holgers setzte finster hinzu: »Eure Akke hat den Mutterhof noch nicht wieder betreten -- seit damals ...«

»Weiß schon, weiß schon«, nickte Vadder Luersen, »und ich will nun wieder gehen.«

Tanten Frauke hob den Kopf. »Und unser Frauenrat?«

Er erhob sich schwerfällig. »Der ist nun nicht mehr vonnöten. Ich hatt’ eben gemeint, -- die Akke _müßt_ hier sein.«

»Ihr sagt uns nicht alles«, rief Maren rasch. »Ihr habt Eure Tochter und den Säugling bei diesem Wetter von Euerm Haus verjagt? Ist’s so?«

Vadder Luersen reckte sich. »Arm ist unser Haus und bis obenhin voll Schulden und unnützer Fresser, aber doch zu schade für ein weggelaufenes Weib ...«

Das angstvoll forschende Gesicht des Vaters strafte aber die herben Worte Lügen.

»Warum habt Ihr unsern Rat nicht früher geholt?« fragte Maren mit blitzenden Augen. »Die Akke gehört in _Euer_ Haus.«

»Ja, früher einmal.«

»Das Recht verlischt nicht. _Ihr_ habt sie verheuert. Mit Euerm Willen hat sie den Hamburger genommen.«

»Und mit ihrem eigenen. Das könnt mir fehlen, daß ich zu meinem bannig vielen Kinnerwarks auch noch Enkel sollt aufnehmen ...«

»Beinahe möcht’ ich sagen: Schämt Euch, Nachbar Luersen!« rief Maren. »Aber Ihr seid verbittert. Deshalb leg’ ich nichts auf die Goldwage ... Inwendig bei Euch sieht’s ganz anders aus. Ich habs immer gefühlt, daß die Akke Euer Spiegel ist.«

Vadder Luersen stöhnte auf. »Dat is ja nur, dat mi dat min Akke andeiht. Mien eigen lütte, söte Deern! Es ist die Schande. Daheim die jammernde Olsch’, -- und in Hamburg der fremde Schwiegersohn ... ›Halligpack‹ hat er ihr nachgerufen ... Das Wort frißt einen Friesen auf. ›Halligpack!‹«

»Das Wort fällt von uns ab«, sagte Maren ruhig. »Und den, der’s aussprach, trifft es. Nehmt’s nicht wieder in den Mund, Vadder Luersen. Was soll der Hamburger Schmutz auf unserer reinen Insel?«

Der Gebeugte richtete sich auf und sah die Sprecherin unverwandt an. »Von Euch, Maren Holgers, geht niemand ungetröstet fort.«

Maren errötete, denn sie fühlte, wie auch die anderen sie eigen anstarrten, als sähen sie die Hausgenossin zum erstenmal. --

Draußen polterten die Kinder, schrien und riefen.

Vadder Luersen öffnete die Tür. »Jesus, -- komme ich denn da noch heim???«

Ein jäher Sturmstoß gab ihm Antwort. Beide Kinder fielen zu Boden, Onnen raffte sich wieder auf und sprang auf die Diele, die schreiende Karen nahm Vadder Luersen mit raschem Griff und hob sie über die Schwelle. -- Wilder Aufruhr ringsum. Im Tief überschlugen sich die Wellen, Brandung und Gischt tosten und sprühten, nur der Halligsee war der einzige »ruhende Pol«.

Maren brachte Mantel und Mütze. »Macht fix zu, Vadder Luersen«, drängte sie. »Solang die Leeseite noch ruhig ist, kommt Ihr heim. Grüßt Mutter Luersen. Laßt Eure Sorgen auf unserer Diele ...«

»Habt Dank!« Der Wind verschlang die Worte.

Einen Augenblick verweilten die Bewohner des Mutterhofes noch in der offenen Tür, um all das Gewaltige in sich aufzunehmen. Die jäh veränderte, sonst so stille Insel, die grauen Wassermassen, die zerrissenen Wolken am Himmel mit dem glutroten Sonnenball, und die Schwärme der schutzsuchenden Vögel, die angstvoll um das Haus flatterten oder sich im Hof und Garten zutunlich niedergelassen hatten.

Mit scharfen Augen spähte Maren umher, dann entdeckte sie das, was sie suchte. Edlef Holgers trieb das weidende Vieh vor sich her.

»Rühr dich, Onnen,« rief Maren dem jungen Schwager zu, »riegele die Ställe und Hocken auf ...«

Dann kämpfte sie sich durch den steifen Südwest dem Gatten entgegen.

»Schweres Wetter!« sagte er, als sie dicht vor ihm stand. Weiter nichts. Maren biß die Zähne zusammen. Edlef war drei Tage in Pellworm gewesen, heiß hatte sie sich nach ihm gebangt. Aber ihrer beherrschten Ruhe merkte man davon nichts an. »Du bist wohlauf?« fragte sie.

»Und du?« forschte er dagegen.

»Der Mutterhof steht.« --

Da pfiff Edlef dem Hunde Finn, der Miene machte, sich mit der herannahenden Flut zu necken und zu zerren.

Als sie am Jungteil vorbeikamen, hörten sie Lütt-Krischan jämmerlich schreien. Unschlüssig stand Maren eine Weile ...

Die Pflicht kämpfte mit dem Verlangen, beim Manne zu bleiben.

»Kannst du mich entbehren, Edlef?« fragte sie hastig.

»Allstunds.«

Da ging sie sehr blaß ins Haus hinein.

Drinnen bastelte und nagelte Ohm Rickert, er hatte an allen Fenstern des großen Geweses die Laden vorgelegt und nur die nach der Seeseite offen gelassen, damit man einen Ausblick habe. Tanten Frauke hatte die Kinder zu sich herübergenommen und erzählte ihnen Geschichten, Mutter Holgers trug das heftig schreiende Kind ohne Erfolg in der Stube umher.

»Ich glaub beinahe, die Frau Mutter verwöhnt das Lütte zu sehr«, meinte Maren ruhig. »Vorhin hat’s erst getrunken, es müßte jetzt schlafen ...«

»Wie kann’s schlafen?« fragte Mutter Holgers ärgerlich. »Bei Sturmflut setzt sich Ekke Nekkepenn und sein Volk auf die Kinderbetten und Wiegen, um zu ängstigen. Fühl nur, ganz kalt ist das Kind.«

»Weil der Südwest durch die Hausfugen weht, Frau Mutter. In der warmen Wiege ist er am besten aufgehoben.«

»Du mußt es ja wissen,« rief Mutter Holgers scharf. »Ich hab ja nur zwölf Kinder großgezogen ...«

Maren trat zur Schwiegermutter. »Das vergesse ich nie, und ich wollt’ dich nicht kränken,« sagte sie freundlich.

Da legte Mutter Holgers das Kind in die Wiege zurück, deckte es warm zu und ging hinaus.

Ohm Rickert, der noch das letzte Fenster nagelte, rief über die Schulter: »Du könntest jeden Tag zu Hagenbeck, Maren, min Deern, als Löwenbändiger.«

»So schlimm ist es nicht, Ohm Rickert. Mir ist nur aller Streit verhaßt.«

»Mir nicht«, meinte der Alte. »Büschen Zank frischt die Lebensgeister auf. Ich wollt ›ks, ks‹ rufen, aber da fingst du schon an zu bändigen.«

Maren lächelte matt. »Ihr müßt immer Euren Schnack haben, Ohm Rickert. Aber bleibt nur dabei, Ihr habt mir schon manchmal damit geholfen.«

»Ich _dir_? Nichte Maren? Mich dünkt, du hilfst dem ganzen Mutterhof auf. Seit du hierher geheiratet hast, habe ich Tanten Frauke schon dreimal lachen hören. Mutter Holgers ist überhaupt allmeindag nich wiederzuerkennen, und mich selbst hast du so hibbelich und allerte gemacht, daß ich sogar noch Stine Hinrichsen heiraten könnte.«

»Ach nein, Ohm Rickert, tut das nicht,« bat Maren mit liebem Lächeln und ernsten Augen. »Ihr müßt bei mir bleiben, ich brauche Euch wie’s liebe Brot ...«

»Tust du das? Tust du das?« fragte der Alte mit freudiger Hast, und die hellen Tränen schossen ihm in die Augen. »Nichte Maren braucht mich! Ach du! Ein Altenteiler gehört zu den fünften Rädern. Aber wenn du sagst, ich bin dir was nütze ...«

»Liegt Euch daran so viel?«

»Ob mir dran liegt! Nichte Maren, die Leute denken immer, mein loses Maul wär’ ein Zeichen von Herrschaft hier im Mutterhof. Denkt nich dran. Notwehr ist’s. Für die Ahne und all die übrigen hier war ich immer der Garniemand. Mehr und öfter als zum Finn haben sie zu _mir_ ›kusch dich‹ gesagt. Und erst als _du_ auf den Hof kamst, Nichte Maren, da hat man dir’s nachgemacht und allmählich auch Respekt vor _mir_ bekommen.«

»Ihr tut mir zu viel Ehr’ an, Ohm Rickert,« wehrte Maren. »Den Umschwung hat das _Kind_ gebracht. -- Der Mutterhof _braucht_ Kinder, Kinder sind Sonne.«

Ohm Rickert sah scharf nach ihr hin.

»Nichte Maren, darf ich dich einmal etwas Ernstes fragen? Der Edlef ...?«

Sie schaute ihn an. In Leid wie versteint waren ihre Augen.

»Nein, Ihr dürft nicht fragen, Ohm Rickert«, sagte sie abweisend und ging nach der Diele. Sie suchte Edlef. Konnte aber nur Mutter Holgers am Herd schaffen sehen, die das Abendbrot richtete.

Durch die Futterkammer schritt Maren zu den Ställen. Alle waren geschlossen, aber gerade als sie den zweiten Eingang vom Hof aus suchen wollte, wurde ein Riegel zurückgeschoben, und Edlef Holgers trat, sich tief bückend, durch die niedere Tür.

Vielleicht war ihm deshalb das Blut so heiß ins Gesicht gestiegen, und nur die Lippen jäh erblaßt. --

Er lachte kurz auf. »Wir haben Besuch, Maren.«

Er deutete nach rückwärts, und Maren meinte einen Augenblick, das Herz müsse ihr stillstehen.

»Akke ...« stammelte sie.

Tief mußte sich auch die große, stattliche Frau bücken, als sie aus der Stalltür trat. Und auch sie war heiß und rot und verlegen. In ihrem Arm lag ein Bündel, aus dem schwache, gnarrende Laute drangen.

»Du siehst, Edlef, deiner Frau verschlägt’s den Atem«, spottete Akke. »Und du wirst deine freundliche Einladung rückgängig machen müssen.«

»Ich bin der Herr auf dem Mutterhof«, sagte Edlef finster.

»Dasselbe mein’ ich auch«, fiel Maren schier gelassen ein. »Und wen Edlef auf den Mutterhof führt, der ist auch mir willkommen.«

Da senkte die Fremde den Kopf.

»Es ist nicht für lange«, sagte sie unsicher.

»Das steht im Belieben.«

Maren schritt den beiden voraus nach der Diele zurück. Unheimlich heulte der Sturm. Der Knecht stand triefnaß am offenen Feuer. »Herr Vater, das Wasser hat den Zaun umgelegt,« meldete er an Edlef.

»Ist’s schon so weit?«

Edlef öffnete die Tür zum Wohnpesel. Der Tisch stand einladend gedeckt, Tanten Frauke und die Kinder lehnten am Fenster, und sahen auf die tobenden Wassermassen.

Nun musterten alle befremdet die Neuangekommene.

»Mich dünkt, die Haustür ist immer noch _vorn_ am Mutterhof,« bemerkte Ohm Rickert scharf. Er trat dicht an Edlef heran, der sich in einer Ecke zu schaffen machte. Und fragte zornig mit verhaltener Stimme: »Bist du verrückt geworden?«

»Sieh nach deinen Worten,« brauste Edlef auf.

Da faßte Maren Holgers Akkes Hand. »Frau Akke Bahn, geb. Luersen, bittet den Mutterhof um Unterstand auf einige Zeit für sich und ihr Kind.«

Mit ruhiger Würde nahm sie das eingeschlafene Kleine aus dem Arm der Mutter und legte es in die breite, schaukelnde Mutterhofwiege neben Lütt-Krischan.

»Nun wollen wir essen und beten,« gebot Maren.

»Christ Kyrie komm zu uns auf der See«, rief laut der Knecht. Denn der Sturm rüttelte gewaltig an den Mauern des Hauses.

Dann falteten alle die Hände und laut, schier trotzig klang Edlef Holgers’ Stimme:

Herr, gebiete dem Sturm, Herr, bewahr Haus und Turm, Herr, laß uns nicht leiden Durch Zwietracht und Streiten. Gesegne uns Gott Unser tägliches Brot Und laß uns halten hoch und wert Unsers heiligen Hauses Herd. Amen.

Die Magd brachte die Suppe herein. Gesprochen wurde nicht viel. Edlef Holgers gab den Hausgenossen einige knappe Anweisungen für die kommenden Stunden, und Tanten Frauke sprach leise mit der unruhigen Karen, die auf viele Mutmaßungen eingehende Antwort heischte.

Unter dem Tisch aber falteten sich immer aufs neue Marens Hände: »Und laß uns halten hoch und wert unseres heiligen Hauses Herd«, betete ihr junges Herz, und die Augen schauten vergrämt auf die Fremde.

Rasch wurde abgegessen. Maren brachte fast keinen Bissen herunter. Nach einer Weile stand sie auf, ging nach der Gastkammer und begann ein Bett für Akke und ihr Kleines zu rüsten. -- Nach einigen Minuten folgte ihr Edlef Holgers.

»Hast du Furcht?« fragte er, »die Flut sinkt, es ist bald Hohlebbe ...«

»Wir steh’n in Gottes Hand, ich hab mich keinen Augenblick gefürchtet.«

»Ich hätte dir wohl manches zu sagen, Maren, -- über unsere nächste Zukunft ...«

»So sprich.«

»Es wird mir nicht leicht«, zögerte er.

Und während sie gelassen in ihrer Arbeit fortfuhr und das Zittern ihrer Hände verbarg, überstürzten sich seine Worte. Er wies auf das langsam zurückgehende Wasser. »Wenn es abgelaufen ist, Maren, müssen wir wieder von vorn anfangen mit Pflanzen und Einhegen und Bauen und Dichten, -- so geht’s Jahr für Jahr, und zwei- und dreimal im Jahr. Das macht die Leute unzufrieden und verdrossen. Nicht alle sind so verwachsen wie wir mit der Heimatscholle. Es muß etwas Eingreifendes geschehen. Sonst könnten sie halligflüchtig werden. Das wäre ein Unglück für die Insel.«

Edlef Holgers sprach in kurzen, abgerissenen Sätzen.

Als wolle er eine unangenehme Nachricht vorbereiten oder hinausschieben. -- »Wir haben Versammlungen gehabt. Nun sollen Abordnungen mit praktischen Vorschlägen hinausgeschickt werden, nach Kiel, nach Hamburg, nach Kopenhagen ...«

»Du willst fort?« fragte Maren scharf.

»Man hat mich gewählt. Du weißt, daß der Halligbauer nur Vertrauen zu seinesgleichen hat. Da könnte Gott einen Engel vom Himmel schicken, sie würden einen lästigen Ausländer in ihm sehen.« Edlef lachte gezwungen. »Von mir weiß die Hallig, daß ich mein Leben einsetze für die Heimat.«

Es war, als höre Maren nur den kleinsten Teil von Edlefs Rede.

»Auf wie lange?« stieß sie hervor. Als sei nur die Tatsache haftengeblieben, daß er fort wolle.

»Auf ein halbes Jahr. Oder ein ganzes. Die Aufgabe, die ich zu erfüllen habe, ist nicht leicht.«

»Es ist recht«, nickte Maren, und war sehr blaß geworden. »Mein Bruder wird mir zur Seite stehen und Ohm Rickert. Auch Jung Onnen ist ein Verläßlicher. Sei ohne Sorge, Edlef. Du wirst hier alles in Ordnung finden, wenn du heimkehrst.«

»Das weiß ich. Und zur Reise richte ich mir alles selbst.«

»Nicht nötig, das ist Frauensache. Gib nur dem Knecht und Ohm Rickert Bescheid, was in der nächsten Zeit eilig zu tun ist.«

Die Gatten sahen sich an. In seinen Blicken glomm etwas Feindliches.

»Wie lange will Akke hierbleiben?« fragte Maren.

»Akke hat mich gebeten, ihr einen Dienst in Kopenhann zu verschaffen«, entgegnete er gleichgültig.

»So! ... Sie weiß also schon um dein Fortgehen?«

»Ja, durch Zufall. Als ich sie im Stall fand. Sie wollte natürlich durch die Vordertür zu uns kommen, sah aber dort ihren Vater ...«

»Und du willst Akke mit nach Kopenhagen nehmen?«

»Sie bat mich darum. -- Ich habe dort viel Bekannte.«

»Und das Kind?«

»Akke will dich bitten, es zu ihren Eltern zu bringen. Sie meint, dann nehmen sie es schon auf ...«

»Sie trennt sich leicht von dem Kind???«

Edlef Holgers zuckte die Achseln. »Das liegt in ihrer Natur.«

Die Tür wurde aufgestoßen. »Hohlebbe«, schrie Ohm Rickert in die Kammer. »Und die Flut fällt nicht mehr, sie _steht_. Mich dünkt aber, sie kriecht schon wieder heran ...«

»Da sei Gott vor.«

Edlef und Maren liefen zugleich vor die Tür. Ja, da sahen sie es im Scheine des Mondlichtes und der Hauslaterne. Das schon über die Stufen herabgesunkene Wasser stieg. Da schauten sich die beiden Gatten wieder in die Augen. »Gott bewahr’ uns vor einer ›Manndränke‹«, sagte Ohm Rickert hinter ihnen.

Nun streckte Maren ihre zitternde Hand aus, und Edlef Holgers legte für eines Augenblickes Dauer die seine hinein. Dann wandten sich beide rasch ins Haus.

»Alles, was draußen zu tun ist, hab’ ich besorgt«, rief Edlef Ohm Rickert zu. »Die ›Fethinge‹ sind mit Sandsäcken verwahrt, ich hoffe nicht, daß die Flut unser Süßwasser verdirbt. Die zwei Boote haben Jochen und ich verankert. Aber nun alle Mann heran, damit wir das Vieh auf den Stallboden bekommen.«

»Doch wohl zuerst die Kinder auf den Hausboden«, weinte Mutter Holgers.

»Wir sind fünf Frauenleut«, sagte Maren. »Drei von uns wollen das rasch tun.«

»Wer will den Mannsen beim Vieh helfen?«

Akke trat vor. »Das ist Arbeit für mich.«

»Und für mich!« folgte Tanten Frauke.

So begann die schwere Nacht für den Mutterhof.

Kläglich blökte und brüllte das Vieh. Es wollte zur ungewohnten Zeit nicht aus den Ställen heraus und scheute vor der dumpf hallenden Bretterrampe, die schon Edlefs Großvater hatte anlegen lassen, um das Vieh in Stunden der höchsten Not sichern zu können. Immer wieder entwichen die Tiere und wollten nach dem ebenerdigen Obdach zurück. Trotzdem die schwarze, schillernde Schlange schon Besitz vom Erdboden nahm und das Stroh durchfeuchtete. Mutter Holgers und die Magd schleppten die schwere Holzwiege mit Lütt-Krischan. Maren trug Akkes Kind. Klein-Karen »rettete« allerlei Unnützes und hinderte die Erwachsenen. Onnen verwies es ihr. Seine sonnigen Knabenaugen trugen einen über seine Jahre reifen Ausdruck. »Nimm du nur deine Puppe«, sagte er liebreich. »Das ist dein Kind, bring’s in Sicherheit.«

Dann zog er die Schwester hastig auf den Hausboden und hieß sie sich dort ruhig hinsetzen. -- Er selbst eilte wieder hinab und verschnürte rasch und sachgemäß die Betten, um sie hinaus und hinauf zu tragen, während das Wasser schon seine Knöchel umspülte. Von den Ställen her klangen Edlef Holgers’ Befehle und der wilde Lärm, den die verängstigten Tiere verursachten. Dazu kreischten Möwen und Austernfischer, sie flogen ohne Scheu schutzsuchend bis in die Stuben hinein.

»Maren«, rief Onnen mit fliegendem Atem. »Ich hörte, daß Bruder Edlef nach Köpenhaun soll. Unseres Deiches wegen! Und sonst noch ... Halligstudium! -- _Unsere_ Zukunft! Du _mußt_ ihn fortlassen, Maren, du _mußt_. Nicht wahr, du tust es? Es ist zu notwendig. Ich weiß das, Maren, wenn ich auch noch ein Junge bin.«

Maren nickte ihm zu. »Halligsach’ ist _unsere_ Sach’«, sagte sie. Und setzte besorgt hinzu: »Sieh, wie das Wasser steigt. Wir dürfen nichts mehr mitnehmen, müssen eilen, meine Schuhe sind schon voll Wasser ...«

»Meine auch«, lachte Onnen. Aber das Lachen verging ihm jäh, als er die Tür öffnete. Gurgelnd, zischend, klatschend schossen die Wasser heran. »Halt mich«, rief er Maren zu und schwang die gefährdeten Betten auf Schulter und Kopf, und ließ sich halten, vorwärtsstoßen und führen von der jungen Frau. Als sie auf den Hausboden kamen, schliefen die Kinder schon, aber Onnen wollte nichts vom Bettgehen hören.

»Will zum Edlefbruder hinunter, vielleicht kann ich da noch helfen ...«

»Laß ihn«, wehrte Maren der Schwieger, die den Knaben zurückhalten wollte. »Er ist umsichtig wie ein Mann, das Gewese liegt ihm am Herzen.«

Nun kämpfte sie mit Mutter Holgers und der Magd bei den Luken. Der Sturm hatte zwei von ihnen aufgerissen und heulte durch sie hindurch.

»Laß sie offen, bis Mannshilfe kommt,« keuchte Mutter Holgers, »es ist ohnehin zum Ersticken hier oben.«

Die drei Frauen saßen stumm bei den schlagenden Holzladen und konnten sich nur dann und wann durch Zeichen verständigen. Denn ohrbetäubend ratterte das losgebrochene, feste Holz, knarrten, gurgelten und klatschten die Wassermassen.

»Christ Kyrie, Christ Kyrie«, schrie die Magd auf, und die Kinder erwachten und weinten, und Klein-Karen fürchtete sich.

Später kamen triefend und erschöpft die anderen.

Akke sah seltsam wild und schön aus mit den vom Sturm gelösten krausen Haaren und den kraftvollen Bewegungen ihrer starken Arme. Sie versuchte die Haarmassen wieder in Flechten zu bändigen. »Heiß ist’s hergegangen«, lachte sie mit ihrer tiefen Stimme. »_Die_ Arbeit liegt mir besser, als Kinder päppeln.« Und sie nahm gleich Ohm Rickert Hammer und Nägel aus der Hand, fing den schlagenden Laden auf und schlug die Krammen wieder fest.

Da saßen sie alle im Dunkeln, aber Edlef zog aus einer Abseite eine ungefüge Riesenlaterne hervor und entzündete darin das mächtige Wachslicht.

Maren mühte sich, Onnen die nassen Stiefel und Strümpfe auszuziehen, und rieb dann seine erstarrten Füße mit ihren lebenswarmen Händen. Seine Augen sahen sie dankbar an, und er kroch willig auf das Heu, und ließ sie die Federdecke über sich stopfen.