Der Mutterhof: Ein Halligroman

Part 8

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»Da gibt’s jetzt nicht viel zu freuen auf dem Mutterhof, Herr Pastor.« Und der Lehrer berichtete kurz die Tatsachen.

Pastor Licht tat einen langen Pfiff. Als ginge ihm plötzlich sein eigener Name sehr hell auf. Aber seine Gedanken hatten nichts mit der heimatflüchtigen Melenke zu tun. Er drehte gleich auf der Stelle um, hing sich dem Lehrer in den Arm und marschierte mühsam wieder der Kirchwarf zu. »Sieh so, sieh so,« sagte er bedächtig, »der liebe Gott will selber die Ahne ~mores~ lehren, da braucht _er_ freilich keinen Pastor dazu.«

Das war das einzige, was auf dem Sturmweg gesprochen wurde. Am Kreuzpunkt trennten sich die Männer, und Manne Wögens zog den Hut, während Pastor Licht sein schützendes Käppchen aufbehielt und nur herzlich mit der Hand winkte.

Der Nachmittag führte wieder alle Halligkinder auf der Schulwarf zusammen. Und weil der Sturm so arg um das Eckhaus blies und das Feuer im Ofen auslöschte, versammelte Manne Wögens all seine Trabanten im Wohnpesel um sich. Das war etwas Neues und Schönes, und zu allem erzählte der Lehrer auch noch Geschichten. Zuerst die furchtbar traurige aus dem Lesebuch »Vom verlorenen Sohn«, und dann eine sehr lustige von der Feldmaus, die eine Stadtmaus werden wollte, und deshalb auswanderte. Aber es war doch sehr merkwürdig, daß der Herr Lehrer die traurige Bibelgeschichte ganz fröhlich erzählte und bei der Feldmaus ein gar ernstes Gesicht machte. --

Am Spätnachmittag holte Nachbar Luersen die beiden Holgerskinder auf ein Vesperstündchen in sein Haus. »Damit der Herr Lehrer mal Luft holen könne vom Kindsmagdspielen«, begründete er die Sache. Ein ohrbetäubender Lärm empfing Onnen und Karen, und jeder wurde von den ungestümen Gastgebern nach einer anderen Seite gezerrt. Vier sehr ungebärdige Luersensprößlinge tobten in der kleinen Stube umher, und das fünfte schrie bis zum Wegbleiben in der morschen Wiege.

»Du büst wohl rein unklug?« tadelte Mutter Luersen ihren eigenmächtigen Mann. »Schleppst noch mehr Kinnerwark her? Kannst wohl gar nich genug kriegen?«

»Von die Luersens hab’ ich freilich schon genug,« entgegnete der geplagte Hausvater trocken, »aber die Holgersart ist bedächtig und ruhig, die wirft nix um und zerreißt nix und steckt einem auch nicht das Haus überm Kopfe an.«

»So?« eiferte zornig die Hausmutter. »Mich dünkt, die Holgersart macht’s nur umgekehrt. Oder hat der Edlef nicht etwa bei uns’ Akke den Brand angefacht? Und dann den Verschwur zerrissen und alles umgeworfen?«

»Du schnackst sehr klug, Olsch, aber was du sagst, ist doch ein Dummheit. Wir wollen lieber ganz still sein, welche Seite den Verschwur zerrissen hat.«

Die Frau weinte. »Hätte der Edlef die Akke behalten, kriegte sie jetzt keine Prügel von dem gräsigen Hamburger.«

»Steht die Sache so?« fragte Vadder Luersen bedächtig. »Es ist man gut, daß ich so bei klein von deiner Hamburger Fahrt etwas höre. Prügel kriegt mein klein Akke? Das ist gut, das ist _sehr_ gut.«

»Schande wert!« rief Mudder Luersen. »Bist du auch ein Vater? Erst tat der städtische Herr Schwiegersohn, als wär’ ihm just so’n Draufgängerdeern das liebste. Und jeden Witz hat er belacht, daß ihn beinahe der Schlag rührte, und in Samt und Seide hat er sie eingewickelt, und in eine Wohnung hat er sie reingetan wie in ein Schloß. Aber nun ist sie seine Frau und nun soll sie klein beigeben. _Dies_ soll sie nicht sagen und jenes soll sie nicht tun. Weil seine Stadtfreunde und Verwandten sonst ›scheniert‹ sind. Aber die Akke ist ein freies Friesenmädchen, und das läßt sie sich nicht bieten.«

»Mudder, du warst doch immer so ’n kloke Deern. Was du aber jetzt daher tühnst, das geht nich int größte Waddickfaß. Unser Stadtschwiegersohn hat den Grundsatz: ›Mannshand baben!‹ Da bin ich ihm nich gram drum. Wir beide haben das bei Klein-Akke versäumt, weil du immer neue Kinder fischen mußtest. Weißt ja, Mudder, auf dem Meeresgrund bei Ekke Nekkepenns Weib. Über all der Sorg und Mühe mit den vielen Gören haben wir die Rute vergessen. Wenn der Schwieger das jetzt nachholt, kann aus Akke noch ein Gutes werden.«

»Aber sie ist sehr unglücklich«, klagte die Frau.

»Alle Deerns sind unglücklich, wenn sie vom Liebsten Prügel kriegen«, meinte der Vater ungerührt. »Das Gute zeigt sich dann später.« --

Derweile stand im Schulhause Edlef Holgers vor dem Freunde.

»Du kommst doch immer wie ~Deus ex machina~,« versuchte Manne zu scherzen. Und gleich darauf ernst und besorgt: »Mein armer Edlef, das hat dich hart mitgenommen. Nun setz’ dich erst einmal zu mir und ruhe dich aus.«

Edlef ließ sich schwer in den Sorgenstuhl fallen. »Schande im Mutterhof ist etwas Ungewohntes«, grollte er. »Und das muß ausgerechnet _uns_ treffen. Der Mutterhof hat weithin geleuchtet.«

»Vielleicht ist euch das allen zu sehr zu Kopf gestiegen«, meinte der Lehrer bedächtig. »Die Selbstgerechtigkeit steht nicht unter den sieben Todsünden, aber unser Herrgott scheint sie am schwersten zu ahnden.«

»Und gerade jetzt!« murrte Edlef. »Da ich deine Maren in mein Gewese führte ...«

»Um ihr zu zeigen,« sprach Manne Wögens bedeutungsvoll, »wie überwältigend die Ehre für die Schulmeisterdeern sein muß, -- ist’s nicht so?«

Edlef sah ihn unsicher an. »Selbstverständlich ist’s _nicht_ so,« sagte er hastig. »Ich war nur sehr stolz ...«

Manne Wögens klopfte ihm auf die Schulter. »Das sollst du auch bleiben. Und Maren, -- die wird alles Leid mit dir tragen. Die wäre dir selbst in _verschuldetes_ Unglück gefolgt. Und was jetzt auf euch gekommen ist, darf euch nicht zerbrechen.«

»Die Ahne _ist_ uns zerbrochen, Manne Wögens. Die _Ehre_ des Mutterhofes war ihr Rückgrat.«

»Und alles um so ’ne verrückte, junge, wilde Deern!« zürnte Manne. »Ich bitte dich, Edlef, es werden noch viele Kinder aus dem Elternhause laufen, weil ihnen die Zucht zu streng war. Desto fester muß das Haus bleiben, damit es Obdach bietet, wenn die Abtrünnigen mit wundem Herzen und wehen Füßen zurückkehren. Kein Elternhaus kann so streng sein wie das liebe, holde Leben, die schöne Welt da draußen ...«

»Das sagte mir Maren auch. Aber Trostgründe kann ich noch nicht gebrauchen. Ich schau nach den Menschen aus. Nach Spott und Nichtachtung. Was werden sie alle sagen! Die Augen wag ich kaum aufzuheben. Das ist meine unglückselige Holgersart.«

»Verrenn dich da nicht hinein, Edlef. Sieh lieber um dich, wieviel rechtschaffene Halliggesinnung das Böse mit euch tragen will.«

»Du sollst recht haben, Manne Wögens. Ich bin wohl recht ein bißchen aus den Fugen. Bedenk, daß ich aus der Brautkammer ins Segelschiff stieg ... da ist mir das Gleichgewicht über Bord gegangen.«

»So birg es dir wieder. Du hast Schwester Maren als Rettungsring im Hause ...«

Da wurde Edlef Holgers ganz froh. »Ja, ich will heim, will die Geschwister gleich mitnehmen. Hab Dank, du Guter, daß du mir das Kroppzeug aufgehoben hast.«

»Da ist nichts Gutes weiter dabei, Edlef. Die beiden Jüngsten vom Mutterhof sind echt. Die tragen viel Freude ins Haus. Dein junger Onnen wird noch einmal was Besonderes für die Hallig, -- ich hab’s gesagt.«

»Wenn du nur Frohes prophezeien kannst! Ganz hell geht’s von dir aus, ich wollte, ich könnte dich mitnehmen in die Dunkelheit unseres Gehöftes, Manne Wögens.«

»_Da kommt_ das Licht vom Mutterhof«, rief der Lehrer. »Da!« Und er öffnete weit die Tür und ließ die beiden lachenden Kinder herein. Das gab ein Erzählen! So viel Neues hatten sie unter der großen Luersenschar entdeckt, und nur schwer konnten sie dazu gebracht werden, ruhig ihre Siebensachen zu packen.

Der große Bruder strich ihnen über die Blondköpfe. »Macht fix zu«, sagte er aufmunternd. »Die Nomine-Schwester möchte euch beide noch sehen.« Er wandte sich zu Edlef. »Sie will heute abend noch in Pellworm sein, und morgen früh zurück nach Kiel. Sie meint, es ist am besten, wenn Ahne und Mutter und wir alle hier in die alte Ruhe kommen.«

»In die alte Ruhe ...« wiederholte Manne Wögens langsam. Ganz erloschen sahen seine Augen den Freund an. »So rasch, so rasch?« fragte er wie hilflos.

Edlef mißverstand ihn. »Ja, freilich, wir müssen schnell heim. Vergeßt nicht das Danken, Kinder. Fahr wohl, Manne Wögens!«

»Ich danke auch noch vielmals«, rief Onnen herzlich. »Will’s der Nomine ordentlich sagen, daß ich auf der Hallig bleibe.«

»Ja, -- sag’ es ihr ordentlich.« Schwer lösten sich die Worte von Manne Wögens’ Lippen.

Dann war er allein. Eine Zeitlang stand er noch auf der Vordiele in der Haustür und winkte den Dreien. Denn immer wieder hoben sich zurückgrüßend die Kinderhände. Am Horizont stand der glutrote Ball und warf seine letzten Strahlen über die salzen See und die Heimat ringsum. Dann sank die Sonne ins Meer. -- Wie kalt es mit einemmale wurde! Müde tastete sich Manne Wögens in seine einsame Stube. Er fror bis ins Mark hinein. -- --

* * * * *

Pastor Ephraim Licht hatte an seine stille Hallig eine schöne Sitte bringen wollen, die er im tannenwaldumstandenen Dorfe seiner Thüringer Gemeinde sooft und gern geübt. Die »Spinnstube« sollte droben im Norden aufleben. Mit Spinnrad und Strickstrumpf sollten die Frauen kommen, mit einem guten Buch oder einer fesselnden und lehrreichen Geschichte die Männer. -- Halligsagen und -märchen sollten neu erstehen, damit man sie für die Nachkommen sammle und festhalte. Fragen, welche die Halliggemeinde ungelöst mit sich herumtrüge, sollten daheim aufgeschrieben und dann öffentlich verhandelt werden. Oder auch nur von Mund zu Mund in der stillen Studierstube des Seelsorgers. Wie Kinder auf Weihnachten, hatte sich das Ehepaar auf diese »Lichtkarze« gefreut, die auf der großen Diele des Pfarrhauses tagen sollten. Zur festgesetzten Stunde kamen sie auch alle gegangen. Es fehlten wohl nur die ganz Bresthaften, die nicht mehr über die schmalen Prielstege zu klettern und auch nicht über die kleinen Wasserrinnsale zu springen vermochten.

Ein langer, schweigender, wunderlicher Zug war’s.

»Sieh nur, Luischen, sie kommen wie zu einer Beerdigung«, sagte Pastor Licht. Und das Ehepaar beobachtete mit leiser Bangnis die ernsten, verschlossenen Gesichter der langsam und schwer Heransteigenden.

Oben in der Diele wurden die Spinnräder aufgestellt und die Strickstrümpfe und Klöppelkissen hervorgeholt, und bald war die eifrigste Arbeit im Gange. Die Fragen, welche Pastor Licht und Frau Luischen an ihre Gäste stellten, waren bald beantwortet, dann herrschte tiefes Schweigen. Nur unterbrochen vom Surren der Rädchen und dem Klappern der Klöppel und Stricknadeln.

Auf die Bitte nach einer schönen, seltsamen Halliggeschichte schauten sie den Seelsorger groß und fragend an, und Boy Boysen meinte geruhig: »Dortau is de Paster da.«

Lächelnd willfahrte ihnen Pastor Licht und erzählte von diesem und jenem aus seiner reichen früheren Tätigkeit und dem Schatz seiner Erfahrungen. Aber als er geendet, hoben die Frauen wieder ihre Spinnräder hoch und schritten mit einem ernsten: »Fahre weel« über die gastliche Schwelle. Die Männer zündeten sehr erleichtert ihre Pfeifen mit dem scharfen Holländer Knaster wieder an, und verstiegen sich in ihrer Heimkehrfröhlichkeit sogar zu einem: »Dank ok veelmals, Paster.«

Ein paar alte Weiblein blieben noch sitzen. Als sie aber sahen, daß da »nix nachkam«, setzten auch sie einen Knix hin und siffelten heimwärts.

Das nächste Mal kamen die Frauen allein und von diesen nur acht. Und zuletzt hatte nur die alte Stinameller dagesessen, die fast blind und recht kümmerlich war, und sie erzählte vertraulich, sie sei nur des weichen Lehnstuhls halber gekommen, darin sie viel besser schlafen könne als daheim im Bett.

Pastor Ephraim Licht stand arg verdutzt über das Scheitern seiner Pläne, und Frau Luischen war ganz verzagt.

Sie holten sich Rat vom Schullehrer Manne Wögens.

Der lachte fröhlich und verstehend. »Herr Pastor, Sie sind Thüringer. Ihre leichtblütige, freundliche und liebenswürdig-zutunliche Gemeinde von ehedem, so recht aus dem Herzen Deutschlands heraus, wollen Sie den Halligleuten zum Muster geben. Das ist gefehlt. Weiß es ja von meiner Thüringer Mutter her, wie sie mitteilsam war, wie sie plaudern konnte. ›Schnutteln‹ nannte es der Großvater aus Rudolstadt. Da gab es keine Geheimnisse, da war keine lichtlose, unbesonnte Stelle in dem reinen, fröhlichen Frauenherzen. Die Halligleute aber nehmen all ihr Erleben und das der Voreltern zehnfach hinter Schloß und Riegel. Der einzige Freund, in den sie restlos alles niederlegen, das ist ihr ›Zeitbuch‹. Dem schenken sie äußerlich mehr Vertrauen noch als dem Herrgott. Könnten Sie in den alten Truhen nachschauen, Herr Pastor, da würden Sie Schätze finden. -- -- Liegt auch vielleicht nicht in jeder Truhe ein ganzes Buch, so doch mindestens ein paar beschriebene Blätter, zum Teil in die Urväterbibel hineingeklebt, darauf die einschneidendsten Erlebnisse verzeichnet sind.«

»So braucht die Hallig eigentlich keinen ›Seelsorger‹, sondern nur jemand für die äußerlichen, kirchlichen Handlungen,« meinte Pastor Licht mutlos.

Der Lehrer wiegte den Kopf. »Vielleicht! Die Halligleute holten sich an das Wort: ›Wenn du beten willst, gehe in dein Kämmerlein und schließe die Tür hinter dir zu.‹ Ich glaube nicht, daß viel in der _Kirche_ gebetet wird. Aber sie hören Ihnen gern zu, Herr Pastor. Die volle Kirche muß Ihnen der Beweis sein. _Lieber_ Herr Pastor Licht, Sie sind hier schon der rechte Mann am rechten Ort.«

Der Pfarrer lächelte. »Nun schlägt die liebenswürdige Thüringer Mutter auch bei Ihnen durch, Herr Lehrer, und Sie sagen mir schöne Sachen ...«

»Es ist die Wahrheit«, sprach Manne Wögens warm. »Ich wollte Ihnen schon lange Ihren Nebenbuhler zeigen, Herr Pastor, ... das ›Zeitbuch‹ des Halligmenschen. Da möchte ich wahrhaftig ein wenig Erbschleicher werden. Würden alle Halliger mir ihre ›Zeitbücher‹ vermachen, Herr Pastor, ich wäre plötzlich reich an wertvollstem Stoff für Halligkunde.«

»So hoch schätzen Sie das ein? Und Sie selbst, Manne Wögens? Führen Sie auch solch ein Zeitbuch, was wir bei uns den halbflüggen Dirnlein überlassen?«

Der Lehrer lachte freimütig. »Ich bin ein Halligmensch mit Leib und Seel trotz des Thüringer Einschlags. Und ich hab mein ›Zeitbuch‹ wie jeder hier. Hein Hasseldiek, der große Bösewicht, der zu Lübeck auf dem Rade starb, ist unbußfertig und leugnend dahingefahren, aber in seinem ›Zeitbuch‹ hat er alles eingestanden.«

»Huh«, lachte der Pfarrer. »Wollen Sie mich vorbereiten?« Und er wandte sich neckend zu Frau Luischen: »Du hast gestern noch gemeint, unser lieber Schulmeister sei wie ein aufgeschlagenes, schönes Liederbuch. Ja, so poetisch hat sie sich ausgedrückt, -- du brauchst dich nicht schämig fortzuwenden, Luischen. Aber du mußt umlernen. Wehe, welch schwarze Geheimnisse Wögens’ Zeitbuch vielleicht enthält!«

»Da ist mir nicht bange drum«, sagte die Pastorin geruhig und schaute vertrauend zu dem Hünen auf.

Der schüttelte ihnen die Hände und schritt dann rasch ausholend seiner einsamen Klause zu.

Er wußte zutiefst, daß nichts verloren geht im Weltall, und daß er heute dem treuen Seelsorger ein neuer Wegweiser geworden war zu den wunderlich verschlossenen Herzen seiner Halliggemeinde. --

* * * * *

_Aufzeichnungen des Halligschulmeisters Manne Wögens._

Ist es möglich, daß wir schon wieder den September haben? So gibt es beinahe einen Jahresbericht in dieses Buch. -- Die Sommerfrischler und Badegäste, die von Föhr hie und da für Stunden auf die Hallig kommen und sich die beste Mühe geben uns lahmzuschwatzen und totzufragen, versagen sich niemals den Ausruf: »O wie muß es im Winter hier langweilig sein!« Sie wissen nicht, daß dies Wort nicht in unserem Wörterbuch steht. Diese lästigen Eintagsfliegen! Könnte man die Tür seines Königreichs vor ihnen geschlossen halten! Welchen Reichtum an Arbeit bargen die Monate, die seit Edlefs Hochzeit und Melenkes Flucht vorüber sind. Arbeit! Segensreiche Himmelstochter! Du gehst mit deiner Schwester Ordnung kräftespendend Hand in Hand.

Der Frühling kam auf die Hallig und nahm mit seinem Sturm allen Winterstaub (wahrhaftig er lag in hoher Schicht) aus meiner Seele. Es ist hart, wenn ein aufrechter Friese am Verzagen ist ... Was sage ich? Hart? Noch heute trage ich einen eklen Geschmack auf der Zunge, denk ich an jene kranke Zeit. Da habe ich mir eigene Arznei gebraut, habe ein wissenschaftliches Buch zu schreiben begonnen. Ein Buch von der Hallig. Diese Arznei hat mein Gebrechen geheilt. --

In meines Vaters »Zeitenbuch«, wie er es nannte, darinnen er die Erinnerungen an Großvater, Großmutter und seine eigene Jugendzeit barg, steht ein Wort: »Ein Wögens liebt nur _einmal_.«

Dies Erbteil meiner Väter verweist mich in die Einsamkeit. Sie war mir ja immer Treugeselle. -- Doch ich war nie allein in der Einsamkeit, war nie einsam im Alleinsein. Der Hallighimmel, die Halligluft, die weiten Fennen und die salzen See schickten abertausend gute Geister zu mir. Und doch hat es Tage und Nächte gegeben seit der letzten Weihnacht, in denen ich gerungen habe, gebetet und geschrien. Und die Schreie, die man in sein Innerstes schickt, tun am wehesten.

Gut ist’s, daß der krumme Knecht ganz taub und meine Magd des Abends so müde ist, daß sie nichts von der Umwelt vernimmt, denn ich selbst bin aufgewacht von meinen eigenen Rufen: »Nomine! Nomine!«

Was soll der Name in diesen Blättern?

Er soll stehenbleiben.

Eines aufrechten Friesen hochheilige Liebe ehrt jedes Mädchen. Auch jenes Mädchen, das nach den Sternen greift und sie auch vielleicht zu sich herunterholt. Aber sie tritt dabei die schlichte Bonnestave unter ihren Fuß.

Doch ist die blaue Halligblume kein Veilchen auf der Wiese, das da singt: Und sterb ich denn, so sterb ich doch durch sie, zu ihren Füßen noch.

Nein, sie richtet sich wieder auf, denn sie ist eine Friesin.

Und so hast auch du dich wieder aufgerichtet, Manne Wögens, und willst den harten Arbeitsweg gehen ohne ein liebes Weib an deiner Seite. Du hast dein Buch. Das ist dein Eigen, es ist dein Kind, das dein Herzblut trank. Einmal wird es in die Welt hinausgehen und die Menschen in den Bann der Hallig zwingen. Daß nicht stumpfe Neugierde sie fürder zu uns treibe, sondern _Liebe_.

Fahr wohl, Nomine! Ich habe dir vor Jahren gesagt, daß ich dir sehr gut sei. Hab dir mein heißes, treues Herz dargeboten und meinen ehrlichen Namen. Du aber hast gelacht. Wolltest lernen und die Welt sehen, und hast der armen, öden Hallig gespottet und ihr Valet gegeben.

So sei’s denn, Nomine.

Denn wenn ich dich auch mehr liebe als mein Leben, so muß ich meine Hallig doch noch mehr lieben als dich. Meine verachtete Hallig, die ihren Sohn braucht.

Fahre weel, Nomine Holgers!

* * * * *

Machtvoll brauste draußen der Frühlingssturm.

Wir vermaßen unser Land für dieses Jahr und teilten es wieder ein in Mehdeland und Weidefenne. Diesmal gab’s Widerstreit unter den Warfbohlsgenossen. Auch der Bohlskurator war machtlos. Wer nicht ganz und gar in unsere verwickelte Halligwirtschaft eingeweiht ist, nicht mit Kopf und Kragen drin steckt in den schwierigen Berechnungen der Mehde- oder Mählandsverteilung, der muß seine Finger davon lassen. Kein kniffliger Jurist des Festlandes, den man heute herriefe, wäre dazu imstande. Aber unser »Dreimännerschiedsgericht« hat entschieden, und wir haben uns dem Spruche gebeugt. Jeder bekam seine »Schifften«, die nach Größe und Lage jährlich wechselnden Parzellen, zugewiesen.

Ich lese gern die »Fennbriefe« und das Mehdebuch. Uns Halligleuten ist darin alles verständlich, aber Festlandsratten möchten wohl kopfschütteln und wunnerwarken über das närrische Zeug, das sich Halliglandverteilung nennt.

Wir hatten einen nicht zu regennassen und leidlich warmen Frühling, und so stand am Johannistag das Gras einen Fuß hoch. Wir reinigten es sorgfältig von allen Muscheln und andern Einflüssen der See, und dann begann das Mähen. So reich war der Segen, daß wir fremde Arbeiter mieten mußten, die mit ihrem Vormähder rasche Arbeit taten. -- Wie wonnevoll waren Juni und Juli! Die liebe Hallig in ihrem Festkleid! Köstliche Blumen, unzählbar wie die Sterne des Firmamentes waren darin eingewirkt. Alles atmete würzigen Duft, und die Bienen sogen den köstlichen Hallighonig heraus, unvergleichlich in seiner herben Süße. -- Dazwischen weidete das stattliche Vieh. Breitgestirnte Rinder und wollige Schafe. Die Möwen lachten in blauer Luft oder ließen sich nieder mit klingendem Klageruf. Den Lerchen lauschte ich und konnte mich nicht satt sehen am flugsicheren Austernfischer. Der Rotschenkel rief mit abwärts gestelltem Flügel »Gülü, gülü«, und warb sein Weibchen. Und als die Jungen ausflogen, jauchzte er »Tjü, tjü«! Ach, wer »vogelsprachekund und weisheitsfroh wie Salomo« wäre!

Unser Fischgarten im abfließenden Priel bot andere Arbeit. Wir verbanden Holzsticken mit Bindfaden zu einem langen Leitwerk. Die Spitze ließen wir in einen Hamen ausmünden. Nun tummelten sich während der Flut die Fische in den Watten, doch mit der Ebbe flüchteten sie sich in den großen Winkel des Priels. Da konnten sie nicht durch, und die Fischer hatten reichen Fang. Ich stand dann gern neben meinem alten Nachbar und Bohlsgenossen Momme Mommsen, der vor jedem Fischzug die Hände faltet: »Du bist der Herre Jesu Christ, dem Wind und Meer gehorsam ist. Drum halt in Gnaden deine Hand auch über unsern Fischerstand.«

Saß ich aber oben auf der grünen Bank neben dem Schulhause und schaute von meiner Höhe hin über die Fennen, denen die bereits gemähten Streifen einen eigenartigen Farbenreiz gaben, oder schaute ich auf die Nordsee, die zur Flutzeit die ganze Hallig so innig in ihren umschlingenden Armen hielt und unzählige Gräben mit Wasser füllte, daß sie wie Silberfischlein die Wiese durchglänzten, dann wurde mir das Herz groß und weit und der Herrgott zog ein.

Das gab Stunden, wo ich nicht einmal _dich_ vermißte, Nomine Holgers. --

Viel Mühe schaffte uns das Einbringen des Heues. Auf der höchstgelegenen Stelle der Fennen muß es geschichtet werden, damit die See es niemals erreichen kann. In langen Streifen wurde es zusammengerecht und in großen Laken von den Frauen und Mädchen zur Dieme getragen. Da dachte ich wieder an dich, Nomine Holgers, du Schöne! Hätte ich dich sehen dürfen als echte Halligtochter, das schmucke Bündel auf deinem Haupte tragend, mit deinen weißen, vollen Armen der Last das Gleichgewicht gebend ...

O Nomine! Wie eine Königin wärst du geschritten, ich weiß es. Und ein glückseliger Mann hätte einige Tage später seine Ernte eingefahren. In seinem Hause hätte er sie zum festen Klampe aufgeschichtet. Und du hättest ihn am Hause empfangen. Du! Seine Königin -- die ihm die Ruhe brachte und den Feierabend ...

Es war harte und hilde Zeit bis alle Schifften gemäht waren. Und viel Schweiß kostete noch das »Schwählen«, das »Diemensetzen« und »Einfahren«.

Und wir haben einen Bittgottesdienst gehalten, daß unser Herrgott die salzen See bändigen möge, auf daß keine Sturmflut uns um den Lohn unserer Mühe bringe. --

* * * * *