Der Mutterhof: Ein Halligroman
Part 7
Da hob er sie über die Truhe empor und hielt sie an sich gepreßt.
»Haben sie dir weh getan?« fragte sie nach einer Weile zärtlich. »Die Raufbolde! Ich hörte den Lärm bis hier oben und fürchtete mich entsetzlich. Du bekommst keine tapfere Frau, mein Edlef. Oh, oh,« unterbrach sie sich und haschte nach seiner linken Hand, -- »was ist das?«
»Nichts, nichts, eine Schramme«, wehrte er ab. »Der Bruder von Akke Luersen hat sie mir versetzt. Sieh, mein Feines, das ist mir wie eine Buße ...«
Maren hielt die verletzte Hand sorglich in der ihren. Mit einem mütterlichen Ausdruck beugte sie sich darüber und küßte die Wunde.
»Du Engel!« stammelte Edlef. »Herrgott, ich will dich hüten! Wirst du auch nicht zu fein für mich sein, mein Lieb? Ich bin ein Bauer, -- -- Maren, Maren! --« Selbstvergessen hingen sie Mund an Mund.
Da begannen die Kirchenglocken zum erstenmal zu läuten.
In süßer Scham stand die Braut vor dem Liebsten.
»Komm, Jungfrau Maren«, sagte Edlef zärtlich.
Er geleitete sie die Stiege hinunter, und drunten empfing sie Manne Wögens und küßte sie auf die Stirn.
»Geh mit Gott«, sagte er bewegt. Und zu Edlef wandte er sich und faßte seine Rechte: »Ich gebe dir den Schatz des alten Lehrerhauses, meine junge Schwester. Halte sie hoch!« Ernst sahen seine Augen in die des Haussohnes vom Mutterhof. Freimütig gab Edlef den Blick zurück.
Auf der Vordiele stand Ohm Rickert im langen Festrock, den schwarzen Hut mit buntem Band und Strauß geschmückt.
»Ich soll die Jungfrau Braut aus der Hand des Vater Wögens oder dessen Stellvertreters empfangen und soll ihr sagen: ›Du bist willkommen, Jungfrau, auf dem ehrbaren Mutterhof.‹«
Da führte der Lehrer seine Schwester ihm zu und sprach: »Die Ehre des Lehrerhauses lege ich in die Hände und Wände des Mutterhofes.«
Ohm Rickert empfing Marens Hand und führte die Braut wieder zu Edlef Holgers zurück. -- An dessen linker Seite harrte Nomine Holgers, die Brautführerin. Sie hatte die alte Friesentracht angelegt und stand seltsam hoch und schön auf der Diele des Lehrerhauses. Manne Wögens’ Blick ruhte eindringlich auf ihr. Da senkte sie tief den Kopf und raunte: »Edlef, laß uns gehen.«
Der Brautzug schritt nach der Rechtswarf. Dort wohnte der Gemeindevorsteher, der sie standesamtlich verbinden sollte. Ketel Boon empfing sie mit viel Feierlichkeit und Würde. Sein Bewußtsein »von Rechts wegen« Hauptperson zu sein und mindestens neben dem Pfarrer, wenn nicht gar über ihm zu stehen, leuchtete aus seinem würdigen Gesicht. Auch er war schon im Festgewand, denn er und seine Frau gehörten zu den Eingeladenen, die das Hochzeitsmahl teilen sollten. Gleich nach der Namensunterschrift erschien die »Frau Gemeindevorsteher«, und der Zug ordnete sich wieder und schritt zur Kirchwarf. Hell riefen die Glocken über die Fennen, und eine klare, leuchtende Wintersonne sandte ihre Strahlen in den Brautkranz von Maren Holgers, geborenen Wögens.
* * * * *
Pastor Ephraim Licht wartete an der Friedhofspforte und streckte dem jungen Paar beide Hände entgegen.
Und als Edlef und Maren die ihren hineinlegten, waren sie wie in einem behaglichen Nest, denn die Pastorin legte ihre Hände mit obenauf. Und machte ein so fröhliches Gesicht dazu, als wäre sie ein Kind und wollte gleich anfangen zu spielen: Fru Nachbarn, borgen Se mi ehren Höhnerkorb! Dabei rief sie immer »Gottes Segen! Gottes Segen!« und schaute die beiden in strahlender Mütterlichkeit an. Dann schritten sie in die Kirche, wobei Brautjungfer Nomine diesmal zur Linken der Braut gehen mußte, um später an der Hochzeitstafel den Platz wieder zur Linken des Bräutigams einzunehmen. Maren setzte sich still in das Gestühl hinein, während Edlef bei den Seinen stehen blieb, bis Pastor Licht ihm winkte.
Da ging er festen Schrittes an das Gestühl heran. Und als er in all seiner Kraft und männlichen Schönheit harrte, den feurigen Blick auf seine schmucke Deern gerichtet, da vergaß Maren völlig die guten Lehren ihres Bruders Manne. Und sie sprang rasch auf und folgte dem Bräutigam eiligst.
Als es ihr hinterher zum Bewußtsein kam, wollte sie freilich schämig zurückweichen, aber da hatte er schon ihre Hand gefaßt und ließ sie nicht mehr los.
Pastor Licht war auch voll Freude. Denn da die Ahne eine Hochzeit mit alten Gebräuchen verlangt hatte, so deckte es sich diesmal mit der oft und gern geübten Thüringer Sitte, beim Segen die Ringe zu wechseln.
»_Freuet euch! Und abermals sage ich euch: Freuet euch!_«
Manne Wögens zog alle Register seines Harmoniums. Es war ein Jubilieren, daß den Hochzeitsgästen das Herz groß und weit wurde. Dann schwieg die Orgel, und Manne Wögens ertappte sich nun beim Lauschen der herzerfrischenden Traurede auf dem Gedanken, ob der ernste, würdige Pastor Licht nicht am Ende sein fröhliches, rundes Luischen zur Arbeit dieser Festpredigt mit herangezogen habe. --
Beim Heraustreten aus der Kirche begrüßte die Braut ein Ehrenschuß, dann setzte sich der Zug nach der Großwarf in Bewegung, und nach einer Viertelstunde empfing sie die Ahne an der Schwelle des Mutterhofes. Hei, wie die Fahnen auf den bekränzten Mastbäumen grüßten und winkten!
Beinahe wollte Alle die Rührung übermannen, als die Fünfundachtzigjährige die junge Frau feierlich einholte und ihren Spruch sagte. Aber Ohm Rickert drängte sich an die Braut und fragte: »Sollen wir dich nachher aus der Ecke tanzen?«
Da wich sie erschrocken zurück, und die Ahne mußte schelten über die Störung.
»Was wollt Ihr, Ahne,« murrte er, »der Eckentanz ist echter Halligbrauch!«
»Jawohl, aber ein garstiger. Und ich will, daß nur die guten Bräuche nicht vergessen werden. --«
»Ein Tanz mit ›gezuckertem Köhm‹ ist allstunds was _Gutes_«, bemerkte Ohm Rickert grimmig. »Wenn Ihr aber nicht wollt ..., so begeben wir uns jetzt zu Tische. --« Irgend etwas Unbotmäßiges brummelte er dann noch hinter der Ahne drein.
Die Hochzeitstafel war mit Tannengrün und reichlichen Wachskerzen weihnachtlich geschmückt. Ganz am Ende des Tisches war, alter Sitte gemäß, für das Hochzeitspaar gedeckt. An der Brautseite saßen in langer Reihe die eingeladenen Frauen. Ihnen genau gegenüber die Männer. Pastor und Pastorin dicht neben den Neuvermählten. Viel gesprochen wurde nicht. Ein paar karge Worte fielen über das Wetter und über die Möglichkeit, daß das Umspringen des Windes eine Sturmflut bringen könne.
Melenke meinte, selbst Sturmflut sei besser als die Halliglangeweile. Da traf sie ein Zornblick der Ahne. Mutter Holgers aber war heut in rechter Feiertagsstimmung. Sie sah immer ihren Edlef an, der so schmuck in seines verstorbenen Vaters Hochzeitsrock auf dem Ehrenplatz saß. In ihren Augen lag noch immer der fröhliche Schein, den sie trugen, als der große Sohn sie vor einigen Tagen zum erstenmal an sein Herz genommen. Das vergaß sich nicht so leicht. -- Als die Saftsuppe gegessen war, erschien ein altes Ehepaar aus der Nachbarwarf und sang dem jungen Paar ein wunderliches Lied.
Tief senkte Maren ihr erglühendes Gesicht, während Edlef mit leichtgerunzelter Stirn geradeaus schaute:
»God dün ju Börne, wo du hew wünschked, Dat iirst Ihr en jongen Prinz, Dat öbre Ihr en Apel rund, Dat treet Ihr en jong Dochter in de Skud, En denn von Ihr to Ihr sö long dat 25 sen. All 25 an een Disch, Denn wiit de Wüf, wat Hussholn is.«[3]
[3] Gott gebe euch Kinder, wie ihr habt gewünscht, Im ersten Jahr einen jungen Prinz, Im andren Jahr einen Apfel rot, Das dritte Jahr eine Tochter in den Schoß, Und dann von Jahr zu Jahr, bis es 25 sind. Alle 25 zusammen an einen Tisch, Dann weiß die Hausfrau, was Haushalten ist.
Anm. der Verf. (nach Jensen.)
Nach dem Liede saßen wieder alle schweigsam da. Nomine hatte ein Notizbuch herausgezogen und schrieb mit einem kleinen Bleistift hinein. Unauffällig schob sie den Zettel auf ein Tannenzweiglein und fuhr diesen kleinen Schlitten über das Tischtuch hinüber zu Manne Wögens. Er las:
»Geben Sie sich überwunden? Wir könnten hundertmal froher sein ohne diese Gebräuche und dies herkömmliche stumpfsinnige Schweigen.« --
Darauf kam umgehend seine Antwort: »Im Gegenteil, ich segne das Schweigen. Dabei kann ich Sie doch ansehen und finden, daß Sie heut ganz ungewöhnlich schön sind. Wahrhaftig, wie eine echte Halligtochter. Aber sobald Sie reden, dozieren Sie auch.«
Da knüllte sie den Zettel zornig zusammen.
Die junge Melenke hatte auch die Friesentracht angelegt. Wunderschön, sieghaft sah das Mädchen aus. Aber ihre Gebärden waren zügellos. Und in den Augen lag der Ausdruck eines gefangenen Wildes.
Manne Wögens blickte von einer Schwester zur anderen und schüttelte den Kopf.
Ohm Rickert, der neben ihm saß, folgte seinem Blick.
»Wie zwei Bilder sind die Deerns«, raunte er. »Schön alle beide, aber für verschiedene Gustos. Die eine stellt ’ne Heilige vor und die andere ...«
»Pst«, mahnte der Lehrer.
»Ja, ihr werdet solange ›Pst‹ sagen, bis vor lauter Stillschweigen und Vertuschen der Dampfkessel explodiert ist. Dann habt ihr’s nötig, euch die Ohren zuzuhalten vor dem Knall. Die eine hat ’n ›Durst nach Wissenschaft‹, meint der Edlef. Nun gut, das is wohl nicht gemeingefährlich. Aber die Melenke mit ihrem Durst nach Leben ...«
Der Lehrer dachte einen Augenblick, ob wohl Ohm Rickert zu viel getrunken habe.
Der sah aber nur bekümmert aus, und als nun das einfache Festmahl beendet war und alles aufstand, ging Ohm Rickert zu dem jungen Mädchen und schlug ihr auf die Schulter: »Nun, Nichte Melenke, freut dich deines Bruders Hochzeitstag?«
Sie lachte spöttisch auf. »Zum Ersticken ist’s«, rief sie fast laut. »Und die Langeweile frißt einen auf. Ist das wohl auch eine Hochzeit? Wo bleiben die Musikanten? Ich möcht’ den ganzen Mutterhof zusammentanzen.«
»Das sollst du auch, mein Deern. Und da kommen auch die Bierfiedler. Und wenn dir die Luft zu knapp wird, dann geh vor die Tür, da weht ein artiger Halligwind. Paß fein auf, Deern, daß er dich nicht verträgt. --«
»Hab’ keine Sorg’ um mich und acht auf deinen Schustertanz«, gab Melenke finster zurück.
Da strichen auch schon die Fiedler auf Geigen und Baß, und vier »Junggaster« sprangen vor, knieten nieder, sangen, sprachen und reigten vor dem jungen Paar:
»So steckt he sin Nadelje, so trekt he sin Dradelche, So kloppt he sin Ledder up Ledder. Na, Schohmaker, kumm morgen wedder!«
Ohm Rickert war recht in seinem Element. Als einer der »Junggaster« sich beim jähen Bücken »dat Krüz verrenkte«, sprang der Alte sofort in die Bresche und reigte, tanzte und sang, daß selbst die Ahne mit ihm ausgesöhnt wurde.
Dann holte die alte Kastenuhr mächtig aus und sechs Schläge tönten aus ihr hervor. Ein helles Glockenspiel folgte: »Befiehl du deine Wege.« Da falteten sich alle Hände.
Und die Ahne nestelte an dem Schlüsselbund, das an ihrer schwarzseidenen Schürze hing, und ihre zitternden Hände legten den Schlüssel zur »heiligen Kammer« in Edlefs Hand. Die umschloß ihn fest, und zugleich umfingen seine Blicke die zarte Gestalt seines jungen Weibes in unnennbarer Zärtlichkeit. Pastor Licht gewahrte diesen Blick, und ein großes Freuen war in ihm. »Nun brauchen sie uns nicht mehr«, sagte er zu seinem Luischen. Ganz still drückten sie dem Paar die Hände und verließen den Mutterhof.
Hand in Hand schritten Edlef und Maren zu jedem einzelnen Hochzeitsgast und empfingen ihren Segenswunsch. Mancher gab wohl auch einen eingelernten Spruch, einige sagten »Mit Gott« oder »Gott walt’s«.
Bruder Manne reichte Maren nur die Hand. Sie sah nicht auf, aber sie gab den Druck fest zurück. Da kam sie zu Ohm Rickert. »Nichte Maren,« raunte er eindringlich, »willst noch einen ehrlichen Rat von der Erde mitnehmen, ehe du in den Himmel gehst?«
Maren Holgers nickte sacht.
»So höre zu. Man kann eine Stube nur vom Sofa aus beherrschen! Setz dich nicht immer auf den Stuhl, du kleine, blasse Madam!«
»Wat hedd he seggt?« fragten die Umstehenden.
Aber Ohm Rickert sagte seinen Spruch nicht noch einmal. Denn die Hauptsache für ihn war, daß »die kleine, blasse Madam« ihn verstanden hatte. Voll und groß schlug Maren Holgers ihre Blauaugen zu ihm auf: »Habt Dank, Ohm Rickert! Das Wort tat mir nötig! Ich will’s befolgen!«
* * * * *
Die Geigen jubelten, der Baß brummte und die Flöte klagte, es war ein großer Lärm. Man tanzte den Kehraus. -- Denn noch um sieben Uhr abends wollte der Schiffer einige auswärtige Hochzeitsgäste nach Pellworm bringen. Und als das bräutliche Paar längst verschwunden und der Tumult am stärksten war, stahl sich die junge Melenke vor die Haustür, um nach Rat vom Ohm Rickert einmal -- Atem zu holen ...
* * * * *
Am andern Morgen ging es heiß her in der Universität auf der Schulwarf. Die Jungen hatten alle rote Köpfe und der Lehrer dazu. Manne Wögens konnte sich gar nicht genug tun in der Deutschstunde, und arbeitete mit den Großen, als säße er nicht auf ödem Halligeiland, sondern mit ausgesuchtem Menschenmaterial in der Prima oder Sekunda eines Gymnasiums. Wie frisch die Jungen waren! Wie angeregt! Wie sie ihm folgten! »... und deshalb sage ich euch, ein gutes Buch ist der größte Schatz. Ich will helfen, daß ihr euch eine kleine, gute Bücherei anlegen könnt. Bringt mir alles, was ihr daheim habt. Ich suche und sondere aus, und dann wird nach und nach Neues angeschafft. Sagt’s euern Eltern daheim, daß ihr euch zum Geburtstag ein Buch wünscht. Ich stelle eine Liste auf, und ihr dürft euch aussuchen. Aber bis zum nächsten Geburtstag leihe ich jedem ein Buch von mir.«
Das gab einen lauten Freudenausbruch.
»Nun, Onnen Holgers, mein Sohn,« fragte Manne Wögens, »ich meinte, ich müsse deine Stimme obenauf hören. Statt dessen schaust du aus dem Fenster. Du suchst wohl den gestrigen Tag? Ja, mein Junge, der ist fort, bitte dich gefälligst in die Gegenwart zu bemühen -- --«
Onnen Holgers wurde dunkelrot. »Freilich freue ich mich auf die Bücher,« stieß er heraus, »nur da draußen, -- das ist die Nomine. Was macht sie einmal auf der Schulwarf ...?!«
»Son ol grot Mäten geht ni mehr to Schol!« ließ sich einer von den allerjüngsten Abcschützen vernehmen.
Aber der Herr Lehrer war schon mit einem Hechtsatz, der seiner Turnerschaft alle Ehre machte, zur Tür hinaus. Wahrscheinlich ärgerte er sich draußen selbst über seine Eile, jedenfalls ging er denselben Weg langsam zurück und rief seiner Herde zu: »Es läutet 11 Uhr auf dem Glockenturm, packt langsam und ordentlich ein.«
Dann klinkte er die Gartenpforte auf und sah Nomine Holgers, an einen der verkrüppelten Obstbäume gelehnt. Verstört die Augen und blaß das schöne, kluge Gesicht. »Wollte nur bitten,« sagte sie hastig, »ob Sie Onnen und Karen bei sich behalten könnten, die Kinder passen heut nicht nach Haus ...«
»Es ist etwas sehr Ernstes geschehen, Fräulein Nomine?«
»Ja, -- Melenke ist heimlich fort. Gestern abend schon muß sie sich den Auswärtigen nach Pellworm angeschlossen haben, aber nicht einmal der Postschiffer hat sie erkannt ... Wir fanden einen Brief von ihr. Einen häßlichen, unguten ... Herrgott, Manne Wögens, die Ahne! Sie hat alle Läden im Hause geschlossen, als ob Melenke tot sei.«
Manne Wögens nickte schwer. »Das kann ich mir denken. Die Ahne kennt nur entweder -- oder.«
Nomine kämpfte mit den Tränen, aber sie schluckte sie herunter. »Die arme Maren!« sagte sie. »Edlef ist gleich heute früh mit dem Schiffer Erichsen nach Pellworm und weiter nach Hamburg, will überall nachforschen. -- Es ist doch unsere Schwester! Hätte sie doch nur Vertrauen zu mir gehabt.«
Nomine konnte nicht weiter sprechen, die Kinder standen alle in der Schultür und warteten auf die Erlaubnis des Lehrers, fortzustürmen.
Da reichte er ihr die Hand. »Keine Sorge! Ich will Onnen und Karen betreuen wie mein Eigentum. Gehen Sie ruhig heim. Morgen frage ich nach, wie es im Mutterhof steht. --«
»Dank!« sagte sie nur und ging davon, -- etwas weniger hochaufgerichtet, als die stolze Nomine sonst zu schreiten pflegte. --
»Was ist?« fragte Onnen Holgers dringlich und sah den Lehrer forschend an. Da hob dieser laut seine Stimme, daß es alle wohl hören konnten. »Deine Schwester Melenke ist krank geworden und vom Mutterhof fort.« Und als die andern Kinder mit dieser Neuigkeit fortgestürmt waren, setzte er gütig hinzu: »Darüber betrübt sich deine Sippe natürlich sehr, Onnen, mein Junge. Nun bleibt ihr heute erst einmal bei mir.«
»Oh,« -- sagte Karen mit tiefem Aufjauchzen, »das ist bannig gut.« Und sie faßte vertrauensvoll seine Hand. Onnen sah versonnen aus.
»Mich dünkt, Melenke war schon lange krank«, meinte er altklug. »Ich sagte es ihr auch gestern, wie sie so wild dahertanzte. Da wurde sie böse. -- Ich sei ein dummer Junge. -- Aber man ist nicht immer dumm, wenn man jung ist.«
»Ganz gewiß nicht, du altes Haupt auf jungen Schultern«, lachte Manne Wögens. Und doch war ihm nicht nach Lachen zu Sinne.
»Sie meinen gewiß auch, ich hätte nach der Großwarf gehen müssen,« fuhr Onnen dringlich fort, »Sie sehen ganz so aus.«
»Du mußt nicht Gedanken lesen wollen, ich finde es sehr richtig, daß du hier bleibst.«
»Und ich auch«, bestätigte Klein-Karen.
»Aber ich hätte Ahne und Mutter helfen können«, beharrte Onnen. »Nomine ist so unpraktisch. Und ich hatte mich so schrecklich auf die neue Schwester Maren gefreut, -- sie ist süß.«
»Ja, siehst du, da kannst du dir nun gut vorstellen, wie einsam _ich_ ohne ›diese Süße‹ bin. Alles hat mir der Mutterhof weggenommen,« scherzte Manne, »und du willst mich nun auch noch verlassen?«
Gleich nahm Onnen seine Hand. »Daran hatte ich kein einmal gedacht,« rief er erschrocken, »so bleibe ich gern bei Ihnen, Herr Lehrer.«
Dann aßen sie zusammen Mittag. Und es schmeckte natürlich das einfache Essen im fremden Hause tausendmal besser als die Reste des schönen Hochzeitsmahles daheim. Die Magd schmunzelte über das ganze Gesicht, so sehr freuten sie die jungen Kostgänger. Und der alte, krumme Knecht meinte: »Herr Lehrer, so wat Kinnerkram hürt hieher up de Schulwarf un int Schulhus, laten Se mi noch dat erlewen!«
Am Nachmittage wurden Schularbeiten gemacht. Karen malte mit vor Eifer glühenden Bäckchen ihre Sätze auf die Tafel. Aber der Fleiß war größer als die Begabung, die Worte standen höchst windschief auf den Linien, ja einzelne Buchstaben purzelten darüber hinweg. Der Lehrer war nicht zufrieden, und Karen zog »’ne Snut«.
»Immer noch besser als wenn Nomine schreibt«, rief Onnen mit sachverständigem Blick auf die Tafel. »Oha, wat schriwwt de für ’ne Klau’!«
»Du bist ja heut so kriegerisch gegen deine älteste Schwester«, meinte Manne Wögens. »Weil sie dich hiergelassen hat? Das bestimmte wohl die Ahne und deine Mutter. Und ihr war’t doch sonst so gute Freunde. Nomine hat mir selbst vertraut, daß sie sich am allermeisten auf _dich_ gefreut hat.«
Onnen sah ihn unsicher an und seine Augen verdunkelten sich. »Ich mich auch auf sie«, gestand er mit zuckenden Lippen. Und dann warf er plötzlich die Arme auf den Tisch, legte den Kopf darauf und weinte heiß und jammervoll.
»Ist _das_ Häuflein Elend mein Spartanerjunge?« fragte der Lehrer betroffen.
Da hörte das Schluchzen auf. Und als Manne Wögens ihn gütig anblickte und über seinen lockigen Blondscheitel strich, rief der Junge mit fliegendem Atem: »Sie will mich weghaben von der Hallig. Ja, die Nomine. Ich soll aufs Gymnasium nach Husum und soll später studieren. Dasselbe studieren wie Nomine. Aber ich kann nicht fort von der Hallig, nein, ich _kann_ es nicht.« Ganz schwarz standen Onnens Augen in dem erregten Gesicht. --
Manne Wögens atmete schwer.
»So? Sie will dich forthaben?« wiederholte er leise, wie zu sich selbst. »_So_ sehr ist sie der Stadt und den Büchern verfallen?«
Mit müder Handbewegung strich er sich über die Stirn. »Und warum kannst du nicht von der Hallig fort, Onnen, mein Junge? Denke doch, die Schwester will dich etwas lernen lassen und du lernst doch so gern. Will dich viel mehr lernen lassen als ich selbst dir zu geben vermag. Und du wirst ein großer Herr werden, Onnen, -- denn Wissen ist Macht. Und die arme, kleine Hallig wirst du vergessen ...«
»Sie ist nicht arm und klein«, schluchzte Onnen wild. »Und Sie dürfen nicht so sprechen, Herr Lehrer, -- es ist ja doch Ihre Heimat ... ach, lassen Sie mich hier, ach, lassen Sie mich hier!«
Da nahm ihn Manne Wögens an sein Herz. Und die kleine Karen hob er auf den Schoß und beruhigte sie, denn ihre Tränen flossen reichlich, weil sie den Bruder weinen sah. »Ja, du sollst hierbleiben, Onnen, mein Junge. Ich werde um dich kämpfen. Die Hallig braucht ihre Söhne, und die _besten_ Söhne sind gerade gut genug für sie.«
Der Knabe sah ihn voll Liebe an.
»Lernen will ich wohl tüchtig,« bekannte er, »will auch nach Husum auf ein paar Jahr, wenn es durchaus sein muß, aber ich muß zurückkommen dürfen. Da ist die ›Lüttwarf‹ frei geworden, -- die möcht ich wohl haben, wenn’s die Sippe erlaubt. Und die Deichwirtschaft möcht ich gründlich studieren. Möchte hier mal was zu sagen haben.«
»Du denkst schon voraus, Onnen, aber es gefällt mir von dir. Gern will ich mit dir alles durchgehen, will dir Schifften, Allmende, Mähden- und Weideland auf den Karten und ~in natura~ zeigen. Will dir auch alte Fennbriefe und Gerechtsame vorlesen, damit du so ›bei klein einen Begriff von unserer Verwaltung bekommst‹.«
»Hei! Denn schall Nomine man kamen«, frohlockte Onnen. »Dann sünd wi twee Mannslüd gegen die eine Deern.«
Lehrer Wögens zog die Brauen dicht zusammen.
»Das wird einen harten Strauß mit dem Hochmütchen geben,« sagte er ernst. »Aber du willst es doch wert sein, daß ich um dich kämpfe, Onnen, mein Junge?«
Als abends der Mond voll und groß über der Hallig stand, schaute er auch in Marens verlassenes Mädchenstübchen und schien auf die friedlich schlafenden Kinder, denen auf Bett und Sofa schöne Ruheplätzchen geschaffen waren. Die beiden Alten, der krumme Knecht und die alte Magd, konnten sich nicht satt sehen an den rotbackigen Holgersfrüchtchen. In seiner Stube aber wanderte Manne Wögens hin und her, und Kopf und Herz waren in wilder Unruhe.
Die nächsten Tage brachten keine Änderung.
Es regnete und stürmte draußen, und er behielt deshalb die Kinder zu ihrem Ergötzen bei sich im Schulhause. Er selbst kämpfte sich mit Mühe am zweiten Tage bis zur Großwarf und fand den Mutterhof immer noch dunkel und ablehnend gegen die Umwelt, als wenn der Tod dort eingekehrt sei. --
Ohm Rickert kam ihm entgegen, offenbar froh, jemand »zum Schnacken« zu finden. Die Ahne sei krank und alle Frauen seien bei ihr.
»Ja, nu is de lütt Kessel in de Luft gahn«, meinte er. »Die Ahne hat niemalen Heizer studeert, und mich olen Mariner hat sie nich zum Ratslag haben wollen. De ganze Tid öwer heww ik all spinteseert: ›Melenke! Melenke! Wie kann man ein Dochter Melenke nennen! Heißt Maria Magdalena. Dat is ne böse Vorbedeutung.‹«
»Name ist Schall und Rauch«, wehrte Wögens, und dann fragte er bekümmert: »Ist noch keine Nachricht von Edlef da?«
»Nichts. -- Er hat es uns gleich gesagt. Wenn ich die Deern nicht finde, halte ich mich nicht mit Schreiben oder Telegraphieren auf. Hab’ ich sie aber gefunden, dann gebe ich Nachricht. Na schön. Ist kein guter Anfang für ihn und sein junges Weib. Wir hätten eben die Braut ›aus der Ecke tanzen sollen‹. Dann wär’ alles gut gewesen. Ist alter Halligbrauch. Nun muß sie drin bleiben in der Ecke, das junge Blut.«
»Was Ihr redet, Ohm Rickert!« Manne Wögens gab ihm abschiednehmend die Hand und kämpfte sich den sturmgepeitschten Weg zurück. Ein einziger Mensch begegnete ihm unterwegs, der Pastor Ephraim Licht: »Sieh da, Freund Wögens. Sie kommen, scheint’s, von der Stelle, da ich eben hinwollte. Frauke Holgers hatte mich an der Hochzeit um meinen Rat gebeten in Erbschaftsangelegenheiten. Eine herbe, seltsame Frau, aber mir und unserer alten Halligkirche eine treue Freundin. Wie geht’s dem jungen Paar? Das gibt ein paar Stammeltern, wie sie sich unser Herrgott nicht schöner aussuchen konnte, -- Manne Wögens, über diese beiden freue ich mich.«
So plauderte munter der alte Herr.