Der Mutterhof: Ein Halligroman

Part 6

Chapter 63,777 wordsPublic domain

Aber es klang nicht böse, nicht einmal unwirsch. Und ein Etwas schwang mit in diesem Ausruf, das Edlef noch nie an seiner herben, unzufriedenen Mutter wahrgenommen. Da rief er noch einmal Hurra durch das offne Fenster, all sein Ernst war verflogen, er war nur der überglückliche Sohn und Hochzeiter.

»Du spielst wohl ›Unklug‹?« fragte die hereintretende Ahne. »Was soll das sperrangelweite Fenster?«

»Den Staub jag ich heraus«, rief Edlef. Und er faßte die Ahne um und reigte langsam mit ihr und sang mit schallender Stimme: »Wer die Heimat nicht liebt und die Heimat nicht ehrt, ist ein ›Llllump‹ und des Glücks seiner Heimat nicht wert.«

»Halt auf, Edlef,« rief die Ahne, »ik war jo ganz beswiemelt.«

Und sie sah auf die lachenden Kinder und in lachende Dienstbotengesichter, die zur offenen Tür hereinschauten, um die fünfundachtzigjährige »Frau Mutter« tanzen zu sehen. Da wollte sie schelten, aber sie konnte es nicht. Denn der Edlef sah so strahlend aus, und auf dem sonst ewig grämlichen Gesicht der Mutter Holgers lag ein letzter Sonnenschimmer und verklärte es. --

»Geht an die Arbeit«, gebot die Ahne. Und sie drohte Edlef mit dem Finger und ging mit seiner Mutter aus der Stube. Die sah den Sohn gar nicht an.

Er aber lachte hell hinter ihnen drein.

* * * * *

Noch am Abend desselben Tages kamen Ahne und Mutter in Edlefs Stübchen. Drin saß der Enkel und las in seinem Lieblingsbuch »Friedrich der Große«. Die Ahne streifte es scheu mit einem Blick. Ihr hätte die Bibel passender für einen Hochzeiter gedünkt.

Er sah erstaunt auf ob des ungewohnten Besuches, der mit einer gewissen Feierlichkeit eingetreten war. --

»Mein Edlef,« sagte die Ahne mit nicht ganz fester Stimme, »Mutter und ich wollen dich fragen, ob du ein echter Halligbauer bist?«

»Der bin ich, Ahne und Frau Mutter, zweifelt ihr daran?«

Ein erleichtertes Aufatmen hob die Brust der Ahne.

»Mein Edlef,« begann sie wieder, »es ist unsere Pflicht und unser Wunsch, daß deine Hochzeit auf alte Halligart gefeiert wird ...«

Ein wenig runzelte Edlef die Stirn und um ein weniges verfärbte er sich.

»Ich weiß,« sagte die Ahne, »daß dem Jungvolk der alte Zopf nicht mehr genehm ist. Vielleicht rümpft auch die Braut die Nase und sieht scheel auf alte Gebräuche. Sie ist kein reines Halligblut ...«

»Der kennt meine Maren nicht, der meint, sie achte nicht Überlieferungen«, sagte Edlef rasch. »Aber da ist manches, was gar nicht mehr in unsere Zeit hereinpaßt ...«

»So meint _ihr_. Aber der Mutterhof hat seine Ansicht für sich.« Die Stimme der Ahne zitterte. »Für mich würd’ es Schmach bedeuten, brächtest du dein junges Weib auf neumodsche Art unter dein Dach. Als hätt’ euch der Kuckuck getraut ...«

Sie legte einen Augenblick, wie in Schwäche, die Hand über die Augen. Dann wandte sie sich zum Gehen. »Willst du Bedenkzeit, Edlef? Du hast nur wenige Stunden dazu. Morgen mit dem frühsten müssen die Hochzeitsbitter fort. Ohm Rickert wird dir in allem zur Seite stehen als nächster männlicher Verwandter. Soll ich ihn dir schicken? Oder ...« Sie sah ihn unsicher an.

Da legte er den Arm um sie und umfaßte zugleich die Mutter. --

»Ahne und Frau Mutter, macht mit uns, was ihr wollt. Nur zusammen tut uns, meine Maren und mich. Aber wenn ich euch nachgeb’, dann müßt ihr mir auch zu Willen sein und Frieden mit dem Pfarrer machen ...«

Die Großmutter sah ihn ernst an.

»Noch bin ich die Ahne«, sagte sie herb. »Und noch lebt deine Mutter. _Du_ bist _Jung_-Edlef, vergiß das nicht ...«

Dann war er allein. Verblüfft sah er ihnen nach. Aber der gute Humor behielt die Oberhand. »Sie meint’s gut«, rief er sich selbst zu. »O du meine feine Maren, wie wirst du erschrecken, wenn all das närrische, alte Halligtreiben über dich hereinbricht. Aber sollt ich der Ahne weh tun? Und der Mutter? Und auf meinem Kopf bestehen?«

Er stellte sein Buch in das schlichte braune Regal zurück, nicht ohne vorher liebevoll über die Seiten zu streichen.

»Du Großer! Wie hast _du_ dich ducken müssen! Wie hat man dich geknechtet und gequält! Geschlagen und geschunden! Und doch bist du immer wieder zum harten Vater gekommen und hast um Verzeihung gebeten, weil du streng das vierte Gebot hieltest. ›Auf daß es dir wohl gehe ...‹ Ja, du warst wahrlich ein _Großer_! Und als man deinen liebsten Freund vor deinen Augen erschoß -- -- selbst da bliebst du groß, einzig! Und auch der tote Freund hinterließ dir nur das Wort ›beuge dich!‹ -- Und ich, -- ich Kleiner, ich ›Wittenslicht‹ sollte aufbegehren?«

So philosophierte Edlef und philosophierte sich »bei klein« in seinen guten Anzug hinein, denn er mußte ja nun notwendig noch einmal zu Maren, um die neue Hochzeitsordnung mit ihr zu besprechen. --

* * * * *

Andern Tags in aller Frühe kamen die Hochzeitsbitter mit eilfertigen Riesenschritten zu den angesehensten Halligbauern gelaufen. Sie schwenkten ihre Stäbe und riefen vor der Haustür mit gellender Stimme: »Göh Dai! Göh Dai!« (Guten Tag, Guten Tag!) Dann öffneten sie selbst die Stubentür, und kaum verständlich schrien sie gleichzeitig ihre Einladung heraus: Edlef Holgers und sin Brud Maren Wögens leht Jam badde Datt am söh wohl dühn en kamme en Freidai en fuhn watt Deerds mä. Fahre wohl, kam fliitig tho öhs.[1]

[1] Edlef Holgers und seine Braut Manne Wögens lassen euch bitten, daß ihr so gütig seid und kommt auf den Freitag und nehmt das Mittagmahl mit ihnen. Gehabt euch wohl! Kommt fleißig zu uns!

Anm. der Verfasserin (nach Jensen.)

Ganz rasch entfernten sie sich wieder, nachdem sie den Dank der Eingeladenen zugerufen bekommen hatten. Auf der Schulwarf aber wurden sie mit einem Ehrenschuß begrüßt, was der eine mit einem zierlichen Tanz erwiderte. Denn Manne Wögens hatte viele Freunde unter den Eltern und Kindern, und man freute sich, daß seine feine Schwester auf den reichen Mutterhof kam. So tat die Nachbarschaft der Schule der Einladung alle Ehren an, die der alte Brauch heischte.

Maren saß etwas blaß im Wohnstübchen des Lehrerhauses. Der Bräutigam und seine Schwester Nomine waren ihre Frühstücksgäste, und Bruder Manne hatte eben um elf Uhr seine kleinen Studenten entlassen und konnte sich nun den Gästen widmen. Das gellende »Göh Dai, göh Dai« der Hochzeitsbitter drang auch ins Schulhaus und Maren fuhr zusammen.

»Verzeih«, sagte sie gleich darauf lieblich bittend zu Edlef. »Ich bin nicht städtisch-schreckhaft, -- es ist nur -- ich bin’s nicht gewohnt, Mittelpunkt irgendeiner großen Veranstaltung zu sein.«

Sie barg ihren Kopf an Edlefs Schulter.

»Hört, hört«, rief Manne Wögens. »Als ob sie nicht seit vielen Jahren der Mittelpunkt meines Hauses ist. Aber Bruderliebe wird nicht für voll gerechnet ...«

Gleich hing sie an seinem Halse. »Wie du so reden kannst ...«

Er führte sie lachend wieder zum Bräutigam. »_Da_ ist dein Platz. Ruh’ dich nur aus, Kleines. Denn in den nächsten Tagen hast du nicht viel zu sagen, trotzdem du die Hauptperson bist. Nichts als dein _Ja_. Sprich es hübsch deutlich, sonst sagen die Bauern, du seist gezwungen worden. Sprich’s aber auch nicht zu laut, und steh’ nicht zu rasch aus dem Gestühl auf, wenn Edlef seine Verneigung macht, denn sonst sagt man dir nach, du könntest die Zeit nicht erwarten.« -- Er lachte behaglich. »Ach, die lieben, alten Bräuche! Ich bin der Ahne dankbar, daß sie sie aufleben läßt. Das ist was für mein altes Schulmeisterherz.«

»Nun für meins nicht«, warf Nomine Holgers hart dazwischen. »Ich finde alles barbarisch. Ganz böse bin ich mit Edlef-Bruder, daß er der Ahne nachgab und seinen Schatz so quälen läßt.«

Edlef sah die Schwester betroffen an, und Maren wehrte ihr ängstlich. »Nennst du das Quälerei?« fragte Edlef. »Ich hab’ es mehr als lustige Komödie aufgefaßt, die mir eigentlich nicht recht zu passen schien auf meines Herzens Feiertag. Aber, wenn Ahne und Mutter nicht zu alt sind zu diesem Mummenschanz, warum sollen wir Jungen uns sträuben? Ich tue Ahne und Mutter einen Liebesdienst und bin Maren dankbar, daß sie mir dabei hilft.«

»Kaum einer tut’s noch auf der Hallig«, sagte Nomine. »Aber ausgerechnet der Mutterhof muß immer was Besonderes haben. Wer soll damit aufräumen, wenn wir’s nicht tun. Und wann wird’s endlich geschehen?«

»Wenn Sie einmal Ihren Stadtprofessor heiraten, Fräulein Nomine«, entgegnete Manne Wögens ernst. »An dem Tage bringt der Postschiffer eine gedruckte Karte nach der Hallig, die meldet uns, daß Sie in Kiel oder sonst in einer Großstadt auf dem _Standesamt_ waren. Im modischen Kleid und Hütchen. Ohne ›Geschmeide‹, ohne ›Koost‹ am Vorabend, ohne ›Kuckuck- oder Schustertanz‹. Kurz, ohne jede ›Barbarei‹.«

»Wie Sie gut Bescheid wissen, Manne Wögens.«

»Dafür bin ich Schulmeister. Immer wohl vorbereitet, wie sich’s gehört.« Nur Nomine hörte die Bitterkeit aus den Worten, dem Brautpaar schien alles Scherz zu sein.

»Also, Edlef, ich verstecke dir morgen die Braut nach allen Regeln der Kunst.« So der Lehrer. »Kannst von Glück sagen, wenn du sie überhaupt findest.«

»Auf dem Oberboden, hinter der großen Truhe hocke ich«, flüsterte Maren dem Schatz errötend zu. »Komm nur rasch hinauf, es gibt Mäuse zum Bangewerden viel da oben.«

»Du Herzlieb«, raunte Edlef zurück. »Alle Stufen nehm ich auf einmal. Ach, daß du so gar nicht der Ahne zürnst ob all der Narretei.«

»Nenn’s doch nicht so«, bat sie herzlich. »Du bist doch ein Halligbursch. Ich rechne alles zu dem ›Weg‹, der zum Glücke führt. Nicht das Ziel allein, der Weg ist auch so schön.« Er sah sie selig an.

»Wenn ihr wieder auf Mutter Erde seid, wollen wir gehen«, weckte Nomine sie auf. »Komm pünktlich morgen abend zur ›Koost‹. Und bringt einen Halligmagen mit. Pudding und Saftsuppe, Schinken und Weißbrot gibt es. Auch darin will die Ahne der Neuzeit keine Zugeständnisse machen.«

»Nein,« lachte Manne Wögens, »dann wäre sie nicht die Ahne. Sie hält die Halligkost für sinniger und schöner als einen Stadtpolterabend, und ich weiß, sie wird eigenhändig für ihren Edlef dem Festschinken die Schwarte abziehen und in das weiße Fett den Namenszug des Brautpaares mit Pfefferkörnern drücken. Und ich wette, das rote Seidenband liegt bereit, um den hervorstehenden Schinkenknochen mit einer Schleife zu zieren. -- Und meine Schwester Maren wird den schönsten Mastbaum vor dem Hochzeitshause finden und alle Ehren werden ihr von der Ahne widerfahren.« --

Nomine sah den Sprecher erstaunt an. »Sie sagen das alles, als wären’s besondere Taten. Warum kann ich mich für all dies Abgestandene nicht begeistern?«

»Weil Sie angekränkelt von der Stadt sind«, antwortete Manne. »Sie haben Ihre schöne Halligruhe verloren. Alles was aufhält und nicht vorwärts hastet, macht Sie nervös. Die alten Bräuche fordern Besinnlichkeit. Die haben Sie über Bord geworfen, als Sie Prinzessin wurden.«

»Sie sind ja nett drin im Dozieren, Schulmeister Wögens,« lachte Nomine gezwungen auf. »Wissen Sie auch, daß Sie bar jeder kleinen Höflichkeit gegen mich sind?«

Dem Lehrer schlug eine Lohe übers Gesicht.

»Und darf ich Sie, Nomine Holgers, daran erinnern, daß Sie mir vor Jahren einmal sagten: Wenn du jemals höflich zu mir wirst, Manne Wögens, dann werf’ ich dich zur Flutzeit in den Priel?«

Sie schwieg betreten.

»Was Sie für ein Gedächtnis haben«, sagte sie ablenkend. »Und immer für alles Dumme, was ich je gesagt.«

»Ohhh! Sie haben doch nach Ihrer Meinung auch viel Gescheites gesagt. Auch _das_ habe ich nicht vergessen, -- und werd’s nie tun. Hören Sie? _Nie_!« Er sah sie fest an.

»Dafür hab ich’s ja auch einstmals gesagt«, gab sie rasch und feindselig zurück.

Nun standen alle auf. Maren sehr bestürzt, daß die zwei lieben Menschen so erregt die Klingen kreuzten. Sie legte begütigend ihre Hand auf den Arm des Bruders. Da lachte er.

»Ohne Sorge, Lütten! Fräulein Nomine und ich sind immer Kampfhähne gewesen. Die tun nicht gut zusammen im kleinen Halligpesel ...«

Einen Augenblick nur legte Nomine ihre Hand in die Rechte des Lehrers. Auch Edlef verabschiedete sich rasch, denn er merkte, da wollte nichts Friedliches mehr aufkommen. Fest umschloß er Marens Hand und sagte, sie zärtlich anschauend: »Morgen abend zur Koost!«

* * * * *

Zwei Tage darauf blaute ein klarer Himmel, so recht der siebente Himmel, auf die Hallig nieder. Maren war schon früh aufgestanden und rieb sich die Augen. War noch ein wenig müde von dem vorhergegangenen Abend. Hin- und Rückweg waren beschwerlich gewesen bei dem Frost. Aber hell hatte der Mond geschienen und im Mutterhof war groß Freuen gewesen. Von den Nachbarwarfen hatte niemand gefehlt, ja selbst Vadder Luersen war von der Schulwarf gekommen, hatte aber nur still und bedrückt hinter seinem Glase Wein gesessen, mit Ohm Rickert zusammen. Und dieser hatte mit Kreuz- und Querfragen aus ihm herausgeholt, daß Akke eine »staatsche« Hamburger Agentenfrau sei, deren ältlicher Mann sie in Samt und Seide wickle. Akkes Mutter sei augenblicklich auch in Hamburg, um das unerhörte Glück der Tochter zu beaugenscheinigen, und deshalb habe er sich zur »Koost« freigemacht, um endlich einmal aus »all dem Lüttkinner- und Weegenkram« herauszukommen.

»Dat’s recht, Nahwer Luersen.« Und die ganze »Koostversammlung« hatte mit dem stillen Manne angestoßen. -- Maren wußte längst, daß die erste Braut ihres Edlef Akke Luersen gewesen war. Aber sie sah mit so klaren Augen in die Welt, daß auch nicht der Schatten eines Mißtrauens ihr Herz beschwerte. Dem geliebten Manne all das Unbehagen des ersten Verspruches vergessen zu machen, war ihr einziger Wunsch. --

An diesem Frühmorgen ihres Hochzeitstages, da der Bruder drüben noch schlief, überdachte sie noch einmal den gestrigen Abend, dachte an den alten Tanz, den zwei Halligburschen und zwei Halligmädchen der Ahne zulieb und ihr selbst zu Ehren ausgeführt hatten. Der Vorsänger hatte dazu das »Kuckuckslied« angestimmt:

»De Kuckuck över Thore steiht, de floggt to de Goolsmaats Hus, Herr Goolsmaats, no mag mi um en Kroonzelein. Mags du mi en smukken Kroonzelein, So kommst du mit to Koost.«[2]

[2] Der Kuckuck auf dem Turme steht, der fliegt zum Goldschmieds Haus. Herr Goldschmied, machst du mir um ein Kränzelein. Machst du mir ein schönes Kränzelein, So kommst du mit zur »Koost«.

Anm. d. V. (nach Jensen.)

Und die vier Tänzer hatten sich kreuzweise ihre Hände gereicht und sich immer auf demselben Fleck gedreht und geschwungen, und über der Ahne altes Gesicht war ein helles Leuchten gegangen. -- Maren dachte mit hoher Freude an dieses Leuchten und daß sie in ein Haus voll alter, schöner Bräuche kam. --

Jetzt hörte Maren, wie drüben der Bruder aufstand, und sie warf rasch ihr schlichtes Hauskleid über und breitete den Hochzeitsstaat auf ihrem Bette aus. Liebevoll strich sie über das schwarze Atlasgewand. Sie hätte sich wohl auch gern in schneeiges Weiß gehüllt, aber der vor ihr liegende schöne Stoff stammte vom Brautkleid ihrer Thüringer Mutter. Das hätte Maren nun und nimmer verschmäht. Die Mutter war aus einer alten Organisten- und Lehrerfamilie hervorgegangen, und über Marens geblümtem Zitzsofa hing die lange, stattliche Ahnenreihe in Schattenrissen und Wasserfarbenbildern. Das eine Bild trug sogar ein Lorbeerkränzlein. Das war der Magister Krischan Haage aus Eisenach, der sogar dem Johann Sebastian Bach einmal -- die Bälge getreten hatte.

Draußen ging die Haustür, man hörte einen Freudenausruf der Magd, und nun trat Maren ans Fenster, öffnete es und schaute hinaus. Da ragten zu beiden Seiten des Schulhauses zwei hohe Mastbäume mit wehenden Fahnen, umkränzt von dunklem Tannengrün. Maren wurden die Augen feucht und ihre Hände falteten sich. Gestern abend hatten die Bäume noch nicht gestanden, -- welche Heinzelmännchen waren da tätig gewesen? Und wie hatte sie jedes Geräusch so verschlafen können? Das machte wohl die innere Ruhe, die ihr das sichere Glück von Edlefs Besitz gab. Edlef Holgers! Wie sie ihn liebte! Ganz Friesin wollte sie werden, ganz Halligfrau. Ahne und Mutter wollte sie betreuen, und der Mutterhof sollte wachsen unter ihrer fleißigen Hand.

Wieder ging die Haustür, und Schritte kamen die Treppe herauf an ihre Kammer. Dann sah sie in ein gütiges Frauenantlitz. »Tanten Frauke!« rief Maren erfreut.

»So scheine ich ja das Rechte getroffen zu haben«, sagte diese und schüttelte Marens Hand. »Ich wollte nicht, daß die Magd dich ankleiden sollte, und im Mutterhof hat man doch alle Hände voll zu tun. Nimm die Alte einstweilen als Brautführerin, willst du?«

»Niemals könnt ich mir eine Liebere wünschen.« Sehr herzlich klang Marens Stimme. »Eine Mutter hab’ ich nicht mehr, und Mutter Holgers stellt sich noch fremd zu mir ...«

Tanten Frauke begann Maren die Hochzeitsstrümpfe und festen Schnallenschuhe anzulegen.

»Weil deine Mutter Ausländerin war«, begütigte sie. »Das begreift und verzeiht so rasch kein Halligeingeborener. Ich hab’s am eigenen Leib erfahren. Und doch kommt’s der Hallig zugute, wenn wir fremdes Blut hereinbekommen ... Aber ist das auch ein Gespräch am heiligen, frohen Hochtidmorgen? Vor allen Dingen wollt ich dich nicht allein lassen, mein Deern, wenn der Bräutigam dich suchen kommt. Es wird ein tüchtig Ringen abgeben, die Burschen von der Schulwarf halten bannig Widerstand. Sogar die großen Schüler von deinem Bruder haben sich zu den ›Junggastern‹ gesellt.«

»Der arme Edlef! Wie muß er mich sauer verdienen!«

»Das schadet nichts«, lachte Tanten Frauke, und Maren sah erstaunt, wie das verhärmte Gesicht der Einsamen sich in der Freude lieblich verklärte. »Kind, Kind, was hatten in früherer Zeit die Mannsen auf unserer Hallig auszustehen, ehe ihnen die Braut zugesprochen wurde. Das war so schlimm, daß einmal ein Brüjam noch vor der Kirchtür umgekehrt ist. Zerrungen und verprügelt kam er dort an und sollte nun noch über ein hochgespanntes Seil springen. ›Ne, dat is se mi nich wert‹, hat er gesagt, und ist heimgegangen. Freilich mußte er auch gleich sein Bündel schnüren und auswandern, sonst hätte man ihn gefemt.«

»Und die arme Braut?« fragte Maren teilnahmevoll.

»Kind, die nahm einen andern. Am selben Tag, ja zur selb’ Stund’ war ein Ersatz da. Ich bitt’ dich, Kind, -- man will doch das Hochzeitsessen nicht umsonst gekocht haben.«

Maren wußte nicht, ob das Ernst oder Scherz oder Bitterkeit war. Tanten Frauke hatte den Kopf zur Erde geneigt und nähte am Saum des Hochzeitskleides ein paar Stiche. --

»Und sind sie glücklich geworden?« fragte Maren beklommen.

»Glücklich? Kind, Kind, nimm keine überspönigen Stadtbegriffe hier auf die Hallig mit. Sie haben _ehrbar_ miteinander gelebt, das ist Glück. Sie haben viele Kinder geboren, so viele, daß die Eltern über dem Jüngsten den Ältesten aus den Augen verloren. Aber sie nennen es ›Glück‹. Was aber du und dein Edlef Glück nennt ...«

Tanten Frauke schwieg, und ihre Lippen waren weiß, so fest schlossen sie sich aufeinander.

Nun hob sie den Brautkranz aus künstlichen Myrthen hoch, daran der zarte Schleier befestigt war. Schon etwas gelblich angehaucht schien das duftige Gebilde, denn von der Hochzeit der Mutter her lag es in wohlverwahrter Truhe. Aber die breite Kante ringsherum war feinste Nadelarbeit, und Tanten Frauke prüfte sie in ehrlicher Bewunderung. Ein helles Rot der Freude schoß in Marens zartes Gesicht. »Ich bringe ja dem Edlef so gar nichts mit,« gestand sie zagend, »aber dieser Schleier ist mit fünftausend Mark eingeschätzt worden, es ist mein Stolz ...«

»Du Närrlein! Dein Thüringer Herz ist ebenso viele Millionen wert. Aber für die Ahne und besonders für Edlefs Mutter schadet es nichts, wenn ich die Tatsache im Mutterhof ein wenig verbreite.« Tanten Frauke stellte sich prüfend vor die Braut hin. »Schön bist du, Maren Wögens«, sagte sie laut und ehrlich. »Dein Edlef wird dich mit Jubel umfangen.« Und in tiefem Ernst setzte sie leise und dringlich hinzu: »Aber bete, Maren! Bete unablässig, daß Gott deinen Leib segnen möge. Der Mutterhof birgt zwei Dinge. Ein Himmelsdach für die alte geschnitzte Wiege in der Abseite eures Schlafpesels und -- die Hölle für die Unfruchtbaren.«

Wie eine finstere Norne stand die Sprecherin da, ihre Augen sahen unheilvoll und vergrämt zugleich aus, und hatten doch eben noch mit bewundernder Liebe auf der Braut geruht. Maren faßte bebend ihre Hand.

»Edlef und ich haben uns unsäglich lieb«, sagte sie, als sei mit diesem Geständnis der ganze Zukunftshimmel wolkenlos geworden. Bitter lachte Tanten Frauke auf. Dann raunte sie, dicht an Marens Ohr geneigt: »Niemand konnt sich so über alles Verstehen lieb haben wie Tedje Holgers und ich. Lachend gingen wir zu Bett, und singend vor Tau und Tag an das Tagewerk. So viel Sonne hat noch nie auf die Hallig geschienen als in jenen Jahren. Und konnt mich doch verlassen, konnte die Hand gegen mich aufheben im zwölften Jahre unserer Ehe, als er sah, die Wiege würde für immer leer bleiben in unserer Kammer. Kind, Kind, -- möcht’ es dir erspart bleiben, daß dein Herze ruft und schreit und hungert und dürstet nach Liebe und keine Antwort bekommt. Hölle! Hölle!« Tanten Frauke schwieg erschöpft. Dann hub sie wieder an: »Nicht daß er sich zu einer anderen gewendet hätte, o behüte Gott, das tut kein Holgers. Er wär’ auch sonst dem ›Rügenopfer‹ verfallen. Denn kein Land wahrt so streng das sechste Gebot wie die Hallig. Aber Herz und Leib hat er mir verfemt ... Einmal, da schien’s, als kehrt er zu mir zurück, -- aber da war’s der Ahne zu viel mit dem ›verliebten Getu‹, und sie holte ihn von mir fort, schickte ihn zur Nacht zur salzen See. Die nahm ihn und behielt mein Glück ...«

Maren faßte erschüttert beide Hände der Erzählerin, die wie zerbrochen im Stuhl lehnte.

»Wie seltsam und grausam wird mir mein heiliger Tag bereitet«, dachte Maren. »Wenn doch mein Edlef käme, oder Bruder Manne!«

Da tönte verworren Geschrei von draußen herein, und gleichzeitig zeigte sich Manne Wögens’ ernst-frohes Gesicht im Stübchen. »Edlef kommt!« rief er. »Er hat uns überrumpelt, der Hochzeiter, -- flink, Maren, flink auf den Oberboden. Ei der Tausend, wie bist du schön, Schwesterlein. Nimm fein den Schleier zusammen, daß er dir nicht zerreißt.«

Er schob Maren liebevoll drängend zur Tür hinaus und gewahrte in seiner geschäftigen Eile gar nicht die tiefe Erregung der Frau, die in der Stube saß und die sich jetzt erst zu fassen schien. Er begrüßte sie eilig, und zugleich schob sich hinter ihm eine wunderliche Gestalt herein. Ein alter, kümmerlicher und krummer Knecht war es, der hie und da Botengänge für den Schulmeister tat, wichtige Schriftstücke zum Pfarrer oder Gemeindevorsteher trug, im übrigen so um Gottes willen von Manne Wögens erhalten wurde. -- In gewöhnlichen Zeitläuften ein über die Achseln angesehenes Häuflein Elend, gehörte er heute mit zu den Hauptpersonen, denn er mußte den ungeduldigen Bräutigam »aufhalten«, mußte ihm als »falsche Braut« verkleidet mit närrischen Worten bedeuten, daß er, der Knecht, die Auserwählte sei, und daß er gern bereit wäre zur Kirche und in die Kammer mit ihm zu wandern. --

Draußen auf der Warf flogen lustige und auch wilde Worte hin und her. Die ganze Freude, aber auch die ganze Derbheit der Friesen kam zum Ausdrucke in dem Jubel, daß endlich einmal wieder eine rechte Hallighochzeit zugange war.

Aber Edlefs Kraft und Gewandtheit kürzte sieghaft die ihm zugedachte Wartezeit ab, und vor dem Draufgängertum der »Haltjunkengänger«, die sich Edlef von den andern Warfen mitgebracht hatte, mußten die von der Schulwarf sich ergeben. -- Lachend und erhitzt, leicht verlegen stand Edlef Holgers im Wohnpesel des Schulhauses. Er wehrte die »falsche Braut« mit heiterem Abscheu von sich fort, warf ihr ein Goldstück zu und lief mit Sturmschritten nach dem Oberboden.

Dort richtete sich die bräutliche Maren hinter der Urvätertruhe auf und stand recht wie ein liebliches Heiligenbild in all dem bunten Gerümpel ringsumher. Edlef Holgers zog seinen geschmückten Brauthut tief zur Erde.

»Du!« stammelte er. Und nach einer Weile: »Willst du mit mir gehen, Jungfrau Maren?«

»Bis in den Tod!«