Der Mutterhof: Ein Halligroman
Part 5
Fünfzehn Kinder hatte die Ahne geboren, sieben davon »kleinweis« hergeben müssen, da waren ihr auch sieben Schwerter durch das Herz gegangen, wie man’s von der Gottesmutter erzählt.
Aber die acht anderen, sieben Jungs und eine Deern, waren alle fixe Kerle geworden. --
»Geliebt« hatte auf dem Mutterhof wohl nur die »Tanten Frauke«. War ein schönes Mädchen gewesen, und der Ahne dritter Sohn Tetje hatte sie auf den Mutterhof gebracht. Der war von klein auf ein Träumer. -- So des Abends auf der grünen Hausbank vor der Tür zu sitzen und ins verglimmende Abendrot zu schauen, das war ihm das Liebste. Jeden Stern kannte er am Himmel, und lehrte es auch die Frauke. Von der hildesten Arbeit konnte er sie wegholen, und dann saßen die beiden Hand in Hand »rein wie verbast«. Fleißig war ja die Frauke und flink und hatte einen ordentlichen »Batzen« auf den Mutterhof mitgebracht, also daß zwei Scheunen hatten erneuert werden können. Aber so eine richtige Kraft war sie nicht, und -- sie blieb ohne Kinder. Das war unerhört im Mutterhof. Was hatte sie, die Ahne, für bittere Zähren vergossen, daß sie selbst es nur auf fünfzehn gebracht. Hielt es ihr die Schwieger nicht täglich vor, die ihrem Manne selbst einundzwanzig gebar?
In alle Welt waren die Holgers zerstreut, und ein stolzes Wort ging um: »Aufrecht und brav wie ein Holgers.« Die meisten von ihnen ruhten freilich auf dem Meeresgrunde. Fischer- und Seemannslos. Auch Fraukes Mann, der Träumer und Sterngucker, war nicht wiedergekommen. Und die Ahne erinnerte sich nicht gern daran, daß sie selbst ihn fortgescheucht hatte von seiner Frau, mit der er damals fünfzehn Jahre verheiratet war. Es hätte vielleicht nicht Not getan, daß Tetje Holgers an dem Abend zum Fischfang auszog ...
Aber die Ahne hatte das »verliebte Getue« nicht leiden können, und hart gespottet, wie sich der Tetje gar nicht trennen konnte und immer wieder die Frauke küßte und strakte. Und wie hatte sie mit der Schwiegertochter gescholten, daß diese dem Gatten plötzlich nachgelaufen war und dicht vor dem Priel ihn eingeholt und auf der Fenne vor allen Leuten gehalst hatte.
In derselben Nacht stand der grause Sturm auf und ... machte Frauke Holgers zur Witwe. Es kehrte niemand von den Bootsleuten zurück. Seitdem war Frauke das herbe, stille Weib, das einsam im Altenteil hauste. Ohne Kinder, ohne Enkel, ohne Freude. Es wurde der Ahne, die doch so fest an das »Gotteszeichen« glaubte, immer unbehaglich zu Sinn, wenn sie an das liebeleere Leben der Einsamen dachte, die doch so still und ohne Vorwürfe gegen andere ihren Leidensweg ging. Die Ahne mußte sich oft selbst bezwingen, daß sie nicht zu viel Hochachtung empfand vor der »Unfruchtbaren«. Und daß sie nicht ungerecht wurde gegen die Frau ihres Erstgeborenen, die doch zwölf Kinder hatte, von denen Edlef der Älteste war. Warum konnte nur die Ahne zu dieser Schwiegertochter so gar nicht in Fühlung kommen? Die doch die Überlieferung des Mutterhofes wahrhaft hochgehalten hatte. --
Wie oft hatte die Ahne schon im Herzensgrund gemeint, die Behaglichkeit und der Gottesfriede wohne allein im Altenteil bei Frauke Holgers, -- doch sie hatte diese aufrührerischen Gedanken immer gewaltsam verscheucht. --
Aber gut war es trotzdem, daß die leuchtende Liebe wieder allen sichtbar über Mutterhofs Schwelle schritt. Der Enkel Edlef und die feine, schöne Maren mit den strahlenden Blauaugen. Das war wohl so recht ein Paar nach Gottes Herzen. Da sah eins nur das andere, und die Hallig hätte untergehen können, die beiden wären’s nicht gewahr worden. Da konnte man wohl beten, daß dieses Glück blieb. Daß zu dem vielen Licht nicht viel Schatten kam. Enkel Edlef artete nach dem Ahn. Und der war gut und nachsichtig gegen andere gewesen und mochte auch nur frohe Gesichter leiden. Aber für sich selbst wollt er doch immer ein Extragericht, und Gott sollte sich nach seinem Willen richten. -- So hatte er scheinbar mit eigenem eisernen Willen sein Schicksal gemeistert. Und Edlef? Der setzte aus sorglos gutem Herzen die verfemte Verwandte in die alten Ehren ein, wie würde er aber wohl handeln, wenn ihm selbst Nachkommen versagt blieben??? Die Ahne mocht’ kaum dran denken. Holgersart konnte grausam sein.
Am dritten Feiertag des Weihnachtsfestes sollte die Hochzeit sein, und im Jungteil des Mutterhofes hatte man dem jungen Paar das Nest gebaut. Denn wenn auch Edlef Holgers nun Herr des Mutterhofes wurde, blieb doch nach alter Überlieferung seine Mutter die Herrin neben ihm so lange, bis auch Karen, das jüngste Kind, achtzehn Jahre wurde. Dann siedelten sie alle ins Altenteil, und Edlef würde fortan im Mutterhof wohnen.
Bis dahin hatte es aber noch gute Wege.
Die Ahne schaute mit hellen Augen auf das stolze Gewese. Der stattliche Mutterhof nahm die Mitte des Hofes ein. Daran schloß sich das große Altenteil, das sie selbst bewohnte. Links vom Mutterhof lag das kleine Altenteil, das von Frauke Holgers’ eigenem Gelde erbaut worden war und das innen und außen ein rechtes Schmuckkästchen darstellte. Dem gegenüber lag das »Jungteil«, das jetzt ganz neu für Edlef und Maren hergerichtet war.
»Mit Gott«, sprach die Ahne und ließ die Augen über die Reihe der blitzenden, kleinen Fenster gleiten, hinter denen die Brautkammer lag mit den blühweißen, hoch aufgeschichteten Betten. Die Ahne selbst hatte die schneeigen Spreidecken darüber gebreitet, und die »heilige Kammer« verschlossen, wie sie auf dem Mutterhof hieß. Erst um die sechste Nachmittagsstunde des Hochzeitstages, wenn die Kirchenglocke zur Vesper läutete, würde die Ahne mit großer Feierlichkeit dem jungen Hochzeiter den Schlüssel übergeben. --
Mit Gott!
In all ihren freudig-wehmütigen Gedanken sah sie jetzt den Herrn Pfarrer über die Fennen herankommen. Er nahm die Richtung nach dem Mutterhof. Die Stirn der Ahne umwölkte sich.
Sie verstand die Welt nicht mehr. Wenigstens das Neumodische nicht, das nicht einmal Halt vor der Kirche machte, sondern sogar Selbstmörder in geweihte Gräber legte unter Orgelspiel und Glockenklang. Und dazu gab sich Pastor Licht her, den sie bis jetzt immer als echten und rechten Hirten geachtet hatte. Aber freilich, es war ein Ausländer. So ein Thüringer mit solch wunderlicher Sprache mußte ja auch wunderliche Ansichten haben, die ganz und gar nicht auf die Hallig paßten. Die Ahne hatte auch dem Enkel noch nicht wieder die Hand gegeben, seit Edlefs Hände den Sarg des Selbstmörders aufgehoben hatten.
Und ihr Freund, der junge Schulmeister Manne Wögens? Nein, die Ahne verstand die Welt nicht mehr, und es war wohl »hohe Tid«, daß der Herrgott sie abrief. Aber erst einmal sollte »Hochtid« sein.
Pastor Licht schritt die Steinstufen zum Mutterhof heran. Schon von weitem hatte er einen Riesenschneemann leuchten sehen, und jetzt mußte er über den ungefügen Kerl lachen, der mit schwarzen Kohlenaugen und roten Ziegellippen grimmig dreinschaute und gar drohend einen festen Knüppel schwang. Einladend sah das Ganze nicht aus.
An der Steinmauer, die das Gewese einfriedigte, hörte er Kinderstimmen. Pastor Licht trat ein wenig zurück, denn nun sah er, daß Onnen und Karen etwas Wichtiges vorhatten.
Die Kinder drehten dem Besucher den Rücken, die kleine Karen hatte die hohe Friesenhaube der Mutter aufgesetzt und Onnen legte sich eine große, schwarze Schürze wie einen Talar um. Zwei Schneegruben hatten die Kinder gegraben, der große Spaten lag noch im Weg.
Die eine Grube war dicht an der Mauer, die andere unter dem prächtigen, weitverzweigten Birnbaum, der eine Zierde der obstarmen Hallig war. Karen stand vor dem Bruder. Auf ihren Armen ruhte eine längliche Schachtel und in dieser eine alte, sehr häßliche Puppe, die vielfach gekittet und geflickt, Spuren unheilbaren Leidens an sich trug. »Liebe Gemeinde«, predigte Onnen. »Ich sehe es dir ja an, daß du diesen elenden Selbstmörder unter dem schönen Birnbaum begraben willst. Aber das kann rein nicht angehen. Wer will wohl so’n Kerl zum Nachbar haben? Und der liebe Gott wird euch furchtbar böse werden. -- Unterm Birnbaum da liegt ja Peter Witt, den sie immer den ›Dieb‹ nannten und Pieter Martje, der seine Frau prügelte, aber sie bedanken sich schönstens, -- neben ’n Selbstmörder wollen sie auch nicht liegen. Also fort mit ihm ans Mäuerchen. Amen.«
Damit packte Onnen die Puppe und warf sie in das Mauergrab.
Kläglich schrie Karen auf.
»Fix, Karen, spring nach«, gebot Onnen. »Jetzt kommt doch erst das Schönste. Du bist doch die Mutter. Du wirst doch nicht leiden, daß sie dir dein Kind an die Mauer legen. Man zu, -- jetzt begraben wir’s unterm Birnbaum ...«
Karen hatte ihr Kind aus der Grube herausgerettet, aber nun schrie sie Zetermordio und weigerte sich, es einem neuen Begräbnis auszuliefern. »Nein, nein, Onnen, ich trag mein Kind in die warme Stube, dann wird’s wieder lebendig. Dann brauch ich’s gar nicht herzugeben.«
Onnen war sehr mißmutig dieser schlagenden Logik gegenüber. »Du hast gar keine Phantasie«, rief er voll Zorn der Enteilenden nach. Da legte sich eine Hand auf seine Schulter und er sah dem Pastor ins ernste Antlitz. Verlegen riß er sich den »Talar« herunter.
»Mein lieber Junge,« sagte Pastor Licht, »Mutterliebe ist besser als Phantasie. Und deine Karen scheint mir eine rechte, echte Puppenmutter zu sein. Aus denen werden dann die guten Menschenmütter«, setzte er mehr für sich hinzu. »Nun zeig mir den Weg zur Ahne, mein Sohn, ich muß mich ein wenig aufwärmen bei euch. Warm wird man nicht bei Begräbnissen, ob man nun unter dem Birnbaum bettet oder am Mäuerchen einscharrt.«
Onnen sah scheu nach dem Pfarrer hin. Die letzten Worte hatten gar eigentümlich geklungen, und das Gesicht des Sprechenden sah finster aus.
Drinnen im Wohnpesel wartete die Ahne. Sie hatte sich rasch ihr Gottestischkleid angezogen, um den Pfarrer würdig zu empfangen, aber sie machte nur einen tiefen, altmodischen Knix, und ihre Hände, die sich sonst immer so rasch dem Eintretenden entgegengestreckt hatten, blieben krampfhaft verschlungen.
»Ich muß den Herrn Pastoren allein empfangen,« meinte sie förmlich, »all meine Leute sind hilde zugange wegen der Hochzeit ...«
»Mir würde die liebe Ahne auch ganz allein genügen«, meinte Pastor Licht. »Aber ich bin an ihr helle, freundliche Augen gewohnt, die immer eine Lampe im Wohnpesel überflüssig machten. Wo sind die beiden guten Lichtchen? Und darf ich meine zwei Hände nicht in Großmudder ihre hineinlegen?«
Die alte Frau pflückte mit ihren Fingern und sah an dem Seelsorger vorbei.
»Ich kenn mich nicht mehr aus, Herr Pastor«, sagte sie finster.
»Dann wollen wir beide recht ein Weilchen zusammenbleiben, Ahne.« Der Pfarrer setzte sich geruhig auf die Ofenbank. »Ich denk, wir sind’s beide wert, daß wir uns noch einmal wieder kennen lernen. Es wär doch schade, wenn unsere schöne Freundschaft in die Brüche ginge.«
Die Ahne hatte sich in ihren Ohrenstuhl gesetzt. Das Spinnrad holte sie, stellte es vor sich hin, netzte den Faden, und trug es ebenso rasch wieder beiseite. Das grobe Strickzeug wickelte sie aus dem Handarbeitskorb heraus, aber es lag dann müßig in ihrem Schoß. Da legte sie es in seinen Behälter zurück.
»Ja, ja, Ahne«, sagte der Pfarrer ernst. »Ich kenne das. Wenn man ärgerlich oder gekränkt ist, dann wollen die Finger zu keiner geruhigen Arbeit taugen. In solchen Zeiten steck ich mir die Pfeife an. Aber der Ahne fehlt solch Trostmittel ...«
»Weshalb um tausend Gotteswillen haben Sie so etwas getan, Herr Pastor?« brach die Ahne los. »Wenn die Kirche erst mal nicht mehr feststeht ...«
»Ach, die steht noch ganz fest, Ahne.« Fast leise sprach der Pfarrer. Er wollte wohl nicht, daß irgend jemand der übrigen Bewohner etwas von ihrem Gespräch vernehmen sollte. »Aber selbst wenn sie einstürzte, liebe Ahne, würde unser Herrgott nicht um eine Wohnung verlegen sein. Da ist z. B. das Herz Ihres Enkels Edlef, -- das gäbe ein gutes Herrgottsstübchen ab ...«
»Ich verstehe das alles nicht, was der Herr Pastor da spricht ...«
»So will ich deutlicher werden, Ahne. -- Wir alle, und ich leider Gottes an der Spitze, hatten neulich den lieben Gott verleugnet, -- jawohl, Sie auch, Ahne, -- ich kann nur ganz wenige ausnehmen, darunter mein Luischen und Mutter Claußen, aber die war ja Partei ... Also da hat sich der Herrgott nach einem Obdach umgesehen, und fand Ihren Edlef. Aus dem heraus hat er mich dann bearbeitet, hat mir in einer bitterernsten, schlaflosen Nacht gezeigt, daß ich tönendes Erz und klingende Schelle sei, wenn ich nicht ganz rasch die Liebe und nur die Liebe walten ließe. Ahne, ich wünsche jene Kampfnacht nicht meinem ärgsten Feinde, wohl aber den Erkenntnismorgen, der darauf folgte, jedem meiner Freunde. Ihr Enkel Edlef, liebe Ahne, sprach mir von seinem toten Schulkameraden, und jedes Wort war Liebe, -- er zeigte mir die unglückliche Mutter Claußen, und jedes Wort war Liebe. -- Ahne, ich sag’s nicht als Entschuldigung, daß ich im Grunde des Herzens genau so dachte wie der Edlef. Aber ich tat’s aus Gründen der Aufklärung, nicht aus Liebe. Ich wollte der Gemeinde kein Ärgernis geben. ›Wehe dem, durch den Ärgernis kommt.‹ Ach, die Bibel hat soviel Sprüche bereit, und das Menschliche in uns holt diese sich gern zur Entlastung. Die größte Sünde ist aber oft die Bequemlichkeit. Doch ich weiß genau, liebe Ahne, Gott wird am Jüngsten Tage jeden Sünder, und wir sind’s allzumal, fragen: ›Wo war deine Liebe?‹ Und dem, der viel liebte, wird viel vergeben werden. Wer aber bei Guttat oder Sünde ganz ohne Liebe war, -- -- über den wird der Herrgott sein ›Wehe‹ rufen.« --
»Das hört sich gut und christlich an, Herr Pastor. Aber wozu sind Eltern und Großeltern da? Hätte Mutter Claußen nicht wie in einen goldenen Kelch in ihren Peder geschaut, und die Rute nicht nur zum Spaß hinter dem Spiegel gehabt, -- dann wär die Todsünde nicht geschehen.«
»Ihr Frauen, ach, ihr Frauen!« Pastor Licht wiegte den Kopf hin und her und fuhr sich dann unmutig durch sein volles, graues Haar. »Ihr könnt inwendig die Güte selbst sein, könnt anderer Leid heben und tragen in völliger Selbstüberwindung. Und dann wieder seid ihr so hart. Ruft ›Todsünde‹ aus, wo ihr leicht ebensogut ›Schwachheit‹ sagen könntet.«
»Selbstmord ist Todsünde«, beharrte die Ahne. »Und der Herr Pastor tut nicht gut, an diesem alten Friesenglauben zu rütteln. Wir auf dem Mutterhof bleiben bei der alten Lehre. Ich hab dem Enkel Edlef noch nicht die Tagszeit geboten seit jenem Unheilstag, und geh auch nicht zu Mutter Claußen zur Kondolenz.«
Traurig und zornig sah Pastor Licht die Ahne an. »Hätt’s nicht geglaubt«, sagte er nach langer Pause. »Hab’ noch neulich bei einer Visitation erzählt, daß die Ahne nicht nur die älteste Frau auf unserer Hallig, sondern auch die gescheiteste und -- die frömmste sei. Ich weiß, daß Sie ein paarmal die Bibel durchgelesen haben, weiß, daß Sie mehr als einmal das Kapitel vom Zöllner und Sünder durch- und durchdachten. Und nun sitzt die Ahne doch da und schlägt sich an die Brust ...«
»Weiß schon, was Sie sagen wollen, Herr Pastor, und bedank mich schön für den ›Pharisäer‹. Aber in diesem Punkt kommen wir nicht auf gleich. Das ist vielleicht in Ihrem Thüringen anders ...«
»Ach nein, liebe Ahne, -- so arg dürfen Sie sich nicht überheben,« fiel der Pfarrer mit gutem Humor ein. »So bockbeinig wie Sie sind meine lieben Thüringer noch allemal. Da haben Sie auch nicht das geringste voraus.«
Die Ahne sah ihn unsicher an.
Pastor Licht stand auf. »Ich gehe jetzt, Ahne. Es war ein Metzgergang und sollte doch ein schöner Friedensgang werden. Nein, nein, -- laßt Eure Hände ruhig im Schoße liegen und quält Euch nicht damit, mir sie widerwillig zu reichen. Ich möchte sie jetzt gar nicht nehmen. Erst wenn Ihr recht davon überzeugt seid, daß auch der Mutterhof irren kann, und Ihr Euch noch einmal recht von Herzen wünscht, neben Peder Claußen auf dem Friedhof gebettet zu werden, -- dann Ahne ...«
Die alte Frau fuhr in fast jugendlichem Ungestüm auf.
Dann legte sie ihre Hände doppelt fest ineinander. »So darf sich unser Herr Pastor nur das Warten nicht verdrießen lassen«, sagte sie steif. --
Da ging der Pfarrer mit wuchtigen Schritten hinaus.
Auf dem Deich begegnete ihm Edlef Holgers. Er hatte alle Kerzen der Welt in seinen blauen Augen und wohl noch die ganze Süßigkeit auf den Lippen, die ihm Maren Wögens auf den Weg mitgegeben hatte.
»Guten Tag, Herr Pastor, immer gut zu Wege?« rief er dem Seelsorger strahlend zu.
»Der Weg ist nicht so arg gut«, gab dieser grimmig zurück. »Bin rascher vom Mutterhof weggekommen, als ich hinkam bei dem beschwerlichen Schneewetter. Aber die Ahne ...«
Die Lichter in Edlefs Bräutigamsaugen waren mit einemmal ausgeblasen.
»Die Ahne ist ein Dickkopf«, brach er los. »Gott verzeih mir das Wort. Sie hat mich heut aus dem Haus vertrieben, wo ich so notwendig war. Die Hand gibt sie mir nicht, das Wort gönnt sie mir nicht ...«
»Dickköpfe seid ihr Holgers all«, brummte der Pastor. »Seid allen Halligbauern darin über. Denn mit denen bin ich schon wieder auf gleich, nur mit Mutter und Ahne noch nicht. Und werd’ es auch nicht. Das sitzt zu verbohrt. -- Wird eine nette Hochzeit werden, Edlef, wenn wir alle so vergritzt sind. Nun, ich geb’ euch zusammen und bleib dann still in meiner Studierstube ...«
»Das tut uns der Herr Pastor Licht nicht an«, sagte Edlef dringend. »Eine Hochzeit auf dem Mutterhof ohne den Seelsorger auf dem Ehrenplatz, das gibt es doch nicht.«
»So leuchte ein bißchen in die verstaubten Ecken hinein, hast ja Liebe genug in dir, gelle?« rief Pastor Licht und kam stark in seine Thüringer Mundart hinein, wie immer, wenn er erregt war.
»Die Liebe hab’ ich, Herr Pastor, die hab’ ich«, rief Edlef. »Ach, die Maren, meine Maren, -- sie macht einen ja völlig zum guten Menschen.«
»Da hat sie freilich bei Edlef Holgers schwere Arbeit«, neckte der Pfarrer. »Sorg nur, daß dein junges Weib geehrt wird, Edlef. Sie springt so ahnungslos in eure Traditionen hinein, -- laß sie drin schwimmen, aber nicht ertrinken, Edlef.«
»Da sei Gott vor, Herr Pastor, ich weiß schon, was Sie meinen. Aber sie kommt auch aus einem Hause mit schönen Überlieferungen und wird gut in den Mutterhof passen. Sie sagte mir heut etwas von ihrer seligen Mutter, -- das Wort hat mich froh gemacht für den ganzen Tag.«
»So gib mir von deiner Freude ab, Edlef, ich kann sie für den Heimweg brauchen.«
Edlef lachte glücklich.
»Die Maren sagte mir, -- in der Freude wollt sie mein _Weib_ sein, im Leid meine _Mutter_.«
Da drückte ihm Pastor Licht die Hand. »Ihr geht einen guten Weg, Edlef und Maren«, sagte er gütig. »Das ist ein prächtiges Wort und ein prächtiger Schlag, in dem solch Wort geboren wird. Glück auf, Edlef Holgers! --«
Er verabschiedete sich grüßend, und Edlef sah ihm eine gute Weile nach. Dann ging er mit ausholenden Schritten zur Großwarf in den Mutterhof. Onnen und Karen liefen ihm entgegen und hingen sich an den großen Bruder.
»Der Herr Pastor war da«, berichtete Onnen.
»Und wir haben Selbstmörder gespielt«, setzte Klein-Karen hinzu.
»Wer?« fragte Edlef. »Ihr und der Pastor? Was für ein närrisches Spiel!«
»Nein,« seufzte Onnen, »nur ich und Karen. Aber sie hat keine Phantasie.«
»Und, und, und da hat der Herr Pastor gesagt,« fiel Karen stürmisch ein, »Mutters brauchten nicht so’n Zeug, die hätten _Liebe_.«
Da hob der große Edlefbruder die kleine Karenschwester hoch in die Luft und rief: »Hurra, unser Pastor!«
Die Kinder riefen es ihm nach, auch der überstimmte Onnen, und ihre hohe Fröhlichkeit hätte wohl noch lange angehalten, wenn die Mutter nicht mit ihrem grämlichsten Sorgengesicht auf der Bildfläche erschienen wäre.
»Ich versteh dich gar nicht mehr, mein Edlef«, klagte sie. »Da ist hier hildeste Arbeit und du läufst fort wie der Marder vom Taubenschlag. Und wenn man die Kinder glücklich vor den Füßen weg hat, dann bringst du sie wieder herein und machst Kakeleia mit ihnen. Und wenn man seinen Ärger mit dem Herrn Pastor knüppeldick gehabt hat, dann rufst du Hurra auf ihn.«
»Ach, Mutter, geht’s schon wieder los?« fragte Edlef seufzend und setzte sich still in eine dunkle Ecke an den Ofen.
»Wärst du dagewesen, Edlef, hätten wir den Trauspruch besprechen können mit dem Pastoren. So hat er nur mit der Ahne geklöhnt, und mich haben sie ganz außen vor gelassen.«
»Unsern Trauspruch weiß der Pastor schon, Mutter. Den haben Maren und ich uns ausgesucht und ihm hingebracht.«
»Da bin ich aber doch begierig ...« Mutter Holgers sah sehr mißmutig darein. »Denn da gibt’s gar nichts auszusuchen. Der Spruch selbst steht vom Ururgroßvater her schon fest für den Mutterhof. Er heißt: ›Seid fruchtbar und mehret euch.‹«
Edlef stand auf und klopfte ihr begütigend auf die Schulter. »So wird’s hohe Zeit, daß einmal ein anderer schöner Spruch Geltung bekommt. Die Holgers sind doch keine Juden? Denen hat der Spruch einst gegolten. Mein feines Mädchen soll ihn nicht hören am heiligen Altar.«
»Meinst, was für deine ganze Sippe heilig war, ist für die Schulmeisterdeern nicht gut genug?«
Beinahe hätte Edlef herausgerufen: »Ja, das mein ich.« Aber die jauchzende Liebe zu seiner Maren erstickte im voraus jedes Ungute in ihm. So schluckte er den Groll hinunter und lenkte ab. »Mutter, unser Spruch heißt: ›Freuet euch! Und abermals sage ich euch: Freuet euch!‹«
»Arg heilig dünkt mich der Spruch nicht. Steht er wohl auch in der Bibel?« fragte die Mutter kopfschüttelnd. »Und schrickt dich nicht die Unterlassungssünd’? Frauke Holgers hat auch den uralten Spruch nicht haben wollen, -- nun du weißt, wie es ihr erging.« --
»Mutter, meinst du, daß sich der Herrgott nach Mutterhofes Sprüchen richtet?« fragte Edlef unmutig.
»Ja, das mein’ ich just,« rief Mutter Holgers hell und hart. »Und ich hab’ manches erlebt auf unserm Gewese. Jetzt stehst du da, als ob dir nichts mangeln könnt, aber wie wird’s sein, wenn Maren unfruchtbar sein sollte? Du bist ein selbstgerechter Holgers, ich kenne die Art. Und deshalb sage ich: _Der alte Spruch muß her._ --«
So viel hatte die Mutter seit Gedenken nicht gesprochen, und sie wendete sich jetzt auch fast erschrocken über sich selbst ab. Edlef sah sie erstaunt an.
»Warum ihr nur alle so unkt«, lachte er voll Zuversicht. »Mir hat mein Lebtag kein Faden wehgetan, und die Maren ist jung und gesund.«
»Die Maren ist gottsunmöglich zart«, eiferte die Mutter. »Ein Stadtmadämchen, kein deftiges Halligkind. -- Der mag wohl der neumodische Spruch recht sein. ›Freuet euch, freuet euch!‹ Und auf solchen Juchhei wollt ihr einen heiligen, ernsthaften Ehestand aufbauen? Was gibt es denn zu freuen auf dieser Jammerwelt? Ich möcht’s wissen ...«
Da legte der Haussohn seinen Arm um die Mutter und führte sie ans Fenster, das er weit öffnete. Da lag die Hallig im vollen Abendglanz der untergehenden Sonne. In Glut stand der Himmel über der salzen See. Golden waren die Wolken umrandet, und die Mondsichel trat schwachsilbern heraus. Wie rote Lohe lag’s auf der Schneelandschaft, die Priele glänzten, und fern donnerte der blanke Hans gegen das Gestade.
»Weil unsere Heimat so schön ist, Mutter«, sagte Edlef Holgers. »Weil ich _dich_ gesund bei mir habe und die Ahne. Weil Vater mir den ›Mutterhof‹ so stattlich hinterließ, all darum freu ich mich. Und weil ich einen treuen Freund habe und ein treues Mädchen, darum ist’s schön auf dieser Erde.«
Und als ihr verdrossenes Gesicht sich kaum veränderte, zog er die Mutter in einer scheuen Zärtlichkeit zu sich heran: »Könnt ich dir doch Freude geben! Das blüht alles in mir und ist voll Sonne. Du sollst nicht im Schatten stehen, Mutter.«
Da blieb Mutter Holgers eine ganze Weile still an ihn gelehnt. Und es war ihm, als schmiege sich ihr Kopf mit dem glatten Braunscheitel, in den sich schon weiße Haare mischten, freiwillig fester an seine Brust. Wie Ruhe suchend nach des Tages Mühsal und Einerlei. Aber das ging rasch vorüber. Verwirrt sagte die Mutter: »Jung, du büß wull rein dörchdreit.«