Der Mutterhof: Ein Halligroman
Part 4
»Ich wußte nicht, daß ›bunte Teller‹ unersetzlich sind.«
»Ja, sie sind unersetzlich. -- Aber nun weiter mit dem Märchen. Die drei Kinder hatten sich trotz vieler Unstimmigkeiten und Reibereien lieb. Wohlgemerkt: die _Kinder_. Aber leider wurden aus ihnen Leute.«
»Da irren Sie, Wögens, ich meine: Aus ihnen wurden _Menschen_.«
»Wenn Sie _dies_ Hochmütchen sticht, Fräulein Nomine, ich bin’s zufrieden. Also Menschen! Der Bruder Edlef und der Freund Manne wurden beide Schweinehirten ... Oder stört Sie das? Kann ja auch Schaf- oder Kuhhirten sagen.«
»Das tut nichts zur Sache. Mir ist Schweinehirt die höchste Poesie durch Krischan Andersen.«
»Das ist schön. Mir auch. Aber nun kommt die Tragik. Das kleine, holde Mädchen hätte auch Schweinehirtin sein können, aber sie zog es vor -- Prinzessin zu werden.«
»Wo liegt da die Tragik, Manne Wögens?«
»Darin, daß die Prinzessin nicht weiß, was sie dadurch verloren hat. Die Heimat schlechthin.«
»Das ist ein Irrtum. -- Wohl hält mich die Universität mit stärksten Banden, aber ich trinke meine Heimat mit vollen Zügen, wenn ich einmal hier bin.«
»_Wenn_ ...! Lassen wir’s gut sein. Das Märchen ist aus. Hie Schweinehirt, hie Prinzessin! Die salzen See dazwischen und eine Welt von Vorurteilen ... Und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch. --«
Sie gingen schweigend. Die Knaben mit dem Gepäck sprangen über die Wiesen, sie suchten sich den nächsten Pfad. Nomine und ihr Begleiter waren allein mit sich und ihren Gedanken.
Das Mädchen brach das Schweigen zuerst. »Nach dem, wie wir so wundervoll stumm nebeneinander hergehen können, sind wir die besten Freunde.«
»Nein, das sind wir nicht.«
Sie sah ihn finster an. »Der Schweinehirt kann sehr grob werden«, rief sie gereizt.
»Der Schweinehirt ist gar nicht mehr da. Er ist in sein Königreich gegangen und hat die Tür hinter sich zugemacht.«
»Da konnt die Prinzessin singen: Ach, du lieber Augustin, alles ist hin. Meinen Sie, Manne Wögens?«
»So sagt der Dichter Andersen. Ich aber sage: Das Märchen ist aus. --«
»Nun, so erzählen Sie mir Tatsachen. Wie geht es zu Hause? Was treiben die Nachbarn? Die erste, die ich aufsuchen will, ist -- Tanten Frauke. Lachen Sie mich nicht aus. Ich möchte allen Ernstes diesen alten Baum noch verpflanzen. Indem ich Tanten Frauke bitte, mit mir nach Kiel überzusiedeln. Dort soll sie wieder leben lernen, nachdem sie so lange vegetiert hat. --«
Er sah sie tiefernst an. »Dies Vegetieren hat schon Ihr Bruder Edlef aufgehoben. Er hat Tanten Frauke einen Ehrenplatz im Mutterhof gegeben ... Ihr gerühmtes Studium hat Ihnen den Gedanken an eine seelisch schwer Leidende ausgelöscht. -- Vier Jahre früher hätten Sie den Baum verpflanzen sollen, aber Sie dachten nur an sich. --«
Sie warf den Kopf zurück. »Hätte ich nicht so großen Respekt vor Ihnen, Manne Wögens, würde ich sagen: ›Sie sind ein ganz unausstehlicher Schulmeister.‹«
Er verbeugte sich. -- »Sieh, sieh! Also doch Respekt! Vor meinem _Alter_?«
Freimütig sah sie ihn an. »Ach nein, das lohnt wohl nicht. Aber vor Ihrer Bodenständigkeit. Freiwillig auf der Hallig zu bleiben, bei Ihren Kenntnissen, -- bei Ihrem Hunger und Durst ... Ich kann mir nicht denken, daß Sie genügsam geworden sind.«
»Bitte, darüber wollen _wir_ beide nicht sprechen ... Wen wollten Sie sonst noch besuchen?«
»Peder Claußen und seine Mutter. Er hat mich immer so schön verteidigt mit Nägeln und Zähnen, wenn Sie mich peinigten. --«
»Über Peder Claußen ist fressendes Leid gekommen«, sagte Manne ernst. »Wie über manchen andern ... Aber Peder Claußen kann’s nicht umwerten in Segen. Er stirbt daran.«
»An einer Liebe?« fragte Nomine lebhaft.
»Ja, -- er ist grenzenlos altmodisch, arm Peder! ›Das Suppenhuhn‹ nennt ihn Ohm Rickert, der oft den Nagel auf den Kopf trifft. Suppenhühner sind altmodisch. Gebratene Hähnchen sind modern.«
»Was Sie für Unsinn schwatzen, Manne Wögens.«
Er antwortete nicht, er rannte plötzlich ohne Umsehen, ohne Aufhalten den Deich hinunter an den Strand.
Was hat er nur? Was tut er da? fragte sich Nomine. Ihre etwas kurzsichtigen Augen konnten nichts erkennen, und so schritt das Mädchen tüchtig aus. In tiefen Gedanken war sie. Heimat! Heimat! Wunderliche Heimat!
Da keuchte es hinter ihr her.
Und der Wind trug ihr ihren Namen zu: Nomine! Nomine!
Sie sah bang und verständnislos in Manne Wögens furchtbar verstörtes Gesicht.
Er nahm ihre Hände und atmete schwer. »Sie wollten doch zu Peder Claußen? Fragen, wie es ihm ginge? Gut geht es ihm, Nomine Holgers. Sehr gut! Drunten liegt er. Die See hat ihn angespült. Sehen Sie das Bündel? Das ist übriggeblieben von einem frischen, frohen, tüchtigen Kerl. Herrgott, Herrgott!«
Sie stand erschüttert. »Wie ist das möglich?« stammelte sie. »Er war solch großer, festgefügter Friese.«
Manne Wögens reckte seine eigene hohe Gestalt und lachte bitter.
»Ja, Nomine, -- so etwas bringt die Stärksten herunter.«
Dann wandte er sich und lief denselben Weg zurück und ließ das Mädchen stehen. Und Nomine hob das Gepäck auf, das er ihr bis hierher getragen. -- Sie stand und schaute angestrengt, und sah nach einer ganzen Weile, wie er mit einer schweren Last auf Armen und Schultern wuchtig und langsam der Königswarf zustrebte. Da senkte sie den Kopf tief auf die Brust und sah nichts mehr von der grünen Heimat.
Der Tod war ihr begegnet und hatte sie ernst gegrüßt. Erschüttert und müde schritt sie nach dem Mutterhof.
* * * * *
Pastor Ephraim Licht saß in seiner Studierstube. In seinen guten, hellen, blauen Augen spiegelte sich die ganze Predigt wider, die er am Sonntag seinen Leuten zu halten gedachte. Seine runde, springlebendige Frau quirlte um ihn herum. Sie wischte den Staub vom »Kannrückchen«, das aus der gewohnten Thüringer Waldeinsamkeit noch sehr fremd auf die brausende Nordsee hinaus schaute. Und sie beugte sich im nächsten Augenblick über eine alte »Erfurter Lade«.
Und als der geistliche Eheherr den sinnenden Blick nicht vom Deich draußen fortwandte, seufzte sie auf. Wurde ordentlich kribbelig und wischte immer rascher an den Möbeln herum und stäubte schließlich den ganzen Pastor mit dem Wedel ab.
»Ei, ei, Luischen, -- das ist mir doch zu arg«, wehrte er gutmütig. »Ist denn das nötig bei mir?«
Sie bedachte sich einen Augenblick, wobei der Humor in all ihren Grübchen spielte. Dann wurde sie kriegerisch.
»Jawohl, das ist nötig, Ephraim«, trumpfte sie auf. »Über und über bist du verstaubt.«
»Luischen! -- ich werde dich wohl hinauswerfen müssen, mein Liebes, du weißt, meine Predigt ...«
»Ephraim, der liebe Gott schreit einem auch die Wahrheit in die Ohren, und kümmert sich den Kuckuck drum, ob grad jemand seine Predigt macht ...«
»Luischen, Luischen, geh nicht mit dir selber durch. Diese Ausdrücke! Du bist doch eine Pfarrfrau! Und dieser Hochmut, Luischen! Willst du dich mit dem lieben Herrgott vergleichen?«
»Ephraim, jetzt kommst du mir vom Thema ab. Ich sag, du bist verstaubt. Und ein verstaubter Pfarrer ist wie ein Ofen, der nicht brennt, oder wie eine Mutter, die lieblos ist, oder auch wie ein blinder Spiegel. Ephraim, du heißest Licht und leuchtest nicht ...«
»Potztausend, Luischen, du gehst ins Geschirr. Laß mir nur meinen ehrlichen Namen in Ruhe, der auch der deine ist. Hier kommt’s nicht auf die ›lieblose Mutter‹ oder den ›blinden Spiegel‹ oder den ›kalten Ofen‹ an. Wenn auch deine Vergleiche ganz nett sind, Luischen ... du hast Phantasie, Luischen ...«
»Siehst du, wie du dich verhedderst, Ephraim? Ach, ich möchte mit Menschen- und Engelszungen reden ...«
»Das tust du ja, Luischen. Und hast noch die ›Liebe‹ dazu. Das ist selten beisammen. Aber hier in diesem Einzelfalle handelt es sich nicht um schöne Reden, sondern um das strenge Respektieren einer Tradition, die den Halligleuten heilig ist.«
»Sprich doch deutsch, Ephraim. Immer, wenn du nicht ganz fest im Sattel sitzst, gebrauchst du Fremdwörter. Und heilig? Wie kann Unheiliges heilig sein?«
»Luischen, nun muß ich gleich böse werden. Ich bitte dich um tausend Gotteswillen, geh hinaus.«
Da setzte sich die kleine Frau Pastorin ganz fest in den Lehnstuhl am Fenster und fing an bitterlich zu weinen.
»Da sind doch noch andere Leute auf der Hallig,« klagte sie, »gebildete Leute, Leute mit Herz und Gemüt. Ach, sie werden sagen: Dies Thüringer Land muß noch ganz dunkel sein, sonst könnte von dorther nicht so’n verbohrter Pfarrer kommen ...«
Nun stand Pastor Licht ruhig auf, zog seine Gattin sanft aus dem Stuhl hoch und führte die Weinende fort. »Siehst du, Luischen, nun muß ich dich doch an die Luft setzen. So geht es jedesmal. Wann wirst du aufhören, mich in meiner Amtsstube zu beleidigen?«
Er schaute noch ein Weilchen schalkhaft hinter ihr drein und setzte sich dann mit wehmütigem Lächeln wieder an seinen Arbeitstisch. »So, -- also da geht’s schon los«, meinte er mit grimmigem Humor, als draußen energisch geklopft wurde.
»Herein!!!«
»Herr Pastor,« sagte da Edlef Holgers, »ich weiß, es ist nicht recht, daß ich so eindringe ...«
»Menschenskinder,« rief Pastor Licht, »wenn ihr doch wißt, daß es nicht recht ist, warum tut ihr’s denn nur? Na nun kommen Sie man. Närrische Kerle seid ihr alle ...«
»Herr Pastor, -- mein alter Freund Peder Claußen soll morgen beerdigt werden, und nun sagt man ...«
»Daß ich ihn außerhalb des Mäuerchens betten will, weil er ein Selbstmörder ist. Ja, Holgers, da sagt man ganz recht.«
»Herr Pastor ...!!!«
»Mein lieber Freund, ich bin nicht nur für euch junge Heißsporne hier, sondern in erster Linie für die alten Leute. Ihr Jungen holt euch mal hier, mal dort euern Trost und Halt. In die Kirche kommt ihr selten. Der Pastor ist für euch ’n notwendiges Übel oder mal ’ne ganz nette Dekoration. Ja, ja, ich weiß schon, was Sie sagen wollen. -- Ich meine ja auch nicht gerade euch vom ›Mutterhof‹. Das ist ja ein rechtes und echtes Friesenhaus und Vorbild. Und ich brauche wohl kaum zu fragen: Wie stehn Ahne und Mutter zu der Sache? Und Tanten Frauke? Und Ohm Rickert? Doch sicher auf meiner Seite?«
»Ja. Alle! Ich bin ganz irre an der Ahne geworden. An allen.«
»Nicht doch! Nicht doch! Überlieferungen sind stärker als eigene Gedanken. Man löckt nicht ungestraft wider den Stachel. Und wenn ein Halligpfarrer nicht als Felsen dasteht, wie soll er eine Sturmflut überdauern???«
»Herr Pastor -- -- ich meine, wenn der liebe Gott will, so stürzt er auch den Felsen ...«
Pfarrer Licht fuhr auf. »Was hat denn der liebe Gott mit der ganzen Sache zu tun?« rief er ärgerlich. Aber er schlug sich gleich darauf selbst auf den Mund. Wenn Luischen das gehört hätte!
»Mein lieber Holgers, -- der Herrgott fragt nicht nach ›Mäuerchen‹ und dem ›ehrlichen‹ oder ›unehrlichen‹ Grab. Er sammelt sie alle am Jüngsten Tag. Und vielleicht sagt er zum Selbstmörder: ›Ei du frommer und getreuer Knecht‹ und zum Pastoren: ›Hebe dich weg von mir‹. Aber Freund Holgers, -- es ist ein _Ärgernis_. Ein Pastor soll kein Ärgernis geben. Sonst winkt ihm der Mühlstein. Wenn ich Peder Claußen _nicht_ als Selbstmörder einsenke, so gehen vier junge Leute vielleicht befriedigt vom Kirchhof, und einhundertsechsundzwanzig Seelen wenden sich von mir ab. Und hadern und bleiben ohne Trost. Und wenn ich abgesägt werde? Wen kriegt ihr her? Ich hab mich freiwillig hierher gemeldet. Weil ich euch _lieb_ habe.«
»Und die Mutter? Herr Pastor, die Mutter von Peder Claußen?« fragte Edlef ganz leise und dringlich. »Die hatte nichts als den einen Jungen. Nicht eine einzige ungute Stunde hat sie von ihm gehabt. Er war der bravste Sohn auf unserer Insel. Das faßt ja ihr Herz gar nicht, daß der gefemt werden soll.«
Der Pfarrer rückte unruhig auf seinem Stuhl hin und her.
»Jetzt kommen Sie mit grobem Geschütz, Holgers, -- die Mutter, ja -- -- -- sie soll ja den Sohn noch über den Herrgott gestellt haben, -- sie wird nun wohl sehr leiden. Mich hat sie gar nicht beachtet, da ich als verordneter Diener unserer Kirche sie besuchte. -- Sie hat mir auf alle Fragen nicht geantwortet ...«
»Herr Pastor, sie ist aus den Fugen«, sagte Edlef schwer.
»Und Sie meinen, Holgers, ein sogenanntes ehrliches Begräbnis würde sie wieder zusammenkitten?«
»Ja, Herr Pastor, das ist meine Meinung.«
Pastor Licht schaute wieder mit dem sinnenden Blick nach der See: »Und Christus sprach: ›Weib, siehe dies ist dein Sohn, Sohn siehe, dies ist deine Mutter ...‹ Lieber Holgers -- -- ich möchte allein sein ...«
Edlef ging rasch hinaus und Pastor Licht riegelte die Tür hinter ihm ab. --
In der offenen Küche stand die Pastorin. Ihr rundes, liebes Gesicht trug noch die Tränenspuren.
»Hat er Sie auch herausgeworfen, Herr Holgers?« fragte sie dringlich. Und auf Edlefs energisches Kopfschütteln: »Ach, Sie dürfens gern sagen. So ein Mann, so ein Mann ist _mein_ Mann! Die helle, lichte Güte selbst, Herr Holgers, niemand kennt ihn ja wie ich. Keiner Fliege tut er was zuleid, -- ach, was sag ich, -- zu_lieb_ würde er ihr was tun. Aber schroff, schroff ist er, Herr Holgers, und obsternatsch und eigensinnig und verbohrt in seine dämlichen Ansichten ... Ei der Tausend, was sag ich da wieder ... Kommen Sie in die Küche, Herr Holgers. Das Leben ist wahrlich schwer. Essen Sie ein paar braune Kuchen. Hier, sie sind noch knackenhart. Und ›Jungbursch hat Jungzahn‹ heißt’s im Sprichwort.«
Und so nötigte ihn die Frau Pastorin an den Küchentisch und präsentierte ihm das leckere Weihnachtsgebäck.
Und Edlef nahm und aß und erzählte von der Mutter Claußen. Und das mitleidige, warme Herz der Pastorin wollte schier aus der Brust heraushüpfen und weiter über die Schwelle des Pfarrhauses nach der Königswarf hin zur armen Mutter. Daneben aber reichte sie ihrem Gast einen braunen Kuchen nach dem andern, auch wenn er noch so sehr wehrte. Und schusselte in der blitzblanken, großen Küche herum und schalt und liebkoste abwechselnd ihren Eheherrn ganz laut, aber ohne daß es ihm zu Ohren kam. Die beiden Taschen voll brauner Kuchen zog Edlef schier verlegen ab. Und immer wieder steckte sie ihm noch etwas ein, und die tränenblanken Augen sahen ihn gütig und mütterlich an.
Der Sturm draußen warf Edlef Holgers beinahe gegen den großen Grabstein von Anno 1517, der an der Kirche lehnte. Tief drückte er seine Mütze ins Gesicht. Dann sprang er mit großen Sätzen über ein paar eingefallene Gräber nach dem Zaun hin.
»Mudder Claußen, wat makt ji hier?«
Die Frau hatte sich tief zur Erde gebeugt. Ein Schluchzen schüttelte ihre hagere Gestalt.
»Hier wüllt se em henleggen,« stöhnte sie, »-- hier. Un sin Vadder, de liggt in Husum unnern groten, witten Steen, mitten unner de Honneratschoren, un hedd sik doch sin Lebdag ni um Wiw und Kind kümmert. So is de Welt. So richt de Welt! O du min arm Peder! Min goden Jung!«
Beide Hände legte sie auf den kalten Boden, als wolle sie das verfemte Fleckchen Erde wärmen und segnen.
Grimmes Mitleid schüttelte Edlef Holgers. »Kommt, Mutter Claußen«, sagte er. »Up dit Flag verküllt Ji jug blot.« Er half ihr in die Höhe und nahm die Widerstrebende mit sich fort. Gute Worte sprach er zu ihr und erzählte von Peder Claußens Kinderjahren und Dummjungsstreichen und wurde beredt, wie er es niemals gewesen war. So ward der Weg zur Königswarf ganz kurz und zuletzt schier fröhlich. Denn immer neue, schöne Züge und gute Besonderheiten entdeckte Edlef an dem toten Schulkameraden, also daß seine Mutter die ätzenden Tränen trocknete und voll Trost in das öde Heim zurückkehrte. --
Am andern Morgen waren sie schon um acht Uhr bei Mutter Claußen versammelt. Keiner der Halligleute wußte recht, wie der Nachbar hingekommen war. Nur daß er selbst einer dringenden Botschaft folgte, war ihm klar. --
Die Frauen waren diesmal daheim geblieben, denn Neugierde ist keine Untugend der Halligbewohner. Nur Maren Wögens und Nomine Holgers standen Mutter Claußen zur Seite.
Die alte Frau weinte nicht. Sie hielt die zitternden Hände gefaltet und schaute geradeaus. -- Nicht auf den Sarg, den man schon geschlossen hatte. Es war, als höre sie nicht auf das, was die Nachbarn an Trostworten ihr zuraunten, sie horchte auf irgend etwas, das von draußen kommen sollte, und in ihren bangen Augen standen Fragen, die einer herben Antwort gewärtig waren. -- Die alte Kastenuhr tat nun schrille Schläge, und der Totengräber Hinrichsen ermunterte ein paar große starke Schuljungen, den Sarg mit ihm anzufassen. Da kam ein Ächzen aus Mutter Claußens Brust.
Und Maren Holgers legte ihren Arm schützend um sie. Aber gleich darauf stand die Wankende wieder aufrecht. Ihr Kopf wandte sich zur Tür, die gefalteten Hände lösten sich und streckten sich aus. Pastor Licht erschien in der Tür. An ihm vorbei drängte sich seine gute, kleine, geschäftige Frau. Sie tründelte zur trauernden Mutter hinüber und umfaßte sie, und grüßte rechts und links mit den hellen, gütigen Augen. Es war fast, als käme sie zu einem frohen Fest, und das war diese Stunde auch beinahe für sie.
Die Halligmänner sahen sich an. Wollte dieser Thüringer Pastor Neuerungen einführen? Und wollte er sie heute überrumpeln? Dafür waren sie nicht zu haben. Aber in der behenden Geschäftigkeit der Pastorin ging das Murren und Murmeln unter, das schon drohend aufgestanden war.
»Liebe Männer von unserer Hallig,« hub der Pastor an, und seine Stimme klang mild und fest zugleich, -- »hier wartet ein Mitchrist, daß wir ihn zur ewigen Ruhe tragen. Viele von euch haben erwartet, daß ich in meiner Stube bleiben würde. Ich hätte es auch getan, denn ich wollte eine althergebrachte Sitte nicht umstoßen. Aber da wurde ich von jemand daran erinnert, daß außer dem Toten, der die Strafe ja nicht mehr fühlt, noch ein lebendiges Mutterherz neben dem Sarg sich quält. Das möchte wohl so stark sein, daß es den lieben Sohn ganz allein nach dem Friedhof trage, und so fromm ist es auch, daß es wohl den Segen tausendmal sprechen könnte. Aber das Mutterherz hat diese ganze Angelegenheit in eure Hände gelegt, ihr lieben Gemeindeglieder. Und so sage ich euch: ›Der Gottesacker dadraußen heißt Friedhof und nicht Striedhof.‹ Und zweitens: ›Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet.‹ Und drittens: ›Wer sich rein fühlt von Schuld, der werfe den ersten Stein auf den Toten.‹ Ich werde jetzt hinausgehen und mich mit meinem Gott bereden und zurückgehen zur Kirchwarf. Beredet auch ihr euch untereinander und laßt Gott mit darein reden. Und schaut mir fleißig die Mutter an. Das soll mir ein Zeichen sein: Wenn ehrenfeste Halligleute mir den Toten getragen bringen, so will ich sie empfangen und Peder Claußen soll unter euern verstorbenen Lieben auf dem Friedhof ruhen. Hebt ihr ihn aber drunten auf den schmalen, kleinen Wagen und laßt ihn einzig vom Totengräber und seinen Gehilfen geleiten, so will ich der Überlieferung Rechnung tragen und still im Kämmerlein bleiben. Gott aber wird am Jüngsten Tage unsere Herzen wiegen und auch Peder Claußens Herz, der ein gehorsamer Sohn, ein guter Nachbar, ein fleißiger Halligbauer und ein treuer Freund war. Wehe uns dann, wenn unsere Herzen leichter befunden werden als das seine. -- Gehabt euch wohl!«
Pastor Licht stellte sich noch einen Augenblick zu Mutter Claußen, die den Kopf tief geneigt hatte und strich ihr sacht über den grauen Scheitel.
Dann nahm er das weinende Frau Luischen bei der Hand und verließ die Stube. --
Da schritt Edlef Holgers zum Sarg und ergriff eine Handhabe. Sein Auge grüßte den Halligschulmeister Manne Wögens, der denselben Schritt getan und nun neben ihm stand.
Nomine Holgers und Maren Wögens stellten sich in raschem Entschluß neben ihre Brüder.
»Dat is nich Deernssach’«, wehrte ihnen Tede Luersen, der Vater von Akke. Und er trat an die Stelle der beiden, wischte sich den Schweiß vom Gesicht und murmelte: »Ik heww wat god to maken.«
Zwei Bauern verließen die Stube. Der eine rückte den Hut und sagte: »Nix för ungut, -- ik kann dat nich min Öllern wegen.«
Und der zweite murrte: »Nimodsche Art paßt nich to Halligart.«
Dafür stellte sich aber der Gemeindevorsteher sehr entschlossen an den Sarg: »De Paster hett recht.«
Noch ein paar folgten mürrisch oder verlegen den beiden Männern, die auf ihre Warfen zurückkehrten, aber es waren genug Träger aus den Reihen der angesehensten Halligbauern vorhanden, auch zum Abwechseln bei dem langen Weg und der schweren Last. --
Mutter Claußen schritt zu jedem einzelnen.
»Gott lohn’s in der Ewigkeit!« schluchzte sie. »Gott lohn’s!«
Und viele meinten bei sich, sie hätten schon schlechtere Leute getragen als diesen Sohn einer solchen Mutter.
»In Gottes Namen«, rief laut Manne Wögens. Da hoben sie den Sarg und trugen ihn langsam und schwer den Deich entlang und schritten mühselig über den Priel zur Kirchwarf.
Und wenn auch die Glocken schwiegen, so donnerte doch die Nordsee gegen den Deich, und der Sturm sang sein ernstes Lied wie einen brausenden Choral.
Pastor Licht empfing den Zug am alten Glockenstuhl, der unterhalb der Kirche aufragt. Und er schritt dem Sarg voran und sprach kurze, markige Worte über der offenen Gruft. Ein Leuchten lag auf seinem Gesicht, weil er sich der Ehre freute, ein Hallighirte zu sein. --
* * * * *
Der Mutterhof rüstete sich zum Weihnachtsfest.
Nun stritten in ihm die verschiedensten Gerüche um die Oberhand.
Ohm Rickert ging mit krummem Kreuz ducknackig umher und schaute scheu um sich, als käme aus irgendeiner Ecke ein voller Scheuereimer gegen ihn geflogen, um ihn zu verjagen.
Er meinte, es röche überhaupt nur nach »Kernseep« und »gräune Smeerseep«.
»Wozu die viele Reinlichkeit bei das büschen Hochzeitmachen?« fragte er unwirsch.
»Es ist nicht nur büschen Hochzeit, -- es ist auch Heiligweihnacht«, meinte Klein-Karen ernsthaft. Und die Kinder fanden, daß es nur nach Wachslichtchen, nach Tannenbaum und Klaben dufte.
Die Ahne sah mit ihren hellen, scharfen Augen schief nach Ohm Rickert hin und bemerkte anzüglich, daß es wohl nach alten, vertrockneten Junggesellen röche, und die sollten sich »man bei klein’« aus dem Staube machen und sich hinterm Deich auslüften, da, wo der Sturm am ärgsten bliese.
Darauf Ohm Rickert wieder gemütlich krähend: »Weet de Düwel, ick bün gor ni vertrocknet. Ik schese noch den irsten Danz mit de Brud. Ne feine Polka. Un sing dortau:
Bonnestabe, Bonnestabe Blüht auf Junggesellengrabe, Aber wo Jungfräulein ruht, Blüht ’ne Rose, rot wie Blut.«
»Ja, deine Choräle kennt man schon«, brummte die Ahne, und dann jagte sie Onnen und Karen hinaus, sie sollten einen Schneemann bauen, anstatt immer »vor den Füßen zu laufen«.
Es war »hilde Zeit«. Weihnachten und Hochzeit. Man hatte alle Hände voll zu tun und alle Köpfe voll Wichtigkeiten. -- Und mit Edlef war nicht mehr zu »rechnen«. Dem schlug die Liebe über Kopf und Kragen. Die Ahne seufzte tief auf. Aber dann verklärte sich ihr Gesicht wie von einem innern Leuchten. Es war ja wohl gut, daß einmal die »Liebe« wieder über die Schwelle des Mutterhofes schritt. »Rechtschaffenheit und ehrbar Wesen« freilich, die hatten immer Hüsung gehabt in dem stattlichen Bau. Aber Liebe? Die paßte nach Meinung der Ahne besser in die Stadt, wo die Leute »nichts anderes zu tun haben«. Sie selbst, Gesine, geb. Christiansen, hatte eine Vernunftehe mit dem raschen, arbeitswütigen, jähzornigen Holgers geschlossen, der ihr eigenes, durch Krankheit der Eltern heruntergekommenes Gewese sachgemäß bewirtschaftete und mit dem Mutterhof vereinigte. Damals war noch nicht allgemeiner Wohlstand auf der Hallig, damals war der Halligspruch bittere Wahrheit, der über manch einer Tür stand:
»Nadel und Schere sind es nicht, Pfriemen und Hobel kennt man nicht, Pflug und Egge braucht man nicht, Manna fällt vom Himmel nicht. Wären die lieben Schafe nicht, Man hätt’ fürwahr das Leben nicht.«
Wenn man ums tägliche Brot ringt, dann begnügt sich die Liebe mit einem bescheidenen, knappen Plätzchen. Aber Vertrauen und Fleiß und Frömmigkeit hatten daneben gesessen, so war das Haus gesegnet worden und gewachsen.