Der Mutterhof: Ein Halligroman
Part 3
»Weiter, Großmudder, weiter!« bettelte Onnen. Und Karen wühlte ihr Köpfchen mit den bangen Augen in den derben Friesenrock der alten Frau. Zwanzigmal hatten sie die Geschichte wohl schon in ihrem jungen Leben gehört, aber sie wirkte immer wieder aufs neue durchrüttelnd, daß sie in arger Bangnis schier vergingen.
»Ja, so war’s. Am heiligen Karfreitag spielten sie mit den Karten auf Heyens Lei. Und sie lachten und spotteten der Ahnen und Alten, die ihnen wehren wollten.«
»Hast du sie auch gewarnt, Ahne?« fragte Klein-Karen und zog den Kopf aus dem Versteck.
»Ach, dumm Tüg. Ich war damals ein Kind wie du. Ahnen gibt’s auf jeder Hallig. Wirst selbst mit Gottes Beistand eine werden.«
Da strahlte Klein-Karen. »Du, ich werd’ ’ne Ahne«, versicherte sie erst einmal jedem einzelnen Zuhörer. Und ihr süßes Kindergesicht über der breiten weißen Halskrause lachte selig in die Zukunft hinein, und das Antlitz der erzählenden Großmutter dünkte dem Kinde wunderschön, also daß es keine Angst hatte, einmal ebenso auszusehen. --
»Hatten sie denn den ganzen Tag nicht gebetet am Karfreitag?« fragte Onnen.
»Doch, doch. Da war der gottesfürchtige Pastor und seine Frau, die hatten selbst die Glocken geläutet, weil das Wetter so schlimm war, daß kein Mensch zur Kirche gelangen konnte. Da sollte wenigstens das Glockengeläut nicht fehlen, meinte der Pastor, und die Heyensleier könnten dazu für sich beten, jeder in seinem Hause. Und er selbst und sein Weib riefen bei jedem Glockenschwung: ›Christ Kyrie, komm zu uns auf der See.‹ Aber die Heyensleier spielten und tranken Köhm oder Kaffeepunsch.«
»Kaffeepunsch schmeckt gut«, sagte Klein-Karen.
»Ohm Rickert hat mich kosten lassen. Wenn ich mal Ahne bin, trink ich jeden Abend welchen.«
»Ohm Rickert hätt’ besser nach Heyens Lei gepaßt als nach unserer Hallig«, rief scharf die Ahne. »Und zu dir, Karen, muß ich mit der Rute kommen, wenn du um Kaffeepunsch betteln gehst ...«
»Weiter, weiter,« drängte Onnen. »Großmutter, der Schullehrer sagt, es sollte kein Mensch sprechen dürfen, solange du erzählst. Und das meine ich auch.«
Da flog wieder ein froher Schein über der Ahne Gesicht.
»Manne Wögens und ich sind Freunde«, sprach sie bedächtig. »Gott erhalte uns diesen Lehrer! Den hat man in die Stadt haben wollen. Da könnt er längst hausen und im Gold wühlen, aber er kennt keine Landflucht und bleibt der Hallig treu.«
»Wühlen alle Stadtlehrer im Golde?« fragte Karen.
»Ach, laß sie doch wühlen«, murrte Onnen. »Großmudder, erzähl weiter!«
»Ja, denkt, Kinder! Die Flut kam, und der Sturm heulte so gräßlich, wie man es nie gehört hatte.
Ein Segelschiff fuhr über die See und in der großen Dunkelheit über Heyens Lei hinweg. Da sahen die Seeleute ein Licht neben sich und sahen die Kartenspieler um den Tisch. Und schlugen ein Kreuz und beteten, denn sie meinten, der Gottseibeiuns wolle sie äffen und ihnen etwas Unheiliges am heiligen Karfreitag zeigen, so mitten in dem wilden Aufruhr der Natur. Die Nordsee aber hob sich wie die Brust von einem Riesen, die Wellenberge schossen heran und es brüllten die Sturzseen ...
Und wo einmal die Hallig Heyens Lei gewesen, war nur salzen See.«
Klein-Karen weinte. »De armen Pasterlüd«, schluchzte sie. »Sie haben doch gebetet und die Glocken geläutet. Warum mußten sie untergehen?«
»Dat’s ’n kloken Frag’«, krähte Ohm Rickert. »Un ik würd seggen, de Herrgott hett nich uppaßt. Äwer wat seggt de Ahn dortau?«
Er freute sich beinahe, die alte Frau in Wirrnis zu bringen. Die Ahne nahm Karens Köpfchen in ihre Hände.
»Süh so, mein klein Deern. Das kommt nicht drauf an, _wann_ man stirbt, sondern _wie_ man stirbt. Die Pastersleut nahm unser Herrgott bei der Hand und führte sie vom Glockenstuhl hinweg in sein himmlisches Reich. Da waren sie in der Seligkeit und brauchten keine bange Sturmflut mehr zu erleben.«
Es war ganz still im Wohnpesel. Die Lampe knisterte fein. Der Wind draußen sang ein ruhiges Lied, -- er hatte sich am Tage und in der Nacht vorher ausgetobt.
In die Stille hinein trat Edlef, der Älteste vom Mutterhof. An seiner Hand hielt er Tanten Frauke, die Einsame aus dem Altenteil.
Unfrohe, erstaunte Gesichter sahen sie an. Verhärmt und blaß stand sie unter den anderen Holgers. Ihre Hand legte sie auf Karens Köpfchen, aber das Kind zog sich scheu vor ihr zurück. Da nahm Onnen die kleine Schwester und ging stillschweigend mit ihr hinaus in den Schlafpesel. Edlef Holgers Stirn war tief gefurcht.
Er bedeutete herrisch seine Schwester Melenke, daß sie ihren Stuhl hergeben solle, und sie tat es unwillig. Den Stuhl setzte Edlef zwischen die Sitze von Ahne und Mutter und führte Tanten Frauke hin.
»So!« sagte er tief aufatmend. »Ihr sollt alle wissen, daß dies vom heutigen Abend an so gelten soll.«
Zuerst herrschte bedrückendes Schweigen.
Dann wandte sich Ohm Rickert, große Rauchwolken paffend, zu Edlef:
»Du tust da ’n gewaltiges Werk, mien Jung. Du setzest neben der Frauke Holgers auch mich alten Einspänner in alle Ehren ein. Bin ja _auch_ ohne Leibeserben und der Ahne ein Dorn im Auge und der Hallig ein Pfahl im Fleisch.«
Die Ahne schaute finster.
»Ich erzählte vorhin nicht ganz zu Ende«, grollte sie. »Der Sage nach erbte unsere Hallig Likamp von der untergegangenen Hallig Heyens Lei eine Verpflichtung: Fruchtbar zu sein und sich zu mehren. Unter diesem Gottesgebot haben wir alle gestanden und uns ihm gebeugt. Denn wir leben nicht für _uns_, sondern für die _Halligheimat_. Gib fein Obacht, Enkel Edlef, daß sie dich nicht straft, wenn du ihre Gesetze umstößst.«
»Tu ich das, Ahne? Ich glaube nicht. Aber ich meine, Tanten Frauke ist alt und hat genug gelitten. Die ganzen Jungjahre hat sie in der Fehm gesessen, -- ihr Lebensabend soll licht sein.«
»Du bist der Jungherr und ich gebe dir dein Recht«, nickte die Ahne ernst. »Möcht nur nicht, daß dein heutiger Schritt ein Freibrief sein soll für dich und andere, etwa garstiges Wesen und unheilige Stadtsitten bei uns einzuführen. Dann würde die Hallig sterben.«
Edlef reckte sich. »Da sei die Ahne unbesorgt«, lachte er. »An Urenkeln soll’s nicht fehlen auf Likamp und dem Mutterhof. Und jetzt seid allesamt fröhlich! Richtet unser Haus fein her! Fegt und wascht und stäubt die Zimmer. Und schmückt alles, wie schön ihr nur könnt. Ich will meine Braut hineinführen.«
»Ist es all so weit?« fragte die Ahne ernst.
»Es ist mein fester Wille. Ich bitte dich, Ahne, und dich, liebe Mutter, heißet Maren Wögens mit Liebe willkommen.«
Die Ahne starrte vor sich hin, Tanten Frauke drückte seine Hand. Und die Mutter sagte mit finsterem Gesicht: »Die Liebe schenkt man nicht im Mutterhof, die muß verdient werden.«
»Das weiß Gott«, seufzte Edlef. Aber er bezwang den aufsteigenden Groll. »Mutter, -- mein Maren _wird_ sich Eure Liebe verdienen, da hast du mein Wort.«
Ohm Rickert lachte. -- »_Meine_ Liebe schenk ich ihr. S’ ist ’ne feine Deern. Nicht so rund und ansehnlich wie die Akke Luersen, -- Donnerkiel! Aber die hat ja nun der Hamburger weggekapert. Der Alte könnt ihr Vater sein, und die Schönheit drückt ihn auf keiner Stelle. Hat aber Moses und Propheten ...«
»Gehört der Schnack in diese ernste Stunde?« fragte die Ahne unwillig.
Aber Edlef trat hastig dem Ohm näher. »Was redest du da? Die Akke geht mit nach Hamburg? Seit wann? Weißt du’s genau?«
Ohm Rickert zündete erst umständlich eine neue Pfeife an. »Dafür daß du eben deine neue Braut aufgetakelt hast, mein Edlef, bist du bannig neugierig«, paffte er. »Verintressieren dich _zwei_ Brautens?«
»Red’ nicht unsauber«, verwies ihn Edlef. Dann zog er den Alten vom Stuhl hoch und nahm ihn beiseite. »Was weißt von der Deern? Mich dünkt, sie sei Peder Claßen sin Brud.«
»Dann is sie sehr talentvoll«, meinte trocken Ohm Rickert. »Denn ich sah sie heute mit dem alten Dicken absegeln. Soll ’ne rasche Hochzeit werden, sobald die Mutter Luersen aus den Wochen ist. Ne fröhliche, alerte Familie ist das, ni wohr!«
Edlef schüttelte sich. »So will ich noch nach der Königswarf zu Peder Claußen. Gute Nacht miteinander!«
»Dann begleit ich dich«, erbot sich Ohm Rickert.
»Ich will auch ’n Büschen die Füße verpedden un noch ’n lütten Schnak machen. Wenn alle Lüd von Hochtid reden, dann müntert das höllisch auf, un ick mag dann nich achtern Aben sitten.« --
So wurde der Mutterhof heute beizeiten dunkel. Seine strohgedeckten Häuser schliefen ein und träumten einer neuen Zeit entgegen.
* * * * *
»Du mußt nicht so rennen, Edlef«, pustete Ohm Rickert. »Wir kommen noch leicht hin nach der Königswarf.«
»Ohm Rickert, ich bin kein Bangbüx, aber vor dem Wiedersehen mit Peder Claußen hab ich büschen Angst ...«
»Warum, mien Jung?«
»Paß auf, Ohm Rickert, -- den finden wir ganz durchgedreht ...«
»Vielleicht kommt er dann zum erstenmal in die richtige Fassong.«
»Du machst immer dummen Schnack mit ernsten Dingen, Ohm. Der Peder hat mir selbst gesagt, er könnt ohne die Deern nicht leben ... sie hatte sich ihm zweimal versprochen ...«
»Wenn man einen Bessenstiel und einen Feuerbrand zusammenbindet«, sagte Ohm Rickert bedächtig, »dann ist’s nach der Natur, daß der Bessenstiel aufgebrannt wird. Peder Claußen ist aufgebrannt. Der dicke Hamburger wird nicht aufbrennen, der ist zu feucht ... Du wärst auch heidi gegangen, Edlef.«
»Nein, Ohm Rickert, ich hätte den Feuerbrand schon ausgegossen.«
»Dazu reicht die ganze Nordsee nicht.«
»Du mußt es ja wissen, Ohm Rickert,« spöttelte Edlef.
»Ja, ich weiß es auch. Mir waren immer die tollsten Deerns die liebsten. Mensch, ich war ihnen allen gewachsen. In Hamburg un Kiel un in Triest, in Memel und in Yokohama, ich kenn’ sie alle. Aber von allen wilden Deerns scheint mich die Akke Luersen die wildeste. Trotzdem ich sie nur von Sehen und Hörensagen kenne, -- leider.«
»Schande wert, Ohm Rickert. Hast es gewußt, wie sie war und daß man uns kuppeln wollt, und sagtest mir nichts?«
Der Alte schlug sich kichernd auf die Schenkel: »Hattest ja dein Maul zum Neinsagen, Edlef. Schieb mich jetzt nicht vor die Bresche, mien Jung. Du wolltest sie haben, weil du ’n Koller kriegtest.«
»Nun ja, will’s zugeben, ich war verhext. Aber ihr Alten seid zum Warnen da.«
»Sind wir??? Nun dann frag dich mal as’n ehrlichen Kerl, was du angegeben hättest damals, wenn ich mich in deine Liebessachen gemengt hätte ... Da laß ich meine Hände von. Du hast deine Erfahrung gemacht, -- das zweite Mal fällt’s besser aus.«
»Und wenn ich sie geheiratet hätte?«
»Dazu wär’s nicht gekommen. Ich hätt dann ausgesprengt, du wärst gar nicht der _reiche_ Edlef, -- dann wäre die Akke sofort abgestanden. Ni wohr, da krümmt sik dien Eitelkeit? Is aber doch so.«
Edlef schüttelte den Kopf. »Du irrst dich, Ohm Rickert.«
»Na, dann bleib man bei --. Der Glaube macht selig und der Hering macht Durscht«, zitierte Ohm Rickert kühn.
»Akke Luersen mag schlecht sein, aber klein ist sie nicht.«
»Das ist mir zu hoch. Und nun wollen wir vom Peder reden.«
»Wenn ich ihn nur erst zu fassen hätte, Ohm Rickert. Paß auf, der macht noch ’n dummen Streich, wenn er die Wahrheit erfährt.«
»Kein Streich ist so dumm wie der, die Akke an den eigenen Herd zu binden. Davor hat ihn der dicke Hamburger bewahrt. Du sollst _auch_ dem Manne dankbar sein, Edlef, anstatt ’n Gesicht zu machen wie’n Floh, der in der Nordsee schwimmt und in keinen Rettungsring reinpaßt. Wenn aber die Akke dem Hamburger mal utrischt, und das tut sie bald, dann ...«
»Red’ anständig, Ohm Rickert. Und daß du’s weißt, mein Sorg geht auch um Melenke. Du hast ihr Vorschub geleistet, Ohm, bei ihrer Wildheit. Das muß aufhören.«
»Tühnkram, Edlef. Vierzig Jahr bin ich welterfahrener als du. Siehst denn nicht, daß die Deern erstickt in Eurer Langweile? Und Melenke fügt sich nicht in so’n Zwang. Ersticken will sie partu nich. Da atmet sie sich eben rechts und links büschen Lebensluft zusammen. Ich war Heizer bei der Marine, Edlef. Da weiß ich, daß ’n Dampfkessel ’n Ventil braucht. So’n Ventil sollte meine Aufmünterung bei Melenke sein. Aber auf die Dauer genügt der Siebzigjährige ihr nicht. Nimm du meinen Rat, Edlef: Schick die Melenke fort! In einen fixen Dienst! Arbeiten muß sie, daß ihr die Schwarte knackt. Sonst reißt sie auch aus und -- geht vor die Hunde.«
»Ohm Rickert«, rief Edlef entsetzt. »Wie kannst du so was Schauderhaftes sagen? ›Vor die Hunde gehen!‹ Ein Mädchen aus dem Mutterhof vor die Hunde gehen!!!«
»Mein Edlef, das ist eure Selbstgerechtigkeit. Die kann noch bös ausgehen. Die Melenke ist aus anderm Schlag als du und deine Schwester Nomine und deine Braut Maren, auch anders als die Ahne und deine Mutter ... Überleg dir das Wort des alten Heizers mit dem Ventil. -- Die Melenke wär nicht der erste Dampfkessel, der in die Luft geht. Was ich noch sagen wollt: wie geht’s der Nomine? Man hört und sieht nichts von ihr. Ist sie immer noch nicht gescheit genug? Der Postschiffer sagte neulich, sie ging jetzt in Kiel auf die Universität.«
»Sagt das der Postschiffer? Ja, Ohm Rickert, es ist wahr. Sie studiert. Ich bin sehr stolz auf meine Schwester. Dabei solltest du sie sehen, wie fix sie in praktischen Dingen ist. Wie sie ihren Kram fein zusammenhält in Kiel, wie sie kocht und wirtschaftet. --«
»Warum genügt’s ihr denn nicht, Lehrerin zu sein wie deine Maren?«
»Nomine war immer hungrig, hat sie mir gesagt. Und da haben wir beide, sie und ich, uns das für sie ausgedacht. Der Mutterhof verträgt’s.« --
»Hungrig ist die Deern? Hm. Hungrig nach die Wissenschaften? Gott schall mi bewohrn. -- Nun, die Melenke ist auch hungrig. Hungrig nach das Leben. Denk dran, Edlef. --«
Nun waren sie auf der Königswarf angekommen.
Die Fenster des Königshauses, darinnen einst nach der letzten Sturmflut der König von Dänemark gewohnt, brannten in mildem Licht, Edlef konnte sich kaum genügen lassen im Anschauen des schmucken Baues. Aber er ging doch vorbei und bog den kleinen Seitenpfad ein, wo Peder Claußens Gehöft stand. Zaghaft klopfte er ans Fenster.
»Nur immer herein.«
Peder Claußen lag im dicken Federbett in der Döntje.
»Endlich!« rief er mit heiserer Stimme. »Ich kannt’ ja deinen Schritt, Edlef. Und wen bringst du da mit? Ohm Rickert setzt Euch.«
»Hast du mich denn erwartet, Peder?« fragte Edlef.
»Freilich hab ich. Natürlich ohne Grund. Bin von Mutter ins Bett gepackt worden, weil ich Lungenstechen und Halsschmerzen hab auf die schwere Not. -- Und morgen soll der Verlobungsschmaus bei Luersens sein. Edlef, ich hoffe, du gibst uns die Ehr ...«
Ohm Rickert schneuzte sich laut und heftig.
»Werd man erst ganz gesund«, mahnte Edlef mit guter Stimme und traurigen Augen.
»Was machst du für’n Gesicht!« rief Peder Claußen. »Als ob ich auf dem Schragen läge ... Ach so!« rief er plötzlich verständnisvoll und lachte laut, was ihm augenscheinlich große Schmerzen bereitete. »Ihr habt natürlich auch von dem Unsinn gehört ... von meiner Akke ... wenn ich nur den Hund hätte, der meinen Schatz verunglimpft. Mensch, Edlef, sieh. -- Da steckt ihr Ring, und da auf der Brust liegt ihr feiner Brief: ›Ich bin deine Braut Akke‹. -- Morgen um zwei Uhr! Da fangen wir mit Kaffeepunsch an. Ohm Rickert kommt mit!
Ich laß es der alten Stine Diedrichsen sagen, vielleicht kommt’s noch zu einem Verspruch zwischen euch beiden.« Peder Claußen lachte ausgiebig trotz der Schmerzen.
»Sorg du, Peder, daß es zu _deinem_ kommt«, knurrte der Alte.
»Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, meinte Edlef zögernd und hielt die heiße Hand des Kranken fest, -- »ich hab’s für gewiß gehört, daß ...«
»Und ich hab sie mit dem Hamburger abziehen sehen«, rief Ohm Rickert barsch.
»Der gute, dicke Hamburger!« lachte Peder Claußen.
»Ja, er ist abgereist. Die Akke konnt die Zeit nicht erwarten, bis er weg war. Er hatte es hellschen hilde mit meinem Schatz. Wenn ich dran denk, muß ich mich totlachen ... Au!«
»Lach nich, mein Peder«, sagte seine Mutter, die mit Umschlägen und heißem Tee hereinkam. »Und wenn du morgen noch die Hitze hast, laß ich dein Akke herkommen. In dem Wind gehst mir nicht zur Schulwarf.«
»Mutter, warst du mal jung?« scherzte Peder. »Ich bin gesund, wenn ich mein Akke wiederseh.«
»Denn is ja allens in Ordnung«, krähte Ohm Rickert.
»Dann schwitz du dich man zurecht. Aber schwitz dich nicht deinen Verstand weg. Den kannst du morgen brauchen ...«
Edlef zog ihn rasch mit hinaus und sie hörten noch das frohe, heisere Lachen des Kranken hinter sich her.
»Siehst du, Edlef«, sagte draußen der Alte. »Da heißt’s immer auf der Hallig: ›Inbillung is döller as Pestilenz‹, aber ich mein, für den Peder, das arme Suppenhuhn, is sie wohltätig.«
»Ja, bis morgen«, knirschte Edlef. »Aber dann?«
Und nun sprachen sie gar nichts mehr. Durch den Sturm kämpfte das ungleiche Paar sich schweigsam heim, bis der dunkle Mutterhof sie wieder mit seiner großen Ruhe umfing.
* * * * *
Es war wenige Tage vor Weihnachten.
An der Postfähre auf der Okkenswarf stand Lehrer Manne Wögens und wartete auf ein Paket, das ihm wichtige Bücher bringen sollte. Die wollte er sich selbst abholen und dabei gleich dem Postagenten die Tagszeit bieten. Das Segelboot des Postschiffers, das schon lange mit hohem Seegang kämpfend vor der Anlegestelle gekreuzt hatte, lag nun am Steg.
Der Halligbriefträger half die Postsachen ordnen, und ein junges, hochgewachsenes Mädchen in städtischer Kleidung dirigierte halb lachend, halb scheltend ein paar Knaben, die immer ein Bündel fallen ließen, wenn sie das andere aufhoben.
»Klüger seid ihr auch nicht geworden seit meinem letzten Hiersein«, hörte Manne Wögens sie sagen. »Rasch, rasch, nehmt endlich die Sachen ordentlich zusammen und dann ›auf nach Valencia!‹«
»So weit kann ich Ihnen allerdings nicht folgen, Fräulein Nomine Holgers«, lachte Manne Wögens und zog die Mütze. »Aber bis zum Mutterhof helfe ich Ihnen tragen. Wenn ich leider auch nicht klüger geworden bin seit Ihrem letzten Hiersein.«
Sie gab ihm die Hand und nickte ihm zu.
»Herr Wögens, guten Tag! Und guten Abend und guten Morgen! Sehen Sie nur, wie unsagbar dumm mich die Jungs angucken. Es sind hoffentlich nicht die Begabtesten in Ihrer Schule.«
»Wo denken Sie hin,« wehrte der Lehrer. »Mensch, Fite Groth, du stehst wohl hier als Reklameschild für die Dämlichkeit? Warum guckst du das Fräulein so an?«
»Weil -- weil,« stotterte der Junge, »weil sie Onnen Holgers Swester is. De seggt immer: Oha, wenn doch einmal mien Schwester käm.«
»Jung, nun mußt du ’n Groschen haben«, rief Nomine Holgers und zog die Börse. »Das war ein schöner Willkommsspruch. Ach, Manne Wögens, am meisten von allen Menschen freu ich mich auf meinen lütten Onnen.«
Lehrer Wögens sah sie fragend an.
»Nun freilich,« lachte sie, »ich freu mich auch auf Edlef, auf die Ahne, auf Mutter, auf alle im Mutterhof, -- ach, und auf die Nordsee! Auf das Segeln! Auf die Bonnestave, auf Schafe und Kühe ...«
»Igittigitt, Fräulein Nomine, wann komme endlich _ich_ dran? Damit ich sagen kann: ›Nennt man die besten Namen, so wird der meine auch genannt‹. Also -- komme ich vor oder nach den Kühen und Schafen?«
»_Gar nicht_ kommen Sie«, rief Nomine, -- streckte ihm noch einmal die Hand hin und schüttelte sie herzhaft.
»Sehn Sie, das längliche Paket dort, das der andere Junge wie ein Gewehr schultert, das ist ein Tannenbaum. Tannenbaum und Heimat! Riecht das nicht gleich wie Wachslichtchen und Klaben? Mensch, Fite, Mensch, Fite«, unterbrach sie sich laut rufend. »Vorsicht, Vorsicht! Der Bengel trägt meine Bücher und Notizen und tänzelt auf dem Steg über den Priel, als wollt er mein Heiligtum im nächsten Augenblick ersäufen.«
»Ihr Heiligtum?« fragte ernst Manne Wögens. »Ich dachte, das sei die Heimat. Sind’s also doch die Bücher?«
Nomine biß sich auf die Lippen. »Keine Wortklauberei, Herr Wögens. Eins braucht ja das andere nicht auszuschließen. Um mal auf ganz etwas anderes zu kommen: Werde ich Sie Weihnachten im Mutterhof sehen? Wie früher, als Sie mit Edlef unzertrennlich waren und mich, so oft Sie konnten, verprügelten?«
»Weil Sie mit Geschick und vollendeter Tücke mir und Ihren Geschwistern das Süße aufaßen. -- Den bunten Teller. Und es nie leugneten. Sondern sich mit Geschrei selbst anklagten. Aber doch nie eher, als bis Sie Leibweh hatten. Gott, was waren Sie für ein greuliches Mädchen!«
»Ich danke, Manne Wögens. Das genügt für’n Schaltjahr. Sie haben mir aber noch nicht geantwortet. Reisen Sie fort? Etwa zu Maren? Oder kommen Sie Weihnachten zu uns?«
»Es geht doch nichts über schreibfaule Leute«, meinte der Lehrer. »Sie wissen also gar nichts über die gewaltigen Ereignisse im Mutterhof und -- im Schulhaus?«
»Und die wären?«
»Meine Schwester Maren ist Edlefs Braut ...«
Nomine lachte glücklich. »Aber das ist ja eine Freude, eine Riesenfreude! Die feine, süße Maren! Und mein stattlicher Edlefbruder! Der hat mich sicher überraschen wollen unterm Tannenbaum. Nun, ich bin auch tüchtig überrascht. Ich dummes Ding meinte immer, die Akke Luersen ...«
»St!« Er wehrte mit der Hand. »Gar nicht _denken_ soll Nomine Holgers an diese Frau und den Namen nicht aussprechen. Bruder Edlef ist auf Umwegen zu dem Kleinen und Feinen gekommen, -- aber ein Umweg ist auch ein Weg.«
»Ich frage gar nicht, ob sie glücklich sind«, sagte Nomine, -- »mit Maren _muß_ man es sein.«
»Warum sagen Sie nicht ›mit Edlef‹?«
Sie runzelte die Stirn. »Weil er ein Holgers ist. Die Holgers sind alle ungebärdig und hoffärtig.«
»Ja, das sind sie«, bestätigte Manne Wögens und sah sie so eindringlich an, daß sie errötete. --
Nun gingen sie stumm eine ganze Weile.
»Ach,« seufzte Nomine plötzlich auf, »so ganz richtig ist die Heimat heut doch nicht.«
»Und was fehlt?«
»Manne Wögens erzählt keine Märchen mehr, wenn er mit mir über die Hallig wandert.«
»Nein, das tut er nicht.«
»Und warum nicht?«
»Weil Nomine Holgers kein Kind mehr ist.«
»Sie ist doch aber ein Kind ihrer Heimat ... und sie hungert nach Märchen. Draußen in der Fremde ist alles Wirklichkeit. Und die ist so kalt ...«
»Wirklichkeit? Da draußen heiratet also jede Gänsemagd ihren Königsohn? Oder besser, jeder Schweinehirt seine Prinzessin?«
»In diesen Kreisen hab ich keinen Zutritt«, lächelte sie. »Item, -- ich hungere nach Märchen ...«
»Eigentlich müßt ich als Lehrer sagen: ›Nomine Holgers, du bist eigensinnig, stell dich in die Ecke.‹«
»Ich will aber nicht. Ich will mein Märchen.«
»So ein Unart! -- Also, dann man to. Passen Sie gut auf. -- Es waren einmal drei Kinder. Zwei große Jungen und ein kleines, süßes, feines Mädchen ...«
»Ein eigensinniger Unart!«
»Ja, manchmal.«
»Nein, immer.«
»Nicht unterbrechen, Fräulein Nomine. Oder wollen _Sie_ die Geschichte erzählen?«
»Nein, -- -- dann würde sie ganz anders enden, als bei Manne Wögens.«
»Wie die Märchen wirklich enden, das weiß kein Mensch. In Büchern steht: ›Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch.‹ Aber _ob_ sie gestorben sind oder _wie_ sie weiter leben, das erfährt man nicht.«
»Weiter, Manne Wögens, philosophieren wollen wir ein andermal, wenn ich nicht so froh bin, wie heute.« --
»Ja, also diese drei glücklichen Menschenkinder liefen auf der Hallig herum, die ihnen ganz zu eigen gehörte. So voll Phantasie waren sie. -- Und sie hießen ...«
»Ach -- Name ist Schall und Rauch, lassen wir sie doch namenlos.«
»Mitnichten. Als Lehrer bin ich für Gründlichkeit. Sie hießen also Nomine, Edlef und Manne.«
»Ja. Und die freundlich Zuerstgenannte war die Unterdrückte. Sie mußte immer das tun, was die anderen wollten.«
»Das ist nun wirklich ein Märchen und höchst unglaubwürdig. Da lach ik öwer. Sagen wir lieber, sie fügte sich _manchmal_, wenn zufällig die Vernunft in ihren Kram paßte.«
»Manne Wögens, Sie erzählen sehr harte Märchen ...«
»Ich bin ja auch keine Mutter, Fräulein Nomine. ›Ein Vater lernt die Märchen aus einem Buch, einer Mutter erzählt sie der liebe Gott selbst.‹«
Nomine Holgers ging sinnend. »Ach ja,« seufzte sie dann, »wie konnte Mutter Wögens Märchen erzählen! Da lag die ganze Süße der Heimat drin. Aber der Sohn ...«
»Dem haben Sie die Süßigkeiten aufgegessen ...«, sagte der Lehrer schroff.
Nomine sah ihn zornig an.