Der Mutterhof: Ein Halligroman

Part 2

Chapter 23,883 wordsPublic domain

»Einer von der Königswarf. Peder Claußen hieß er und war son büschen durchhin von der Liebe. Und er hatte es sehr hilde mit die Deern. Aber ich laufe euch allen den Rang ab, und sie möcht auch gern nach Hamburg und mag mich furchtbar gern leiden. Das hat sie mir gesagt.«

Edlef sah den halb Berauschten verächtlich an. »Ja, das tu du denn man,« sagte er halb vor sich hin, und verließ die Stube, ohne sich noch einmal umzusehen.

Draußen trottete er in wirren, dumpfen Gedanken. Manchmal war auch ein klarer dazwischen, der meldete sich: »Sieh, Edlef Holgers, das ist nun dein Leben. Verpfuscht hast du’s durch eine einzige Stunde, da du auf dein Blut hörtest und nicht auf Herz und Verstand.«

Der Regen klatschte ihm ins Gesicht und der Sturm wollte mit ihm ringen, -- er fror trotz der Anstrengung in seinem dicken Düffelrock.

Jemand kam hinter ihm her.

»Hallo, Edlef Holgers, nimm mich mit. Mensch, was hast du für lange Beine!«

»Süh dor, Peder Claußen.«

»Ja. -- Du mußt es nicht krumm nehmen, ich war vorhin noch ein büschen nachbarn bei Luersens. Und jetzt komm ich vom Schulhaus. Du, da ist was Feines drin, aber gegen die Akke Luersen kommt’s nicht auf.«

»Warum soll ich das krumm nehmen? Es nachbart, scheint’s jetzt die ganze Hallig bei Vadder Luersen. Wo Honig ist, sind Schlecker.«

»Ja grade. -- Aber weißt du, Edlef, ich möchte nicht falsch sein, du bist selbst so’n aufrechter Kerl. -- Meinst du nicht, daß Akke Luersen schlecht zu dir paßt?«

»Kann schon sein.«

»Siehst du? -- Es läßt sich leichter mit dir reden, als ich fürchtete. Sie ist ’ne seltsame Deern, gar kein bedachtsames Halligblut, aber grad deshalb tut sie’s uns wohl allen an. Und ich möcht dir’s gradaus sagen, Mensch, -- sie hat mir heut Hoffnung gemacht, es könnt doch mit uns zweien wieder was werden, -- -- warum lachst du, Edlef Holgers?«

»Ich hög mich, Peder Claußen. Über die Welt und über die Frauensleut, und über dich und mich. Hör, wie der Sturm lacht! Der högt sich auch.«

»Mich dünkt, der heult.« Peder schudderte. »Du hast also nichts dagegen, Edlef, wenn ich morgen nochmal bei Luersens anfrag? Ich kann, scheint’s, ohne die Deern nicht leben.«

Edlef Holgers richtete sich zu seiner ganzen Höhe auf und stemmte sich breitbeinig gegen den Sturm.

So schützte er den Kleineren.

»Peder, -- hör zu! Neulich, da tatst du mir bannig leid, wie du so wehleidig und ganz durchhin herumliefst, -- -- -- und nun, mein ich, heute müßtest du mir noch viel mehr leid tun -- -- --«

»Willst du mir denn die Akke nicht geben?«

»Ja grade, mein Peder, weil ich zurücktrete ...«

Sie gingen wieder vorwärts und Peder dachte, der Edlef sei ’n büschen durchgedreht, weil die schöne Akke ihn nicht mehr wolle.

Vor der Hauswarf trennten sie sich.

»Wie ist’s denn nun?« fragte Peder Claußen zaghaft.

Edlef war schon wieder im Schreiten. »Wart’ noch ein paar Tage«, rief er zurück. »Vielleicht hast du Glück und sie nimmt den Hamburger.«

»Tühnkram«, sagte Peder, und schritt zu seinem Hause.

Im Mutterhof auf der Großwarf schien schon alles Leben verstummt. Edlef tappte sich nach seiner Stube. Aus dem »Altenteil« nebenan schimmerte mattes Licht. Da drehte er sich noch einmal herum und klinkte dort die Tür auf. Hier wohnte die verwitwete Schwester seines verstorbenen Vaters. Mit der Einsamen war er gut Freund. Und der Schlaf würde ihn heute meiden. --

»Guten Abend, Tante Frauke.«

»Auch soviel, Edlef.«

Die zierliche Frauengestalt mit dem blassen, verhärmten Gesicht unter der Friesenhaube stellte ihr Spinnrad beiseite. Das schwarze Kleid schleppte ein wenig auf dem sauberen Sandboden, und die schweren, silbernen Filigranknöpfe klirrten leise.

»So spät?« fragte sie.

»Gerade dasselbe wollt ich dich auch fragen«, meinte Edlef.

»Oh, -- bei mir bist du’s gewohnt, Edlef, aber ich nicht bei dir.«

»Dich läßt wohl das Glück nicht schlafen, Hochzeiter?«

»Oder das Unglück, Tante Frauke. Manchmal kennt man die beiden nicht voneinander.«

»Wie wär das?«

Sie schob ihm ihren besten Stuhl hin, dessen Rücken- und Seitenlehnen kunstvoll mit hellem Holz eingelegt waren. »So nun erzähl’. Auf dem Stuhl hat schon mehr Unglück gesessen.«

Edlef berichtete stockend. Ganz von Anfang an. Er schämte sich. Auch der Zorn schoß ihm rot ins Gesicht. Er erzählte, wie er die Akke um jeden Preis hätte zwingen wollen, weil sie ihn toll gemacht habe mit ihrer Kälte. Dann erst, nachdem sie seine Braut geworden, habe er gespürt, daß alles Gute in ihm von ihr fortstrebe.

Edlef war in peinvoller Verlegenheit. Aber so recht unglücklich sah er nicht aus. Tante Frauke mußte über ihn den Kopf schütteln.

Ernst entgegnete sie: »So geht’s jedem, der die Liebe nicht hochhält, sondern den Rausch. Es geschieht dir Recht. Aber nun wirst du harten Stand im Mutterhof haben. Denn der wollte rasche Heirat und viele Kinder von dir.« Sie lachte herb. »Dafür hatte man dir Akke Luersen ausgesucht. Was nun?«

»Mir geht’s noch über Verdienst gut, Tante Frauke. Jetzt werb ich um mein Glück. Ist eine feine, süße Deern. Son ganzen Lütten. Reicht mir bis zum obersten Westenknopf. So wie du, Tanten Frauke. Ihr wiegt auch beide so ungefähr dasselbe. Dreißig Pfund und ein paar. Wie die Schneider.« Er hob den Stuhl mitsamt der zierlichen Gestalt hoch, und diese schalt mit weicher Stimme: »du Slüngel, du Rumdriwer! Ik gew di eins achtern vör.«

Edlef lachte und stellte den Stuhl ganz sacht wieder zurecht.

»Was ist das nun wieder fürn Schnack?« fragte sie bekümmert. »Hast du die Deerns am Faden, wie der Drachenschwanz die Papierschnitzel?«

Er sah sie verträumt an. »Wie die salzen See sind ihre Augen. Nordsee im Sturm. Graublau. Un de lütt Näs’ so fien, un de Mund wien Korall, un de Tähn blinkern dor achtern. Un dat söte Hart so gut.«

»Und ihr Körper Edlef? Ist sie gesund? Hat sie zehn oder zwölf Geschwister? Denk dran, Edlef! Denk nicht an dich! Die Hallig und der Mutterhof gehen deinem Glücke vor. Und wenn deine Frau nicht jedwedes Jahr was Lüttes in de Weeg leggen kunn ... und sie hat denn Herz und Gemüt ... Um Jesu willen, mein Edlef, bring sie nicht auf den Mutterhof ...«

Die Frau legte den Kopf auf ihren Arm und weinte bitterlich. Edlef streichelte ihr ergrauendes Haar. »Die Maren Wögens ist gesund,« lachte er sorglos. »Mir ist nicht bange um die Erben des Mutterhofs.«

»Still, still, Tanten Frauke«, beruhigte er dann. »Das sollen deine letzten Tränen gewesen sein. Hörst du? Ich sag’s. Und ich bin der Herr jetzt vom Mutterhof.«

Sie trocknete die Augen.

»Ganz verwirrt bin ich«, stammelte sie. »Bist du denn schon einig mit ihr?«

»Mit mir bin ich’s, und sie ist’s mit sich.« Holgers Augen lachten. »Das andre kommt rasch. Tanten Frauke, hör zu: Wenn der Rotschenkel ruft ›tülü, tülü‹, dann bauen wir unser Nest ...«

»Glück!« murmelte Tante Frauke. »So sieht ’s Glück aus?«

»Ja, -- so sieht’s aus. Gute Nacht, Tanten.« --

* * * * *

Auf der Hallig ist man »früh zugange.«

Man saß um die Lampe herum um 6 Uhr morgens Und aß dicke Grütze. Edlef Holgers kam zuletzt, denn er hatte schon überall nach dem Rechten gesehen. Trotzdem greinte seine Mutter unwirsch.

»Abends spät und morgens spät,« rief sie. »Und wenn’s schon so ist, konntest du nicht gestern noch zu mir hereinkommen, anstatt dich mit Tanten Frauke zu besprechen?«

Ein lustiger Schein flog über Holgers Gesicht. »Mutter, du tust, als hing mir noch das Hemd aus der Büx. -- Aber ich steh dir gerne Red und Antwort. Nur laß die Insten erst an die Arbeit und die Lütten in die Schul.«

»Zu was gehör ich denn, Bruder?« fragte Melenke. »Zu die Insten oder zu die Lütten?«

»Sprich erst mal richtig deutsch«, verwies der Bruder.

»Oha. Wi sün em ni mehr god nog«, lachte Melenke. »Aber so gutes Deutsch wie deine dicke Akke sprech ich noch allemal.«

Edlef sah sie zornig an. »Mit dir rede ich noch ein Wort allein, Melenke. Du hast dir eine Art angewöhnt, die paßt nicht auf den Mutterhof.«

»So laßt mich wieder nach Hamburg, da paßt sie hin.«

»Nach Hamburg gehst du _nicht_«, rief die Ahne. Weiter kein Wort.

Sie strickte hastig an dem groben, grauen Strumpf und wartete, bis Knecht und Magd sich schwerfällig erhoben und die Stube verlassen hatten. Ihnen folgten die beiden Jüngsten. Nicht ohne sich vorher bei Edlef »gemeldet« zu haben. So hatte er’s eingerichtet nach seiner militärischen Dienstzeit und es hatte sich bewährt. Die Kinder vom Mutterhof galten auf der Hallig als ganz besonders gut erzogen. Als Edlef »linksum kehrt« kommandieren wollte, fragte Onnen, der stramm vor dem großen Bruder stand: »Soll ich Herrn Lehrer Wögens grüßen? Er fragt immer, ob du einen Gruß geschickt hättest.«

»Freilich sollst du das.«

Die achtjährige Karen rief noch: »Bruder Edlef, ich grüß die Fräulein Maren, die ist jetzt da und weiß bannig viel schöne Geschichten.«

Dann liefen die Kinder fort.

Die Ahne ließ den Strickstrumpf sinken und zeigte ein bekümmertes Gesicht. »Du hast recht, Enkel Edlef,« klagte sie, »es ist ein garstiger Ton bei uns eingekehrt. Den hat man nicht gekannt im Mutterhof, solang er steht. Melenke, ich sag’ dir, meine Augen sind noch scharf, wie meine Ohren. Ich sehe, daß du ein Gesicht ziehst, als wärst du der Klügsten eine, und für die Ahne wär’s Zeit, der klugen Welt Valet zu geben. Da bist du aber irrig. Ich bin noch imstande, diesen neuen schlechten Geist mit eisernem Besen auszufegen. Hast du mich verstanden, Enkelin Melenke?«

»Da fang die Ahne nur mit Edlefs Schatz an«, sagte Melenke schnippisch. »Was die alles sagt, da werden dem Bruder nochmal die Augen übergehn. Aber die darf sich alles herausnehmen und unsereins muß tun, als verstände es die Schnäcke nicht ...«

»Schweig!« rief die Ahne wieder, und war so zornig, daß sie nach Worten rang und sie doch nicht fand.

Aber Edlef streichelte beruhigend ihre Runzelhand. Dann richtete er sich hoch auf und sagte entschlossen: »Melenke hat recht. Akke Luersen hat nie in den Mutterhof gepaßt. Das ist meine Schuld, daß ich sie herbrachte. Aber die mach ich wieder gut. Ahne, du hast der Akke und mir deine Zustimmung gegeben, aber noch hattest du uns nicht mit dem alten Holstenspruch zusammengetan: ›Up ewig ungedeelt!‹ Gott Lob und Dank sage ich jetzt. -- Den Spruch bewahr mir auf, Ahne, hörst du?«

»Ich versteh die Welt nicht mehr, mein Enkel Edlef«, murmelte die Ahne. Und sie saß wie steuerlos in ihrem Ohrenstuhl. »Früher, da war ein Verspruch heilig wie die Ehe selbst, und jetzt ...«

»Jetzt lernt man sich durch den Verspruch kennen«, ergänzte Edlef. »Ich bitte die Ahne, daß sie mir vertraut und daß sie mir ihren Segen aufhebt.«

»Für wen?« fragte Melenke. »Hätt’ nicht gedacht, daß sich der moralische Herr Bruder so auswächst ...«

Da zeigte Edlef nach der Tür, und sie ging widerwillig hinaus. Ganz still wurde es zwischen der Ahne und dem Jungen. Edlef wartete längere Zeit auf ein gutes Wort. Als es nicht kam, verließ auch er langsam die Stube. --

Draußen in der Küche schluchzte die Mutter: »Ich bin der Garniemand. Ist’s wahr, was mir die Melenke schnackt? Du sagst der Akke auf? Und ich erfuhr es nicht von dir? Ist’s nicht auch _mein_ Haus?«

»Mutter, das Haus gehört dir und uns allen, aber meine Ehr und meine Zukunft gehört mir allein. Das Zusammenkuppeln war eine Sünde. Nun mach ein gutes Gesicht, Mutter, -- denn eine gute Zeit fängt an.«

»Wüßt nicht, wo sie herkommen sollt«, murrte die Mutter.

»Von der Schulwarf. -- Aber anders, als du es wolltest.« Edlef nahm bittend ihre Hand. »Ich möcht’ wieder Sonne auf dem Mutterhof haben. Wehr doch nicht ab, Mutter. Und ich will’s gleich dazu sagen, von heute ab kommt Tanten Frauke wieder auf den Ehrenplatz. Neben dir und der Ahne soll sie sitzen.«

»Beißt du den Herrn heraus?« grollte die Frau. »Willst du, daß sich die toten Holgers im Grab herumdrehen? Was soll die Unfruchtbare auf dem Ehrenplatz? Gott hat sie gezeichnet. Vergiß das nicht, Edlef.«

»Frau Mutter, daß ich nicht den Respekt vergesse!« Edlef zwang seinen Unmut. »Unsere Hallig ist ödes Eiland, aber unsere Zeit ist nicht das Mittelalter. Und ich will Tanten Frauke Sonne geben, ich will’s.«

»So hab ich zu schweigen.«

»Nicht _so_, Mutter. Nicht _so_.« Er hielt noch immer ihre Hand, aber sie sah ihn feindlich an. Da stürmte er fort.

* * * * *

Sonntag auf der Hallig. Auf der Kirchwarf zogen Knaben den Glockenstrang. Es waren keine hallenden Domglocken, es war ein klägliches Rufen: »Kommt! Kommt!« Aber die ganze Gemeinde gehorchte. -- Im schwarzen Gottestischkleid zogen sie daher, und bei den Frauen lag das mit Klöppelspitzen umsäumte Taschentuch quer auf dem Gesangbuch. Von einer Warf zur anderen schlossen sich Männer, Frauen und Kinder an. Sie sprangen an langen Stangen über breite Wasserrinnen und schritten auf hohen, schmalen Stegen über die Priele. Die Sonne lachte an diesem Novembersonntag. Und die Friesengesichter sahen hell aus. Denn die Hallig verwöhnt ihre Kinder nicht, sondern ist herb zu ihnen und hält sie knapp. Da werden sie zur Dankbarkeit erzogen für jeden Sonnenblick. Vor der uralten, turmlosen Kirche standen sie in Gruppen, und der Pastor schritt grüßend hindurch, und die Pastorin hatte eine liebe Art zu grüßen und zu nicken und im Vorbeigehen rasche Fragen zu stellen. Alles war Leben an ihr und warme Anteilnahme.

»Ein’ feste Burg ist unser Gott!« klang das schlichte Harmonium, Lehrer Manne Wögens legte seine Seele hinein. Und aus den hellen Stimmen der Schulkinder, die zur Liturgie sangen, spürte man die Wärme, die ihr Lehrer für sie hatte. Auch in Pastor Lichts Predigt war warme Güte. Er kam als Fremder aus Thüringen und tastete noch etwas an dem Herzensschloß seiner Halliggemeinde, auf daß er den Riegel fände. Aber die noch fest versicherte Pforte machte ihn nicht ungeduldig. Weil nach Gottes Wort die Liebe für ihn die »größeste unter den dreien« war, und er ihrer ausschließenden Macht vertraute. --

Auf dem Gottesacker der Kirchwarf stand Edlef Holgers und betrachtete ein schlichtes Grab, das mit Muscheln belegt und mit einem Kranz Bonnestave geschmückt war. Vor einigen Tagen hatte man einen Namenlosen hineingebettet, den die See an den Strand geworfen.

»Mensch, komm von dem Grab fort«, rief halblaut Peder Claußen, der sich, wie immer, verspätet hatte. »Ich kann nur an _Leben_ denken. Mensch, Edlef, sie will mich! Was kostet die ganze Hallig? Hab auch schon mit der Mutter gesprochen.« Peder lachte in sich hinein. »Die sagte: ›Nimm sie um Gottes willen, damit ich meine Ruh kriege.‹ Heut sag ich’s dem Pfarrer. Akke ist daheim geblieben -- beim kleinen Bruder. Edlef, -- ich bin wie duhn vor Glück, wenn ich dran denk, daß sie sich im Kinderwiegen übt.«

»Komm,« sagte Edlef Holgers, »ich möcht noch hören, was Pastor Licht weiß.«

Und Peder Claußen dachte, daß Edlef ihm trotz aller Freundschaft sein Glück neide.

Pastor Licht sprach ernst und eindringlich und recht wie ein Bruder zu seiner kleinen Gemeinde. Ein paar Leute schliefen. Nicht gerade die Ältesten waren es, aber die, die am Sonnabend vorher über Gebühr geschafft hatten. Denn der Sturm war des Nachmittags plötzlich aufgestanden und hatte sich wie ein Riese über die Hallighäuser geworfen. Da war manches zerdrückt worden, was dem Menschensinn fest genug gedünkt hatte. -- Nun tat die gute, ruhige Stimme des Predigers den ermüdeten Halligbauern eine große Wohltat an. -- Auch Edlef Holgers kämpfte mit dem Schlaf. Der Hüne hatte bis in die Nacht hinein noch den ärger bedrängten Nachbarn beigestanden und dann kaum zwei Stunden geruht.

Aber das Anliegen, das er an den Herrgott hatte, war ihm wichtiger als Schlaf und Müdigkeit. Er hielt die Mütze zwischen den gefalteten Händen und murmelte eindringlich: »Gib mir die Maren, -- gib sie mir!«

Das feine Mädchen saß nicht weit von ihm auf der anderen Seite. Aber so tief hielt sie den Kopf gesenkt, daß nur ein paar eigensinnige Löckchen zu sehen waren, die sich nicht unter die Friesenhaube hatten zwingen lassen.

Zum Schlusse klang die Stimme des Halligpastors noch einmal recht eindringlich! »Nicht locker lassen! Anhalten am Gebet, wie unser Luther es uns lehrt, dessen Geburtstag wir heute feiern. Amen.« Da sagte auch Edlef ganz laut Amen, so daß ein paar Halligmädchen anfingen zu kichern, und die alten Leute bei sich feststellten, daß der Älteste vom Mutterhof ein fester, aufrechter Mensch sei und einen guten Hausvater abgeben werde. Vielleicht gar einmal einen vorbildlichen Gemeindevorsteher, wenn der alte Ketel Boon abdanke. Denn Edlef Holger’s Gesicht war ernst und gut und trug dabei ein zuversichtliches Gepräge. Und ernst, gut und zuversichtlich muß die Obrigkeit sein auf der Hallig.

Edlef erinnerte sich plötzlich einer Konfirmationsstunde, da hatte er die Worte gelernt: »Amen, das heißt: ›Ja ja, es soll also geschehen.‹«

Das sagte er nun heimlich vor sich hin, als Herrgotts Antwort auf sein Gebet: »Ja, ja, es soll also geschehen!«

Dann ging er ganz fröhlich von der Kirchwarf zur Schulwarf und grüßte vorher den Pastor, der gerade mit Peder Claußen ins Pastorat treten wollte. Edlef schwenkte beim Gruß ordentlich ein wenig den Hut, und Peder freute sich darüber, daß der Freund ihm wohl nicht mehr gram sei, sondern einsah, daß die schöne Akke Luersen nun endgültig dem Peder gehöre. --

Lehrer Manne Wögens und seine Schwester waren Edlef ein Stück vorausgekommen, trotzdem der Organist noch das Harmonium verschlossen und die Noten fortgepackt hatte. Aber Edlef hatte immer gar viel zu schauen auf seiner Hallig und Kreuz- und Quersprünge zu machen. Fand auch noch eine tote Mantelmöwe, und grub ihr mit einem angeschwemmten Stück Holz ein Grab.

Inzwischen plauderten die Geschwister eindringlich miteinander. »Wie die heilige Cäcilie selbst hast du heute gespielt«, sagte Maren bewundernd zum Bruder. »Nur ein besseres Harmonium müßte man dir schaffen.«

»Wer denn?« fragte Manne trocken.

»Nun die Gemeinde oder die Regierung.«

»Ja, die lauern nur drauf.«

Inzwischen hatte Edlef die beiden eingeholt.

Maren hielt die feinen Lippen zusammengepreßt, und Manne Wögens schüttelte dann und wann den Kopf. Denn Edlef Holgers sah ganz und gar nicht wie ein Unglücklicher aus, als der er ihn doch vor ein paar Tagen verlassen hatte, und nun gesellte er sich stumm und doch wie selbstverständlich zu ihnen.

Ging neben ihnen her, eine halbe Stunde und mehr mit versonnenem Gesicht, ohne ein Wort zu reden. -- An Luersens Haus gingen sie rasch vorbei, und dann standen sie vorm Schulhaus.

Edlef schob den Lehrer kraftvoll durch das Zauntor. »Nun sieh du erst mal eine ganze Weile nach dem Vieh, Manne«, befahl er kühnlich.

Manne Wögens lachte. Aber er gehorchte und ging in den Stall.

Befangen schritt Maren durch die Hausdiele in die Wohnstube.

Edlef Holgers folgte ihr.

Sie bot ihm einen Stuhl an, aber er setzte sich nicht. Er sah mit starkem Herzklopfen auf die zarte, schlanke Gestalt herunter und legte seine Hand auf ihren Kopf und bog ihn etwas zurück. So mußte sie ihm in die Augen sehen. --

Da wurde er ganz ruhig und sagte zuversichtlich: »Ja, du hast mich lieb. Gott sei ewig Lob und Dank!«

Dann küßte er sie.

»Ich bin ein rechter Bauer«, meinte er. »Ich frage dich nicht und sage nichts, sondern ich nehme dich gleich. Wenn du meine Frau bist, will ich sehr ehrerbietig sein, Jungfrau Maren, aber jetzt ...«

Sie lag still an seiner Brust.

»Ich muß dich wohl erst aufwecken?« fragte er. Und küßte sie heiß und lange. »Sag doch etwas«, bat er. »Ich hab mich doch nicht getäuscht?«

Sie schüttelte den Kopf.

»Gefürchtet hab ich mich vor dir«, gestand sie. »Weil du so riesengroß bist.«

»Klein Bangbüx«, lachte er zärtlich. »Fürchtest du dich denn nun nicht mehr?«

»Ein klein büschen«, sagte sie leise. »Aber vielleicht mußt du dich _auch_ fürchten, denn ich hab dich so schrecklich lieb. Und ich werde immer hinter dir herlaufen, damit du mir nicht abhanden kommst. Wird es dir auch nicht unbequem sein?«

Er lachte glücklich auf. »Ach, du Lütten! Du bist wie aus einer anderen Welt! Wie hast du dich so fein und rein halten können in der staubigen Großstadt?«

»Weil ich an den Edlef Holgers dachte. Allstunds. Ich weiß, daß du nichts Staubiges magst.«

Er ließ sie plötzlich aus seinen Armen. »Lüttje Deern, paß auf«, sagte er ernst. »So wahr mir Gott helfe, ich mag nichts Staubiges. Aber so rein wie du bin ich nicht. Hab noch vor wenig Wochen eine andere wild geküßt. Willst du mich aus diesem Irrtum herausnehmen?«

Um einen Schein blasser war sie geworden, und in rührender Hilflosigkeit sah sie ihn an. Dann schlang sie beide Arme um seinen Nacken und küßte ihn heiß und innig.

Ernsthaft sagte sie: »_Nun bist du rein._«

Da war’s Edlef Holgers, als stünden alle Himmel offen.

»Muß ich dir noch etwas sagen«, meinte sie wie bedrückt. »Es ist wohl nicht recht, daß uns all das erst nach dem Küssen einfällt. Aber du überfielst mich ja wie der Halligsturm ...«

»Ja, so bin ich. Und mein Lütten war ganz verbast, und hat das Küssen erst lernen müssen ...«

»Still, still!« wehrte sie ihm. »Ich will dir ja etwas sagen. Erstens hätte ich dich fragen müssen, warum du neulich von uns wegliefst? Aber ich hab so seltsam gutes Vertrauen zu dir. Du erzählst es mir schon später einmal, ja? Aber nun kommt etwas ganz Wichtiges. Sieh, du hast sicher gar nicht über nachgedacht, daß ich ganz arm bin. Nein, ich will nun ausreden. Du bist der reiche Mutterhofsbesitzer. Und ich? -- Bin noch gar nicht lange angestellt in Kiel und konnte nicht viel sparen ... Da muß ich noch viele Jahre Lehrerin spielen, bis ich dir eine Aussteuer zubringen kann. Wirst du auf mich warten wollen?«

»Nun muß ich dich wieder küssen, damit du nicht reden kannst, mein klein Schulmeister«, sagte Edlef. »Wenn ich auch nur ein Bauer bin, so furchtbar dumm darfst du nicht schwatzen. Denn ich versteh auch gescheite Sachen. Eine sehr gescheite Sache ist zum Beispiel, daß du ganz _bald_ meine Frau wirst.«

»Oh, oh! Ich bin gerade fünf Minuten deine Braut.«

»So langsam vergeht dir die Zeit? -- -- --«

»Edlef, mein Edlef, was werden deine Leute sagen? Ein armes Mädel auf dem Mutterhof. Und stolz noch dazu. Jawohl, übermäßig stolz, mein Edlef«, bestätigte sie ernsthaft.

»Sag noch einmal ›_mein_ Edlef!‹ Es klingt wie Weihnachten.«

»Mein Edlef, was werden deine Leute sagen???«

»_Ich bin der Herr vom Mutterhof._«

»Aber zuerst bist du der _Sohn_ vom Mutterhof. Und dann ist da die Ahne, die hat wieder deinen Vater geboren ... Denk daran, Edlef! Du sollst Vater und Mutter ehren!«

Marens feines Gesicht war blaß und ernsthaft. Sie sah ihn fast mütterlich mahnend an.

»O du Feines!« rief er zärtlich. »Du ganz Liebes! So wie du jetzt aussiehst, bist du wie ein Bild, so ein schönes, ernsthaftes Bildchen vom vierten Gebot. --«

»Mein Edlef, ich möchte so gern eine klare Antwort haben.«

»So gebe ich sie dir«, sagte er ernst. »Du bist willkommen auf dem Mutterhof! Genügt dir mein Wort?«

»Oh!« rief Maren selig, und nun reichte sie ihm selbst den roten, reinen Mund. »Ach, du, wie ist das schön, was du da sagst. Wie freu ich mich auf den Mutterhof! Wie hab ich eine Mutter entbehrt! Das ist kein Vorwurf für Bruder Manne. Aber ein Mädchen braucht Schwester oder Mutter ... Wie will ich deine Mutter ehren! Edlef, ich hab sie jetzt schon lieb, ganz lieb. --«

Manne Wögens klinkte sacht die Tür auf. »Es ist unrecht, mich beim unvernünftigen Vieh zu lassen, während ihr Menschlein hier euch freut ...«

Nun schmiegte sich Maren in seinen Arm.

Dann sahen die Geschwister sich in die Augen. Für Sekundendauer vergaß das Mädchen den Verlobten und ihr Glück. Denn des Bruders Augen waren feucht. Und sein Scherz war weh.

»Maren, mein Sonnenschein ...«

»Bruder Manne, segne uns!«

* * * * *

All die blonden Friesenköpfe saßen wieder um den runden Tisch.

Die Lampe brannte still, und die Ahne erzählte. Onnen und Klein-Karen saßen vor ihr auf niederen Stühlchen und sahen aufmerksam in das lebendige, alte Gesicht.